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Full text of "Wiener Rundschau"

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A R T K S K I t. V -r , , VERITAS 






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Wiener Rundschau 



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BAND n. — NO 13-24. 



WIEN 1897. 



VERLAG DER WIENER RUNDSCHAU. 






CB. RBISSfiJt 4 j^ WBRTHXEB, WIEH. 



INHALTS -VERZEICHNISS. 



« 

« c 



Seite 

Aho, Juhani, Vom Frühling zum Sommer Nr. 14, 538 

Auernheimer, Kaonl^ Ihr letzter Ball « 15, 564 

Aufruf! « 18, 481 

Barrys, Maurice, Die zwei Frauen des Burgers von Brügge . . . « 19, 717 

Basedow, Hans von, Drei Cartons von Sascha Schneider . . . . « 14, 530 

Benzmann, Hans, Der Schwimmer « IS, 611 

Björn son, Bjomstjeme, Der Vater « 15, 561 

Bleibtreu, Carl, Die »Centenarfeier« des Grossten « IS, 708 

« cc « « « tt 19, 733 

« « tt « « « 20, 771 

Was lehrte Jesus? « 22, 843 

Bodman, Emanuel von, Einklang « 13, 495 

« c c Spiel a 15, 578 

« c « Die Menschen « 18, 695 

Bornstein, Dr. Paul, Maurice Maeterlinck « 19, 722 

« « « « « «20, 784 

« « « « « « 21. 808 

Dantes, Aus, »Neuem Leben« « 24, 905 

Dix, Arthur, Die Umwerthung des Schuldbegrifles « 17, 672 

« « Zwischen den Völkern '. « 23, 897 

« « « « « « 24, 936 

Du Frei, Dr. Carl, Die magische Vertiefung der modernen Natur- 
wissenschaft • « 14, 549 

Du Frei, Dr. Carl, Die magische Vertiefung der modernen Natur- 
wissenschaft « 15, 589 

Engel, Fritz, Eine Berliner Theatersaison « 18, 696 

Evers, Franz, Spruch « 13, 495 

« « Himmlische Tage « 15, 572 

Ferrero, Guglielmo, Prof., Das kriegerische Genie « 13, 499 

Ferri, Prof. Enrico, Die Verbrecher in den decorativen Künsten . « 23, 891 

France, Anatole, Gestas « 13, 490 



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A R T K *^ v: . t Nt -r , ^ VERITAS 



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INHALTS- VERZEICHNISS. 



panski» sSrebrne noce« Nr. 13, S. 519; Wassermann, »Die Juden yon Zim- 
dorf« Nr. 19, S. 751; Wedekind, »Die Fürstin Rnssalka« Nr. 20, S. 792; 
Wendriner, »Föhn« Nr. 22, S. 864; »Hormtios trarestitus« Nr. IS, S. 518 ! 
»Die Reden Kaiser Wilhelms n.« Nr. 20, S. 791; »Das Wiener Barreau« 

Nr. 18, S. 714. 

Kunst. 

Edmnnd Hellmer's Marmorbmnnen Nr. 1&, S. 557; Unsere Kunstkritik Nr. 18» 
S. 715; Sccession Nr. 15, S. 559; Slerogt Nr. 24, S. 943. 

Vortiüge. 
Calderon Nr. 15, S. 597 

Diverse Notizen. 

Die Budapester Theaterscandale Nr. 15, S. 600 

Director Emerich ▼. Bukovics Nr. 22, S. 863 

Vincenz Chiaracci — entdeckt Nr. 15, S. 559 



Bd. II. No. 13. 

t 

Wiener 

Rundschau. 



15. MAI 1897. 

AMfpvf. 

Der Lehpep ANTON T8CHECH0FF 

Wasaepfahpt A. SAMAIH 

Gestas ANATOLE FRANCE 

Einklang EMANUEL v. BODMAN 

Spruch FRANZ EVERS 

Künstler nnd Publicnm OSCAR WILDE 

Da« kpiegepiache Genie X Prof. GÜGLIELMO FERRERO 

Gegen die Emancipation des . 

Weibes Dr. PAUL WEISENGRUN 

Oep Gegenwaitsschauspielep KARL KRAUS 

Kpitik. 



Epsoheint am I. Hnd IS. eines jeden Monate. 

HERAUSGEBERi RUDOLF STRAUSS. 



I 

WIEN, Vlll/i. GEORGSGASSE Ho. 4. 
Leinzia. Wilhelm Onetz. 



Die 



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Wiener /Rundschau 



ii 



(Herausgeber RUDOLF STRAUSS) 

Bedaotton'nnd Adndnistratloii: WXBV, VUX/i. OEOBOSOABSE 4 

beginnt mit Nr. 13 (vom 15. Mai 1897) ein neues Quartal. 

Bestellungen und Abonnements- Aufträge übernelimen sämmt- 
liche Buchhandlungen des In- und Auslandes, sowie die unter- 
zeichnete Administration. 

ABONNEMENTSPREIS : 

Vierteljlhplioh 

2 Gulden für Oesterrelch-Ungarn, | 6 Francs für die Lfinder des Welt- 
4 Mark „ Deutschland, postverelnes. 

Administration der „Wiener Rundschau'' 

Wien, VZIZ/i. OeorgagrasBe 4. 



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An unsere P. T. Abonnenten! . 

Wir ersuchen unsere P. T. Abonnenten, welche 
die Nachsendung unserer Zeitschrift in die Sommer- 
frische wünschen, um gef. rechtzeitige Bekanntgabe 
der Adresse, unter welcher das Blatt während der 
Sommermonate verschickt werden soll. 

Hochachtungsvoll 

Die Ädmiiiistration der „Wiener Rondsciiaa" 

Wien, Vin/i. Georgsgasse 4. 



SS" 








Preis fl. 1.-. 



Czerny's ^ofenmttAf :&!■£ Schönheit, -sm« 

ANTON J. CZERNY, WIEN, S™, <;"■;. lÄiÄSSj 

Zusen.liing auch per Postnachnahme. Prospeote gratis UM f -pO. OepOtt in Apothokcn und Parfumcrien. 






^iener J{undschau. 



I 



15. HAI 1897. 



AUFRUF! 

Der Dichter Detlev v. Liliencron begeht nächstens seinen 
54. Geburtstag, ohne dass es ihm bis jetzt gelungen ist, sich durch 
seine Schriften ein ihrer Bedeutung angemessenes, sorgenfreies Dasein 
zu verschaffen. Die unterzeichneten Künstler und Kunstfreunde, deren 
Blick sich auf das Lichtvolle dieser Erscheinung richtet, halten es fUr 
eine Ehrenpflicht Deutschlands, einem Dichter, der wie kaum ein 
anderer deutsche Lebenslust und Thatkraft in seinen Werken ver- 
körpert hat, ein verbittertes Alter zu ersparen. Es ergeht hiemit der 
AuÖTif, allgemein nach bestem Veimögen daau beizusteuern, dass 
ihm (in Form einer Leibrente oder sonstwie) seine stete wirthschaft- 
hche Sorge abgenommen und sein ferneres Schaffen erleichtert weiden 
kann. Zar Entgegennahme von Beiträgen ist die Geschäftsstelle des 
mitunterzei ebneten Herrn Consuls Auerbach (Berlin W., Tauben- 
strasse 20) bereit; die Einzahlungen wolle man mit der Bemerkung 
»für die Liliencron-Stiftung« versehen. Nach Schluss der Samm- 
lung, spätestens am 1. October d. J., wird an alle Beitraggeber als 
Quittung eine alphabetische Namensliste (auf Wunsch nur mit Nennung 
der Anfangsbuchstaben) nebst beigednickter Angabe der einzelnen 
Beträge versandt, zugleich auch über die Verwendungsalt der ganzen 
Summe berichtet werden. 

I.. Auerbach, Hermann Bahr, Wilhelm Bode, E. Freih.' v. Boden- 
hausen, A, Bdcklin, R. Dehmel, Marie v. Ebner-Eschenbach, 
Th. Fontane, E. M. Geyger, Klaus Groth, Gerhart Hauptmann, 
K. V. d. Heydt, G. Hirth, H. Graf v. Kessler, M. Klinger, 
A. Lichtwark, Max Liebermann, Rud. Maisou, A. A. Oberländer) 
Wilh. Raabe, Emanuel Reicher, W. v. Seidlitz, Richard Strauss, 
Hans Thoma, F. v. Uhde. 



DER LEHRER. 

Novelle von ANTON TSCHECHOFF (Petersburg). 

Uebersetzt von J. W, 

L 

Man hörte das Stampfen von Pferdehufen auf Bretterboden; 
zuerst wurde der Rappe »Graf Nulin« aus dem Stalle herausgeführt, 
dann der weisse »Riese«, dann seine Schwester »Maika« . . , Das waren 
lauter vorzügliche, theuere Pferde. Der alte Schelestofif sattelte den 
»Riesen« und sagte, indem er sich an seine Tochter Mascha wandte: 
»Nun, Maria Godfrua, komm, setze dich. Hopp la!« 

Mascha Schelestofif war die Allerjüngste in der Familie; sie war 
schon 18 Jahre alt, man war aber in der Familie noch immer ge- 
wohnt, sie als die Kleine zu betrachten, und darum wurde sie von 
Allen Mania und Manioussia genannt, und nachdem sich einmal in der 
Stadt ein Circus aufgehalten hatte, den sie eifrig besuchte, begann man 
sie Maria Godfrua zu nennen. 

»Hopp lal« rief sie aus, den »Riesen« besteigend. 

Ihre Schwester Warja setzte sich auf »Maika«, Nikitin auf den 
»Graf Nulin«, die Officiere auf ihre eigenen Pferde, und die lange, schöne 
Cavalcade zog so im Schritt zum Hofe hinaus, während die weissen 
Officiersröcke und die schwarzen Reitkleider bunt durcheinander 
schimmerten. 

Nikitin bemerkte, dass Manioussa, als man die Pferde bestieg, 
und dann als man auf die Strasse hinausritt, aus irgend einem Grunde 
nur ihn allein beachtete. Sie sah ihn und sein Thier besorgt an und 
sagte : »Halten Sie die Zügel immer straflf, Sergei Wassiliewitsch. Lassen 
Sie ihn nicht scheu werden. Er stellt sich nur so.« 

Und sei es, dass ihr »Riese« mit dem »Graf Nulin« sehr be- 
freundet war, oder geschah es zufallig, Manioussia ritt, wie auch 
gestern und vorgestern, die ganze Zeit neben Nikitin. £r sah ihren 
kleinen, schlanken Körper auf dem weissen, stolzen Thiere, ihr feines 
Profil, den Cylinder, der ihr gar nicht zu Gesichte stand und sie 
älter machte, als sie war, sah es mit Freude, mit Rührung und Ent- 
zücken, hörte ihr zu, verstand nur wenig davon und dachte: 

»Ich gebe mir mein Ehrenwort, ich schwöre bei Gott, ich werde 
nicht schüchtern sein und will mich ihr noch heute erklären . . . « 

Es war gegen sieben Uhr Abends, die Zeit, wo die weissen 
Akazien und der Flieder so stark duften, dass die Luft und die 
Bäume selbst vom eigenen Dufte zu erstarren scheinen. Schon spielte 
im Stadtpark die Musik. Die Pferde stampften laut über das Pflaster; 



DER LEHRER. 483 

von allen Seiten hörte man Lachen, Sprechen und das Zuschlagen von 
Gartenthüren. . . 

Die vorübergehenden Soldaten salutirten den Ofiicieren, die 
Gymnasiasten grüssten Nikitin, und offenbar war der Anblick der Ca- 
valcade all diesen zur Musik eilenden Spaziergängern höchst sym- 
pathisch. 

Man war schon ausserhalb der Stadt und ritt im Trab längs 
der grossen Strasse . . . Hier duftete es noch mehr nach Akazien und 
Flieder, man hörte keine Musik, dafür spürte man den Feldgeruch, es 
grünte der junge Roggen und Weizen, die Feldmäuse quiekten und 
die Dohlen krähten. Wohin man auch blickte, überall war es grün, 
nur hie und da schimmerten die schwarzen Melonenfelder, und weit 
links vom Friedhof aus erstreckte sich weissleuchtend ein Strich ver- 
blühender Apfelbäume. 

Man kam an den Schlachthäusern vorbei, dann an einer Bier- 
brauerei, überholte eine Musikcapelle, die in einen Vorstadtgarten eilte. 

»Poliansky hat ein sehr schönes Pferd, ich bestreite es nicht,« sagte 
Manioussia zu Nikitin, mit den Augen den Officier bezeichnend, der 
neben Marja ritt. »Aber es ist ein ausgemustertes. Dieser weisse Fleck 
am linken Fuss ist schon gar nicht am Platze. Sehen Sie doch, wie 
es den Kopf zurückwirft. Jetzt kann man's dem Thiere nicht mehr 
abgewöhnen, das wird den Kopf zurückwerfen, bis es hin ist.« 

Manioussia war eine ebenso leidenschaftliche Pferdeliebhaberin 
wie ihr Vater, Sie litt, wenn sie bei Jemand ein schönes Pferd sah, 
imd war froh, an fremden Pferden Fehler zu entdecken. Nikitin aber 
verstand von diesen Sachen nichts, ihm war es einerlei, das Pferd am 
Zügel oder Mundstück laufen zu lassen, im Galopp oder Trab zu 
reiten; er fühlte bloss, dass seine Haltung unnatürlich und gezwungen 
war, und dass deshalb die Officiere, die so gut im Sattel sassen, 
Manioussia mehr gefallen müssten als er; darum war er auf die Officiere 
eifersüchtig. 

Als man am Vorstadtgarten vorbeiritt, schlug Jemand von der 
Gesellschaft vor^ da einzukehren und Sodawasser zu trinken. Man 
kehrte ein. Im Garten wuchsen nur Eichen, die erst unlängst auszu- 
schlagen anfingen, so dass man jetzt durch das junge Laub den ganzen 
Garten übersah mit dem Musikpodium, mit den Tischchen, der 
Schaukel und all den Ratennestem, die sich wie grosse Mützen 
machten. Die Reiter und ihre Damen setzten sich an ein Tischchen 
und bestellten Sodawasser. Ein paar Bekannte, die im Garten spazierten, 
kamen auf sie zu. Auch ein Militärarzt in Reitstiefeln und der Capell- 
meister, der auf seine Musikanten wartete, sprachen sie an. Wahr- 
scheinlich hielt der Doctor Nikitin für einen Studenten, denn er 
fragte ihn: 

»Sie sind wohl über die Ferien da?« 

»Nein, ich wohne dauernd hier...« antwortete Nikitin, »ich bin 
Lehrer am Gymnasium. 

37^ 



484 TSCHECHOFF. 

»Wirklich?« verwunderte sich der Doctor, »so juog uod unter* 
richten schon?« 

»Wieso denn jung? 26 Jahre. • . Gott sei Dankl« 

»Sie haben zwar einen Bart, doch könnte man Ihnen nicht mehr 
als 22 — 23 Jahre geben. Wie jugendlich Sie aussehen!« 

»Zum Teufel noch einmall« dachte Nikitiu, »auch der hält mich 
für einen grünen Jungen I« 

Er hörte es sehr ungern, wenn man von seiner Jugend sprach, 
besonders in Anwesenheit von Damen oder Gymnasiasten. Seitdem er 
in diese Stadt gekommen war und seinen Posten angetreten hatte, 
begann er dieses jugendliche Aussehn zu hassen. Die Gymnasiasten 
fürchteten ihn nicht, die Alten naimten ihn »junger Mann«, die Damen 
zogen es vor, mit ihm zu tanzen, als seine langen Betrachtungen anzuhören. 
Er hätte viel darum gegeben, jetzt um zehn Jahre älter zu sein. 

Aus dem Garten ritt man weiter zur Meierei der Schelestoff. 
Hier machte man vor dem Thore Halt, liess die Verwaltersfrau 
Praskowja rufen und verlangte frisch gemolkene Milch. Die Milch trank 
Niemand, Alle schauten einander an, lachten und kehrten um. Als sie 
nach Hause ritten, spielte im Garten die Musik, die Sonne war schon 
hinter dem Friedhof untergegangen und die Hälfte des Himmels in 
Purpur getaucht 

Manioussia ritt wieder neben Nikitin ... Er wollte davon sprechen, 
wie heiss er sie liebe, aber er fürchtete, die Officiere und Warja 
könnten ihn hören, und schwieg. Manioussia schwieg ebenfalls, und er 
ahnte, warum sie jetzt stumm an seiner Seite ritt, und war so glück- 
lich, dass die Erde, der Himmel, die Stadtlichter, der Umriss der Bier- 
brauerei, dass Alles das in seinen Augen in etwas Wunderbares und 
Zärtliches verschmolz, und dass es ihm schien, sein »Graf Nulin« reite 
in die Luft und wolle den Himmel erklimmen. 

Man kam nach Hause . . . Auf dem Tische im Garten kochte 
schon der Samovar, und an dem einen Ende sass mit seinen Collegen, 
Beamten vom Landesgericht, der alte Schelestoff und zog wie gewöhnlich 
gegen etwas los. 

»Das ist eine Gemeinheit I« sagte er. »Eine Gemeinheit, sonst 
nichts. Jawohl, eine Gemeinheit.« 

Seitdem Nikitin in Manioussia verliebt war, gefiel ihm bei Schele- 
stoff Alles: das Haus, der Garten, der Abendthee, die geflochtenen 
Strohsessel, die alte Kinderfrau Njanja, selbst das Wort »Gemeinheit«, 
das der Alte so oh gebrauchte. Nur die zahllosen Katzen und Hunde 
und auch die egyptischen Tauben, die in einem grossen Bauer auf der 
Veranda wehmüthig stöhnten, behagten ihm nicht. Es gab hier so viele 
Hof- und Zimmerhunde, dass Nikitin während der Zeit seiner Bekannt- 
schaft mit Schelestoff bloss zwei erkennen lernte: »Mouschka« und 
»Som«. »Mouschka« war eine kleine, haarende, boshafte und ver- 
wöhnte Hündin mit zottiger Schnauze. Sie konnte Nikitin nicht 
vertragen; jedesmal, wenn sie ihn sah, neigte sie den Kopf zur Seite, 
fletschte die Zähne und begann zu knurren. 



DER LEHRER. 485 

Dann setzte sie sich unter den Sessel. Wenn man sie von dort 
verjagen wolltCi fing sie schrill zu bellen an, und die Gastgeber 
sagten : 

»Fürchten Sie sich nicht, »Mouschko« beisst nicht . . . Sie ist ein 
gutes Thierchen . . .« 

»Som« war ein riesengrosser schwarzer Hund mit langen Beinen 
und einSm Schwanz, der hart wie ein Stock war. Bei Mittag und beim 
Abendthee ging er gewöhnlich stillschweigend unter dem Tisch spazieren 
und klopfte mit dem Schweif über die Stiefel und Füsse des Tisches. 
Er war ein guter, dummer Köter, aber Nikitin konnte ihn wegen seiner 
Gewohnheit, die Schnauze den Speisenden auf die Knie zu legen und 
die Hosen mit dem Speichel zu beschmutzen, nicht leiden. Nikitin 
hatte schon mehr als einmal versucht, mit dem Messergriff auf seine 
grosse Stirn zu schlagen, ihm Nasenstüber zu geben ; er schimpfte und 
beklagte sich, aber nichts rettete seine Beinkleider vor Flecken. 

Nach dem Spazierritt schmeckte Allen Thee, Eingesottenes, Zwie- 
back und Butter ausserordentlich gut. Das erste Glas Thee trank Jeder 
schweigend, mit grossem Appetit, vor dem zweiten begann man zu 
streiten. Die Debatten bei Tische wurden immer von Warja provocirt. 
Sie war schon 23 Jahre alt, hübsch, schöner als Manioussia, galt für 
die Klügste und Gebildetste im Hause und benahm sich würdevoll und 
streng, wie es sich einer älteren Tochter ziemt, die im Hause den 
Platz der verstorbenen Mutter einnimmt. Als Hausfrau ging sie vor 
Gästen in einer Blouse herum, nannte die Officiere beim Familiennamen, 
betrachtete Manioussia als ein kleines Mädchen und sprach zu ihr im 
Tone einer Classenaufseherin. Da sie sich eine alte Jungfer nannte, war 
sie überzeugt, bald zu heiraten. 

Jedes Gespräch, selbst vom Wetter, verwandelte sie in eine 
Debatte. Sie hatte die Leidenschaft, Jeden beim Wort zu nehmen, 
Widerspruch zu entdecken, an jedem Satz etwas zu bemäkeln. Sobald 
man mit ihr über etwas zu reden begann, sah sie einen scharf an und 
unterbrach plötzlich: 

»Erlauben Sie mal, erlauben Sie, Petroff: vorgestern sagten Sie 
etwas ganz Anderes I« 

Oder sie lächelte ironisch und sagte : »Ich bemerke eben, Sie be- 
ginnen die Principien der »dritten Abtheilung« zu predigen . . . Ich 
gratulire.« 

Wenn man einen Witz oder einen Kalauer machte, hörte man 
sofort ihre Stimme: »Das ist altl« oder »Das ist banal 1« War ein 
Officier der Thäter, so schnitt sie eine verächtliche Grimasse und knarrte: 
»Militärrrwitzl« 

Dieses »rrr« kam so eindringlich heraus, dass »Mouschko« unter 
dem Sessel erwiderte: »Rrmgarr.« 

Diesmal entspann sich die Debatte, als Nikitin von den Gymnasial- 
prüfungen zu sprechen begann. 

»Erlauben Sie, Sergei Wassiliewitsch,« unterbrach ihn Warja, »Sie 
sagen, die Schüler haben es schwer . . . Und wer ist daran schuld. 



486 TSCHECHOFF. 

mit Verlaub zu fragen? Sie haben zum Beispiel in der achten Classe 
einen Aufsatz über das Thema »Pouschkin als Psychologe« aufgegeben. 
Erstens darf man nicht so schwere Themata aufgeben, zweitens, was 
ist der Pouschkin für ein Psychologe? Schtschedrin oder sagen wir 
Dostojewsky — jal — aber Pouschkin — neini Das ist ein grosser 
Poet, sonst nichts . . .« 

»Schtschedrin ist etwas und Pouschkin ist etwas,« antwortete 
Nikitin mürrisch. 

»Ich weiss, dass man Schtschedrin bei euch im G3rmnasium nicht 
anerkennt, aber davon spreche ich nicht. Sagen Sie mir nur, bitte, was 
ist denn Pouschkin für ein Psychologe?« 

»Nun, vielleicht nicht? Bitte, ich werde Ihnen Beispiele anfuhren.« 

Nikitin declamirte einige Stellen aus »Onjagin«, dann aus »Boris 
Godunow«. 

»Ich sehe da keine Psychologie . . .« seufzte Warja, »Psychologe 
ist der, der die Regungen der menschlichen Seele darstellt; das aber 
sind wunderschöne Verse, sonst nichts . . .« 

»Ich weiss, was für eine Psychologie Sie haben wollen,« sagte 
Nikitin beleidigt, »Sie wollen, dass man mir mit einer stumpfen Säge 
den Finger sägt, dass ich dabei aus vollem Halse schreie — das ist 
dann nach Ihrer Meinung Psychologie.« 

»Das ist ein fauler Witzl Aber warum Pouschkin Psychologe ist, 
haben sie mir damit nicht bewiesen.« 

Wenn Nikitin etwas zu bestreiten hatte, was ihm als Gemeinplatz, 
Bomirtheit oder Aehnliches erschien, sprang er gewöhnlich vom Platze 
auf, fasste sich mit beiden Händen am Kopf und begann stöhnend im 
Zimmer umherzulaufen. Auch jetzt sprang er empor, griff nach der 
Stime und ging stöhnend um den Tisch herum, um sich abseits 
zu setzen. 

Die Officiere nahmen sich seiner an. Hauptmann Poljansky ver- 
sicherte Warja, Pouschkin sei in der That ein Psychologe, und führte 
zum Beweise zwei Verse Lermontoffs an; Lieutenant Gernett sagte, 
wenn Pouschkin nicht Psychologe wäre, so hätte man ihm in Moskau 
kein Denkmal errichtet. 

»Das ist eine Gemeinheit!« hörte man's plötzlich vom anderen 
Ende des Tisches her, »so hab' ich es auch dem Gouverneur gesagt: 
Elxcellenz, das ist eine Gemeinheit I« 

»Ich streite nicht mehr!« rief Nikitin, »das wird ja kein Ende 
nehmen 1 Basta 1 — Ah, so scheer' dich zum Teufel, ekelhafter Hund 1« 
schrie er »Som« an, welcher ihm Kopf und Pfote auf die Knie 
gelegt hatte. 

«Rrr — nga — ^nga — rrrr!« klang es unter dem Sessel hervor. 

»Gestehen Sie, dass Sie im Unrecht sind!« rief Warja, »ge- 
stehen Sie'sl« 

Es kamen Damen zu Besuch, und die Debatte hörte auf. Alle 
begaben sich in den Salon. Warja setzte sich ans Ciavier und spielte 
Tänze. Man tanzte Walzer, dann Polka, dann eine Quadrille mit grand- 



DER LEHRER. 487 

rond, wobei Haoptmann Poljansky die Paare durch alle Zimmer 
Promenade machen Hess, dann tanzte man wieder Walzer« 

Die Alten sassen während des Tanzes im Salon, rauchten und 
sahen die Jugend an. Unter ihnen war auch Schebaldin, Director der 
städtischen Creditanstalt, der wegen seiner Vorliebe für Literatur und 
Theater bekannt war. Er gründete den »Musikalisch-dramatischen 
Cercle« und nahm an den Vorstellungen selbst theil, wobei er 
aus unbekannten Gründen nur komische Bedientenrollen gab. Man 
nannte ihn in der Stadt eine Mumie, weil er sehr gross, sehr hager 
und sehnig war, einen stets feierlichen Gesichtsausdruck und glanzlose, 
unbewegliche Augen hatte. 

Das Theater liebte er so sehr, dass er sogar Bart und Schnurr- 
bart rasirte, was ihn einer Mumie noch ähnlicher machte. 

Nach dem grand-rond kam er zögernd von der Seite auf Nikitin 
zu, hüstelte und sagte: 

»Ich hatte das Vergnügen, während Ihrer Debatte am Tische an- 
wesend zu sein. Ich theile Ihre Meinung vollkommen. Wir sind Ver- 
bündete, und es wäre mir sehr angenehm, mit Ihnen zu sprechen. Sie 
haben doch die »Hamburger Dramaturgiet von Lessing gelesen?« 

»Nein, ich habe sie nicht gelesen.« 

Schebaldin war entsetzt und wehrte sogar mit den Händen ab, 
als ob er sich die Finger verbrannt hätte, und wich zurück, ohne ein 
Wort zu sagen. Zwar kamen Schebaldin's Figur, seine Frage und sein 
Erstaunen Nikitin komisch vor, doch gleichwohl dachte er: 

»Es ist wirklich nicht recht. Ich bin Lehrer der Literaturgeschichte 
und habe Lessing nicht gelesen. Na, ich werde es thun.« 

Vor dem Nachtmahl setzten sich Alle, Jung und Alt, um »Schicksal« 
zu spielen. Man nahm zwei Kartenspiele; eines wurde vertheilt, das 
andere auf den Tisch gelegt. 

»Wer diese Karte in den Händen hat,« begann der alte Schelestoff 
feierlich, indem er die oberste Karte des zweiten Spieles nahm, »dessen 
Schicksal ist — sofort ins Kinderzimmer zu gehen und die Njanja zu 
küssen.« 

Das Vergnügen, Njanja zu küssen, fiel Schebaldin zu. 

Alle umringten ihn, führten ihn unter Lachen und Händeklatschen 
ins Kinderzimmer und zwangen ihn, Njanja zu küssen. 

»Nicht so leidenschaftlich,« schrie Schelestoff, vor Lachen weinend, 
»nicht so leidenschaftlich!« 

Nikitin's Schicksal war, »Beichtvater« zu sein. Er setzte sich in 
der Mitte des Zimmers auf einen Sessel. 

Man brachte einen Shawl und bedeckte Nikitin ganz. Als erste 
kam Warja zur Beichte. 

»Ich kenne Ihre Sünden,« begann Nikitin und sah im Halbdunkel 
ihr strenges Profil an, »sagen Sie mal, gnädigstes Fräulein, warum 
spazieren Sie denn jeden Tag mit Poljansky ? Ah, »nicht umsonst, nicht 
umsonst geh'n Sie mit einem Husaren«!« 

»Fauler Witz,« sagte Warja und ging fort. 



488 TSCHECHOFF. 

Dann erglänzten unter dem Shawl grosse, unbewegliche Augen, 
ein liebes Profil zeichnete sich im Dunkel ab und Nikitin spürte den 
Hauch von etwas Theuerem, längst Bekanntem, das ihn an Manioussia's 
kleine Mädchenstube erinnerte. 

»Maria Godfrua,« sagte er und erkannte seine Stimme nicht 
wieder: so weich und zärtlich war sie, »was für Sünden haben Sie?t 

Manioussia kniJOf die Augen zusammen, zeigte ihm die Zungen- 
spitze, lachte auf und ging fort. Im nächsten Augenblick stand sie 
schon mitten im Zimmer, klatschte in die Hände und rief: 

»Zu Tische, zu Tische, zu Tische!« 

Und Alle drängten sich nach dem Speisezimmer. 
» Beim Nachtmahl debattirte Warja wieder, diesmal mit dem Vater. 

Poljansky sprach den Speisen tüchtig zu, trank Rothwein und erzählte 
Nikitin, wie er einst im Kriege eine ganze Wintemacht hindurch bis 
zu den Knien im Schmutze verbringen musste; der Feind war nah, 
das Rauchen und Sprechen verboten, der Wind durchdringend, die 
Nacht kalt und stockfinster . . . Nikitin hörte zu und warf Seitenblicke 
auf Manioussia. Sie sah ihn unverwandt, ohne zu blinzeln, an, als wäre 
sie in Gedanken oder in Träume versunken . . . Ihm war das angenehm 
und doch auch peinlich. 

»Warum schaut sie mich so an?« quälte er sich, »das ist un- 
schicklich. Man wird es bemerken . . . Ach, wie jung und naiv sie 
noch ist!« 

Gegen Mittemacht ging man auseinander. Als Nikitin zum Thor 
hinausging, öffnete sich ein Fenster im zweiten Stock und Manioussia 
erschien darin. 

»Sergei Wassiliewitsch!« rief sie ihn an. 

»Was denn?« 

»Ich wollte Ihnen sagen...« begann Manioussia, sichtbar nach 
Worten suchend. »Ja. . . Poljansky versprach, dieser Tage mit seinem 
Apparat zu kommen und uns Alle zu photographiren. Man müsste sich 
versammeln.« 

»Gut.« 

Manioussia verschwand, das Fenster wurde zugeschlagen, und 
sofort begann Jemand im Hause Ciavier zu spielen. 

»Ist das ein Haus!« dachte Nikitin, als er quer über die Strasse 
ging. »Ein Haus, wo höchstens die egyptischen Tauben stöhnen, aber 
diese auch nur darum, weil sie ihre Freude nicht anders ausdrücken 
können !« 

Uebrigens war man nicht nur bei Schelestoflf lustig. Nikitin war 
kaum zweihundert Schritte gegangen, als er auch in einem anderen 
Hause Ciavier spielen hörte. Noch ein wenig weiter sah Nikitin an 
einem Thore einen Bauer Balalaika^) spielen. Im Garten setzte das 
Orchester mit einem Potpourri aus russischen Liedern ein. 

^) Dreisaitige Zither. 

(Schluss folgt.) 



WASSERFAHRT. 

In Birken und Linden ein silbern Schimmern . . . 
Die Wellen, die weissen, im Mondlicht flimmern . . 

Wie langes Haar, umkost vom Abendwind, 

So liegt der See, in lichte Nebel lind 

Gehüllt, und Spiegeln gleich die tiefen Wasser sind. 

Mit sanftem Ruderschlag mein Kahn 
Gleitet auf dunkler Traumesbahn. 

Er gleitet in unendliche Feme, 
Ueber die Himmel, über die Sterne. 

Die Ruder tauchen auf und nieder 
Und singen Friedensehnsuchtslieder. 

Das Aug geschlossen, all mein Sehnen, 
In dieser Müde hör ich's verklingen. 
In langgezognen, weichen Tonen. 

Am Hügel lehnt der Mond und sieht in Schweigen 
Mein schwebend Boot sich wiegen und sich neigen . . . 
Drei Lilien mir ihr sterbend Antlitz zeigen. 

Ist's ihre Seel, du bleich wollüstige Stund? 
Ist's meine, die verhaucht an deinem Mund? 

Silbernächtges Haar, umspielt von wiegendem Schilf. . . 

Wie das Mondlicht im See, 

Wie der Lilien Schnee, 

Durch meine Seele zieht das alte Weh . . . 

Paris. A. SaMAIN. 



G E S T A S. 

Von ANATOLE France ') (Paris). 

Gestas, dizt li Signor, entrez cd paradis. 

«Qefitaa, dana dob anclens myst&rea 
c'eat le nom da larron cmciflö 
i La droite de Jeans-Chribt.« 

{Augustin Ihierry^ la Ridemptton de Larmor.) 

Es geht die Mär, es lebe in unseren Tagen ein schlechter Kerl, 
Gestas genannt, der macht die süssesten Lieder der Welt. In seinem 
plattnasigen Gesicht war geschrieben, dass er ein Sünder des Fleisches 
sein werde. Kommt der Abend, so leuchten in seinen grünlichen Augen 
die schlechten Lüste. Er ist kein Knabe mehr. Die Knollen an seinem 
Schädel haben Kupferglanz angenommen, graugrüne Strähne hängen ihm 
in den Nacken. Und doch ist er harmlos und hat sich den Kinder- 
glauben bewahrt. Ist er nicht im Spital, so haust er in irgend einer 
Gasthofkammer zwischen Pantheon und botanischem Garten. 

Hier, im alten armen Viertel, grüsst ihn jeder Stein, die finsteren 
Gässchen nehmen ihn liebreich auf; eines dieser Gässchen ist so recht 
nach seinem Herzen; denn gesäumt von Schenken und Spelunken, hat 
es im Winkel eines Hauses hinter Gitterstäben eine Mutter Gottes in 
blauer Nische. Abends pilgert er von Wirthschaft zu Wirthschaft und 
hält seine Bier- und Branntweinstationen in einer ganz bestimmten 
Ordnung: die grosse Arbeit der Ausschweifung verlangt Methode und 
Regelmässigkeit. 

In vorgerückter Nachtstunde kehrt er in sein Loch zurück, ohne 
recht zu wissen wie, und durch ein täglich sich wiederholendes Wunder 
findet er sein Gurtbett wieder, auf das er angekleidet hinfallt. Dort 
schläft er mit geballten Fäusten den Schlaf der Landstreicher und der 
Kinder. 

Aber dieser Schlaf ist kurz. 

Kaum erhellt der Morgen die Fenster und schleudert seine 
leuchtenden Pfeile durch die Vorhänge der Kammer, so öfl&iet Gestas 
die Augen, erhebt sich, schüttelt sich wie ein herrenloser Hund, den 
ein Fusstritt erweckt, steigt die langgewundene Stiege eiligst hinab 
und begrüsst mit Wonne die Strasse, die gute Strasse, die gegen die 
Laster der Armen und Niedrigen so milde ist. 

Mit halbgeschlossenen Lidern blinzelt er den feinen Strahlen des 
Tages entgegen, seine Süens-Nüstern blähen sich in der Morgenluft. 

Stämmig und aufrecht, das Bein von seiner alten Gicht steif noch, 
schreitet er aus und stützt sich auf seinen Hartriegelstock, dessen 

^) Unsere Leser werden woM sofort erkennen, dass Anatole France in 
Gestas — Fanl Verlaine zu zeichnen suchte. 



GESTAS. 491 

Zwinge er in zwanzigjährigem Herumstreichen abgenützt hat. Denn 
Stock und Pfeife hat er bei seinen nächtlichen Abenteuern nie ver- 
loren. Jetzt sieht er sehr gut und sehr glücklich aus. Und er ist es 
auch wirklich. Seine grösste, mit seinem Schlaf erkaufte Freude be- 
steht darin, Frühmorgens mit den Arbeitern in den Schenken den Weiss- 
wein zu trinken* Der lichte Wein, bei blassem Tagesgrauen, unter den 
weissen Kitteln der Maurer, das sind die arglosen Freuden, die seine 
Seele liebt, seine Seele, die im Laster kindlich blieb. 

Nun geschah's, dass Gestas eines Frühjahrsmorgens von seiner 
Schlafstätte zum »kleinen Mohren« wandelte und in der angenehmsten 
Erwartung die Schwelle betrat, über der ein Blechschild mit einem 
Sarazenkopf angebracht war. Er schritt auf den zinnernen Schanktisch 
zu, an dem er eine Gesellschaft vorfand, die ihm nicht bekannt war. 
Es war ein ganzer Trupp von Arbeitern aus der Loiregegend, die 
mit den Gläsern anstiessen, wenn sie von ihrer Heimat sprachen, und 
Züge thaten wie die zwölf Edlen Carls des Grossen. 

Sie tranken und assen Brotrinde dazu; hatte Einer einen guten 
Einfall, so lachte er recht kräftig darüber und puffte die Genossen in 
den Rücken, damit sie seinen Witz besser verstünden. Und die Freunde 
tranken schweigend weiter. 

Nachdem all die Männer in die Arbeit gegangen, verliess Gestas 
als Letzter den »kleinen Mohren« und begab sich in den »schönen Apfel«, 
dessen lanzengekrönte Gitterthüre ihm wohlbekannt war. 

Dort trank er wieder in guter Gesellschaft und bot sogar zwei 
Schutzleuten, misstrauischen, sanftmüthigen Männern, ein Glas an. 

Dann kehrte er in einer dritten Schenke ein, deren alterthüm- 
liches schmiedeisernes Schild zwei kleine Männer darstellte, die eine 
riesige Weintraube tragen. Dort wurde er von der schönen Frau 
Trubert bedient, die wegen ihrer Sittsamkeit, Energie und ihres Froh- 
sinns im ganzen Viertel gepriesen war. 

Dann ging es weiter, in die Nähe der Festungswerke, zu den 
Branntweinbrennern, wo man im Schatten die Kupferhähne der Fässer 
leuchten sieht, dann zu den kleinen Krämern, deren Fenster immer 
geschlossen bleiben. 

Hernach wanderte er in die belebten Viertel zurück und liess 
sich in verschiedenen Kaffeehäusern Wermuth und Bitteren geben. Es 
schlug acht Uhr. Sein Gang war sehr aufrecht, gleichmässig, steif und 
feierlich ; er wunderte sich, wenn Frauen, die barhäuptig, die Haare 
im Nacken zusammengedreht, zum Einkauf gingen, ihn mit ihren 
schweren Körben zum Wanken brachten, oder wenn er, ohne zu wollen, 
an ein kleines Mädchen stiess, die mit ihren Armen eben Riesenbrot- 
laib umklammerte. Manchmal, wenn er über die Strasse schritt, ge- 
schah es auch, dass ein Milchwagen, auf dem die Blechkannen surrend 
schwankten, so dicht neben ihm hielt, dass er auf seiner Wange den 
heissen Athem des Pferdes verspürte. Doch ohne Eile schritt er weiter, 
unbekümmert um die verächüichen Flüche des groben Milchmeiers. 



492 FRANCE. 

Sein von seinem Hartriegelstock unterstützter Gang war stolz und ruhig. 
Doch innerlich schwankte der alte Knabe. 

Von seinem morgendlichen Jubel blieb ihm nichts mehr. Die 
Schwalbe, die ihre frohen Triller in ihm geschmettert hatte, war nach 
den ersten Tropfen des bleichen Weines mit schnellem Flügelschlag 
davongezogen, und seine Seele war jetzt ein düsteres Krähengeniste, in 
dem auf schwärzlichen Bäumen die Raben krächzen. Er war zu Tode 
traurig. Ein grosser Ekel vor sich selbst durchschüttelte ihn. Die 
Stimme seiner Reue und seiner Scham schrie ihm zu: »Thier, Thierl 
Du bist ein Thierl« Und er bewunderte diese erzürnte, reine Stimme, 
diese schöne Engelsstimme, die ihm so geheimnissvoll innewohnte und 
die fortwährend schrie : »Thier, Thier I Du bist ein Thier U Ein unend- 
liches Sehnen nach Unschuld und Reinheit überkam ihn. Er weinte, 
grosse Thränen tropften über seinen Ziegenbart. Er weinte über sich 
selbst. Gehorsam dem Worte des Herrn, der gesagt hat: »Weint über 
euch und eure Kinder, Töchter Jerusalems,« spendete er den bitteren 
Thau seiner Augen über sein von den sieben Todsünden geschändetes 
Fleisch, über seine unzüchtigen Träume, die die Trunksucht geboren. 

Der Glaube seiner Kinderjahre belebte sich wieder, entfaltete 
sich frisch und blühend. Von seinen Lippen flössen kindliche Gebete. 
Er sagte ganz leise: »Lieber Gott, lass' mich wieder das kleine Kind 
werden, das ich war.« 

Im Augenblicke, als er diese schlichte Bitte that, befand er sich 
an der Vorhalle einer Kirche. 

Es war eine alte, in ihrem steinernen Spitzenschmucke, den Zeit 
und Menschen zertrümmert hatten, einst lichte und schöne Kirche. 
Jetzt ist sie dunkel geworden wie Sulamit und ihre Schönheit spricht 
nur mehr zum Herzen der Dichter. Es war eine Kirche, ärmlich, »aus 
alter Zeit«, wie die Mutter von Frangois Villon, die einst vielleicht 
hier betete und auf den heute weissgetünchten Mauern jenes Paradies 
erschaute, aus dem sie die Harfen klingen zu hören vermeinte, und 
jene Hölle sah, in der die Verdammten schmorten. Gestas trat in das 
CxOtteshaus. Er erblickte Niemand, nicht einmal Jemand, der das Weih- 
wasser reicht, nicht einmal eine arme Frau, wie die Mutter von 
Fran^ois Villon. Nur die Stühle, die im Schiff in guter Ordnung auf- 
gestellt waren, zeugten vom Pflichteifer der Pfarrkinder und schienen 
das gemeinsame Gebet fortzusetzen. 

Im feuchten, kühlen Schatten, der sich vom Gewölbe herabsenkte, 
wandte sich Gestas nach rechts gegen das Seitenschifif in der Nähe 
der Vorhalle, wo vor der Bildsäule der Muttergottes ein Eisengestell 
seine Spitzen wies, auf denen noch keine geweihte Kerze brannte. Da, 
in der Betrachtung des weiss-, blau- und rosafarbigen Bildnisses, das 
ihm umringt von kleinen goldenen und silbernen Votivherzen entgegen- 
lächelte, beugte er sein altes, steifes Bein, weinte die Thränen des 
heüigen Petrus und hauchte sanfte, unzusammenhängende Worte: 
»Süsse Muttergottes — meine Mutter — Maria — Maria — dein 
Kind — dein Kmd — Mütterlein 1« 



GESTAS. 493 

Aber sehr schnell erhob er sich wieder; nach einigen raschen 
Schritten blieb er vor einem eichenen, von der Zeit gebräunten Beicht- 
stuhl stehen, der das ehrliche, trauliche, heimliche Aussehen eines 
alten Wäscheschrankes hatte. Religiöse Embleme schmückten die Felder 
und Hessen die Bürgerinnen der alten Zeit wieder lebendig werden, 
die zum Gebet hieher gepilgert waren, ihre mit reichen Spitzenborten 
geschmückten Hauben senkten und ihre wirthschaftlichen Seelen in 
diesem symbolischen Betesda wuschen. Wo sie gekniet hatten, kniete 
Gestas nieder, die Lippen am Holzgitter, rief er mit leiser Stimme : 

«Mein Vater, mein Vater It 

Als auf seinen Ruf Niemand Antwort gab, klopfte er leise an 
das Schiebfensterchen. 

»Mein Vater, mein Vater!« 

Er wischte sich die Augen aus, um besser durch die Löcher des 
Gitters zu sehen, und glaubte im Dunkel das weisse Chorhemd eines 
Priesters zu erkennen. 

Er wiederholte: 

»Mein Vater, mein Vater, so hören Sie mich dochl Ich muss 
meine Seele waschen ; sie ist schwarz und schmutzig, sie ekelt mich an, 
es wird mir schlecht vor ihr I Schnell, mein Vater, das Bad der Busse, 
das Bad der Verzeihung, das Bad Jesus I Mir ekelt vor meiner Un- 
sittlichkeit. Das Bad, das Bad!t 

Dann wartete er. Manchmal glaubte er, aus [dem Hintergrunde 
des Beichtstuhles eine Hand winken zu sehen, dann wieder konnte er 
in der Zelle nur den leeren Stuhl entdecken. So wartete er lange, 
unbeweglich, die Knie an die Holzstaffel gepresst, den Blick an das 
Schiebfensterchen gebannt, von wo ihm Alles werden sollte, die Ver- 
zeihung, der Friede, die Labung, das Heil, die Unschuld, die Versöhnung 
mit Gott und mit sich selbst, die himmlische Freude, die Zufriedenheit 
in der Liebe, das höchste Glück. In Zwischenräumen murmelte er seine 
schmeichelnden, inständigen Bitten. 

»Herr Pfarrer, mein Vater, Herr Pfarrer 1 Mich dürstet, geben Sie 
mir zu trmken, midi dürstet so sehrl Lieber Herr Pfarrer, geben Sie 
mir, was Sie haben, klares Wasser, ein weisses Kleid und Flügel fiir 
meine arme Seele. Geben Sie mir Busse und Versöhnung.« 

Als er keine Antwort erhielt, klopfte er stärker an das Gitter 
und rief: 

»Beichten, bitte I« 

Endlich verlor er die Geduld, erhob sich, führte mit seinem Hart- 
riegelstocke starke Schläge an die Wände des Beichtstuhles und brüllte : 

»Heda, Pfarrer! Heda, Vicarl« 

Und im Rufen .schlug er immer stärker drauf los, die Schläge 
fielen wüthend auf den Beichtstuhl, aus dem Staubwolken aufstiegen 
und der auf diese Angriffe mit dem Gestöhne seiner alten, wurm- 
stichigen Bretter erwiderte. 

Der Kirchendiener, der die Sacristei kehrte, eilte bei dem Lärm 
mit aufgestülpten Aermeln herbei Als er den Mann mit dem Stock 



494 FRANCE. 

erblickte, hielt er einen Augenblick inne, dann näherte er sich mit der 
langsamen Vorsicht des im Dienste der demiithigsten Polizei ergrauten 
Dieners. In Hörweite angelangt, fragte er: 

»Was wollen Sie?« 

»Ich will beichten.« 

»Um diese Stunde beichtet man nicht.« 

»Ich will beichten.« 

»Schau'n Sie, dass Sie weiter kommen!« 

»Ich will den Pfarrer sprechen.« 

»Wozu ?« 

»Um zu beichten.« 

»Der Pfarrer ist nicht zu sprechen.« 

»Also den ersten Vicar.« 

»Ist auch nicht zu sprechen. Schau'n Sie, dass sie weiter kommen!« 

»Den zweiten Vicar, den dritten Vicar, den vierten Vicar, den 
letzten Vicar.« 

»Schaun'n Sie, dass Sie weiter kommen!« 

»Oh hol Will man mich ohne Beichte sterben lassen? Das ist 
ja ärger als im Jahre dreiundneunzig ! . , . Einen ganz kleinen Vicar. 
Was geht es Sie an, wenn ich einem ganz kleinen Vicar beichte, einem 
ganz kleinen Vicar, der mir bis an die Schulter reicht. Ruft einen 
Priester herbei, dass er mir die Beichte abnehme. Ich will ihm Sünden 
erzählen, die seltener, aussergewöhnlicher, interessanter sind als alle 
jene, die ihm seine Dummköpfe von Beichtkindern herunterleiern mögen, 
Sie können ihn aufmerksam machen, dass man ihn zu einer feinen 
Beichte braucht.« 

»Schau'n Sie, dass Sie weiter kommen!« 

»Aber hörst du nicht, alter Barrabas ? Ich sage dir, dass ich mich 
mit dem lieben Gott versöhnen will, Kreuzsapperment !« 

Obwohl er nicht die majestätische Statur des Kirchendieners seines 
reichen Sprengeis hatte, war dieser Portier doch kräftig. Er nahm 
unseren Gestas beim Kragen und warf ihn hinaus. 

Gestas, so auf die Strasse gelangt, hatte nur eiaen Gedanken: 
durch eine Seitenthüre wieder in die Kirche zu gelangen, um den 
Kirchendiener hinterrücks zu überraschen und Hand an einen kleinen 
Vicar zu legen, der einwilligen würde, ihm die Beichte abzunehmen. 
Zum Unglück für das Gelingen dieses Planes war die Kirche von alten 
Häusern umgeben, und Gestas verlor sich hoffnungslos in einem un- 
entwirrbaren Labyrinth von Strassen, Gassen und Gässchen. Dort fand 
sich eine Weinstube, wo sich das arme Beichtkind beim Absinth nun trösten 
konnte. Es gelang ihm. Aber bald erwuchs ilim eine neue Reue. Und 
das ist es, was seinen Freunden die Hoffnung verleiht, dass er gerettet 
werden wird. Er hat den schlichten, starken Kinderglauben. Es fehlen 
ihm nur noch die Werke. Doch muss man nicht an ihm verzweifeln, 
da er selbst es auch nicht thut. Gestas, dixt li Signor, entrez en paradis. 

F. R. 



EINKLANG. 

Es war ein Sehnen in mir aufgegangen 
Und ist noch lange, lange glühn geblieben. 
In Femen wollten meine Hände langen, 
Ich sah im Geiste alle meine Lieben. 

Und hohe Felsen warfen letzte Schatten, 
Ein Wasser quoll aus einem erdnen Munde, 
Und weisse Blüthen glänzten auf den Matten, 
Wir sassen da in einer engen Runde. 

Sie waren alle zu mir hergekommen: 

Die frühen Freunde, meine beiden Schwestern, 

Mein Vater, den der Tod mir fortgenommen, 

Und du, mein Weib; es gab kein Heut, kein Gestern. 

Wir hörten unsre Seelen gleich erklingen. 
Sie klangen wie Krystall in blauen Nächten. 
Wie licht die Töne ineinandergingenl 
Dir aber küsste ich die braunen Flechten. 

Es dunkelte. So haben wir umschlungen 
Den Kelch der ewigen Liebe ausgetrunken 
Und sind, von ihrer Süssigkeit durchdrungen, 
Alle in Eins, in Luft, ins All gesunken. 

München. EmANUEL V. BODMAN. 



SPRUCH. 



In schönen Formen lernst da Vieles wissen, 
Versteh nur recht, wie sich die Form gebiert. 
Wo Kraft und Heiterkeit die Flagge hissen. 
Fühlst du berauscht, wie sich der Gram verliert. 

Verstört und zweifelnd sein in Finsternissen, 
Ist nur ein Traum, der aus dem Trüben giert — 
Du aber sollst mit lachendem Gewissen 
Die Schönheit trinken, die dein Leben ziert! 

Berlin. FRANZ EVERS. 



KÜNSTLER UND PUBLICUM. 
Von Oscar Wilde (London). 

Deutsch von G. Adam. 

Ein Kunstwerk ist das originelle Product eines origmellen Cha- 
rakters. Seine Schönheit entspriesst aus dem Umstände^ dass der 
Künstler ist, was er ist. Sie hat mit den Wünschen Anderer nichts zu 
thun. Denn sobald ein Künstler sich um die Wünsche Anderer kümmert 
und ihrem Verlangen Folge leisten will, hört er auf, Künstler zu seiu, 
und wird, je nachdem, ein langweiliger oder unterhaltender Handwerker, 
ein ehrlidier oder unehrlicher Krämer; er kann keinen Anspruch darauf 
erheben, dass man ihn einen Künstler nennt. Kunst ist die ausgeprägteste 
Form des Individualismus, die es gibt. Und ich möchte behaupten, es 
ist die einzig wahrhafte Form des Individualismus, die es je gegeben 
hat. Das Verbrechen, welches unter gewissen Bedingungen den Schein 
des Individualismus trägt, muss sich nach Anderen richten und ist ab- 
hängig von ihnen. Der Künstler dagegen kann von seinem Eigen allein, 
unbekümmert um seine Umgebung, in völliger Unabhängigkeit ein 
schönes Gebilde schaffen; und wenn er dies nicht ausschliesslich zu 
eigenem Wohlgefallen thut, so ist er überhaupt kein Künstler. 

Die Thatsache nun, dass die Kunst diese ausgesprochene Form 
des Individualismus ist, führt das Publicum dazu, eine Autorität über 
sie ausüben zu wollen, welche ebenso unmoralisch wie lächerlich, ebenso 
verderblich wie verächtlich ist. Dem Publicum ist dafür nicht die volle 
Verantwortimg beizumessen. Stets und zu allen Zeiten hat es eine 
mangelhafte Büdung besessen. Fort und fort stellt es das Verlangen, 
die Künstler sollen volksthümlich, seinem rohen Geschmacke gefallig 
sein, seiner thörichten Eitelkeit schmeicheln, ihm erzählen, was ihm vor 
Zeiten schon erzählt worden, ihm zeigen, wessen sein Auge schon 
überdrüssig sein sollte, es unterhalten, wenn es sich zu satt getafelt, 
seine Gedanken zerstreuen, wenn es des eigenen Stumpfsinns müde 
geworden. Allein die Kunst sollte niemals darnach streben, 
volksthümlich zu sein. Das Publicum sollte suchen, sich 
selbst künstlerisch zu bilden. Dazwischen liegt eine gewaltige 
Kluft. 

Wollte man einem Manne der Wissenschaft sagen, dass die Ergeb- 
nisse seiner Versuche, die Schlüsse, zu denen er gelangt^ derart sein 
müssen, dass sie mit dem gewöhnlich anerkannten Wissen nicht in 
Widerspruch gerathen, keine Vorurtheile der Menge zerstören, nicht die 
Gefühle derer, welche nichts von Wissenschaft verstehen; wollte man 
einem Philosophen sagen, er habe das unbeschränkte Recht, sein 
grübelndes Sinnen in die höchsten Sphären des Geistes zu fuhren, vor- 



KÜNSTLER UND PUBLICUM. 497 

ausgesetzt, dass er zu denselben Schlüssen gelange, welche die Aner- 
kennung derer besitzen, die überhaupt niemals gedacht haben — nun, 
so würden heutzutage der Mann der Wissenschaft und der Philosoph sich 
eines Lächelns nicht erwehren können. Doch liegt die Zeit noch nicht 
gar fem, da Philosophie und Wissenschaft sich einer brutalen, volks- 
thümlichen Controle entrangen, einer Autorität — sei es der Autorität 
der Massenunwissenheit der Gesellschaft oder des Terrorismus und der 
Herrschsucht der Kirche wie der herrschenden Classen. Gewiss haben 
wir uns von jedem Versuche der Gesellschaft, Regierung oder Kirche, 
auf den Individualismus des speculativen Denkens bestimmend zu 
wirken, befreit, aber auf dem Gebiete der Kunst tritt uns dies Streben 
immer noch entgegen, tritt uns entgegen mit herausfordernder und be- 
leidigender Brutalität. 

Das günstigste Schicksal wird den Künsten, an 
denen das Publicum kein Interesse hat. Ein Beispiel bietet 
die Poesie. Ist es einer Nation vergönnt, eine schöne Poesie zu be- 
sitzen, so liegt das daran, dass das Publicum sie nicht liest und folg- 
lich nicht beeinflusst. Das Publicum beleidigt besonders gerne die 
Dichter ; denn sie sind ausgeprägte Persönlichkeiten ; aber wenn es sie 
einmal beleidigt hat, lässt es sie dann in Ruhe. Was den Roman und 
das Drama angeht, Kunstformen, an denen das Publicum Antheil nimmt, 
so ist das Ergebniss der Volksautorität ein durchaus lächerliches. Und 
es muss das nothwendigerweise sein. Das Niveau der Menge ist derart, 
dass kein Künstler sich auf gleiche Stufe damit stellen kann. Es ist zu 
leicht und doch zu schwer zugleich, volksthümlicher Romancier zu sein. 
Es ist zu leicht: denn was das Publicum an Stoff und Form, an 
Seelen- und Lebensschilderung, an Behandlung der Sprache verlangt, 
liegt im Bereich der geringsten Fähigkeiten und der bescheidensten 
geistigen Anlagen; es ist zu schwer, denn um diesen Anforderungen 
zu genügen, müsste der Künstler seinem Temperament Gewalt anthun, 
nicht um der künstlerischen Freude des Schaffens willen, sondern zur 
Unterhaltung einer halbgebildeten Menge schreiben und so seinen Indi- 
vidualismus unterdrücken, seine Bildung vergessen, seinen Styl opfern 
und Alles verrathen, was an ihm werthvoU ist. 

Das grösste Missfallen beim Publicum erregt das Neue. Jeder 
Versuch, das Gebiet der Kunst zu erweitern, ist ihm höchst missliebig; 
und doch hängen Lebenskraft und Fortschritt der Kunst in hohem 
Masse von der beständigen Ausdehnung ihres Gebietes ab. Dem Publicum 
missfällt das Neue, weil es davor erschrickt. Es stellt Air das Volk eine 
Art Individualismus dar, eine Erklärung seitens des Künstlers, dass er 
sich sein eigenes Thema wählt und es behandelt, wie es ihm gefallt. 
Das Publicum hat in seiner Haltung vollkommen Recht Die Kunst ist 
Individualismus, und Individualismus ist eine Kraft, welche hemmend 
und trennend wirkt. Und darin liegt sein ungeheuerer Werth. Denn 
was er zu hemmen, zu stürzen sucht, das ist Einförmigkeit, knechtische 
Gewöhnung, Tyrannei des Brauches und die Erniedrigung des Menschen 
zu einer Masdiine. In der Kunst nimmt das Publicum die Erzeugnisse 

38 



498 WILDE. 

der Vergangenheit an, weil es nichts mehr daran ändern kann, nicht 
weil es sie schätzt. Es verschlingt seine Classiker, ohne auf den Ge« 
schmack zu kommen. Es duldet sie als etwas Unvermeidliches, und da 
es sie nicht aus der Welt schaffen kann, so verfolgt es sie mit seinem 
Lobe. Sonderbarer- oder auch nicht sonderbarerweise richtet seine An- 
erkennung erheblichen Schaden an. That sächlich benützt das 
Publicum die Classiker seines Landes, um den Fort- 
schritt der Kunst zu hemmen. Es würdigt die Classiker zu 
Autoritäten herab. Es bedient sich ihrer als Knüttel, mit dem es den 
freien Ausdruck der Schönheit in neuen Formen zu Boden schlägt. 
Stets wirft es dem Schriftsteller vor, warum er nicht schreibt wie irgend 
ein Anderer, dem Maler, warum er nicht malt wie Andere, und 
vergisst dabei ganz, dass Jene aufhören würden, Künstler zu sein, 
wenn sie etwas derartiges begingen. Ebe neue Art der Schönheit ist 
ihm zuwider, und wenn sie je erscheint, wird es so grimmig und 
verliert die Fassung so, dass es immer nur zwei alberne Ausdrücke 
zur Hand hat: das Kunstwerk ist ganz unverständlich, oder: es 
ist ganz unmoralisch. Was es mit diesen Worten meint, scheint mir 
Folgendes: Wenn es sagt, ein Werk sei ganz unverständlich, so meint 
es damit, dass der Künstler irgend etwas Schönes gesagt oder ge- 
schaffen, das neu ist; bezeichnet es ein Werk als völlig unmoralisch, 
so meint es damit, dass der Künstler irgend etwas Schönes gesagt oder 
geschaffen, das wahr ist. Der erste Ausdruck bezieht sich auf die 
Form, der zweite auf den Inhalt. Aber gewiss benützt es die Worte, 
ohne Wahl und lange Ueberlegung, wie sich ein Pöbelhaufe in der 
Gasse bereitliegender Pflastersteine bedient. Es gibt keinen einzigen 
Romancier oder Dichter dieses Jahrhunderts, dem das 
Publicum nicht feierlichst das Zeugniss der Immoralität 
ausgestellt hätte. Dadurch lässt sich ein Künstler natürlich nicht 
beirren. Der wahre Künstler ist ein Mensch, der durchaus an sich 
glaubt, weil er durchaus er selbst ist. Und ich kann mir wohl vor- 
stellen, dass sich ein Künstler, wenn er ein Werk schuf, das vom 
Publicum sogleich nach seinem Erscheinen durch sein Medium, die 
Presse, als ganz verständlich und hoch moralisch gewerthet wurde, dass 
er sich ernstlich dann die Frage stellt, ob er in seinem Werke wirklich 
nur er selbst gewesen, ob also das Werk nicht seiner ganz imwürdig 
und entweder niederer Art oder überhaupt ohne jeden künstlerischen 
Werth sei. 

Im Ganzen gewinnt der Künstler dadurch, dass er angegriffen 
wird. Sein Individualismus wird gestärkt. Er wird in vollkommenerem 
Masse er selbst. Allerdings sind die Angriffe oft äusserst grob, verächtlich, 
unverschämt. Doch ist es billig, zu erwähnen, dass die modernen Jour- 
nalisten sich privatim stets für das entschuldigen, was sie öffentlich gegen 
einen schrieben. 



DAS KRIEGERISCHE GENIE. 

Von Prof. GUGLIELMO FeRRERO (Turin). 
Aus dem Mannscript übersetzt von Otto Eisenschitz. 

Wir sind gewohnt» die grossen Eroberer als die Verkörperungen 
der glücklichen und siegreichen Grausamkeit zu betrachten; das ist 
aber eine Illusion, denn alle jene Eroberer sind gewaltthätige Melan- 
choliker gewesen, ruhmsüchtige Misanthropen, die von einer fort- 
währenden Reizbarkeit und Ungenügsamkeit gequält waren, unfähig, 
sich für andere Dinge zu interessiren, die ihrem Ehrgeiz nicht ge- 
nügen, und in Folge dessen unausgesetzt gepeinigt durch eine entsetz- 
liche Langweile und durch ein unbefriedigtes Bedürfiiiss nach Er- 
regungen. 

All jene, die eine lebhafte Leidenschaft für den Krieg gehabt 
und ihn mit Leidenschaft gesucht, mehr noch jene, die ihn mit 
Vorbedacht heraufbeschworen haben zu ihrer eigenen Grenugthuung 
und ohne Rücksicht auf die Leiden, die der Krieg ihren Mitmenschen 
verursachte, sind unglückliche Männer gewesen, die von einer unauf- 
hörlichen Schwermuth gequält waren, selbst dann, wenn ihre Gewalt- 
thätigkeiten scheinbar durch alle vergänglichen Annseligkeiten belohnt 
wurden, in denen der Mensch den höchsten Grad menschlicher Grösse 
und Glückseligkeit zu sehen gewohnt ist: Ruhm, Ehren, Reichthümer, 
Macht. 

Sie unternahmen, von der inneren Unruhe getrieben, Kriege, um 
durch heftige Emotionen die düstere Melancholie abzuschütteln, die 
auf ihrer Seele lastete, und um ein wenig ihren unbezähmbaren Ehr- 
geiz zu befriedigen, das einzige Gefühl, aus dem ihnen irgend eine 
moralische Freude erstehen konnte. Aber der Rausch der Ruhmsucht 
der Wahn der Triumphe haben nur kurze Dauer und lassen nachher 
— wie alle heftigen Emotionen — einen Zustand von Entnervtheit 
und Erschlaffung zurück, der schlimmer ist als der Zustand, der 
den Emotionen vorausging. Daraus entsteht dann jener Drang, der so- 
zusagen der Schlussstein der Psychologie aUer grossen Eroberer ist, 
der Drang, immer stärkere Erregungen zu empfinden: ein Bedür&iss, 
das theils durch immer grössere Unternehmungen befriedigt wird, die 
mit masslosen Tollheiten enden, wie beispielsweise der russische Feld- 
zug Napoleons; oder durch künstliche Mittel, die, wie bei Alexander 
dem Grossen, mit Alkoholismus ; oder durch zügellose Ausschweifungen, 
die, wie bei Constantin dem Grossen, mit Gehirnerweichung und Wahn- 
sinn enden. 

Wer in einem Museum die Bildnisse der römischen Kaiser auf- 
merksam betrachtet und den Kopf Marc Aurel's, des philosophischen 

38* 



500 FERRERO. 

Kaisers, mit jenem Septimius Severus', des furchtbaren Abenteurers, 
vergleicht (den man den Napoleon des Alterthums nennen könnte), 
kann neben dem Bilde der heiteren inneren Friedlichkeit und Seelen- 
ruhe jenes des inneren nagenden Zornes und Schmerzes sehen. Welche 
Gemüthsruhe und behagliche Glückseligkeit erstrahlt in den Gesichts- 
zügen des Philosophen, und welche heftige und schmerzliche Spannung 
liegt in dem Gesichtsausdruck des Kriegers, der doch einer der 
grössten Günstlinge des Sieges und des Glückes war! Auch Attila, die 
Geissei Gottes, war ein furchtbarer Melancholiker, dessen Seele stets 
müde Langweile oder fieberhafte Erregtheit athmete, der die Andern 
peinigte, um sich selbst in den gewaltsamen Wollüsten der Zerstörung 
zu betäuben und seine eigene Selbstpeinigung ein wenig zu vergessen. 
Priskus, ein griechischer Schriftsteller des fünften Jahrhunderts, der 
sein Gesandter war, beschreibt ihn uns in erstaunlicher Weise: Attila 
war stets so finster und mürrisch, dass er ihn während vieler Wochen, 
da er bei ihm weilte, bloss das eine Mal lächeln sah, als sich ihm 
einer seiner Söhne näherte, von dem der Astrologe geweissagt hatte, 
er werde den Untergang seines Hauses überleben und sein Geschlecht 
und dessen Macht fortpflanzen ; er war stets so schweigsam und in sich 
versunken, dass er für nichts Sinn hatte, was sich um ihn zutrug, 
nicht einmal für die lustigen Schauspiele, die vor ihm dargestellt 
wurden und die das grosse Entzücken des Hofes büdeten; er war 
stets so zornig, dass seine oftmals ganz grundlosen, heftigen Wuth- 
ausbrüche den ganzen Hof in Schrecken setzten. Kurz, es ist das Bild 
eines Mannes, der auf der schwindelnden Höhe einer Macht steht, 
der aber da oben einsam lebt wie auf dem Gipfel eines Berges, und 
dessen düsterer und heftiger Charakter noch mehr verbittert und ver- 
schärft wird durch jene ewige Einsamkeit, der er sich nicht zu ent- 
ziehen vermag. 

Napoleon ist nichts Anderes als ein Attila, der französisch sprach 
und um vierzehn Jahrhunderte später kam. Sein Charakter ähnelt dem 
Attila's merkwürdigerweise wie ein Zwillingsbruder dem andern; er ist 
zusammengesetzt aus Schwermuth, aus chronischer Langweile, aus Ehr- 
geiz und Gewaltsamkeit. Schon sein Gesicht zeigt in jenen Porträts, in 
denen die ewige Courtisane der Mächtigen, die Kunst, ihm nicht ge- 
schmeichelt hat, indem sie seine Züge in diejenigen eines griechischen 
Epheben herabmilderte, eine bittere und unterdrückte Schwermuth und 
Düsterkeit, einen Zustand fortdauernden Missvergnügens und nagenden 
Grams, der übrigens von den zahllosen Personen, die sich ihm ge- 
nähert haben, in tausend Anekdoten und Betrachtungen psychologischer 
Art eingehend erörtert und bestätigt wurde. Aus allen diesen Berichten 
und Ueberlieferungen lässt sich mit Leichtigkeit ersehen, dass Napoleons 
Leben ein fortdauernder Ausfluss des Schmerzes war, hie und da 
unterbrochen durch wahnwitzige Cxenugthuungen der Ruhmsucht, die 
diese gierig nach Macht strebende Seele durch so viele Siege zu er- 
reichen wusste. Der Rest seines Lebens aber war eine stete Tortur; 
denn Napoleon war weder imstande, unthätig zu bleiben, noch mit 



DAS KRIEGERISCHE GENIE. 5OI 

Lust und Ruhe zu arbeiten. Die Unthätigkeit langweilte ihn bis zur 
Verzweiflung, die Thätigkeit überreizte ihn bis zur Raserei. Es ist bei- 
spielsweise bekannt, dass Napoleon bei allen Festlichkeiten des Hofes 
eine derartige Leichenbittermiene zur Schau trug, dass bei seinem An- 
blick selbst die Vergnügungssüchtigsten alle Lust verloren; er blieb 
stumm, gähnte und zeigte in jeder seiner Geberden die tödtliche Lang- 
weile, die ihn quälte ; von Zeit zu Zeit machte er seinem Missvergnügen 
durch irgend eine grausame Grobheit Luft; indem er irgend eine Dame 
fragte, weshalb sie so schlecht gekleidet sei, eine andere, weshalb sie 
ihre Jahre zu verbergen trachte, eine dritte, ob es wahr sei, dass sie 
einen Geliebten habe. Andererseits fand ein Mann, der die Ruhe so 
unwillig ertrug, in der Arbeit nicht Trost und nicht Freude, sondern 
eine Verschärfung des Schmerzgefühles: seine wüthende Ungeduld war 
schmerzlich erregt durch die vielen kleinen Schwierigkeiten, auf die er 
stiess; die geringfügigsten kleinen Hin demisse irritirten ihn; er fand 
Alles langsam, Alles schlecht gemacht. Alles überflüssig und dumm, 
und deshalb misshandelte er seine treuesten Werkzeuge ; er hätte gerne 
Alles mit einem Schlag vollbracht, ohne Zaudern, und so vollzog er 
seine Arbeiten, in seinem Cabinet sowohl als auf dem Schlachtfelde, 
in einer fieberhaften, quälenden Hast, die ihm die Freude an Allem 
benahm. Sicherlich war es diese fortdauernde gewaltsame Anspannung 
aller Nerven, die seinen Geist so rasch erschöpfte und ihn in so frühem 
Alter dahingeraff't hat. 

Diese Thatsache hat eine tiefe Bedeutung; sie ist ein specieller 
Fall jenes grossen Gesetzes der menschlichen Natur, dem zufolge nur 
jene Handlungen angenehm sind, die das Leben schaffen oder erhalten, 
von der Ernährung und von der Wiedererzeugung bis zur Ausarbeitung 
eines Kunstwerkes oder der Conception einer grossen philosophischen 
Wahrheit. Es ist ein Gesetz der Natur, dass nur der Schaffende glück- 
lich sein kann; der Zerstörer ist dem Schmerze geweiht. Es ist wohl 
wahr: es hat Männer des Sieges gegeben, die einen heiteren imd 
friedlichen, ruhigen Charakter hatten ; von diesen möchte ich fast sagen, 
dass sie den heiteren Krieg führten, wie Julius Cäsar und Garibaldi; 
aber es waren Männer, die Krieg geführt hatten, weil sie dazu durch 
die Ereignisse gezwungen waren, ohne für den Krieg als solchen eine 
Leidenschaft zu fühlen, ohne in der gewaltsamen Unterdrückung anderer 
Menschen die Befriedigung eines Ehrgeizes zu erblicken, der das Er- 
zeugniss eines grenzenlosen Egoismus ist. Julius Cäsar, geboren in einer 
Zeit, in der man, um nicht unterdrückt zu werden, vom Schwerte 
Gebrauch zu machen gezwungen war, verstand es, dank der wunder- 
baren Gestaltungsfähigkeit seines Wesens, besser als alle Anderen, mit 
diesem furchtbaren Spiel zu spielen; aber er unternahm einen Krieg 
niemals aus blosser Freude am Krieg, sondern immer zu einem be- 
stimmten Zweck ; er gebrauchte stets das geringste Maass von Grausam- 
keit, denn seine wahre Natur war nicht die eines Volksvemichters, sondern 
die eines Gesellschaf):sbildners, eines grossen praktischen Sociologen, 
der im höchsten Grade den revolutionären Schöpfungsgeist besass und 



502 FERRERO. 

die Fähigkeit, mit der vollen Thatkraft, mit der Klarheit des Blicke» 
und der Grösse der Ideen jene Umwandlungen 2U beschleunigen, die 
für eine Gesellschaft nothwendig sind, deren Einrichtungen — nach 
dem Ueberstehen ftirchtbarer Wirren — gefestigt und dauernder ge- 
staltet werden sollen. Er war also ein Schöpfer, und als solcher war 
er ein frohsinniger Geist, ein Mann, wie ihn die Alten geschildert 
haben: heiter und friedfertig, Herr ttber sich selbst, voll Vertrauen in 
alle Dinge, in sich, in sein Glück, in seine Freunde, in die Zukunft 
seiner Ideen, in die Vemünftigkeit und Dankbarkeit der Menschen. 
Dieses optimistische Vertrauen in alle Dinge bei einem Manne, der so 
viel gelebt und gehandelt hatte, musste für ihn die höchste Glück- 
seligkeit bedeuten, deren ein Mann in einer solchen gewaltthätigen Epoche 
fähig sein konnte. Und so kommt es auch, dass Julius Cäsar heute 
noch, nach so vielen Jahrhunderten, uns ein freude- und jugendstrahlendes 
Antlitz zeigt Wie so ganz anders sieht neben ihm das finstere Antlitz 
Napoleon's aus, dieses furchtbaren Völkervemichters I Denn, seien wir 
ehiiich, die Fabel vom schöpferischen Genius Napoleon's ist eine der 
grössten Täuschungen unseres Jahrhunderts. Die Intelligenz Napoleon's 
hatte wohl manche besondere, bewundernswerthe Eigenschaft: das 
kolossale Gedächtniss für Einzelheiten, die Raschheit des Denkver- 
mögens, die Widerstandsfähigkeit gegenüber allen Mühen ; aber es 
mangelte ihr an der grundlegenden Eigenschaft des wahren, politischen 
Genies, an derjenigen, die Julius Cäsar in so überaus hohem Grade 
besass ; an dem Realismus, an der Fähigkeit, die Gesellschaft und deren 
vielseitig verworrene Bedürfnisse und dunkle Neigungen zu verstehen, 
um sie dieser selbst zu enthüllen und so ihre Aufgabe zu erfüllen. Es 
ist unmöglich, in der ganzen Politik Napoleon's irgend einen Plan, eine 
Cohärenz, irgend eine leitende Idee zu finden, abgesehen von jener, 
seinen Verwandten Throne zu geben; alles Uebrige ist das confuse 
Gebahren eines Mannes, der, statt einer Gesellschaft ihre eigenen noch 
verworrenen Tendenzen zu enthüllen, bloss bestrebt war, mit einer 
fieberhaften, aber sterilen Willensanstrengung die ganze Gesellschaft 
seinen eigenen überspannten und ausschweifenden Wahnideen anzu- 
j)assen. 



GEGEN DIE EMANCIPATION DES WEIBES. 
Von Dr. Paul Weisengrün (Wien). 

m. 

Die beiden voraDgegangenen Aufsätze haben, glaube ich, zur 
Genüge ervnesen, dass in der Frage der Frauenemancipation hinter den 
wirthschaftlichen Triebkräften psychologische liegen. Das Problem 
von der eigentlichen inneren, nur social verschleierten Selbstständigkeit 
und Selbstherrlichkeit des Weibes ist voll von subtilen Seelenräthseln. 
Hier ist der Eingriff anderer, also rein socialer Factoren eigentlich 
etwas Selbstverständliches. Trotzdem aber finden sich Anhänger der 
Emancipation genug, welche auch in dieser Beziehung das Vorwalten 
Ökonomischer Ursachen zu betonen sich bemüssigen. 

Einen neuen und eigenartigen Gesichtspunkt nimmt hier bezeich- 
nenderweise ein Weib ein. Frau Laura Marholm glaubt am aller- 
wenigsten unter all denen, die sich in dieser Frage geäussert, an die 
innere Selbstherrlichkeit des Weibes. Sie ist nicht der Ansicht der 
meisten Frauenrechtlerinnen, dass, psychologisch gesprochen, das Weib 
vom Manne unabhängig sei und dass bloss sociale Ursachen sie zur 
»Geschlechtssclaverei« zwängen. »Im Manne beginnt das Leben des 
Weibes, im Manne beschliesst es sich. Des Weibes Inhalt ist der Mann.« 
An anderer Stelle wird Frau Marholm noch deutlicher. Sie verräth, 
dass das Grefiihlsleben des Weibes, die ganze Art seines inneren Aus- 
lebens, seine intellectuellen Methoden und Feinheiten, die Summe seines 
Denkvermögens — mit einem Wort der ganze Styl seiner Lebensführung 
vor der Berührung mit dem Manne ein ganz anderer ist als späterhin. 
Das eigentliche Geschlechtsleben, also der Geschlechtsgenuss und seine 
directe Folge, das Gebären, revolutionireu das geistige Leben des 
Weibes derart, dass man wohl den Satz aufstellen kann: Die Be- 
rührung des Mannes verändert den Geist des Weibes 
noch mehr als seinen Körper. 

Was ist nun das Weib? Erst jüngst hat sich eine Frau dagegen 
verwahrt, dass man ihm aUes mögliche RätLselhafte andichte. Das 
Weib, meint sie, ist weder ein Thier noch eine Halbgöttin, sondern 
vor Allem ein Mensch . . .^ Eine Frau hat da leicht reden. Sie ver- 
steht das erkenntniss-theoretische Problem, das die Frauenfrage, theo- 
retisch gesprochen, für uns bedeutet, nicht im Geringsten. Wir fühlen 
und denken als Männer und wollen das Innere des 
Weibes erkennen, das eben anders denkt und fühlt. Hier 



') »Das Weib als Geschlcchtsindividualität.t Von Frieda Freiin von Bülow 
• Die Zukunflt, V. Jahrg., Nr. 26, S. 597. 



504 WEISENGRÜN. 

liegt dieselbe erkenntniss-theoretische Schwierigkeit vor, wie weno wir 
mit unseren so kümmerlichen, einseitigen, nur dürftigen Zwecken ange- 
passten Sinnen und Organen die Natur ganz erfassen wollen, die an 
sich ebensowenig schön oder hässlich, grausam oder nütilicb ist wie 
das Weib. Sicherlich stecken alle Beurtheilungen der Natur und des 
Weibes in uns, und aus- diesen Beurtheilungssphären und Beurtheilungs- 
möglichkeiten können wir nie und nimmer hinaus. Doch besitzen wir 
nun einmal den metaphysischen Trieb, die Natur troti alledem zu er- 
kennen, und mühsam und unsicher tappend gelangen wir ja doch immer 
einen Schritt weiter ; nur dauert unser Erltenntuissprocess eben unendlich 
lang. Nicht viel schlechter und nicht viel besser geht es uns mit dem 
Weibe. Das Weib hingegen hat das metaphysische Be- 
dUrfniss nicht. Sie greift, psychisch gesprochen, nach dem Manne 
wie der Wilde nach Mond und Sonne. Der Mann an sich existirt 
für das Weib nicht. 

£3 handelt sich hier in der That um ein erkenn tniss-theoretisches 
Problem, das nach der praktisch psychologischen Seite tiefer greift als 
alle anderen Fragencomplexe. — Die Art und Weise, wie wir bisher 
in das Geschlechtsleben des Weibes einzudringen suchten, war eine 
verkehrte. Unser Ausgangspunkt war das rein geschlechtliche Leben 
des Weibes und der Zusammenhang dieses geschlechthchen Lebens mit 
der Bedingtheit eines geistig sei bststäad igen Daseins. Nun wissen wir 
vom Geschlechtsleben des Weibes ausserordentlich viel und doch so 
ausserordentlich wenig. Nach einer Richtung kann schon mancher 
dreiste Gymnasiast vielerlei erzählen, nach der anderen würde Shake- 
speare in Verlegenheit gerathen. Gestehen wir es nur ein. Wir legen 
in diese elementaren Gjfülile allerlei herein. Theils aus Eitelkeit, theils 
aus Mangel an Beobachtungskunst täuschen wir uns schon vielfach über 
den Umfang, Grad etc. der Geschlechtslust beim Weibe. Wie misslich 
muss es erst mit unserer Erkenntniss so complicirter Phänomene wie 
der individuellen Liehe des Weibes bestellt sein, wenn wir sogar über 
jene gewisse, scheinbar bei beiden Geschlechtern analoge Grundempfin- 
dungen zum Theil im Unklaren sind ? Die anscheinend einfache Frage, 
ob das Weib sinnlicher ist als der Mann, ist für den Frauenkenner mit 
einem directen Ja oder Nein nicht zu beantworten. Das Schhmmste an 
der Sache ist, dass uns die Frauen, wären sie auch noch so ehrlich, 
einen Theil unserer Fragen gar nicht beantworten könnten. Sie er- 
rathen nicht immer, wonach wir eigentlich fragen. Wie 
kommt man über diese fundamentale Schwierigkeit nur einigermassoi 
hinaus? Wir sind gezwungen, die Psychologie des Weibes nicht 
als Ganzes aufzufassen, sondern als eine Reihe loser, 
unzusammenhängender, einzelner Seelenanalysen, die 
wir überall und nirgends aufgelesen haben , . . 

Die gewöhnliche Auffassung, welche davon ausgeht, dass dass 
Weib die von vielen Frauenrechtlerinnen angenommene innerliche Un- 
abhängigkeit nicht besitze, weil sie physisch zu schwach sei, ist einfach 
unpsychologisch; genau so unpsychologisch wie die Ansicht, dass 



GEGEN DIE EÜANCIPATION DES WEIBES. 505 

auch in dieser Frage der Mechanismus der ökonomischen Umwälzung 
Alles besorge und dass hier überhaupt kein Problem vorliege. Wie 
falsch diese Grundaufstellung auch immerhin sein mag, sie geht auf 
jeden Fall von der Thatsache aus, dass alles Seelenleben des Weibes 
(wie rudimentär, grobmechanisch und plump die Anhänger dieses Prin- 
cipes jenes Seelenleben auch ansehen) sich vollkommen sicher, zwanglos, 
einwandsfrei und geradlinig aufbaue auf ihrer geschlechtlichen Natur. 
Was wird aber über diese geschlechtliche Natur des Weibes von Seite 
der Anhänger und Anhängerinnen der gewöhnlichen Auffassung aus- 
gesagt? Nichts oder so gut wie nichts. 

In denselben Grundfehler des directen Aufbaues der Frauen- 
psychologie auf den unbekannten Daten des Geschlechtslebens verfällt 
auch die Lehre eines Mannes, der, wie in allen übrigen Dingen, auch 
hier die gewöhnliche Auffassung nicht theilt. 

Du gehst zum Weibe — vergiss die Peitsche nicht I Nietzsche 
hat durch diese Worte einen älteren philosophischen Gesichtspunkt in 
der Frauenfrage in eine glänzende, aber einseitige Formel gebracht. 
Niemals wurde in so treffender Form das Anderssein, die Minder- 
werthigkeit des Weibes, ihre Abhängigkeit vom Manne zum Ausdruck 
gebracht Aber Nietzsche hat in diesem Falle, wie in vielen anderen, 
ein Ressentiment; eine dunkle und dumpfe Forderung seines Instincts, 
eine kaum ernst zu nehmende seelische Abneigung mit der ganzen 
raffinirten Sicherheit desDecadents malgr^ lui in ein System zu bringen 
versucht. Alles, was Nietzsche sonst sagt, seine Ansicht z. B., dass bei den 
Frauenrechtlerinnen meist etwas in ihrer Weiblichkeit nicht in Ordnung 
sei, offenbart uns deutlich, wie sehr auch ihm die zum grossen Theile 
unbekannte Domäne des weiblichen Geschlechtslebens als Basis zum 
Aufbau seiner Frauenpsychologie dienen musste. 

Noch klarer, Jedermann sichtbar, tritt dies, wie wir schon er- 
wähnt, bei Frau Laura Marholm zu Tage. Sie knüpfe an das gyaäko- 
lopische Material Prof. Runge's, an die rein physischen Leiden des 
Weibes an. Sie untersucht die bedeutendsten Frauen ihrer Zeit und 
findet dieselbe Krankheit, die die durchschnittlich begabten Geschlechts- 
genossinnen auch haben. Die sechs Frauenporträts der Marholm sind 
eigentlich, mit der einzigen Ausnahme der durchaus gesunden Anna 
Skram, Biographien geschlechtlich Leidender »psychologie d'h y s 1 6- 
riques«. 

Sehr richtig hat sich eine geistreiche Frauenrechtlerin über Frau 
Marholm geäussert, sie sehe in der Frau nur das »Weibchen«. Weibchen- 
Erotik ist bis jetzt aber alle Psychologie der Frau gewesen, nur dass 
die der Marholm, weil sie Weib und starker Geist zugleich ist, besonders 
geschickt ausfiel. Gegen die Nur-Weibchen-Psychologie wende 
ich mich eben. Ich habe durch meine erkenntniss-theoretische Behandlung 
gezeigt, warum man auf dieser einseitigen^ nur erotischen Basis kein 
psychologisches Gebäude errichten darf .... 

Ich wül nun mit Folgendem versuchen, einen Abriss der Frauen- 
psychologie in der Weise zu geben, dass das G^schlechtsmoment überall 



506 WEISENGRÜN, 

durchdringt und durchzittert, ohne Alles aufzusaugen. Ich will ver- 
suchen, die höheren psychologischen Momente des Weibes zu erfassen, 
Factoren zu skizziren, die fiir die Frage der inneren Selbstständigkeit 
oder UnSelbstständigkeit des Weibes viel massgebender sind als alle 
Nur-Weibchen-Erotik. 

Anders als der Mann sieht das Weib die Dinge dieser Erde. 
Wo für uns Alles wie von einem Nebel umhüllt erscheint, sieht sie 
klar, und Regionen, wo die begabtesten Geister unter uns erst athmen, 
die Zouen unserer Höhenatmosphäre sind für sie Stickluft. Wir dürfen 
von unserem erkenntniss-theoretischen Standpunkt aus nicht sagen, dass 
wir alle die höheren Weibeigenschaften richtig auffassen oder nicht. 
Wir können nur sagen, wie wir sie vom Männerstandpunkt aus sehen, 
und nach Aeouen werden wir das Weib eben nur vom Männerstand- 
punkt aus sehen können. Was das Weib will, ist im Ganzen und 
Grossen identisch mit dem, was der Mann will In den Sphären der 
Machtinteressen, im Ringen um die Herrschaft im Jubel des Sieges, in 
der Freude am Unterwerfen, im Wollen grossen Styls ist das Weib 
noch einigermaassen dem Manne ähnlich. Das Weib, das Geschäfte 
macht, die Frau, die regiert, erscheint vom Manne nicht so sehr ver- 
schieden. Sie ist in ihrem Handeln und Streben, ihrem Thun und 
Lassen mit dem Manne insofern identisch, als man hier abstrahiren 
kann vom specifisch Weiblichen. Man spricht davon, dass die 
machtbegierigen Frauen, die grossen Herrscherinnen und Messalinen 
genau wie die Männer agiren. Wie falsch, wie psychologisch einseitig! 
Das heisst den Messalinentypus verkennen, nimmt man an, hier ähnle 
das Weib dem Manne, weil es die Geliebten in rascher Folge wechselt. 
Liegt in diesem Wechseln etwas Anderes als die Thatsache der- 
selben Machtgier, desselben Wollenkönnens, derselben rein 
äusseren, gleichsam technischen Regierungskunst? Sind die 
Sensationen oder sogar nur die Art des Wechsels der Sensationen 
dieselben wie beim männlichen Despoten, weil die Zahl der Geliebten 
dieselbe ist? Ich habe schon vorhin angedeutet, dass wir über die 
Stärke der weiblichen Sinnlichkeit und ihre Aeusserungsformen noch 
sehr im Dunkeln sind. Wie äusserlich ist es nun, gerade in der Psycho- 
logie des Messalinentypus die Frau mit dem Manne identificiren zu 
wollen, auf Basis des eben unidentificirbaren Grundempfindens und 
Hauptinstinctes selbst. Identisch ist hier nur das Formale, nur das 
Wollen, nur das Begehren. Man spricht heutzutage so viel davon, dass 
die Frau dieselbe Cultur haben müsste wie der Mann. Die gebildeten 
nnd vor Allem die höchstgebildeten Frauen der Renaissance hatten 
mit den Männern die Cultur jener Zeit gemeinsam, sie hatten sie in 
manchen italienischen Städten und in England. Zu Shakespeare's Zeiten 
konnten viele Damen ebenso gut, vielleicht besser Lateinisch und 
Griechisch als ihre Cavaliere.^) Diese Gleichheit der Cultur brachte 



^) Vgl über die diesbezüglichen Culturzustände Jacob Burckhardt's »Cultur 
der Kenaissaoce«, IL, 123 f^* 



GEGEN DIE EMANCIPATION DES WEIBES. 5^7 

daher in den Aeusserungsformen des Wollens und Strebens eine noch 
grössere Gleichheit hervor. Die gewaltigen Leidenschaften in den Re- 
gionen der Herrschsucht und der Machterweiterung brachten auch 
gewaltige Weibpersönlichkeiten an die Oberfläche, und in keiner Epoche 
finden wir so viele glänzende Frauengestalten wie in der englischen 
und vor Allem der italienischen Renaissance. Man denke an Elisabeth, 
Catharina Sforza, Vittoria Colonna u. s. w. Hat aber jemals diese 
Gleichheit der Cultur, die das Wollen und das Machtbewusstsein des 
Weibes revolutionirten, auch sein Denken revolutionirt ? Wie gross ist 
in der Renaissanceperiode der Einfluss der Frau in der Politik und 
wie klein auf allen Gebieten eigentlicher Culturarbeit ! Woher kommt 
dieser Unterschied? 

Verschieden vom Wollen ist das Denken des Weibes. Man spricht 
so häufig von der Unlogik der Frau. Ich halte diese Unlogik nicht 
einmal für das Charakteristische. Es hat bedeutende Mathematiker 
unter den Frauen gegeben, also auch bedeutende Logiker. Aber allen 
Frauen gemeinsam, den höchst begabten wie den mittleren, ist die 
ganze Form des Denkens. Das Weib besitzt ein anderes Sehenkönnen, 
ein anderes geistiges Auffassen der Dinge. Man denke an die be- 
gabteste Frau unseres Jahrhunderts, an Sonja Kowalewska; sie ist 
geniale Mathematikerin, talentvolle Novellistin, sie kennt den Socialismus 
und die moderne Socialpolitik fast wie ein Professor der National- 
ökonomie. Sie ist ein originelles und productives Weib, das erlebt und 
nach Erlebnissen dürstet. Wie krystallisiren sich aber rein intellectuell 
diese Erlebnisse, welche Verallgemeinerungen zieht sie aus ihren 
subjectiven Erfahrungen? Fast gar keine. Sie bleibt ausserhalb ihrer 
Mathematik, gewisser socialistischer Gemeinplätze und ausserhalb jenes 
Theils ihres Denkens, das förmlich durchtränkt ist von Empfindtmgen, 
ganz subjectiv. Sie denkt nur ihretwülen. Sie denkt eigentlich genau wie 
jedes mittelmässige Mädchen nur nach, um einen Mann zu bekommen. 
Ihr Wollen ist fast so gewaltig wie ihre specifischen Fähigkeiten. 
Aber der Styl ihrer Lebensführung ist ein kläglicher und ihre Philo- 
sophie blosse Eropfindungsanalyse oder Trivialitätensammlung. Sie 
kommt aus ihren Erlebnissen nicht heraus, sie kommt geistig vom 
Manne nicht weg. Ich verstehe nun, warum das Weib Mathematik 
treiben kann. Auf diesem abstractesten, unpersönlichsten aller wissen- 
schaftlichen Gebiete gibt es keinen Druck der Erlebnisse auszuhalten. 
Hier kann die Macht der Eindrücke die Fülle der Anschaulichkeit 
nicht verdunkeln und bezwingen. Zahlen, Zeit und Raum das sind die 
Realien des Mathematikers. Er operirt mit so wenig Dingen und wird 
deshalb so wenig abgezogen. Die Methodik ist hier nicht complexer 
Natur, darum kann in dieser Stickluft für erlesene Geister die Frau so 
gut aushalten. Selbst das genialste Weib, wie erfinderisch im Nuanciren, 
wie stark in subjectiver Empfindung es auch sein mag, so schwach und 
dürftig ist es im Auffinden grosser Formehi, so beschränkt im allge- 
meinen Denken. Das macht, dass das Weib nicht nach gewaltigen 
Höhen und Tiefen blicken kann, sondern immer gerade vor sich. Sie 



508 WEISENGRÜN. 

überblickt das Milieu wunderbar, sieht aber selten weit genug. Vor 
Allem aber kommt sie in theoretischer Beziehung im Aufweisen und 
Aufzeigen von Perspectiven und Formeln nicht aus dem Subjectiven 
heraus. So kann sich das Weib nicht objectiviren, weil sie gleichsam 
in tausend Nuancen denkt. 

Andere Werthe als der Mann hat das Weib. Selbst directe An- 
hänger der Frauenemancipation sprechen von Unterwürfigkeit und Ver- 
stellung, von Sclaventugend und Sclavenlaster.^) Ich gehe nicht einmal 
so weit. Aber sicher ist es, dass ihre Vornehmheit eine andere ist 
wie die unsere, schon weil ihr Distancegefühl ein anderes ist. Das 
Weib will die prächtigen Werthe, die Vornehmheit, die übersinnliche 
Gewalt eben anders als wir. Man sehe doch an, welche Art von 
Männern die intelligentesten und begabtesten Frauen lieben. Auch hier 
lässt sie das Distancegefühl sehr häufig im Stich. Ich spreche natürlich 
nur von den erlesenen Weibern, die wirklich die Vornehmheit am 
Manne lieben. Diese goutiren meistens den wirklich grossen, ausser- 
ordentlich begabten, phänomenalen Mann nur wenig. Er ist ihnen 
zu gewaltig, zu wahrhaft vornehm, zu sehr Löwe. Napoleon hat den 
Frauen, wie wir aus dem instructiven Buche von Masson erfahren, 
eigentlich sehr wenig gefallen. Er hatte keine Zeit dazu, wird man 
sagen. OhI manche vielbeschäftigten Chopin-Spieler, manche tüchtigen 
Jockeys und manche Komiker, die ihre Rollen lernen, haben ebenso- 
wenig Zeit übrig. Aber die Frauen haben Zeit für sie, weil ihnen eben 
eine komische Geberde oder ein schöner Lockenkopf, je nach Ge- 
schmack, »interessanter« erscheint als der Kanonendonner der Schlachten 
und das Errichten grosser Staaten. Ja, »interessant« — das ist der 
vornehmste Werth des Weibes, hier liegt der tiefste Schlüssel zur 
Frauenpsychologie. Man kann ohne Uebertreibung sagen: Was dem 
Manne vornehm ist, ist dem Weibe interessant. Sie langweilen sich alle, 
die guten Geschöpfe, wenn sie nicht ganz hausbacken, nicht ganz trivial 
sind. Sie sind sensationslüstern in allen Perioden der menschlichen 
Geschichte gewesen und haben zum guten Theil das Wesen der D^- 
cadence selbst vor den D^cadents gefunden. Man lese das Tagebuch 
der Maria Baschkiewitsch. Warum hat dieses gequälte Mädchen wie 
eine Wahnsinnige gearbeitet? Sie sagt es selbst: sie langweilte sich. 
Schon als Kind war nicht Vornehmheit, sondern »lateressantsern« ihr 
Ideal, und so verliebte sie sich später in einen interessanten Prinzen, 
einen Dummkopf, der sicherlich ebensowenig gehalten hat, wonach 
ihre Sinne verlangten, als wonach ihr Geist dürstete. Ja, die Frauen 
haben andere Werthurtheile als wir. Der Fall Sofia Kowalewska ist ein 
Pendant zum Hamlet, sie ist der weibliche Hamlet selbst. Nun denke 
man ernstlich darüber nach, wie der Unterschied zwischen Wollen und 
Können sich beim Manne und wie er sich beim Weibe äussert. Wäre 
die Kowalewska kein weiblicher Hamlet gewesen, sie hätte sich den kräftigen 
russischen Bojaren schon geholt; das hat ja schon manche Putzmacherin 



*) Das Weib in ihrer Geschlechtsindividttalität, a. a. O. S. 745. 



GEGEN DIE EMANCIPATION DES WEIBES. 5O9 

oder Choristin fertiggebracht Während Hamlet aber nun aus seiner 
Seelennoth und den Mängehi seiner geistigen Organisation sich zu einer 
gewaltigen Philosophie emporringt, verharrt die Kowalewska in den 
niederen Regionen ganzer Subjectivität. Hier springt der Unterschied 
fast grob ins Auge; wer dies nicht zu lesen vermag, hat einfach keinen 
Blick fiir Psychologie. 

Wir nähern uns unserem Ziel. Wir haben gefunden, ohne uns in 
die Subtilität der Geschlechtspsychologie des Näheren einzulassen, dass: 
1. die Frau ihres nuancirten Denkens wegen sich nicht objectiviren 
kann; 2. dass sie andere Werthe besitzt als wir. Nun hat das Weib 
aber die Tendenz, wie alle Frauenrechtlerinnen versichern, unsere 
Cultur zu theilen, die nun einmal eine Mannescultur ist, eine anti- 
weibliche Cultur, eine anders vornehme Civihsation, eine auf dem- 
selben Wollen, aber anderem Denken beruhende, von einem anderen 
Geist durchtränkte Reihe von Weltanschauungen ist. »Das ist des mo- 
dernen Weibes Sehnsucht, des Mannes ebenbürtige Gefährtin zu werden.«^) 
Ebenbürtig heisst doch hier nichts Anderes als culturgleichartig zu sein, 
gleichwerthige Genossinnen derselben Weltanschauung, derselben Civilisa- 
tionsmomente. Denn auf etwas Anderes kann sich diese Sehnsucht nicht 
beziehen, und gemeint ist sicherlich nicht die möglichst gleichmässige 
Vertheilung materieller Güter. Nun ist das Problem auf die präciseste 
Form gebracht. Das Weib will an unserer Mannescultur theilnehmen. 
Sie kann gar nicht anders, das versichern auch die Frauenrechtlerinnen. 
Sie will weder, noch kann sie eine specifische Cultur schaffen, also ist 
sie geistig abhängig vom Manne und steht unter dem Zwang der 
Mannescultur für immerdar. Diese »Sclaverei« der Frau, die »Geschlechts- 
sclaverei« (auf dieser Grundlage findet sich ja Frau Zetkin mit den 
bürgerlichen Frauenrechtlerinnen zusammen) ist eine ewige Noth- 
wendigkeit. 

Fassen wir das Resultat unserer Betrachtungen zusammen. Als 
wir vom rein formalen Standpunkte aus an das Problem der Frauen- 
emancipation herantraten, sahen wir nur die äussere Seite desselben. 
Wir konnten in der ganzen Bewegung zur Beseitigung der Unterdrückung 
des Weibes formaliter nichts erblicken als eine Art Emancipationskampf 
eines fünften Standes. Nun, es hat sich herausgestellt, dass eine ganze 
Anzahl der Forderungen der Frauenrechtlerinnen berechtigt 
sind, nicht aber ihre hauptsächlichste Forderung. Denn das allge- 
meine Stimmrecht ist, wie wir gesehen haben, keine Forderung 
der Proletarierinnen oder der Anhängerinnen der Mittel- 
classe, demnach keine Classenforderung. Sie kann sich somit 
nur auf die Annahme einer Geschlechtssclaverei stützen. Diese An- 
nahme ist hinfällig, folglich ist die Forderung des allgemeinen Stimm- 
rechtes unberechtigt. Mit der Geschlechtssclaverei, mit der psychologi- 
schen Identität der Geschlechter, mit der inneren Selbstständigkeit der 
Frau steht und fällt das allgemeine Stimmrecht. 

^) Das Weib als Geschlechtsindividnalität von Frieda Freiin v. Bülow 
a. a. O. S. 601. 



5 1 WEISENGRÜN. 

Inwieweit nun die Frauenfrage selbst eine Complication der 
socialen Frage darstellt, ist leicht zu ersehen. Sie bedeutet zunächst 
eine Zersplitterung der Kräfte. Die Proletarierbataillone nehmen da an 
einem Kampf theil| der sie, im Grunde genommen, nichts angeht, und 
der, wenn man die Dinge tiefer betrachtet, gar kein Ciassenkampf ist. 
Man denke sich heutzutage eine siegreiche Socialdemokratie. Ungeheuere 
Schwierigkeiten, wie das Agrarproblem, die Frage der Dichtigkeit der 
Bevölkerung etc., sind vorhanden, gewaltige sociale Probleme harren der 
Lösung. Man denke sich dann die Frauen, welche nun auch alle das 
Stimmrecht haben. In welcher verwirrenden Weise wiLrden sie gemäss 
ihrer subjectiven Natur, gemäss ihrer anderen Denkart in das sociale 
Getriebe eingreifen I Ein siegreicher Socialismus würde durch die Frauen- 
rechtlerinnen und ihren Anhang compromittirt werden. Wiederum wäre 
es eine Demagogie sondergleichen, wollten die Socialisten nur jetzt für 
das Weib eintreten, so lange sie nicht am Ruder sind. Also müssen 
sie sich gegen die Forderung des allgemeinen Stimmrechtes erklären. 

Dass die Gegner des Socialismus auch gar kein Interesse an der 
Frauenemancipation haben können, bedarf wohl keines Beweises. An 
der Frauenemancipation wirklich interessirt sind daher nur einige hundert 
Frauenrechtlerinnen. 



DER GEGENWARTSSCHAUSPIELER. 
Von Karl Kraus (Wien). 

Der Mann, der den Naturalismus erfunden hat, eröffnete sein 
Gastspiel im Carltheater mit »Marquise« und »Arme Löwin«. Die 
FrivoÜtät vergangener Generationen, als deren Anwalt sich Sardou 
gerirt, vermochte uns aber ebensowenig zu interessiren als der unzeit- 
gemässe Eifer des Sittenpredigers Augier. Interessant war nur, dass 
Herr Emanuel Reicher diese Stücke brachte und dass er selbst 
völlig uninteressant war. Das Auftreten dieses Schauspielers, an dessen 
Namen sich die Erwartung kühnster Modernität knüpfte, hat Viele 
unter uns stutzig gemacht, die wir den bedeutungsvollen jung-berlineri- 
schen Umwälzungen im Gegensatze zu dem jung-wienerischen Gethue 
mit aufrichtiger Antheilnahme gefolgt sind. Der Naturalismus des Herrn 
Reicher beschränkt sich auf kleine technische Neuerungen, die eine 
durchschnittsmässige Intelligenz leitet. Zum unnatürlichen Schauspieler 
fehlt ihm das Talent. Herr Reicher, dem ein um das Jahr 1890 glück- 
Hch aufgefangenes Schlagwort über alle seine inneren und äusseren 
Mängel hinweghilft, sündigt auf die Suggestionsfahigkeit und Tragkraft 
der Parole »Naturalismus«. Ein confuser Brief, den er an Herrn Bahr 
gerichtet hat, wird heute von verschiedenen Blättern als das Bekennt- 
niss des naturalistischen Dogmatikers abgedruckt. Allerdings ist es ihm 
hier gelungen, die ganze unfreiwillige Komik, die seinem Auftreten 
und seiner Doctrin anhaftet, in einen Kemsatz zusammenzuballen und 
so eine leichtere Uebersicht seiner Irrthümer zu ermöglichen. Er zieht 
eine Linie von Schiller zu Sudermann, setzt die Mühelosigkeit, Ersteren 
zu spielen, den unendlichen Schwierigkeiten eines Sudermann gegenüber 

und sagt: » wenn Schiller seinen Helden sämmtliche Gefühle, 

die ihn eben beherrschen, im wundervollen Schwung der Verse aus- 
sprechen lässt, so hat der Schauspieler nicht viel mehr dabei zu thun, 
als diese Verse mit mehr oder weniger Temperament schön zu sprechen.« 
Gegen diese Behauptung lässt sich nun absolut nichts einwenden, und 
Herr Reicher würde auch, wenn er sich einmal zur Darstellung eines 
Schiller'schen Helden herabliesse, nichts weiter brauchen als mehr oder 
weniger Temperament. Da er jedoch über ein solches nicht verfügt, 
da ihm jene inneren Qualitäten in so reichem Masse versagt sind, die 
z. B. einen Sonnenthal oder Kainz, einen Baumeister, Rittner und 
Engels, eine Schmittlein, Lehmann oder Sorma zu den höchsten Auf- 
gaben befähigen, so hat Herr Reicher auf die mühelose Darstellung 
classischer Gestalten wohl ein- für allemal verzichtet und sich eine 
äusserliche Natürlichkeit componirt, die ihm die Durchführung einiger 



5 1 2 KRAUS. 

episodistisch veranlagter SalonroUen eben noch gestattet. Mit dem 
literarischen Umsturzprogramm dieses kühnen Neuerers ist es 
übrigens nicht weit her, wenn er Hermann Sudermann als den 
typischen Vertreter des modernen Dramas bezeichnet und Schiller 
gegenüberstellt. Das geringfügige RafBnement, über welches dieser 
Schauspieler verfügt, reicht für die fertigen Theaterrollen aus, die 
Sudermann geschrieben hat Schon an Sardou's »Marquise« scheitert 
die Technik des Berliner Gastes. Wo Knaack, eme tief humoristische 
Natur, aus dem Vollen gestaltete, sucht sich Herr Reicher einen 
Charakter zusammenzuleimen und seinen natürlichen Mangel an Humor 
mit der Ausrede zu verbrämen, dass er Menschendarsteller, nicht 
Komiker sei. Figuren wie die des Pommeau in Augier's »Arme Löwin« 
sind auf die eine grosse Scene gestellt. Der stereotype Thränenausbruch, 
den unser unnatürlicher Sonnenthal hier anwendet, wie stark wirkt er 
doch neben der kalten, unangenehm polternden Manier, in der der 
langjährig betrogene Ehemann Reicheres seine treulose Gattin anfährt! 
Was verschlägt es, wenn Herr Reicher der äusseren Glaubwürdigkeit 
zuliebe jedem geraden Satze etliche »Hm« beifügt? Solche Gestalten 
liegen eben in der primitiven Leidenschaftslinie der älteren Burgtheater- 
darsteller, mit Complicität ist ihnen nicht beizukommen. 

So besann sich denn Herr Reicher auf seine Reputation und 
führte uns auf »sein« Terrain, indem er für den dritten und letzten 
Gastspielabend ein modernes Drama, Strindberg's »Der Vater« 
wählte. Die Wiener Schauspielkunst hat er hier vollends rehabilitirt, 
Strindberg für Wien ein- für allemal unmöglich gemacht. Herr Reicher 
hatte hier endlich Gelegenheit, zu beweisen, dass er vollständig unfähig 
ist, aus seelischen Tiefen zu schöpfen, dass er, wo das Wort des 
Dichters nur spärliche Anhaltspunkte liefert, aus Eigenem nichts zu 
geben vermag. Hatte er bisher mit einer schlecht angebrachten 
Lebensechtheit operirt, diesmal, im modernen Stück, suchte er sich 
mit abgebrauchten Kniffen zu helfen. Wie ihm die Zwangsjacke die 
Hauptsache an dem Charakter des Rittmeisters zu sein schien, so führte 
er in provinzmässiger Missachtung der Absichten seines Autors einen 
a priori- Wahnsinnigen vor, dem gegenüber das Vorgehen seiner Frau durchaus 
nicht ungeheuerlich erschien und den er mit einer Fluth unbedeutender 
klinischer Detaüs überschüttete. Die Tragik, die wunderbarerweise von 
der verbohrten Einseitigkeit des Strindberg'schen Standpunktes ausgeht, 
verflüchtigte sich, und das mächtige Stück musste in der für theatra- 
lische Zwecke zurechtgelegten Auffassung so anwidernd wirken, wie es 
auf die entweder zu gesunden oder zu neurasthenischen Leute that- 
sächlich gewirkt hat. Die herrlich klaren Gedankensätze Strindberg's 
wurden von Reicher in unverständliche Interjectionen zerhackt und die 
Aeusserungen anschwellenden Gefühles von dieser allesgleichmachenden 
Spielweise zu nebensächlichen Dialogwendungen herabgedrückt. Wie 
Lear vor Goneril, steht der Rittmeister vor seinem Weibe und fleht, 
seinen Verstand behalten zu dürfen. Und wenn dann sein künstlich ge- 
nährter Zweifel an der Geburt des Kindes — »Ja, du hast ihn wie 



DER GEGENWARTSSCHAUSPIELFR. 5Ii 

Bilse&krauttropfen in mein Ofar geträufelt und die Umstände habcM 
ihm Wachsthum verlidienl« — immer lauter wird, gelangt seine Seelen- 
pein zu herzbewegendem Ausdrucke: »Ja, ich weine, obgleich ich ein 
Mann bin. Aber hat ein Mann denn keine Augen? Hat ein Mann 
keine Hände, Gliedo*, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Lebt er nicht 
von derselben Nahrung, wird er nicht von derselben Waffe verwundet, 
fühlt er nicht im Sommo: die Wärme und im Winter die Kälte gerade 
wie das Weib ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir dann nicht ? Wenn ihr 
uns kitzelt, lachen wir dann nicht ? Und wenn ihr uns vergiftet, sterben 
wir dann nicht? Warum sollte ein Mann nicht klagen dürfen?« Von 
dieser furchtbaren Abrechnung vernahmen wir ein paar unartikulirte 
Laute, die Herr Reicher in seiner kaltschnäuzigen Art hinter die 
Coulissen gebellt hat. 

Und dieser Schauspieler, den wir, wenn wir ihn schon dem 
Burgtheater gegenüberstellen müssen, höchstens, was die Unreinheit 
seiner Aussprache betrifft, in Gegensatz zu Herrn Schreiner bringen 
möchten, wird vor unseren Augen zum grossen G^enwartsschauspieler 
hinaufgeschwindelt. Eine Clique, deren Dreistheit nur von der Aus- 
sichtslosigkeit ihrer Bemühungen übertroffen wird, ist unermüdlich am 
Werke, ihn uns als den Modernen kat' exochen aufzuoctroyiren und für 
den effectiven Durchfall des Berliner Schauspielers alle erdenklichen 
Ausreden herbeizuschleppen. Man geht so weit, die Schuld an der 
Minderwerthigkeit der Reicher'schen Darbietungen einer Geschmacks- 
Verschiedenheit des Berliner und des Wiener Publicums zuzuschreiben; 
aber jeder nur halbwegs geübte Theatergänger könnte es bezeugen, 
dass in Reicher nicht der specifisch norddeutsche Schauspieler refusirt 
worden ist und dass überdies die Mundart, die er beherrscht, weit eher 
nach Kolomea als nach Berlin weist Freilich werden wir hier in Wien 
jener leidlich klugen Menschen zuerst überdrüssig, die^ anstatt uns mit 
Hasenhäuteln zu bemogeln, lieber Agenten der Kunst geworden sind und 
uns mit entschieden nasaler Betonung einen Handel mit Seelenzuständen 
offeriren. Diesen flinken Naturalismus der Individualitätslosigkeit haben 
wir an derselben Stelle nach einander an Herrn Bonn, der aber doch mehr 
Theaterblut hat, an Zacconi, der aber der imponirende Techniker ist, und 
unmittelbar vor Herrn Reicher an Antoine genossen. Alle vier sind gleich 
steril, in gleicher Weise unfähig, unsere Schauspielkunst wahrhaft zu be- 
fruchten, und es ist bezeichnend, dass Herrn Reicher^ dem seichtesten 
unter ihnen, dessen Entlarvung uns noch leichter gelingt als ihm die Dar- 
stellung der classischesten Rolle, unter allen Wienern just die sogenannten 
»Kenner« aufgesessen smd. Ihr Führer, Hermann Bahr, erzählt uns, dass 
Reicher hier gesiegt hat, wiewohl wir »auf die Berliner in der Kunst 
kein Vertrauen haben«, und dem Gaste, dessen einzige Neuerung darin 
besteht, dass er sich, wenn ihm das Gefühl versagt, im richtigen Mo- 
mente ein dem Leben abgelauschtes Räuspern einzulegen weiss, rühmt 
er nach, er habe »die neue Art der Jugend, zu denken, zu fühlen und 
es zu äussern, auf die Bühne gebracht«. Wie Alles und Jedes, seitdem 
er Goethe gelesen, hat auch das Auffareten Reicheres Herrn Bsihr »eine 

39 



5l4 KRAUS. 

tiefe Empündung vom Leben« eingegeben. Eine so gewaltsam nach- 
denkliche Natur wie Herr Bahr musste unter der Spielweise des Ber- 
liner Episodisten empfinden, «dass der Mensch doch von selber gar 
nichts ist, sondern Alles werden kann, gut oder böse, edel und gemein, 
glücklich oder elend, wie ihm eben das Schicksal das Zeichen gibt«. 
Dass doch der Kritiker von selber gar nichts ist, sondern Alles werden 
kann, gut oder schlecht, modern oder unmodern, je nachdem, was er 
eben in der vorigen Woche gelesen hat! Auch auf den zu beurtheilenden 
Schauspieler überträgt sich dieser eigenthümliche Subjectivismus ; waren 
Goethe's Gespräche mit Eckermann die Leetüre Hermann Bahr's, so 
erhält der Darsteller eine ganz andere Weltanschauung zugewiesen, als 
wenn er beispielsweise gerade unter HebbeFs Einfluss auf Bahr gespielt 
hätte. — Wenn ich bisher, bei rückhaltloser Anerkennung der ihm inne- 
wohnenden Fähigkeit, sich durchzusetzen, sein literarisches Gehaben 
einigemale verurtheilt habe, so bin ich allenthalben auf Widerspruch ge- 
stossen, indem man mir einwandte. Bahr habe doch Leben in die 
heimischen Literaturverhältnisse gebracht. Ich habe die diesbezüglichen 
Verdienste des Herrn Bahr nie unterschätzt und bin es mir wohl be- 
wusst, dass er, während hierzulande Alles stagnirte, mehrere junge 
Leute angeregt hat, undeutsch zu schreiben, und, ein Hecht im Karpfen- 
teich, auch durch die weimarische Ruhe, die er sich seit etlichen Mo- 
naten gönnt, Bewegung in das junge Oesterreich gebracht hat. Gerne 
sei auch zugegeben, dass er, je weniger er von den Dingen, über die 
•er schreibt, zu verstehen beginnt, desto beliebter wird. Ein gut Theil 
seiner Popularität verdankt Herr Bahr freilich seiner markanten Per- 
sönlichkeit, die er jetzt öfter hervortreten lässt. So las er kürzlich seine 
Skizze »Die schöne Frau« im Bösendorfer-Saale und wiederholte sie 
auf allgemeines Verlangen gelegentlich eines Banketts der »Concordia«] 
er liest sie jederzeit, bei günstiger Witterung auch auf der Terrasse. In 
den massgebenden Kreisen, also bei den Leuten, die bei Schauspieler- 
abenden mitthun, hat sich nach und nach die Ueberzeugung bahn- 
gebrochen, er sei »ein lieber Kerl«, und die ältesten Reporter beginnen 
bereits diesem Standpunkte beizupflichten. Ihm, der über das »Grobe 
Hemd« einen begeisterten Artikel schreibt und bald darauf Strinds- 
berg's »Vater« kurzweg »ein sehr dummes und ganz schlechtes Stück« 
nennt, müssen bald die Sympathien Aller zufliegen. Oder sollte er in der 
Inscenirung des Gegenwartssdiauspielers zu weit gegangen sein ? »Hat man 
das Glück, Reicher in dieser Rolle zu sehen,« ruft er aus, »dann ist 
man bereit, Strindberg für einen Dichter und den »Vater« fiir ein 
Trauerspiel zu halten!« Sollten Versicherungen wie diese auch dem 
wohlwollendsten Leser mit der Zeit lästig werden? Nun, man ver- 
gesse nicht, dass Bahr seinem Reicher, dem Reicher seines Ruhms, 
ein solches Lob, und sei es auch auf Kosten eines Strindberg, schuldig 
ist. Ihm, der alle Welt entdeckt hat, ist es zugestossen, selbst einmal 
entdeckt zu werden; in treuherziger Weise gesteht er es ein, dass 
Reicher es gewesen, der ihn, als Bahr noch »ein kleiner Scribent war, 
von dem man nichts wissen wollte, an der Hand genommen und, ein 



=J 



DER GEGENWARTSSCHAUSPIELER. 5 15 

milder Warner, der weiseste Freund, sanft und sicher geleitet hat«, so 
dass Herr Bahr heute schon ganz allein, ohne Reicheres Führung, Reicher 
loben kann. »Wenn ich doch etwas geworden bin,« fiigt er hinzu, »so 
haben wir es ihm zu danken, und wenn ich jetzt selbst manchen 
Jüngling fördern darf, so habe ich das von ihm gelernt. Er ist mein 
Meister in der guten Kunst des Helfens gewesen. Ich thue nichts, als ihn 
copiren.« Der Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren, hat es aber vor- 
gezogen, einen kleinen Scribenten in den Gebräuchen des Grössenwahns 
zu tmterweisen. 



39^ 



KRITIK. 



Theater an der Wien. 

»Königskinder. «Von Ernst R o s m e r. 
Musik von Humperdinck. 

Wenn man fragt, was denn das 
Fesselnde an dieser rührsamen 
Märchentragödie sei, so kann man 
mit der Antwort gar nicht zögern: 
es ist das Einfache, Schlichte, ich 
möchte sagen :Präraphaelitische. An 
Bume Jones, an Eduard Munch 
muss man denken, an ihre steifen 
und geraden wie hölzernen Ge- 
stalten, wenn man die Kunst der 
Rosmer vernimmt und ihre schein- 
bar naiven, scheinbar ganz achtlos 
zusammengefügten Reime. Unsere 
Zeit bückt, vom Vorwärtshasten er- 
müdet, verlangenden Auges nach 
rückwärts. Aus Raffinement, um 
einen Moment nur zu ruhen, schafil 
sie sich gern eine zweite, fast 
allzu simple, allzu natürliche Natur 
und stürmt dann selbstverständlich 
rastlos und neu gekräftigt wieder 
weiter. So kommt das Werk trotz 
aller Romantik mit seinen festen, 
starken, ungebrochnen Strichen, 
mit seinem König, der in allen 
Lagen König, mit seiner Gänse- 
magd, die selbst als Königsbraut 
den Ursprung nicht verleugnet, so 
kommt es einem echten und wirk- 
lich tiefen Bestreben unserer Cultur 
entgegen, und darin liegt sein 
Werth, sein Sinn wie auch der 
letzte Grund seines mächtigen, 
grossen Erfolges. Weil es so ganz 
tendenzlos, aus reiDer Freude am 
Naiven ein buntes, schiUemdes 



Bild entfaltet, deshalb ist dieses 
Stück uns theuer, und weil wir 
Kinder sein und allem Ballast der 
Cultur entsagen dürfen, deshalb 
empfinden wir es als Erlösung. 
Gerhart Hauptmannes «Versunkene 
Glocke« dröhnt ohne Zweifel wuch- 
tiger und lauter, aber der helle, 
süsse, singende Märchen ton der 
»Königskinder« fehlt ihr fast 
ganz; in seiner weiten Symbolik, 
in seiner Tiefe und Gedankenschwere 
hat Hauptmann's Drama nicht diese 
quellfrische Ursprünglichkeit und 
Grazie; freier, reiner und styl- 
gerechter stehen die harmlosen, 
die »Königskinder« da: denn Mäd- 
chen und Märchen, sie müssen 
naiv sein — oder doch scheinen . . . 
Die Darsteller der Hauptparthien, 
Frau Hohenfels und Herr Christians 
vermochten diesen Ton in meister- 
licher Art zu treffen. Auch Herr 
Josephi als Spielmann sowie Frau 
Stein als Hexe bewiesen hier das 
nöthige Verständnis und eine feine, 
gute Kunst ^. -^• 

Humperdinck's Musik steht 
streng im Gegensatze zur passiven 
Rolle dieser Kunst im Melodrama 
älteren Styles; handelte es sich 
dort nur um ein musikalisches 
Untermalen der gesprochenen Worte, 
so strebt der Componist hier einen 
höheren Rang als den des blossen 
Illustrators an : er will den Vortrag 
^es Schauspielers durch genaue 



^ iil^unung des Tonfalles jeder 

^w*' «.AfTAln DsiiSfi das Kinhaltpn 



regeln. Dass das Einhalten 



KRITIK^ 



517 



dieser Vorschrift praktisch nicht 
durchführbar ist, hat die Auf- 
führung deutlich gezeigt; einige 
der Schauspieler standen den In- 
tentionen des Componisten feindlich 
gegenüber, während bei den andern 
die Rede trotz guten Willens ge- 
zwungen oder geschraubt klang . . . 
Die Compositionsweise Humper- 
dinck's ist bekannt. Ohne eigene 
Individualität und Erfindung, weiss 
der geistreiche Componist — ^ sei 
es durch gelungene Contrapunktik 
seiner (manchmal kurzathmigen) 
Motive, sei es durch blendenden 
Orchesterklang — immer wieder 
zu interessiren. Der Orchesterpart 
bt diesmal ziemlich schwierig. Um- 
somehr Lob verdient Capellmeister 
Müller, der mit seiner Schaar in 
fremdem Fahrwasser sehr gesdiickt 
zu segeln verstand, und besonders 
die Primgeige, deren Balanciren in 
schwindelnden Höhen dem Com- 
ponisten ofifenbar Vergnügen macht. 

Raimund - Theater. Der 

Heiratsmarkt. Drei Acte von 
Emil Marriot 

Ueber dieses Stück lässt sich 
nichts sagen. Was es will und 
meint, ward uns so oft schon ge- 
predigt, dass an ein stofiliches 
Interesse von vorneherein nicht 
zu denken ist. Wir Alle haben es 
schon dutzendmal vernommen, dass 
Liebesehen besser, dass sie schöner 
sind als nüchterne Verstandes- 
heiraten; und wir Alle haben zu- 
gestimmt, mit Worten zugestimmt, 
weil wir nicht wagten, die Zweifel, 
die wir etwa hegten, laut zu 
künden. Und dennoch gaben und 
geben wir heimlich und leise denen 
Recht, die bei der Eheschliessung 
das materielle Moment in Rück- 
sicht ziehen. Wenn die Ehe, wie 



die Gesetze normiren, vor Allem 
der Fortpflanzung, der Erhaltung 
des Menschengeschlechtes dient, 
dann ist im Interesse der Kinder, 
ihrer guten Entwicklung und vollen 
Entfaltung eine sichere Existenz 
der Eltern natürlich geboten. Ja, 
von diesem Standpunkt der Racen- 
entwicklung aus müsste der Ver- 
nunft bei der Eheschliessung noch 
eine weit bedeutendere RoUe zu- 
gewiesen sein. Um thatsächlich 
eine Auslese heranzuziehen, um 
ein möglichst festes, willensstarkes, 
ungebrochenes Menschenmaterial 
zu sichern, müsste der Verstand 
der Eltern geradezu die Körper- 
beschafifenheit, die Gesundheit, die 
Stärke des Schwiegersohnes prüfen. 
Vermögen und Kraft — das müssten 
beide Theile bieten. Erst dann 
wäre die Ehe wahrhaft vernünftig, 
weil sie ihrem Zweck erst dann 
ganz entsprechen könnte... Doch 
wenn man selbst von diesen rein 
stofflichen Bedenken absieht und 
nur die Form betrachtet, das »Wie« 
in diesem Stücke, die Art, in der 
hier die Tendenz vermenschlicht 
wird, auch dann bleibt ein Be- 
dauern nur, weil man ein gutes, 
ernst zu nehmendes Talent nach 
manchen feinen, zärtlichen Nuancen 
sich vor der Masse würdelos ver- 
beugen, eines versöhnlichen Ab- 
schlusses w^en das Reich der 
Logik und der Consequenz ver- 
lassen, das bunte, rohe Gebiet des 
Ungeschmacks und der Bomirtheit 
jäh betreten sieht. (r- L, 

Philipp LANGMANN,Barthel 

Tu ras er. Drama in drei Acten. 
Leipzig. Robert Friese, SeptCto. 
1897. 

Otto Julius Bierbaum schrieb 
über den Verfasser der »Realisti- 
schen Erzählungen«, Philipp Lang- 



5i8 



KRITIK. 



mann : »Wir dürften von ihm wohl 
einen Proletarierroman grossen 
Styles und, was noch mehr wäre, 
das Proletarierdrama er- 
hoffen, das uns gerade deshalb 
fehlt, weil die Leute, die derartige 
Stoffe behandeln, glauben, es Hesse 
sich durch blosse Documentauf- 
reihung leisten.« Was der Kritiker 
vorhersagte, ist nur zum Theile 
eingetroffen : Philipp Langmann hat 
in »Barthel Turaser« ein, wohl 
gemerkt ein, und nicht das ver- 
sprochene Proletarierdrama ge- 
schaffen: Eines unter den vielen, 
deren Gipfelpunkt nach wie vor 
Gerhart Ilauptmann's grösstes Werk 
»Die Weber« bleibt und bleiben 
wird. Wohl führt der Autor in 
seiner beobachtenden und durch- 
dringenden Ameise, die ihn schon 
in den Skizzen: »Arbeiterleben« 
und »Ein jimger Mann von 1895« 
auszeichnete, ein Stück realer Welt 
vor Augen; wohl werden in mar- 
kiger Sprache kluge Gedanken aus- 
gesprochen, und wohl wird auch, 
was Langmann bezweckt, Mitleid 
mit dem Schicksal der arbeitenden 
Parias erzielt — aber als Drama, 
als reines Kunstwerk genommen, 
ist »Barthel Turaser« doch nichts, 
als ein ehrlich gemeinter Beitrag 
zur Erfassung und endgiltigen 
Lösung der wichtigsten Culturfrage, 
der socialen Bewegung. 

Es ist überhaupt kaum zweifel- 
haft, dass jetzt der Moment für 
das abgeklärte, vollendete und ab- 
scliliessende Proletarierdrama noch 
nicht gekommen sei; wenn auch 
die Bewegung im vollen Zuge ist 
— das letzte Wort wurde noch 
lange nicht gesprochen, und voll- 
ends nicht durch Barthel Turaser's 
laut Apostrophen an die indolente 
Bourgeoisie; sie werden verhallen 



wie die Mahnungen so manchen 
grösseren Geistes, der früher schon 
gesprochen und gewarnt. . . 

Alfred Neumann ^ 

HOR ATIUS TRAVESTITUS. E i n 
Studentenscherz. Verlag von 
Schuster & Loeffler, Berlin. 

Ein merkliches Bestreben geht 
durch die Zeit. Zur Ruhe wollen 
wir nach den lauten Kämpfen, zu 
innerer Ordnui^ nach wilder 
Zerrissenheit. Mit weissen Märchen- 
schwingen ist uns der grosse Friede 
vorübergerauscht, und in drängen- 
der Sehnsucht schreiten wir alle 
ihm zu. Wir wollen poetisch werden, 
wie man es heute gerne nennt. 
Der Weg ist weit und steil, aber 
nicht allzufem leuchtet ein Mark- 
stein, in dessen mildem, vornehmem 
Glanz es sich fUr Augenblicke gut 
ruhen lässtr Horaz, der für das 
Leben in der Kunst Versöhnung 
fand, der sein Glück und seine 
Betrübniss, ihre wonnigen Gefahren, 
gleichmüthig in Worte vertheüte 
und zu Rhythmen auszählte, der bei 
fallenden Rosen, bei Classikerwein 
und liebenden Frauen das carpe 
diem und ne quid nimis vereinen 
konnte. Er war ein Friedsamer, 
doch kannte er nur die Windstille 
der Thäler. Die Andacht des 
Höhenfriedens, wo die Stürme 
schweigen, wo uns das Heil winkt, 
blieb ihm fremd. So mag denn 
Einen der Unseren, der weiter muss, 
das Verlangen überkommen, dem 
alten, lieben Herrn, der es sich im 
Grunde so leicht gemacht, einen 
Schlafrock umzuhängen, eine Kna- 
sterpfeife in den Mund zu stecken, 
und ihn bei einem guten Tropfen 
am Stammtisch seine Oden er- 
zählen zu lassen. Es liegt etwas 
Befreiendes darin, die Ueberwin- 
düng des Zurückbleibenden. Darum 



KRITIK. 



519 



bedeutet das schmucke Heft mehr 
als einen Studentenscherz, darum 
muss es in launiger Stunde ein 
Dichter geschrieben haben, der 
aufwärts steigt. H. H, 

Srebrne NOCE. (Silberne 
Nächte.) Lunatica von Ludwik 
Szczepanski. Verlag von F. Bondy 
in Wien und G. Centners zw er 
in Warschau. 1897. 

Die polnische Moderne ist noch 
eine junge, in blühSnder Entfaltung 
begriffene Bewegung, die erfreu- 
licherweise von Stunde zu Stunde 
wächst, und der es bald gelingen 
dürfte, eine umprägende, bahn- 
brechende Evolution herbeizuführen. 
Neben Miriam und Anton Lange 
ist es das Verdienst des in Wien 
wirkenden Ludwik Szczepanski, 
durch feinsinnige Essays und kriti- 
sche Aufsätze wie durch zahlreiche 
Nachdichtungen aus fremden Litera- 
turen das Interesse für diese Be- 
wegung genährt und gefördert zu 
haben. Doch Szczepanski ist nicht 
nur Aesthet und trefflicher Ueber- 
setzer, sondern auch ein Dichter 
von unzweifelhaften Qualitäten. 
»Silberne Nächte«, »Lunatica« be- 
titelt sich ein Band seiner erst 
jüngst erschienenen Gedichte. Es 
sind ferne, stimmungsvolle Verse 
von einer stillen^ schüchternen 
Schönheit, Verse, die von den 
Extasen der Seele, von der fernen, 
bleichen Sehnsucht und der ewigen, 
flammenden Liebe erzählen. Die 
leichte, tändelnde Form vermählt 
sich der wirbelnden Fluth des Ge- 
dankens. Rondo und Rondolett, 
Carillon und Rittomell wechseln 
in angenehmer Folge. Selbst der 
banale Vierzeiler gewinnt an Wir- 
kung. Wir blättern in dem lyri- 
schen Traumbuch eines Phantasten, 
der in stiller Nacht, wenn der Mond 



sein violettes, melancholisches Licht 
gleich einem Silberschleier über 
die Erde breitet, einsame Wiesen 
und verzauberte Gärten durch- 
wandelt, steile Bergeshöhen er- 
klimmt und das Dickicht des 
Waldes aufsucht oder im trau- 
lichen Stübchen den Becher schwingt 
und ihn an den des geliebten 
Mädchens klingen lässt. Aus der 
schimmernden Mondferne weht ihm 
ein Liebeshauch entgegen, der ihn 
trunken macht und sein Blut in 
fiebernd - wilde Wallung bringt. 
Das Mysterium des Traumes er- 
füllt seine Seele, und die weissen 
Maiblumen und die bleiche Nacht- 
viole, die müden Akazien und die 
glühendrothen Rosen, die strahlen- 
den Bronnen und die marmornen 
Nymphen träumen mit ihm. »Einer 
Femen, Unbekannten« ist sein Lied 
gewidmet. Er nennt es eine in der 
*Liebesumarmung halb welk ge- 
wordene Zauberblume, die er vom 
Schosse einer „verwunschenen Kö- 
nigstochter" geraubt; er vergleicht es 
mit einem blassen, traumgeküssten 
Kind der Stadt, das nach Ruhe 
lechzt und sich aus dem dumpfen 
Gewühl in einen Zauberhain rettet, 
wo im Schatten der Bäume die 
Satyrn lächeln tmd auf dem weiten 
Wiesenplane die Elfen ihren Reigen 
tanzen, und das erst wenn die 
Abendnebel die Stadt verhüllen, halb 
traumverklärt, halb ironisch lächelnd 
zurückkehrt. Nicht nur das lyrisch 
Weiche und Zarte ist des Dichters 
Eigenart; er liebt auch das Gro- 
teske, das Lachen des Harlekin 
wie die blaue Blume der Romantik. 
Paul Verlaine und Albert Giraud 
dürften seine Meister gewesen 
sein. Dennoch versteht er es^ seine 
Individualität zu wahren, und gleich 
Tetmajer und Przesmycki wird auch 



S20 



KRITIK. 



CT seinen Weg finden. Wir 

haben in dem vornehmen Buche 
zu £nde geblättert und wenden 
ims zum wiederholtenmale dem 
entzückend-Bchdnen Titelbilde zu, 
das Heinrich Rauchinger, der be- 
kannte Wiener Künstler, gemalt. 
Es ist in Pastellfarben ausgeführt 
und wirkt durch seinen intimen 
Reiz und den von jeder Manier 
und Schablone freien subtilen 
Charakt^rzug. Wir sehen nichts 
als em paar krampfhaft verzogene 
Hände, die im fieberhaften Ver- 
langen nadi der Mondscheibe 
greifen und die weissen, schimmern- 



den Sterne vergebens zu erhaschen 
suchen; wir sehen nichts als die 
sehnsüchtig gekrümmten Finger 
und die silberne, zitternde Mond- 
fiäche mit dem strahlenden Sterne - 
reigen. Eine eigenartige, tiefe Poesie 
erfüllt das kleine, sdieinbar unbe- 
deutende Blatt. Wie geheimnissvoll 
bange muthet uns der dunkle, 
bläuliche Grundton an! Wie von 
weichen Traumfittigen getragen, 
schimmert durch einen feinen 
Silberschleier der Titel des Baches 
hindurch: Lunatica. 

Leo Grünstein, 



HerauBgober und Terantiroitlicii, 






^: Hudolf StrauBs. 



i 



« 



Y^iener {Rundschau 



1. J U N 1 1897. 



BEKENNTNISSE. 

Scherz in französisdiem Styl von PeTER NANSEN (Kopenhagen). 

(Ans dem Manuscript übersetzt.) 

Liebe Freundin! 

Sie fragten mich eines der letztenmale^ als wir uns 
sahen, mit jener sanften Nachsicht, die einen besonderen 
Charakterzug Ihrer liebreizenden Persönlichkeit bildet, ob mir 
irgend etwas fehle. Sie meinten, ich sei nicht so heiter und 
fröhlich wie sonst, wenn ich mit Ihnen zusammen bin. 

Ich antwortete mit einer der gesellschaftlichen Lügen, 
die wir civilisirten Menschen stets bei der Hand haben. Ich 
schützte — glaube ich — Verstimmtheit vor über einen Zu- 
sammenstoss, den ich mit einem Droschkenkutscher gehabt 
hatte, der mich übervortheilen wollte, und mit einem Schutz- 
mann, der die Partei des Droschkenkutschers nahm. Im 
Uebrigen erfand ich diese Geschichte, die ich in allen ihren 
unangenehmen Einzelheiten ausmalte, keineswegs. Die Ge- 
schichte war mir wirklich im vorigen oder im vorvorigen 
Jahre einmal passirt, und während ich sie erzählte, erstand 
die ganze Begebenheit wieder so lebhaft in meiner Erinne- 
rung, dass ich meine langst verjährte Wuth von Neuem auf- 
flammen fühlte. Es gibt nämlich nichts, was meine Würde 
als Culturmensch tiefer kränkt, als wenn ein Droschken- 
.kutscher oder ein Dienstmann sich eine unerlaubte Einnahme 
auf meine Kosten machen will, und es gibt nichts, was meine .\ 

40 



522 NANSEN. 

Nerven als steuerzahlender Bürger in dem Grade vor Er- 
bitterung erzittern macht, als wenn ich so einem gewöhn- 
lichen Kerl von Schutzmann, dessen Benehmen ich nicht 
nach Verdienst massregeln kann, ohne Gefahr zu laufen, auf 
die Polizeistation gebracht zu werden, machtlos gegenüber- 
stehe. Ich glaube denn auch, dass ich kühn behaupten kann, 
meine Rolle gut gespielt zu haben. Ich konnte es Ihnen an- 
sehen, dass Sie mir glaubten. 

Heute nun ist es meine Pflicht, Ihnen die wahre Er- 
klärung zu geben, sowohl für meine Verstimmtheit bei der 
besagten Gelegenheit, wie auch für den abnehmenden Eifer, 
Ihre liebenswürdige Gesellschaft zu geniessen, den Sie trotz 
meines standhaften Widerspruchs im Laufe dieser letzten 
Monate wiederholt constatirt haben. 

Liebe Freundin, deren vorurtheilsfreies Verständniss ich 
zu bewundern so oft Gelegenheit gehabt habe, Sie, die Sie 
so überlegen sind in der Beurtheilung der Menschen und des 
menschlichen Treibens, Sie, die Sie mir so viele unvergess- 
liehe Stunden geschenkt haben, ohne die kleinliche Berech- 
nung, mich dadurch auf ewige Zeiten zu verpflichten, wie Sie 
mich auch niemals mit der Hoffnung zu täuschen versuchten, 
dass Ihre Zuneigung mir als Erb und Eigenthum geschenkt 
sei, Sie werden vielleicht einen Augenblick lang ein klein 
wenig Wehmuth über das empfinden, was ich Ihnen jetzt mit- 
zutheilen habe, Sie werden vielleicht • — ich bin so egoistisch, 
es zu hoffen — meinen Brief mit einer Thräne netzen (auch 
meine Augen bethauen sich, während ich dies schreibe), aber 
Sie werden genügend Rechtschaffenheit und Charakterstärke 
sowie Hingebung für mich besitzen, um zu sagen: »Es musste 
ja einmal so kommen, früher oder spater ! Und es ist wohl 
das Beste für uns beide, dass es jetzt kommt.' 

Was Sie, liebe Freundin, in diesen anderthalb, ja bei- 
nahe zwei Jahren für mich gewesen sind, brauche ich nicht 
zu sagen. Sie sind für mich die Erquickung und die Be- 
ruhigung gewesen, ohne die ich. müde und enttäuscht, wie 
ich war, als ich Ihre treue Be^afintsciia-it machte, das Leben 
kaum zu leben werth gefmjj hätte. Wenn ich an Sie 
denke, so erscheinen Sie mir Xf- e barmherzige Schwester. 

Sie fanden mich verwundet /^^/'^'bel zugerichtet auf dem 



BEKENNTNISSE. 5^3 

Mälplatz des Lebens. Sie führten mich in Ihr Lazareth; ver- 
banden meine Wunden, linderten meine Schmerzen, ver- 
scheuchten mit Ihrer weichen Hand den Mlssmuth von meiner 
Stirn, gaben mir durch Ihre liebevolle, schonende Behandlung 
den Lebensmuth wieder. 

Niemals kann ich vergessen, was Sie mir gewesen sind. 

Nicht wahr? — Sie waren eine barmherzige Schwester 1 
eines jener seltenen aufopfernden Wesen, die der liebe Gott 
in seiner Gnade der irrenden Menschheit gesandt hat. Sie 
wussten, dass an dem Tage, an dem die Wunden geheilt 
waren, der Krieger zu neuen Kämpfen und neuen Siegen 
ausziehen würde. 

Oft haben wir ja am Kamin gesessen und davon geplaudert, 
dass die Stunde kommen würde und müsse, in der wir ein- 
ander die Hand zum Abschied reichten. Wir wussten, dass 
das Verhältniss, das wir eingingen: ich ein Soldat omd Sie 
eine barmherzige Schwester, nicht auf die Ewigkeit berechnet 
sei. Wir wussten das, auch ohne die weltlichen Hinderungen 
in Betracht zu ziehen, die sich unserm dauernden Glück 
entgegenstellten. Sie begriffen, dass den Soldaten eines schönen 
Tages neue Heldenthaten locken müssten. Und ich war nicht 
selbstsüchtig genug, zu glauben, dass eine barmherzige 
Schwester sich der Pflege und der Wartung eines Einzigen 
widmen darf. 

Was ich mir vorwerfe, ist, dass ich Sie nicht darauf 
vorbereitet habe, dass die Stunde der Trennung herannahte. 
Sie werden mir verzeihen, wenn Sie hören, dass ich einzig 
und allein gezögert habe, weil ich es nicht wagte, Ihnen 
Kummer zu bereiten. Ich bin ein Mann, und ich kann viel 
ertragen. Nur Eins nicht — Sie leiden zu sehen. 

Liebe Freundin, das junge Mädchen, das in acht Tagen 
meine Gattin wird, ist ein so engelsfrommes, sanftes Wesen, 
dass Sie sie unwillkürlich lieben würden, wenn Sie sie 
kennten« Sie wird mich glücklich machen, seien Sie über- 
zeugt davon, und ich werde sie lehren, Ihr Andenken zu 
segnen. 

Ihr Vater, der steinreiche Banquier H., hat vorläufig 
meine Schulden bezahlt. Er wird es billigen — . denn er ist 
ein vollendeter Cavalier — dass ich diese Zeilen mit dem 

40* 



524 NANSEN. 

kleinen Schmuck begleite, den wir neulich gemeinsam be- 
wunderten, als wir aus dem Theater kamen. 

Indem ich die edlen Steine um Ihren blendenden Nacken 
schlinge, winde ich zu Ihrem Andenken einen Kranz aus 
Lächeln und Thränen, dem Lächeln unseres Zusammenlebens, 
den Thränen unserer Trennung. 

Ihr stets getreuer 

Freund. 

« 

Lieber Freundl 

Ihr Brief hat mich sehr gerührt. Ich verstehe, was es 
Sie gekostet hat, ihn zu schreiben. Ich schätze zehnfach die 
Ehrlichkeit, die Ihnen nicht gestattete, zu schweigen. Und 
ich kenne Ihr edles Herz hinreichend, um zu wissen, dass 
Sie auch Werth auf 0£Fenheit von meiner Seite legen 
werden. 

Es würde feige von mir sein, wenn ich nicht Gleiches 
mit Gleichem vergelten wollte. Umsomehr, als Sie in 
Ihrem Briefe etwas berühren, was mich lange gequält hat. 
Sie erwähnen jenes Abends, an dem ich Sie besorgt fragte, 
ob Sie sich nicht wohl fühlten. Und Sie erzählten halb 
scherzend, halb wehmüthig Ihre sinnreich erfundene Fabel 
von dem Droschkenkutscher imd dem Schutzmann. 

Wohlan, lieber Freund, lassen Sie mich Ihnen gestehen, 
dass der Grund, weswegen ich Sie fragte, ob Ihnen etwas 
fehle, der war, dass zwei Minuten, ehe Sie zu mir kamen, 
der Mann, den ich in vierzehn Tagen heiraten werde, 
der steinreiche Banquier H., mich verlassen hatte. Ich 
fürchtete, dass Sie ihm auf der Treppe begegnet seien, und 
dass dies der Grund zu Ihrer Verstimmtheit sei. 

Mein lieber Freund, Ihr künftiger Schwiegervater, mein 
zukünftiger Gatte, ist ein so hochherziger Mann, und sein 
Vermögen ist so enorm, dass Niemand von uns Furcht zu 
hegen braucht. 

Ich meine, es wird am besten, sowohl mit Ihren wie 
mit meinen Gefühlen und Interessen übereinstimmen, wenn 
ich nicht auf Ihrer Hochzeit ersch^^^^* 

Wahrend Sie und Ihre jV^ ^ Frau ihre Flitterwochen 
in Italien verleben, lassen Xh^, ^^hwieg^tvater und ich in 



BEKENNTNISSE. $2^ 

aller Stille die Kirche unseren Bund segnen. Vielleicht 
treffen er und ich Sie und Ihre Frau in Venedig" und Nizza^ 
vielleicht werden wir uns erst sehen, wenn die Saison in 
der Stadt beginnt. 

Jedenfalls können Sie überzeugt sein, dass ich Ihrer 
entzückenden Frau, meiner Tochter, und Ihnen, meinem 
Schwiegersohne, n\|t den herzlichsten Gefühlen begegnen 
werde. 

Haben Sie Dank, tausend Dank für den bezaubernden 
Halsschmuck, den ich ja, ohne ein Unrecht gegen meinen 
Mann zu begehen, auf meiner Hochzeit tragen kann. 

Ihre Sie liebende 

Freundin und Schwiegermutter. 



BLANCHE. 

I. 

Ich liebe dich wie eine weisse Blume, 
Die man im Grüne theurer Gräber fand, 
Denn früh entsagte ich der Lust, dem Ruhme. 

Die Kindheit wich an sängelosem Strand 
Wie eine Nacht, durchglüht vom Sonnengolde 
Des Traumes aus der Sehnsucht buntem Land. 

Du weckest Saitenspiel, und deine holde — 
Der Jugend Spur erfüllt den lichten Raum: 
Ein Duft ein Band und eine Fliederdolde. 

Ln Garten steht ein dunkler Eibenbaum, 

Er lauscht und rauscht von fernem Alterthume; 

Ich singe Nachts in deinen stillen Traum. 

Er lauscht und rauscht mein Lied im stillen Traum: 
Ich liebe dich wie eine weisse Blume. 

IL 

Das lichte Birkengrün an Sonnentagen 
Erzittert in der Winde scheuem Kosen, 
Die schweren Glockenklang herübertragen, 

Ein Ton, der an des Klosters dunkle Rosen, 
An qualmerfüllter Krypten güldne Pracht 
Gemahnt und an das Weh der Liebelosen. 

So zieht ein Beben durch die Frühlingsnacht 

In deiner Seele, zart wie Birkenreis 

(Bis sie zum grossen Sommerrausch erwacht), 

Bei alter Lieder Klang, die klar und leis 
Anheben, dann von bangen Schauern klingen 
Und Leben hauchen, Leben wirr und heiss. 

Den Wünschen gleichend, die im Busen singen. 
Nur halb erwacht, noch halb in starrem Tod. — 
Doch tragen dich der Dämmrung Silberschwingen, 

Dann schaust du wissend in das Abendroth. 

(Paris.) Oscar A. H. Schmitz. 



SONNENUNTERGANG. 

Von Emil SCHAEFFER (Wien). 

»Giardino publice I avanti^ Signorill« Sie stiegen langsam 
aus dem kleinen Dampfer ans Land. Er reckte sich, blickte 
sich um wie prüfend, blätterte im Baedecker und las laut: 
»Der Giardino publice, ein hübscher Volksgarten, 1807 durch 
Abbruch mehrerer Kloster von Napoleon I. geschaffen. Am 
südlichen Ende ein Hügel mit einem kleinen Kaffeehaus •.« 

Dann schritt er zur nächsten Bank. 

»Wollen wir denn nicht durch den Park gehen?« 

»Offen gestanden, nein; ich bin ein bischen müde von 
dem Kirchendurchlaufen, und einen schöneren Platz zum 
Sitzen können wir ja unmöglich finden. . .« 

Er gähnte, räusperte sich zweimal, dann zog er sein 
Journal aus der Tasche und begann zu lesen... 

Und sie starrte in den Abend... 

Flimmernder, gleissender Sonnenpurpur lag auf den 
Fluthen; in goldenen Duft schien das Meer getaucht; hell- 
schimmernde Strahlennetze spannen sich um San Marcos 
Wunderbau; wie ein dünnes, unendlich zartes, durchscheinendes 
Seidengewand schmiegte sich der Abend an die Kuppeln; 
ein flüssiger Feuerball war aus der Kugel der Dogana 
geworden; von San Zaccaria weinten schluchzende Abend- 
glocken ...weit draussen am Meer stand ein rothes, ein 
brennrothes Segel, und ganz in verlorener Feme verschwamm 
der graue Rauch eines Dampfers im blauen Silber des Hori- 
zontes. . . Farben. . . Farben. . . Glanz. . . Duft. . . Süden. . . ! ! 

An ihre Mutter dachte sie plötzlich, wie sie mit ver- 
härmter Stimme zu ihr gesagt: »Wenn du einmal mit dem Mann, 
den du liebst, im Giardino publico sitzen wirst und die Sonne 
geht unter, dann hast du das Paradies auf Erden . . . « Sie 
schielte mit einem bösen, hässlichen Blick auf den Mann, der 
ihr zur Seite sass . . . Mit dem Mann, den du liebst . . . Um 
ihren Mund zuckte es, aber kaum merklich . . . 



528 SCHAEFFER. 

»Du, was ich las, der Gustav ist endlich aus seinem Nest 
versetzt worden, nach Wien sogar, hier steht' s im Verordnungs- 
blatt.« 

»So. . .« 

»Ja, freut dich so was denn gar nicht? Er ist doch 
eigentlich dein Cousin!« 

»Ja, es freut mich . . . « 

. .. Stille. . . 

Er las und sie starrte in den Abend . . . 

. . . Künstlerin sein, . . . die Brücke schlagen können 
vom dürren, harten Boden der Wirklichkeit zum blühenden 
Traumland und dann über die leichte Brücke schreiten . . . 
eine Konigin im wallenden Purpurkleid, Rosen, heisse, 
dunkle, in's Haar gekränzt . . . dann konnte sie's vielleicht 
ertragen... vielleicht... das andere Land, die Insel der 
Seligen fühlen, ahnen, fiebernd ersehnen... aber so.,, 
nie. . . nie. .^ 

Er stand auf, faltete die Zeitung und schob sie in die 
Tasche. 

»Du willst schon gehen? und der Sonnenuntergang? Wir 
sind doch seinetwegen hergekommen.« 

»Ja, Kind, aber ich will dem Gustav heute noch gratuli- 
ren; es wird ihn freuen, dass wir auch in der Feme an ihn 
denken.« 

»Geht das denn wirklich nicht später?« 

»Nein; Abends kann ich nicht schreiben, denn die Post 
wird schon um 8 Uhr ausgehoben, und zur Table d'höte mag 
ich auch nicht zu spät kommen, das ist Parvenu-Noblesse.« 

• . . Sie neigte stumm das müde Haupt. . , 

»Mit dem Mann, den du liebst« . . . das verfolgte sie, die 
sechs Worte, wie ein Coupletrefrain, wie ein Gassenhauer . . . 

Mit dem Mann, den du liebst... 

Sie wusste selbst nicht, warum und wieso, plötzlich 
brach sie einen zarten, weissblühenden Akazienzweig, führte 
ihn zum Mund, küsste ihn, küsste ihn heiss und lange. 

»Was machst du denn da? Die Leute schau'n ja schon her!« 

In ihrem grauen, sonst so kalten Blick stand einen 
Augenblick etwas wie mordender Hass, wie Gier nach Blut. . . 

»Ich nehme Abschied,« keuchte sie mühsam. 



SONNENUNTERGANG. 529 

»Abschied? wovon denn?« 

»Nur von einem Traum!« 

Seufzend reckte er sich wieder und zog die Weste 
gerade. 

»Ach; du könntest es doch so gut und bequem haben^ 
wenn du nur nicht immer so überspannt sein wolltest!«.... 

»Mit dem Mann, den du liebst...« 



DREI CARTONS VON SASCHA SCHNEmER. 

(Von der Dresdener Galerie angekauft.) 
Stimmungen von HaNS VON BASEDOW. 

I. 

Oede ringsum — furchtbare, todesgraue Oedel Und 
schauerliches Schweigen — 

Wie rothgeweinte Augen zwei glühende Punkte. 

Die grinsenden Augen der Schuld, die weinenden Augen 
der Schuld. Denn die Schuld ist's, die sich freut über ihr 
Wesen, denn die Schuld ist's, die Thränen über sich selbst 
vergiesst. 

Und mitten in der Oede ein Mann gefesselt, wehrlos 
das Haupt gesenkt. 

Und vor ihm die Tatzen der Schuld, ihn umklammernd 
von Weitem und doch sicher unentrinnbar. 

Und Oede ringsum, furchtbare, todesgraue Oede. Und 
Oede im Herzen des Schuldigen, der dasteht gebeugt und 
doch stark — denn die Schuld ist's, die beugt und nieder 
schmettert, denn die Schuld is'ts, die stark macht. 

Wer will sagen, was Schuld ist? Was die wahre Schuld? 
— Niemand und Nichts! Ist Schuld vor den Gesetzen Schuld? 
Schuld vor den Menschen Schuld? Schuld vor Gott Schuld? 

Es gibt nur eine Schuld, die Schuld vor sich selbst! 

Oede ringsum, furchtbare, todesgraue Oede — und in 
ihr der Schuldige — der Schuldige vor sich selbst. Und 
diese Schuld grinst ihn an — höhnend, weinend, siegesfroh, 
trauernd. — Oede ringsum, Oede im Herzen, Oede — 

IL 

Und wieder ein Schuldiger — schuldig vor den Men- 
schen, schuldig vor den Gesetzen, schuldig vor Gott. Aber 
schuldfrei vor sich selbst! 

Da steht er kühn und frei, erhoben die glimmende Bombe, 
um zu zerschmettern das Götzenbild. 



DREI CARTONS VON SASCHA SCHNEIDER. 53 1 

Und Alles ist Götzenbild, was den Menschen unfrei 
macht — SO ist er schuldig vor Allen, nur nicht vor sich 
selbst. 

Finster und ernst und kalt starrt ihn das steinerne 
Götzenbild an — sicher und siegesgewiss. 

Steinern und hart liegt es vor ihm — es ist die Un- 
freiheit, die Unwahrheit, die Blödheit, die Tödtung des Selbst. 

Und sie will er vernichten, der dasteht in seiner kühnen 
Mannheit. Sein Geschoss glüht und brennt, das er in der 
Hand schwingt, zu vernichten die Lüge, die Unfreiheit, die 
Götzen — 

Vergebener Kampf 1 Das Geschoss fliegt hinaus — aber 
der steinerne Moloch liegt da — ruhig, kalt, hart, finster wie 
zuvor — und vernichtet ist der freiheitsdurstige Mensch, der 
Kämpfer für Wahrheit, schuldig vor den Gesetzen, schuldig 
vor Gott — aber schuldfrei vor sich selbst. 

III. 

Nacht — heilige, schweigende Nacht. Am Himmel 
blinken die Sterne friedevoll, ruhig, mild. 

Und es blickt zum Himmel das Weib, der Quell, das 
Symbol der Menschheit, fragend und sehnend, gelehnt an 
die grosse Sphynx, den Thierleib mit dem seltsamen Weib- 
antlitz, gelehnt an die grosse Frage, die glühend und be- 
gehrend und räthselhaft ist, wie das Weibantlitz, die grosse 
Frage, die nur eine Antwort findet: den Thierleib. 

Die grosse Frage: Warum gibt es eine Schuld? Und 
der Mensch blickt gen Himmel, der daliegt in unerg^nd- 
licher Klarheit und Reinheit, friedlich und mild. 

Ringsum Natur — und in der Natur gibt es keine 
Schuld. Steh da, du Mensch, und frage die Natur, sie wird 
dir keine Antwort geben — Schuld gibt es nur, wo es 
Menschen gibt. 

Frage nicht den Himmel und die blinkenden Sterne, 
wende dich um, Mensch, sieh dir an deine Frage, das selt- 
same Weibantlitz, sieh dir an die Antwort: den Thierleib. — 

Heilige, schweigende Nacht — am Himmel blinken die 
Sterne, friedvoll und ruhig und mild. 



DER LEHRER. 

NoveUe von ANTON TSCHECHOFF (Petersburg). 

Uebenetet von J. W. 
Fortsetzung. 

Nikitin wohnte unweit von Schelestoff in einer Wohnung von 
acht Zimmern, die er um dreihundert Rubel jährlich zusammen mit 
Ippolit Ippolititschy dem Lehrer für Geographie und Geschichte, ge- 
miethet hatte. Dieser Ippolit Ippolititsch, ein noch nicht alter Mensch 
mit einem rothen Bärtchen, stumpfer Nase, mit einem ziemlich ordinären 
und unintelligenten, handwerkerartigen, aber gutmüthigen Gesicht, sass, 
als Nikitin jetzt nach Hause kam, am Schreibtisch und corrigirte geo- 
graphische Schulzeichnungen. Für das Wichtigste und Nothwendigste in 
der Geographie hielt er die Landkartenzeichnungen, in der Geschichte 
— dieKenntniss der Jahreszahlen; er sass ganze Nächte hindurch und 
corrigirte mit blauem Bleistift die Landkarten seiner Schüler und 
Schülerinnen oder stellte chronologische Tabellen zusammen. 

»Was heute für ein herrliches Wetter istl« sagte Nikitin, bei ihm 
eintretend. »Ich begreife nicht, wie Sie im Zimmer sitzen können!« 

Ippolit Ippolititsch war kein gesprächiger Mensch ; entweder schwieg 
er oder sprach über etwas, was Allen längst bekannt war. Jetzt ant- 
wortete er: 

»Ja, ausgezeichnetes Wetter. Jetzt sind wir im Mai, bald werden 
wir den echten Sommer haben. Und der Sommer ist etwas Anderes 
als der Winter. Im Winter muss man den Ofen heizen, im Sommer 
ist es auch ohne Ofen warm. Im Sommer öffnet man des Nachts die 
Fenster, und es ist doch warm, im Winter hat man Doppelfenster, und 
es ist doch kalt.« 

Nikitin sass einen Augenblick am Tische, dann wurde es ihm 
langweilig. 

»Gute Nacht,« sagte er, sich erhebend und gähnte. »Ich wollte 
Urnen etwas Romantisches erzählen, das mich angeht, Sie aber sind 
doch die reine Geographie. Man beginnt mit Ihnen von Liebe zu 
sprechen, und Sie sagen darauf: »In welchem Jahre war die Schlacht 
an der Ralka?« Scheeren Sie sieb sammt Ihren Schlachten und den 
Franz Josefs-Inseln zum Teufeil« 

»Warum sind Sie denn böse geworden?« 

»Es ist zu ärgerlich!« 

Es ärgerte ihn, dass er sich Manioussia noch nicht erklärt hatte 
und mit keinem Menschen von seiner Liebe sprechen konnte; er ging 
in sein Arbeitszimmer und legte sich aufs Sofa. Im Zimmer war es 



DER LEHRER^ 533 

dunkel und still. Während er so dalag und ins Dunkle sah, dachte er 
aus irgend einem Grunde daran, wie er in zwei bis drei Jahren nach 
Petersburg fahren, wie Manioussia ihn auf den Bahnhof begleiten 
und weinen, wie er in Petersburg einen langen Brief von ihr bekonunen 
wird, in welchem sie ihn beschwört, bald nach Hause zu kommen. 
Und er wird ihr auch schreiben . . . Seinen Brief beginnt dann so : 
Meine liebe Ratte. . • 

»Gerade so: meine liebe Ratte,« sagte er und lachte. 

Es war ihm unbequem zu liegen. Er schob die Hände unter den 
Kopf und zog den linken Fuss auf die Sofalehne herauf. Das war be- 
quem. Inzwischen wurden die Fensterscheiben bemerkbar weisser, im 
Hofe braunen die schläfrigen Hähne zu krähen... Nikitin dachte 
nun daran, wie er aus Petersburg zurückkehren werde: Manioussia 
erwartet ihn auf dem Bahnhof und wirft sich ihm mit einem Freuden- 
schrei an den Hals; oder noch besser: er stellt es schlau an — kommt 
in der Nacht, die Köchin öffnet ihm, er geht leise auf den Fussspitzen 
ins Schlafzimmer, zieht sich geräuschlos aus und — bums ins Bettl 
Sie erwacht und ach — die Freude 1 

Die Luft ist schon ganz weiss geworden. Das Arbeitszimmer und 
das Fenster verschwanden. Auf der Treppe der Bierbrauerei, an der 
sie heute vorbeigeritten sind, sass Manioussia und sagte etwas. Dann 
nahm sie Nikitin an der Hand und führte ihn in den Garten. Da sah 
er die Eichen und die Rabennester, welche wie Mützen aussahen. Ein 
Nest fing an sich zu schaukehi, Schebaldin schaute daraus hervor und 
rief laut: »Sie haben Lessing nicht gelesen!« 

Nikitin fuhr zusammen und öfinete die Augen. Ippolit Ippolititsch 
stand am Sofa und band, den Kopf nach rückwärts gebogen, seine 
Cravatte. 

»Stehen Sie auf, es ist Zeit, ins Gymnasium zu gehen...« sagte 
er. »In Kleidern ist auch nicht gut zu schlafen. Davon werden die 
Kleider verdorben. Man muss im Bett und ausgezogen schlafen.« 

Und er begann, wie immer, lange und mit Müsse zu erzählen, 
was Allen längst bekannt war. 

Die erste Lection — Russisch — hatte Nikitin in der zweiten 
Gasse zu geben. Als er Punkt 9 Uhr in die Classe eintrat, sah er 
auf der schwarzen Tafel zwei grosse Buchstaben mit Kreide geschrieben: 
M. S. Das hiess wahrscheinlich Masche Schelestoff. 

«Haben's schon herausgespürt, die Taugenichtse. . . « dachte Nikitin, 
»woher wissen sie Alles?« 

Die zweite Lection war Literaturgeschichte in der Fünften. Auch 
hier stand auf der Tafel geschrieben: M. S., und als Nikitin nach 
Schluss der Stunde aus der Classe gihg, hörte er hinter sich ein Ge- 
johle wie von der Theatergalerie: »Hurrraah Schelestowal« 

Vom Schlafen in den Kleidern hatte er Kopfweh, und der Körper 
verging ihm vor Trägheit. • • Die Schüler, die die Ferien nicht mehr 
erwarten konnten, lernten nichts, langweilten sich und wurden über- 
müthig vor Langweile. • • Nikitin langweilte sich auch, beachtete 



534 TSCHECHOFF, 

das Treiben der Schüler nicht und ging jeden Augenblick zum Fenster. 
Er sah die Strasse von der Sonne hell erleuchtet. . . Ueber den Häusern 
der durchsichtige blaue Himmel, Vögel und weit, weit hinter den 
grünen Gärten und den Häusern die unendliche, weite Feme mit den 
bläulichen Wäldern und den aufsteigenden Rauchwölkchen vom Eisen- 
bahnzug. . . 

Da gehen im Schatten der Akazien zwei Officiere in weissen 
Uniformen, mit Reitgerten die Strasse entlang... Da fahren in 
einem Omnibus eine Menge graubärtiger Juden in Mützen. . . Eine 
Gouvernante spaziert mit der Enkelin des Directors. . . Som läuft mit 
zwei Hofhunden irgend wohin . . . Und da geht Warja vorbei in einem 
einfachen grauen Kleidchen und rothen Strümpfen, den »Wjestnik 
Ewropp« in der Hand haltend. Sie war wahrscheinlich in der städti- 
schen Bibliothek. . . 

Die Stunden sind nicht so bald zu Ende — um 3 Uhrl Dann 
kann er nicht so nach Hause oder zu SchelestofiTs gehen, sondern 
muss zu Wolf zur Stunde. Dieser Wolf, ein reicher Jude, der lutherisch 
geworden war, schickte seine Kinder nicht ins G3annasium, sondern 
liess sie von Gymnasiallehrern zu Hause unterrichten und zahlte 5 Rubel 
die Stunde . . . 

»Langweilig, langweilig, langweilig 1« 

Um 3 Uhr ging er zu Wolf und sass dort eine ganze Ewigkeit, 
wie es ihm schien. Er ging da um 5 Uhr fort, nach 6 musste er 
wieder ins Gymnasium zu einer Sitzung des Schulausschusses — um 
die Eintheilung der Examina fUr die vierte und sechste Classe fest- 
zustellen! 

Als er, spät Abends, aus dem Gymnasium zu Schelestoff schritt, 
klopfte ihm das Herz und sein Gesicht glühte. Eine Woche und einen 
Monat lang bereitete er jedesmal,' als er sich erklären wollte, eine 
ganze Rede mit Vor- und Nachworten vor, heute hatte er kein einziges 
Wort in Bereitschaft, in seinem Kopf gmg Alles durcheinander, und er 
wusste nur, dass er heute ganz bestimmt Alles sagen würde und dass 
keine Möglichkeit war, noch länger zu warten. 

»Ich werde sie in den Garten bitten,« nahm er sich vor, »werde 
mit ihr ein wenig spazieren gehen und mich dann erklären.« 

Im Vorzimmer war keine lebendige Seele; Nikitin ging in den 
Salon, dann ins Wohnzimmer. . . Hier war auch Niemand zu sehen. 
Man hörte Warja im zweiten Stock mit Jemandem streiten und die 
Hausschneiderin im Kinderzimmer mit der Scheere klappern. 

Es gab im Hause ein Zimmerchen, das drei Benennungen hatte: 
das kleine, das dunkle und das Durchgangszimmer. . . Hier stand ein 
grosser alter Schrank mit Arzneien, Schiesspulver und Jagdutensilien. 
Von da führte zum zweiten Stockwerk eine schmale Holztreppe, auf 
der immer die ELatzen schliefen. Von der Treppe aus ging eine Thür 
ins Kinderzimmer, die andere ins Wohnzimmer. Als Nikitin hier ein- 
trat, um hinauf zu gehen, öfhiete sich die Thür des Kinderzimmers 
und wurde so heftig zurückgeschleudert, dass der Schrank und die 



DER LEHRER. 



535 



Stiege erzitterten; Manioussia kam in einem dunklen Kleide herein- 
gestürzt, ein Stück blauen Stoffes in den Händen haltend, und huschte, 
ohne Nikitin zu bemerken, zur Treppe vorbei 

»Warten Sie. . .« hidt sie Nikitin auf. »Guten Tag, Godfrua. . . 
erlauben Sie ... « 

Er keuchte, wusste nicht, was sagen; mit einer Hand fasste er 
ihre Hand, mit der anderen — den blauen Stoff. . . Sie war halb 
erschreckt und halb verwundert und sah ihn mit grosssen Augen an. 

»Erlauben Sie « fuhr Nikitin fort, fürchtend, sie könnte weg- 
gehen. »Ich muss Ihnen etwas sagen... Bloss... Hier ist es un- 
bequem. Ich kann nicht, bin nicht imstande. . . Verstehen Sie, God- 
frua, ich kann nicht. . . Das ist Alles. . .< 

Der blaue Stoff fiel zu Boden, Nikitin fasste Manioussia an der 
anderen Hand. . . Sie erblasste, bewegte die Lippen, wich dann zurück 
und befand sich plötzlich im Winkel zwischen der Wand und dem 
Schrank. 

»Mem Ehrenwort, ich versichere Sie. • . < sagte er leise, »Manioussia, 
mein Ehrenwort. . .< 

Sie warf den Kopf in den Nacken, er küsste sie auf den Mund, 
und um den Kuss zu verlängern, hielt er sie mit den Fingern an den 
Wangen; es kam so, dass er selbst zwischen der Wand und dem Schrank 
stand, sie aber schlang den Arm um seinen Hals und schmiegte ihren 
Kopf an sein Kinn. 

Dann liefen sie beide in den Garten. Der Garten der Schelestoft 
war gross und erstreckte sich über zwei Djäsjatinas . . . Hier wuchsen 
etwa zwanzig Ahombäume und Linden, eine Tanne, das Uebrige be- 
stand aus Obstbäumen: Kirschen, Aepfeln, Birnen, Wildkastanien und 
silberschimmernden Oelbäumen. . . Auch viele Blumen gab es da. 
Nikitin und Manioussia liefen schweigend in den Alleen umher, lachten, 
richteten an einander von Zeit zu Zeit kurze Fragen, die sie nicht 
beantworteten ; über dem Garten leuchtete der Halbmond, und auf der 
Erde hoben sich, von diesem Halbmond schwach beleuchtet, die 
schläfrigen Tulpen und Irisblumen aus dem dunklen Grase empor. 

Als Nikitin und Manioussia ins Haus zurückkehrten, waren die 1 

Officiere und die Fräulein schon versammelt und tanzten Gross-mazur. 
Wieder führte Poljansky Alle im grand-rond durch alle Zimmer, wieder 
spielte man nach dem Tanz »Schicksale . . . 

Als die Gäste aus dem Salon ins Speisezimmer zum Abendbrot 
hinübergingen, blieb Manioussia mit Nikitin allein zurück, schmiegte | 

sich an ihn und sagte: , 

»Sprich du selbst mit Papa und mit Warja. Ich schäme mich . . .« 

Nach dem Nachtmahle sprach Nikitin mit dem Alten. Schelestoff 
hörte ihn an, dachte nach und sagte: 

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für die £hre, die Sie mir und meiner 
Tochter erweisen, aber erlauben Sie, dass ich mit Ihnen als Freund 
spreche . . . Ich werde zu Ihnen nicht wie ein Vater, sondern wie ein 
Gentleman zu einem Gentleman reden. Sagen Sie mir, bitte, was fallt 



53^ TSCHECHOFF. 

Ihnen em, so früh zu heiraten ? Nur die Bauern heiraten früh, aber bei 
denen ist ja bekanntlich Alles Gemeinheit, wie kommen aber Sie dasu? 
Was ist das für ein Vergnüngen, in so jungen Jahren Fesseln anzu- 
legen?« 

»Ich bin gar nicht jung,« sagte Nikitin beleidigt. »Ich bin 
26 Jahre alt« 

»Papa, der Rossarzt ist da!« rief Warja aus dem anderen Zimmer. 

Und das Gespräch wurde abgebrochen. Warja, Manioussia und 
Poljansky begleiteten Nikitin nach Hause. Als sie an seinem Hausthore 
ankamen, sagte Warja: 

»Warum zeigt sich denn Ihr geheimnisvoller Mitropolit Mitro- 
polititsch nirgends? Er soll doch mal zu uns kommen • . .< 

Als Nikidn bei dem geheimnissvollen Ippolit Ippolititsch eintrat^ 
sass dieser auf dem Bette und zog seine Hosen aus. 

»Legen Sie sich nicht schlafen, Lieber 1« sagte ihm Nikitin athemlos. 
»Warten Sie noch!« 

Ippolit Ippolititsch zog xasch die Hosen an und fragte aufgeregt : 

»Was ist los?« 

»Ich heirate.« 

Nikitin setzte sich neben seinen Collegen und sagte, indem er 
ihn verwundert ansah, als ob er über sich selbst staunen würde: 

»Denken Sie sidi, ich heirate! Die Mascha SchdestofT! Heute 
habe ich ihr den Antrag gemacht!« 

»Nun, sie ist, glaube ich^ ein gutes Mädchen . . . Nur sehr jung 
ist sie.« 

»Ja, jung!« seufzte Nikitin und zog besorgt die Schultern in die 
Höhe. »Sehr, sehr jung!« 

»Sie lernte bei mir im Gymnasium. Ich kenne sie. In Geographie 
war sie passabel, in der Geschichte schlecht. Auch war sie in der 
Classe unaufinerksam.« 

Plötzlich that Ippolit Ippolititsch dem Nikitin leid und er wollte 
ihm etwas Zärtliches, Ttöstendes sagen. 

»Warum heiraten Sie nicht, mein Lieber?« fragte er. »Ippolit 
Ippolititsch, warum sollten Sie nicht zum Beispiel Warja heiraten? Das 
ist ein wunderbares, ausgezeichnetes Mädchen! Es ist wahr, sie liebt 
sehr zu streiten, aber sie hat ein Herz . . . was für ein Herz ! Sie 
fragte gerade nach Urnen. Heiraten Sie sie, mein Lieber! Ja?« 

Er wusste ganz genau, dass Warja diesen langweiligen stumpfriasigen 
Menschen nie heiraten würde, und redete ihm doch zu . . . Warum ? 

»Die Heirat ist ein ernster Schritt . . .« sagte Ippolit Ippolititsch. 
»Man muss Alles bedenken, erwägen, so geht es nicht . . . Besonnenheit 
schadet nie, und besonders beim Heiraten, wenn der Mensch aufhört, 
ledig zu sein, und ein neues Leben beginnt . . .« 

Und er sprach wieder von Dingen, die Allen längst bekannt 
waren. Nikitin hörte ihm nicht mehr zu, verabschiedete sich und zog 
sich zurück. Er entkleidete sich rasch und legte sich rasch nieder, um 
schneller an sein Glück denken zu können, an Manioussia, an die 



DER LEHRER. 537 

Zukunft; er lächelte und erinnerte sich plötzlich, dass er Lessing noch 
nicht gelesen hatte. 

»Muss ihn lesen... c dachte er. »Im Uebrigen, wozu brauch' 
ich das? Hol ihn der Teufel!« 

Und von seinem Glücke müde, schlief er sofort ein und lächelte 
bis zum Morgen. 

Er träumte vom Stampfen der Pferdehufe auf Bretterboden; 
träumte, wie man aus dem Stalle zuerst den Rappen »Graf Nulin« 
herausführte, dann den weissen'Riesen, dann dessen Schwester »Maika« . . . 



IL 

»In der Kirche war es gedrängt voll und lärmend ; einmal schrie 
sogar Jemand auf; der Priester, der mich mit Manioussia traute, sah 
durch die Brille das Volk an und sagte strenge: 

»Geht nicht in der Kirche herum und lärmt nicht, sondern steht 
ruhig und betet. Man muss Gottesfurcht in sich haben.« 

Als Brautfdhrer hatte ich zwei meiner Collegen, Manioussa den 
Hauptmann Poljansky und Lieutenant Gomett. Der Chor sang wunder- 
voll. Das Kerzengeknister, der Glanz, die Toiletten, die Ofificiere, die 
Menge fröhlicher, zufriedener Gesichter und ein besonderes, ätherisches 
Aussehen Manias, überhaupt die ganze Umgebung und die Worte der 
Hochzeitsgebete rührten mich zu Thränen, erfüllten mich mit Triumph. 
Ich dachte, wie ist doch mein Leben in der letzten Zeit erblüht und 
wie hat es sich so schön poetisch gestaltet! Vor zwei Jahren war ich 
noch Student, wohnte in billigen Chambres gamies in der Neglinnaja, 
ohne Geld, ohne Verwandte und, wie es mir dann schien, ohne Zukunft. 
Jetzt bin ich Lehrer am G3rmnasium in einer der besten Gouvemements- 
städte, versorgt, geliebt, verwöhnt Für mich, dachte ich, hat sich diese 
ganze Menge versammelt, für mich brennen diese drei Kronleuchter, 
brüllt der Protadjakon, strengen sich die Chorsänger so an, und für 
mich ist dieses junge Geschöpf, welches bald meine Frau heissen wird, 
so jung, so graciös und so freudig. Ich dachte an unsere ersten Be- 
gegnungen, die Spazierritte ausserhalb der Stadt, an die Liebeserklärung 
und an das Wetter, welches wie auf Bestellung den ganzen Sommer 
über wunderschön war, und dieses Glück, das mir einst in delr 
Neglinnaja nur in Romanen und Novellen möglich erschien, jetzt fühlte 
ich es in Wirklichkeit, mir schien, ich griff es mit Händen. 

(Schlttss folgt.) 



VOM FRÜHLING ZUM SOMMER. 

Von JtJHANI AHO. 
Aus dem Finnischen von £. Stike. 

Zu Anfang ist's wie die Liebe zweier Kinder. Zart, unschuldig 
und kühl. Es flammt nicht, es brennt nicht, es leuchtet nur. Offen- 
herzig und ein wenig schelmisch blickt es drein und gelobt in seiner 
zärtlichen Hoflhungsfülle, seine Verheissungen alle in einem Augenblick 
zu erfüllen. Bis dass ein Regenschauer plötzlich hemiederschlägt aus 
einem grauen Himmel; bis ein kalter scharfer Wind den Gischt der 
Seen aufjagt und an den Sträuchem zerrt; bis die ganze Welt so 
hoffnungslos dreinsieht, als wäre es Herbst geworden statt Sommer und 
als sei Alles nur Lüge und Betrug gewesen. . . 

»Wärst du in deinen Sommerländem geblieben, du armes kleines 
Vöglein ; wer hiess dich herkommen, um hier zu sterben . . . Hier gibt 
es nichts als Thränen und Frost und Leiden, und die Sonne erlischt 
im nächtlichen Nebelmeere.« 

Aber das Leiden schmerzt nicht wie wirkliches Leid, das Ge- 
müth will sich nicht beugen lassen, und die Nacht hat kein Dunkel, 
denn es ist ja fortwährender Tag. Und von demselben Pole, der uns 
im Winter die Finstemiss sendet, kommt nun das Licht. Es wächst 
mit jedem Morgen, es nähert sich Tag um Tag, es lüflet seine Decke, 
und eines schönen Tages springt es plötzlich hervor, ganz als hätte es 
nur Verstecken gespielt. 

Eines Morgens ist es, als habe sich die Liebe geoffenbart, als 
habe sie sich verrathen während der vergangenen Nacht. Der See 
liegt da, ruhig und glücklich. Das Gras beginnt zu sprossen, die 
Birken setzen junge Triebe an, die Vögel singen, der Kuckuck schreit 
vom frühen Morgen bis zum Abend, und Lerchen schwingen sich von 
jedem Felde in die Luft. 

Es ist warm und ruhig. Keine Wolke am Himmel I Man ist nicht 
imstande, etwas Ernstes vorzunehmen, man fühlt nur Lust, aus lauter 
Wohlbehagen laut zu schreien und in seinem eigenen Glück zu schwelgen. 
Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt, es ist so schön, dass es schon 
Glücks genug ist, zu sein und zu leben. 

Immer wärmer wird die Luft, die Sonne thut so zutraulich, so 
liebevoll, mit jedem Tage wird ihre Umarmung glühender, ihre Küsse, 
mit denen sie die Flammen auf die Wangen jagt, feuriger. Die Vögel 
schwatzen und schlagen ihre Purzelbäume von den Baumwipfeln herab 
in die Büsche, die Mücken erwachen und stimmen ihre Musik an, die 
Fische spielen beim Wiesenufer Fangen, der Kuckuck schlägt in grosser 
Eile seine Doppeltöne, und die Luft ist wie lebend vor lauter 



VOM FRÜHLING ZUM SOMMER. 539 

Zwitschern und G^piepe. Hingerissen entfaltet das Laub seine Schwingen. 
Der Saft steigt aus dem Boden in die Birken, Vogelkirschbäume und 
Ebereschen, die Blumen saugen ihn begierig auf, die graue Erde schlägt 
in prächtigen Farben aus, das Torfmoor veredelt sich zu dem feinen 
Duft des Haidekrautes — und die Natur bereitet das Hochzeitsfest fdr 
alle lebenden Wesen. 

Sie sind sich ihres Zweckes noch nicht bewusst, sie verstehen 
nicht, was sie so wunderlich unruhig macht . . . 

Und das Samenmehl reift, der Blüthenstaub entwickelt sich in 
seiner Hülle, und ein Geschlecht will sich dem andern in die Arme 
stürzen. Immer tiefer wird das Himmelsblau, immer grüner die Berg- 
halden, immer bunter der Blumenteppich der Wiesen, immer blauender 
die Ferne und immer gesättigter von leichten Dünsten die Kuppel 
des Meeres. Weit dahinter steigen weisse Streuwolken auf mit einem 
Farbenton ins Rothbraune. Sie sehen aus wie aufbrechende Riesen- 
blumen. Der Wind treibt sie hin und her, sie suchen sich warm und 
sehnsüchtig, auch sie zieht es zu einander, sie schmelzen zusammen 
und wachsen. Aber sie vermögen nichts, sie rücken kaum von der Stelle 
und machen den Eindruck, als wären sie im Begriff, herabzufallen. 
Abends zertheilen sie sich, sind aber am nächsten Morgen wieder da, 
noch grösser als gestern und nur mühsam ihr Gleichgewicht erhaltend. 

Sie stürzen übereinander. Die Luft bebt einen Augenblick und 
hebt an, in leichter Brise überzufliessen. Die blühenden Samenstoffe 
streuen ihren Staub über Wald, Feld und Wiese. Duftend streicht der 
Blumenathem über Land und See. Ein Rauschen geht durch die Natur 
wie durch einen Hochzeitssaal. Die Luft ist warm und drückend. Hand 
will sich in Hand, Mund an Mund, Wange an Wange legen, und die 
Lippen spitzen sich, um andern Lippen zu begegnen. 

Ein Blitz flammt vom Himmel. Die Landschaft erröthet und er- 
bleicht wie eine erregte Jungfrau. Eine Wolke stürzt sich der anderen 
in den Schoss, und unter ihren Liebkosungen dröhnt die Erde und 
wiederhallen die Berge. Das ist der Hochzeitsmarsch. Das ist der 
Trauungspsalm, und ein Sturzregen lässt die Vorhänge des Braut- 
bettes herab. 

Eine kurze, wolkenschwere Nacht bringt Ruhe und Kühlung. 
Ermüdet entschlummert die Natur, regt sich nicht, lässt nicht ein 
Flüstern hören. 

Am nächsten Morgen bläst ein nüchtener, gleichmässiger Wind. 
Die Baumwipfel wehen, die Ackersaat wogt friedlich, die Wellen 
murmeln in bester Ordnung, und das Antlitz der Natur trägt einen 
ernsthaften, kühlen Zug. Ihre Verlobungszeit ist zu Ende, die Tage 
der Freude sind vorbei, sie hat Hochzeit gehalten und Flitterwochen 
gefeiert. Nun trägt sie an ihrer Frucht, entwickelt ihre Keimstoffe und 
breitet sich auf ihre Aufgabe vor: die Ernte. 

Der Lenz ist vorbei, der Sommer ist da. 



41* 



PETER ALTENBERG UND SEIN NEUES BUCH 

lASHANTEEc. 

Von Max Messer (Wien). 

Im Frühling des vorigen Jahres erschien ein Buch, das von 
einigen Jünglingen und Frauen sogleich in seiner wahren Bedeutung 
empfunden und mit enthusiastischer Liebe gepriesen wurde. Jetzt findet 
es in allen Ländern begeisterte Verehrer, die sich bemühen, seinen 
ausserordentlichen Werth zu beweisen und so die Feindseligkeiten der 
von ihm verletzten »hommes mödiocres« zu bekämpfen. Peter Altenberg 
heisst der Schöpfer dieses Buches. Sein unzeitgemässes Wesen selbst 
erkennend, nannte er es »Wie ich es sehe«. Der Frühling dieses Jahres 
brachte uns sein zweites Werk: »Ashantee«.*) Es ist das künstlerische 
Denkmal seines Verkehres mit den Negern, welche diesen Sommer 
im Wiener Thiergarten als Ausstellungsobjecte zubrachten und dem 
Dichter eine Reihe von tiefen, unvergesslichen Impressionen gaben. Die 
grosse Erkenntniss, welche Peter Altenberg von dem Umgang mit den 
Ashantee gewonnen hat, das Resultat der Beobachtungen seines Ver- 
standes, der Empfindungen seines Herzens, kann das Publicum aus 
diesen neuen Skizzen nachdenken, nachfühlen. 

Es wird hier zum erstenmal in künstlerischer Form, aus per- 
sönlichen Erlebnissen heraus das Problematische der Cultur 
gezeigt und vor Allem die Lüge zerstört, dass Cultur und Mensch- 
lichkeit identische Begriffe seien. Peter Altenberg lehrt uns, in die Cultur 
unter der Optik der »Uncultur« zu sehen. Indem wir uns mit den 
Augen dieser schwarzen, einfachen, kindlichen Menschen schauen, 
werden wir uns klarer über uns selbst, erblicken früher verborgene 
Mängel unseres Lebens, können unsere grossen Ziele deutlicher erfassen, 
den mühevollen Weg zu ihnen abkürzen, erleichtem. Vollkommener 
wollen wir werden, menschlicher, ein höherer Typus: Mensch. Peter 
Altenberg weist uns zu diesen Einfachen, Niedrigen, Natürlichen. Er 
ruft uns nicht zu: Werdet wie sie, bringt euer Leben in Spiel, Tanz, 
Sorglosigkeit^ Heiterkeit zu 1 Die Jahrtausende, die uns zu dem machten, 
was wir sind, kann unser Wille nicht unwirksam machen. Wir können 
in dieses frühere Stadium der Menschheit nicht zurückkehren, aber 
wir können die Quellen seiner Stärke, seiner Friedlichkeit, seines 
ruhevollen Glückes aufsuchen und wie Kranke an Heilwässem uns in 
ihnen laben, aufrichten, kräftigen. — An diesen ersten Menschen 
können wir lernen, wie viel in unserem complicirten Leben überflüssig, 
henmiend ist — also leichter werden, beweglicher; an diesen ersten 

*) Verlag von S. Fischer, Berlin. 



ALTENBERG UND SEIN BUCH »ASHANTEE«. 54t 

Menschen können wir lernen, wie viel in unserem Verkehr verlogen, 
unaufrichtig, falsch oder halb empfunden ist — also wahrhafter 
werden; an diesen Negern können wir lernen, wie viele unserer Be- 
dürfnisse unnöthig zu einem heiteren, zufriedenen Leben seien, wie 
einfach und natürlich auch der homo sapiens leben kann — also 
freier werden. 

Dies scheint mir die philosophische Bedeutung der Ashantee- 
skizzen zu sein: Ihr belasteten Menschen der Cultur, die ihr gegen 
euch selbst und gegen euere Gesellschaft wahr zu sein furchtet und 
von unnöthigen Fessebi zu Sclaven herabgedrückt seid, werdet leicht, 
frei und wahrhaft wie diese »Paradiesesmenschen« . . . 

Während der erste Theil des neuen Buches von Peter Altenberg 
sowohl dem Thema als dem Inhalt nach etwas durchaus Unerwartetes 
und Singuläres ist, erscheint uns der zweite Theil wie eine Fortsetzung 
zu »Wie ich sie sehe«. Dem Publicum mögen seine klareren, kräftigeren, 
mehr aus der Nähe dringenden Töne das Verständniss des ersten Buches 
erleichtem, auch der Kritiker kann jetzt seine Persönlichkeit schärfer 
erfassen, deutlicher kundgeben. 

Peter Altenberg ist im tiefsten Sinne Künstler. 
Alle diejenigen, welche das Wesen der Kunst missverstehen, ihren Um- 
fang zu eng nehmen, ihre Bedeutung nicht kennen. Alle, die in ihr 
nur das »lose Spiel der Phantasie« erblicken, zur Unterhaltung und Zer- 
streuung dienend, gerade gut genug, um über leere Stunden angenehm 
hinwegzutäuschen, sind vor diesem Autor ängstlich zurückgewichen, 
bekreuzten sich in ihrem Schrecken, murmelten die Gebetphrasen ihrer 
verlogenen Aesthetik, wie es einst die Pfaffen vor der Wahrheit des 
Galilei thaten. Aber das Wesen der Kunst liegt im Metaphysischen, 
im Uebersinnlichen ! Aus dem Wirklichen her nimmt sie ihre Wege 
und strebt nach der Erkenntniss des Unwirklichen, Geheimnissvollen, 
dem das Wirkliche entstammt, nach der Erkenntniss der Gesetze, die 
das Leben bilden. Zu allem Seienden, allen Menschen, allen Schick- 
salen, allem Blühenden und Vergehenden: Meer, Blume, Himmel und 
Sonne, Greis, Mädchen und Kind, zu allen Quellen des Lebens, die 
in ihm strömen und in ihm sich sammeln, spricht der Dichter: »Nicht 
was ihr seid, seid ihrl Doch was wir dichten, dichtet 
ihr in uns! So seid ihr unsereDichter, unsereDichtung, 

der Lieder Sänger und das Lied zugleich.« (»Wie 

ich es sehe«, S. 17.) 

Im Künstlergeist, als dem wahrhaften Centrum der natürlichen 
Kräfte, schlagen die dunklen Wogen des Unirdischen an die hellen, 
leuchtenden Gestade der Wirklichkeit. In ihm berührt sich die er- 
zeugende Kraft mit dem Erzeugten, in jedem Künstlergeist findet der 
Schöpfer seine Schöpfung wieder und erregt in ihm einen Theil des 
ersten gewaltigen Schöpferrausches, der die Welt schuf; das Gewordene 
findet in ihm seinen Grund. 

Was im Werden auseinanderstob — das Erscheinende und das 
Seiende, die sich feindlich fliehen — in der Künstlerseele wachsen 



S42 MESSER. 

sie in ihre Einheit zurück. Das Wesen der Dinge, wie sie Gott schuf 
und erkannte, zeigt sich der Künstlerseele. — Alles, was ist, fuhrt den 
Sehenden zum Centrum. Nichts ist dem wahren Künstler zu gering. 
£r trägt nicht die Conventionellen Massstäbe des Verachtens und des 
Gefallens in sich. Nie kann es ihm an Stoff mangeln, an Objecten 
seiner Dichtung. So viel des Lebens ist, so viel ist des Dichtens. Mil- 
liarden Dinge existiren, also Milliarden Wege für den Künstler, den 
Urgrund zu treffen. Das ist die Kunst, das ist Peter Altenberg's Kunst. 
Einmal auf dieser metaphysischen Höhe der Betrachtung, kann er sich 
getrost dem Wirklichen überlassen. Hat er die Wahrheit eines 
Dinges erfasst, besitzt er auch den Schlüssel für alle anderen Dinge. 
Dem Dichter, dem sich die Seelen der complidrten, modernen, nervösen 
Menschen, ihre subtileui kaum in das eigene Bewusstsein tretenden 
Beziehungen offenbarten, haben sich auch die einfachen, natürlichen 
und eben deshalb uns beinahe unverständlichen, schwarzen Menschen ent- 
hüllt : Frau Bankdirector von H. und Paulina, diese überfeinen Wesen, die 
Treibhauspflanzen gleichen, welche durch tausend Kreuzungen dem natür- 
lich en Typus ihrer Gattung entfremdet wurden, und Nah-Badüh oder 
Tiöko, deren Seelen einfach, klar und hell sind wie Wasser und Luft! 
— Je grösser die Seele eines Menschen, desto grössere Klüfte kann 
sie übersteigen, desto näher rücken die Dinge an sie und erzählen ihr 
ihr tiefstes Wesen. Peter Altenberg verstand die »femme incomprise« 
unseres fin de sidcle und diese primitiven »Paradiesesmenschen«. Zu- 
gleich spiegeln sich in seinen Büchern tausend Reflexe des Lebens. 
Dem Unwissenden mag er bloss wie ein Sammler von Wirklichkeiten 
erscheinen, seine Dichtungen wie ein Museum von Empfindungen, 
Stimmungen, Eindrücken, welche das Leben in ihm aufgestapelt hat, 
wie das Meer seine Schätze an die Ufer wirft. Aber der Wissende 
erschaut in jedem dieser kostbaren Stücke — mehr als ein Bijou des 
Lebens, mehr als ein Kleinod der Erinnerung, mehr als ein köstliches 
Geschenk des Zufalls. Hier ist eine seltsame, tiefe Seele, an der die 
Dinge nicht vorbei rauschen, wie vor dem gewöhnlichen Menschen, 
dem »homme m^diocre«, blos Freude oder Leid hinterlassend, hier ist 
eine Seele, deren Mechanismus so fein ist, dass neben dem Duft und 
Zauber des Aeusserlichen immer noch das Wesentliche der Dinge, 
ihrer Existenz und ihrer Beziehungen haften bleibt. 

So ist Altenberg ein über dem Leben Stehender, Einer, der 
dem Leben ins Herz sieht. So tief er auch des Lebens kleinste Regung 
spürt, kann es ihn doch nie mit jener unheimlichen Gewalt erfassen 
und erdrücken, der der naive Mensch unterliegt. Das Leben als 
Feind kann ihn nicht überrumpeln ; die Verwirrung der Leidenschaften, 
der Triebe, die jeden Lebensmenschen bedroht, kann ihn nicht mehr 

besiegen. Die Menschen wandeln wie Blinde durch den Urwald 

des Lebens, stossen an jeder Wurzel, bluten an jedem Dorn. Er, der 
Sehende, kann frei und ohne Schaden schreiten. Er braucht nichts 
zu wünschen — denn er hat Alles. Um zu besitzen, bedarf er nicht 
des Umweges: Wollen, Erzwingen. Die Menschen glauben nur das zu 



ALTENBERG UND SEIN BUCH »ASHANTEE«. 543 

haben, was man ihrem Begehren gibt und jedem Fremden vorenthält 
Sie merken in ihrer Blindheit nicht, dass der höchste Besitz eines 
Dinges ist, es zu erkennen, d. h. es zu lieben, dass das Eigen thum 
des Künstlermenschen Alles ist, was er empfinden kann, und dass der 
materiellste Besitz dem »homme mddiocre« nicht so viel gibt, als der 
flüchtigste Blick dem Künstler. »Gehört die Almwiese dem Hiasl, der 
sie bewirthschaftet?! Sie gehört dem Wanderer, der sie empfindet.« 
(«Wie ich es sehe«, S. 140.) 

Altenberg's Dichtungen sind ein Inventar seines geistig-seelischen Ver- 
mögens. Wie ein durch unbekannte £rdtheile Reisender durchforscht er die 
Gebiete der menschlichen Psyche, vor allem das dunkle räthselvoUe Reich 
der Frauenseele, das Jeder spürt und Niemand kennt. Wie mit grossen 
elektrischen Reflectoren leuchtet er auf diese Welt — Seine Skizzen 
sind wie Gläser, durch welche der Lesende in das Diorama des Lebens 
schaut. Freilich sind das keine gewöhnlichen Gläser — Fensterscheiben 
— welche die Dinge naturalistisch zeigen. Sie zaubern aus ihnen ein 
Neues. Dies Neue ist aber nichts Phantastisches, mit seelenloser 
Phantasie Ergrübeltes, es ist das Wesen der Dinge. Er zeigt in der 
Materie das Seelische, in der Seele das Materielle, das an die Ma- 
terie Gebundene. Wie die Japaner die einfache und wesenhafte 
Linie der Objecte zeichnen, sie so vom Zufalligen, Unorganischen 
reinigen und wir erst durch sie die Landschaft, den Baum sehen 
lernten, während wir früher ein Gewirre von Wiesen, Bäumen, Blumen 
und Thieren in unserer Vorstellung hatten, so lehrt uns Altenberg die 
Seelen schauen, die menschlichen Beziehungen schauen, alles was 
noch unbewusst oder erst ungeordnet in uns liegt. Er gibt uns ein 
Regulativ fUr das Leben, er öffnet unsere Augen, Ungekanntes er« 
kennen wir jetzt freudig und sicher, Verborgenes wird uns klar. Seine 
Bücher sind gleichsam von einer späteren Zeit herab uns gegeben. 
Jünglinge, deren Seelen lockeres Erdreich für die Keime der Zukunft 
sind, verehren es und Frauen, weil sie instinctiv die Bedeutungen und 
Tiefen des Lebens fühlen, im Unbewussten wie die Genies auf der 
Höhe der Menschheit stehen, während der Mann in der grausamen 
Sphäre des Bewussten mühsam, irrend und voll Qualen kaum die An- 
fänge der Menschheitsentwicklung vom Thiermenschen zum Gottmenschen 
erarbeitet hat. — Durch die Beschränkung auf das Wesentliche, die 
Essenzen alles Lebenden ist Altenberg' s Blick weit und sicher geworden, 
so dass er in die letzten Lebenscentren dringt. Daher die Inbrunst 
seiner Verkündigungen, die wie Glaubens worte der Erkenntniss tönen. 
Wie ein Diamant, der tagsüber die billigen und verschwendeten Sonnen- 
strahlen aufnimmt, um sie dann in der Nacht zu wunderbarem Glanz 
gesammelt in höchster Intensität auferstehen zu lassen, so lässt er das 
Sonnenlicht des Lebens in sich einfluthen und erhellt mit des Lebens 
eigener Kraft, die er still in sich gesammelt und verarbeitet hat, seine 
Finsternisse. Ein Lichtbringender und Leuchtender, ein Dichter und 
Prophet der kommenden Menschheit — das ist Peter Altenberg I 



BOTTICELLI ALS FIN DE SIECLE^KÜNSTLER. 

Von Erich KLOSSOWSKI (Breslau). 

Wie die Liebe ist die Kunst. 

Jenes geheime und glühende Sehnen aus der Einsamkeit unserer 
Seele nach uns selbst, nach dem tiefsten und eigentlichsten Kern 
unseres Wesens ist ihr letzter Ursprung. 

Anschauen wollen wir uns, erkennen unser Ich in seiner ewigen 
Gestalt, die das verwirrende und wechselvolle Leben uns hinter dem 
trügenden Schein der Dinge verbirgt Erkennen wollen wir uns und 
unsem Lebenssinn finden durch das Weib, das unser Wesen darstellt, 
durch die Kunst, die unsere Seele kündet. 

Und wie wir das Weib wohl bewundern, aber niemals lieben 
können, das nicht etwas wenigstens von unserem Wesen in sich dar- 
stellt, so werden wir auch die Kunst allein ganz verstehen und lieben 
können, die in irgend etwas unsere Art ausdrückt. 

Und wenn wir nun in der Kunst des süssen Botticelli so eine 
Linie unseres Wesens zu finden glauben, wird das nicht fiir uns ebenso 
charakteristisch sein wie etwa der Cultus rafaelischer Classicität fiir 
jene kolossal gebildeten Generationen, die die Zeitgenossen der Corne- 
lius und Kaulbach waren? Denn wie kommt es, dass wir den Floren- 
tiner des Quattrocento so verstehen und lieben, als ob er wie wir ein 
Sohn unseres wunderlichen und zugleich grossartigen fin de si^cle wäre ? 
Dass er seinen Nachhall bei uns findet von Bume-Jones bis zu Thom. 
Theod. Heine und den Barrissons? Sollte es nur eine unserer ver- 
rückten Moden sein — oder nur jener Hauch von Frühlingspoesie, der 
über seinem Werke liegt, was uns so gefangen nimmt? Oder ist es 
nicht vielmehr dies, dass wir in ihm etwas uns im Tiefsten unserer 
Seele Verwandtes empfinden, dass wir in ihm den Typus einer Ueber- 
gangsperiode erkennen, den Menschen an der Scheide zweier Zeit- 
alter, in dem Altes und Neues sich begegnen, mit einander ringen und 
kämpfen, um schliesslich in wunderlicher Mischung ein Ganzes zu 
bilden, das doch noch nicht das Neue ist: also der Decadent einer 
sterbenden Cultur und zugleich der Begründer eines neuen Zeitalters! 

Wie ein junger Riese stürmt in jenen Tagen der wieder er- 
wachenden Welt der Genius der Zeit einher ; er wirft sich brünstig an 
die Brust der so lange verschmähten und verkannten Mutter Erde, er 
sucht sie zu erobern in heissem, trotzigem Liebeswerben. Er schreitet 
einher mit Blut und Eisen, er rüttelt an dem Prunkbau alter und ewig 
scheinender Traditionen, er greift, eine kraftvolle Heroennatur, mit kühner 
Faust nach den höchsten Kronen und Palmen. Aber dann mässigt sich 
der wilde Siegeslauf, und wie er sich am Abend des Schlachttages 



BOTTICELLI ALS FIN DE SlfeCLE-KÜNSTLER. 545 

niederlässt zu Ruhe und Eiakehr, im Schatten kühler Lorbeerhaine, da 
spinnt laue Frühlingsnacht in wundervoller Traumschönheit eine be- 
rückende Zauberwelt um ihn ; aus den Ruinen ihrer versunkenen Tempel 
erhebt sich die so lange verbannte Huldgöttin, die geherrscht hatte, als 
die Welt noch jung und schön war — und mit wehmüthig träumeri- 
schem Lächeln flicht sie einen Kranz von blühenden Rosen um die 
trotzige Stirn des jungen Eroberers : neben Donatello's Georg stellt sich 
Botticelli's Frühlingsgöttin als Wahrzeichen dieser Epoche. 

Man wird es unbestritten behaupten dürfen: Botticelli ist der 
Erste, der den seelischen Gehalt der neuen Zeit ausdrückt. Seine Vor- 
gänger sind die Eroberer, die Pionniere der neuen Kunst, ehrliche 
Naturalisten, deren Ideal es ist, auf alle Weise die Illusion der wieder 
gefundenen Welt zu geben. Bei Botticelli fUhlen wir, wie es im Innern 
jener Generationen aussah, die das erste gewaltige Daherwogen einer 
neuen Zeit über sich ergehen lassen mussten. 

Wie alle älteren Meister, hat auch Botticelli derartiges natürlich 
nicht direct gesagt. Er hat im Allgemeinen dasselbe Stoffgebiet wie 
die Anderen auch, und wo er Neues bringt, liegt das an den Auftrag- 
gebern, die es verlangen. Aber wie er es sagt, was er unbewusst von 
den Geheimnissen seiner Seele hineingemalt hat, das erzählt uns von 
dem neuen Geist, von dem geheimen Sehnen und Wünschen der jungen 
Generation. 

Wenn Botticelli seine Madonnen malt, so wird das etwas völlig 
Neues im Vergleiche zu den Fiesole oder Filippo. Was bei jenen Cult- 
bild ist, die Schilderung paradiesischer Holdseligkeit oder anbetender 
Verehrung — hier wird es Poesie, die das Dogma überwunden hat. 
Er malt die Madonna nicht als Jungfrau, der der Gottesknabe zur 
Pflege anvertraut ist, er schildert sie, wie sie auf die Stirn ihres 
Bambino Küsse einer wehmüthigen gütigen Mutterliebe presst; es ist 
das Weib, das eine Ahnung hat von dem seltsamen und schweren 
Räthselleben. Er malt sie gerne in einem Hofstaat süsser, schlanker 
Engelmädchen in bunten, blumendurchwirkten Gewändern, rosen- 
geschmückte Kerzen oder Lilien in den Händen. Er malt Marmor- 
nischen und Guirlanden, undurchdringliche Hecken und darüber eine 
zarte Frühlingsluft, und Alles ist lichter Farbenglanz, Klang fein ab- 
gestimmter und delicater Töne — und wenn er dabei viel von seinen 
Vorgängern gelernt, so hat er es doch in persönlichster Weise zu 
etwas durchaus Neuem verarbeitet. Er gibt etwas von dem Hauch der 
eigenen heissen Seele, wenn er durch seine Gestalten diese zitternde 
Lebendigkeit giesst, die die Gewänder flattern lässt, die die sehr 
zarten und feinen Körper bewegt, den graziösen Schwung der schwachen 
Gelenke gibt, die Lippen wie zu leisem Gesang öflhet oder in den 
nervösen Augenbrauen zuckt, während es wie schmerzliche Sehn- 
sucht um den Mund liegt. Diese hektischen, schlanken Madonnen, 
deren blutrothe Lippen sich üppig wölben, die so müde in der herben 
Anmuth ihrer schlanken Glieder das Antlitz zur Seite neigen — das 
sollen zwar selige Gestalten sein, aber sie haben nichts von dem para- 



54^ KLOSSO WSKI. 

diesischen Frieden des Fiesole. Sie haben wohl etwas seltsam Erden - 
fernes, aber es liegt in ihnen wie heissc Sehnsucht nach der schönen 
Welt, nach kidenschaftlichem, bluterfülltem, beseeltem Leben. Wie ein 
Seufzer verhaltener Leidenschaft geht es durch Botticelii's ganzes Werk. 
Er möchte sich so gerne ganz hingeben an die wunderbare, wieder 
gefundene Erde — aber er vermag es nicht, wie Filippo mit leichter, 
lachender Hand sich üppige Früchte vom Baume des Lebens zu 
brechen. Im Hintergrunde seines Herzens lebt immer ein Gedanke an 
Schuld und Reue, ein Tropfen mittelalterlichen Blutes rinnt noch in 
seinen Adern. Und deshalb malt er diese müden Frauen und neben 
ihnen seine schlanken Engel, die von Leben durchzittert sind, deren 
bunte Gewänder flattern und die blühenden weissen Mädchenarme sehen 
lassen und die zarten Gelenke ihrer schmalen Füsschen, die tanzen 
möchten. Es ist immer wie das Ahnen einer ewig ungestillten Sehn- 
sucht, die schliesslich aufhört zu hoffen, die sich gelegentlich aus- 
drückt mit der ganzen Schwere wehmüthiger Resignatien, wie sie 
Segantini's Mütter haben. 

Und diese Stimmung bleibt auch dort, wo es gilt, Schönheit und 
Jugend zu feiern ; wo er es unternimmt, in der Allegorie des Frühlings 
und den Venusbildern den alten Märchenzauber der heidnischen Götter- 
welt zu neuem Leben zu erwecken. Denn Botticelli, den man wohl 
den allerchristlichsten aller Renaissancekünstler genannt hat, er ist es 
auch, der als Erster wieder eine nackte Venus malen, etwas von der 
hellenischen Heiterkeit reinen Menschenthums wiederzugeben versuchen 
durfte. Antik sind an diesen Bildern nur die Stoffe; sie wollen nicht 
alte Kunst reproduciren, sie bemächtigen sich, etwa wie Böcklin's Märchen, 
nur jener Vorstellungswelt, um in ihr die Träume, die Wünsche und 
Ahnungen der eigenen Zeit zu dichten. 

Und so entstehen diese seltsam lieblichen Bilder, die zu be* 
richten scheinen von schwülen Zaubernächten, bei Mondenschein ver- 
lebt in den Ruinen versunkener Venus tempel. Nicht die bluterftillte, 
sonnendurchglühte Sinnlichkeit hellenischer Poesie liegt in ihnen — es 
ist eine sehr feine und blasse Schönheit, die die zarten Gestalten eines 
weltfernen Traumglückes heraufbeschworen hat. Es ist nicht die Pracht 
üppiger Gliederfülle und idealer Linien, sondern Decadenzpoesie 
schlanker und eckiger Formen, blasser, von rothen Locken umwallter 
Gesichter, die mit grossen Augen fremd und verwundert starren. 
Schüchtern schlingen sie die weissen Glieder zum Reigen oder streuen 
eine üppige Fülle duftender Frühlingsblumen ; träumerisch liegen sie in 
blumendurchwirkten, fliessenden Gewändern auf grünen Wiesen oder 
schweben in grossen Muscheln nackend auf der glitzernden Fluth. Wie 
aus tiefen Träumen schlagen sie die Augen auf, sie sehen die un« 
geahnte Schönheit des prächtigen lockenden Lebens in der ganzen 
Gluth ihrer Sehnsucht, aber sie schreiten, den Boden kaum berührend, 
mit leichten bebenden Schritten über die Erde und fühlen: nicht 
für uns ! 



BOTTICELLI ALS FIN DE SitCLE-KÜNSTLER. 547 

Botticelli vermag es nicht, die glückliche naive Lust zu schildern; 
seine Venus unterscheidet sich nicht von seiner Madonna: sie hat den 
blutigen Asketen am Kreuze hängen sehen und seitdem das Lachen 
verlernt, dessen süsser Wohllaut von dem Einssein des Menschen mit 
der Natur kündete. Vor dem wunderbaren, prächtigen Räthsel Leben 
steht der Künstler in verwirrtem Staunen, aber er kommt vor lauter 
Zögern und Wundem nicht dazu, es zu erfassen. Was er uns gibt, das 
ist von dem üppig schäumenden Weine Leben nur ein Duft, aber 
süsser, berauschender Duft. 

Und so scheint es eine in seinem Wesen begründete Entwicklung 
zu sein, wenn er schliesslich, nachdem er sich überall vergeblich ge- 
sucht, der schwülen Atmosphäre christlicher Mystik verfällt. Von Hause 
aus zu religiöser Schwärmerei veranlagt und seit Jahren unter dem 
Banne von Dante's übersinnlicher Phantastik, ist er nur allzu gut vor- 
bereitet, um von der christlich - reactionären Bewegung ergriffen zu 
werden und jener zwingenden Persönlichkeit zu verfallen, die die letzten 
Jahre des zu Grabe gehenden Jahrhunderts wie eine schwarze Nacht- 
gestalt ihren Schatten über das sonnige, blaue Florenz wirft; mit der noch 
einmal die Vergangenheit, das versunkene Mittelalter, sich zu einem 
letzten Verzweiflungskampf gegen die neue Zeit erhebt. 

Die prächtigen Medicäer sind vertrieben, Savonarola hat Florenz, 
die Hochburg der Renaissance, in ein Königreich Christi verwandelt, 
und das schönheitselige Volk, dem so erdenwohl und heidnisch frei 
geworden war, sitzt in Sack und Asche. Wehe der Kunst, wenn sie 
es jetzt noch wagt, die Fülle persönlichen Lebens, das beseelte All, 
die Schönheit des Fleisches zu feiern. Reue und Busse, demüthige An- 
dacht und Erhebung von der sündigen Erde, das sollen jetzt die Auf- 
gaben der Kunst sein — alles Andere ist Frevel und wird als Werk 
des Teufels den Flammen jener Autodafi^s geopfert, die alljährlich der 
religiöse Wahnsinn des Dominicaners der Pöbelwonne der von ihm 
£sinatisirten Menge darbringt. 

Und wie so viele andere Künstler, hätte auch Botticelli gewiss 
seine süssesten Schöpfungen, hätte die Geburt der Venus und die 
Allegorie des Frühlings in der Zerknirschung seiner Seele der Ver- 
nichtung geweiht, wenn sie nicht in der abgelegenen Medicäervilla ge- 
borgen gewesen wären. Er ist jetzt ganz verdüstert, tief melancholisch. 
Mit leidenschaftlicher Inbrunst schürt er die Flammen seiner religiösen 
Begeisterung, versenkt er sich ganz in die Welt der Mysterien des 
Kjreuzes, und er schildert in oft grellen Farben und masslos über- 
triebenen Bewegungen die krankhaft gereizte Empfindsamkeit seiner 
Seele. Er malt die Verzückungen des Paradieses, die Geburt des Er- 
lösers oder die Klage um den Gemordeten, asketisch glühende Ge- 
stalten, die auf das allein wahre Heil hinweisen. Er opfert künstlerisch 
fast Alles dem Ausdruck dieser Ideenwelt: Farbe und Form kommen 
oft dabei zu kurz, und seine Art wird im Gegensatz zu früher mehr 
zeichnerisch, um in den strengen und grausamen Linien asketische, 
Schönheitsverachtende Härte darzustellen. Er hat dabei in den besten 



548 KLOSSOWSKI. 

Bfldern noch einen grossen Zug: es ist etwas Ueberwältigendes in 
dem seligen Wirbeltanz seiner Engel, in den Gestalten, die tief er- 
schauernd unergründliche Geheimnisse ahnen und das Antlitz vor der 
Fülle der Gesichte im Mantel bergen; in den glühenden Augen seiner 
ausgemergelten Asketen oder in den schluchzenden Zuckungen seiner 
Christusklagen. Aber dann geht er allmälig in seiner Kunst zurück ; er 
copirt sich selbst, macht die technischen Fortschritte nicht mit, ver- 
einsamt mehr und mehr — und seiner Zeit entfremdet, tritt er viele 
Jahre vor seinem Tode vom Schauplatze ab, und über ihn hinw^ 
schreitet die Jugend, die die Pfade verfolgt, die er selbst einst ge- 
bahnt hat. 

Mag Botticelli immerhin keiner von den ganz Grossen gewesen 
sein — uns, die wir darauf verzichtet haben, mit rafaelischem Linien- 
adel oder michelangelesken Verrenkungen eine epigonenhafte Grösse 
vorzutäuschen, die wir von der Kunst nichts Grösseres verlangen, als 
dass sie ihre Zeit ausdrücke — uns vermag er unendlich viel zu 
sagen. Wir verstehen und lieben ihn so, wie er vor uns hintritt, mit 
seiner uns verwandten, etwas müden Linie der letzten Stunde einer 
Cultur, die im Frühling einer neuen Zeit stirbt. 



DIE MAGISCHE VERTIEFUNG DER MODERNEN 

NATURWISSENSCHAFT. 

Von Dr. Carl du PREL (München). 

I. 

Es ist der Fehler der Wissenschaft oder vielmehr ihrer Vertreter, 
vom jeweiligen Stand des Wissens immer zu gross, von seiner Ent- 
wicklungsfähigkeit zu gering zu denken. Man überschätzt die gethane 
Arbeit und unterschätzt die noch zu thuende. Es entspringt dies der 
irrthümlichen Meinung, dass die wichtigsten Kräfte und Gesetze der 
Natur uns schon bekannt seien und der Fortschritt der Wissenschaften 
nur darin bestehe, eine immer grössere Anzahl von Naturvorgängen 
unter diese Gesetze zu bringen. Wäre es so, so hätten wir nur eine 
Erweiterung, aber keine Vertieftmg unseres Wissens mehr zu erwarten. 
Da nun aber gerade von der letzteren am meisten zu hoffen wäre, 
wäre es sehr wünschenswerth, wenn wir vorläufig wenigstens die Ein- 
sicht gewinnen könnten, dass es noch unbekannte Kräfte und Gesetze 
gibt. Diese Einsicht lässt sich nur auf dem einen Wege gewinnen, dass 
wir solche Phänomene untersuchen, die nach dem derzeitigen Stande 
unseres Wissens als unmöglich erscheinen, weil uns eben nur die Ge- 
setze bekannt sind, denen sie widersprechen, nicht aber die, welchen 
sie entsprechen. Solche Phänomene muss es jederzeit geben, weil 
die Natur von ihren Kräften Gebrauch macht, bevor der Mensch sie 
entdeckt. 

Im Mittelalter nannte man diesen Theü der unbekannten Natur- 
wissenschaft Magie, in neuerer Zeit Occultismus. Man kann es dieser 
modernen Bezeichnung vorwerfen, zu farblos zu sein; andererseits hat 
das Wort Magie im Mittelalter einen Nebensmn erhalten, der zu ver- 
meiden ist. Ohne zu bedenken^ dass auch das Unbegreifliche gesetz- 
mässig sein könnte, betrachtete man nicht nur ausserordentliche Vor- 
gänge der äusseren Natur oft als Wunder, z. B. das Auftauchen von 
Kometen, sondern auch die Aeusserungen der unbekannten Kräfte im 
Menschen. Statt den Menschen selbst als die Quelle derselben zu 
erkennen, dachte man sich dieselben als verliehen von Wesen sinn- 
licher oder dämonischer Art. Die Geschichte der Religionen zeigt, dass 
die Magier als Uebermenschen, als Wunderthäter galten, aber nicht aus 
eigener Kraft, sondern durch göttlichen Beistand ; und sie selber, wenn 
sie sich im Besitze von Fähigkeiten sahen, die den übrigen Menschen 
abgingen, waren der Selbsttäuschung ausgesetzt, sich für besonders be- 
gnadete Abgesandte Gottes zu halten. 

Wenn wir uns von solchen Missverständnissen frei halten, wenn 
wir die Naturdinge und den Menschen als die Träger noch unbekannter 



550 I>U PREL. 

Kräfte erkennen, so ist gegen das Wort Magie zur Bezeichnung der 
Aeusserung solcher Kräfte nichts einzuwenden. Die von Unwissenheit 
triefenden Mönche, die einen Campanella 27 Jahre lang in verschiedenen 
Kerkern gefangen hielten und ihn siebenmal der Tortur unterwarfen, 
klagten ihn nicht nur der Ketzerei an, sondern auch der Magie, indem 
sie seine ausserordentliche Gelehrsamkeit für eine Gabe des Teufels 
hielten. Er selbst aber gibt von der Magie eine Definition, die ganz 
richtig ist: Quidquid sapientes faciunt imitando naturam aut ipsam 
adjuvando per artem, opus magicum dicimus. Priusquam ars vulgetur, 
semper magia dicitur.^) »Alle Unbegreiflichkeiten der Natur und des 
Menschen können doch nur gesetzmässige Aeusserungen unbekannter 
Kräfte sein, und nur das soll das Wort Magie ausdrücken, dass sie 
zur Zeit noch unbegreiflich sind.c 

Unbekannt ist uns im Grunde genommen das Innerste aller 
Naturdinge. Man sieht es dem Wasser nicht an, dass es unter gewissen 
Bedingungen krystallisiren, unter anderen in Dampf verwandelt oder in 
Gase zerlegt werden kann. Aus der Erfahrung und aus dem Experiment 
wissen wir, dass es so ist; warum es aber so ist, können wir nicht 
sagen. So haben alle Naturdinge ihre Latenzen, die mit ihrer Grund- 
Constitution in Zusammenhang stehen, und wenn wir sie durch das Ex- 
periment aus ihnen herauslocken, zeigen diese Dinge nicht nur neue 
Qualitäten, sondern auch neue Beziehungen zum Naturganzen können 
uns offenbar werden. Wenn wir z. B. durch einen Leiter einen elektri- 
schen Strom senden, so wird jener magnetisch, und zwar magnetisch 
polarisirt, d. h. er offenbart jetzt eine Beziehung zum Erdganzen, zum 
Erdmagnetismus. Der Mensch, als höchstes Naturproduct und der In- 
begriff aller Naturkräfte, wird auch die zahlreichsten Latenzen haben. 
Wenn wir ihn durch animalischen Magnetismus in Somnambulismus 
versetzen, offenbart er neue Fähigkeiten, neue Beziehungen zur Natur, 
die allen Gesetzen der Physiologie zu widersprechen scheinen, magische 
Beziehungen, und es kann Gedankenübertragung, Hellsehen, Femsehen 
und Femwirken auftreten. Es sind das nicht Wunder, sondern nur 
Aeusserungen eines sechsten Sinnes, der aus der Latenz tritt Der 
Mineralmagnetismus könnte keine so durchgreifende Verändemng in den 
Körpem hervorbringen, wenn er nicht dem innersten Wesen derselben 
näher stünde als alle anderen auf diese Körper wirkenden Kräfte. Der 
animalische Magnetismus könnte nicht so wunderbare Fähigkeiten des 
Menschen zur Erscheinung bringen, wenn er nicht in dessen innerste 
Essenz eindringen würde. Darum eben ist die Entdeckung Mesmer's 
für die Lösung des Menschenräthsels so wichtig, weil sie uns seine La- 
tenzen offenbart, seine transcendentale Wesensseite, in die das Licht 
unseres Selbstbewusstseins nicht dringt. 

Reichenbach nennt den animalischen Magnetismus Od, und er 
sieht darin den tiefsten Punkt, bis zu welchem wir in der Analyse des 



^) Campanella: de sensu remm. XI. c. 6. 



VERTIEFUNG DER NATURWISSENSCHAFT. 55 1 

Menschen vordringen können, den Punkt, wo sich die Grenzlinie zwi- 
schen Körper und Geist bereits verwischt, so dass es den Anschein 
gewinnt, als sei die innerste Essenz des Menschen odischer Art. Zum 
Mindesten müssen wir in diesem Od das Vermittelnde zwischen Geist 
und Körper sehen, und zwar, wohlgemerkt, des Geistes, nicht bloss 
soweit derselbe sich in unserem Selbstbewusstsein beleuchtet vorfindet, 
sondern soweit als er überhaupt reicht. Reichenbach ist nicht so weit 
gegangen, die letzte Folgerung zu ziehen und im Magnetismus das 
Bindeglied zwischen der sinnlichen und übersinnlichen Welt zu sehen, 
worauf neuere Erfahrungen immer mehr hindeuten; aber innerhalb der 
sinnlichen Welt hat er das Od als das Alles durchdringende erkannt. 
Schon daraus aber ergeben sich in der sinnlichen Welt Beziehungen 
der Naturdinge unter sich, zwischen ihnen und den Lebewesen, wie 
zwischen den Lebewesen untereinander; Beziehungen, die viel weiter 
reichen, als was wir von dem unendlichen Flechtwerk von Wirkungen 
und Gegenwirkungen in der Natur durch unsere Sinne erfahren. Diese 
gegenseitigen Beziehungen sind realer als die mehr äusserlichen, von 
den Sinnen wahrgenommenen, weil darin die Essenzen der Dinge in 
Beziehung treten, dagegen uns die Sinne gleichsam nur die Symbole 
der Dinge offenbaren, deren eigentliches Wesen aber weit m^r ver- 
decken als aufdecken, so dass wir also schon durch unsere Organisa- 
tion davon ausgeschlossen sind, die eigentlichen realen Beziehungen 
der Naturdinge unter einander zu erkennen, die den Gegenstand der 
Magie bilden. 

Als freilich die Pariser Akademie den Auftrag erhielt, das System 
Mesmer's zu untersuchen, war sie weit davon entfernt, die Tragweite 
dieser neuen Entdeckung zu durchschauen; sie dachte zu hoch vom 
damaligen Wissen, zu gering von der Entwicklungsfähigkeit der Wissen- 
schaften. Sie fällte das Urtheil, es gebe keinen animalischen Magnetis- 
mus, denn (!) er entziehe sich aller sinnlichen Wahrnehmung. Wir 
brauchen uns bei dieser schülerhaften Logik nicht aufzuhalten. Dass 
nur das sinnlich Wahrnehmbare wirklich sei, das war von jeher die 
Sprache derjenigen, die alle Philosophie für entbehrlich halten, über 
ilüre kleine Fachwissenschaft nie hinausblicken und auf dieser schmalen 
Basis eine Weltanschauung errichten wollen. Die Erkenntnisstheorie 
lehrt im Gegentheil, dass wir mit den Sinnen nur Wirkungen auf 
unseren Organismus wahrnehmen, aber nicht das Wirkende. Gerade 
das Reale ist uns verborgen, das .Wirkliche ist übersinnlich. An Be- 
strebungen, den Magnetismus sinnenfallig zu machen, hat es seit Mesmer 
nicht gefehlt; aber erst Reichenbach hat die physikalische Grundlage 
dafür gelegt und die Wirkungen odischer Einflüsse auf das Gesicht 
und Gefühl constatirt Aber auch er ist nicht durchgednmgen, weil 
diese Wahrnehmungsfähigkeit sich nicht bei allen Menschen findet, 
sondern nur bei den Sensitiven. Das war allerdings ein Mangel, berech- 
tigte aber nicht zu dem Schluss, mit dem man schnell fertig war, er 
habe nicht einen objecdven Naturvorgang entdeckt, sondern nur einen 
subjectiven pathologischen Zustand gewisser Menschen. 



552 DU PREL. 

So oft es der Wissenschaft gelingt, wieder einen Bruchtheil des 
Uebersinnlichen zur sinnlichen Erscheinung zu bringen, dürfen wir 
sicher sein, dass merkwürdige Entdeckungen sich vorbereiten, durch 
die wir der Erkenntnis3 der eigentlichen Essenz der Dinge näher 
rücken. In dieser Weise sind die wenigen Nachfolger belohnt worden, 
die Reichenbach gefunden hat. Ich spreche von Martin Ziegler, der, 
nachdem er sein Vermögen in Versuchen aufgebraucht hatte, die ihm 
doch nicht zur Anerkennung verhalfen, in Dürftigkeit starb; dann aber 
von Rochas, dem noch lebenden Gelehrten, dem es beschieden zu sein 
scheint, die definitiven Beweise zu liefern, dass es einen animalischen 
Magnetismus gibt, und dass dieser der Schlüssel zur Magie ist. Uebrigens 
sind die Versuche, die Radiationen des menschlichen Organismus und 
anderer Körper durch photographische Bilder als Objecte nachzuweisen, 
unter mehrfacher Betheiligung in vollem Gang und werden wohl dem- 
nächst zu definitiven Ergebnissen führen. 

Wenn die Naturwissenschaft sich nicht mehr damit begnügen wird, 
die Theile der Natur in der Hand zu halten, sondern das geistige Band 
derselben suchen und mit weitem Blick zu den höchsten Principien 
aufsteigen wird, dann wird sich herausstellen, dass es nur Eine Urkraft 
von proteusartigerVerwandlungsfahigkeit gibt, welche die grössten und 
kleinsten Erscheinungen umfasst, den Makrokosmos und den Mikro- 
kosmos. Man wird dann in dieser Kraft die Weltseele der Alten er- 
kennen, die schon in den Anfangen^ der griechischen Philosophie be- 
müht waren, alle Erscheinungen auf em Urelement zurückzuführen. 
Wenn freilich bei diesem Bemühen Heraklit das Urfeuer zum Princip 
aller Dinge macht, so dürfen wir ihm nicht den Unsinn in die Schuhe 
schieben, als hätte er das Alles verzehrende Element zum Alles gebärenden 
gemacht; wir brauchen ihn aber auch nicht wohlwollend zu entschuldigen, 
wie Professor Zeller, welcher meint, Heraklit habe nur eine symbolische 
Anschauung in eine sinnliche Form gekleidet,^) oder wie Lassalle, der 
in diesem Urfeuer eine metaphysische Abstraction sieht.*) Wir werden 
vielmehr das Urfeuer Heraklit's ganz eigentlich physikalisch verstehen, 
zwar nicht im Sinne einer Köchin, aber im Sinne Reichenbach's, als 
das Alles durchdringende Od, insofeme es als Lichtphänomen sich 
kundgibt. Wir finden dasselbe in allen Jahrhunderten unter verschiedenen 
Benennungen, als Telesma bei Hormes, Enorman oder ignis subtüissimus 
bei Hippokrates, als Akasa bei den Indiern, Astrallicht bei den ICaba- 
listen. Galenus nennt es icvsöfta, Van Helmont Blas humanum, Para- 
celsus Alkahest, Boerhave Copula zwischen Geist und Körper; bei den 
Alchemisten heisst es quinta essentia, bei den Occulisten im ganzen 
Mittelalter Allgeist oder Lebensgeist, bei Descartes subtile Materie, bei 
Newton Spiritus subtilissimus. 

Eine spätere Zeit wird den geistreich sein sollenden Ausspruch von 
Dubois-Reymond, dass er an eine Weltseele erst dann glauben werde, 



1) Zeller: Philosophie der Griechen. I. 685. 
*) Lassalle : Heraklit der Dunkle. I. 861. 



VERTIEFUNG DER NATURWISSENSCHAFT. 553 

wenn sie ihm in Narrenmasse eingebettet gezeigt würde, nicht mehr 
bewundern. Für eine Weltseele genügt der Nachweis einer Alles durch- 
dringenden und Alles verbindenden Potenz. Nur das ist eigentlicher 
Monismus; ohne eine solche Weltseele hätte die Natur nur den 
Monismus eines Steinhaufens. Wir müssen einsehen lernen, dass die 
Theile der Natur in einer solidarischen Verbindung stehen, dass Alles 
auf Alles wirkt, so wenig wir auch von diesem Kräftesystem, in das 
wir eingegliedert sind, durch unsere groben Sinne erkennen.' Schon 
Mesmer's Vorgänger im Mittelalter haben diese Weltseele Magnetismus 
genannt, und so spricht z. B. Athanasius Kircher von einem Magne- 
tismus der Gestirne, der Erde, der Mineralien, Pflanzen und Lebe- 
wesen. ^) Mesmer, trotz der Beschränkung seiner Untersuchungen, die 
er sich als Arzt auferlegte, sah im animalischen Magnetismus nur die 
Modification einer Urkraft und hat von dieser Erkenntniss den einen 
Gebrauch gemacht, dass er den menschlichen Magnetiseur durch das 
Baquet ersetzte, welches, mit unorganischen Substanzen gefüllt, beim 
Patienten dieselben Erscheinungen hervorrufen kann wie der Magne- 
tiseur. Auch Professor Kircher in dem von ihm herausgegebenen 
Archiv sagt, dass in der Wechselwirkung der Metalle auf einander und 
auf den Menschen noch Verhältnisse und Kräfte verborgen sind, die 
unsere bisherige Physik noch nicht einmal ahnt, und die durch das 
Baquet und das Pendel mit dem Agens des animalischen Magnetismus 
in nähere Verbindung gebracht werden müssen. Der Magnetismus 
sei eine allgemein verbreitete, nicht nur dem menschlichen Organismus 
eigenthümliche Naturkraft, die, im Menschen durch festen Willen und 
eigenthümliche Manipulationen erregt und verstärkt, auf die Somnam- 
bulen einwirkt, auch in besonderen Substanzen, Metallen, Wasser, Kohle, 
Eisenschlacke etc. durch eigenthümliche Verhältnisse und durch den 
Einfluss des Menschen aus seinen Banden erlöst und zu freier Wirk- 
samkeit erhoben, dieselben Erscheinungen und Reactionen wie der ani- 
malische Magnetismus im menschlichen Körper hervorrufen kann.^) In der 
That kann der Mensch nicht nur durch den Menschen in Somnambulismus 
versetzt werden, sondern auch durch das Baquet, also durch den Chemismus 
des Wassers und der Metalle. Es ist daher keineswegs unwahrscheinlich, dass 
wir auf diesen Magnetismus der unorganischen Natur wieder zurückgreifen, 
ja dass wir noch die Fixsterne als Baquete benützen werden, wenn 
Spectralanalyse und Metallotherapie weitere Fortschritte machen. Man 
hat das Baquet aufgegeben, weil die verschiedenartigsten Füllungen 
desselben angewendet wurden, was zu beweisen schien, dass nicht der 
Chemismus des Baquets wirke, sondern die Einbüduhg, Erwartung, 
Autosuggestion. In der That aber beweist diese Verschiedenartigkeit 
der Füllungen nur, dass nicht der Chemismus als solcher wirkt, sondern 
als Odquelle. Wenn femer da und dort berichtet wird, dass Somnam- 
bulismus auch durch Elektricität und Galvanismus erzeugt werden 



^) Kircher: magnetitum naturae regnum. 

*} Archiv für thierischen Magnetismus, III., 2 — 31. 



4« 



554 DU PREL. 

kann, so können auch diese wohl nur als Odvesikal angesehen werden. 
So hat Cbarpignon einen fiLr Magnetismus empfänglichen jungen Mann 
in wenigen Minuten durch die elektrische Maschine in Schlaf gebracht ; 
er sagt, dass man durch die Voltasäule dasselbe erreichen kann, und 
dass Ducros 1847 an die Pariser Akademie mittheilte, er habe zuerst 
Tbiere, dann ein junges Mädchen durch Elektricität anästhetisch ge- 
macht, so dass ihr ein Backenzahn entfernt werden konnte.^) Allen 
diesen Proceduren unter sich muss also etwas Gemeinschaftliches zu- 
kommen, das wiedenim in den Manipulationen des Magnetismus zu 
finden ist. Der Somnambulismus, wie immer er erzeugt wird, ist eine 
durch odische Einwirkungen und odische Veränderungen im Menschen 
herbeigeführte Erscheinung. Da er sich femer zunächst verbunden zeigt 
mit einer Einbusse an Lebenskraft, so dass Anästhesie und der Ver- 
lust des Bewusstseins eintritt, während zugleich — wie Rochas ge- 
zeigt hat — odische Schichten aus dem Körper des Somnambulen 
heraustreten und seine Empfindungsfähigkeit in diese 
exterriorisirten Odschichten verlegt ist, so müssen wir 
daraus schliessen, dass das Od der Träger der Lebenskraft und des 
Bewusstseins ist, dass es also in der That die innerste Essenz des 
Menschen entweder selbst oder doch auf das Innigste damit ver- 
bunden ist. Das Innere des Menschen kann also ohne Vermittlung der 
körperlichen Organe in Beziehung treten zu dem Innern der Natur- 
dinge und anderer Menschen, ohne selbst durch die Entfernung ge- 
hemmt zu sein, und das eben ist es, was wir Magie nennen. 

Der Hauptgrund, warum die Wissenschaft von Mesmer und Reichen - 
bach so wenig Notiz genommen hat, ist wohl der, dass der animalische 
Magnetismus von jeher eine schwankende Stellung zwischen Physik 
und Physiologie eingenommen hat, an keine von beiden recht ange- 
knüpft werden konnte, daher von beiden Seiten vernachlässigt wurde. 
Es war nachtheilig, dass die medicinische Anwendung des Magnetismus 
seiner physikalischen Erforschung vorausging, die erst mit Reichenbach 
ernstlich begann. 



') CharpignoD : Etades physiqaes sur le magnätisme animal. 27. 

(Schluss folgt.) 



NOTIZEN. 



Vom Raimund - The ater. 

Die kleinbürgerliche Atmosphäre 
dieses Hauses bringt ihre eigen- 
thümlichen Satiriker hervor. Zu 
Costa, der mit dem Aufgebot seiner 
ganzen Harmlosigkeit dem Uebel 
des Lotteriespieles an den Leib 
rückte, gesellt sich jetzt eine Frau 
Baumberg, welche in »Trab- 
Trab« die Ausartungen des Renn- 
sports zu geissein unternimmt. Einige 
Recensenten begingen den verhäng- 
nissvollen Irrthum, von dem frischen 
Mangel an Theaterroutine, der sich 
in dieser Posse offenbart, auf das 
Vorhandensein einer ursprünglichen 
Humorbegabung zu schliessen. Wir 
kennen kein zweites Stück, das 
eine so lebhaft bewegte, abwechs- 
lungsreiche Langweile auf die Bühne 
brächte. Wenn nun auch episodisti- 
sches Beiwerk die Haupthandlung 
manchmal zu zersplittern droht, 
den rothen Faden der Albernheit 
und Geschmacklosigkeit weiss die 
Autorin doch immer wieder zu 
finden. Nach dem dramatischeren 
Durchfall der Marriot hat das 
Raimund -Theater allsogleich die 
Specialität der possenschreibenden 
Frau aufgebracht, und so wird denn 
mit den mühsam erworbenen Frauen- 
rechten in der Wallgasse fleissig 
Missbrauch getrieben. Bei der Pre- 
miere von »Trab-Trab« suchte man 
für Frau Baumberg allenthalben 
Sympathien zu wecken, für die un- 
glückliche Verfasserin, die der Tragik 
ihres eigenen Lebens diese Gesangs • 
posse abgewonnen habe. In den 



Zwischenacten wurde besprochen, 
was die Frau schon Alles hätte 
durchmachen müssen. Dies sicherte 
den freundlichen Erfolg der Posse: 
man lachte aus Mitleid. — Unter 
den Darstellern war nur Herr Leo« 
pold Strassmayer bemerkens- 
werth, der das Erbe unserer grossen 
Vorstadtkomöden angetreten zu 
haben scheint; 

4r 

Die literarische Ernte der ver- 
flossenen Raimund-Theater-Saison 
ist recht dürftig. Hervorzuheben wäre 
eventuellAlexanderEng eFs stellen- 
weise vertiefter Schwank »Das liebe 
Geld«, fUr dessen Aufführung dem 
Theater Anerkennung gebührt. In- 
dess hat Herr Gettke noch zu 
sehr unter den Folgen der früheren 
Direction, unter dem unseligen 
NachlasseMüller-Guttenbrunn's 
zu leiden, als dass eine gerechte 
Verurtheilung seines Gebahrens 
schon nach diesem einen Spiel- 
jahre möglich wäre. Vielleicht hat 
der Umstand, dass ihn einige 
Dummköpfe bereits im Vorjahre, 
da * die blosse Thatsache seiner 
Elberfelder Herkunft ruchbar wurde, 
gerichtet haben, uns diese Nach- 
sicht auferlegt und den Mann sym- 
pathisch gemacht. Jedenfalls zeigt 
es sich vorläufig immer noch mehr, 
dass Müller - Guttenbrunn kein 
Theaterkundiger war, als dass Herr 
Gettke einer ist. In der kommen- 
den Spielzeit wird es an ihm sein, 
seine Fähigkeiten, die bisher nur 
gerüchtweise bekannt wurden, auch 

42* 



556 



NOTIZEN. 



ZU documentiren. Die Entschuldi- * 
gUDgsrede, die Gettke kürzlich in 
der Generalversammlung der Rai- 
mund-Theater-Gründer gehalten hat, 
war von einem vornehm beschei- 
denen Tone getragen, der in die- 
ser Gemeinde dividendenbesorgter 
Spiessbürger nie noch vernommen 
ward. Die diesjährige Sitzung ent- 
behrte übrigens auch sonst der 
üblichen rüden Scenen, und ihre 
Theihiehmer betrugen sich auf- 
fallend unparlamentarisch. 

Auch den Bethätigungsdrang 
des Satirikers, welcher in früheren 
Jahren auf seine Rechnung zu 
kommen pflegte, haben die Herren 
diesmal kaum berücksichtigt. Nur 
Herr Victor Silberer erklärte, 
dass er »ein einfacher, schlichter 
Bürger sei«, Herr Dr. Emil Reich 
berief sich auf die deutsche Volks- 
seele, und Herr Jaburek, der den 
Abend hindurch beschaulich in 
einer Ecke gelehnt und sich an 
keiner der Debatten betheiligt hatte, 
richtete unmittelbar vor ihrer Auf- 
lösung an die noch beschlussfähige 
Versammlung die Worte: »Meine 
Herren! Mi gengen nicht nach 
Hause; mi gengen zum Dreher!« 

Das Raimund -Theater hat bisher 
mit seinen internen Angelegenheiten 
einen breiteren Raum im Interesse 
der Oeffentlichkeit arrogirt als mit 
seinen künstlerischen Darbietungen, 
und ausschliesslich ein Programm 
von effectvollen Zerwürfnissen, 
fesselnden Coulissenintriguen und 
wirksamen Abgängen beliebter Dar- 
steller Sorge geboten. Es ist die 
höchste Zeit, dass die Bürger von 
Mariahilf ihres Kunstsinns enthoben 
werden und dieses leidige Aus- 
schusstheater endlich seinen Pächter 
bekommt. Alpha, 



Deutsches Volkstheater. 

Zum erstenmale: »Das Kuckucks^ 
ei«, Volksstück von Oscar Fronz. 
Ein Abend, der in den Zuschauem, 
die ohne Ansprüche gekommen 
waren, nichts unbefriedigt zurück- 
liess und den Eindruck vollkommen- 
ster Selbstverständlichkeit machte; 
also willkommene Erholung nach 
den Sensationen, die prätentiöse 
Unfähigkeit in diesem Theater 
wiederholt verursacht hat. Fronz 
ist Schauspieler, seine Arbeit unver- 
fälschte Capellmeistermusik. »Zum 
erstenmale« wird ein tugendhaftes 
Mädchen aus dem Volke vorge- 
führt, welches eine enge Welt ver- 
lässt, um dem Lockrufe des Lasters 
zu folgen, aber im entscheidenden 
Momente reuig in die Arme der 
Ihren zurückkehrt Diese von dick- 
flüssiger Moral triefende Handlung 
wird in vagen Strichen gefuhrt, 
aber immer wieder schlägt kräftig 
der unverbrauchte Theaterinstinct 
des Verfassers durch, der noch oft 
zu nützen sein wird. Ein externer 
Stückemacher müsste derartige 
conventioneile Scenen erst aus 
allen Archiven herbeischleppen und 
künstlich zusammensetzen, dem 
Schauspieler ist die Schablone zur 
Natur geworden. Nur zu begreif- 
lich, dass ihm das Leben Schablone 
wird. Der Salon einer Gelegen- 
heitsmacherin auf der Bühne hat 
bestenfalls den Vorzug decora^iver 
Neuheit und könnte als humoristi- 
sche Episode immerhin noch Ver- 
wendung finden. Der Lebensernst 
hat sich aus den im »Kuckucksei« 
geschilderten Vorgängen zurück- 
gezogen; ihr Inhalt ist nicht mehr 
dramatisch, vielmehr bereits zur 
Localnotiz erstarrt. F. Schik 
(»Montagsrevue«) triff*t, wie immer, 
den Kern der Sache, wenn 



NOTIZEN. 



55T 



er auch an das Fronz^sche 
Volksstück den sodalen Mass- 
stab anlegt und schreibt: »Heute 
muss dargestellt werden, wie 
ein Mädchen unter dem Ein- 
flüsse der gesellschaftlichen Ver- 
fiihruQgskeime innerlich zu Falle 
kommt, und dazu bedarf es keiner 
Gelegenheitsmacherin und nicht 
des stereotypen Wüstlings.« Des 
Typischen der letzteren Figur ist 
sich der Verfasser bewusst, wenn 
er sie mit einer feinen Nuance auf 
dem Theaterzettel und im Stücke 
kurzweg als »Der Herr Director« 
anfuhrt. Man wird an den 
»Herrn« in Schnitzler's »Liebeleic 
erinnert, nur dass diese Art eine 
Figur zu bezeichnen hier affectirt 
und gezwungen ist, während sie 
im »Kuckucksei« ein charakteristi- 
sches Streiflicht auf das ganze 
Milieu wirft und einen Beigeschmack 
von Humor aufweist. Noch manche 
Einzelheit, namentlich im dritten 
Acte, hat Herrn Fronz ermunternden 
Beifall eingetragen. Die Productivi- 
tät dichtender Schauspieler wird, 
abgesehen von den evidenten Vor- 
theilen, die sie für ihre Theater 
mit sidi bringt, den nicht zu unter- 
schätzenden Nutzen haben^ dass 
sie geschäftige Bühnenhandwerker 
vom Schlage der Victor L^on 
überflüssig macht. Alpha. 

Hofoperntheater. D i e 

Braut von Korea. Ballet von 
Regel und Hassreiter. Musik 
von F. Bayer. 

Herrn Director Jahn ist es glück- 
lich gelungen, sich den grössten 
Theil des musikverständigen Wiener 
Opempublicums zum Feinde zu 
machen; mit den Herren Ballet- 
habitu^s scheint er sich aber ver- 
halten zu wollen: das schliessen 
wir aus der Premiere, die uns die 



Oper kurz vor Thorschluss bc- 
sdieerte. Was — bei dem jetzigen 
Personalstand — sämmtliche Sänger 
und Sängerinnen des Hauses nicht 
im Stande gewesen wären — unsere 
Ballerinen im Vereine mit den 
reizvoll gemalten Decorationen 
Brioschi's haben es fertig gebracht, 
einem schwächlichen Werke vor 
dem vollzählig erschienenen Parquet 
von Habitu6s einen grossen Erfolg 
zu erringen. Es gab aber auch viel 
schönes Neue — eine Seeschlacht 
mit Torpedos und eine Schlacht 
zu Lande mit Kanonen — und 
viel schönes Aeltere im Massen- 
aufgebote des Balletcorps und in 
Bayerns Musik zu sehen und zu 
hören. Mit der Aufzählung des 
gebotenen Guten sind wir schneller 
fertig als mit dem Tadeln. Da ist 
vor Allem der ebenso alberne als 
langweilige Text der Firma »Regel 
und Hassreiter«, die unbegreiflicher- 
weise jedes Jahr mit ihren Neu- 
fabricaten erscheinen darf, zu er- 
wähnen. Aber auch Capdlmeister 
Bayerns Musik kann diesmal 
nicht gelobt werden. Seinem liebens- 
würdigen Talente mangelt die 
Gabe, zu charakterisiren, gänzlich ; 
so ist es gekommen, dass seine 
Charakteristik, auf der Reise nach 
China begriffen, die Fahrt schon, 
beim »Heurigen« der Wiener Vor- 
orte angelangt, einstellen musste. 

Ä K—r, 

Edmund Hellmer's Mar- 
morbrunnen. Durch die Auf- 
stellung des Hellmer'schen Monu- 
mentalbrunnens »Die Macht zu 
Lande« hat die Fagade der k. k. 
Hofburg am Michaelerplatz den 
letzten Schmuck nach den Plänen 
Fischer v. Erlach's erhalten. 
Bei der Fertigstellung dieses Kunst- 
werkes drängt sich unwillkürlich 



5S«' 



NOTIZEI^. 



ein Vergleich desselben gegen die 
Weyt'sche Gruppe »Die Macht zur 
See« auf. Hellmer ist zweifellos 
der dankbareren Aufgabe gegen- 
übergestanden. Eine Symbolisirung 
der Seemächte musste den Künstler 
auf das schon furchtbar ausge- 
schrotete Gebiet der Nymphen, 
Nereiden und Tritonen drängen. 
Nur ein Künstler vom Range 
Weyr*s vermochte sich mit allen 
Ehren aus der Afifaire zu ziehen. 
Er schuf einen mächtigen Neptun 
und einige Meerungeheuer freier 
Phantasieerfindung von Böcklein- 
scher Kraft und Urwüchsigkeit. 
Hellmer hatte es viel leichter, in 
seinem Vorwurf moderne Elemente 
mit antikisirenden Grundformen 
zu verschmelzen. Während Weyr 
sich mehr an den im Sinne 
Fischer v. Erlach*s liegenden Barock- 
styl hielt, konnte es Hellmer nicht 
über sich bringen, seinen Drang 
nach moderner Gestaltung zu ver- 
leugnen. Freilich entstanden da- 
durch mehrfache Styluneinigkeiten; 
so hält die hochaufragende, kräftig 
modellirte Jünglingsgestalt die Linke 
auf einem mit ihren antiken Formen 
und dem archaistischen Stirnband 
durchaus nicht übereinstimmenden, 
höchst modernen Raufdegen. Aber 
das sind Kleinigkeiten, die die 
Freude am Ganzen nicht ver- 
kümmern sollen. Man könnte sie 
als plastische Licenzen entschuldi- 
gen. Eine Neuerung versucht 
Hellmer in der Anordnung der 
Figuren, bei welcher er mit Ab- 
sicht von dem gebräuchlichen Sy- 
stem des Ausgleichens der Massen 
abgeht. Er verlegt die Haupt- 
figuren auf die linke Seite, während 
die rechte durch einen mäch- 
tigen, flügelschlagenden Adler und 
eine heimtückisch emporzüngelnde 



Schlange nur spärlich bedacht wird. 
Das Gesammtbüd ist trotzdem kein 
störendes oder unharmonisches« 
Die einzelnen Figuren der an- 
stürmenden Gnomen sind mit Kraft 
und Kühnheit modellirt Besonders 
auffallend ist die Würdigung, die 
der Künstler den anatomischen 
Formen angedeihen lässt, eine 
künstlerische Gründlichkeit, die 
Hellmer auch auf seine talentirte 
Schülerin Fräulein Th. F. Ries 
übertragen hat. Das Werk, das 
trotz der Verschiedenheit der In- 
dividualitäten aufs Prächtigste mit 
dem Weyr'schen Brunnen harmo- 
nirt, büdet eine neue Zierde unserer 
Stadt und einen abermaligen Be- 
weis dafür, dass es um die Plastik 
bei uns weitaus besser bestellt ist 
als um die Malerei. -^«»«^ Wilhelm, 

Die VIER Teufel, eineexcen- 
trische Novelle von Hermann Bang. 
Autorisüte Uebersetzung von Ernst 
Brausewetter. Berlm, S. Fischer, 
Verlag, 1897. 

Hermann Bang beweist ein emi- 
nentes Talent für die Schilderung 
von psychologischen Problemen : 
Das Verhältniss, das Seelenleben 
der Artistengruppe »Die vierTeufel« 
ist mit jener wundervollen Klarheit 
gezeichnet, die ein Specificum der 
Nordländer bildet. Der sehnsüchtig- 
üppigen Sprache, dem überquellen- 
den Empfinden Peter Nansen's 
ähnelt Bang's Art und Weise zu- 
weüen, ohne .dabei jedoch in 
schülerhafte Nachäifung auszuarten. 
Das kleine Buch, das sich mit 
Unrecht eine »excentrische« Novelle 
nennt — es könnte ihm leicht ein re- 
ales Erlebniss zugrunde liegen — ist 
eine der werthvollsten Bereicherun- 
gen der »Collection Fischer«, welcher 
das deutsche Publicum schon man- 
ches Beachtenswerthe dankt. A. N, 



KOTIZEN. 



559 



SeCESSION. Bei einer jüngst 
abgehaltenen Versammlung der 
Künstlergenossenschaft kam es zu 
heftigen Scenen, die einen starken 
parlamentarischen Anstrich hatten. 
Eine Gruppe von Künstlern, denen 
man ihre modernen Empfindungen 
nicht recht glauben mochte, hat 
sich in der gemeinsamen Entrüstung 
gegen den Vorstand der Genossen- 
schaft zu einer Secession zusammen- 
gefunden. Wir beziehen nämlich 
nicht nur unsere Kunstanschauungen 
stetig aus dem Auslande, sondern 
auch die Recepte zu ihrer wirk- 
samen Verwerthung. Nachdem die 
Münchener Modernen eine Se- 
cession gegründet hatten, Tiäre es 
unwienerisch gewesen, nicht das 
Gleiche zu thun. Bei der ebenfalls 
echt wienerischen Neiguog für 
alle Halbheit meinte man anfangs, 
trotzdem im besten Einvernehmen 
mit der Künstlergenossenschaft 
bleiben zu können. Unsere Künstler, 
die eben über ihren persönlichen 
Vortheil nie ganz hinwegkommen, 
möchten gerne das Beste von 
beiden Tischen nehmen. Das glän- 
zendste Beispiel lieferte Herr 
Ottenfeld, der sich erst von der 
Künstlergenossenschaft -mit dem 
Reichel-Preis und der goldenen 
Staatsmedaille prämüren liess, ehe 
er ofüciell zur Secession übertrat. 
Man mag mit dem Streben der 
Wiener Secessionisten sympathi- 
siren, die Art, wie sie sich von 
der Künstlergenossenschaft los- 
sagten, ist doch nur der alte 
Schlendrian mit modernen Allüren. 
In den ehrwürdigen, kunstkeuschen 
Genossenschaftsräumen liess sich 
der Toilettewechsel der künstleri- 
schen Anschauungen — als einen 
solchen betrachten die Wiener mit 
wenigen Ausnahmen die Moderne 



— nur schwer vollziehen, man 
musste daher ausziehen und ein 
eigenes Quartier aufsuchen. 

Bis zur Fertigstellung des neuen 
Kunstpalastes bauen die Secessio- 
nisten Luftschlösser, die ihrer be- 
gabtesten Architekten würdig sind. 
Die Ausmalung derselben besorgt 
Herr Carl Moll mit viel Phan- 
tasie und Farbenpracht, er hat 
hierin bisher unerwartete künst- 
lerische Qualitäten bewiesen. Was 
in die Räume der Secession — 
wenn die Pläne der neuen Künstler- 
vereinigung plastische Gestalt ge- 
wonnen haben — einziehen wird, 
wissen wir nicht. Eine segensreiche 
Vermittlung der modernen Kunst 
des Auslandes erhoffen wir in jedem 
Falle. Ob aber die Wiener Kunst 
den erwarteten Aufschwung nehmen 
wird, bleibt noch eine offene Frage. 
Dazu brauchten wir in erster Linie 
zu der neuen Kunst auch neue 
Künstler. w— m. 

ViNCENZ CHIAVACCI — ent- 
decktl Da Hermann Bahr mit 
seinen neuen Dichtern so wenig 
Anklang fand, hat er den Ent- 
schluss gefasst, von jetzt ab nur 
mehr bekannte, altbewährte Schrift- 
steller zu entdecken. Das ist gefahr- 
los und sichert überdies den unbe- 
dmgten Beifall der Wiener CoUegen- 
schaft. Der Anfang ist bereits ge- 
macht, Chiavacci heisst der hoff- 
nungsvolle Autor, der bisher nur in 
weiteren Kreisen des Publicums 
Anerkennung gefunden hat, jetzt 
aber auch im Kreise der Intimen 
populär werden solL Bis heute war er 
nur als der joviale Wiener Dialect- 
humorist bekannt, was Herr Bahr 
etwa in die Worte kleidet: Man 
musste, wenn man die »Frau 
Sopherl« las, an Horax, den milden 
Sänger der zufriedenen Mmutop, 



56o 



NOTIZEN. 



i 



denken. Nachdem sich nun Bahr 
über das »Geheimniss der Wirkung 
dieser Frau SopherU beruhigt hat, 
geht er daran, das neueste Buch 
Chiavacci's, »Weltuntergang«, zu 
deuten. »Seit Jahren«, ruft er aus, 
»hat kein Werk auf das Beste in 
mir so tief und rein gewirkt!« 
Tief und rein] Chiavacci hat es 
sich wohl nie träumen lassen, dass 
diese beiden Adjectiva, die seit 
etwa drei Jahren von jenen Leuten, 
die weder tief noch ein reines 
Deutsch schreiben können, auf 
alle modern literarischen Erschei- 
nungen angewendet werden, auch 
ihm einst zugefügt werden sollten. 
Ein Chiavacci, der gedeutet werden 
muss, der sich nicht damit begnügt, 
Horaz zu sein, und seine Ernen- 
nung zum Maeterlinck noth wendig 
macht! Und warum dies Alles? 
Der gemüthliche Wiener Autor hat 
— ein hochdeutsches Buch ge- 
schrieben. Bahr hat es gelesen und 
»möchte«, wie er betheuert, »vor 
Freude weinen«. Ihm war bei der 
Leetüre, als ob »das Elend unseres 
Daseins von ihm wiche und tröst- 
lich sah er es vor sich glänzen«. 
Er spricht von Chiavacci's »unbe- 
schreiblicher Macht«, citirt eine 
längere Stelle aus dem Buche, die 



»zum Grössten gehört, das in 
unserer Zeit empfunden«, und ver- 
steigt sich so zu einem Hymnus, der 
zum Lächerlichsten gehört, das in 
seiner Zeit ausgesprochen worden 
ist Mit all dem bereitet Herr Bahr 
uns weder eine Sensation noch 
auch eine Enttäuschung. Wir haben 
es begreiflich gefunden, dass er 
über eine Leistung des Fräulein 
Wachner »keine Worte« fand, dass 
ihm das Gastspiel des Herrn Reicher 
im Carltheater eine tiefe Empfin- 
dung vom Leben eingab, und hören 
ihm geduldig zu, wenn er jetzt an- 
kündigt, dass die Gestalt Chiavacci's 
wie ein weisser Engel mit ihm 
durchs Leben gehen werde. Wir 
sehen gelassen der Entdeckung 
Paul V. Schönthan's entgegen und 
haben uns mit dem Gedanken 
vertraut gemacht, gelegentlich auch 
einmal von der neuen Note des 
Julius Löwy zu vernehmen. Was aber 
sagen die Jünger ? Werden sie, nach 
deren Meinung Herrn Bahr die 
modernen Angelegenheiten des 
Landes anvertraut sind, ihm end- 
lich ihr Misstrauensvotum geben 
und es officiell ablehnen, sich in 
Zukunft von ihm entdecken zu 
lassen ? . . . Alpha, 



V 



Heraosgebar und ▼OFantwortlicher Redactefur: Rudolf Strauss. 
Ch. Reiner & M. Wcrthneri Wien. 



YV^iener J{undschau. 



16. JUNI 1897. 



DER VATER. 

Von BjÖRNSTJERNE BjÖRNSON. 
D«atsch von Wilhelm Thal. 

Der Mann, von dem hier die Rede ist, war der erste seines Kirch- 
spiels und hiess Thorr Oeverhaas. 

Eines Tages erschien er in dem Arbeitszimmer des Fastors ; hoch 
trug er das Haupt und sprach mit feierlichem Ernste: 

»Es ist mir ein Sohn geboren worden, und ich will ihn taufen 
lassen.« 

»Welchen Namen willst du ihm geben?« 

»Finn, nach meinem Vater.« 

»Und wer sind die Pathen und Pathinnen ?« 

Thorr nannte sie; es waren Männer und Frauen, die an- 
gesehensten Leute des Kirchspiels, die Alle zur Familie des Vaters 
gehörten. 

»Hast du mir noch etwas zu sagen?« fragte der Pastor, ihn an- 
sehend. Der Bauer blieb einen Augenblick stumm, dann sagte er: »Ich 
möchte gern, dass mein Sohn ganz allein getauft werde.« 

»Das heisst, an einem Wochentage?« 

»Ja, nächsten Sonnabend um 12 Uhr Mittag.« 

»Ist das Alles?« 

»Ich wüsste weiter nichts I« 

Der Bauer drehte seinen Hut in den Händen, als wolle er gehen. 
Der Pastor erhob sich und sagte auf Thorr zuschreitend, seine Hand 
ergreifend und ihm in die Augen blickend: 

»Lass' mich dir, bevor du gehst, noch einen Wunsch aussprechen, 
der dich begleiten mag. Gott gebe, dass dieses Kind für dich ein 
Segen sei.« 

Sechzehn Jahre nach diesem Tage erschien Thorr wieder in dem 
Arbeitszimmer des Pastors. 

»Du hältst dich gut, Thorr,« sagte dieser zu ihm, denn er fand 
ihn gar nicht verändert. 

43 



5^2 BJÖRNSON. 

»Ich habe keine Sorgen.« 

Der Pastor erwiderte nichts; und nach kurzer Pause fuhr er fort: 

»Was ist heut' Abend dein Begehr?« 

»Heut* Abend komme ich wegen meines Sohnes, der morgen ein- 
gesegnet werden soll.« 

»Es ist ein braves Kind.« 

»Ich habe Euch Eure Gebühr nicht bezahlen wollen, bevor ich 
nicht wusste, welchen Platz er in der Kirche erhalten würde.« 

»Ich habe ihm den ersten angewiesen.« 

»Jetzt bin ich befriedigt, und hier sind zehn Thaler für Euch.« 

»Wünschest du sonst noch etwas?« fragte der Pastor und sah 
ihn an. 

»Ich wüsste nichts weiter.« 

Und Thorr ging von dannen. 

Wieder waren acht Jahre verflossen, als man eines Tages vor dem 
Hause des Pastors einen starken Lärm vernahm. Ein Trupp Männer 
trat ein, Thorr an der Spitze. Der Pastor erhob die Augen und 
erkannte ihn. 

»Du kommst heut' Abend in zahlreicher Gesellschaft.« 

»Ich will das Aufgebot für meinen Sohn bestellen, er heiratet 
Rarin Storliden, die Tochter Gudmund's, der hier anwesend ist.« 

»Das ist die reichste Partie in der ganzen Gemeinde.« 

»Man sagt es«, versetzte der Vater und fuhr sich mit rascher 
Bewegung durch die Haare. 

Der Pastor blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken. 
Ohne etwas zu sagen, schrieb er die Namen in das Register, und die 
anwesenden drei Männer unterzeichneten. Thorr legte die Thaler auf 
den Tisch. 

»Es kommt mir nur einer zu«; sagte der Pastor. 

»Ich weiss, was Euch zukommt, doch es ist mein einziges Kind, 
und ich liebe es, die Dinge ordentlich zu thun.« 

Auf diese Erklärung hin nalim der Pastor das Geld. 

»Das ist das drittemal, dass du deines Sohnes wegen hierher- 
kommst, Thorr.« 

»Jetzt bin ich mit ihm fertig«, erwiderte ihm der Vater, zog 
die Schnüre seiner Börse zusammen, nahm Abschied und ging fort, 
während die Andern ihm langsam folgten. 

Vierzehn Tage später ruderten Vater und Sohn bei ruhigem 
Wetter über den Fjord, um sich nach Storliden zu begeben und das 
Hochzeitsmahl zu bestellen. 

»Die Bank unter mir ist nicht fest«, sagte der Sohn und stand 
auf, um sie festzuschnallen. In demselben Augenblicke klappte das 
Brett, auf dem er sich hielt, um, er schlug mit den Händen in die Lufl 
und fiel mit einem Angstschrei ins Wasser. 

»Halt* das Ruder fest«, rief Thorr und reichte es ihm schnell. 
Sein Sohn klammerte sich daran fest, doch bald Hessen seine gelähmten 
Hände los. 



DER VATER. 563 

»Warte ! warte I« schrie der Vater und ruderte auf ihn zu. 

Doch der Jüngling legte sich auf den Rücken, warf seinem Vater 
einen laugen Blick zu . . . und verschwand. 

Thorr wollte es nicht glauben; er hielt das Boot an und blickte 
starr nach der Stelle, wo sein Sohn untergegangen war, als hätte er 
erwartet, ihn aus der Tiefe auftauchen zu sehen. Einige Wasserblasen 
zeigten sich an der Oberfläche, eine letzte grössere zertheilte sich . . . 
und das Meer nahm seine spiegelklare Durchsichtigkeit wieder an. 

Drei Tage und drei Nächte sah man den Vater an der Unglücks- 
stätte herumrudem; ohne zu essen oder zu schlafen, suchte er seinen 
Sohn. Am dritten Tage fand er den Leichnam und brachte ihn selbst 
na«h seiner Besitzung in die Berge. 

Seit diesem Tode war ein Jahr vergangen. An einem Sommer- 
abend zu sehr später Stunde hörte der Pastor, wie sich Jemand draussen 
an der Thürschwelle bewegte und zu öfihen versuchte. Er ging selbst 
hin und sah einen Mann von grosser Gestalt, doch mager und gebeugt, 
ins Zimmer treten; seine Haare waren weiss. Der Pastor betrachtete 
ihn lange Zeit, bevor er ihn erkannte; es war Thorr Oeverhaas. 

»Kommst du so spät?« sagte der Pastor und blieb vor ihm 
stehen. 

»Leider komme ich spät«, erwiderte Thorr und setzte sich. Der 
Pastor wartete, was folgen würde, und setzte sich ebenfalls; dann trat 
eine lange Pause ein. 

Endlich sagte Thorr: »Ich habe etwas bei mir, was ich den Armen 
geben möchte. Ich habe die Absicht, eme wohlthätige Anstalt zu 
gründen, die den Namen meines Sohnes tragen soll.« 

Er erhob sich, legte das Geld auf den Tisch und setzte sich 
wieder. 

Der Pastor zählte die Summe und sagte: »Das ist aber viel!« 

»Es ist die Hälfte des Kaufpreises, den ich heute für mein Gut 
erhalten habe.« 

Der Pastor versank wieder in ein langes Schweigen und fragte 
endlich mit sanfter Stimme: »Was gedenkst du denn zu unternehmen?« 

»Etwas Besseres als bisher.« 

Wieder trat eine Pause ein; Thorr heftete seine Augen auf die 
Diele; der Pastor blickte ihn fragend an, dann sagte er plötzlich 
mit halblauter Stimme: »Ich glaube, jetzt endlich ist dein Sohn für 
dich zum Segen geworden.« 

»Ja, jetzt bin ich auch davon überzeugt«, versetzte Thorr, erhob 
die Augen, und zwei Thränen flössen langsam seine Wangen herunter. 



43" 



IHR LETZTER BALL. 

Von RAOUL AUERNHEIMER (Wien). 

I. 

Er war 19, sie 37. Er war ein hübscher Junge, sie eine schöne 
Frau. Auf seiner Oberlippe lagen die ersten feinen Härchen eines 
keimenden Bartes; und um ihre schönen Augen zogen sich die ersten 
feinen Fältchen des ungalanten Alters. 

Er stand ihr gegenüber, im schwarzen Frack, mit weissen Hand- 
schuhen und auf der Brust ein leuchtendes Comiteabzeichen. 

»Sie müssen zusagen, gnädige Frau!« sagte er, beinahe herzlich, 
in der Hofihung, einige Karten anzubringen. 

»Ach I« sagte die schöne Frau in dem schmollenden, hätschelnden 
Tone, in dem man zu ganz kleinen Kindern spricht. »Ich gehe nicht 
mehr auf Bälle I« 

Er entrüstete sich geläufig. »Nicht mehr!« Das war ihm ganz 
unfassbar. »Nicht mehr!« 

Da trat Frau Selma ganz nahe an ihn heran, so dass der Spitzen- 
duft ihres Morgenkleides ein wenig erstaunt Bekanntschaft machte mit 
dem flammenden Comiteabzeichen auf seiner Brust. Und den Kopf 
lächelnd ein wenig gesenkt, drehte sie ihre dunkelbraunen Augen 
nach aufwärts. Das war so ein kleiner Kunstgriff, dessen sie sich seit 
zwanzig Jahren im Verkehr mit Männern — nicht ohne Erfolg — be- 
diente. 

Herr Richard Greif erkannte sofort, dass dieser Blick verführerisch 
wirken solle ; und er ergriff ihre herzige, kleine, warme Hand und beugte 
sich darüber, wie verstummt vor Seligkeit. 

Sie entzog ihm die Hand mit einem reizenden Lächeln — es 
war das reizende Lächeln ihrer letzten fünfzehn Jahre. 

»Und wenn ich Ja sage?« meinte sie mit berechneter Unent- 
schlossenheit. 

»Sie sagen Ja!« 

»Schau'n Sie nur!« sagte sie nun wieder hätschelnd, in dem 
traulichen Altmütterchenton, den sie seit zehn Jahren etwa ganz jungen 
Männern gegenüber in Anwendung brachte. Und unsäglich bescheiden 
fugte sie hinzu: 

»Ich werde ja sicher sitzen bleiben!« 

Darüber lacht ein Comit6mitglied. • 

Er lachte: »O, meine Gnädige! O, Sie werden des Balles Königin 
sein, und zwanzig Pagen werden Ihren Fächer tragen.« 



IHR LETZTER BALL. 565 

»Ja freilich,€ lächelte sie traurig; — traurig lächelte sie übrigens 
erst seit ungefähr fünf Jahren, wenn eine unzweideutige Artigkeit sie 
besonders glücklich machte. 

»Frau Königin,« fuhr er fort mit galanter Geberde, die weissen 
Fingerspitzen auf die Brust gestemmt, »für einen treuen Pagen steh' 
ich gut.« 

Sie schlug ihm leicht, liebkosend auf den Mund ; und mit einem 
strafenden Blick schaute sie so verliebt zu ihm empor, dass ihm ganz 
heiss wurde. 

»Sie werden auch lieber mit den jungen Mädchen tanzen,« 
meinte sie. 

»O, die jungen Mädchen!« Er lachte verächtlich. »Aber lassen 
Sie's doch auf den Versuch ankommen, gnädige Frau, sagen Sie Jal« 

Sie lächelte, und zwar diesmal schalkhaft; allerdings nicht so 
schalkhaft, dass er eine 2^nlücke hätte bemerken können, die sie 
leider seit drei Jahren hatte. 

Sein Gesicht nahm einen kindlich bittenden Ausdruck an : 

»Sagen Sie Ja.« 

Sie senkte den hübschen Kopf und legte ihre Hand in die seine. 

Er blickte sinnend auf einige Spuren schlecht verriebenen Puders 
auf ihrer weissen Stirn. 

Und er ergriff ihre zweite Hand: 

»Sagen Sie Ja, schöne Frau — bitte schön!« 

Noch immer schwieg sie. Sie neigte sich ein ganz klein wenig 
vor, sie stützte sich ein ganz klein wenig in seine Hände. 

Herr Richard Greif stand noch in dem Alter, in dem man die 
Frauen durch und durch kennt. Nur wusste er noch nicht immer so- 
gleich, wie er sich benehmen sollte. Er überlegte daher einen Augen- 
blick im Angesichte dieser verstohlenen Zärtlichkeit. Noch nicht ganz 
einig mit sich, entschloss er sich, auf jeden Fall einen Augenblicl^ 
impertinent zu lächeln; — und sogleich lächelte er auch mit vollendeter 
Impertinenz. 

Aber noch immer schwieg die schöne Frau, reglos, die Augen 
niedergeschlagen. Bei dem frechen Lächeln konnte er es auf die Dauer 
unmöglich bewenden lassen, das sah er ein. Er überlegte: Sollte er 
die ältliche Dame an sein Herz ziehen, sollte er ihr zu Füssen sinken? 
Die Geschichte würde seine Freunde nicht wenig erheitern. Zudem — 
sie ist 80 übel nicht. Und vielleicht nimmt sie eine Ehrenkarte, wenn 
sie liebt 

Und schon machte das impertinente Lächeln in seinen Zügen 
dem Ausdruck seelenvoller Liebesleidenschaft Platz ; schon hob er ver- 
suchsweise den rechten Arm ... Da erschollen trippelnde Kinderschritte 
im Nebenzimmer, und ein helles Stimmchen rief: »Mama!« 

Mama hatte zur selben Zeit ihre Hände aus denen des jungen 
Mannes gelöst und schaute ihn aus höchst erstaunten Augen unschuldig 
lächelnd an. 

»Da bin ich, Emmy!« rief sie ins Nebenzimmer. 



566 AUERNHEIMER. 

Das Köpfchen der dreizehnjährigen Emmy, der Tochter des 
Hauses, erschien in der Thüre, verschwand aber sogleich wieder 
beim Anblick des schwarzbefrackten Besuches mit dem feierlichen 
Cylinder. 

»Also ja? Wir dürfen hoffen?« fragte der junge Manu, ein 
wenig verlegen, ein wenig beschämt Aber er behielt Fassung genug, 
in die Tasche zu greifen und einige weisse Goldschnittkarten daraus 
hervorzuholen. 

»Vielleicht,« verhiess sie und streckte ihm ihren weissen runden 
Arm entgegen. 

Er küsste die Hand, die sie leise gegen seine Lippen drückte, 
und die Ballkarte legte er so nebenbei auf den Tisch. 

Dann, an der Thüre, verneigte er sich noch einmal, wobei er den 
Versuch machte, sie mit dem cynisch begehrlichen Blicke eines lang- 
jährigen Wüstlings zu messen. Da ihm das aber in der Eile nur un- 
vollständig gelang, zog er sich mit einer verbindlichen Verbeugung 
zurück. 

Frau Selma schaute ihm nach mit dem zärtlich ironischen Lächeln, 
^das man den ersten Gehversuchen eines Kindes zollt. Behaglich konnte 
sie sich gestehen, dass dieser unglückliche Knabe in sie verliebt sei. 
Sie liess sich in einen Lehnstuhl gleiten und seufzte ein wenig. Kein 
Zweifel, auch sie hatte ihn lieb. Allerdings hatte das nicht viel zu 
bedeuten bei ihr; denn in der Dauer ihrer Ehe hatte sie sich wohl 
schon hundertmal verliebt. Und doch hatte sie die eheliche Treue 
eigentlich nie verletzt. Fürs Erste hatte sie sich zu lieb dazu, und 
zweitens gehörte sie trotz alledem zu jenen schönen Frauen, die allzeit 
auf die Stimme ihrer Modistin mehr hören als auf die Stimme ihres 
Herzens. 

Nachdenklich schritt sie durch das Kinderzimmer und strich im 
Vorbeigehen dem kleinen Willi über das seidenweiche Haar. Und da 
der Kleine verwundert das Hälschen drehte, lächelte sie ihm zu, schalk- 
haft, mit geschlossenen Zähnen, ohne zu bedenken, dass der sechs- 
jährige Willi diese Schalkhaftigkeit unmöglich würdigen konnte. Dieses 
Lächeln hielt auch noch an, während sie der Emmy, die sich gerade 
mit Stolz selbst frisirt hatte, das Sammtband um den kurzen Mädchen- 
zopf fester band. 

Erst als das Fräulein eintrat, machte diese jugendliche Munter- 
keit in ihren Zügen einem müden, abgespannten Ausdruck Platz. 

»Ich soll auf den Studentenball gehen,« sagte sie mit Unlust, 
»einige bekannte Damen sind im Comit^, und man redet mir schreck- 
lich zu.« 

Und schier gequält schaute sie das Fräulein fragend an. Das 
Fräulein war schon viel bei kleinen Kindern herumgekommen und 
wusste mit schönen Frauen umzugehen. 

Sie redete Frau Selma lebhaft zu, den Ball zu besuchen. Sie 
müsse sich doch auch einmal unterhalten, sagte sie und führte diesen 
Gedanken aus. 



IHR LETZTER BALL. 5^7 

»Ach!« seufzte die schöne Frau mit Märtyrermiene. 

Und durchaus noch nicht gewonnen, schritt sie in ihr Zimmer. 
Sie nahm ein schönes Buch zur Hand, schlug es auf und trat vor den 
Spiegel. Hierauf bemühte sie sich, den sinnenden Ausdruck, den sie 
beim Lesen eines Buches zur Schau trug, im Spiegel zu beobachten. 
Leider gelang ihr das nicht; denn wie sinnend sie auch in das Buch 
blicken mochte, wenn sie aufsah und in den Spiegel schaute, war der 
sinnende Ausdruck beim Teufel. 

Sodann Hess sie sich auf die Chaiselongue gleiten und begann 
mit gespannter Aufmerksamkeit zu lesen. Und als sie das drittemal 
umblätterte, da stand es in ihrer Seele fest, dass sie ein weisses Moir6- 
kleid nehmen würde mit einem viereckigen Ausschnitt, und an der 
Schulter ein paar helle Rosen. Als sie aber das Capitel beendet hatte, 
war in ihr die Ueberzeugung gereift, dass diese Toilette die geschmack- 
vollste sein werde auf dem Balle. Und vielleicht wird gar der Ball- 
bericht in dem reizenden Damenflor auch ihren Namen nennen I 
Sie athmete tief auf, ihr schwindelte, ihr kleines Herz pochte. 

Der Anfang des Balles war auf neun Uhr festgesetzt; aber gleich 
wie ein ganz junges Mädchen, das auf ihren ersten Ball zu gehen sich 
anschickt, hatte die schöne Frau schon lange vor der Zeit ihre Toilette 
beendet. Und nun stand sie vor dem Spiegel und schaute ihr be-* 
rückendes Bild mit dem reizenden Puppenlächeln, das sie gleichzeitig 
mit dem neuen Ballkleide angezogen hatte. 

»Entzückend!« rief das Fräulein und übersetzte gewohnheits- 
gemäss: »Ravissant!« 

»Ja,« sagte die schöne Frau gleichgiltig kalt, »der Moir6 ist 
sehr hübsch.« 

Dann kamen die Kinder mit grossen, erstaunten Augen, und sie 
schauten halb scheu, halb verwundert. 

Plötzlich erschien nun auch Papa, im Frack, mit einer fürchter* 
liehen Miene. Wüthend nestelte er an der Cravate, zerrte er an 
den Manchetten. Schliesslich packte er mit wildem Griff den Claque 
und liess ihn mit jähem Knall aufspringen. 

Sodann schaute Herr Friedhart ein wenig befriedigter um sich. 
Er hätte den Qaque auch schon in seinem Zimmer aufschnellen lassen 
können. Aber mit Absicht hatte er ihn hieher gebracht, um seinem 
Aerger ein wenig Ausdruck zu geben. 

Mama küsste heute ihre Kinder vor dem Schlafengehen nicht, 
denn sie fürchtete für das Fischbein vor ihrem Herzen und für den 
Puder auf ihren Wangen. 

Langsam stieg die schöne Frau über die teppichbespannte Treppe 
hinunter, und ihr verdriesslich ernstes Gesichtchen sprach deutlich von 
der lästigen Gesellschaftspflicht, die zu erfüllen sie sich anschickte. 

Als sie aber in der dunkeln Ecke des Wagens sass, und Niemand 
sie sehen konnte, da schaute sie mit leuchtenden Augen hinaus in die 
geheimnissvolle Wintemacht und lächelte das reizende Lächeln ihrer 
letzten fünfzehn Jahre. 



568 AUERNHEIMER. 

IL 

»Für wann soll ich den Wagen bestellen?« fragte Herr Friedhart 
beim Aussteigen finster. 

Frau Selma machte ihrem mürrischen Herrn Gemahl eine Con- 
cession und sagte: »Für zwei Uhr.« Aber sie dachte bei sich: »Er 
kann ja warten.« 

Mit leuchtendem Blick, mit einem siegesgewissen, bethörenden 
Lächeln durchrauschte sie am Arm ihres Gatten den BallsaaL Leider 
waren sie zu früh gekommen. Erst die Hälfte der Lampen glühte, und 
es war empfindlich kühl Frau Selma hätte gerne ihren weissen Pelz- 
kragen umgenommen, doch fürchtete sie, darin plump auszusehen. Sie 
fror also. 

AUmälig aber kam es zusammengerauscht, das muntere, das bunte, 
tanzlustige, junge Volk. 

Frau Selma wählte einen Platz zwischen zwei ärmlich gekleideten, 
mageren, jungen Mädchen. Mit einem zärtlich-wohlwollenden Blick be- 
trachtete sie die dürftigen Schultern ihrer Nachbarinnen. Und sie 
lächelte stolz. 

Die ersten Takte der Polonnaise erklangen ; die Hälfte der Paare 
war schon angetreten. Frau Selma fächelte sich Kühlung zu, obgleich 
ihr kalt genug war, und lächelte. Herrn Friedhart's Laune besserte 
sich insoweit, dass er höhnisch zu lächeln begann. 

Endlich kam Herr stud. med. Richard Greif, das Comit^mitglied. 
Er sah sehr hübsch aus, und Frau Selma winkte ihm schon von der 
Feme mit dem Fächer zu. Er aber bemerkte sie nicht. Er eilte an ihr 
vorbei auf ein blondes Fräulein zu, die ein rothes Abzeichen trug wie 
er. Frau Selma drehte sich nach ihrem Manne um, um sich zu ver- 
gewissem, ob er nicht bemerkt haben könne, dass sie Herrn Greif zu- 
gelächelt, und er sie übersehen habe. So etwas war ihr nämlich in 
ihrem ganzen Leben noch niemals geschehen. 

Plötzlich erschien Herr Richard Greif wieder, am Arme, um einen 
halben Schritt zurück, einen kleinen Herrn, dem er lebhaft zuredete. 
Mit diesem trat er auf Frau Friedhart zu, stellte ihr den kleinen Herrn 
vor und flog mit Windeseile wieder davon, ohne weiter ein unnützes 
Wort zu verlieren. 

Der kleine Herr machte ein zuckersüsses Gesicht und redete 
lauter dummes Zeug. Frau Seimas Augen aber schimmerten, jede 
Dummheit ihres Tänzers nahm sie mit einer anmuthigen Bewegung 
auf, und einmal, in der Nähe eines hübschen jungen Mannes, der sie 
flxirte, konnte sie nicht umhin, über eine geistreiche Bemerkung ihres 
CavaUers in ein bethörendes, mädchenhaft helles Lachen auszubrechen. 

Und auf einmal hob der Walzer an. Sie schloss einen Augenblick 
die Augen vor Seligkeit, und die ganze lachende Mädchenzeit wogte 
rhythmisch in ihrer Seele empor. 

Sie sank in die Arme des kleinen Herm, und sie fingen zu 
tanzen an. Frau Selma war, wie sie selbst zugestand, eine wunderbare 



IHR LETZTER BALL. 569 

Tänzerin, mit dem kleinen Herrn aber konnte sie nicht tanzen. In 
ihrer Seele gohr es. Aber noch verliess das bestrickende Lächeln ihre 
Lippen nicht. Wieder und wieder fingen sife von Neuem an, jedoch 
vergeblich. Endlich sagte der kleine Herr athemlos: 

»Sie tanzen Dreischritt, gnädige Frau!« 

»Allerdings,« versetzte sie ein wenig gereizt, »man tanzte früher 
nur Dreischritt.« 

»Ganz richtig,« antwortete er unendlich zuvorkommend. »Meine 
Mama tanzt auch nur Dreischritt. Und auf der Hochzeit meiner 
Schwester konnte sie mit mir nicht tanzen, mit dem eigenen Sohne I 
Möchten Sie das glauben, gnädige Frau?« 

Und er lachte über dieses so komische Familienverhältniss. 

Den nächsten Tanz sass Frau Friedhart. Ihre beiden mageren, 
hässlichen Nachbarinnen tanzten. Was hatten die vor ihr voraus, fragte 
sich die schöne Frau verbittert. Und die Antwort fiel ihr nicht ein: 
sie tanzten Sechsschritt und sie waren jung. 

Da sie aber bemerkte, dass einige Damen sie beobachteten, wandte 
sie sich zu ihrem Manne und sagte mit entzückter Miene : »Du glaubst 
gar nicht, ich sehe so gerne tanzen zu.« 

»Nun,« sagte er mit trockener Bosheit, »Du wirst ja bis 2 Uhr 
Zeit dazu haben.« 

Herr Richard Greif flog an ihr vorbei, im Arme seine reizende 
Blondine, von der Frau Selma zu ihrem Gatten bemerkte, dass sie 
frech lache. Dann schaute sie ihm nach mit einem Blicke kalter Ver- 
achtung: dieser Elende hatte sie hieher gelockt I 

Im nächsten Tanze kam er dann auf einen Augenblick zu ihr 
Er jammerte gewandt über die vielen lästigen Verpflichtimgen, die ihn 
abhielten, seinen Liebhabereien zu leben. Zur Hälfte versöhnt, sank sie 
in seine Arme. Sie hatte ihn ja so lieb, diesen hübschen, kecken 
Knaben, der ja übrigens trotz alledem in sie verliebt war. Und sie 
lehnte sich an seine Brust und drückte ihm ganz leicht die Hand. Und 
er schaute ihr tief und heiss in die Augen. Aber tanzen konnte er auch 
nicht mit ihr. 

Frau Selma rauschte zu ihrem Platze zurück. Noch immer lächelte 
sie, aber schon glich dieses Lächeln mehr einem Krämpfe ihrer 
Mundwinkel. 

Nach einiger Zeit wandte sie sich wieder zu ihrem Gemahl. 

»Was jetzt unsere Kinder machen mögen I?« fragte sie zärtlich 
träumerisch. 

»Schlafen,« versetzte der Gatte rauh. 

Auf einmal tauchte der junge Mann, dem zu Liebe sie vorhin 
über einen Spass ihres Tänzers so laut gelacht, in ihrer Nähe auf. Er 
liess seinen Blick auf ihr ruhen, war aber augenscheinlich zu schüch- 
tern^ sich ihr zu nähern. Sie überlegte; der Stolz der schönen Frau 
kämpfte in ihr mit dem Krämpfe der Eitelkeit. Schliesslich aber, da er 
sich nicht vom Flecke rührte, entschloss sie sich dazu. 



570 AUERNHEIMER. 

Sie schaute mit gespannter Aufmerksamkeit nach der entgegen- 
gesetzten Seite und liess dabei zerstreut den Fächer ihrer Hand ent- 
gleiten. 

Mit einem impertinenten Lächehi bückte sich der junge Mann, und 
mit unnachahmlicher Ironie grinste er: 

»Darf ich bitten, meine Gnädige.« 

Zuvorkonmiender als seine Vorgänger fragte er: 

»Gnädige Frau tanzen wahrscheinlich Dreischritt?« 

Und er tanzte sehr gut Nur dass er sich nach einer Weile nieder- 
beugte und der schönen Frau ins Ohr flüsterte: 

»Wann darf ich Sie wiedersehen, schöne Frau?« 

Das Blut schoss ihr in die Schläfen. Wofür hielt sie dieser 
Mensch ? 

Da sie zu ihrem Manne zurückkehrte, lächelte sie wieder. Aber 
nach einer kleinen Weile fragte sie bekümmert: 

»Ob nur nicht am Ende der Willi krank werden wird? Er war 
so still am Abend.« 

»Ach was, Unsinn]« brummte Herr Friedhart gähnend. 

Und wieder nach einer Weile schüttelte sie besorgt den Kopf: 

»Wir hätten den Wagen auf früher bestellen sollen; ich habe 
doch keine Ruhe!« 

»Ja, und dann unterhältst du dich auch nicht I« ergänzte er mit 
verbitterter Bosheit. 

Sie schaute ihn an, stumm, mit Verachtung. Als ob sie hieher 
gekommen wäre, sich zu unterhalten! 

Dann wandte sie wieder ihre gespannte Aufmerksamkeit dem 
Tanzen zu. Dabei bemerkte sie aber, dass die jungen Mädchen über 
sie lachten, während die jungen Herren pflichtgemäss Bosheiten ersannen 
in den langen, wortarmen Quadrillen. Da verlor sie zum erstenmale die 
stolze Sicherheit, das blinde Selbstvertrauen der schönen Frau. Aber 
gerade in diesen Augenblicken klammerte sie sich mehr denn je an 
den Erfolg, an den Sieg. Und da war es nun kläglich anzuschauen, 
wie ihre plötzlich gealterte Schönheit noch einmal in einem verzweifelten 
Kampfe alle ihre Künste spielen liess, wie über ihre ängstlich ge- 
spannten Züge das schalkhafte Lächeln ihrer ersten Mädchenjahre ging, 
um, kaum entwickelt, verdrängt zu werden von dem reizenden Lächeln 
ihrer letzten fünfzehn Jahre, das selbst wieder überhastet überging in 
ein gesucht melancholisches Lächeln der reifen, der überreifen Schön- 
heit. Und währenddessen zwang sie ihre grossen, schönen Augen bald 
zu einem lächerlich sieghaften Leuchten, bald zu einem verführerischen, 
zu einem träumerischen, zu einem sinnlichen Ausdruck. Und die Qualen 
ihrer Seele kamen nur ab und zu zur Geltung in einem halbverheim- 
lichten Zucken ihrer Mundwinkel, in einem unterdrückten Beben ihrer 
kleinen Hand. 

Und plötzlich wandte sie sich zu ihrem Manne. »Leo,« sagte sie 
mit bebender Gleichgiltigkeit, »wir fahren nach Hause.« 

»Ah!« sagte er satyrisch erstaunt. 



IHR LETZTER BALL. 57 1 

Und sie nahm sich zum letztenmale zusammen^ stand auf und 
rauschte durch den Saal, stolz, wie sie gekommen, mit leuchtendem 
Blick, mit siegesgewissem, bethörendem Lächehi, mitten durch das 
rauscliende, rhythmische Wogen, durch die Gruppen derheissen, drehenden, 
lächehiden Paare, die sich gleich Marionetten bewegten nach der sinne- 
bethörenden, geistlosen Melodie der Jugend, und sie rauschte lächelnd 
hinaus, bis die letzten Wellen der Tanzmusik melancholisch verrauschten, 
erstarben, bis der Schein der letzten Lampe um sie im Dunkel zerfloss. 

Erst, da sie in der schwarzen Wagenecke sass, versank das Lächeln 
um ihren Mund, und mit grossen, angstvollen Augen starrte sie hinaus 
in die neblige, düstere Nacht, in die Zukunft. 

»Es gibt nichts Amüsanteres, als so ein Ball!« wiederholte Herr 
Friedhart von Zeit zu Zeit. 

Sie würdigte ihn keiner Antwort. 

Zu Hause angekommen, trat sie mit einer Lampe in das Schlaf- 
zimmer der Kinder. Der kleine Willi lag, den Kopf auf die Rundung 
des Armes gestützt, die Bäckchen im Schlummer geröthet, den süssen, 
kleinen Mund halboffen. Mama küsste ihn zärtlich auf das dünne 
Hälslein, um das die duftige Krause seines Jäckchens lag. 

Emmy schlief viel manierlicher, das feine Köpfchen, von krausem, 
braunem Haar umlockt, weit zurückgebogen, wie verloren in den An- 
blick des unendlichen Landes der Sehnsucht. 

Frau Selma küsste sie auf die Lider mit den langen Seiden- 
wimpem, sank vor dem Bettchen auf die Kniee imd beugte sich über 
die kleine, warme Hand des Kindes. Und sie dachte nicht mehr an das 
Fischbein vor ihrem Herzen, an den Puder auf ihren Wangen. 

Herr Friedhart schaute zu ihr hinüber. 

»Nun«, höhnte er, noch immer rasend vor Aerger, »du bist ja gar 
nicht lustig!« 

Sie schwieg. 

»Hast du dich vielldcht nicht unterhalten? — Hast du nicht 
rasend getanzt? — Hast du nicht Eroberungen gemacht? — War dir 
der junge Mann, der dir den Fächer aufhob, nicht frech genug? — 
Ich, meinerseits, habe mich köstlich unterhalten, und finde, dass man 
nicht Geld genug ausgeben kann fUr ein solches Vergnügen.« 

Frau Seimas Haupt sank tiefer. All die gekränkte Eitelkeit, die 
Beschämungen, Enttäuschungen, die ganze Reue dieses verfehlten Abends 
drängten sich in ihrer kleinen Seele zusammen, und heisse Thränen 
schössen ihr in die Augen, während ein verzweifeltes Schluchzen ihre 
nackten Schultern hob und senkte. 

Da bemerkte Herr Friedhart bestürzt, dass er zu weit gegangen; 
sein gutmüthiges Herz war trostlos über die Verzweiflung seiner 
kleinen Frau. 

»Aber Kind,« beschwichtigte er sie, während er ihre Hände küsste, 
»wein' nicht! Na! — Na! Wein' nicht! Ich hab's nicht bös' gemeint!« 

Sie stand langsam auf, das Spitzentaschentuch vor den Augen. 



572 AUERNHEIMER. 

Er zog sie an sich, und widerstandslos sank sie an seine Brost, 
von Thränenkrämpfen erschüttert. 

»Herzchen 1« beruhigte er sie hätschelnd, »sei doch gescheit I — 
Es war eben ein verfehlter Abend 1 . . . Das macht ja nichts. Wir gehen 
doch nächstens wieder auf einen Ball, wenn du es willst.« 

»Nein!« schluchzte sie. »Neinl NeinI« 

Er umschlang ihr Haupt, küsste ihr Haar, streichelte ihre Wangen. 

»Wir gehen doch wieder,« tröstete er. 

Sie wand sich zärtlich von ihm los, hob das Haupt, trocknete 
ihre Augen. 

»Es war mein letzter Ball!« sagte sie, und traurig irrte ihr Blick 
umher, bis er auf dem Antlitz des lieblichen, kleinen Mädchens ver- 
weilte, dessen gechlossene Augen sehnsüchtig in das Reich der Zukunft 
schauten. 

Der Gatte folgte ihrem Blick. Ein väterlich zärtliches Lächeln glitt 
über seine Züge. Er deutete auf das Kind. 

»In drei — vier Jahren,« sagte er, »gehen wir wieder auf den BaU.« 

Da lächelte Frau Selma unter Thränen. 

Und mit der ganzen Melancholie seiner soliden Kaufmannsseele 
seufzte er leise: 

»Der letzte Ball und der erste — wie liegen sie nah' an ein- 
ander I« 



HIMMLISCHE TAGE. 

Die grauen Regenstürme schliefen nun ein. . . 
Schwer und leuchtend duften die Syringen 

Und bergen Seligkeit. 
In tausend Röthen erglühst du, Erde, 

Denn der Abend kommt. . . 

Oh, nun schaukelt mein Herz auf ewigen Meeren 

Und schweigt. . . und horcht. . . 
Aus einer fernen Flöte tönt sein Glück. 

Berlin. FRANZ EVERS. 



DAS ERWACHEN DER SEELE. 

Von MAURICE MAETERLINCK (Gent). *) 
Ans dem Französischen von Richajld Schaukal. 

Es wird vielleicht eine Zeit kommen, und viele Zeichen sind ihrer 
Nähe, eine Zeit wird vielleicht kommen, da unsere Seelen einander er- 
blicken werden ohne das Mittel der Sinne. Unleugbar ist, dass sich 
das Reich der Seele täglich mehr verbreitert. Sie ist unserm sicht- 
baren Wesen weit näher und nimmt weit mehr theil an unseren 
Handlungen als vor 200 bis 300 Jahren. Man könnte sagen: wir 
kommen an eine spirituelle Epoche. Es gibt in der Geschichte eine 
gewisse Zahl ähnlicher Perioden, in denen die Seele, unbekannten Ge- 
setzen gehorchend, gleichsam an die Oberfläche der Menschheit steigt 
und ihr Dasein und ihre Macht offenkundiger bestätigt. Dieses Dasein 
und diese Macht offenbaren sich auf tausend unerwartete und ver- 
schiedene Arten. Es scheint, als ob die Menschheit in diesen Momenten 
auf dem Punkte gewesen wäre, die lastende Bürde der Materie ein 
wenig aufzuheben. Es herrscht in ihnen etwas wie eine geistige Er- 
leichterung, und die härtesten und unbeugsamsten Gesetze der Natur 
geben da und dort nach. Die Menschen smd sich selbst näher, sie 
sind ihren Brüdern näher; sie sehen einander an und lieben einander 
viel ernstlicher und viel inniger. Sie verstehen viel zarter und viel 
tiefer das Kind, das Weib, die Thiere, die Pflanzen und die Dinge. 
Vielleicht sind die Bildwerke, die Gemälde, die Schriften, die sie uns 
gelassen haben, nicht gerade vollendet; aber es ist in ihnen etwas 
Unsagbares von geheimer Kraft und Gnade, das ewig leben wird und 
unterwerfen. In den Blicken der Menschen muss damals eine Bruder- 
liebe gewesen sein und traumhaftes Hoffen; und allüberall findet man 
neben den Spuren des gewöhnlichen Lebens die welligen Spuren eines 
andern Lebens, das man sich nicht erklärt. 

Das, was wir von dem alten Egypten wissen, gestattet die An- 
nahme, dass es eine dieser spirituellen Perioden durchmass. In einer 
sehr entlegenen Epoche der indischen Geschichte muss die Seele sich 
der Oberfläche des Lebens bis zu einem Punkte genähert haben, den 
sie niemals mehr erreichte; und die Ueberreste und die Erinnerungen 
an ihre fast unmittelbare Gegenwart erzeugen dort noch heute selt- 
same Phänomene. Es gibt noch genug andere Momente derselben Art, 
da das spirituelle Element auf dem Grunde der Menschheit zu ringen 
schemt wie ein Ertrinkender, der sich mit Händen und Füssen wehrt 
unter den Wassern eines grossen Flusses. Denken wir z. B. an Persien, 

*) Le trisor des hambles. 



574 MAETERLINCK. 

Alexandrien und die zwei mystischen Jahrhunderte des Mittelalters. 
Hingegen gibt es vollendete Jahrhunderte, in denen die Intelligenz und 
die Schönheit ganz ausserordentlich rein vorherrschen, aber die Seele 
sich nicht ^eigt. So ist sie sehr weit von Hellas und Rom, vom XVU. 
und XVIII. Jahrhundert Frankreichs. (Mindestens von der Oberfläche 
dieses letzteren Jahrhunderts, denn seine Tiefen mit Claude de Saint- 
Martin, Cagliostro, der ernster zu nehmen ist, als man glaubt, Pascalis 
und so vielen Anderen, verbergen uns noch manche Mysterien.) Man 
weiss nicht warum, aber etwas ist nicht da; geheime Verbindungen 
sind zerschnitten und die Schönheit schliesst die Augen. Es ist sehr 
schwer, das in Worten auszudrücken und zu sagen, aus welchen 
Gründen die Atmosphäre der Göttemähe und des Schicksals, die die 
griechischen Dramen umgibt, nicht als die wahrhaftige Atmosphäre der 
Seele erscheint. Man entdeckt am Horizonte dieser bewunderungs- 
werthen Tragödien auch ein beständiges und verehrungswürdiges Ge- 
heimniss; aber es ist das nicht jenes rührende, brüderliche und so 
ungemein thätige Geheimniss, das wir in manchen weniger grossen 
und weniger schönen Werken finden. Und uns näherliegend: wenn 
Racine der unfehlbare Dichter des Weibes ist, wer wagte es, uns 
zu sagen, dass er jemals einen Schritt gemacht zu seinem Herzen? 
Was würdet ihr mir antworten, wenn ich euch um die Seele der 
Andromache oder des Britannicus fragte? Die Personen des Racine 
verstehen einander nur durch das, was sie aussprechen; und kein 
Wort durchbricht die Dämme des Meeres. Sie sind fiirchterlich 
einsam auf der Oberfläche eines Planeten, der nicht mehr am 
Himmel wandelt. Sie können nicht schweigen, sonst würden sie nicht 
mehr sein. Sie haben kein »unsichtbares Princip«, und man könnte 
glauben, eine trennende Substanz sei zwischen ihren Geist und ihr 
eigenes Wesen gesetzt worden, zwischen das Leben, das an alles 
Existirende rührt, und das Leben, das nur rührt an den flüchtigen Augen- 
blick einer Leidenschaft, ' eines Schmerzes, eines Verlangens. Es gibt 
wirklich Jahrhunderte, in denen die Seele einschläft und kein Mensch 
mehr sich um sie bekümmert. 

Heute ist es augenscheinlich, dass sie grosse Anstrengungen 
macht. Sie bestätigt sich überall auf eine ungewöhnliche, gebieterische 
und zwingende Art, wie wenn eine Losung gegeben worden wäre und 
sie keine Zeit mehr zu verlieren hätte, Sie muss sich zu einem Ent- 
scheidungskampfe vorbereiten, und kein Mensch kann Alles erforschen, 
was von Sieg oder Flucht abhängt. Niemals vielleicht hat sie so unter- 
schiedliche und unwiderstehliche Kräfte ins Werk gesetzt. Man könnte 
sagen, dass sie sich an eine unsichtbare Mauer gedrängt fühlt, und 
man weiss nicht, ob das Erschöpfung ist oder ein neues Leben, das 
sie bewegt. Ich will nicht reden von den dunklen Mächten, die sich 
um uns erheben: vom Magnetismus, der Telepathie, der Levitation, 
den ungeahnten Eigenschaften der strahlenden Materie und tausend 
andern Phänomenen, die die officielle Wissenschaft erschüttern. Diese 
Dmge sind von Allen gekannt und bestätigen sich ungezwungen. Und 



DAS ERWACHEN DER SEELE. 575 

ausserdem sind sie wahrscheinlich gar nichts im Vergleich mit dem, 
was sich in Wirklichkeit bereitet, denn die Seele ist wie ein Schläfer, 
der aus seinen Träumen heraus unsäglich sich müht, einen Arm zu 
bewegen oder das Lid zu heben. 

In andern Regionen, denen die Menge keine solche Aufmerk- 
samkeit entgegenbringt, rührt sie sich noch viel wirksamer, obgleich 
dieses Rühren den Augen, die nicht gewohnt sind, zu sehen, 
weniger erkennbar ist. Würde man nicht sagen, dass ihre Stimme auf 
dem Punkt ist, mit einem höchsten Schrei die letzten Töne des Irr- 
thums zu durchdringen, die sie noch in der Musik umhüllen; und hat 
man jemals tiefer die heilige Schwere einer unsichtbaren Gegenwart 
gefühlt als in unseren Werken gewisser ausländischer Maler? Endlich, 
in der Literatur, kann man nicht constatiren, dass mancher Gipfel sich 
da und dort erhelle von einem Lichte ganz anderer Natur als die 
seltsamsten Lichter der vergangenen Literaturen ? Wir nahen uns einer 
unausdrückbaren Umformung des Schweigens, und das »erhabene 
Gegebene«, das bisher herrschte, scheint nahe am Ende seiner Existenz 
zu sein. 

Ich halte mich bei diesem Gegenstande nicht auf, weil es noch 
zu früh ist, klar von diesen Dingen zu reden; aber ich glaube, dass 
selten eme so gebieterische Gelegenheit geistiger Befreiung unserer 
Menschheit geboten ward. Manchen Augenblick ähnelt das einem 
Ultimatum; und deshalb darf man nichts versäumen, diese drohende 
Gelegenheit zu ergreifen, die die Natur der Träume hat, welche ver- 
schwinden, ohne jemals wiederzukehren, wenn man sie nicht unverzüg- 
lich festhält. Lasst uns klug sein, nicht ohne Grund bewegt sich unsere 
Seele. 

Aber diese Bewegung, die man deutlich nur auf den speculativen 
Hochebenen des Seins bemerkt, bethätigt sich vielleicht auch, ohne 
dass man nur daran denkt, auf den gewöhnlichsten Wegen des Lebens. 
Denn keine Blume öffnet sich auf den Höhen, die nicht mit dem Fall 
ins Thal endet. Fiel sie bereits? Ich weiss es nicht. Jedenfalls können 
wir im täglichen Leben zwischen den niedrigsten Wesen geheimnissvolle 
und directe Rapporte bemerken, geistige Phänomene und Seelennähe- 
rungen, von denen man kaum zu anderen Zeiten sprach. 

Existirten sie vor uns weniger unleugbar? Man muss das glauben, 
denn zu allen Zeiten gab es Menschen, die bis auf den Grund der 
geheimsten Beziehungen des Lebens gingen, und die uns Alles hinter- 
lassen haben, was sie in Erfahrung brachten über die Herzen, die 
Geister und die Seelen ihrer Zeiten. Es ist wahrscheinlich, dass damals 
dieselben Beziehungen bestanden; aber sie konnten damals nicht die 
frische und allgemeine Krafl besitzen, die sie in diesem Augenblicke 
haben; sie waren nicht in die Tiefe der Menschheit herabgestiegen, 
denn sonst hätten sie die Blicke der Weisen auf sich gelenkt, die sie 
mit Stillschweigen übergangen haben. Und hier spreche ich nicht mehr 
vom »wissenschaftlichen Spiritismus«, von seinen Phänomenen der 
Telepathie, der Materialisation, noch von anderen Manifestationen, die 



576 MAETERLINCK. 

ich soeben aufgezählt. Es handelt sich um Ereignisse und Seelenver- 
mittlungeDi die ohne Unterlass sich vollziehen in der trübsten Existenz 
derjenigen Wesen, die ilure ewigen Rechte ganz und gar vergessen 
haben. Es handelt sich auch um eine ganz andere Psychologie als die ge- 
wöhnliche, die den schönen Namen der Psyche usurpirt hat, da sie 
sich in Wahrheit nur mit denjenigen geistigen Phänomenen befasst, die 
am engsten mit der Materie zusammenhängen. 

Es handelt sich mit einem Worte darum, was uns eine übersinn- 
liche Psychologie offenbaren sollte, die sich mit den directen Zu- 
sammenhängen beschäftigte, welche zwischen den Menschen von Seele 
zu Seele bestehen, und ebenso mit der Empfindlichkeit wie mit der 
aussergewöhnlichen G^enwart unserer Seele. Diese Wissenschaft, die 
den Menschen um einen Grad heben würde, ist im Entstehen, und sie 
wird nicht zögern, die Elementarpsychologie ausser Anwendung zu 
setzen, die bis heute geherrscht hat. 

Diese unmittelbare Psychologie steigt von den Bergen herab, be- 
mächtigt sich bereits der kleinsten Thäler, und ihre Gegenwart macht 
sich schon in den mittelmässigsten Aufzeichnungen bemerkbar. Nichts 
kann klarer darthun, dass der Druck der Seele in der gesammten 
Menschheit zugenommen, und dass ihre geheimnissvoUe Thätigkeit sich 
verallgemeinert hat. Wir streifen hier Dinge, die fast unsagbar sind, 
und man kann nur unvollständige und grobe Beispiele geben. Ich führe 
zwei, drei an, die elementar sind und bemerkbar: Ehemals, wenn es 
sich einen Augenblick handelte um eine Ahnung, um den sonderbaren 
Eindruck eines Zusammenkommens oder eines Blickes, um eine Ent- 
scheidung, die aus einem unbekannten Winkel der menschlichen Ver- 
nunft geholt war, um eine Dazwischenkunft oder eine Kraft, die un- 
erklärlich schien und die man doch verstanden, um geheime Gesetze 
der Antipathie oder Sympathie, um Wahlverwandtschaften oder instinc- 
tive Annäherungen, um den vorherrschenden Einfluss ungesagter Dinge, 
hielt man sich nicht bei diesen Problemen auf, die sich übrigens selten 
genug der Unruhe eines Denkers darboten. Man schien ihnen nur 
durch Zufall zu begegnen. Man ahnte nicht das ausserordentliche Ge- 
wicht, mit dem sie unablässig auf das Leben drückten, und man be- 
eilte sich, zurückzukehren zu den gewohnten Spielen der Leidenschaften 
'und der äusseren Erlebnisse. 

Diese geistigen Phänomene, mit denen sich die grössten, die 
tiefsten unserer Brüder ehmals kaum befassten, heute bekümmern sie 
die Kleinsten unter uns; und das beweist wieder einmal, dass die 
menschliche Seele eine Pflanze von vollkommener Einheit ist, und dass 
alle ihre Zweige, wenn die Stunde gekommen, zu gleicher Zeit aus- 
schlagen und blühen. Der Bauer, dem ungestüm das Geschenk würde, 
auszusprechen, was er in seiner Seele hat, könnte in diesem Augen- 
blicke Dinge sagen, die sich noch nicht in der Seele des Racine 
fanden. 

Und so kommt es, dass Leute von weit geringerer Genialität als 
Shakespeare oder Racine ein heimlich lichtvolles Leben bemerkt haben, 



r 



DAS ERWACHEN DER SEELE. 577 

dessen blosse Kehrseite das Leben ist, das diese Meister als das ein- 
zige kannten. Das heisst also : Es kann nicht genügen, wenn eine grosse 
Seele in Einsamkeit sich da- und dorthin rührt, in den Raum oder in 
die Zeit. Sie wird wenig ausrichten, wenn sie keine Hilfe hat. Sie ist 
die Blume der Massen. Sie muss in dem Moment kommen, da der 
ganze Ocean der Seelen sich beunruhigt; und wenn sie gerade zur 
Schlafenszeit gekommen, wird sie nur reden können von den Träumen 
der Schlafenszeit. Um nur ein berühmtes Beispiel aus allen herauszu- 
ziehen : Hamlet in Helsingör nähert sich jeden Augenblick dem Rande 
des Erwachens, und dennoch, trotz des eisigen Schweisses, der seine 
bleiche Stime krönt, gibt es Worte, die er sagen wollte, und zu denen 
er nicht kommt, Worte, die er heute ganz zweifellos aussprechen 
könnte, weil ihm die Seele des Lumpen selbst und des Diebes, die 
vorüberwandem, zum Ausdruck helfen könnte. Hamlet, wenn er Claudius 
ansieht oder seine Mutter, würde jetzt lernen, was er nicht wusste, 
weil es den Anschein hat, als ob sich die Seelen schon nicht mehr 
mit so viel Schleiern verhüllen. Wisset ihr auch wohl — und das ist 
eine beunruhigende und seltsame Wahrheit — wisset ihr auch wohl, 
dass, wenn ihr nicht gut seid, es mehr als wahrscheinlich ist, dass 
euere Gegenwart es heute hundertmal klarer gesteht, als sie es vor 
zwei oder drei Jahrhunderten gethan? Wisset ihr auch wohl, dass, 
wenn ihr heute Morgen auch nur eine Seele betrübt habt, die Seele 
des Bauern, mit dem ihr ein Gespräch beginnen wollt über das Ge- 
witter oder die Regen, davon benachrichtigt ward, bevor noch seine 
Hand nach der Thürklinke griff? Legt die Maske eines Heüigen, eines 
Märtyrers, eines Helden an — das Auge des Kindes, das euch be- 
gegnet, wird euch nicht mit demselben unerreichbarem Blicke grüssen, 
wenn ihr in euch einen schlechten Gedanken habt, eine Ungerechtig- 
keit oder die Thränen eines Bruders. Vor hundert Jahren wäre viel- 
leicht seine Seele unaufmerksamer an euerer Seele vorübergegangen . . . 
Und wirklich, es wird schwierig, in seinem Herzen, gedeckt vor 
den Blicken, einen Hass zu nähren, Neid oder einen Verrath, so un- 
ablässig aufmerksam sind die allergleichgiltigsten Seelen rings um unser 
Wesen. Unsere Vorfahren haben uns von diesen Dingen nicht gesprochen, 
und wir finden, dass das Leben, in dem wir uns bewegen, grund- 
verschieden ist von dem Leben, das sie schUderten. Haben sie betrogen 
oder wussten sie nicht? Die Zeichen und die Worte taugen nichts 
mehr, und fast Alles entscheidet sich in den mystischen Kreisen einer 
einfachen Gegenwart. Selbst der alte Wille, auch er, dieser alte Wille, 
den wir so gut kannten, und der so logisch war, ändert sich auch, 
auch an ihn kommt die Reihe, und er unterwirft sich dem unmittel- 
baren Zusammenhange dieser grossen, unerklärlichen und tiefen Gesetze. 
Es gibt fast keine Schlupfwinkel mehr und die Menschen kommen ein- 
ander so nahe. Sie beurtheilen einander über die Worte und Hand< 
lungen weg, ja selbst über die Gedanken weg, denn das, was sie 
erblicken, ohne es zu verstehen, liegt gar hoch über dem Reiche der 
Gedanken. Und das ist eines der grossen Kennzeichen jener spirituellen 

44 



5 7 S MAETERLINCK. 

Perioden, von denen ich sprach. Man fühlt von allen Seiten, dass die 
Beziehungen des gewöhnlichen Lebens sich zu ändern b^:inneny und 
die Allerjüngsten unter uns sprechen und handeln schon ganz anders 
als die Männer der vorhergegangenen Generation. Eine Menge von 
unnützen Vorurtheilen, Gebräuchen, Schleiern und Zwischenwänden 
fallen in den Abgrund, und wir Alle fast, ohne es zu wissen, beur- 
theilen uns nur mehr nach dem Unsichtbaren. Wenn ich zum ersten- 
male in dein Zimmer trete, wirst du nicht nach den tiefsten Gesetzen 
der praktischen Psychologie die geheime Phrase aussprechen, die jeder 
Mensch ausspricht in Gegenwart eines Menschen. Du wirst nicht dazu 
gelangen, mir zu sagen, wohin du gegangen bist, um zu wissen, wer 
ich bin, aber du wirst wiederkommen, beladen mit dem Ge- 
wichte unsäglicher Sicherheiten. Dein Vater hätte mich vielleicht anders 
beurtheilt und sich geirrt. »Haben wir,« wie Claude de Saint-Martin, 
der grosse, »unbekannte Philosoph«, sagt, »haben wir einen Schritt 
mehr gethan auf der belehrenden und lichterfullten Strasse der Einfach- 
heit der Wesen ?« Lasst uns schweigend warten ; vielleicht werden wir 
binnen Kurzem »das Murmeln der Götter« hören. 



SPIEL. 

Dass ich manchmal deine weiche Seele 
Tief mit Blicken, tief mit Worten ritze. 
Um sie später wieder heil zu küssen: 

Sieh, du musst mein wildes Blut begreifen 1 

Denn ich liebe es, ins offne Meer 

Hoch den Apfel meines Glücks zu werfen, 

Um ihn, jubelnd, wieder zu erschwimmen. 

München. EmANUEL V. BODMAN 



ZUR PSYCHOLOGIE DES KERKERLEBENS. 

Von Prof. ADOLFO ZeRBOGUO (Pisa). 
Ans dem Mannscript übersetzt von Otto Eibsnschitz. 

Die Psychologie des Kerkerlebens lässt sich auf zweierlei Art 
schreiben: entweder, indem man den Kerker begrifflich mit der freien 
Atmosphäre vergleicht und aus diesen Parallelen alle Uebel und alle 
Leiden ableitet, die den von der Gesellschaft degradirten Mann be- 
drücken sollten, der fem von den Seinen lebt, einsam und allein, in 
der trostlosen Gleichförmigkeit des Gefängnisses, oder indem man in 
Wirklichkeit den Eingekerkerten in seinen wahren psychischen Er- 
scheinungen und Kundgebungen beobachtet: in Allem, was er thut, in 
seinem Gehaben, in seiner Gesundheit, in den thatsächlichen Wirkungen, 
die die Kerkerstrafe auf alle Jene hervorbringt, die sie erdulden mussten. 

Die erste Methode fuhrt zu glänzenden schriftstellerischen Dar- 
bietungen, voll von Schwermuth, von furchtbaren und traurigen Phrasen 
und Worten, wie man solchen in den schönen Au£iätzen von Gym- 
nasiasten oder in zarten Erzählungen empfindsamer Mädchengemüther 
begegnet 

Die zweite Methode führt zu keinen vorgefassten Meinungen, und 
statt uns die Gedanken und die Erkenntniss dessen zu offenbaren, der 
über das Kerkerleben schreibt, offenbart sie uns dagegen die richtige 
Gestalt dessen, der in der engen Zelle oder in dem weiten Schlafraume 
des Zuchthauses eingeschlossen ist. 

Um die rhetorische Psychologie der Gefangenen zu ent- 
werfen, braucht man sich diesen weder genähert, noch irgend ein Ge- 
fangniss besucht zu haben; man braucht nicht zu wissen, worin das 
Verbrechen bestehe, noch wie es entstanden sei; man braucht auch 
nicht die Geschichte der Strafe zu kennen, noch von dem gerichtlichen 
Mechanismus Kenntniss zu haben, der einen Menschen bis zur Ver- 
urtheilung führt 

Alles das ist vollkommen überflüssig. Es genügt zu wissen, dass 
die Gefängnissstrafe für Gesetzgeber und für die aUgememe Anschauung 
eine Qual bedeutet, dass den bösen Thaten logischerweise eine Reue 
folgen muss, und dass man in den Annalen der Gerechtigkeit nicht 
wenig richterliche Irrthümer verzeichnet findet. 

Mit diesen Kenntnissen, mit einem guten Herzen und einer leb- 
haften Phantasie versehen, ist ein Schreibtisch-Psychologe sehr wohl in 
der Lage, eine beträchtliche Anzahl von Seiten vollzuschreiben und 
mit diesen starke Emotionen hervorzurufen, Seufzer, Entrüstung und sogar 
auch Thränen. 

44* 



58o ZERBOGLIO. 

Um aber die genaue Psychologie oder, besser gesagt, die mög- 
lichst wenig ungenaue oder nicht a priori falsche Psychologie der Ge- 
fangenen zu entwerfen, ist es erforderlich, dass man einige Zeit hin- 
durch in ihrer Nähe geweilt habe, dass man sie genau beobachtet und 
ihren Gesprächen zugehört, dass man ihren physischen Zustand imter- 
sucht, dass man das gelesen habe, was sie schreiben, dass man Ge- 
fängnisswärter und (refängnissdirectoren befragte, dass man ihren gegen- 
wärtigen Zustand mit dem früheren in allen seinen Details vergleiche 
und endlich, dass man sowohl die Natur des verbrecherischen Phänomens 
in sich selbst und in seinen Ursachen als auch jene der Strafe und 
ihrer positiven Wirksamkeit kenne. 

Diesem letzteren System folgend, will ich es versuchen, einige 
— unvermeidlich flüchtige — Umrisse einer Psychologie des Kerker-» 
lebens zu geben. 

Nachdem ich mir vom Generaldirector der italienischen (reiang- 
nisse einen Erlaubnissschein verschafft hatte, unternahm ich eine 
Forschungsreise durch fünf Zuchthäuser und eine Irrenanstalt fUr 
Sträflinge. 

In einigen Gefängnissen sind die Verbrecher, je nach der Höhe 
ihres Strafausmasses und der von ihnen begangenen strafbaren Hand- 
lungen einzeln in Zellen eingesperrt, während sie in anderen gemein- 
schaftlich in geräumigen Schlafsälen leben oder in grossen, theils ge- 
schlossenen, tiheils offenen Räumen arbeiten, die in Werkstätten umge- 
wandelt sind. Den Psychologen interessiren in erster Linie die Zellen- 
bewohner. 

Diese Zellen bestehen — soweit ich sie besichtigen konnte — 
aus Kammern von 27« bis 3 Meter Länge, 1^/4 bis 2 Meter Breite 
und ungefähr 3 Meter Höhe; ihre Einrichtung besteht aus einem ein- 
fachen eisernen Bett, einem Bänkchen und einem Gefäss zur Verrich- 
tung der Nothdurft. Das genügend breite Fenster ist durch starke 
Eisenstangen vergittert. Welches Dasein führen die Insassen dieser 
Zellen? Welche Gedanken durchkreuzen ihr Hirn, von welchen Empfin- 
dungen und Gefühlen werden sie beherrscht? 

Betrachtet man durch die Lupe eines ehrlichen, liebevollen, 
empflndungsfähigen Menschen die Existenz der Individuen, die zwischen 
diesen ärmlichen und engen vier Wänden viele Jahre hindurch einge- 
kerkert leben, dann muss man unbedingt von Entsetzen und Schauder 
erfasst werden und an eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Verkehr 
mit Menschen und nach der Welt denken. 

Jener furchtbar elende Raum der Zelle stellt für den Sträfling 
Strassen, Plätze, Felder, Wiesen und Wälder dar, und in Ermangelung 
jedweden äusseren Eindruckes bleiben dem Aermsten bloss die inneren 
Eindrücke seiner Erinnerungen und seiner Schuld Das ist eine Strafe 
von der härtesten und gesuchtesten Grausamkeit, wenn derjenige, der 
ihr unterworfen ist, eine normale Emfindungs&higkeit besitzt und in 
dem neuen Leben nicht etwa irgend einen Ersatz für die Bitterkeiten 
und Leiden erblickt, die er früher hatte erdulden müssen. Wer aber, 



ZUR PSYCHOLOGIE DES KERKERLEBENS. 58 1 

ehe er in die enge Zelle eingeschlossen wird, in freundlichen Räumen 
gewohnt und die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten eines Wohl- 
standes genossen hat, muss furchtbare Qualen erdulden in seiner 
völligen Abgeschlossenheit von der Welt, ohne Licht und Luft, auf 
einem harten Lager, mit einer frugalen Kost und allen Entbehrungen 
ausgesetzt! Wer aber überdies ein Verbrechen begangen hat in Folge 
der zwingenden Einwirkung ganz ausserordentlicher Umstände, ganz 
entgegen seinen guten, normalen Grundsätzen und Empfindungen, muss 
der nicht, nachdem die durch den aussergewöhnlichen Eindruck hervor- 
gerufene aussergewöhnliche Erregung verflüchtigt ist, und er wieder der 
normale Mensch geworden, in der stillen Düsterheit und Abgeschieden- 
heit dieser vier engen Wände namenlos entsetzliche Qualen erleiden, 
die sein Innerstes aufwühlen und verzehren? 

Und noch grössere Qualen als der Verbrecher aus Leidenschaft 
oder aus Zufall wird der unschuldig Verurtheilte ertragen müssen, der 
ein Opfer der Unwissenheit oder Leichtfertigkeit der Richter geworden 
ist, die sich durch zufällige Umstände oder durch künstliche Beweise 
täuschen und irreführen liessenl 

Aus welchen Elementen besteht die Mehrzahl der Zuchthäusler? 
Aus Reichen oder aus Armen? Aus leidenschaftlichen oder zufälligen 
Verbrechern? Oder aus unschuldig Verurtheilten ? 

Diese einfachen Fragen muss sich der Psychologe vorlegen, um 
zum Ziele seiner Forschungen zu gelangen. 

Grösstentheils gehören diejenigen, die sich mit diesen Fragen be- 
schäftigen, zu den materiell bevorzugten Classen, sie haben daher die 
Neigung, die Empfindungen, vom Gesichtspunkt ihrer eigenen Classen 
aus betrachtet, zu beurtheilen, jener Classen, die sie in Folge eines 
socialen Phänomens für die überwiegende in der Gesellschaft halten. 
Wenn man imstande ist, sich von diesem Vorurtheil zu befreien, so 
hat man schon viel gewonnen, um die Frage, die zu prüfen ich mir 
vorgenommen, genau erfassen zu können. 

Wenn wir nun noch imstande sind, uns von einem weiteren 
Vorurtheil zu befreien, nämlich uns mit imserem gesunden Gefühl und 
unserer sittlichen Erkenntniss in die Lage des Mörders, des Diebes, des 
Betrügers zm versetzen und so die Gefahr auszuschliessen, die Psycho- 
logie des Kerkers für den ehrlichen Menschen zu analysiren, während 
wir doch die Psychologie des Delinquenten im Auge behalten 
sollen, dann gelangen wir endlich so weit, ernste Daten zu erforschen 
und uns nicht in romanhaften Phantastereien zu ergehen. 

Denn da der grösste Theil der Sträflinge aus Armen, ja aus 
Leuten besteht, die nur Noth und Elend kennen, hören die traurige, 
kleine Zelle, das rauhe Lager und die frugale Kost auf, das zu sein, 
als was wir sie ansehen: sie bedeuten für den an die grössten Ent- 
behrungen Gewöhnten keine Einschränkung und kein Schreckniss. 

Die Duldsamkeit zahlreicher Zuchthäusler gegenüber den Zellen 
erklärt sich eben auch daraus, dass sie darin sogar häufig einen Vor- 
theü gegenüber ihrer normalen Lebenslage finden, denn die Nachtheile 



582 ZERBOGUO. 

des Freiheitsverlustes und der Absonderung von der menschlichen Ge- 
sellschaft verschwinden gegenüber den Vortheilen, die ihnen ein sicherer 
Schutz vor den Unbilden der Witterung und eine regelmässige, sichere 
Kost bietet. Dazu kommt noch die in Folge des elenden Lebens er- 
langte physische und psychische Apathie, ihr gewohnter Müssiggang, 
die Corruption, die völlige Ignoranz, in der sie leben, was Alles dazu 
beiträgt, dass ihnen die Entbehrungen des Kerkerlebens gar nicht zum 
Bewusstsein kommen. 

Von den zahlreichen Häftlingen, die ich besuchte, zeigte ein 
grosser Percentsatz theils durch Worte, theils durch seine Haltung, dass 
er sich ziemlich ruhig in sein Schicksal fügte. Jene Resignation, die, 
den metaphysischen Philosophen zufolge eine Besonderheit der grossen 
Seelen, der edlen Opfer der Verfolgung ist, findet man viel häufiger 
bei den schlimmsten Verbrechern. 

Der Brigant A . . . , den ich . in der Strafanstalt zu Portoferraio 
sprach, einer der geftirchtetsten und furchtbarsten Häupter von Räuber- 
banden, der noch vor nicht allzulanger Zeit der Schrecken jener Ge- 
genden war, in denen er sein Unwesen trieb, sagte mir in Abwesen- 
heit des Geßingnissdirectors, er habe nunmehr 35 Jahre Gefängniss 
abgesessen und sei dabei stets ruhig, willig und in sein Schicksal er- 
geben gewesen. 

Einige zeigten sich sogar heiter, und ich erinnere mich eines 
Sicilianers, der wegen Mordes zu 30 Jahren Zuchthaus, verschärft 
durch sieben Jahre Einzelhaft, verurtheilt worden war und sich mit 
seinem Schicksal ganz zufrieden gab. 

Und wenn ich auch nicht immer aus den Mittheilungen der 
Sträflinge entnehmen konnte, dass sie zufrieden seien, so erhellte dies 
doch häufig aus ihrer ungezwungenen Haltung, aus ihrem verhältniss- 
mässig gesunden Aussehen und aus den Berichten der Aufseher und 
der Directoren. 

Der Charakter der Zuchthäusler zeigt zumeist eine sehr grosse 
Schlaffheit, eine sehr beschränkte Intelligenz, einen fast vollständigen 
Mangel an sittlichem Gefiihl und eine physische Abgestumpftheit, be- 
sonders gegen Schmerzen. Für derartig angelegte Naturen ist die Zelle 
nicht die Strafe, wie wir sie uns denken. Ein schlaffes, apathisches 
Temperament vegetirt mehr als es lebt, und die Zelle ist ein günstiger 
Ort dafür. Der vollständige Mangel an Verantwortlichkeit, die geringe 
Arbeit, das sichere tägliche Brot, die sichere Schlafstätte bieten einem 
trägen Charakter, der keinerlei Bedürfniss nach Emotionen kennt, alles 
das, was er sich wünschen mag und was ihn zufrieden macht. 

Man wird von der Reue über die vollbrachte Missethat reden, 
von schweren Träumen, von Scham über die ihm widerfahrene Ent- 
ehrung und Schande. Nun wohl, alles das existirt für die Mehrzahl 
der Delinquenten nicht und ist bloss eine Ausgeburt der Phantasie der 
guten Menschen, die sich nicht denken können, dass derjenige, der 
fUhig gewesen, ein Verbrechen zu begehen, nicht der Mann ist, dessen 
Gemüth den Qualen der Reue und der Schande zugänglich wird. 



ZUR PSYCHOLOGIE DES KERKERLEBENS. 583 

Die Reue ist ein seelischer Zustand, der gewöhnlich mit der Idee 
des Verbrechens in directen Zusammenhang gebracht wird, der aber 
in der Wirklichkeit in den meisten Fällen dem Delicte gänzlich ferne 
steht. Nur sehr wenige von den Sträflingen, die ich sprach, zeigten ein 
Bedauern über das Verbrechen, und viele von ihnen, die vorgaben, von 
Reue erfasst zu sein, Hessen unter dem Schleier der schlauen und 
erheuchelten Phrasen des Bedauerns die vollständige Gleichgiltigkeit 
über ihr Delict durchblicken. 

Die Leichtfertigkeit, mit der sie über die Ursache ihrer Kerker- 
strafe reden, und die Raschheit, mit der sie von einer anscheinenden 
Verzweiflung zu einem entgegengesetzten Gemüthszustand übergehen, 
deuten auf ihre Oberflächlichkeit oder auf den Mangel jeden Bedauerns 
über ihre Unthat. 

Es bliebe nun die Frage über die eingebüsste Freiheit und über 
die Trennung von Weib und Kind, und andererseits der Schmerz der 
Eltern, des Weibes, der Kinder über ihren verlorenen Sohn, Gatten 
und Vater. Nun, in Folge des grossen Elends, in dem sie gelebt haben, 
und der geringen Anhänglichkeit und Liebe, die die Familienglieder 
mit einander verbindet, erduldet die Mehrzahl der Delinquenten ruhig 
und gelassen den Verlust der Freiheit, imd sehr bald vergessen die 
Sträflinge Jene, die ihnen am nächsten stehen sollen. 

Scharfsinnige Zuchthäusler haben mit viel Geschick in ironischer 
Weise den sehr geringen einschüchternden Einfluss des Kerkers zum 
Ausdruck gebracht. Der Dieb Leblanc rief einmal aus : »Wenn ich nicht 
Dieb aus angebomem Hange wäre, ich würde es aus Berechnung 
werden. Ich habe das Gute und Sdilechte aller andern Professionen 
mit einander verglichen und habe gefunden, dass das Diebsgewerbe 
noch das beste ist. . . Werden wir schliesslich festgenommen, so leben 
wir dann eben auf Kosten der Andern, sie kleiden uns, sie erhalten 
uns, sie wärmen uns und dies Alles auf Kosten derjenigen, die wir 
bestohlen haben ! . . . « ^) 

Ein englischer Verbrecher setzte die Vorzüge des Kerkers fol- 
gendermassen in Verse: »Ich kann nicht mehr spazieren gehen, denn ich 
bin unter Schloss und Riegel. Und ich danke dem Publicum, das sich 
meiner annimmt. Ich verdiene dies nicht mehr als die Andern, im 
(regentheile, vielleicht weniger. Und inzwischen habe ich Brot, während 
die Andern vor Hunger sterben und gezwungen sind, von Thür zu 
Thür betteln zu gehen. Ich gedenke des armen Ehrlichen, der durch 
die Strassen läuft, nur schlecht gegen Kälte geschützt, während ich 
vom Kopf bis zu den Zehen bekleidet und gegen Frost gewappnet bin. 
Tausende von ehrlichen Menschen sind ohne Obdach, während ich mein 
warmes Kämmerchen besitze. Während sie schlecht genährt sind in den 
Armenhäusern, habe ich dreimal im Tage gute, gesunde Kost. Ein 
Hochl dem englischen Publicum, das an alle unsere Bedürfnisse denkt. 
So lange es uns so behandelt, wird es ihm nie an Dieben fehlen.«') 

^) Ferry: Sociologia criminale. 1892. Fratelli Bocco, Torino. 
*) The Prisons of the World. Chas Cook, London. 



584 ZERBOGLIO. 

So verliert die Gefangnisszelle in unseren Augen nach und 
nach von ihrer Düsterkeit, von ihrem £lend und ihrem Schreckniss, 
sobald wir wissen, wie ihre Inwohner beschaffen sind und was sie 
fühlen. In jener kleinen Welt der Zelle leben Individuen, die weit 
weniger unglücklich sind als so Mancher, der Freiheit und wohl auch 
Reichthum geniesst. . . 

Eine grosse Anzahl von Sträflingen, denen ich mich näherte, 
bestand aus rückfälligen Verbrechern, also aus solchen, die durchaus 
nicht vor einer etwaigen Kerkerstrafe zurückschrecken und die sich 
durch diese absolut nicht vor Begehen eines neuen Verbrechens zurück- 
schrecken Uessen. 

Natürlich gehören nicht alle Sträflmge zu der Kategorie der eben 
geschüderten. Es gibt unter ihnen auch solche, für welche die 2^11e 
eine imsägliche Folter bedeutet. Die wenigen Quadratmeter, innerhalb 
welcher der Mensch einem wilden Thier im Käfig gleicht, sind für 
gewisse Menschen geradezu ein unerträgliches Martyrium, und die Ge- 
fängnissdirectoren sind manchmal gezwungen, gewisse Individuen der 
Einzelhaft zu entziehen. 



DIE WAHRE BASHKIRTSCHEFF.») 

Von Rudolf Strauss (Wien). 

Jeder halbwegs Gebildete weiss, dass Maria Bashkirtscheff als 
Tochter eines russischeD Generals geboren, ihr Leben meist auf Reisen 
in Italieni Spanien und Frankreich verbrachte, mit 24 Jahren an Lungen- 
schwindsucht starb, mehrere talentirte, aber nicht gar zu gewaltige 
Bilder zurückliess, die nun sich in Paris befinden, und ausserdem ein 
Tagebuch, em Journal, wie es die meisten jtmgen Mädchen fuhren. 

Was ist es nun, das uns Maria BashlurtschefT so nahe rückt und 
so unendlich werthvoU macht ? Ist es die decadente Form des Denkens, 
die sich in diesem Tagbuch offenbart, ihr Zweifeln und ihre Ver- 
zweiflung, die Qual ihrer Seele und all ihr hartes, physisches Leid? 
Gewiss auch das, allein das ist nicht Alles, sondern zunächst und in 
erster Linie: ihr ungestümes Wünschen, ihr heisses Hoffen, ihr wildes, 
starres, ihr zügelloses Sehnen. Die schönsten Märchen, die wir träumen, 
beginnen eben nicht »Es war einmal«, sondern «es wird einmal sein«, 
und der Bashkirtscheff ganzes Erdwallen ist nichts als ein einziger 
wilder, stürmischer Traum vom Sonnesteigen, von fernen und glitzernden 
Wonnen der Zukunft. . . 

Wer Laura Marholm's Buch der Frauen las, dem muss das Bild 
der Bashkirtscheff seltsam verzerrt und schemenhaft erscheinen, zer- 
rissen von einem gluthenden Drang nach Liebe, von sinnlicher Wuth, 
von schwüler Leidenschaft. »Des Weibes Inhalt ist der Mann« war dort 
Frau Laura Marholm's Thema, das auch an dieser rührend-feinen, 
schlanken und leuchtenden Mädchengestalt erwiesen werden sollte. Mit 
mehr Geschick als Ehrlichkeit, mit mehr Routine als literarischem 
Gewissen verstand Frau Laura Marholm dort, durch tendenziöses Färben 
des Berichtes sowie durch unbedenkliches Verwenden einiger Citate 
Maria Bashkirtscheff in einem Lichte darzustellen, das sie uns bleich 
vor Liebe und krank vor Sehnsucht nach dem Manne zeigte. 

Dass das nicht stimmt, soll hier verdeutlicht werden. 

Es waren im Ganzen drei Männer, die der Bashkirtscheff Inter- 
esse vorübergehend in Anspruch nahmen. Sie zählte gerade zwölf ganze 
Jahre, als ihr ein junger Herzog stark gefiel Wenn sie ihn traf^ zog 
dunkle Röthe über ihre Stirn, bei seiner Hochzeit weinte sie sogar. 
Doch als sie ihn durch Zufall später mit seiner Frau in Nizza einmal 
wiedersah, da übergoss sie diesen armen, breit gewordnen Herzog mit 
Ironie und» blutigem Hohn. War es die wahre, die sinnliche Liebe, die 



') Gelegentlich der deutschen, von Lothar Schmidt besorgten Ausgabe 
ihres berühmten Journals. 



586 STRAUSS. 

dieses junge Kind empfinden konnte? Ich glaube nicht. Dann lernte 
sie 2u Rom einen italienischen Fürsten kennen, der ihre schlichtere 
Cousine Dina heiss verehrte und der für reich und äusserst angesehen 
galt. Mit ihm verbanden sie intimere BeziehungeUi die fast zu einer 
Ehe führten. Doch wieder muss ich hier die Frage stellen: War es die 
echte, die sinnliche Liebe, die sie zu diesem Manne trieb? Und wieder 
muss ich laut verneinen. Maria Bashkirtscheff selbst behauptet, nur die 
phantastische Lust, einen Roman zu erleben, habe sie diesem Manne 
genähert. In Wirklichkeit war es vielleicht noch der heimliche Wunsch, 
die stillre Schönheit Dinars in den Hintergrund zu drängen, vielleicht 
auch, sie deutet es an, die lockende Aussicht auf eine stolze und 
schimmernde Höhe der Lebensftihrung . . . Der Dritte endlich, der ihr 
etwas wiurde, war Bastien-Lepage, der Maler. Hier stand sie unter 
der mächtigen Suggestion eines grossen, berühmten Namens; was sie 
ihnL gütig und ergeben machte und was bewirkte, dass sie ihn während 
seines Krankseins hie und da besuchte, das war Bewtmderung, Mitleid, 
nicht Liebe. 

Dies also sind die drei »Geschlechtserlebnisse« der Bashkirtscheff. 
Dass sie nicht viel bedeuteten, dass sie nicht tiefer an die Seele griffen, 
und dass sie insbesondre nicht im Weibinstinct der Künstlerin be- 
gründet waren, das geht wohl auch aus diesen kärglichen Notizen ge- 
nügend schon hervor. Aber selbst wenn man annimmt, dass das Ver- 
hältniss mit dem schlanken Römer oder mit Bastien-Lepage ein tieferes 
gewesen, dass sie es schwer nur überwand, selbst dann ist nicht er- 
sichtlich, was sich daraus denn folgern liesse? Frau Marholm will be- 
weisen, dass geistiges Schaffen die Frau für die Dauer der Zeit nicht 
völlig erfüllt, dass es sie unbefriedigt, sehnend, ja glücklos entlässt. 
Aber was kann damit gegen die Künstlerschaft des Weibes gesagt 
sein? Kennt denn Frau Marholm die männliche Künstlerpsyche so 
genau, dass sie behaupten dürfte, diese sei den Stürmen der Sinne, 
ihrem Wühlen und Drängen völlig entrückt und allem Taumel der 
Leidenschaft entzogen? Schreitet der Mann, der Künstler, etwa heiter 
und wonnig lächelnd, von keinem Sturm und keinem Wüthen des 
Lebens berührt, im weissen Unschuldskleid der Freude selig über die 
Gefilde ? . . . Die Seele des werdenden Künstlers, sei er nun Mann, 
sei er Weib, sie gleicht der eisernen Casse, die voll, aber versperrt ist, 
und deren Schlüssel verloren gingen. Nur der gewaltsame Einbruch des 
Lebens kann sie eröffnen und alle ihre Schätze zeigen. Bei dem Einen 
vollbringt das erbitterte, stürmische Liebe, ein süsser, wüthender Hass 
bei dem Andern, bei diesem die Noth, der Ueberdruss bei Jenem, 
aber bei Allen ein grosser, ein blutrother Schmerz . . . 

Frau Laura Marholm's Weibpsychologie, man weiss es, baut sich 
fast ganz auf die Franzosen auf. Bei Maupassant, gewiss bei Andern 
auch, las sie es schon: La femme n'est cr6e et venue en ce monde 
que pour deux choses, qui seules peuvent faire ^panouir ses vraies, ses 
grandes, ses excellentes qualit^s: l'amour et Tenfant. Aber als sie 
diese Formel dann im »Buch der Frauen« in unser armes Deutsch zu 



DIE WAHRE BASHKIRTSCHEFF. 587 

Übersetzen suchte, da liess sie sich zu einem grossen, argen, zu einem 
gewaltigen Fehler verleitem, indem sie an den Ausnahmsfrauen zu er- 
weisen strebte, was nur für Alltagsfrauen galt und auch für diese nur 
gedacht war, das Ueberweib mit diesem kleinen Mass der Heerdenfrau 
bemass und dann von jenen Grossen blindlings wieder auf die Zwerge 
schloss. In diesem zügellosen Verallgemeinem, das die absolute Uni- 
formität der weiblichen Psyche voraussetzt, das jede Ausnahme leugnet 
und jede Weib-Individualität verneint, in ihm liegt der verhängniss- 
volle Grundirrthum der Marholm'schen Frauenpsychologie, der es allein 
verständlich macht, weshalb sie räthselhafterweise die Unmöglichkbit 
der £mancipation gerade an den schon Emancipirten klarzulegen 
unternahm. 

Ich bin gewiss ein Feind der Emancipation, aber ich bin auch 
ein Freund, ein warmer Freund der Emancipirten selbst. Wenn ich 
die Frauenschaft im Allgemeinen der Emancipation wohl kaum fiir 
fähig halte, so beug' ich willig doch mein Knie vor jenen wenigen 
erlauchten Frauen, die durch ihr Thun uns laut bekundet, dass sie die 
Macht und Majestät der starken, königlichen Geister haben. Zu diesen 
holden, blassen Prinzessinnen aus Genieland hat auch Maria Bashkir- 
tscheff gehört. Das Glück, von dem sie träumte, war nicht das fahle 
Glück der Heerdenfrau. Dies blasse Kind war nicht, wie uns Frau 
Marholm glauben machen möchte, an ungestflltem Liebessehnen jäh 
zugrundgegangen, die Wuth der Sinne hat sie nicht zerstört. Was ihre 
Wangen bleich und ihre Lippen blutlos machte, was ihren Körper 
brach und wild an ihrer Seele riss, das war ein andrer grimmer, ein 
mörderischer Kampf, für den Frau Marholm sichtbar nicht das nöthige 
Verständniss findet. 

Sie hätte sonst unmöglich bei einzelnen ganz ausnahmsweisen 
Bemerkungen Maria BashkirtschefTs verweilen, sie hätte ihnen sonst 
unmöglich diese weite und grosse Bedeutung beimessen können, die 
sie thatsächlich niemals besassen. »Ich habe den Körper einer Göttin . . . 
ä quoi bon? wenn mich keiner liebt?« hat Maria einmal gesagt. Aber 
das war nicht der schwüle Wunsch zu lieben, sondern der innige, ge- 
liebt zu werden: die glühe Sehnsucht nicht allein der Frauen, sondern 
auch und mehr noch der Künstler. 

Wenn man weiss, dass die Bashkirtscheff Jahre hindurch zumeist 
von 8 Uhr Früh bis 2 Uhr Nachts fast ohne Unterbrechung las, 
zeichnete, malte, modellirte, schrieb, wenn man aus ihrem Munde 
Worte hört, wie diese: »Ganze Nächte kann ich bei dem Gedanken 
an ein BUd oder eine Statue schlaflos verbringen; nie hat der Ge- 
danke an einen hübschen Herrn dasselbe bewirkt.« »Ich hasse mich, 
weU ich mich in mir selbst getäuscht.« »Ich muss berühmt werden, 
ich muss, ich muss.« »Ich liebe die Treppen, weü man auf ihnen auf- 
wärtssteigt.« »Beim Beginn des neuen Jahres, genau um Mittemacht 
habe ich im Theater mit der Uhr in der Hand einen Wunsch in ein 
einziges Wort gepresst, in ein Wort, das schön, sonor, herrlich, be- 
rauschend ist, ob man es schreibt oder spricht. Dies Wort heisst: 



588 STRAUSS. 

Ruhm . . . « wenn man das hört, dann wird einem klar, was diese Seele 
ganz erfüllte und was sie trieb und was sie stachelte. Nicht ein 
Sehnen nach Liebe war ihr Sinnen, sondern ein stammer, gewaltiger, 
hungriger Schrei nach Grösse, nach Glanz und nach Ruhm. Man könnte 
diese Sucht zur Macht fast Schritt für Schritt bei ihr verfolgen, zeigen, wie 
sie klein und schmal entstand, dann immer grösser, immer grösser 
wurde, wuchs und wuchs und stieg und schwoll, bis sie den ganzen 
blonden Mädchenkopf geradezu mit der verwüstenden Wucht einer 
süssen Monomanie berauschte. Als sie sie erst als Sängerin zu stillen 
suchte, da ward sie kehlkopfkrank und büsste ihre Stimme ein. Als sie 
sich dann mit aller Macht, geradezu vor Eifer glühend dem Malen voll 
ergab, da kam ein harter junger Tod und riss sie rauh aus allem 
Streben. Erst die selbstgeschriebene Geschichte ihrer Leiden, ihrer 
tristen Thränen, das sorgsam geführte Journal ihrer Enttäuschungen 
und ihrer Erfolglosigkeiten, erst das hat ihr durch eine bittre Ironie 
des Schicksals nach ihrem Tod den grossen, mächtigen Erfolg, den 
Sieg, den Namen, die Unsterblichkeit gewonnen. 

Maria Bashkirtscheff war erblich mit Schwindsucht belastet; allein 
die Krise hätte nach der Aerzte Ausspruch nicht diesen raschen 
und rapiden Lauf genommen, hätte die Kranke sich nur etwas doch 
geschont. Sie aber kannte in ihrem Ehrgeiz, dem auch das Beste nicht 
genügte und der an ihre Kraft und an ihr Können immer erhöhte, 
immer grausamere Ansprüche stellte, kein Rasten und kein Ruhn und 
arbeitete selbstmörderisch weiter, bis sie dann endlich jung und schön 
eines sonnigen Tages lautlos verstarb. An ihrem Ehrgeiz hat sie sich 
verblutet, an ihrem Stolz, der sich die höchsten Ziele steckte und der 
verzweifelte, sie jemals zu erreichen, an ihren ungestillten, ungestümen 
Wünschen. So war es nicht der ungemein banale Trieb zur Liebe, der 
diese Ausnahmsfrau so früh getödtet, sondern das harte, wilde, echt 
decadente Ringen, das währt, solang es Künstlermenschen gibt, das 
Ringen zwischen Plan und That, das Ringen zwischen Wollen und 
Können. 

Der Bashkirtscheff ganzes Sein — ihr Journal beweist es — war 
nur ein bunter, schillernder, ein böser und ein guter Künstlertraum. 
Dass uns Frau Marholm diese holde Meinung raubte, zumindest 
rauben wollte, das war nicht ehrlich oder war nicht klug. Maria 
ward im Leben oft genug gelästert und verkannt, so mag sie wenigstens 
im Tod ein inniges, ein liebendes Verständniss finden. 



DIE MAGISCHE VERTIEFUNG DER MODERNEN 

NATURWISSENSCHAFT. 

Von Dr. Carl du PREL (München). 

II. (Schluss.) 

Er hat nachgewiesen, dass die von Mesmer entdeckte Kraft in 
der ganzen Natur sich findet; dass, wenn man am Leib des Menschen 
mit den Polen starker Magnete herabstreicht, sich immer Personen 
finden, die davon afficirt werden, selbst wenn sie nicht wissen, was 
vorgeht. Der Mineralmagnetismus übt also einen Einfluss auf die 
Lebensthätigkeit aus, so dass bei sensitiven Personen oft Bewusstlosig- 
keit eintritt. Sie nehmen fiammenartige Lichterscheinungen an den 
Polen der Magnete wahr, und daraus zog in Bezug auf die Universalität 
des Magnetismus Reichenbach den Schluss, dass das Nordlicht unter 
dem Einflüsse der magnetischen Erdpole sich bildet und identisch ist 
mit den Lichterscheinungen über den Magnetpolen. So konnte sich 
Reichenbach der Vermuthung nicht entziehen, dass der gewaltige Erd- 
magnetismus, welcher der Magnetnadel ihre Richttmg gibt, von Einfluss 
auf das thierische Leben sein muss, und er hat bekanntlich bei einer 
grossen Anzahl von Sensitiven gefimden, dass nur die Bettlage, mit dem 
Kopf gegen Norden, mit den Füssen gegen Süden, wohlthätig, jede 
andere mehr oder minder schädlich sei. Die Lage in den Meridianen 
ist die normale fUr den Menschen, die in den Parallelen die schädliche. 
Die Sensitiven können die Lage des Kopfes gegen Westen, mit den 
Füssen gegen Osten, wenn ihre rechte Seite nach Süden, ihre linke 
nach Norden gerichtet ist, nicht ertragen, weil dabei die positive Seite 
ihres Leibes dem positiven Erdpol, die negative dem negativen Erdpol 
zugekehrt ist; gleichnamige, also feindliche Pole, sind dabei einander 
zugekehrt, und da sie sich abstossen, erzeugen sie das Missbehagen 
der Sensitiven.') Wenn Reichenbach sagt, dass durch Striche mit Kry- 
stallen Krämpfe und Bewusstlosigkeit erzeugt werden können wie durch 
die Hand des Magnetiseurs, so erweist sich die Elrystallisation als ein 
Uebergang vom Leblosen zum Lebenden, und es ist der Punkt ge- 
fimden, wo der animalische Magnetismus an die Physik sich anknüpfen 
lässt. Wenn er femer diesen Magnetismus in der ganzen Natur vor- 
findet, im Sonnenlicht, im Mondschem, im Thier- und Pflanzenleben, 
in der Reibung, im Ton, in den molecularen Veränderungen, in der 
Elektricität und im Chemismus, so ist damit das menschliche Leben 
in eine innige Verbindung gebracht mit dem ganzen Naturleben, und 
so lässt sich allerdings von einer Weltseele sprechen. Diese Physik des 

^) Reichenbacb: »Untersuchungen über den Magnetismus«, 230. 



590 DU PREL. 

Unsichtbaren ergibt ganz neue Beziehungen der Naturdinge, Sympathien 
und Antipathien, wie schon im Mittelalter gelehrt wurde, ^) Wechsel- 
wirkungen des Inneren der Naturdinge und Lebewesen. Auf diesen 
aber beruht die Magie. 

Aber auch auf diesem Grebiete herrscht Gesetzmässigkeit, d. h. 
die Magie ist nur unbekannte Naturwissenschaft, und die bekannten 
Zweige der letzteren brauchen nur vertieft zu werden, um selber Magie 
zu werden. Das hat sich sehr deutlich bei der Entdeckung der Röntgen- 
strahlen gezeigt. Eine magische Function, das Hellsehen, erhielt damit 
eine physikalische Erklärung, hat sie übrigens bereits bei Reichenbach 
erhalten. Magie ist eben kein Gegensatz zur Wissenschaft, sondern nur 
die Vertiefung derselben. 

Der Magnetismus nimmt unter den Naturkräften keine Ausnahms- 
stellung em. Wie das Licht beruht er nicht auf Emission, sondern 
Undulation. Er kann in andere Naturkräfte übergehen und als Licht- 
oder Bewegungsphänomen wahrnehmbar werden. Auf eine Oberfläche 
fallend, bricht sich die odische Undulation nach den Gesetzen der Re- 
flexion, indem der Einfallswinkel dem Reflexionswinkel gleich ist. Das 
Od kann durch Linsen gesammelt werden; durch das Prisma wird es 
zerstreut, so dass wir ein magnetisches Spectrum erhalten. Der General 
Jauviac hat schon 1790 im »Journal des Savants« den Einfluss der 
magnetischen Kraft des Menschen auf die Magnetnadel ausgeführt, und 
seitdem ist derselbe wiederholt beobachtet worden. Die Somnambule 
Kachler lenkte die Magnetnadel ab durch den hingehaltenen Finger, 
den Blick, den Willen.^ Die Nadel eines Rheometers-Apparat zur Messung 
eines elektrischen Stromes kann um 20 Grad abgelenkt werden durch 
magnetisirtes Wasser, wenn die Platinspitzen der Leiter — Rheophoren — 
in dieses Wasser getaucht werden. Eine Eisenstange kann animalisch 
magnetisirt und durch Gegenstriche wieder neutral gemacht werden.') 
Wenn zwei Magnetiseure von verschiedenen Standorten aus gleich- 
zeitig auf eine Person einwirken, so wird dieselbe in der Richtung der 
Diagonale des Kräfteparallelogramms bewegt werden,^) und die drehende 
Bewegung der Tische unter dem Einfluss einer Handkette ist nur die 
Resultante der gekreuzten odischen Einflüsse, die als bewegende Kraft 
auftreten. Es sind das nur beliebig herausgegrififene Beispiele zur Er- 
läuterung der Gesetzmässigkeit in aller Magie. 

Wenn das Od .das letzte ist, worauf wir in der naturwissen- 
schaftlichen Analyse des Menschen stossen, so ist damit freilich noch 
nicht gesagt, dass es überhaupt das letzte Wort der Naturwissenschaft 
ist. Es ist sehr wohl möglich, dass ausser der odischen Stadiation der 
Dinge noch andere bestehen, und unter dieser Voraussetzung würde 
sich sogar die unendliche Verschiedenheit der Dinge leichter erklären, 
als wenn wir allen ein einziges homogenes Urprincip zugrunde legen. 

^) Thattray: »Aditus noYUs ad occultas sympathiae et antipathiae causas«. 
*) Mittheilungen aas dem Schlafleben der Somnambale Augosta K., 125. 
") BouxTu et Burot: »La Suggestion mentale«, 250. 
^) Da Tötet: »La magie d6voil6e«, 87. 



VERTIEFUNG DER NATURWISSENSCHAFT. 59 1 

Es ist alsp denkbar, dass Reichenbach unter dem Namen Od Dinge 
zusammengeworfen hätte, die auseinandergehalten werden müssen ; aber 
jedenfalls liegt das Od um eine Stufe tiefer als die wahrnehmbaren 
Qualitäten der Dinge, also ihrer Essenz näher, und es wird sich noch 
herausstellen, dass die Naturdinge morphologisch und chemisch nicht 
so verschieden wären, wenn sie nicht bereits odisch verschieden wären, 
so dass z. B. schon in der Form der Pflanze die Signatur ihrer medi- 
cinischen Eigenschaften liegt. 

Im Alterthum und Mittelalter — bei Aristoteles, Plinius, Dios- 
corides, Gahenus, Avicenna, Paracelsus — war es eine geläufige 
Meinung, dass Gesteine, hauptsächlich Edelsteine, auf den Menschen 
magisch wirken, dass sie auf die molecularen Bewegungen des Lebens- 
processes Einfluss haben, gleichsam odische Ebben und Fluthen er- 
zeugen. So drückt z. B. der Amethyst schon durch seinen Namen — 
a|ii^t>Gto<; s=3 unberauscht — den Glauben der Alten aus, dass er bei 
Gelagen uns nüchtern erhält.') Von dieser magischen Physik ist man 
gänzlich abgekommen; schwerlich dürfte aber Alles, was darüber ge- 
schrieben wurde, in Bausch und Bogen zu verwerfen sein. Etwas besser 
bekannt sind uns die Einwirkungen der Metalle auf den Menschen, 
aber von einer bezüglichen Wissenschaft ist noch lange nicht die Rede, 
und die Metallotherapie, die nicht leben und nicht sterben kann, 
taucht zwar immer wieder auf, ohne aber bisher festgehalten worden 
zu sein. 

Um zu zeigen, dass leblose Substanzen auf den Menschen 
magisch, d. h. odisch einwirken, müssen wir zwischen beiden solche 
Beziehungen herstellen^ wobei nur der eventuelle odische Einfluss sich 
geltend machen kann, und wenn sich dabei ein constantes Verhältniss 
je nach den chemischen Qualitäten herausstellen würde, so läge darin 
ein Beweis, dass der Chemismus der Körper schon odisch bestimmt, 
also schon secundärer Art ist Ein Beispiel aus neuerer Zeit bieten 
die Versuche über die Wirkung der Medicamente auf Entfernung, für 
welche verschiedene Mediciner — Bourru, Burot, Luys, Ddde, Chazarin, 
Encausse, Dufour — eingetreten sind. Wenn ich deutsche Namen nicht 
beifugen kann, so ist das nicht meine Schuld. Jene haben gefunden, 
dass bei manchen Personen im hypnotischen Schlaf eine Gefuhlssteige- 
rung, eine Hyperästhesie für die Einwirkung von Medicamenten ein- 
tritt, die ihnen äusserlich aufgelegt oder angenähert werden, und wobei 
Zittern, Convulsionen und andere Symptome eintreten. Chloral, von 
einer Hysterischen in der Hand gehalten, bewirkte Schlaf Alkohol 
macht trunken, und Ammoniak hebt diese Trunkenheit wieder auf. 
Kirschwasser erzeugte bei einer Frau Trunkenheit und nach dem Er- 
wachen hatte sie den Geschmack davon im Munde. Ein anderer 
Patient, nach einem Versuch mit eingeschlossenem Chloroform, war nach 
dem E^achen von einem unausstehlichen Chloroformgeruch verfolgt. 
Kampher, einem contrahirten Muskel genähert, hob die Contractur auf. 



») Hdiodor: V., 13. 



592 DU PREL. 

Bei Nux vomica trat nach dem Erwachen Erbrechen ein. Atropin 
erzeugte Schlucksen und Erweiterung der Pupille. Auch in das psychische 
Leben greifen solche Einwirkungen ein. Kanthariden erzeugen verliebte 
Hallucinationen, Laurocerasus religiöse Ekstase und Visionen, die bei 
der Anwendung von Alkohol wieder verschwinden; die Versuchs- 
person sieht sich nun in der Wüste und fürchtet sich vor wilden 
Thieren. Man legt ihr Ammoniak auf, und nun ist sie auf dem Meere. 
Gewöhnliches Wasser in einem versiegelten Fläschchen erzeugt die 
Symptome der Wasserscheu, Wurzel von Valeriana den Wahn, eine 
Katze zu sein ; die Versuchsperson läuft auf allen Vieren herum, unter 
das Bett, den Tisch, spielt mit beweglichen Gegenständen und macht einen 
hohen Rücken, wenn man vor ihr bellt. Eine Anarchistin und Atheistin, 
dem Versuch mit Lorbeer unterworfen, zeigte religiöse Gesinnungen. 

Gewöhnlich reichen ein paar Minuten hin, die Symptome herbei- 
zuführen, die meistens auch nur so lange anhalten, als die Application 
stattfindet. Bei empßlnglicheren Personen dauert die Wirkung Stunden 
und Tage. Bei Hemianästhesie zeigt sich kein Unterschied, ob die Auf- 
legung auf die sensiblen oder nichtsensiblen Theile geschieht Manche 
Personen zeigen sich auch im Wachen empfimglich. ^) 

Solche Einwirkungen nun können nur odischer Natur sein, und 
weil darin die chemischen Eigenthümlichkeiten gewahrt sind, müssen 
diese schon in der tieferen odischen Region vorbereitet liegen. Es soll 
nicht geleugnet werden, dass bei solchen Versuchen mit hypersensitiven 
Personen die blosse Suggestion eine Rolle spielen kann; ja es ist vor- 
gekommen, dass bei der Anwendung von Eucalyptus Purgiren eintrat, 
weil der Experimentator der irrthümlichen Meinung war, eine purgirende 
Substanz aufgelegt zu haben. In der Regel war aber bei diesen Ver- 
suchen die Suggestion schon darum ausgeschaltet, weil die Arznei- 
fläschchen von einer nicht anwesenden Person hergerichtet, nicht be- 
zeichnet und nur mit Nummern versehen waren, während der Experi- 
mentator die Versuchsperson und die Anwesenden den Inhalt der 
Fläschchen gar nicht kannten. Gleichwohl traten die specifischen Wir- 
kungen der Substanzen ein. Es handelt sich also um objective Er- 
scheinungen, und die Medicm wird noch ihren Nutzen aus dieser Ent- 
deckung ziehen, die den Glauben an die homöopathischen Hoch- 
potenzen bestätigt, ja darauf hindeutet, dass die medicinische Pharmako- 
chemie durch eine Pharmakodynamik abgelöst werden könnte. Weil 
nun aber der Einwurf der Suggestion, trotzdem ihm der Boden ent* 
zogen ist, doch immer wiederholt wird, möchte ich für künftige Ver- 
suche vorschlagen, die odische Stadiation der Medicamente nicht direct 
mit der odischen Atmosphäre der Versuchspersonen zu vermischen, 
sondern mit deren exteriorisirtem Od. Man lasse ein Glas Wasser durch 
die Versuchsperson magnetisiren und tauche in einem entfernten Zimmer 
die Fläschchen mit den Medicamenten in das Wasser ein. 



^) Bourni et Burot : »La Suggestion mentale et l'action k distance des snb- 
stances m6dicamenteases.c — Luys: »Les ^motions dans T^tat d*hypnotisme et 
l'action ä distance des substances m^dicamenteases.« 



VERTIEFUNG DER NATURWISSENSCHAFT. 593 

Es liegt in der Natur der Sache, dass Entdeckusgen, wie die der 
Wirkung von Medicamenten auf Entfernung, nicht bloss von der Re- 
flexion geschickter Experimentatoren geliefert werden können, sondern 
auch von Versuchspersonen, welche vermöge ihres sensitiven Zustandes 
solche Wirkungen an sich selber erfahren. Darum trifft es sich so häufig, 
dass die mit dem odischen Sinn begabten Somnabulen ihren Magneti- 
seuren Anleitungen geben, welche die Grundlage für solche neue Ent- 
deckungen liefern. So ist es denn eine Somnambule, die — und zwar 
schon 1821 — ihren Magnetiseur, Bende-Bendson, anleitet, die medi- 
camentöse Femwirkung anzuwenden. Es ist die Witwe Petersen, welche 
ihm sagt: »Du brauchst nur das Glas mit dem Elixir das nächstemal 
in die Herzgrube zu setzen, so wird dies sich gleich legen, und die 
schweren Seufzer werden dann fiir immer ausbleiben.« Zum Erstaunen 
des Magnetiseurs war der Erfolg überraschend^ und von nun an trat 
der Schlaf der Kranken äusserst leicht ein. Er hat auch bei anderen 
Kranken den Versuch angestellt und sagt: »Wurde das Glas mit dem 
Elixir einer der Kranken auf die Herzgrube gesetzt, so spürten sie im 
Inneren eine ähnliche Wirkung, als nach dem Einnehmen der Tropfen . . . 
Als ich einst der zweiten Kranken auf ihr eigenes Verlangen im Schlafe 
ein Glas Safrantinctur gegen die Herzgrube hielt, versicherte sie, es wirke 
so heftig auf die Blutgefässe, dass sie es vor Schmerz kaum ertragen 
könne. Der Madame Petersen setzte ich einst im magnetischen Schlafe 
eine kleine Flasche mit Branntwein auf den Magen, wonach sie ebenso be- 
rauscht ward, als ob sie wirklich den Branntwein getrunken hätte, was 
sie auch sogleich angab, als sie die Wirkung in den Kopf steigen fUhlte.«^) 

Im Grunde genommen ist die Lehre von der medicamentösen 
Femwirkung auch noch in einer anderen älteren Entdeckung enthalten, 
in dem vor etwa 40 Jahren angewendeten Pharmakomagnetismus des 
Dr. Viancin. Dabei wurden die Medicamente in Glascylinder einge- 
schlössen^ mit welchen man den Patienten magnetisirte, oder die bei 
der magnetischen Behandlung als Zwischenkörper verwendet wurden, 
so dass der Magnetismus des Magnetiseurs sich mit dem des Medi- 
camentes vereinigte. Schon früher hatte es Deleuze gesagt, dass der 
animalische Magnetismus vielfach modificirt werden kann, je nach der 
Substanz, durch welche hindurch er geleitet wird. *) Guyot hat einen 
schwer zu überzeugenden CoUegen dadurch schwer geschädigt, dass er 
ihn durch Nux vomica hindurch magnetisirte. Mit Colchicum purgirte 
er einen ganzen Krankensaal. Viancin heilte innerhalb 10 Tagen 
chronische Meningitis eines Kindes, indem er es durch Laudanum 
hindurch magnetisirte, wie Charpignon erzählt, der bereits darauf auf- 
merksam macht, dass bei diesen Versuchen die Suggestion ausgeschaltet 
wurde. ^ Gromier, durch einen Tropfen Chloroform hindurch magneti- 
sirend, erzielte augenblicklich Schlaf. Als er Chlorpillen in den Apparat 
einstellte und hindurchblies, wurde der Patient achtmal in einer Nacht 

^) Archiv für thierischen Magnetismus X, 1, 141, 142. 
') Deleuse: »Hist. critiqae du magn. animal«, I,.180. 
*) Charpignon : »Physiologie du magn.* animal«, 62. 

45 



594 "DU PREL. 

purgirt; *) dasselbe Resultat erhielt er aber, als er durch das leere Glas 
mit dem Wunsche blies, ^s sollte Purgiren eintreten. *) Tardy hat schon 
im vergangenen Jahrhunderte physikalische Versuche mit Zwischenkörpem 
gemacht. Als er beim Magnetisiren seinen Stab auf Fräulein N. richtete, 
sah sie das Od aus dem Stabe wie einen dicken (joldfaden mit glänzenden 
Sternen ausstrahlen. Als er eine Silbermünze als Zwischenkörper benützte, 
drang aus derselben eine Art von Nebel ohne Farbe und Sterne. Durch 
Eisenplatten drang das Od ohne Farbenwechsel hindurch, in gleicher 
Richtung und mit gleicher Schnelligkeit. Bei Anwendung einer Glas- 
lupe aber wurde die Geschwindigkeit der Ausstrahlung vergrössert und 
wurde noch weiter vermehrt, als eine zweite Lupe hinzugefugt wurde. 
Durch Gold hindurchgeleitet, wurde das Od lebhafter, schneller und 
legte einen weiteren Weg zurück ') Piati in Venedig bewies 1747, 
dass, wenn riechende Substanzen in eine Flasche eingeschlossen werden, 
der Geruch sich beim Elektrisiren der Flasche im Zimmer verbreitet; 
dass ferner, wenn man Substanzen Leuten in die Hand legt, die elektri- 
sirt werden, die medicinischen Eigenschaften dieser Substanzen sich 
ihnen mittheilen, wie wenn sie innerlich genommen worden wären. 
Verati in Bologna, Bianchi in Turin und Winkler in Leipzig haben 
diese Beobachtungen bestätigt gefunden. ^) Endlich hat schon der alte 
Porta behauptet, dass, wenn man Symphonien auf Instrumenten spielt, 
die aus Holz von medicinischer Eigenschaft bestehen, die gleichen 
Wirkungen eintreten, wie von Medicamenten, die aus den betreffenden 
Pflanzen gezogen sind. '^) 

Man hat beim Magnetisiren auch Menschen als Zwischenkörper 
benützt. Du Potet wollte Fräulein Samson mit Frau V. in Rapport 
bringen. Als es nicht gelingen wollte, verfiel er auf den Ausweg, sie 
durch diese Frau hindurch zu magnetisiren, wobei sich die Beiden die 
Hand reichten. Das Fräulein schlief dadurch ein. ^ Kranke Zwischen- 
personen eignen sich zu solchen Versuchen nicht, weil sie den auf- 
genommenen Magnetismus für sich selbst verwenden und höchstens den 
Ueberschuss abgeben. Aus demselben Grunde sind leblose Substanzen 
ungeeignet, die selber eine grosse Odcapacität besitzen, d. h. viel Od 
aufnehmen können, wie z. B. Wasser. 

Der animalische Magnetismus, durch Zwischenkörper hindurch- 
gehend, wird also zum Träger ihrer odischen Qualitäten und überträgt 
dieselben auf den Patienten. Der Theorie nach müsste es also möglich 
sein, auch Krankheiten einer Person auf eine fremde zu übertragen, 
lieber diesen »Transfert« hat in neuerer Zeit Babinski ^) Versuche an- 
gestellt; die später von Professor Luys und Dr. Encausse in systema- 



*) Bourm et Barot: »La sugg^estion mentale«, 27Ö — 278. 

') Macario: »Da sommeiU, 245. 

^ Tardy de Montrovet: »Essai sar la Theorie da somnambul isme«, 103. 

*) Rochas: »Les 6tats profonds de rhypnose«, 50 — 52. 

») Porta: »Magia naturalis«, I, C. 22. 

*) Du Potet: »Exp^riences publiques«, 84. 

») »Progrfcs mödicaU. 1886. 



VERTIEFUNG DER NATURWISSENSCHAFT. 5^5 

tischer Weise in der Charit^ wiederholt und erweitert wurden. Die 
Versuchsperson, welche die fremde Krankheit in sich aufiiehmen soll, 
setzt sich in einen bequemen Lehnstuhl und wird in Lethargie versetzt. 
Schläft sie, so nimmt der Kranke ihr gegenüber Platz und ergreift ihre 
Hände, imd zwar gekreuzt, wenn die Personen gleichen Geschlechtes 
sind. Der Experimentator nimmt hierauf einen Magnetstab in die rechte 
Hand und streicht mit dem positiven Fol über Brust und Arme der 
Sitzenden, vom Kranken zur Versuchsperson und umgekehrt. Hierauf 
wird die Versuchsperson aus dem lethargischen Zustand in Somnambulis- 
mus übergeleitet, und sie beschreibt nun genau die krankhaften Empfin- 
dungen, die auf sie übergegangen sind, während der Patient, der nun 
die Hände los lässt, davon befreit ist. Der Versuchsperson werden 
sodann Suggestionen ertheilt, um die aufgenommenen Krankheitssymp- 
tome zu beseitigen, und nach deren Beseitigung wird sie geweckt. 
Dr. Encausse berichtet, dass in der Charit^ 650 Personen durch 
Transfert geheilt wurden. *) 

Es scheint, dass beim Transfert Empfindungen geweckt werden 
können, die beim Patienten noch gar nicht zum Ausbruch gekommen 
sind, was eine Diagnose bereits in der Incubationsperiode möglich 
machen würde. Als sich Dr. Louveau auf den Krankenstuhl setzte 
und mit der Versuchsperson in Contact trat, sagte sie nach einiger 
Zeit, es sei ihr, wie wenn sie einen Nagel im rechten Arm habe. 
Einige Tage darauf bekam Dr. Louveau am rechten Arm ein Furunkel. 

Es wurden in der Charit^ auch bei Gehirnleiden Versuche mit 
stark niagnetischen Kronen angestellt, die den hypnotisirten Kranken 
auf den Kopf gelegt wurden, davon odisch inHuenzirt wurden und, da 
sie diese Eindrücke bewahrten, sodann zum Transfert verwendet 
wurden. Solche Kronen, mit dem neuropathischen Zustand des Kranken 
geladen, übertragen denselben auf andere Personen, die in Lethargie 
versetzt sind und denen die Krone aufgesetzt wird. In Somnambulismus 
versetzt, beschreibt die Versuchsperson die Symptome, ja sie wird 
gleichsam in den Kranken verwandelt. Wird z. B. Hemiplegie über- 
tragen, so lässt sie die Arme hängen und redet beschwerlich. Luys 
setzte die magnetische Krone einer Melancholischen auf, die an schreck- 
haften Visionen litt. Als einige Tage später die Krone einem Mann 
aufgesetzt wurde, empfand derselbe die gleichen Beängstigungen und 
kleidete sie in dieselben Phrasen wie jene Frau. Unter Verschluss 
gebracht, wurde die Krone erst nach 18 Monaten wieder verwendet 
und zeigte noch immer bei verschiedenen Personen die ihr imprägnirten 
Qualitäten. 

Schwindel, Ischias, Neuralgie, kurz alle neuropathischen Zustände, 
ob sie somatischen oder psychischen Ursprungs sind, können so über- 
tragen werden« Man kann daher ernstlich erwägen, ob es nicht möglich 
ist, manche Geisteskrankheiten durch Transfert zu heilen, der aber auch 



^) Encausse: »Dtt traitement des maladies nerveuses«, 193— 199. Luys: »Les 
^motions dans T^tat d^hypnotisme«, 133 — 139. 



45' 



596 DU PREL. 

in der Weise vorgenommen werden könnte, dass dem Patienten die in 
einem Accumulator concentrirte Nervenkraft eines gesunden Gehirns 
mitgetheilt wird.^) Baraduc hat statt magnetischer Kronen mit Wasser 
gefüllte Fläschchen angewendet, die den Kranken in die Hand gegeben 
oder auf die Herzgrube gelegt wurden. Legte man sie dann anderen 
Personen auf oder tranken dieselben den Inhalt, so traten sehr merk- 
würdige Transferte ein.*) Wird das Verfahren umgekehrt, indem nämlich 
Gesundheit transferirt wird, so stehen wir vor den Antropinpillen Jäger's. 

Ich muss nun aber auch diese moderne Entdeckung für den oben- 
erwähnten Magnetiseur Bende-Bendson reclamiren, der sie schon 1822 
machte. Gleichzeitig mit der Petersen behandelte er eine andere Kranke 
magnetisch, bei der sich damals Himkrisen mit starkem, aber sehr 
fröhlichem Irrsinn verbunden ausgebildet hatten. Obgleich er die 
Petersen gewarnt hatte, sich dieser Kranken nicht zu nähern, that sie 
es doch. »Bei meinem Eintritt — sagt Bendson — entschuldigte 
sie sich damit, dass die Kranke sie durch List an sich gelockt habe, 
und nun ihre Hand nicht wieder fahren lassen wolle. Da es weder 
mir noch den übrigen Anwesenden möglich war, die Beiden von 
einander zu trennen, so mussten wir sie stehen lassen. Schon nach 
fünf Minuten schlief die Petersen magnetisch ein und ward in dieser 
kurzen Zeit ganz von derselben Art des Irrsinns befallen wie 
zuvor die andere Kranke, welche nun mit einemmale voll- 
kommen vernünftig wurde, als jene die volle magnetische 
Ladung empfangen hatte.c') Vom modernen Transfert unter- 
scheidet sich dieser Fall nur dadurch, dass das Verfahren mit dem 
Magnetstab fehlte ; es war überflüssig, weU ersetzt durch die magnetische 
Behandlung des gemeinschaftlichen Magnedseurs. 

Um zusammenzufassen, so ergibt sich, dass magische Beziehungen 
dann eintreten, wenn die odischen Essenzen sich vermischen. Da nun 
die moderne Naturwissenschaft, sogar die Medicin, durch ihre eigene 
Vertiefung schon an mehreren Punkten Magie geworden ist, so haben 
wir allen Grund, zu vermuthen, dass die mittelalterliche Magie eben 
nichts weiter ist, als eine Antecipation der Vertiefung der Natur- 
wissenschaft, haben also auch allen Anlass, die Acten des Mittelalters 
gründlich zu revidiren. Wenn wir nun mit unserem Erklärungsprincip 
der odischen Vermischung in der Hand an die mittelalterliche Magie 
herantreten, so stellt sich alsbald heraus, dass dieselbe, weit entfernt 
ein zusammenhangloses Aggregat toller Ausgeburten des menschlichen 
Geistes zu sein, vielmehr ein zusammenhängendes, geschlossenes System 
bildet, das nur der Erforschung mit unseren gesteigerten Hilfsmitteln 
bedarf, um seinen antecipatorischen Charakter zu verlieren. 



^) Encaasse 41—52. Badaud: »La magie au XlX^me si^lec 21—39. 
»La seience moderne.« 14. Nov. 1893. 

*j Baraduc: »La force Titale.c 109—114. 

*) Archiv f&r thierischen Magnetismus X, I, 130—131. 



NOTIZEN. 



Calderon. Im grossen Säulen- 
hofe des gothischen Hauses, in 
dem andere Komödien so häufig 
in Scene gehen, wird vor ver- 
sammeltem Volke jetzt ein grosses 
Mysterium agirt: des Don Pedro 
Calderon de la Barca Theater 
der Welt. Wie ein lang ver- 
schütteter Tempelbau erhebt sich 
das Werk vor den erstaunten 
Augen, alle Verführungen der Sinne 
durch die stärkeren psychischen 
Reize ersetzend. Seine herben und 
und düsteren Formen, an fiüh- 
gothische Kathedralen gemahnend, 
wirken beeindruckend auf die Vir- 
tuosen des Geschmacks, und in die 
Unruhe und Zerrissenheit des heu- 
tigen Lebens dröhnen tieftönig und 
erschütternd. Orgelklängen gleich, 
diese grossen und einfachen S3mi- 
bole herüber aus verschollenen 
Zeiten, die stylbildende Kraft und 
Einheitlichkeit der Cultur besassen. 
Zeiten, in denen die Menschen 
aussahen, wie sie dachten, und 
Häuser und Geräthe aus demselben 
Geiste hervorgegangen waren wie 
Sitten und Meinungen. Aber ausser 
dem Interesse an dem auferstan- 
denen Grossen und neben der 
Ueberraschung, in Gross- Abdera die 
Kunst einmal als öffentliche An- 
gelegenheit betrachtet zu sehen, 
war es etwas Anderes, was dem 
Ereigniss Farbe und Bedeutung 
lieh. Ich meine seinen Zusammen- 
hang mit dem Umschwung, der 
sich in den letzten Jahrzehnten 



auf allen Gebieten des geistigen 
I^ebens vollzog. Mit dem politischen 
Niedergang des Bürgerthums fielen 
einer nach dem andern auch seine 
Werthe. Die Zeit, da man in 
Eisenbahnen und lenkbaren Luft- 
schififen die Höhepunkte mensch- 
lichen Schaffens erblickte, ist vor- 
über, und man begnügte sich nicht 
mehr mit der Flachheit, die als 
Materialismus die Wissenschaft und 
als Naturalismus die Kunst be- 
herrscht hatte. Mit der Einsicht, 
dass das ganze XIX. Jahrhundert 
nichts geschaffen habe, was sich 
dem Palazzo ducale in Venedig ver- 
gleichen Hesse, begann man zu 
ahnen, dass es Wahrheiten gebe, 
unerreichbar dem Mikroskop und 
dem Einmaleins. Und wie in jener 
Epoche des späten Griechenthums, 
die naive Leute noch immer für 
eine Verfallszeit halten, wie damals, 
als man in den Palästen von Ale- 
xandrien und Rom zugleich zu Isis, 
Mithra und Christus flüchtete, so griff 
auch jetzt wieder das metaphysische 
Bedürfniss wahllos nach den Sym- 
bolen, von verstorbenen Culturen 
ererbt. Diese Bewq;ung, die, von 
den englischen Primitiven ausge- 
hend, in ganz Europa eine neue 
Kunst schuf, hat auch Calderon 
wieder erweckt. 

Auch Calderon lebte in einer 
Zeit des Ueberganges. In einem 
halb mittelalterlichen Milieu auf- 
gewachsen, sog er im Jesuiten- 
colieg und auf der Hochschule 



598 



NOTIZEN. 



von Salamanca die Traditionen der 
Kreuzzüge ein. Von dort stammen 
seine ersten Werke, el carro de 
Cielo und la cena de Baltasar. 
Später aber, als ihm auf italieni- 
schen Fahrten und im Schlosse 
Buen Retiro die Welt der Renais- 
sance aufging, die damals auch 
Spanien erfüllte, erblickte er' 
den Riss, der durch die Ge- 
sellschaft jener Zeit ging, und 
machte eine seelische Umwand- 
lung durch. Sein Thema wurde 
jetzt der Zwiespalt zwischen dem 
herrschenden Cult und dessen Ver- 
tretern; der unüberbrückbare Gegen- 
satz zwischen einer aristokratischen 
instinctsicheren Herrenrace und der 
von ihr bekannten Lehre der Selbst- 
vemeinung. Dies Problem, das 
durch die Renaissance für das 
übrige Europa gelöst worden war, 
beschäftigte ihn unaufhörlich und 
gibt seinen Dichtungen die brün- 
stige Vertiefung, den magischen 
Glanz, das innere Tönen. Aus ihm 
heraus entstanden seine berühmte- 
sten Werke, wie der »Standhafte 
Prinz«, der noch heute das spani- 
sche Theater beherrscht, und die 
»Tochter der Luft« sowie »Das 
Leben ein Traum I« Calderon hat 
nichts von der Ruhe und Con- 
centration des Lope, er verschmäht 
den Estilo culto des geistreichen 
Gongora. Man möchte auf ihn das 
Wort Nietzsche's anwenden, vom 
»Fanatiker, dem nach innen ge- 
wandten Krieger«. 

Die Romantiker haben ihn ver- 
kündet, im Anfang des Jahr- 
hunderts; und Grillparzer, den 
ähnliche Probleme bewegten, stellte 
ihn über Shakespeare. Dann blieb 
er lange verschollen. Die Aufführung 
im Rathhaus war schön und 
stylvoll, wenn auch Berufsdar- 



steller mehr am Platze gewesen 

wären als Dilettanten. Als »Meister« 

gefiel Herr Paul Wilhelm, während 

Frau Kralik die »Welt« spielte, als 

wolle sie zur — Askese anspornen. 

F, R. 

Peter Nansen. Aus dem 
Tagebuch eines Verliebten. 
Berlin, S. Fischer, Verlag. 

Nichts Dänisches ist in diesem 
Buche Peter Nansen's. Nichts von 
den abendblassen, schwermüthigen 
Farbenstreifen des Nordens, die 
Sehnsucht wecken, und der ewigen 
Melodie des Meeres, die Erlösung 
braust. Es könnte auch in Paris 
oder Wien geschrieben sein, so 
klug, lächelnd und graciös sind 
seine Geschichten. Und wovon sie 
plaudern, ist fast immer dasselbe: 
die Liebe. Frau Venus aber, von 
der die Jünglinge träumen, die 
rosenumschimmerte, mit den ster- 
benssüssen Violenaugen und dem 
heissen, entseelenden Athem ist 
zur Salondame geworden. Sie thront 
nicht mehr in nackter Schöne auf 
weissen Marmoraltären, darauf 
schlanke Feuerlilien brennen, und 
lauscht nicht anbetungsfroh den 
trunkenen Hymnen ihrer Sänger. 
In einem weichen Sammetfauteuil 
lehnt sie, in mondainster Toilette, 
und lässt sich, voll schalkhafter 
Vornehmheit und koketter Güte, 
die zierlichen Pointen und leisen 
Nuancen ins Ohr flüstern. Sie freut 
sich ihrer, lächelt und hat sie ver- 
gessen. H. n, 

La Steppe. Von Alexandre 
D'Arc. Paris 1897. Calmann L^vy. 
Es ist bei Calmann Lävy ein 
interessantes Buch, La Steppe, unter 
dem Namen Alexandre D'Arc er- 
schienen, hinter welchem eine russi- 
sche Fürstin verborgen ist. Solche 
Bücher könnten öfters geschrieben 



NOTIZEN. 



599 



werdeD, ohne dass man ihrer müde 
würde, denn es ist so viel Liebe 
darin^ Liebe zu einem Lande, mit 
dem die Verfasserin verwachsen 
ist, dessen schwermüthigen Reiz 
sie hervorruft, dessen seltsame 
Sitten sie in gut beobachteten 
Scenen beschreibt. Das Werk ist 
mit emem Vorworte von Pierre 
Loti versehen, den Goncourt Tävo- 
cateur des climats nennt, und in 
dieser Eigenschaft ist ihm die 
Fürstin verwandt. Aber es ist nicht 
die berauschende Gluth orientali- 
scher Nächte, die sie beschreibt. 
Die sieche Schönheit der endlosen 
südrussischen Steppe dient dem 
Buche als Hintergrund, jene trau- 
ernde Ebene, deren Vegetation 
schon im Juni versengt ist, gelb 
und schattenlos, nur bisweilen von 
vereinzelten Windmühlen unter- 
brochen. Dazwischen wälzt langsam 
und träge der Bug seine silberne 
Fluth, eintönig und trauernd, durch 
smaragdgrünes Rohr^ das allein 
der Sonne Trotz beut. Doch im 
Frühling ist jenem Lande eine 
kurze Blüthezeit gegönnt. Fast in 
einer Nacht bedeckt sich die Steppe 
mit zarten, dunkelgrünen Gräsern, 
Schneeglöckchen und Veilchen, und 
in den Gärten der Besitzer ent- 
falten an einem lauen Tage die 
Fruchtbäume ihre weisse Archi- 
tektur, und Flieder und Akazie 
giessen ihre verwirrenden Düfte 
über das Land. Zwischen einem 
Winter, dessen Härte alljährlich 
Leben und Besitz bedroht, und 
diesem sengenden Sommer erblüht 
jener duft- und farbenreiche Frühling 
genug, um nicht verzweifeln zu 
lassen, aber nicht hinreichend, um 
jenes rauschhafte Wohlsein anderer 
südlicher Länder zu erzeugen. An- 
fangs waren die Ufer des Bug von 



Kosaken bewohnt, dann aber kamen 
Auswanderer aller Art. 

Die Traurigkeit dieser Ge- 
genden ist voll Schönheit, wie doch 
überall Schönheit ist, gesetzt, dass 
es Augen gibt, die zu sehen ver- 
mögen. Es mag wohl nicht jenes 
Pathos zu finden sein, welches 
Viele in den Alpen oder in Skan- 
dinavien suchen, jene noch gröber 
Empfindenden, die immer wieder 
des Kothurns bedürfen, um erhoben 
zu werden, denen die stumme 
Linie nichtssagend dünkt, weil 
sie schweigsam ist. Uns aber 
will scheinen, als verstünden wir 
ein wenig jene Reize, von denen 
das Buch erzählt, wenn wir uns 
der rührenden Eintönigkeit gewisser 
russischer Weisen erinnern. 

Viel Sorgfalt hat die Fürstin 
darauf verwandt, die Menschen zu 
beschreiben, die in dieser Gegend 
wohnen, die Besitzer der grossen 
Güter, den von westländischer Cul- 
tur durchaus erfüllten Grafen Ma- 
vrino sowie das groteske Innere 
einer Stoudenko genannten Fa- 
müie, welches wahrhaft dasjenige 
darstellt, was die Deutschen eine 
»polnische« Wirthschaft nennen. 

Um uns die Dorfbewohner vor 
Augen zu fUhren, bediente sich die 
Verfasserin einer Liebesgeschichte, 
die voll ist von merkwürdigen 
Personen ; da gibt es einen Popen 
von rührender Grösse, ein ver- 
kommenes Judenpaar, ein Mädchen, 
welches von seiner Liebe bis zum 
Verbrechen hingerissen wird ; nicht 
jener rachsüchtigen Xenia und der 
beiden Väter der Liebenden zu 
vergessen. In dieser Geschichte 
kommen bisweilen Scenen von fast 
plastischer Anschaulichkeit vor, 
etwa die Leidensnacht dieser un- 
glücklichen Nastia, die in nacht- 



6cx> 



NOTIZEN. 



lichem Schneesturm eines Kindes 
genas, die Auftritte zwischen Xenia 
und Gritzko, zwischen Marika und 
der alten Jüdin. 

Auch gibt es in diesem Buch 
einen französischen Marquis, welcher 
wirklich sehr französisch ist, ein 
wenig Geist, ein wenig Herz, ein 
wenig Sinnlichkeit; von Allem ein 
wenig. Dieser »gentil gargon« hat 
von nichts so viel, um etwa aus 
der Mittelmässigkeit herauszutreten, 
was immer missfallen könnte. Am 
Schluss äussert er sogar eine Art 
tiefer Gefühle, die auch im Augen- 
blick wahr sein mögen. Er ist 
vortrefflich beobachtet, dieser Mar- 
quis, wie er so überall herum- 
schnüffelt und Süssigkeiten sagt. 

Ich habe oben bemerkt, solche 
Bücher sollten mehr geschrieben 
werden, und zwar darum sollten 
sie es, weil sie wahrhaft Erlebnisse 
sind, nicht trockene Berichte von 
Reisebeschreibern und Geographen. 
Ich meine nicht die erzählten That- 
sachen, sondern das empfundene 
Milieu, jene erlebte, den Sinnen 
nur langsam zugängliche Schönheit 
der Dinge und Menschen. Darum 
sagte ich auch, es sei so viel Liebe 
in diesem Buch. 

Oscar A. ff, Schmits, 



Die Budapester Theater- 

SCANDALE werfen ihr klares Licht 
auf die Ansichten der transleitha- 
nischen Nachbarn: sie sind schwär- 
merische, selbstlose Anhänger der 
Exporttheorie, aber auch einge- 



fleischte Gegner eines Importes auf 
dem Gebiete der Kunst, eines 
Importes, der nichts Willkommenes 
bringt. Wie gütig Ungarn gegen 
uns war! Fast kein Monat verging 
im Winter, wo die Wiener Blätter 
nicht Gelegenheit gehabt hätten, 
von einer frischen Sendung fetten 
oder mageren Fleisches aus Arpads 
divanährenden Gefilden zu ver- 
melden. Und keiner kam zu kurz: 
eine entschädigende Sturzfluth von 
Decolletagen und Enthüllungen auch 
für Jene, die mangels eines nöthi- 
gen Betriebscapitales das blosse 
Zusehen hatten. Sie haben sich oft 
fiir unsere nothleidende jeunesse 
dor^ geopfert, die armen heimat- 
femen Schönen: wie hilfsbereit 
stellte sich Frau K.-K. bloss, wie 
gerne gab Fräulein P. ihr letztes 
Kleid her, um kalten Herzen warm 
zu machen! Was hat die Wiener 
Kunst dagegen den Söhnen Ungarns 
geboten? Nichts! Wien war rück- 
sichtslos und undankbar. Statt die 
Mitzi-Gitzi oder die KathiHornauals 
reine ideale Vertreter unserer 
Kunst ofhciell nach Budapest zu 
senden, zogen — incredibile dictu 
— Frau Hohenfels, Herr Krastel 
und Herr Christians zu den magya- 
rischen Esthetenl Musste sich die 
beleidigte magyarische Cultur nicht 
mit einem »Teremtete, hinaus!« 
Luft machen? Gewiss, und kein 
wahrer, modern Gebildeter wird 
dem beleidigten ungarischen Kunst- 
gefühl ein mitfühlendes »Bravo« 
verweigern können . . . Alfr, N-^nn, 



Henoag^ber and Terantwortlicher Redacteur: Rudolf Strauit. 
Ch. Reisser & M. Wertfaner, Wien. 



^iener f{undschau. 



1. JULI 1897. 



QUINTIN MESSIS •) 
Von Ferdinand Kürnberger (Wien). 

IV. AUFZUG. 

Im Hanse Hildebald'« in Köln. 

1. Scene. 

Hildebald. Memling. 

Memling. Gott zum Gruss, theuerster Freund! Ihr habt mich , 

rufen lassen, was ist Euer Begehr? 4 

Hildebald. Willkommen, Meister Memling, willkommen! Setzt 
Euch. — Ihr wisst, die Kölner Kaufmannschaft sendet mich als ihren 
Senior in Geschäften der Hansa nach Gross-Nowgorod. Das ist eine 
Reise wie ans Ende der Welt, und wohl bedenke Jeder sein Haus zu 
bestellen, der sie antritt. Nun stehen aber die Sachen in meinem Hause 
so : Dagobert, Euer Schüler, liebt meine Tochter Dorothea und bewirbt 



*) Es ist eine sehr eigenthümliche ErscheinuDg, dass Ferdinand Kürn- 
berger, der gleich mit seinem ersten Romane »Der Amerikamüde« (1856) sich 
eine schriftstellerische Position ersten Ranges erworben, der als feinsinniger 
Novellist von den Besten anerkannt wurde, und dessen geistsprühende Feuilletons 
(»Siegelringe«, »Literarische Herzenssachen«) von den feinsten literarischen Köpfen 
KU den besten Hervorbringungen dieser Art gezählt werden, es trotz »heissem 
Bemühen« nicht dahin bringen konnte, das Theater zu erobern. Mit Ausnahme 
des »Firdusi«, der es auf der Münchener Hofbühne zu einigen schlecht besuchten 
Vorstellungen brachte, blieb ihm die Bühne verschlossen. 

Im Jahre 1848 hatte Kürnberger der Direction des Burgtheaters ein fünf- 
actiges Schauspiel »Quintin Messis« eingereicht. Director Franz von Holbein 
begrüsste das Stück, in welchem er »feine Goethe'sche Züge« erkannte, »mit 
inniger Seelenfreude«, er Hess es einstudiren, im August 1849 war sogar der Tag 
der Aufführung im gedruckten Wochen-Repertoire verzeichnet, als es in letzter 
Stunde abgesetzt und zurückgelegt wurde, da sich die Schauspieler keinen Erfolg 
damit versprachen. 

Kürnberger's Freunde Leopold Kompert und Ludwig August Fr an kl 
waren anderer Meinung. Nach ihrer Anschauung ist »Quintin Messis« zurückgelegt 

46 



6o2 KÜRNBERGER. 

sich um sie mit viel feiner Galanterie und ritterlichem Wesen. Meine 
Tochter aber findet mehr Gefallen an Quintin Messis, Eurem andern 
Schüler, und ihr Werk ist es, dass er zu uns ins Haus kommt. Diesen 
Frühling nämlich ging sie an einem Sonntag mit ihrem Bruder Hemrich 
nach Brauweiler hinaus, da fanden sie den Messis in einer Schenke voll 
Bauern auf der Zither spielen. Der Aermste war zum Tod erschrocken, 
dass man am, den Schüler der Kunst, bei solch niederm Erwerbe 
betrat, und er gestand, dass er auf diese Weise seinen Unterhalt ge- 
winne, um der edlen Malerei zu fröhnen. Mein Sohn, rasch und gradaus, 
wie er ist, wollte stracks seine Börse voll Silber und Gold über ihn 
schütten, aber Dorothea nahm ihn bei Seite und sagte mit ihrem weib- 
lichen Witze: Zu schenken denkst du ihm? Sieh dich vor, Heinrich, 
die Ehre ist das Visir seiner Armuth, wir haben durchgeblickt, aber 
wir dürfen es nicht aufheben; er ist kein Bettler, er nimmt keine Ge- 
schenke. Wollen wir ihm helfen, so weiss ich andern Rath. Lerne das 
Zitherspiel von ihm! Lass' ihn zu uns kommen, mach' ihn unserm 
Haus zum Freunde, zum Vertrauten, und wir werden auf die beste 
Art für ihn thun können, was wir wollen. — Und so geschah es. 
Messis ist unser Freund und kann in jedem Augenblicke mehr werden. 
Ich habe die Wahl zwischen ihm und Dagobert, 

Memling. Mit nichten, Herr Hildebald I Denn wenn Eure 
Tochter, wie Ihr sagt, den Messis bevorzugt, so ist jede Wahl ja schon 
entschieden. 

Hildebald. Damit hat es seine Wege. Ihre Gleichgiltigkeit für 
Dagobert ist noch nicht Abneigung, ihre Empfindung für Messis noch 
nicht Leidenschaft. Genug, diese Entscheidung behalte ich mir vor. 
Wie Dir mich kennt, so seh' ich nicht auf das irdische Gut meines 
Eidams. Dagobert ist reicher Eltern Kind, Messis ein armer Fremdling. 
Aber das vergess' ich. Beide sind Jünger einer Kunst, die unsrer 
Stadt Köln den höchsten Namen macht im heiligen Reich, und die 
ich fast als einen halben Gottesdienst achte, da sie uns vorstellt in 



worden, weil Kür nb erger am October- Aufstände betheiligt war, als Emigrant im 
Auslande weilte und zu jener Zeit in der Dresdener Frohnveste sieb in Unter- 
suchungshaft befand. Selbstverständlich konnte ihm diese Verständigung amtlich 
nicht ertheilt werden. 

Nach Holbein kam Heinrich Laube. Dieser sandte dem Dichter unauf- 
gefordert die Hälfte des damals üblichen Honorars von 400 fl. und äusserte sich 
in seinem Geleitschreiben in den ehrendsten Ausdrücken über den literarischen 
Werth des Stückes. »Es ist vielleicht unzart« — so schrieb er wörtlich — «Ihnen 
Schmeicheleien ins Gesicht zu sagen, aber ich finde den »Quintin Messis« voll 
feiner Goethe'scher Züge.« Und doch blieb es bei der Entscheidung seines Amts- 
vorgängers. 

Seither sind nahezu fünfzig Jahre verflossen, der Geschmack des Publicums 
hat sich gründlich verändert, und nur wenig ist geblieben von den Stücken, die 
damals das Repertoire des Tages beherrschten. Wenn wir €s trotzdem unter» 
nehmen, den Lesern der »"Wiener Rundschau« einen Act aus dem unaufge führt 
und ungedruckt gebliebenen »Quintin Messis« mitzutheilen, so glauben wir ihnen 
damit nicht nur eine willkommene Gabe zu bieten, sondern auch dem Andenken 
des Wieners Ferdinand Kürnberger gerecht zu werden. L. liosner (Wien). 



QUINTIN MESSIS. ^03 

vielen Bildern alter und neuer Geschichte erbauliche Lehren und Exempel, 
daran ein christlich Gemüth sein wahres Himmelsmanna findet. Nicht 
nach Greld und Gut geiz' ich, das hab' ich selbst die Fülle, sondern 
dem öffne ich mein Haus, der meinem Hause die grössre Ehre bringt. 
Blieb ich nun in der Heimat, so könnt ich selbst zusehen, welch Ge- 
deihen es hat mit Beiden. Da ich aber fort muss und vielleicht manches 
Jahr fem bleibe, so drängt mich der Augenblick jetzt schon zur Wahl. 
Darum liess ich Euch entbieten, edler Meister, und Ihr sollt mir nun 
auf Wort und Grewissen bei Eurer gründlichen Kennerschaft sagen: 
Welcher von euren beiden Schülern, Messis und Dagobert, verspricht 
ein grössrer Meister zu werden? Für wen Ihr Euch entscheidet, dem 
j^eb^ ich meine Tochter, und dem verlob' ich sie noch heute. 

Memling. Das ist eine schwierige Probe I Nehmt mir's nicht 
übel, Freund, Ihr betrachtet das wie das Soll und Haben in Euren 
Büchern — als ob sich in übersinnlichen Dingen so leicht rechnen 
liesse. Der Eine kann nach Nord wandern, der Andere nach Süd, und 
doch kann Jeder die Unsterblichkeit in seinem Ränzel tragen, 

Hildebald. Wer hätte das gedacht I Ich versah mich wahrhaft 
einer leichtem Entscheidung. Ich meinte, Ihr würdet unbedingt für 
Dagobert stimmen. Lehr' und Erziehung haben an ihm längst gethan, 
was Messis erst anfängt. Ihr wisst, was Häuschen nicht lernt — 

Memling. Ueber Eure bürgerliche Weisheit 1 Wer lehrt dem 
Vogel das Fliegen und dem Fisch das Schwimmen? Die Natur ist 
eine Riesin, davon ihr andern Menschen nur die Fussspitzen seht im 
kleinen Leben. Das Haupt überragt alle Wolken und Sterne und vor 
allem Andern Euere Blicke. 

Hildebald. Sind die natürlichen Gaben des Messis so gross? 

Memling. Ich will Euch ein Beispiel davon geben. Als er im 
vorigen Spätherbst mit dem Staube der Flamänder-Strasse bedeckt zu 
mir heraufkam und mich bat um Aufnahme in meine Schule, da hiess 
ich ihn eme Probe machen und gab ihm ein Vorlagblatt zum Copiren. 
Er aber zog ein Blatt hervor, das er schon bei sich hatte, und sagte: 
Ich hörte gestern Abend in dem Weinhause, wo ich einkehrte, Euern 
Namen nennen, als Ihr in der Mitte Eurer Schüler ein fröhlich' Po- 
culiren hieltet. Da fasst' ich Euch scharf ins Auge, und auf meiner 
Stube zeichnete ich Euch nach. Seht zu, ob Ihr getroffen seid. Und 
er zeigte mir eine Handzeichnung — es war die beste Skizze, die man 
von meinem Kopfe nehmen kann. Ich vermeinte, der Blitz schlag' 
in michl 

Hildebald. Das ist wunderbar I 

Memling. Und wie er nun in meiner Schule sitzt, so ist's, als 
gab' es nichts Neues für ihn,, als hätt' er Alles längst schon gewusst, 
und erinnerte sich nur wieder durch mein Hinzuthun daran. Ich scheine 
mehr sem Gehilfe als sein Lehrer. Wie aus der reifen Olive das Oel von 
selbst fliesst, so kommen die richtigen Linien und Striche ungezwungen 



604 KÜRNBERGER. 

ans seiner Hand; er ist anzusehen wie einer, der aus einem langen 
Schlafe erwacht — da dehnen und strecken sidi erst noch unbeholfen 
die Glieder, die Augen blicken befremdet umher — das dauert eine 
Minute, dann ist das volle Bewusstsein hergestellt, und der ganze Mensch 
ist fertig. 

Hildebald. Sehr anschaulich drückt Ihr Euch aus. Dazu scheint 
er mir auch der fleissigste Eurer Schüler. 

Memling. In diesem Punkte thut er es allen zuvor. Noch ist 
mir ein solcher Hunger nach Arbeit nicht vorgekommen in meinem 
langen Leben. Ihr wisst, ich gehe damit um, meiner Schüler Einen zu 
Wan der Weyde nach Antwerpen zu schicken, weil all meine Briefe 
nichts nützen, und der Mann unbegreiflich zögert. Den Messis hatt' ich 
dazu ausersehen, und liess jüngst einige Worte darüber fJELÜen. Herr 
meiner Seelei Hur hättet es sehen sollen, wie er blass wurde, wie seine 
Hflnde sich an die Staffelei klammerten, wie ihm der Angstschweiss 
an die Stime trat — dem eine Minute nehmen, heisst ihm die Seele 
aus dem Leibe reissen. Mem oberstes Mansard-Stübchen musst' ich 
ihm einräumen; da sitzt er und Hingt den letzten Sonnenstrahl auf 
und t3rrannisirt seine Augen, so viel ich dagegen predige. 

Hildebald. Und was haltet Ihr nun von Dagobert? 

Memling. Das ist ein siedender Brausekopf ganz gegen die 
stille Art des Messis. Aber wenn ihn Leidenschaft und Tollheit nicht 
übermannen^ so spiegelt sich der reinste Genius in seiner Hände Werk. 
Wenn Messis mit gleichem, andauerndem Feuer seine Früchte zeitigt, 
so ist Dagobert ein Vulcan, der viel zerstört und verwüstet; hat er 
sich aber ausgetobt, dami wächst der köstlichste Wein auf dem fnicht* 
baren Lavaboden. — Genug, in geistigen Dingen gibt's ein schweres 
Vergleichen ; ich seh' es Euch an, dass Ihr noch immer nicht orientirt 
seid; Ihr möchtet's handgreiflicher haben; — auch dazu kann Rath 
werden. 

Hildebald. Wie wäre es, wenn Ihr eine Probe — eine Aufgabe 
für Beide — 

Memling. Getroffen! Das ist bereits auch geschehen, der Zufall 
kam Eurem Wunsche zuvor. Vorgestern Abends nämlich — Ihr wäret 
auf einem Eurer Meierhöfe — da brachte mein Dagobert Eurer Tochter 
ein Ständchen. Nach der Symphonie eilt er hinauf, seiner Dame die 
Aufwartung zu machen, und findet Messis bei ihr, der Euren Sohn 
Heinrich eben zum Zitherspiel erwartet. Hu, wie flogen im Nu die 
Schläger heraus 1 Du Verräther 1 Du Schlange! Du falsches Krokodil! 
und das regnete Terzen und Quinten — Dagobert war wie ein brül- 
lender Löwe. Zum Glücke sass ich gerade im Nebenzimmer mit Herrn 
van der Noot bei einem Becher. Flugs bin ich unter ihnen und wettre 
die Lottergeister auseinander. Sie steckten die Klingen ein, und ich 
vermochte sie zu einem edlem Wettstreit. Ich gab ihnen die Aufgabe, 
das Bildniss ihrer Dame zu zeichnen oder zu malen, und wer hier den 
andern überträfe, der sollte Sieger sein und das Feld behaupten. 



QUINTIN MESSIS. 605 

Hildebald VortreffUchl Das habt Ihr mir zu grossem Danke 
gemacht. 

Memling. Rasch wie die Jungens sind, gingen sie sogleich ans 
Werk. Dagobert zeichnete gestern Eure Tochter, und Messis thut es in 
diesem Augenblicke. 

Hildebald. O, dann eilt, eilt Meister, und seht Euch die Ar- 
beiten anl Und wie gesagt, als meinen Eidam erklärt, dem die bessere 
gelungen ist. Das thut auf mein Wort, unbedingt, und ohne Ansehen 
der Person. Dann reis' ich gleich die nächste Woche. — O, wie bin 
ich getrost, diese Sorge zu erledigen I 

(Beide ab.) 



Verwandlung. 

Im Hanse Hildebald's. Offener Sommersaal mit prächtiger Aussicht über Köln 

nnd die ferne Rheinlandschaft. 

2. Scene. 

Quintin Messis an einer Staffelei arbeitend. Dorothea ihm sitzend. 
Messis (indem er Original und Copie mit wechselnden Blicken vergleicht). 

Wer nicht zeichnet, der begreift die Schönheit nicht. Jeder Laffe gafift sich 
so ein Gesicht an, und sprudelt über nach seiner Art; aber nur der 
Künstler sieht ein, wie aus dieser unendlichen Harmonie der Linien, 
der Lichter und Schatten sich all der wimderbare Zauber zusammen- 
setzt. Und so sag' ich auch: Nur der Künstler kann lieben, wahr- 
haftig lieben! 

Dorothea. Und doch, wie wenig scheint Ihr in das Geheimniss 
eingedrungen, wenn Ihr die Schönheit in Linien, in Lichtem und 
Schatten sucht. 

Messis. Bei Gott, Fräulein, Eure Bemerkung beschämt michl 
(Pause.) Ich habe oft darüber nachgedacht, ob die Seele sich ihren 
Körper bildet oder nicht; ob die äussre Schönheit eine nothwendige 
Folge der innem ist, oder ob der Mensch sein Gesicht wie eine zu- 
fällige Maske trägt, die nichts will und nichts bedeutet. 

Dorothea. Und zu welchem Schlüsse seid Ihr gekommen? 

Messis. Zu keinem. Täuschung und Widerspruch sind zu gross, 
und die 'Ausnahme ist so häufig als die Regel* 

Dorothea. Merkt Ihr auch, Freund, Ihr sagt mir da die aller- 
zweifelhafteste Artigkeit 

Messis. Würd' ich sie sagen, wenn sie zweifelhaft sein sollte 
für Euch? Nein, Fräulein I Ihr seid gut, zärtlich und liebevoll und habt 
ein Herz, das Euch die Engel in goldener Opferschale vom Himmel 
brachten — ich kenn' Euchl Dafiir seid Ihr aber auch einzig. 



6o6 KÜRKBERGEIU 

Dorothea. £i, macht mich nicht so kostbar, sonst muss ich 
fürchten, auch so einzig zu bleiben, als ich bin, und das möcht' ich 
doch nicht gerne. 

Messis. Gewiss, ich kann mir keinen Mann denken^ den ich 
Euch werth hielte I 

Dorothea. Nicht? Aber ichl 

Messis (ergreift mit Wärme ihre Hand). Was soU ich einem edlen 
Weibe wünschen ? Dass sie ihres Werthes sich bewusst sei? Dann wäre 
sie vielleicht so liebenswürdig nicht, dass sie, sich selbst verborgen, 
ihren unbefangenen Wandel durch die Welt gehe. Dann verschenkt 
sie vielleicht die Summe unschätzbarer Herrlichkeiten um elenden Bettel- 
werth, wie jener Krieger, der den erbeuteten Diamant des feindlichen 
Fürsten für schlechte Münze losschlug. Und, o, was schmerzt mehr, 
als ein solches Schauspiel ? Ein edles Weib der Besitz eines unberufenen 
Selbstlmgs I Fräulein, wenn Ihr einst wählt — das Eine versprecht mir ! 
— wählt Eurer würdig 1 

Dorothea. Guter Messis I 



3. Scene. 

Die Vorigen. Memling. 

Memling (auftretend). Ist es erlaubt, einen Blick vor der Zeit 
zu thun. 

Messis. Vor der Zeit? Meine Zeit ist um, ich bin fertig. 

Memling. Ha, wie sich das eiltl Lasst einmal sehen. 

Messis. Mir schlägt das Herz wie unterm Hochgerichte. 

Memling. Ob wohl Einer von euch mit fester Hand ge- 
zeichnet hat? — Gebtl 

Messis. Dal 

Memling (mit Ekstase). Messis I 

Messis. Nun? 

Memling. Könnt' ich sagen, es ist mein Verdienst! Aber das 
ist es so wenig, wie wenn Jemand einen Brunnen graben will, und der 
Quell springt ihm auf der Oberfläche entgegen. 

Messis. Ihr seid also zufrieden mit dem Bilde? 

Memling. Verwundert hätt' es mich, wäi' es Euch missrathen, 
aber nun — da es Euch so einzig gelungen ist, verwundert mich's 
wieder. 

Messis. Ach, wir wollen sehen, was Dagobert ausgeheckt hatl 

Memling. Bei Gott, ich bin in grosser Spannung. Seit meine 
Schule besteht, ward solch ein Wettstreit nicht geführt in ihr. Ich bin 
überzeugt, die zwei grössten Maler der Zukunft messen sich hier. 



..QUINTIN MESSIS. 607 

Messis. Himmel, dort kommt er. Jetzt werden die Würfel 
fallen I 

Memling. Mir ahnt, wie's kommen wird. Uebertroffen hat er 
Euch nicht, und that er Euch's nur gleich, so steht ihr wie zuvor, und 
die Entscheidung hat nichts entschieden. 

4. Scene. 

Die Vorigen. Dagobert. 
Dagobert (eine Rolle in der Hand, hastig auf die Bühne stürzend). 

Bist du fertig, Messis? 
Messis. Hier. 

Dagobert (wirft einen vergleichenden Blick anf beide Blätter^ dann, 
zerreisst er sein eigenes und schleudert es» zu einem Ball zerknittert, Messis vor 

die Füsse). Du hast gesiegt, Messis. — Gott helfe mir ! (Eilt ab.) 

Memling. Dorothea, eilt ihm nach, dass er keinen verzweifelten 
Streich macht. 

Dorothea (eilt Dagobert nach). 

(Schluss folgt.) 



HAIDE. 

Und weit und breit 

Ueberschneit 

Die Haide . . 

Durch weisse Wintereinsamkeit 

Lauschen wir beide 

Der grossen Ruh': 

Wir sind allein, ich und du, 

Auf der Haide . . . 

Berlin. ViCTOR MAUHEIMER. 



EIN SONNENBAD.*) 

Von Walt WhITMAN (New- York). 
Deutsch von Marie Lang. 

Wieder ein Tag, frei von jeder ausgesprochenen Abspannung, von 
Schmerz. Es scheint wirklich, als ob vom Himmel Nahrung und Friede 
ganz fein in mich hineinsickerten, während ich die ländlichen Wege 
querfeldein in der guten Luft hinhumpele — oder hier sitze in 
Einsamkeit mit der Natur — der freien, lautlosen, mystischen, weit 
entfernten und doch greifbar nahen, beredten Natur. Ich tauche hinein 
in die Landschaft, in den vollkommenen Tag. Ueber das klare Bach- 
wasser geneigt, beruhigt mich sein sanftes Gurgeln an einer Stelle, sein 
rauheres Murmeln am drei Fuss hohen Fall an einer anderen. Kommt, 
ihr Trostlosen, denen noch irgend eine verborgene Möglichkeit inne- 
wohnt, kommt, empfangt die unfehlbaren Heilkräfte vom Flussgestade, 
von Wald und Feld. Zwei Monate (Juli und August 1877) habe ich 
sie eingesogen, und sie beginnen, einen neuen Menschen aus mir zu 
machen. Alle Tage Abgeschiedenheit, alle Tage mindestens 2 — 3 Stunden 
der Freiheit, Bäder, kein Gespräch, keine Bande, keine Kleider, keine 
Bücher, keine Manieren. 

Soll ich dir sagen, Leser, wem ich meine bereits wieder bedeutend 
gebesserte Gesundheit zuschreibe? Dass ich nahezu zwei Jahre ohne 
Latwergen und Arzneien da und dort und täglich in der frischen Luft 
war. Vergangenen Sommer fand ich auf der einen Seite nahe bei meinem 
Fluss ein besonders abgelegenes, kleines, schattiges Thal, das ursprünglich 
eine breite, ausgegrabene Mergelgrube, jetzt aber verlassen und mit Busch- 
werk, Bäumen, Gras, einer Gruppe Weiden, ungleichmässigen Sandstellen 
und einem Springquell köstlichen Wassers angefüllt war, der mit zwei 
oder drei kleinen Cascaden gerade mitten hindurchfloss. Hierher zog 
ich mich an jedem heissen Tage zurück und diesen Sommer thu ich's 
ebenso. Hier verstehe ich erst ganz, was der alte Geselle meinte, der 
sagte, er sei nie weniger allein, als wenn er allein sei. Nie noch kam 
ich der Natur so nahe, nie zuvor war sie mir so nahe gekommen. Aus 
alter Gewohnheit notirte ich mit dem Bleistift von Zeit zu Zeit, beinahe 
automatisch, an Ort und Stelle Stimmungen, Scenerien, Stunden, Töne, 
Umrisse. Besonders möchte ich der Befriedigung dieses heutigen Vor- 
mittages eingedenk sein, der so heiter und so einfach war, so gewohnt 
ungewöhnlich, so natürlich. 

*) Aus den »Specimen Days in America«. Skizzen aus verschiedenen Tagen, 
die hier ausgewählten aus der Zeit, da Walt Whitman 58 Jahre alt und in Folge 
der Strapazen, die er während des Bürgerkrieges als freiwilliger Pfleger in den 
Spitälern ei tragen hatte, gelähmt, in den Wäldern von Delaware Erholung suchte. 



EIN SONNENBAD. 609 

So beiläufig eine Stunde nach dem Frühstück ging ich meinen 
Weg zu dem Versteck des vorerwähnten kleinen Thaies, welches ich 
und ein paar Drosseln und Kolibris und andere Vögel ganz zu Eigen 
hatten. Ein leichter Südwestwind blies durch die BaumwipfeL Es war 
gerade der Ort und die Zeit für mein adamitisches Luftbad und 
Körperbürsten von Haupt zu Füssen. So hing ich meine Kleider auf 
den nächsten Pfahl, behielt meinen breitrandigen, alten Strohhut auf 
dem Haupte, bequeme Schuhe an den Füssen — was hab' ich da fiir 
prachtvolle zwei Stunden gehabt I Erst mit den elastisch steifen Borsten 
Arm, Brust und Seiten gebürstet, bis sie scharlachen wurden, dann 
stückweises Baden im klaren Wasser des fliessenden Baches, Alles mit 
Müsse vorgenommen, mit vielen Rasten und Pausen, alle paar Minuten 
lief ich barfilssig herum, hie und da in den nahen, schwarzen Schlamm 
hinein, als fettes Moorbad für meine Füsse, — ein kurzes zweites und 
drittes Abspülen im krystallenen, fliessenden Wasser, folgte, dann Abreiben 
mit dem duftenden Handtuch, — langsame, nachlässige Promenaden über 
die Wiese, auf und nieder im Sonnenschein, abwechselnd mit gelegent- 
lichem Ruhen und weitere Frictionen mit der Borstenbürste. Manchmal 
trug ich meinen Feldsessel von Platz zu Platz, da mein Gebiet hier 
ein ziemlich bedeutendes ist, fast 100 Ruthen, und da ich mich vor 
jedem Eindringen gänzlich sicher fühle (dann wahrhaftig, ich werde gar 
nicht nervös bei dem Gedanken, wenn es zufällig passiren sollte). 

Als ich langsam über den Rasen hinschritt, kam die Sonne heraus, 
gerade genug, um zu zeigen, wie mein Schatten sich mit mir bewegte. 
Irgendwie schien ich mir mit Allem und Jedem ringsumher in seiner 
Wesenheit identisch zu werden. Die Natur war nackt, und ich war es 
auch. Es war zu mussevoll wonnig, freudig-ruhig, um darüber zu spe- 
culiren, doch ich könnte imgefähr folgendermassen gedacht haben: 
Vielleicht ist der innere, nie verlorene Rapport zwischen Erde, Licht, 
Luft, Bäumen und uns durch Augen und Geist allein nicht herzustellen, 
sondern durch unser ganzes körperliches Wesen, welches ich nicht 
geblendet und verbunden haben will, ebensowenig wie meine Augen. 
Süsse, gesunde, ruhige Nacktheit in der Natur! Ach, wenn dich doch 
die arme, kranke, kitzliche Menschheit in den Städten wirklich noch 
einmal kennen lernen würde I Ja, ist denn Nacktheit nicht indecent? 
Nein, nicht an sich. Es sind euere Gedanken, euere Sophistik, euere 
Angst, euere Ehrsamkeit, die indecent sind. Es gibt Stimmungen, in 
denen uns unsere Kleider nicht allein zu lästig zu tragen, sondern 
selber indecent erscheinen. Vielleicht hat wahrhaftig er oder sie, denen 
die freie, fröhliche Ekstase der Nacktheit in der Natur niemals möglich 
war (und wie viel Tausende solcher gibt es !) niemals wirklich gewusst, 
was Reinheit ist, noch was Glaube oder Kunst oder Gesundheit wirklich 
sind. (Wahrscheinlich stammt der ganze durch die alte, hellenische Race 
zum Ausdruck gebrachte Lebenslauf der edelsten Philosophie von 
Schönheit, Heldenthum und Form, jene höchste Höhe und tiefste Tiefe, 
die der Civilisation auf diesen Gebieten bekannt ist, von jener natür- 
lichen und religiösen Anschauung der Nacktheit her.) Vielen von Zeit 



6lO WHITMAN. 

ZU Zeit in den beiden letzten Sommern so verbrachten Standen schreibe 
ich meine theilweise Genesung im weitesten Masse zu. Einige gute 
Leute mögen glauben, es sei eine kraftlose oder halbverrückte Art, 
die Zeit und sein Denken zu verbringen. Mag sein. 



DIE EICHE UND ICH. 
Von Walt Whitman. 

5. September 77. — Ich schreibe dies Vormittags 11 Uhr im 
Schutz einer dichten Eiche am Ufer^ unter die ich vor einem plötzlichen 
Regen geflüchtet bin. Ich kam hier herab (wir hatten den ganzen 
Morgen unfreundliche Schauer, seit einer Stunde aber sanft rieselnden 
Regen) wegen der einfachen täglichen Uebungen, die ich liebe — mit 
diesem jungen VValnussstämmchen hier draussen zu ringen — seinen 
aufrechten zähholzigen Stamm zu beugen und langsam wieder zurück- 
schwingen zu lassen, um vielleicht etwas von seinen elastischen Fasern 
und seinem klaren Saft in meine alten Sehnen zu kriegen. Ich stand 
auf der Wiese und betrieb dieses Gesundheitsringen allmälig und in 
Zwischenräumen beinahe eine Stunde lang und athmete tiefe Züge 
frischer Luft ein. Wenn ich am Flussufer umherwandere, habe ich drei, 
vier Lieblingsplätze, wo ich verweile — ausser einem Stuhl, den ich 
für längere Ruhezeiten mitschleppe. An andern passenden Stellen habe 
ich nebst dem erwähnten Walnussbaume kräftige Zweige von Buchen 
und Stechapfel in kicht erreichbarer Höhe, zu meiner Naturgymnastik 
für Arme, Brust- und Rumpfmuskeln ausgewählt. Bald fühle ich, wie 
Saft und Sehnen in mir emporsteigen wie Quecksilber in der Wärme. 
Ich halte mich zärtlich fest an Ästen oder schlanken Bäumen hier in 
Sonne und Schatten, ringe mit ihrer unschuldigen Urkraft und weiss, 
dass die Kraft davon von ihnen auf mich übergeht. (Oder mag sein 
dass ein Austausch zwischen uns stattfindet, mag sein, die Bäume 
werden von all dem mehr gewahr, als ich je dachte.) 

Doch nun in freundlicher Gefangenschaft unter der mächtigen 
Eiche — während der Regen tropft und der Himmel mit bleiernen 
Wolken bedeckt ist — nichts als den Teich auf einer Seite, auf der 
anderen ein Stück Rasen, von milchweissen Blüthen der wilden Rübe 
gesprenkelt — der Klang einer Axt von einem entfernten Holzstosse 
her — inmitten dieser langweiligen Umgebung (so würden sie viele 
Leute finden,) warum bin ich hier und so allein fast glücklich? Warum 
würde jeglicher Eindringling, selbst Menschen, die ich liebe, den Zauber 
stören? Aber bin ich denn allein? Zweifellos kommt eine Zeit — viel- 
leicht ist sie jetzt über mich gekommen — wo man durch sein 
ganzes Wesen hindurch und besonders in den Geflihlscentren die 
Identität des subjectiven Ich und der objectiven Natur gewahr wird, 



DIE EICHE UND ICH. 6 1 1 

die Schelling und Fichte so gerne betonen. Wie es kommt, weiss ich 
nicht, aber hier empfinde ich oft eine Gegenwart, in klaren Stimmungen 
wird sie mir zur vollen Gewissheit, und weder Chemie noch Raisonne- 
ments noch Aesthetik werden die mindeste Aufklärung hierüber geben. 
Während der beiden vergangenen Sonmier hat sie mir den kranken 
Leib und die kranke Seele gestärkt und genährt wie nie zuvor. Hab' 
Dank, du unsichtbarer Arzt, fiir deine geheimen süssen Arzneien, für 
Tag und Nacht, dein Wasser, deine Lüfte, für Ufer, Gras und Bäume, 
ja für das Unkraut selbst 



DER SCHWIMMER. 

Auf sturmbewegtem Meere rang* 

Ein Schwimmer mit den gierigen Wellen, 

So oft er in die Tiefe sank, 

Hob ihn der Wogen wildes Schwellen. 

Aus seinem Auge stierte Qual, 
Umflort von Gischt und Schaumesfetzen, 
Irrt wie ein blutiger Sonnenstrahl 
Die Hoffnung über das Entsetzen .... 

Er liess sich treiben, rang und hob 
Sich immer wieder aus den Wogen, — 
Bis endlich ihn die Welle schob 
Auf eine Küste sturmentzogen .... 

Er sah noch, wie das Abendroth 
Sanft spielte über Kies und Scherben, 
Wie ihm das Glück die Lippen bot — 
Da musste der Erschöpfte sterben .... 

BcrUn, HANS BeNZMANN. 



DER LEHRER. 

Novelle von ANTON TSCHECHOFF (Petersburg). 

Uebersetzt von J. W. 

(Schluss) 

Nach der Trauung drängten sich Alle an mich und Manioussia 
heran und drückten ihre aufrichtige Freude aus, gratulirten und 
wünschten Glück. Der Brigadegeneral, ein Alter, nahe an die Siebzig, 
gratulirte bloss Manioussia und sagte ihr mit einer knarrenden Greisen- 
stimme, dass man es durch die ganze Kirche hörte: 

»Ich hoffe, meine Liebe, dass Sie auch nach der Hochzeit die 
Rose bleiben, die Sie jetzt sind« 

Die Of&ciere, der Director und alle Lehrer lächelten aus Höflichkeit, 
und auch ich fühlte auf meinem Gesichte ein verbindliches, unaufrichtiges 
Lächeln. Der liebenswürdige Ippolit Ippolititsch, Lehrer der Geschichte 
und Geographie, der immer nur das sagt, was Allen längst bekannt 
ist, drückte mir fest die Hand und sagte mit Gefühl: 

»Bis jetzt waren Sie nicht verheiratet und lebten allein, jetzt smd 
Sie verheiratet und werden zu zweien leben.« 

Aus der Kirche fuhr man in ein zweistöckiges, ungetünchtes Haus, 
welches ich jetzt als Mitgift bekomme. Ausser diesem Hause besitzt 
Manioussia noch an 20.000 Rubel und eine gewisse Melitonowskaja- 
Wildniss mit einem Wächterhäuschen, wo es, wie man sagt, eine Menge 
Enten und Hühner gibt, die, ohne Aufsicht gelassen, wild werden. 
Aus der Kirche zurückgekehrt, streckte ich mich behaglich auf dem 
türkischen Divan in meinem neuen Arbeitszimmer aus und rauchte; 
es war mir so weich, so bequem und gemüthlich, wie noch nie in 
meinem Leben; Inzwischen schrien die Gäste »Hurrah«, und im Vor- 
zimmer spielte eine schlechte Musikcapelle einen Tusch und allerlei 
Unsinn. Warja, Manioussia's Schwester, stürzte mit einem Pokal in der 
Hand ins Arbeitszimmer hinein, einen sonderbaren, gespannten Aus- 
druck im Gesichte, als hätte sie den Mund voll Wasser; sie wollte 
wahrscheinlich weiter laufen, lachte aber plötzlich, schluchzte gleich 
darauf, und der Pokal fiel klirrend zu Boden. Wir fassten sie unter 
die Arme und führten sie hinaus. 

»Niemand kann es begreifen I« murmelte sie dann, auf dem Bette 
der Amme im entlegensten Zimmer liegend. »Niemand, Niemand I Mein 
Gott, Niemand kann es verstehen!« 

Aber Alle verstanden ausgezeichnet, dass sie um vier Jahre älter 
als ihre Schwester Manioussia uod noch nicht verheiratet war und dass 
sie nicht aus Neid weinte, sondern weil sie das traurige Bewusstsein 



DER LEHRER. 



613 



hatte, dass ihre Zeit vergehe und vielleicht sogar schon vorüber sei. 
Als man Quadrille tanzte^ sass sie mit einem verweinten, stark gepuderten 
Gesichte schon im Salon, und ich sah, wie Hauptmann Poljansky ein 
Tellerchen mit Eis vor ihr hielt und wie sie mit einem Löfifelchen davon ass . « . 

»Es ist schon nach 5 Uhr Morgens. Ich nahm das Tagebuch zur 
Hand, um mein volles, mannigfaltiges Glück zu schildern, und dachte, 
dass ich sechs Bogen schreiben und sie morgen Manioussia vorlesen 
werde, aber seltsam, in meinem Kopfe geht Alles durcheinander. Alles 
ist unklar wie im Ttaum, und deutlich erinnere ich mich nur an die 
Episode mit Waija und möchte schreiben: »Arme Warjal« Möchte nur 
sitzen und immer schreiben: »Arme Warjal« Gerade ÜEingen auch die 
Bäume an zn rauschen.;, es wird regnen; Raben krächzen, und meine 
Manioussia, die soeben emgeschlafen ist, hat, ich weiss nicht warum, 
ein so trauriges Gesicht« 

Dann rührte Nikitin lange nicht an seinem Tagebuche. Anfangs 
August begannen bei ihm die Nachprüfungen und Aufnahmsprüfungen, 
und nach Maria-Himmelfahrt begannen die Stunden. Gewöhnlich ging 
er nach 8 Uhr zum Dienst fort und schon gegen 9 sehnte er sich 
nach Manioussia, nach seinem neutsn H6im und schaute auf die Uhr. 
In den unteren Qassen Hess er einen der Buben dictiren, und sass, 
während die Kinder schrieben, auf dem Fensterbrett mit geschlossenen 
Augen und träumte; ob er von der Zukunfb träumte oder sich an die 
Vergangenheit erinnerte. Alles war gleich herrlich wie in einem 
Märchen. In den höheren Classen las man Gogol oder Puschkin's Prosa 
laut vor, und das Alles machte ihn schläfrig, in seiner Phantasie stiegen 
Menschen auf. Bäume, Felder, Reitpferde, und er sagte seufzend, als 
würde der Autor ihn entzücken: »Wie schön I« 

Während der grossen Zwischenpause schickte ihm Manioussia das 
Frühstück in einem schneeweissen Serviettchen, und er ass es langsam 
und bedächtig, um den Genuss zu verlängern. 

Ippolit Ippolititsch, der gewöhnlich nur mit einer Semmel früh- 
stückte, sah mit Respect und mit Neid auf ihn und sagte etwas Be- 
kanntes, in der Art wie: 

»Ohne Nahrung können die Menschen nicht existiren.« 

Aus dem Gymnasium ging Nikitin zu Privatlectionen, und wenn 
er endlich gegen sechs nach Hause kam, war er freudig und unruhig, 
als ob er ein ganzes Jahr nicht dort gewesen wäre. Er lief 
athemlos über die Stiegen, suchte Manioussia auf, umarmte und küsste 
sie, schwur, dass er sie liebe, ohne sie nicht leben könne, versicherte, 
dass es ihm furchtbar bange nach ihr gewesen wäre, und fragte besorgt, 
ob sie gesund sei, und warum sie ein so trauriges Gesicht habe. Dann 
assen sie zu zweien. Nachmittag legte er sich im Arbeitszimmer aufs 
Sofa nieder und rauchte. Manioussia setzte sich neben ihn und er- 
zählte leise irgend etwas. Die glücklichsten Tagen waren jetzt für ihn 
die Sonn- und Feiertage^ wo er von früh bis spät zu Hause blieb. 
An diesen Tagen nahm er theil an dem naiven, aber ausserordentlich 
angenehmen Leben, das ihn an die Schäferidyllen erinnerte. Er be- 



6 14 TSCHECHOFF, 

obachtete unablässig, wie seine gescheite und umsichtige Manioussia 
das Nest einrichtete, und um zu zeigen, dass auch er kein überflüssiger 
Mensch im Hause sei, that er etwas Unnützes, rollte z. B. den Wagen 
aus der Scheune heraus und besah ihn von allen Seiten, Manioussia 
richtete mit drei Kühen eine echte Milchwirthschaft ein, hatte im 
grossen und im kleinen KeUer viele Krüge mit Müch, Töpfe mit Rahm 
stehen, — das Alles hob sie für Butter auf. Manchmal trank Nikitin im 
Scherz ein Glas Milch bei ihr; sie erschrak, da es doch nicht in der 
Ordnung war, er aber umarmte sie lachend und sagte: 

»Na, na, ich habe gescherzt, mein Schatz I Nur gescherzt I« 

Oder er lachte über ihren Pedantismus, wenn sie z, B. im Schrank 
ein steinhartes Stückqhen Käse oder Wurst fand und mit wichtiger 
Miene sagte: 

»Das wird man in der Küche aufessen.« 

Er bemerkte ihr, dass ein so kleines Stückchen nur für die 
Mäusefalle gut sei, sie aber begann eifrig zu beweisen, dass die Männer 
nichts von der Wirthschaft verstünden, und dass, wenn man den 
Dienstboten auch drei Pud Delicatessen geben würde, sie auch dar- 
über nicht staunen würden; er war gleich einverstanden und umarmte 
sie mit Entzücken. Das, was in ihren Worten gerecht war,, schien ihm 
ungewöhnlich, erstaunlich, was aber mit seinen Ueberzeugungen nicht 
übereinstimmte, fand er naiv und rührend. 

Manchmal kam über ihn eine phüosophische Stimmung, und er 
fing an, über irgend ein abstractes Thema zu sprechen; sie hörte zu 
und sah ihm dabei neugierig ins Gesicht 

»Ich bin unendlich glücklich mit dir, meine Freude,« sagte er, 
mit ihren kleinen Fingern spielend oder ihr Haar lösend und wieder 
flechtend. »Aber dieses Glück betrachte ich nicht als etwas mir vom 
Himmel Zugefallenes, Dieses Glück ist eine ganz natürliche Erscheinung, 
folgerichtig, logisch richtig. Ich glaube daran, dass der Mensch der 
Schmied seines Glückes ist, und jetzt nehme ich eben das, was ich mir 
selbst erschafien habe. Ja, ich sage es ohne Ziererei, dieses Glück habe 
ich mir selbst erschafien und besitze es mit Recht. Du kennst meine 
Vergangenheit, Verwaistheit, Armuth, die unglückliche Kindheit, traurige 
Jugend — all das war der Kampf, der Weg zum Glück. . .« 

Im October erlitt das Gymnasium einen schweren Verlust. Ippolit 
Ippolititsch erkrankte an Rothlauf und starb. Die letzten zwei Tage war 
er bewusstlos und sprach im Delirium nur das, was Allen bekannt war : 

»Die Wolga mündet ins Kaspische Meer . . . Die Pferde fressen 
Hafer und Heu . . . « 

Am Tage des Begräbnisses war kein Unterricht im Gymnasium; 
die Collegen und die Schüler trugen den Sarg und den Sargdeckel, 
und der Schülerchor sang den ganzen Weg bis zum Friedhof: »Du 
heiliger Gott«. An der Procession nahmen theil drei Popen, zwei 
Diacons, das ganze männliche Gymnasium und der Chor des Archi- 
jerei in Galagewändern. Passanten, die dem feierlichen Begräbniss be- 
gegneten, bekreuzigten sich und sagten: 



DER LEHRER. 615 

»Gebe Gott einem Jeden ein solches Ende.« 

Als Nikitin ganz gerührt vom Friedhof zurückkehrte, suchte er 
sein Tagebuch aus dem Tische hervor und schrieb hinein: 

»Soeben haben wir Ippolit Ippolititsch Ryschitzky ins Grab ge- 
senkt. Friede deiner Asche, du auspruchsloser Arbeiter! Manioussia, 
Warja und alle Frauen, die beim Begräbniss waren, weinten von ganzem 
Herzen, vielleicht weil sie wussten, dass dieser uninteressante, ge- 
demüthigte Mensch nie von einer Frau geliebt wurde. Ich wollte am 
Grabe des CoUegen ein warmes Wort sagen, aber ich wurde gewarnt, 
dass dies dem Director missfallen könnte, da er mit dem Verstorbenen 
nicht sympathisirte. Nach der Hochzeit ist es, glaube ich, der erste 
Tag, wo mir schwer ums Herz ist.« 

Dann gab es während des ganzen Lehrsemesters keine besonderen 
Ereignisse. 

Der Winter war flau, ohne Fröste und mit nassem Schnee, am 
Drei König-Tage heulte der Wind die ganze Nacht hindurch wie im 
Herbst, von den Dächern tropfte es, und des Morgens Hess die Polizei 
Niemand zur Wasserweihe zum Fluss hinunter, da es hiess, das Eis sei 
aufgeschwollen und dunkel geworden. Aber ungeachtet des schlechten 
Wetters, war Nikitin ebenso glücklich wie im Sommer, Eine Zerstreuung 
kam noch hinzu: er lernte »Wint« spielen. Eines nur ärgerte, regte 
ihn auf und schien seinem Glücke im Wege zu stehen : die Hunde und 
Katzen, die er als Mitgift bekommen hatte. In den Zimmern, besonders 
des Morgens war ein steter Menageriegeruch, die Katzen rauften mit 
den Hunden. Die böse »Mouschke« wurde zehnmal täglich gefüttert, sie 
wollte Nikitin noch immer nicht anerkennen und knurrte ihn wie 
früher an: 

»Rrr. . .nga — nga — nga. . . « 

Einmal während der Fastenzeit kehrte er um Mittemacht aus dem 
Club zurück, wo er Karten gespielt hatte. Es war dunkel, schmutzig 
und regnerisch. Nikitin hatte in der Seele einen bitteren Nachgeschmack 
und konnte nicht begreifen, woher dieser kam: weil er im Club zwölf 
Rubel verspielt hatte oder weil einer der Partner ihm sagte, als es 
zum Zahlen kam, dies sei Nikitin doch ein Pappenstiel — offenbar auf 
Manioussias Mitgift anspielend. Um die zwölf Rubel that es ihm nicht 
leid, auch enthielten die Worte des Partners nichts Beleidigendes, und doch 
war es ihm unangenehm. Er hatte nicht einmal Lust, nach Hause zu gehen. 

»Pfui — wie elend!« sagte er, bei einer Laterne stehenbleibend. 

Es fiel ihm ein, dass es ihm deshalb nicht um die zwölf Rubel 
leid that, weil er sie umsonst bekommen hatte. Wenn er ein Arbeiter 
wäre, würde er den Werth einer jeden Kopeke wissen und nicht gegen 
Gewinnst und Verlust gleichgiltig sein. Und auch sein ganzes Glück, 
philosophirte er, fiel ihm unverdient zu und war für ihn ebenso ein 
Luxus, wie Medicin für einen Gesunden; wenn er, wie die Mehrzahl 
der Menschen, durch die Sorge ums tägliche Brot bedrückt wäre, ums 
Dasein kämpfen würde, wenn ihm der Rücken und die Brust vor An- 
strengung schmerzen würden, wäre ihm das Abendbrot, die warme, 



6l6 TSCHECHOFF. 

trauUche Wohnung und das Familienglück ein Bedürfniss, die Belohnung 
und Verschönerung seines Lebens; jetzt aber hatte das Alles eine 
sonderbare und unbestimmte Bedeutung. 

vPfui, wie elend!« wiederholte er und verstand sehr gut, dass 
diese Betrachtungen schon an sich ein schlechtes Zeichen waren. 

Als er nach Hause kam, lag Manioussia im Bett. Sie athmete 
gleichmässig, lächelte und schlief offenbar mit grossem Behagen. Neben 
ihr lag der weisse Kater, zu einem Knäuel zusammengerollt, und 
schnurrte. Während Nikitin die Kerze anzündete und eine Cigarette 
anrauchte, erwachte Manioussia und trank mit Gier ein Glas Wasser. 

»Ich habe viel Marmelade gegessen,« sagte sie und lachte. »Warst 
du bei den Unsem?« fragte sie nach einigem Schweigen. 

»Nein, ich war nicht.« 

Nikitin wusste schon, dass Hauptmann Poljansky, auf den Warja 
in der letzten Zeit grosse Aussichten hatte, in ein westliches Gouverne- 
ment verset2t wurde und schon Abschiedsvisiten in der Stadt machte, 
und dass es deshalb im Hause des Schwiegervaters langweilig war« 

»Abends war Warja hier,« sagte Manioussia und richtete sich im 
Bette auf. »Sie sagte nichts, aber man sah ihr an, wie schwer es ihr 
ankommt, der Armen. Ich kann Poljansky nicht leiden. Dick, ver- 
nachlässigt, und die Wangen zittern ihm immer beim Gehen und beim 
Tanzen — nicht mein Held. Aber ich hielt ihn doch für einen ordent- 
lichen Menschen.« 

»Ich halte ihn auch jetzt für einen solchen.« 

»Warum hat er dann so schlecht an Warja gehandelt?« 

»Wieso denn schlecht?« fragte Nikitin, indem er anfing, in ge- 
reizte Stimmimg gegen den weissen Kater zu gerathen, der sich streckte 
und einen Buckel machte. »So viel es mir bekannt ist, hat er keinen 
Antrag gemacht und keinerlei Versprechen gegeben.« 

»Warum kam er denn so oft ins Haus? Wenn man nicht die 
Absicht hat, zu heiraten, soll man nicht kommen.« 

Nikitin löschte die Kerze aus und legte sich nieder. Aber er 
wollte weder schlafen, noch liegen. Ihm schien, sein Kopf sei gross 
und leer wie eine Scheune, und darin wandern ganz besondere Ge- 
danken herum, wie lange Nonnen. • . Er dachte, dass ausser diesem 
weichen Nachtlicht, das dem stillen Famüienglück zulächelte, ausser 
dieser kleinen Welt, in der er und der weisse Kater es so gut hatten, 
noch eine ganz andere Welt existirte... Und plötzlich zog es ihn so 
leidenschaftlich, so sehnsüchtig in diese andere Welt, um selbst in 
irgend einer Fabrik oder grossen Werkstatt zu arbeiten, vom Katheder 
zu sprechen, dichten, drucken, lärmen, müde zu werden und zu leiden . . « 
Er verlangte nach etwas, was ihn bis zur Selbstvergessenheit in Anspruch 
nehmen würde, bis zur Gleichgütigkeit gegen das persönliche Glück, 
dessen Empfindungen so einförmig sind. Und in seiner Phantasie stieg 
plötzlich wie lebendig der rasirte Schebaldin auf und sagte mit Ent- 
setzen : »Sie haben nicht einmal Lessing gelesen I Wie sind Sie zurück- 
geblieben! Gott, wie sind Sie gesunken!« 



DER LEHRER. 617 

Mania trank wieder Wasser. Er sah auf ihren Hals, die vollen 
Schultern und die Brust und erinnerte sich an das Wort, welches der 
Brigadegeneral einst in der Kirche gesagt hatte: »Rose.« 

»Rose.« murmelte er und lachte. 

Die schläfrige »Mouschka« antwortete unter dem Bette mit einem 
Knurren : 

»Rrr — nga — nga — nga . . . « 

Ein schwerer Groll wendete sich wie ein kalter Hammer in seiner 
Brust um, und er wollte Mania etwas Brutales sagen, sogar aufspringen 
und ihr einen Schlag versetzen. Er bekam Herzklopfen. 

»Also,« fragte er, sich beherrschend, »wenn ich zu euch ins Haus 
kam, musste ich dich unbedingt heiraten?« 

»Natürlich, du verstehst es doch selbst,« 

»Nett.« 

Und nach einer Minute wiederholte er: 

»Nett.« 

Um nicht zu viel zu sagen und sein Herz zu beruhigen, ging 
Nikitin in sein Arbeitszimmer und legte sich aufs Sofa, ohne Polster, 
dann auf den Teppich am Boden. 

»Was für ein Unsinn I« suchte er sich zu beruhigen. »Du bist 
ein Pädagoge, arbeitest auf dem edelsten Grebiete. . . Was für eine 
Welt brauchst du denn noch? Abgeschmacktes Zeugl« 

Aber gleich darauf sagte er sich mit Bestimmtheit, dass er gar 
kein Pädagoge sei, sondern ein Beamter, und gerade ein so unbegabter 
Dutzendmensch wie der Czeche, der Griechisch unterrichtete; nie 
fühlte er den Lehrerberuf in sich, kannte und interessirte sich nie für 
die Pädagogie, verstand nicht mit Kindern umzugehen; die Bedeutung 
dessen, was er unterrichtete, war ihm unbekannt, und vielleicht lehrte 
er etwas ganz Unnützes. Der selige Ippolit Ippolititsch war aufrichtig 
beschränkt, und alle seine Collegen und Schüler wussten, was er sei 
und was man von ihm zu erwarten hatte ; er aber, Nikitin, versteht es 
gleich dem Czechen, seine Beschränktheit zu verbergen, und betrügt 
geschickt die Anderen, indem er sich den Anschein gibt, dass bei ihm 
Alles, Gott sei Dank, iu Ordnung sei. Diese neuen Gedanken schreckten 
Nikitin, er verleugnete sie, nannte sie dumm und glaubte, dies komme 
von Nervosität, er werde selbst über sich lachen 

Und wirklich gegen Morgen lachte er schon über seine Nervosität 
und nannte sich ein Weib, aber es war ihm klar, dass seine Ruhe 
dahin sei. Er ahnte, dass die Illusion geschwunden war und ein neues, 
nervöses, bewusstes Leben begann, welches sich mit der Ruhe und dem 
persönlichen Glück nicht in Einklang bringen liess. 

Den nächsten Tag, es war Sonntag, war er in der Gymnasiums- 
kirche, sah dort den Director und die Collegen. Es schien ihm, dass 
sie alle nur damit beschäftigt waren, ihre Unwissenheit und ihre Un- 
zufriedenheit mit dem Leben sorgfaltig zu verbergen, und auch er selbst 
lächelte und sprach von Nichtigkeiten, um ihnen seine Unruhe nicht 
zu zeigen. Dann ging er zum Bahnhof, sah den Postzug kommen und 

47 



6 1 8 TSCHECHOFF. 

wieder fahren, und es war ihm angenehm, allein zu sein und mit 
Niemand sprechen zu müssen. 

Zu Hause traf er den Schwiegervater und Waija, die zu Tische 
gekommen waren. Warja hatte verweinte Augen und klagte über Kopf- 
weh ; Schelestoff ass sehr viel und sprach davon, wie unzuverlässig und 
wenig gentlemanlike die jetzigen jungen Leute seien. 

»Das ist eine Gemeinheit I« sagte er. »So werde ich es ihm 
geradeaus sagen: Das ist eine Gemeinheit, mein Herr!« 

Nikitin lächelte verbindlich und half Mania, die Gäste zu be- 
wirthen ; nach Tische aber sperrte er sich in seinem Arbeitszimmer ab. 

Die Märzsonne schien grell hinein, und die heissen Strahlen fielen 
durch die Fensterscheiben auf den Tisch. Es war erst der zwanzigste 
März, aber man fuhr schon auf Rädern, und im Garten lärmten die 
Gimpel. Nikitin weiss, dass bald Manioussia eintritt, ihn mit einer 
Hand umarmt und sagt, dass die Reitpferde schon vorgeführt oder 
der Wagen schon angespannt, und dass sie ihn fragt, was sie anziehen 
soll, um nicht zu frieren. Ein ebenso wimderbarer Frühling wie voriges 
Jahr kam ins Land und versprach dieselben Freuden. . . Aber Nikitin 
dachte daran, wie schön es wäre, jetzt Urlaub zu nehmen, nach Moskau 
zu fahren und dort in den bekannten chambres-gamies in der Neglin- 
naja abzusteigen. Im nächsten Zimmer trank man Kaffee und sprach 
vom Hauptmann Poljansky; Nikitin bemühte sich, es nicht zu hören, 
und schrieb in sein Tagebuch: 

»Wo bin ich, mein Gott! Mich umgibt Gemeinheit und Gemein- 
heit. Langweilige, nichtige Menschen, Töpfchen mit Rahm, ELrüge mit 
Milch, Küchenschalen, dumme Frauenzimmer ... Es gibt nichts Fürchter- 
licheres, Beleidigenderes, Traurigeres als Gemeinheit Fort von hier, 
und heute noch, sonst werde ich verrückt I« 



SCHULZEIT, GOTT UND DIE MUTTER. 

Aus »Wiener Interieurs« von RICHARD SCHAüKAL (Brönn). 

Ein Rivale aus der Gymnasialzeit, der dann als Mediciner eigene 
Wege gegangen, hat den Heinrich aufgesucht. Sie waren einst eine 
eigene Art von Freunden, einander beneidend und bekämpfend, immer 
hart aufeinander platzend, derb und ungestüm in ihren Anläufen und 
beide gleich kindisch eitel, barock in ihrem hitzigen Einanderüberbieten, 
beide gleich beseelt vom Triebe nach Erkenntniss, endlich aber dia- 
metral divergirend. Sie hatten sich so einer den andern verloren, 
waren einander sehr fremd geworden, und wenn sie jetzt zusammen- 
trafen, jeder anders überlegen, beide coulant und einander goutirend, 
dann war es für den Heinrich immer die geheime Freude eines Blickes 
in eine exotische, reiche Welt. Er hatte dem Arthur vor Zeiten seinen 
Gottesglauben genommen, in einer eigenthümlich feinen und groben 
Weise, momecftan und erfolgreich. Der Arthur hatte immer, keusch und 
ein häuslicher Mustersohn, recht ungebildet, weil er bei seiner Primus- 
stellung, die er sich durch eisernen Fleiss erhielt, keine Zeit zum 
Bücherlesen fand, das Aufklärungstreiben seiner intelligenten Bank- 
umgebung gründlich verachtet Da waren einige von ihm gehasste 
israelitische Glaubensgenossen, die mit einem unverdauten Büchner 
und Darwin herumwarfen, die Taine und Brandes, Lange und 
Nietzsche frassen und discutirten, eine begabte, ironische, phrasen- 
getränkte Gesellschaft, der sich Heinrich als der einzige Christ des- 
selben geistigen Niveaus neugierig und verstehend anschloss. Es war 
in der sechsten, siebenten und achten Classe des Obergymnasiums, die 
Zeit, in der man mit einem Spazierstocke zur Schule geht, den man 
bei dem Conditor, wo man Rechnung hat, stehen lässt, um sich ihn 
nach dem Unterrichte, die Cigarette im Munde, wieder abzuholen, die 
Zeit, in der man nicht mehr platonisch Mädchen nachsteigt, sondern, 
sexuell entwickelt und allseitig über das Geschlechtsthema informirt, 
grobe Zoten reisst und heimlich Chansonetten besucht, die Zeit, in der 
man über Freytag und Spielhagen hinaus ist, Ebers verachtet und 
Bourget in der Uebersetzung liest. Freilich sind das Momente, die der 
Heinrich in seiner schon damals werdenden kleinen Universalstellung 
in sich vereinigte und die er jetzt, sein Selbst secirend, auf Gruppen 
und Schichten ordnend vertheüt, aber da sind alle diese Elemente, in 
ihrer Atmosphäre athmen die Begabteren unter den Schülern, und 
nur die Lehrer wandern nichts ahnend, verkalkte, bomirte Gesellen mit 
Nahrungssorgen und schlechtem Schuhwerk, bespöttelt, verachtet, an 

47* 



620 SCHAUKAL. 

diesem bunten, beissen Jugendgarten vorüber, in ibrer kurzsichtigen, 
überlebten Pädagogik. Dem Heinrich fallen immer nach so einem sel- 
tenen Besuche des Arthur, der längstzerrissene Fäden wieder anknüpft, 
solche verwitterte Lehrerprofile ein, und er hängt mit Wehmuth an iluren 
verblassten Zügen, wie man oft einen alten Rock wehmüthig betrachtet, 
der einem gar nichts bot, gar nichts war und jetzt eigentlich auch nur 
ein zufölliges Symbol ist einer fernen Zeit, verUungener lieber Stimmen 
und geheimnissvoller, nicht mehr ganz verstandener Gefühle in einer 
seltsamen, heiseren, reizenden Sprache. Wie Märchengestalten, die sich 
ins helle Leben verirrt, betrachtet er jetzt oft solche für ihn Begrabene, 
wenn einer ihm plötzlich in seinem altmodisch - beschränkten Wesen 
leibhaftig an einer Strassenecke der Vaterstadt entgegentritt, er bleibt 
noch lange stehen und lächelt eigen hinter ihm drein, bedauernd, mit- 
leidig und angeschauert von der Vergänglichkeit. Diese Lehrer, über 
die er schon damals zukunftsstark hinauswuchs, die so oft kopfschüttelnd 
seine Leetüre ganz unverstehend und scheu geprüf);, sie poltern noch 
immer in ihrer Tretmühle und verabreichen noch immer ihre stagnirte, 
vermooste Bildung und gehen noch immer auf in ihren kleinen krausen 
Liebhabereien und vergilbten Büchern, und über sie steigen höher und 
höher die Flutlien der neuen Tage, so dass ihre Stimmen dem oben 
Hinrudemden, wenn er sich herabbeugt, klingen wie ein Wispern und 
Raunen von den Menschen in den versunkenen Städten, auf dem 
Grunde der grossen, sonneüberglänzten Meere. . . • 

Ueberhaupt ist ihm die Schulzeit eine der heimlichsten Erinne- 
rungen, und an stehengebliebenen Typen constatirt er schmerzlich seine 
zerrissene Chamäleonnatur. Seltsam erscheint ihm das Schwinden seines 
Religionsbegriflfes, er spürt dem Werden des zweifelfreien Atheisten in 
ihm begehrlich nach. 

Wie er zum ersten kindlich seligen Glauben gekommen, kann er 
sich nicht mehr reconstruiren. Seine Mutter übte damals den stereo- 
typen Lehrerinnenberuf. Das Gebet blieb ihm lange. Wie ihm die Kirche, 
der Schulgottesdienst mit seinem lästigen Sonntagszwange bald bedeu- 
tungslos geworden, so dass er schon frühzeitig das Wagniss unternahm, 
still bedauert von gläubigen Genossen, in sein Gebetbuch die Volks- 
bücher des bibliographischen Institutes und die Reclam*schen Ausgaben 
als zeitvertreibende Leetüre einzuschmuggeln, so hielt er andererseits 
lange noch, während er schon in der Schule mit den Büchner- festen 
jüdischen Collegen sich als Gottesläugner und Materialist reinsten 
Wassers gerirte, an dem häuslichen, einsamen Nachtgebet fest, gleich- 
sam als Aussöhnungs- und Sicherungsmittel gegen eine allfällige Exi- 
stenz des angetasteten und beleidigten höchsten Wesens. Der Materia- 
lismus der Schulgespräche war eine Concession an die falsche Scham, 
das immer mehr und mehr vereinfachte Beten eine Concession an die 
angezüchtete Tradition. Ein plötzlicher Entschluss nach langen geheimen 
Erwägungen warf endlich auch den letzten Rest der äusserlichen Gottes- 
verehrung, dieses kurze, stumme, schon lange nicht mehr im Knien 
verrichtete Abendgebet für seine geliebte Mutter, über Bord, und von 



SCHULZEIT, GOTT UND DIE MUTTER. 021 

dem Momente an wichen auch alle zagenden Bedenken gegen die 
kühne Ausgestaltung seines freien Atheismus, er hatte ja längst alle 
Zweifel wegdisputirt, und der rohe Religionsraub an dem Arthur üel 
zeitlich schon in eine viel frühere Periode. Sein Verhältniss zu Gott 
war übrigens schon seit Jahren ein abergläubisches^ selbstisches Fordern 
und Danken, wurde mit der Zeit ein mechanisches, geistloses Anrufen 
in gefahrlichen Momenten und stand schliesslich auf einer Stufe mit 
dem naiven Weihenlassen seiner Arbeiten und seiner Feder durch die 
Mutter, von der er immer kleine Zettel als Amulets und wirksame 
Talismane in die Mathematikstunde trug. Eine Concession aber blieb 
bis über sein achtzehntes Jahr hinaus die Schulbeichte, in der er sich 
nie einen Scherz, eine Heuchelei oder ein frivoles Versuchsstück ge- 
stattete, wie der Ricki, der seinem Beichtvater immer die schauer- 
lichsten Verbrechen bekannte und als lästernder Spötter dann über 
dessen Ins-Gewissen-Reden mit seinem Seelenhohne herfiel. Der Heinrich 
beichtete zwar nicht mehr wie einst nach sorgfältiger Erforschung und 
gewissenhafter Detailskizzirung , wohl aber, trotz seiner Verachtung 
alles Pfafifischen, immer noch gewissenhaft und ausführlich genug, frei- 
lich etwas oberflächlicher und sehr sorglos, aber immer nach einem 
stenographirten Zettel, den er — und das bezeichnete sein laxes Ver- 
hältniss zu der Ceremonie — jedesmal wieder abschrieb. Das Beichten 
war auch noch so etwas Ueberkommenes , an dem er krittelte und 
nörgelte wie an der ganzen überwundenen religiösen Pflicht, das er 
aber übte, so lange er von der Schule aus dazu gezwungen war, in 
einer kleinlichen Furcht vor einem Etwas, das er vielleicht als Zorn 
Gottes empfand, oder besser, als den antiken Göttemeid und die Rache 
dieses hämischen und boshaft mächtigen Wesens. Seine Mutter hatte 
ihn früher immer angehalten, wenn er eine Kirche zum erstenmale 
beträte, einen Wunsch zu thun, der in Erfüllung gehen würde, ein 
alter firommer Aberglaube ihrer Kindheit, den sie, uneingestandener- 
massen längst nicht mehr gläubig, ebenso übte, wie man Gräber mit 
Kränzen schmückt an Gedächtnisstagen der Todten. Und der kleine 
Heinrich hatte sich gewöhnt, immer ein langes Leben in Gesundheit 
für seine Mama zu erbitten, eine stereotype Formel, die ihm noch 
heute bei allen möglichen Gelegenheiten, die ihm Gewohnheit aufge- 
nöthigt, wie zum Beispiel beim Stundenschlag seiner alten schweren 
Wanduhr, wenn er im Bette lag, lautlos von den Lippen floss und 
über die er sich nicht einmal ärgern konnte, denn es war eine liebe, 
gute Reminiscenz aus der Kinderzeit. . . . Mit dem Aufhören des 
Kirchenzwanges, als er das Gymnasium verlassen, trat eine starke 
Reaction ein, und ausser auf Reisen hat er seitdem keine Kirche mehr 
betreten, ja selbst an den grossen Festtagen war ihm die Besuchs- 
pflicht schweigend von der Mutter nachgesehen worden, eine Pflicht, 
die sie schon wegen der Tochter und überdies aus ererbter nach- 
lässiger Pietät übte. . . . Eigenthümlich war der Einfluss seines ruhigen 
Unglaubens auf die Mutter überhaupt. Wie sie in ihrer Leetüre seinen 
^athschlägen folgte und sich eine neue Geschmacksrichtung in Ueber- 



622 . SCHAUKAL. 

einstimmung mit dem veränderlichen Sohne immer wieder beilegte, so 
war sie auch mit ihm eine freie, heimliche Atheistin, in der nur 
manchmal die klagende Sehnsucht nach dem verlorenen Glaubens- 
paradies Worte fand. 

Sie hatte mit ihm gelebt und gelernt, sie hatte das stammelnde 
Reimen des sechsjährigen Kindes gefördert, sie hatte für ihn und mit 
ihm in Schulfragen und Seelenkämpfen gelitten, sie war langsam von 
dem Piedestale der überlegenen Lehrerin und Ratherin zur Vertrauten, 
zur Mitstrebenden geworden, sie Hess sich jetzt willig und fügsam 
belehren und geistig heben von semem kühnen, of^ sie bestürzenden, 
fast hochmütigen Künstlerstreben. Er war ihr dankbar für das von ihr 
gepflanzte und gehütete Interesse an Historie und Märchen, er über- 
nahm und steigerte ihre Dichterliebe und Heldenideale, den Heine und 
den Chamisso, den Lenau und den Napoleon. . . . 

Das war Alles wieder einmal so unlogisch aneinandergereiht in 
ihm lebendig geworden, seit ihn der Arthur verlassen, dieser so ganz 
andere als er, dieser emsige Kärrner und pflichtgetreue Arbeiter an 
seinem einheitiichen Lebenszwecke, auch einer von den beneideten 
harmonischen, den lebensstarken, ungebeugten Naturen. 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR UND IHRE 

TENDENZEN. 

(Nach einem Vortrage, gehalten im Allgemeinen Oesterreichischen Frauenvereine 

am 15. Mai 1897.) 

Studie von MARIE HeRZFELD. 

Alle Rechte vorbehalten. 

Man kann die skandinavische Literatur hinsichtlich ihres inneren 
Gehaltes in zwei Gruppen theilen. Die eine ist in ihren Ideen die directe 
Erbin des XVIII. Jahrhunderts und der Revolution, und ihr Losungswort 
ist Vernunft und Freiheit. Ihr religiöses Bedlirfniss regelt der Rationa- 
lismus, und sie begnügt sich damit, zu glauben, was sich beweisen 
lässt, sich im Agnosticismus zu bescheiden oder direct zu leugnen. 
Ihre Moral ruht auf dem Bentham-Mill'schen Princip: Gut ist, was der 
Menschheit nützt, mit dem Nothausgange für den Einzelnen, dass auch 
gut ist, was dem Menschen angenehm. Ihr Ziel ist Glück, das möglichst 
grosse Glück für die möglichst grosse Zahl, zu erreichen durch Aus- 
merzung der Unlustgefiihle, mittelst Hilfe der fortschreitenden Wissen- 
schaft und der politischen Einsicht, die das Programm der Freiheit und 
Gleichheit und, wenn es durchaus sein muss, auch der Brüderlichkeit 
durchführen wird. Das Schicksal der Menschheit wird ihr also nur ein 
Verstandesproblem, das mit Fleiss, Scharfsinn und I^ogik zu lösen sein 
muss, und die Zukunft beruht nur einfach darauf, diese Lösung möglichst 
vielen Köpfen beizubringen, nachdem man vorher den Menschen zu 
einem »Kopf«, d. h. zu einem Denkapparate vereinfacht oder »empor- 
gehoben« hat. Dann wird der Mensch auch berechenbar sein; wir 
haben für ihn nur noch nicht die Formel gefunden. Diese Gruppe 
entlehnt ihre künstlerischen Methoden der Wissenschaft; sie zählt die 
äusseren Facten auf und zergliedert die inneren und simplificirt die 
Welt, indem sie die Erscheinung auf ein paar Gesichtspunkte hin an- 
schaut und auf ein paar Grundlinien zurückführt. Ihr Mittelpunkt und 
geistiger Führer ist der Däne Georg Brandes, obwohl sein Geist 
noch mehr umschliesst als ein so dürres Programm. 

Die andere Gruppe hat den Brandesianismus zu arm und flach 
gefunden. Sie sucht im Menschen noch etwas Anderes als eine blosse 
Intelligenz. Für sie ist er ein Naturwesen, in dem die heimlichen Kräfte 
des gemeinsamen grossen AlUebens sieden und wirken, ein Organismus, 
der nicht nur ein Gehimbewusstsein hat, sondern ausserdem noch ein 
mächtiges Unterbewusstsein, eine Art von allgemeinem Körpersinn, der 
sich in Sympathien und Antipathien äussert, in stillen Drängen nach 
einer bestimmten Richtung hin und in abwehrenden Ahnungen, die ihn 
vor einer anderen warnen. In diesem Unterbewusstsein, dem Instinct, 



1 



624 HERZFELD. 

der uns mit den übrigen Lebewesen der Erde verbindet und auf dem 
sich unsere Gcmüthswelt aufbaut, in diesem Instincte kommt das Tiefste 
und Aelteste im Menschen, sein Urgrund, das Primäre, das aus der Familie, 
dem Heimatsboden, der Race, der ganzen Entwicklungsgeschichte heraus 
Bestimmte und Gebundene zu befehlshaberischem Ausdrucke und zur 
Geltung. Diesen Instinct missachten, wie es der Verbildete thut, heisst 
dem Leben die beste Wurzel abgraben ; ihm aber gehorchen, heisst der 
Natur selbst gehorchen. Auf ihn, der das lebendige Leben ist, muss 
der Mensch seine Existenz und die Menschheit ihre Zukunft bauen, 
dem Seeundären, dem abstract arbeitenden Verstand, darf nur 
die hütende Controle bleiben, dann erst kann eme organische, von innen 
heraus wachsende und dauernde Cultur entstehen. Eine solche Gemüths- 
und Instinctscultur, die germanisch ist, im Gegensatze zur gallischen 
Verstau descultur , bereitet sich in der jüngeren Schriftstellergruppe 
Skandinaviens vor. Ihre dumpfe Empfindung hat der Schwede 1 a 
Hansson wie kein Anderer klar und scharf formulirt. 

n. 

Man beginnt in der Regel die Zeitrechnung der modernen skan- 
dinavischen Literatur mit dem ersten Auftreten von Georg Brandes 
als Docent. Im Herbst 1871 eröffuete er an der Kopenhagener Uni- 
versität seine epochalen Vorlesungen, die unter dem Titel »Die Haupt- 
strömungen der Literatur des XIX. Jahrhunderts« einen europäischen 
Ruf bekommen haben. Er stand wohl auf den Schultern von Hettner, 
Saint-Beuve und Taine ; Andere vor ihm hatten vergleichende Literatur- 
geschichten geschrieben, den Zusammenhang der leitenden Ideen be- 
merkt, ein Kunstwerk angesehen wie ein Naturproduct, das nothwendig 
und organisch aus dem von der Race, der Familie, der Zeit und den 
Umständen bedingten Individuum herauswächst ; Andere vor ihm hatten 
erkannt, dass es mehr gelte zu verstehen als zu richten und dass 
alles Urtheil in Kunstsachen nur dahin gehen könne, ob der Künstler 
seine Absicht erreicht und ob diese Absicht die menschliche Ent- 
wicklung hemme oder fördere, und diese Anderen hatten eine gründ- 
lichere Gelehrsamkeit besessen, einen stetigeren Charakter imd ein 
feineres Gewissen. Allein Brandes war reicher, beweglicher, weiter an- 
gelegt als sie alle miteinander, und er war der grösste Künstler unter 
ihnen. Und er hatte offenbar die hinreissende Persönlichkeit, die gleich 
einem Verkünder und Lichtbringer kam. Er schilderte die Bewegungen 
des europäischen Geistes von 1815 — 1848 und charakterisirte sie als 
einen Rhythmus von Ebbe und Fluth, erst das Sinken und Verschwinden 
der Gefühls- und Gedankenwelt des XVIII. Jahrhunderts und hierauf 
das Rückkehren der fortschrittlichen Ideen in neuen, immer höher 
ansteigenden Wellen. Er untersuchte das Wesen dieses rastlosen Auf 
und Ab und fand die Reactionen keineswegs stets werthlos. Eine kraft- 
volle Reaction ist oftmals nur die Ergänzung einer Einseitigkeit und 
selbst eine Art von Fortschritt. Sie ist keineswegs immer lebensfeindlich ; 
wenn sie kurz ist und energisch, so wird sie nur der Ausgang einer 



\ 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 625 

Reaction gegen die Reaction, der Anstoss zu einer aufsteigenden Epoche 
des menschlichen Geistes. Nur darf sie nicht stagniren, nicht des Zu- 
sammenhanges mit den wirkenden Kräften des Daseins verlustig werden. 
Es war eine stagnirende Reaction, die das nordische Kunst^ und Geistes- 
leben zum Siechen gebracht. In Skandinavien vegetirte noch ein 
schwächlicher Ableger der deutschen Romantik mit religiösen, nationalen 
und künstlerischen Tendenzen, denen die Lebenssäfte ins Stocken ge- 
rathen. Selbst ein Dichter wie H. Chr. Andersen vermochte der Literatur 
keine neuen Impulse zu geben. Und sogar Bjömson und Ibsen in ihren 
Erstlingswerken konnten nur wohlbekannten Wein in ihre neuen Schläuche 
giessen. Brandes* grosses Verdienst bestand nicht nur darin, dass er in 
seinen Vorlesungen ein Culturbild aufrollte, die Seelengeschichte der 
ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts erzählte, die bedeutendsten Menschen 
der Zeit darstellte und die Ideen, deren Gefäss sie waren ; er ist nicht 
bloss den Ursprüngen der Gedanken und Gefühle nachgegangen, die 
in der Kunst einen Leib gewonnen, und hat dabei bewiesen, dass die 
skandinavische Kunst eine Kunst aus zweiter Hand. Es begann auf 
einmal rings um ihn zu spriessen und zu blühen. War er im 
Stande, Talent zu geben? Gewiss nicht. Er war nur die glühende 
Flamme, an der die Talente sich entzündeten. Er wusste ihnen nur die 
Wege aus dem Sumpfe heraus. Er haute ihnen nur mit dem Schwerte 
eine freie Bahn durchs Gestrüpp. Er zerschlug die Convention. Er 
brach die zünftige Aesthetik« Er lehrte, dass man in der Kunst es 
nicht machen dürfe wie die Anderen, sondern gerade so wie kein 
Anderer. Er lehrte, dass man individuell sein müsse, also neu, da kein 
Individuum dem anderen gleicht. Individuell, aber auch universell. 
Man müsse von der Zeit voll sein, von ihrem Wissen und Leben, 
von den allgemein menschlichen und socialen Problemen und sie in 
der Kunst zur Debatte bringen. Denn in einer Zeit der Gährung und 
der Probleme sei nur dies ein Kennzeichen einer lebendigen Literatur, 
dass sie Probleme zur Debatte bringe. Und er überfluthete Skandinavien 
mit Problemen, Tagesproblemen. Er führte der Jugend massenhaften 
DenkstoflF zu. Er übersetzte Mi 11 und Buckle. Er propagirte Taine 
und Renan. Er wurde der Biograph von Ferdinand Las s alle. Und 
er stellte Muster genialen Denk- und Künstlermuthes auf. Er feierte in 
Merimöe, Flaubert und den Goncourts die rücksichtslosen 
Neuerer in StoflF, Psychologie und Styl. 

Er war der Erste, der wirksam von Max Klinger sprach, und 
Friedrich Nietzsche hat er für die Welt entdeckt. Denn fünfzehn 
Jahre, nachdem er MQl und Spencer eingeführt und alle politischen 
und socialen (nicht auch künstlerischen) Consequenzen aus ihren radical 
demokratischen Lehren gezogen — im Jahre 1889 lancirte Brandes 
mit dem gleichen Feuer und Verkünderton den radicalen Aristokra- 
tismus Friedrich Nietzsche's — die Herrenmoral, die Lehre 
vom grossen Menschen als Zweck aller Entwicklung und von 
der Unentbehrlichkeit des Leidens, das die Quelle aller mensch- 
lichen Erhöhungen ist. Bei dieser Schilderhebung vcrgass Brandes, seine 



026 HERZFELD. 

eigene Stellung reinlich zu markiren — zu sagen, ob er seine alten 
Ueberzeugungen als irrig erkannt oder wie er so conträre Welt- 
anschauungen in sich versöhnen könne. Das hat die Jugend stutzig 
und an ihm irre gemacht Es ist gewiss das grosse Verdienst 
von Brandes, dem Norden auch den Culturstrom der Nietzsche'schen 
Ideen zugeführt zu haben, doch der Strom hat ihn selbst als Skandi- 
naviens führenden Geist hinweggeschwemmt. 

Allein die ganze Literatur der Siebziger- und Achtzigerjahre lässt 
sich um Georg Brandes gruppiren. Sie ist von ihm beeinflusst oder 
mindestens von ihm gefördert; ihr Gedankeninhalt läuft mit dem 
seinigen parallel, und selbst abweichende Tendenzen hatten ihren ersten 
Ideenkeim in ihm. Weil sein Oppositions- und Freiheitsdrang nomadisch 
bis an die Grenzen des theoretischen Anarchismus schweifte, konnte 
er bei seiner Leidenschaft fiir die Befreiung des Individuums in 
politischer Hinsicht demokratisch fühlen und in ästhetischer wieder 
aristokratisch — (schon 1869 schrieb er: »Die gute Literatur besteht 
nur aus Aristokraten«). Er vermochte mit Sophus Schandorph zu 
sympathisiren, der das dänische Kleinbürgerthum und EUeinbauemthum 
mit seiner Durchschnittswelt für die Literatur entdeckt hat, und zu- 
gleich J. P. Jacobsen zu bewundem, der von den Ausnalimen und 
dem Seltenen dichtete, vom krankhaft Ueberfeinerten und seinen Quint- 
essenzen an Genuss und Leiden. Er hat lange Zeit Holger Drach' 
mann die socialen Stichworte gegeben und sich dabei doch ein Organ 
für so spröde zarte Sachen wie 01a Hansso n's »Sensitiva Amorosa« 
bewahrt. August Strindberg stand lange Zeit auf brandesianischem 
Boden, und sogar ein selbstherrlicher Geist wie Hensik Ibsen ging 
eine Weile neben Georg Brandes her. Es gibt Einflüsse, die Im- 
ponderabilien sind. Lob und Tadel ist auch eine Form der Einfluss- 
nahme. Aber ein grosses Talent trägt seine Gesetze in sich. Es wird 
früher oder später seine eigenen Bahnen ziehen und ein Centrum für 
die Bahnen Anderer werden. 

III. 

Gemeinsam ist den Brandesianem, dass sie die Brücken zur Ver- 
gangenheit abgebrochen haben. Sie glauben nichts von dem, was ihre 
Väter und Vorväter geglaubt. Sie sind »freie Geister« und schweben 
mit Gesinnungen, Ideen, Wünschen, Plänen ein wenig in der Luft. 
Sie haben mit der Kritik begonnen und sind zum Skepticismus und 
zum Nihilismus gekommen, wenn sie nicht wie Bjömson ein Hinter- 
thürchen fanden, das sie auf Umwegen in die liebe Philisterei zurück- 
führte. 

Die Freigeisterei bindet auch Jens Peter J a c o b s e n an sie. Denn 
er hat nie »Probleme zur Debatte gebracht« — seine Probleme sind 
auch nur psychologische Probleme und seine Zwecke nur literarische 
— was Brandes bei den deutschen Romantikem sehr verdammt. 
Jacobsen ist von. Haus aus sogar selbst ein Romantiker, allerdings 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 627 

mehr vom Stamm E. A. Poe's. Wie dieser, ist er ein phantastischer 
Träumer, der in den nächtigen Tiefen der Seele gern die seltsamen 
Blumen der Tollheit pflückt und sie secirt. Er dichtet in Arabesken, 
wie es Friedr. Schlegel empfohlen, spottet aller Formen, wie Tieck es 
gethan. Er kennt kein Gesetz ausser das seiner Willkür, und sein 
Wille steht über der gemeinen Grammatik; doch wie bei Poe hat die 
Phantasterei eine selbsteigene Logik. Seine Verse sehen aus wie das 
wilde Spiel seiner einsamen Laune, und doch sind es geniale Thaten 
eines schöpferischen Geistes, der seinem Wollen die Werkzeuge selber 
erst findet. Sie sind Urbilder fiir das, was heute die Symbolisten ver- 
suchen, und der raffinirte Ausbau zugleich dessen, was Novalis ge- 
stammelt. Denn das romantische Urwalddickicht seines Gemüthes durch- 
ziehen die eisklaren Quellen seines Verstandes. Europäischer Positivis- 
mus und dänische Phantastik verfnählen sich in ihm; seine Erkennt- 
niss zerpflückt die Welt und seine Einbildungskraft durchglüht sie. 
Drum handeln seine Bücher von Sehnsucht und Enttäuschung. Jedes 
Menschendasein ist ihm eine langsame Desillusionirimg. Denn was ist 
des Daseins Inhalt? Ist nicht alle Schönheit Schönheit, die schwindet, 
und alles Glück Glück, welches bricht? Was bleibt uns vom Leben 
als das Erblühen der Seele in heimlicher Sehnsucht, als dies Erklingen 
des Inneren in tiefer Stimmung des Leidens, was weiter als zauberhaft 
durchseelte Bilder und seltsam starke Träume?... Das ist gewiss 
nicht der Realismus und die Actualität, die Brandes begehrte. Aber 
in allen Schönheitsverschleierungen steckt doch auch wieder eine 
ungeheuere Naturtreue, die modern ist. Die Ländschaft mit ihren 
lichtdurchtränkten Lüften, die Pflanzenwelt nach Zeit und Himmel, 
das Menschenwesen in seiner Besonderheit ist aufs Individuellste und 
Nuancirteste gesehen und geschildert. Denn dieser Träumer ist mit 
dem Wissen seiner Epoche saturirt; ja, seine Intuition eilt diesem 
Wissen sogar noch voraus. Er sieht die Phänomene des Seelenlebens 
stets aus dem dunklen Untergrund des Physiologischen herauswachsen, 
und er sieht in unbewussten Gesten und Reflexhandlungen die Rudi- 
mente überwundener Ideen, Ideen, die sich noch »in Blut und Nerven« 
weiter vererben. All diese feinen und tiefen und neuen Dinge zu sagen, 
fand er eine Sprache vor, die das verwittertste, verblassteste Idiom 
von ganz Europa war, mit Wörtern, von denen kaum noch mehr 
übrig geblieben als die Wurzelsilbe, und diese nur mehr ein zarter, 
kaum fassbarer Hauch; eine Sprache ohne Bildlichkeit, mit dürftigen, 
abgebrauchten Wendungen, gut für naive Kinder und für abstracte 
Gelehrte. Jacobsen plünderte die Dialecte; er schliflF und fand selbst 
neue Ausdrücke; er durchglühte die Vocale und liess bedeutungslose 
Silben fallen, und als er sein Glossar beisammen hatte und die Wörter 
nebeneinander setzte, in anderer Folge, als man es just gewohnt war, 
und mit guter Ueberlegung, weil das Neue auf die Phantasie wirkt, 
in Hinsicht auf die Wirkung der Laute und der Rhythmen, in Bildern, 
die strahlten und von innerem Feuer glühten, da war es eine Sprache, 
wie sie vor ihm noch Niemand geschrieben und nach ihm nur einer, 



62 8 HERZFELD. 

der Italiener d*ADnunzio, eiue Sprache, die reich und abschattirt ist 
bis zum Gongorismus und ausgesucht und stimmungsgeschwängert bis 
zur Marivaux'schen Preciosität. 

IV. 

Bei aller gegenseitigen Werthschätzung bleibt doch eine innere 
Fremdheit zwischen Georg Brandes und J. P. Jacobsen. Näher sind 
die Beziehungen des berühmten ECritikers zum Norweger Henrik Ibsen. 
Ibsen ist selbst die Verkörperung des auflösenden kritischen Geistes, 
der uns bis zum Nihilismus und an den Rand der Weltverzweiflung 
geführt hat. In seinen älteren Stücken weht noch eine menschlich 
athembare Luft; sie sind auf dem Boden persönlichster Erfahrung 
gewachsen. Der Zweifel am eigenen Talente wird zu dramatischer 
Gestaltung ; eine ganze Reihe von Arbeiten dreht sich um das Problem 
von Wollen und Können. Die tiefste und ergreifendste vollendete 
Ibsen 1864: »Die Kronprätendenten«, mit Hakon, dem geborenen 
König, dem der Königswille ward und der Königsgedanke, und seinem 
Widerspiel Skule, der den Ehrgeiz hat, aber nicht den Glauben, den 
Arm, aber nicht die leitende Idee. Im einsamen Kampf gegen die 
Krüppelwelt wuchs in Ibsen das Gefühl der eigenen Kraft und das 
schneidende Weh der Isolation zu »Brand«, dem Hymnus und der 
Tragödie der grossen Persönlichkeit, mit der Lehre des Muthes zu sich 
selbst: »sei du, und du wirst wirken«. Daraus spann sich dann das 
Gegenstück vom kleinen Menschen, vom »Peer Gynt««, der »sich 
selbst genug ist«, der gar nicht wirken will, sondern gemessen und 
der sich in Phantasterei hüllt, um nicht sehen, nicht handeln, nicht 
leiden zu müssen. In »Peer Gynt« wollte Ibsen die zeitgenössischen 
Norweger conterfeien, seine lieben Landsleute, die jahrelang vom drei- 
einigen Brudervolk der Skandinaver gesprochen und gesungen hatten 
und 1864, als es zum Handeln kam, ihre dänischen Brüder im Stich 
gelassen. Kein eigener Erfolg tilgte in Ibsen's Blut von jetzt an mehr 
die hassende Liebe, die der Dichter für seine 2^it und sein Volk 
empfand. Es wuchsen in ihm immer stärker die puritanische, menschen- 
scheue Natur seiner Mutter und zugleich die glänzend satyrische Art 
seines Vaters. In einer Reihe von Gesellschaftschüderungen begann 
Ibsen seinen Feldzug gegen Phrase und Lüge, zum Zweck der »Revo- 
lutionirung des Menschengeistes«, um die Möglichkeit zu schaffen fUr 
das dritte Reich, auf das er hoffte, in dem hellenische Geistescultur 
und christliche Gemüthscultur zu einem Reich der Schönheit ver- 
schmelzen sollten. Da würde nicht Gesetz, noch Zwang mehr herrschen, 
sondern »Freiwilligkeit«, wie er sagte; der Staat war abgeschafft; es 
gab nur freie Vereinigungen, die kein anderes Band zusanmienschlang 
als das der Sjonpathie — des gleichen Denkens und gleichen Fühlens. 
Also eine Art Elysium, pikant gemacht durch Anarchie. Und Ibsen 
war naiv genug, die Zeit des »dritten Reiches« schon ganz nah zu 
glauben. Der Commune- Aufstand 1870/71 erfüllte ihn mit zitternder 
Erwartung; das Ende des Aufstandes zerstörte seinen Irrthum, nicht 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 629 

aber die Hoffnung. Die grosse Tragödie »Kaiser und Galiläer« beweist 
es. Im Uebrigen war Ibsen's Künstlerthätigkeit nun mehr als ein Jahr- 
zehnt Mauerbrecherarbeit. Er schrieb die Stücke, die ihm einen 
europäischen Namen gemacht, Tendenzstücke, pessimistische Darstellungen 
aus der Wirklichkeit, die in der idealen Forderung nach innerer Wahr- 
heit mündeten: den »Bund der Jugend«, der die liberale Phrase geisselte, 
die «Stützen der Gesellschaft«, in dem der Bourgeoisie ein wenig die 
Masken gelüftet werden, »Nora« mit der Ausdehnung des Rechtes und 
der Pflicht, eine Persönlichkeit zu sein, auch auf das Weib. »Lieben, 
Alles opfern — und vergessen werden«, dies war, wie Henrik Jaeger 
in seinem Ibsen-Buch betont, fiir Ibsen bisher der Inhalt, und ein 
genügender, schöner, poetischer Inhalt des Frauenlebens gewesen. Mill's 
»Hörigkeit der Frau« sei Ibsen nicht sympathisch gewesen, erzählt 
Brandes ; auch hätten die unschönen Ausschreitungen der Emancipation 
seinen vornehmen Sinn verletzt. Allein vielleicht war es der Druck 
der Ideen aus Dänemark, vielleicht war es eine Nachwirkung der 
Schriften Camilla Collett*s, der Verfasserin von »Die Tochter des Amt- 
mannes«, »Aus dem Lager der Stummen« etc., die Ibsen ausserordentlich 
hochhielt, was ihn nun zum Fürsprech der Frauensache gemacht. Er 
brauchte nur seine Hjördis ins Moderne umzudichten. Mit Lona Hassel 
(Stützen der Gesellschaft) trat zum erstenmal das selbstständigeWeib 
in Ibsen's Gestaltenkreis. Von ihr zu Nora war nur ein kleiner Schritt, 
doch ein verhängnissvoller. Es war ein Schritt, der ihn aus den 
Grenzen des Künstlerischen herausführte. Er wollte etwas lehren, und 
zwar an einem Ausnahmsfall, und dazu musste er der dichterischen 
Wahrheit Gewalt anthun. Denn Nora, die zierliche, naschhafte Kopen- 
hagnerin, die sie dem Temperament nach ist, die kokett ist bis zur 
Frivolität und gutherzig bis zum Leichtsinn und kindisch bis zur 
Dummheit, sie wird im Moment, wo Helmer sie im Stich lässt, vielleicht 
bestürzt sich fragen, warum sie ihren Mann um so viel mehr liebt als 
er sie, dass sie ihm jedes Opfer bringen kann und er ihr keines — 
denn von den Ideen eines Bankdirectors hat sie keine Ahnung — ja, 
ihre Liebe wird vielleicht sogar einen Stoss bekommen; war aber 
ernster Stoff in ihrem Gemüth, so hat sie schon vorher genug erlebt, 
um sich »auf sich zu besinnen«. Dann war aber das bittere Unrecht 
nicht so ersichtlich, das ein zärtlicher Vater imd ein zärtlicher Gatte 
an ihr begangen, indem es ihnen nicht einflel, ihre Sonderart zu 
entwickeln, wozu Väter meistens zu autoritär sind und Gatten nicht 
Zeit haben, noch Lust verspüren. Drum muss der Umschlag plötz- 
lich kommen. Die Kopenhagnerin, die nascht und kokettut und 
spielt, verwandelt sich plötzlich in eine Norwegerin, die denkt: dann 
aber ist sie schon eine Persönlichkeit für sich und braucht nicht mehr 
fortzugehen, um sich »auf sich zu besinnen«. Allein es handelte sich 
ja gerade um die »grande sc^ne«, für die das ganze Stück gemacht 
war. Diese Scene wurde das Vorbild für eine Menge häuslicher Scenen. 
Jede »denkende« Frau untersuchte nun die Grundlagen ihrer Ehe. 
Betrachtete ihr Mann sie auch als ein Wesen für sich, das ein Recht 



630 HERZFELD. 

hatte, vor Allem Mensch zu sem? Theüte er mit ihr seine geistigen 
Interessen? — die Helmer'schen hohen geistigen Interessen? Sonst war 
ihre Ehe keine echte Ehe. Denn von Liebe als Grundlage der echten 
Ehe wurde in der Frauenbewegung nicht mehr viel gesprochen — so 
wenig wie von den Kindern als Zweck der Ehe; jene war in der 
Emancipationssache ganz überflüssig, weil Liebe nichts von Forderungen 
weiss, und diese waren ihr sehr im Weg — ein Hemmniss für die 
vöUige Gleichheit der Geschlechter, die man a priori für gegeben hielt 
und nun zu gesetzlichem Rechte ausbüden wollte. So wurde »Nora« 
für die nordische Cultur mehr als eine Dichtung; es wurde eine 
Sammlung von Schlagwörtern und ein schlimmes Beispiel Was nun 
bei Ibsen folgt, ist ein immer tiefer dringender Abbau der festen 
Traditionen, bis der Boden unter uns hohl war und zum Einbruch 
fertig : »Die Gespenster«, »Der Volksfeind« und endlich »Die Wildente«, 
mit der Ibsen die ganze Geschichte aufgibt. Es war an unserer Welt 
nichts mehr zu ändern und zu bessern. Ibsen verhöhnt sich selbst in 
der Gestalt des Gregor Werle, der überall die ideale Forderung 
präsentirt. Von nun an begnügt er sich mit der Lehre von den kleinen 
Tugenden, wie sie an Menschen mit gestutzten Flügeln wachsen (siehe 
»Rosmersholm«, »Die Frau vom Meer« und »Klein-Eyolf«) und mit 
der Schilderung des Schiffbruchs innerlich hohler E3dstenzen, — einer 
Hedda Gabler, eines John Gabriel Borckmann — von allerlei Leuten, 
die höher steigen wollten, als sie bauen können. Eine lange, lange 
traurige Saga. Ibsen's eigene Saga. Wir haben Stück für Stück seine 
Dramen bewundert, doch sein Lebenswerk? Was bleibt davon? Der 
Respect vor dem rücksichtslosen Muth, der seine Probleme stellt, und vor 
der reinen Menschengesinnung, die mit der Welt nicht auf Accord gehen 
mag. Die Freude an einer genialen Technik, die mit der dramatischen 
Technik der Griechen dies gemeinsam hat, dass wir nur der Katastrophe 
beiwohnen ; den Knoten haben Charaktere und Verhältnisse vor Beginn 
des Stückes geschürzt; die Ibsen'sche Peripetie besteht in einer dialectischen 
Auseinanderwicklung der dramatischen Fäden. Und überdies der Genuss 
an einer Reihe überraschender Themen, an manchen schön geführten 
Acten und Scenen, an einigen wirklich gesehenen Figuren und an 
einem Dialog, der unvergleichlich geistreich charakterisirt. Aber leben 
wollen wir nicht mit ihm und seinen Werken. Seine eisige Luft macht 
Puls und Athem stocken. Seine Ideale sind zu abstract, seine Menschen meist 
construirt. Himgespinnste, die sich nicht von irdischer Nahrung nähren. 
Und seine so scharf geprägten glitzernden Worte sind Schaupfennige 
fUr grosse Kinder: die meisten von ihnen erweisen sich mit der Zeit 
als was sie sind, als unedles MetaU. 

(Fortsetzung folgt.) 



CHARLOTTE WOLTER. 

Von F. SCHIK (Wien). 

Während ihrer ftinüinddreissigjährigen Bühnenwirksamkeit am Burg- 
theater sind die Leistungen der Wolter erschöpfend gewürdigt worden. 
Um die Erinnerung an sie festzuhalten, liegt genügend Material vor. 
Nur nach einer Richtung erübrigt jetzt, Betrachtungen anzustellen: 
Welche Anregungen hat die Schauspielkunst von Charlotte Wolter er- 
halten und welche wirken noch über ihren Tod hinaus? War sie eine 
bahnbrechende, richtunggebende Schauspielerin? War sie ihrer Zeit 
voraus ? 

Das Publicum verdankt ihr wohl grosse Kunstgenüsse, die Schau- 
spielkunst hingegen kann nicht aus der Erinnerung an sie schöpfen. 
Die Wolter steht ausserhalb der Entwicklung der Schauspielkunst, sie 
ist kein Entwicklungsglied. Sie hatte selbst kein Gebiet mehr vor sich, 
auf dem sie ausschreiten konnte. Ihre Tragik lag nicht in der Richtung 
der neuen Kunst und verfiel oft in einen unverhältnissmässigen, in einen 
pathologischen Ernst Das allgemeine Niveau hat sich heute so gehoben, 
dass der Einzelne von den höchsten Dingen nicht mehr so weit entfernt 
ist wie früher. Das Wort von Unten wird Oben sofort gehört, 
und es bedarf nicht mehr des Aufschreies wie ehemals, um sich 
vernehmlich zu machen. Das Pathos reducirt sich auf ein Minimum. 
Die Revolutionen der Seele gebären heute ein ruhiges Wort, und unser 
Ohr hat sich so geschärft, dass wir heraushören, was hinter der Sprache 
liegt. Wir werden gestört und gelangweilt, wenn uns der Schauspieler 
mehr gibt, als wir brauchen. Wenn wir Stiche aus den Vierziger- und 
Fünfzigerjahren betrachten, so nehmen wir den Unterschied wahr, um 
wie viel beweglicher und ausdrucksfahiger die Mienen der heutigen 
Menschen sind. Das Wort musste damals mehr sagen als jetzt. Betonungen, 
Nuancen u. s. w. besorgt heute das Antlitz; das Wort kann fast gleich- 
massig fliessen. 

All dies gilt aber nicht nur für die Bühnenfiguren der modernen 
Literatur, sondern auch für die Classiker. Es gibt keine classische Spiel- 
weise an sich. Die Darstellung der Classiker regulirt sich immer vom 
letzten Entwicklimgsstadium der Schauspielkunst aus. Wir verstehen die 
Gedankenwelt der Römer und Griechen nur dann voll und ganz, wenn 
sie in die richtige Perspective für den Zeitblick gebracht wird. Um ein 
Kimstwerk so zu erfassen, wie es der Dichter erfasst hat, besitzt jede 
2^t andere Behelfe. Würden die Goethe'schen oder gar die Shakespeare- 
schen Stücke heute noch so gespielt werden, wie es diesen Dichtem zu 



632 SCHIK. 

ihrer Zeit entsprach, so würde uns das Verständniss dafür verlorengehen. 
Wir verlangen die Interpretation, die der Dichter verlangen würde, wenh 
er heute lebte. 

Gerade als die Wolter im Zenith ihrer Kunst stand, zeigten sich 
die Anfange einer neuen Kunst, die, im Gegensatz zu der individuellen 
Kunst der Wolter, aus der organischen Entwicklung der Menschheit 
herauswuchs. Dass die neue |Cunst in ihren Anfügen durch Anfanger 
vertreten war, die pfadfindend sich erst allmählich entwickelten, während 
die Wolter schon die höchste Entwicklung ihrer Kunst darbot, liess 
ihr zeitlebens einen Vorsprung. Sie wird jedoch überholt werden, d. h. 
die neue Kunst wird eine adäquate Vollendung erreichen. Schon die 
Wolter selbst, die fast mit Brutalität aufstrebende Talente niederzutreten 
bestrebt war und auch nur den Gedanken an eine Nachfolge nicht 
ertragen konnte, war ihre eigene schwächere Nachfolgerin geworden. 
Sie entfernte sich immer mehr wieder von der Stelle, von wo aas 
eine Weiterentwicklung ihrer Kunst durch frischeres Blut möglich ge- 
wesen wäre. 

Vom modernen Schauspieler verlangen wir, dass er die seinem 
Lebensalter entsprechenden Empfindungen und Seelenkämpfe in dem 
Rahmen der von ihm darzustellenden Rolle vor unseren Augen repro- 
ducire mit der Wirkung des unmittelbar Erlebten. Bleibt der Darsteller 
Jahrzehnte lang in ein und demselben Altersfach, so hemmt sein Bühnen- 
leben die Entfaltung seines Eigenlebens. Er hält sich künstlich auf dem 
Niveau seiner ehemaligen Jugend, kann aber nicht innerlich selbst mit- 
erleben die Veränderungen der neuen Generation. Er wird aus Furcht 
zu altem, alle seinem physischen Alter entsprechenden inneren Um- 
wandlungen hintanhalten, ganz und gar ausser Contact kommen mit 
der wirklichen Welt und nach allen Seiten hin den realen Boden ver- 
lieren. So ist es erklärlich, dass die Wolter weder jung bleiben^ noch 
alt werden konnte. Eine Zeitlang vermag der vollendete Künstler den 
Mangel an eigener Fortentwicklung zu verschleiern, und die classischen 
Werke haben so viel aufgespeicherte Jugend, dass auch eine überreife 
Darstellerin davon noch verjüngt wird. Nur bei seichten Stücken muss 
junges Blut von blühenden Wesen abgezapft werden. Aber aU dies hat 
seine Grenzen. 

Die Wolter hat überlebenslang unsere tragischen Gewohnheiten 
bestimmt, nun ist es naturgemäss, dass die jetzigen Tragödinnen sich 
weit werden von ihr entfernen müssen, wenn sie historische Gestalten 
so darstellen wollen, wie dieselben im Lichte der Jetztzeit erscheinen. 
Nichts wäre verfehlter, als die Leistungen der Wolter als Massstab an- 
zulegen an neue Trägerinnen classischer RoUen. Eine organische Nach- 
folge ist unmöglich. Seit zwei Decennien schon hätte neben der Wolter 
eine jüngere Kraft gepflanzt werden, und auch neben dieser inzwischen 
gewiss schon zur Reife gekommenen hätte schon wieder die jüngere 
Kraft wirken müssen. Drei Schauspielerinnen-Generationen hätten gleich-, 
zeitig dasselbe Feld zu bestellen gehabt Da aber das Zwischenglied 
fehlt, so darf und kann eine Tragödin jetzt nicht dort ansetzen, wo 



CHARLOTTE WOLTES;, 633 

• 

die Wolter längst «tehengeblieben war, sondern an dem fictiven Punkte, 
wo die nicht vorhandene unmittelbare Vorgäagerin heute stehen würde. 
Charlotte Wolter war, wie in ihrer besten Rolle , auch in der 
Kunst eine Naqhtwandlerin , die auf den ungangbarsten Wegen mit 
unheimlicher Sicherheit auftrat, der man lauschen konnte, was sie sprach, 
ohne dass sie sich selbst hörte und verstand, die aber, wenn sie den 
Ruf der fortschreitenden Zeit vernommen hätte, jäh abgestürzt wäre. 
Sie war eine Königin, wie Lady Macbeth, ohne Nachkommenschaft: 
nicht die Stammmutter eines neuen Kunstgeschlechtes. 



CARL WILHELM DIEFENBACH. 
Von Paul Wilhelm (Wien). 

Seit wenigen Tagen weilt Diefenbach wieder in Wien. Nach 
längerem Aufenthalte in £g3rpten kam der rastlose Mann — ein Ahasver 
seiner weltverbessemden Sehnsucht — wieder hieher zurück, um seinen 
mit Erbitterung gegen den Kunstverein geführten Kampf fortzusetzen. 

Eine eigenthümliche Beharrlichkeit, die etwas von der Art eines 
Michael Kohlhaas an sich hat, bei genauerer Prüfung aber nur die 
nothwendige Folge von Diefenbach's ganzem Wesen, seiner unbeugsamen, 
alle seine Ziele bis ans Aeusserste verfolgenden Persönlichkeit ist. 

Man mag über Diefenbach als Künstler und Mensch denken, wie 
man will, eines wird man nicht leugnen können, dass er eine unge- 
wöhnliche Erscheinung von seltenem Muthe und bewundemswerther 
Energie ist. 

Alle seine Handlungen, seine Emanationen, seien sie menschlicher 
oder künstlerischer Natur, basiren auf einer subjectiven Weltanschauung, 
die aus tiefen Erkenntnissen des Seins und des Seienden quillt und 
— allerdings in der schro£fsten Form — unseren gegenwärtigen Ver- 
hältnissen, unserer heutigen Gesellschaifl den Krieg erklärt. 

Was aber Diefenbach vom Phüosophen, dessen Namen man mit 
Achtung nennen müsste, von einem eigenartigen Künstler, dessen Schaffen 
eine Fülle reicher, selbstständiger Ideen umschliesst, zum verspotteten 
Narren, zum Schwindler und weiss Gott wozu noch stempelte, war 
ein Schritt, den er gethan, allerdings ein entscheidender — der Schritt 
vom Gedanken zur That, von der idealen Forderung zur realen Be- 
thätigung seiner Weltanschauung. Man zerlege sein Wesen, und man 
wird zu dem Resultate kommen, dass seine Ideen, seien sie noch so 
kühn und weitgehend, nicht einer tiefen philosophisch-ethischen Grund- 
lage entbehren. Unsere jüngste Zeit, die eine Befreiung von der be- 
lastenden, sich selbst verzehrenden Subjectivität des missverstandenen 
Begriffes vom »Ich« und seinen Ambitionen sucht, sie, die in der 
Rückkehr zu alten Culturen, der ästhetischen des Griechen- und der 
ethischen des Christenthums, eine verjüngte lebenskräftige Wiedergeburt 
der modernen Kunst erstrebt, wird Vieles in Diefenbach's Ideenwelt 
finden, das mit ihren Anschauungen und Erkenntnissen übereinstimmt 
Viele von unseren aus leisem, dämmerndem Empfinden emporkeimenden 
Sehnsuchten sind in diesem seltsamen Manne bereits zu lodernder Be- 
geisterung emporgeflammt und scheinen uns in ihm nur durch die Energie 
des Ausdruckes und ihre tiefinneren Consequenzen entfremdet und 
in die Ferne gerückt. Mit der Souveränetät des Selbstbewusstseins und 
dem Sendungseifer der meisten Künder neuer Ideen, welche die Grund- 



CARL WILHELM DIEFENBACH. 635 

vesten ihrer zeitgenössischen Weltanschauung zu erschüttern suchen, 
begann auch Diefenbach bald, sich als Apostel einer neuen Heilslehre 
zu fiihlen, die er mit der ganzen Zähigkeit, dem ganzen Starrsinn und 
der Unbeugsamkeit des im tiefinnersten Ueberzeugten, des sich sehend 
unter den Blinden Fühlenden verficht. 

Würde Diefenbach mit Bild und Schrift seinen Ideen Ausdruck 
verliehen haben, und wäre er als Mensch auf dem Niveau der heutigen 
Gesellschaft verblieben, hätte er »bescheiden« gestrebt, wie die meisten 
anderen Künstler — a n t i künstlerisch wie diese, nicht über sich selbst 
und die engen Grenzen seiner »Welt« hinaus kommend — man würde 
ihn als Künstler geschätzt, als Denker bewundert haben, man hätte 
ihm einen Platz angewiesen neben manchen Anderen, die unserer Kunst 
neue Pforten eröffnet, ihr neue Perspectiven über unseren engen Horizont 
hinaus erschlossen haben. 

Diefenbach aber wagte es, nicht beim Worte zu verweilen, er 
identificirte sich mit seinen Anschauungen, er legte andere Kleider 
an, ging ohne Kopfbedeckung, nährte sich bloss von Früchten und 
streifte auch sonst Alles das ab, was er in unserer Gesellschaftsordnung 
für faul und imhaltbar empfand. 

Es ist typisch für unsere Zeit, dass diese Handlungsweise, zu der 
eigentlich jeder Commis voyageur ebenso berechtigt wäre wie ein zu den 
Zielen höherer Entwicklungen schreitender Künstlermensch, genUgte, 
um den gewiss interessanten und beachtenswerthen Mann zum Narren 
zu stempeln, ja selbst ihn der erbitterten Verfolgung seitens der Be- 
hörden und aller Philister- und Dutzendköpfe, die leider die erdrückende 
Majorität bilden, auszusetzen. 

Leider vermag aber auch ein grosser Theil der sogenannten 
»Intelligenten« nicht über die kleinlichsten Vorurtheile hinweg einem weit- 
schweifenden Künstlergeiste auf seinem Pfade zu folgen. 

Das ist der unheilbare Krebs, der jede Entwicklung hemmt, die 
erbliche Belastung mit dem Bedürfniss nach Ruhe, nach Verweilen im 
Gegenwärtigen, die tödlich auf die Kunst und ihre Bestrebungen wirkt. 
Sie ist der Erbfeind in uns, das schleichende Gift, das die geistige 
Gesundheit des Organismus Mensch untergräbt. Die Vorurtheile der 
Menge sind die Maulwürfe, die den Boden, den wir bebauen wollen, 
unterwühlen. Sie blinzeln nur zum Licht auf, das sie hassen, weil sie 
es nicht zu ertragen vermögen. Kein Dichter hat dies in unserer Zeit 
so tief erfasst und begriffen, keiner so erlösende Worte dafür gefunden, 
als Peter Altenberg: 

»Wer sich als Fertigen^ Endgiltigen, Entwicklungs- 
endproduct, als Unbeweglichen, Beständigen, Defini- 
tiven fühlt, weiss, erkennt, ist Heide! 

Wer sich als Vorläufigen, Unbeständigen, sich Weg- 
bewegenden, sich von sich selbst Wegbewegenden fühlt, 
weiss, erkennt, ist Christ! I 

Das Reich, das da kommen wird ! Die Wiedergeburt ! ! Wehe den 
Verharrenden ! I 

48* 



636 WILHELM. 

In Geburtswehen ringt die Menschheit nach Auferstehung vom 
Thiermenschen zum Christusmenschen. Das ist ihre heilige 
Bewegung!« 

Und ein solcher sich Bewegender ist Diefenbach, darum muss 
man ihn als künstlerische Erscheinung lieben und schätsen. Mag man 
Manches seiner Anschauungen als Lrrthum erkennen, oder mag man 
sich rückhaltlos fUr dieselben begeistern, er bleibt als Künstler und 
Mensch ein Ringender, ein Suchender, ein sich rastlos von 
seinem »Ich« Fortbewegender! 

Darum habe ich ihn in diesen Blättern gewürdigt, darum empfinde 
ich seine Lebensschicksale nicht mit dem engherzigen Gefiihl des per- 
sönlichen Mitleides, sondern mit schmerzlicher Erkenntnis als eine traurige 
Erscheinung unserer Zeit, die unbedingt zu verurtheilen, zu verdammen ist. 

Die tiefe und erschütternde Nothlage Diefenbach's veranlasste mich, 
eine Schilderung seines Wesens und seiner Persönlichkeit zu 
geben — ich halte mich darum mit Absicht von einer kunstkritischen 
Beleuchtung seiner Schöpfungen ferne. 

Mögen seine Bilder nun mit Oel oder Wasserfarben gemalt sem, 
mag man ihn als Coloristen schätzen oder als Zeichner, das ist in dem 
Augenblicke, da dem Künstler alle Möglichkeit zu künstlerischer Be- 
thätigung fehlt, sehr gleichgiltig. 

Wir wenden die Aufmerksamkeit daher dem Unrechte zu, das 
Diefenbach in Wien erfahren und das er mit unumstösslicher Beweis- 
kraft in seinen zwei Bänden »Ein Beitr^ zur Geschichte der zeit- 
genössischen Kunstpflege« erwiesen hat. Die Tagesblätter haben keine 
Notiz davon genommen, während uns die Zwistigkeiten zwischen der 
Secession und der Künstlergenossenschaft fortgesetzt in allen uninter- 
essanten Phasen berichtet werden! 

Ein Künstler wie Diefenbach aber, der durch die famose Ge- 
schäftsführung des Kunstvereins an den Bettelstab gebracht wurde, ist 
eben eine ganz uninteressante — sicher aber eine das Gewissen der 
sogenannten Kunstfreunde nicht sehr beruhigende Erscheinung! 

Eine gerichtliche Klärung dieser Angelegenheit wäre — so wenig 
sie von den hiesigen Behörden zu erhoffen ist — nur dringend zu 
wünschen. Bis dahin aber gebe man dem Künstler sein heiligstes 
Recht — die Möglichkeit, zu schaffen ! Dutzende von Villen stehen den 
ganzen Sommer über leer und unbewohnt. Ein einziger hoher, heller 
Raum würde als Atelier für den Künstler genügen, ihm die Arbeit er- 
möglichen. Vielleicht findet sich unter den Glücklichen, die sich leer- 
stehende Villen vergönnen können, ein echter Kunstfreund! Dann käme 
endlich über den geistig rastlosen, aber körperlich fast zu Tode ge- 
hetzten Künstler für einige Monate jene nothwendige Ruhe, die 
er zu neuem Schaffen ersehnt. Wir wünschen nur eines ehrlich, dass 
Diefenbach endlich von seinen persönlichen Kämpfen befreit und seinem 
künstlerischen Schaffen wiedergegeben werde. Man zolle ihm endlich 
als Künstler und Mensch — Gerechtigkeit! 



NOTIZEN. 



Willy Pastor, »Waaa«. Ver- 
lag kreisende Ringe. T^ipzig 1897 
(Max Spohr). 

Ein seltsames und starkes Buch, 
das mit tiefen, schmerzlichen Lauten, 
die sich manchmal halbzerrissen 
von der Seele lösen, ins Leben 
herausgeschleudert ist, das sich 
stolz und friedlich aus der Fremde, 
aus ferner Zukunft zu uns wendet. 
Mag man den Hypnotismus als 
Wissenschaft oder als Humbug, 
mit kühler Abwehr oder suchen- 
dem Drängen gegenüberstehen. 
Niemand kann Pastor's Buch aus 
der Hand legen ohne das Gefühl: 
hier hat ein Mann gesprochen, der 
seinen Stoff mit der ganzen Macht 
seines Fühlens, mit der ganzen 
Kraft seines Denkens erfasst und 
behandelt hat. 

Künstler und Psychopath reichen 
sich die Hand und schaffen an 
dem Werke. Mit grausamer Con- 
sequenz secirt der Autor sein 
Opfer, und wenn er zuletzt mit 
dem zuckenden, verwüsteten Hirne 
dasteht, wir zu ihm emporschauem 
und fragen : Was willst du ? sollen 
wir glauben ? — wohin ? leite uns ! 
— da stösst er den letzten, grau- 
samen Rest von sich und starrt 
mit grossen, sinnenden Augen, über 
die Sturmfluth hin, die seinen 
Helden zerschmettert hat, als sehe 
er ferne am Horizont ein Morgen- 
roth. Ein grrosses prophetisches 
»Wartet« tönt aus dem Buche und 
erfasst uns mit seltsamem Verlangen. 



Doch wir sind Kinder unserer 
Väter, unsere Gegenwart gehört 
noch der Vergangenheit. Mit Mühe 
und Noth haben wir das meta- 
physische Netz gesprengt, wir 
schaudern vor neuen Maschen — 
aber wir schaudern, ohne zu prü- 
fen, und wir verwerfen, ohne zu 
begreifen. Noch ist uns der heiss- 
ersehnte Heinrich Hardanger und 
sein Kreis Geheimniss — nochgrüsst 
uns in »Wana« eine fremde Welt: 
wir tappen herein, wir stehen 
drin, wir starren, wir horchen, 
wir gruseln und sind gefangen — 
aber, aber — kaum schweigt der 
Rattenfänger, so ziehen wir rasch 
die Röcke über die Köpfe, stopfen 
die Finger in die Ohren, und flugs 
flattern wir hinaus in die Sonne, 
in das Licht, in das Leben. 

Wien, E, KoUanyu 

JOH. Dahlmann, Briefe 
eines jungen Deutschen an 
eine Jüdin. Verein fiir deut- 
sches Schriftthum. Berlin 1897. 

Herr Dahlmann hatte das gToss(5 
Unglück, in seinen Entwicklungs- 
jahren den Nietzsche, vornehmlich 
Zarathustra, der jungen, unreifen 
Leuten von Staatswegen verboten 
werden sollte, in die Hand zu be- 
kommen. Dieser Umstand und der 
Rausch der modernen Bewegung, 
der in die herkömmlichsten Ge- 
danken und banalsten Gefähle 
Individualität und Geheimniss zau- 
bert, hat den Mann verführt, ein 
Buch zu schreiben. Man wäre ver- 



638 



NOTIZEN. 



pflichtet derartige Erzeugnisse mit 
einem schroffen Worte abzuthun, 
statt den Autor langsam am 
Messer der Kritik verbluten zu 
lassen. Aber man beklage Herrn 
Dahlmann — verwerfe ihn nicht. 
Er ist ein Opfer seiner Zeit. 

Mich wenigstens hat der junge 
Herr gerührt mit seinem ehrlichen 
Willen zum Talent, zum Schaffen. 
Was er jemals von Nationalismus, 
Moderne, Hauptmann, Bismarck, 
Shakespeare, Juden — alles kunter- 
bunt durcheinander gehört — das 
wird geleimt, gestampft und in dem 
Kessel einer heissen Leidenschaft 
— sie natürlich Bestie — ganz 
Fleisch, — er Uebermensch — und 
ganz Seele, höchst ergötzlich wie- 
der auseinandergesprengt. 

Wollte man ganz boshaft sein, 
so könnte man den Autor mit sei- 
nen eigenen Worten zerschmettern: 

»Ich bin einmal keine Schrift- 
stellematur, ich hätte, glaube ich, 
besser gethan, wenn ich Pferde- 
knecht geworden wäre als Dichter . . . 
ich habe meinen Beruf verfehlt.« 

Bravo, Herr Dahlmann, dass 
unterschreibe ich. 

Wien* E. Kotanyi. 

W. M. Hunt, Kurze Ge- 
spräche über Kunst. Auto- 
risirte Uebersetzung von A. D. J. 
Schubart, Strassburg. J. H. Ed. 
Heitz (Heitz und Mündel) 1897. 

Kein Geringerer als Josef 
Israels, einer der Hauptbegründer 
des Impressionismus, hat in der 
Vorrede zu Hunt's » Gesprächen < 
über den Amerikaner geschrieben; 
»er sti einer der geschicktesten, 
genialsten Künstler der jungen 
amerikanischen Malerschule ge- 
wesen.« Was Hunt, der Schüler 
Thomas Coutures und Frangois 
Millets, als ausübender Künstler 



geleistet hat, seine Arbeiten^ »die 
Corots Zartheit, Troyonts breite 
Art mit Rosseaus Scharfsinn vereini- 
gen«, das soll hier unerörtert bleiben. 
Aber nicht Lob genug kann den 
Weisungen gezollt werden, die er 
im Atelier seinen Jüngern gab; wir 
verdanken die Ueberlieferung der- 
selben und gleichzeitig damit das 
vorliegende, überaus anregende 
Buch einer seiner Schülerinnen, 
die mitschrieb, was der abgöttisch 
verehrte Lehrer sagte. So sind 
Hunt's »Talks on Art« keine 
trockene Aesthetik, sondern Aper- 
gus, die den frischen Eindruck der 
Unmittelbarkeit athmen. Man kann 
das Euch aufschlagen, wo man will, 
überall findet man Anregung, Geist, 
haarscharf treffendes Urtheü. Worte, 
wie: »Die Gegensätze der Farben 
sind die Gnmdlage des Bildes«, 
»Der Maler muss drei Menschen 
aus sich machen: einen, der vor- 
wärts strebt, einen, der sorgiMtig, 
und einen, der kritisch ist«, »Machen 
Sie Ihre Zeichnung nicht zu leicht 
verständlich; es kommt nicht darauf 
an, ob die Leute Sie verstehen, man 
muss der Phantasie etwas übrig 
lassen«, »Ueberlegenheit zeigen, ist 
mir ein Greuel«, »Die erste Bedin- 
gung, Kunst zu entwickeln, ist nicht 
nachahmen und nicht an Andre 
denken«, »Man darf nicht lauter 
Haches, sondern auch ehrliche 
Beefsteaks machen«, und tausend 
andere mehr verrathen, welch ori- 
gineller, bescheidener und kluger 
Lehrer dieser grosse Künstler ge- 
wesen ist. Man findet Israel's 
Mittheilung, dass die Maler so 
viel Redegewandtheit, so viel 
fein überlegtes künstlerisches Em- 
pfinden bewunderten, als Herr 
Wisseling das Werk aus London 
nach Haag brachte, man findet 



NOTIZEN. 



659 



diese Mittheilung nicht erstaunlich, 
obwohl gerade Maler sonst voiv 
Büchern über Kunst gewöhnlich 
doch nichts wissen wollen, sie nicht 
ansehen und es lächerlich finden, 
Werke über etwas zu schreiben, 
was allein durch Anschauung 
empfunden und begriffen werden 

kann . . . Alfred Neumann, 

Gespenster der Erinne- 
rung. Von Ottilie Siebenlist. 
Zürich und Leipzig. Verlag von 
»Stem's literarischem Bulletin der 
Schweiz«, 1897. 

Fräulein Siebenlist, die bisher 
zahlreiche Proben ihrer hervor- 
ragenden lyrischen Begabung ge- 
liefert, offenbart uns in den »Ge- 
spenstern der Erinnerung« eine 
neue Seite ihres Könnens. Wir 
blättern in einer Sammlung kleiner, 
scheinbar flüchtig hingeworfener 
novellistischer Skizzen, die trotz 
ihrer schlichten, bescheidenen Ge- 
wandung einen ernsten, tiefinner- 
lichen Eindruck machen. Gleich 
einem rothen Faden durchziehen 
die »Gespenster der Erinnerung« 
die Geschicke der handelnden Per- 
sonen. Mit der feinen psychologi- 
schen Gabe, die der Verfasserin 
eigen ist, versteht sie es, uns 
gleich in die waltenden Ereignisse 
einzuführen. Wir stehen mitten in 
der Handlung; wir verfolgen ihre 
Entstehung, Entwicklung und Lö- 
sung. Schmerzgeprüfte, leidende 
Naturen, wahre Kinder unserer 
kranken, schicksalsschwangeren Zeit, 
lernen wir kennen. Arme, unglück- 
liche Menschen sind es. Urplötz- 
lich kommen die bösen Schatten 
der Erinnerung über sie; gleich 
Tagedieben schleichen sich die 
finsteren Gespenster in die fried- 
liche Ruhe eines vereinzelten, sorg- 
losen Augenblickes. Da leben die 



** wunden Momente der Vergangen- 
heit wieder auf, das zerstörte 
Glück und die alten, gekreuzten 
Wünsche. Es sind Rachegöttinen, 
die sich an die Sohle des Un- 
glücklichen heften, seine Wege ver- 
folgen, sein Schicksal bestimmen. 
Die »Gespenster der Erinnerung« 
sind ein Buch von der reinen und 
schuldbewussten, der glücklosen, 
zerstörten und unerwiderten Liebe. 
Wir blicken in die Psyche iles 
leidenden, liebenden Weibes; sein 
Innenleben wird uns kund, sein 
Schicksal weckt unser Mitgefühl. 
Die Novellen: »Verfrühtes Bekennt- 
niss« und »Gespenster der Erinne- 
rung« möcht* ich als die schönsten 
der Sammlung bezeichnen. Das 
echte dramatische Leben, die Pla- 
stik der Darstellung, der feine, vor- 
nehme Styl, dem es in* seiner 
Schlichtheit keineswegs an poeti- 
scher Wärme und Verve gebricht, 
verheissen ein Talent, dessen Ent- 
wicklung wir mit aufrichtigem Inter- 
esse entgegensehen. —ig. 

Verirrte Vögel. Skizzen 

von PerHallström. Autorisirte 
Uebersetzung aus dem Schwedi- 
schen von Francis Maro. Verlag 
von Eduard Moos. Zürich, Erfurt, 
Leipzig. 1897. % 

Per Hallström schildert uns in 
seinen Skizzen jene Existenzen, 
welche theils durch eigene Schuld, 
theils durch die Härte ihres un- 
verdient schweren Schicksals zag- 
haft, ängstlich, verschüchtert im 
Leben stehen — verirrte Vögel . . . 
Die Zeichnung der Charaktere ist 
wie bei den meisten nordischen 
SchriftsteUem von ausserordent* 
lieber Feinheit: ob uns Hallström 
den heruntergekommenen Arbeiter 
darstellt» dem der nagende Hunger 
den lettten Rest von Stolz ge» 



640 



NOTIZEN. 



raubt, und der gezwungen ist, mit 
Betteln sein verpfuschtes Leben hin 
zu fristen (»Am Kreuzweg«), ob er 
uns ein verträumt - weltfremdes 
Mädchen zeichnet, eine zartbe- 
saitete Seele mit poetischem, tiefem 
Empfinden, eine Seele, die nicht 
in diese nüchterne Wirklichkeit 
gehört (»Aus dem Dunkel«), ob 
der Dichter überhaupt ernste oder 
satyrische Töne anschlägt — immer 
fühlt sich der Leser von der 
packenden Wahrheit, den psycho- 
logischen Feinheiten, dem an- 
ziehenden Zauber dieses schönen 
Buches ergriffen. Francis Maro hat 
sich mit der Uebersetzung der 
»Verirrten Vögel« ein literarisches 
Verdienst erworben; solche Bü- 
cher sollen übertragen werden. . . 

Carl Marius. 

Gestalten des Glaubens. 

Culturgeschichtliches und Philo- 
sophisches. Von Adalbert Svo- 
boda. Leipzig. C. G. Naumann. 
1897. 

Hätte auch jeder wahrhaft Ge- 
bildete das ernste Verlangen, sich 
über wichtige Fragen des Lebens 
ein eigenes Urtheil zu bilden, so 
wäre dies bei der Mühe und der 
Schwierigkeit des Quellenstudiums 
doch nur der kleinen Zahl der 
eigentlichen Fachgelehrten wirklich 
möglich, gäbe es nicht Werke, 
welche den Laien dessen Ergeb- 
nisse so klar, allgemein verständ- 
lich und anziehend vortragen, dass 
ihre Leetüre fUr den Leser nicht 



nur einen bleibenden Nutzen, 
sondern auch ein gesteigertes Inter- 
esse gewinnt. Zu den besten der- 
artigen Vermittlungswerken zwi- 
schen den reichen Schätzen der 
Wissenschaft und den Bedürf- 
nissen des nicht wissenschaftUch 
Geschulten gehört auch das vor- 
liegende Buch, welches dem Leser 
alles zur Beantwortung der Frage 
einschlägige Material darbieten 
will : War und ist es für den Ein- 
zehien und für ganze Völker nütz- 
licher und glückbringender, halt- 
losen Phantasieschöpfungen nachzu- 
jagen und an herzlose Wahngebilde 
unermessliche Opfer an Gut und 
Blut zu verschwenden oder den 
idealen Lebenszielen der Sittlich- 
keit und Bildung, der Kunst und 
culturstaatlichen Politik eifrig nach- 
zustreben ? Wer das glänzend, leicht- 
fasslich und mit souveräner Be- 
herrschung des weitschichtigen 
Stoffes geschriebene Buch Svoboda's 
gelesen hat, für den kann die Ant- 
wort nicht zweifelhaft sein. Ver- 
breitertes und vertieftes Wissen, 
auf Verbesserung der Existenz- 
bedingungen gerichtete Arbeit und 
selbstlose, werkthätige Nächsten- 
liebe waren stets die mächtigsten 
Förderungsmittel eines vernünftigen, 
gesunden Culturfortschrittes I Möch- 
ten darum die Gestalten des 
Glaubens nicht nur viele Leser, 
sondern mehr noch begeisterte An- 
hänger finden. Dr. A. 



Heraiitg«bar und TerantwortUcher Redacteur: Rudolf Stranss. 
Ch. Rdaser & M. Werthaer, Wka. 



^yyiener {{undschau. 



15. J U L I 1897. 



EINE SELTENE BEGEGNUNG. 
Von Heinrich Ernst Kromer (Constanz). 

Es dämmerte schon schwer, und gerade flammten die Bogen- 
latemen auf, alle auf einen Schlag, als ich einsam durch eine Vorstadt 
nach Hause wanderte, müde von einem weiten Spaziergang und voll 
Sehnsucht, auszuruhen. Da trat an einer Strassenecke ein vornehmer 
Herr auf mich zu und fragte mich nach dem Weg zum Hotel »Kaiser- 
hof«. Weil ich selber in jener Richtung zu gehen hatte, lud ich ihn 
ein, mich zu begleiten, und in der kurzen Viertelstunde, die wir neben 
einander hergingen, lernte ich ihn als einen weitgereisten, weltgewandten 
Mann kennen, ohne indess, dass er dies irgend absichtlich zur Schau 
trug. Am »Kaiserhof« angekommen, verabschiedete er sich und übergab 
mir unter höflichem Dank seine Karte mit der freundlichen Einladung 
zugleich, ihn bei Gelegenheit zu besuchen, er halte sich — sagte er — 
in Familiensachen einige Tage hier auf. Ich überreichte ihm gleichfalls 
meine Karte, sagte ihm einige verbindliche Worte und empfahl mich. 
Statt indess heimzugehen, besuchte ich noch Ein Kaffeehaus nach dem 
andern in einer seltsamen Unruhe, die mich plötzlich befallen und 
deren Ursache ich mir nicht erklären konnte, und kam schliesslich erst 
gegen Mittemacht heim, mit ödem Him und unzufrieden mit dem 
Tage. Beim Schlafengehen flel mir mit einemmal der fremde Herr 
wieder ein, und eine thörichte Neugier trieb mich, seine Karte zu lesen. 
Warum nur? Was ging mich ein gleichgiltiger Fremder an? Aber ich 
suchte sie hervor und sah nach dem Namen: 

Dr. Ahasver, genannt der ewige Jude. 

Ich wurde ärgerlich; denn zweifellos hatte ich's mit einem 
Schwindler zu thun, der mich für meine Gefälligkeit noch foppen wollte : 
wenn aber nicht, dann mit einem Verrückten. Doch unterdrückte ich 
schnell meinen Unwillen, um mir wenigstens nicht den Schlaf dadurch 
zu verderben, und legte mich nieder mit abgestelltem Denken; allein 

49 



642 KROMER. 

die Maschine kam plötzlich wieder in Gang, ohne dass ich's verhinden» 
konnte, und begann zu surren und zu arbeiten wie ein ganzer Fabriks- 
saal, so dass ich gerne dem schrecklichen Getöse entronnen wäre, hätte 
ich's nur vermocht- Weil ich aber wusste, dass uns in liegender Stellung, 
insonders Nachts, die Gedanken oft zahlreicher anfallen als beinv 
Gehen, erhob ich mich und lief im Zimmer auf und ab, ohne Erfolg 
jedoch; denn der Name Ahasver hatte in mir Stürme und Erregungen 
aufgerufen, die mich Jahrhunderte und Völkerschicksale in Minuten 
durchleben Hessen und mir jene grosse, menschliche, hoffnungsvolle 
Stimmung gaben, in der uns nichts mehr undenkbar noch unmöglich 
und das Leben einen Werth nur zu haben scheint, wenn es das Höchste 
wagt und vollbringt und an immer höhere Menschenmöglichkeiten 
glauben lernt: Empfindungen, die mir eine Begegnung selbst mit dem 
ewigen Wandrer Ahasver noch denkbar, Zweifelsucht aber und Ver- 
neinung und unschöpferisches Nörgeln zur Sünde der Menschheit 
machten. 

Ich verbrachte die Nacht ohne Schlaf und fand Ruhe nur einige 
Stunden in den wachsenden Tag hinein; aber keine Erholung folgte 
ihr, und ich büsste die gefühlten Erlebnisse mit bleischwerer Erschöpftheit. 
Ja, als ich gegen Mittag nach dem »Kaiserhof« ging, um Ahasver zu 
besuchen, geschah es nicht so sehr mit Drang und Willen, als nur um 
die mächtigen Empfindungen der vergangenen Nacht nicht ganz zu 
verleumden. 

Ahasver erkannte mich gleich beim Eintreten wieder, kam auf 
mich zu und lud mich zum Frühstücke ein, freundlich und mit ein- 
facher Natürlichkeit, so dass meine Meinung von ihm als einem 
Schwindler oder Verrückten sogleich wich. Der Kellner brachte eine 
Flasche Rheinwein und einige leichte Gerichte; und ungezwungen kam 
dabei ein Gespräch in Fluss. Zum Voraus aber die Bemerkung, dass 
ich meine Erwartung, die ich vorher künstlich noch etwas hoch- 
geschroben, ein wenig getäuscht sah. Das war durchaus kein uralter,, 
verwitterter Jude, noch begann er sogleich, wie ich in meiner Seele 
eigentlich gehofft, über Philosophie und ungelöste Welträthsel zu sprechen. 
Ein etwa fUnfunddreissigjähriger Weltmann sass da vor mir, der leichthin 
über die alltäglichsten Dinge plauderte, über den Strassenverkehr ia 
unserer Stadt, so weit er die seit seinem kurzen Aufenthalte kannte,, 
über den Reichstag und seine neuesten Verhandlungen, über Russen 
und Franzosen und ähnliche Dinge mehr, die er indess alle rasch ab^ 
that — wie mir dünkte, als ziemlich unbedeutend. Dabei verwirrte 
mich immer das feine Lächeln, das jeweils um seine Lippen lief, so- 
oft ich ihn mit »Herr Doctor« ansprach, und endlich bat er mich^ 
diesen Titel nimmer zu brauchen, da er ihn nicht besässe, noch über- 
haupt einen andern, ausser dem des ewigen Juden, den ihm auch nur 
die Deutschen in ihrer Titelsucht aufgehängt hätten. Er bediene sich 
solcher zwar, doch nur, um Andern den Umgang mit ihm zu erleichtem 
oder gar zu ermöglichen, weil die oft den Menschen nur noch in seinem 
Titel gelten Hessen. »Und« — setzte er hinzu — »verzeihen Sie, dass. 



EINE SELTENE BEGEGNUNG. 643 

ich Sie gestern Abend auch daraufhin anschaute ; da ich Sie jetzt aber 
als Menschen erkenne, bitte ich Sie, auch mich als solchen zu behandeln 
und jeden Titel, auch den des ewigen Juden zu vermeiden.« 

»Geml« erwiderte ich. »Aber Sie sind doch — der ewige Jude?« 

»Ahasver — meinen Sie? Ja gewiss!« 

»Und nicht Jude?« fragte ich. 

»Dazu, wie gesagt, haben mich erst die Deutschen gemacht.« 

»Warum wollen Sie denn nicht Jude sein ? Fürchten Sie sich vor 
den Antisemiten? Oder sind Sie gar selber einer?« 

»Nicht im Geringsten, mein Herr. Sehn Sie mich doch nur an, 
ob ich Grund habe, den Juden in mir zu verleugnen!« 

»Sie haben,« meinte ich, »viele Züge eines Griechen; Kinn und 
Backenknochen aber wollen mir eines Römers scheinen.« 

»Meine Ahnen waren Griechen ; erst meine Mutter brachte römi- 
sches Blut in unser Geschlecht.« 

»Allein — Ihr Name, mein Herr? Ist der nicht — ?« 

»Den hat mir die Sage gegeben; und weil sie mich für einen 

Juden ausgab und meinen richtigen Namen nicht kannte, taufte sie 

mich jüdbch. Schliesslich gewöhnte ich mich daran und behielt den 

Namen.« 

»Sie waren aber bei der Kreuzigung Christi zugegen?« 

»Nicht doch, mein Herr. Nur auf seinem Kreuzweg habe ich den 

Nazarener gesehen. Ich kam gerade von einem Bacchanal, da begegnete 

mir der Zug.« 

»Und da verweigerten Sie dem Heiland die Ruhe, um die er Sie 
bat? Er wollte sich doch auf die Bank vor Ihrem Hause setzen?« 

»Das ist Legende. Der Nazarener sprach mich an, allein bevor 
ich antworten konnte, musste ich mich abwenden, da ich sein leidendes 
Gesicht und seine todessüchtigen Mienen nicht ertragen konnte.« 

»Sah er sehr leidend aus?« 

»Ich hatte nie Aehnliches gesehn. Drum war mir*s so ungewöhnt 
und erschütterte mich so, dass ich fürchtete, sein Anhänger werden zu 
müssen aus Schmerz und Mitleid mit ihm und aus Zorn und Rache 
gegen seine Peiniger.« 

»Warum wollten Sie das nicht? Wäre es Ihnen denn so schwer 
gefallen ?« 

»Können Sie in einem Augenblick einen Tempel auf den Grund 
niederreissen und im selben Augenblick wieder anders aufbauen? Dnzu 
hat sich selbst euer Heüand drei Tage auserbeten.« 

»Aber viele Andere traten doch auch über?« 

Ahasver zuckte die Achseln. »Die waren,« sagte er, »wohl seit 
Langem schon dazu vorgeartet und erfüllten nur ihre Bestimmung. Was 
aber sagten Sie dazu, wenn ich von Ihnen verlangte, aus einem 
Künstler und freien Menschen ein Bureausasse oder eine Beamten- 
nummer zu werden, und das mit Leib und Seele, mein Herr, wie ich 
auch Alles immer mit Leib und Seele war?« 

49* 



644 KROMER. 

Da ich schwieg und nichts einzuwenden wusste, fuhr er fort: 

»Eine Ahne von mir soll den Alkibiades geliebt und einen Sohn 
mit ihm gehabt haben. Und eine Ader von diesem Mann hat immfer 
in mir geschlagen. Nach einem Leben voll Reichthum, Pracht und 
Kunst, voll Schaffens- und Genussfreude hätte ich nun mit eins ein 
Entsager und Dulder werden und unter lauter dürftigen Menschen 
verkehren sollen? Das verlangten damals nur Wenige im Staate; und 
gegen diese stand die Polizei . . .« 

»Sie wandten sich also weg, und darauf verfluchte Sie der Heiland, 
wie ^ie Sage berichtet.« 

»Ja, er verfluchte mich!« 

»Nie zu sterben und ewig auf Erden zu wandern?« 

»Ewig zu wandern, jal« 

»Hat sich der Fluch erfüllt?« 

»Wie Sie sehen, mein Herr; glücklicherweise I« 

»Fühlten Sie den Fluch sogleich wirken?« 

»Ich glaube, jal« 

»Und wie denn?« 

»Ich empfand eine seltsame Stärkung und ein Wohlgefühl, wie 
es nur der kennt, der nach schweren Schicksalsschlägen sich stolz 
wieder erhebt mit dem Bewusstsein, nun erst recht weiterzuleben und 
nicht zu unterliegen.« 

»Also nicht Angst, nicht Schrecken, noch die furchtbare Aussiebt 
auf ewige Qual?« 

»Ganz das Gegentheil!» 

Erstaunt über das Vernommene und voll Bewunderung dieses 
Mannes schwieg ich einige Zeit; dann trieb mich wieder die Wiss- 
begierde, und ich fragte weiter: 

»Sie sagten vorhin, der Fluch habe sich erfüllt, und fügten hinzu : 
glücklicherweise !« 

»Nun ja, ich sagte Ihnen doch, wie das Wort des Nazareners auf 
mich wirkte: Beglückend — möchte ich sagen — im höchsten Sinne 
des Wortes. Nun war mir mit einemmale die Aussicht und die Mög- 
lichkeit gegeben, alles noch ungesehene Menschenthum, alles noch un- 
gesehene Menschenthun zu sehen, zu erleben, mitzuempfinden, mitzu- 
thun ! War das nicht ein Glück ? Nicht das Leben selber ? Oder was 
verstehen Sie denn anders unter Leben?« 

»Was sollte dann also der Fluch? Der Heiland wollte Sie doch 
strafen, wenn ich recht verstehe.« 

»Die Sage sagt es, und die könnte es wissen,« entgegnete Ahasver 
mit feinem Lächeln. »Für den Nazarener, dem das Leben eine Last, 
der Tod eine Lust, eine Erlösung, der Eingang in die ewige Seligkeit 
war, musste das ewige Leben auf dieser Erde, wozu er mich verfluchte, 
die schrecklichste Qual, die schwerste Strafe bedeuten. Mir aber, der 
das Leben immer liebte, musste seine Ewigsprechung das Glück selber 
sein und die Erfüllung meiner tiefsten Wünsche und geheimsten Hoff- 
nungen.« 



EINE SELTENE BEGEGNUNG. 645 

»So hätte also der Heilacd mit Ihrer VerfluchuDg zu ewigem Leben 
nur Gutes geschaffen?« 

»Für mich gewiss I Freilich auf dem Weg der Selbsttäuschung und 
ohne es im letzten Grunde zu wollen. Darin gleicht er — gleichfalls 
wider Willen — einem andern Geiste — « 

»Ich verstehe Sie ... « 

»Doch muss ich ihm gerecht werden und gestehen : er hat immer 
nur das Gute gewollt.«« 

Und dabei lächelte Ahasver. 

»Eine Frage noch: Dürfen Sie auch heiraten, will sagen: das 
Weib lieben und Kinder zeugen?« 

Ahasver wurde heiter. »Wie können Sie nur fragen? Das gehört 
doch Alles zum Leben, und zum Leben bin ich ja verflucht — Ver- 
zeihung, ich wollte sagen: gesegnet!« 



FRAU SORGE. 

An das Marmorkreuz des Liedes 
Schlag' ich düster dich, Frau Sorge, 
Mit den Stricken meiner Verse 
Schnür' ich fest dir die Gelenke. 

Magst als Standbild dann in meinem Vorraum 
Mit den andern Götterbildern stehen, 
Und statt deiner kalten Arme werden 
Grazien mich als ihren Freund umschlingen. 

Lächle nicht so starr und grausig!. . . 
Weh! das Marmorkreuz des Liedes 
Trägt dich nicht. . . und sinkt und neigt sich 
Gegen mich. . . und wird mich tödten. . . 
Und als Grabstein mich bedecken... 

Berlin. CHRISTIAN MORGENSTERN. 



QUINTIN MESSIS. 
Von Ferdinand Kürnberger (Wien). 

IV. AUFZUG. 

(Schluss) 

V. Scene. 

Messis. Memling. 
M e S S i S (fliegt mit dem Ausbruche ungestümer Freude an Memling's 

Hals). Ich habe gesiegt, Meister, ich feiere den schönsten Tag meines 
Lebens ! 

Memling. Das habe ich nicht erwartet 1 Dagobert und diese 
Niederlage! So kann die Leidenschaft jedes menschliche Vermögen 
auslöschen ! 

Messis. Kommt zu Euch, Meister! Bin ich nicht auch Euer 
Schüler? Ihr gönnt mir nicht mein Glück. 

Memling. Sein Fall war tief, er muss mich erschüttern ! — Ja, 
Ihr habt gesiegt, Messis. Der Streit ist entschieden. Und hoffen wir, 
dass Euer Glück ihn selbst nicht zu unglücklich macht. Die raschen 
Flammen sind's, die schnell verlöschen. Es wird vertoben, dann hat 
auch er noch eine Zukunft. Also Glück auf, mein Sohn! Ihr habt das 
grosse Los gezogen. Ihr seid mit Eurem Leben im Reinen. — Folgt 
mir zu Werner Hildebald! 

Messis. Köln am Rhein ! Das hab' ich geahnt, als ich in deine 
Thore zog. Sei umschlungen mit deinen Mauern und Thürmen, sei 
geküsst, Hochschule der deutschen Kunst! O Meister, was bedeutet 
mir diese Stunde! 

Memling. Fasst Euch in der Trunkenheit Eures ersten 
Triumphes. Ihr habt jetzt vor einem Manne zu erscheinen, der Eueren 
Jubel leicht auch wie Schadenfreude oder Gewbnsucht deuten könnte. 
— Mässigt Euch darum, seid ernst und besonnen. — Kommt! 

Messis. Wohin, Meister? 

Memling. Hat Euch die Freude um alle Sinne gebracht? Zu 
Werner Hildebald sagt* ich ja schon. 

Messis. Zu Hildebald? Was sollen wir dort und jetzt? 

Memling. Den Preis Eueres Sieges in Empfang nehmen. Dem 
würdigen Bürger Euch als Eidam vorstellen. Kommt, kommt. Er ist 
voll Harren und Erwarten über die Entscheidung hier. 



■i t 



QUINTIN MESSIS. 647 

Messis. Wie sprecht Ihr denn, Meister? Ich versteh' Euch nicht. 

M e m 1 i n g. Ja doch ! Ihr wisst noch nicht, was zwischen mir 
^nd Hildebald vorgekommen in Ansehung Eurer. Hört es denn kurz: 
Es ist Euch bekannt, Herr Werner unternimmt nächstens eine weite, 
vielleicht mehrjährige Reise. Als ein besonnener Mann dachte er darauf, 
früher seine Tochter zu verloben, die er jetzt von zwei gleich würdigen 
Freiem umworben findet. Schwankend zwischen Euch un(j^ Dagobert, 
stellte er seine Wahl auf den Ausgang eures Wettstreites und gab 
mir die Vollmacht, denjenigen von euch als seinen Eidam zu erklären, 
für den der Sieg sich entscheiden würde. Der Glückliche seid Ihr und 
-doppelt glücklich, da Euch zugleich vor Dagobert das Herz Euerer 
Schönen begünstigt — 

Messis. Wie, Dorothea liebt mich? 

Memling. Der Vater bezeugt es selbst — und solltet Ihr erst 
darum zu fragen haben? Woher Euer Jubel, wenn Ihr — 

Messis. Haltet ein! Haltet ein! Was muss ich hören! Und der 
Vater gäbe mir die Tochter, sagt Ihr ? 

Memling. Ihr hört es. Euer Wettstreit war ihm vielwillkommen 
und sein Entschluss sogleich gefasst, sich von ihm bestimmen zu lassen, 
»Ich Öffne mein Haus dem, der dem Hause die grössre Ehre bringt,« 
waren seine Worte. Und der — nach Dagobert's trauriger Selbstver- 
daramung — der seid Ihr. 

Messis. Herr! Gott! Welch ein Schicksal überrascht mich hier! 

Memling. Doch kein entsetzliches? Wie geberdet Ihr Euch? 

Messis (darchmisst in starker Bewegung die Bühne, steht still, geht auf 
tind ab und zeigt eine grosse innere Bewegung. Endlich tritt er entschlossen vor 
Memling und spricht mit ruhiger Stimme). Meister, Ihr redetet mir jüngst 
ÄU Gehör, ich sollte nach Antwerpen gehen und van der Weyde holen ; 

— ich gehe. 

Memling. Ihr geht? Doch werdet Ihr zuvor — 

Messis. Ja, ich muss fort von Köln — dann wird Alles wieder 
gut. Sie wird mich nicht mehr sehen, der wackere Dagobert wird seine 
Ruhe wieder gewinnen und sich dem Vater und der Tochter zu em- 
pfehlen wissen. Seine Liebe, seine Kunst stehe ohne Nebenbuhler in 
unverdunkeltem Glänze da — und wenn ich wieder zurückkomme, 
sind sie ein Paar. 

Memling. Aber, woher — bei allen Wundem des Himmels! 

— woher diese plötzliche Sinnesänderung ? Warum bewarbet Ihr Euch 
um die Jungfrau, wenn Ihr — 

Messis. Ich mich bewerben? Der Allwissende ist mein Zeuge, 
das that ich nimmermehr I Hab' ich ihr Herz, so ist's geschenkt; mit 
keinem Blicke, mit keinem Worte, mit keiner Geberde begehrt' ich 
ihre Liebe. Ich schmeichelte ihr nicht, ich huldigte ihr nicht; das 



648 KÜRNBERGER. 

Schöne, das ich sprach, war auch das Wahre, denn grad' und offen 
ist mein Herz und wen ich schätze und verachte, dem zeig' ich's klar. 

Memling. Doch wie? Ihr kämpftet ja auf Leben und Tod für 
Eure Dame? 

Messis. Für meine Ehre wollt Ihr sagen. Als er mit gezücktem 
Degen blindlings auf mich eindrang, sollt* ich ihr entsagen und schimpf- 
lich für eine Memme gelten ? Nach dem Kampfe war's Zeit, ihm seinen 
Irrthum aufzuklären^ vor ihm schien's eine feige Ausflucht. 

Memling. Doch dieser zweite Wettstreit — war's nöthig, die 
Täuschung so weit zu treiben? Warum habt Ihr Euch hier mit ihm 
gemessen? 

Messis. Ich messe mich nach Jahr und Tag mit Euch selber, 
Meister, so Gott willl Dieser Kampf war längst mem Wunsch. Sehen 
wollt' ich, was an mir ist, und nur an Andern lernt sich der Mensch 
selbst kennen. Nicht was ich kann, macht mich gross, sondern, was 
Andre nicht können. Was hilft es mir, mit einem zweiten und dritten 
Euer erster Schüler zu heissen? Hundert Helden sind wieder gemeine 
Soldaten, aber <wer die hundert Helden besiegt, der ist ein Held! 

Memling. Spricht das mein stiller, anspruchsloser Messis? Also 
der Bescheidenste war der Stolzeste meiner Schule 1 — Und, so reiset 
Ihr nun ? Welch ein Schauspiel erleb' ich denn hier ? Die Hand unsrer 
schönsten Jungfrau, das Gut unsres reichsten Bürgers verschmäht von 
der Armuth eines fremden, namenlosen Jünglings I Gott gebe mir einen 
sechsten Sinn, dass ich Vernunft dabei sehe. — Ha, seid Ihr verlobt 
in Antwerpen? 

Messis. Niemand hat in Antwerpen mein Wort, aber auch mein 
Herz kann fürder Niemand haben — ich kann zum zweitenmal nicht lieben l 

Memling. Jetzt wird mir Alles klar! — Messis, keine Täuschung 
ist grösser als diese. Wir wollen sie ins Auge fassen I — Setzt Euch [ 
— Seht mich an, Messis I Was haltet Ihr von mir? Ihr seid mein 
Schüler, ich bin Euer Meister. Aber das ist nichts. Die Spinne, der 
Biber, der Seidenwurm übertreffen mich an Kunst, und das grösste 
Talent verträgt sich mit der äussersten Geisteseinfalt. Wenn Ihr aber 
glaubt, dass ich ein wohlmeinender und vernünftiger Mann bin, der 
die Geschichte der Menschheit vom ersten Elnabenflaum bis zum ergrau- 
enden Haar in sich durchgemacht hat, wie Einer ; der zu unterscheiden 
weiss, was flüchtig und stetig, wahr und falsch ist in unserer Brust, 
der manchen Knoten sich schürzen und lösen sah, und dem die Welt 
ein weit grössrer Meister war, als er ihr : wenn Ihr diese Meinung fest 
und herzlich zu mir fassen könnt, so überlasst Euch mir, vertraut Euch 
mir in diesem entscheidenden Augenblicke Eures Lebens! Niemand ist 
Richter in seiner eigenen Sache, am wenigsten ein Herz in seiner Liebe. 
Wer schlug Euch Eure Wunde und wie? Entdeckt mir's. Guter! Viel* 
leicht, dass ich sie lindre. Euch der Natur und dem gesunden Leben 
wiedergebe ! 



QUINTIN MESSIS. 649 

Messis. Ihr sagt mir auf die mildeste Art, dass ich zu Gunsten 
meines Herzens ein Schwachkopf gewesen sein mag. Wohlan, ich will 
den Triumph haben, dass der Mann gestehen soll: Jüngling, meine 
Vernunft und dein Gefühl sind Einsl 

Memling. Lasst sehen I 

Messis. Wir haben in der Nähe von Antwerpen eine Schenke, 
die viel besucht wird, denn sie steht seit Alters in gutem Ruf, und 
ist auch ein liebes, freundliches Plätzchen. Bei Meister van der Keert 
heisst sie, und ist vor dem Kronenburger Thor gelegen. Da hinaus kam 
ich eines Abends, um die Zeit, da der Frühling in vollem Drange 
blühte, und ist nun eben ein Jahr in diesen Tagen. — (Er hält inne.) 

Memling. Nun? Ich höre wohll Fahrt fort! 

Messis. Der Mensch hat kein Unglück erlebt, der davon erzählen 
kann! Kein Wortl Kein Hauch darüber! Das ist nicht umzubringen, 
nur zu ersticken! 

Memling. Dass doch die Erfahrungen des Alters der Jugend 
zugute kommen könnten! Warum muss dieses Ungeheuer von Irrthümern 
und Leidenschaften, das tausendmal bekämpft und besiegt worden ist, 
stets von Neuem bekämpft und besiegt werden! Warum dürfen wir der 
Nachwelt das Leben nicht um wohlfeilem Preis hinterlassen, als wir 
selber gekauft haben! Geld und Gut, Häuser und Felder erwerben wir 
für den Genuss des Sohnes und Enkels, eine Stecknadel kann ganze 
Geschlechter hinab sich vererben — aber den köstlichsten Schatz unseres 
Lebens, die Weisheit, sammeln wir für das unfruchtbare Grab, für die 
Elemente und Würmer! — Nein, ich kann Euch nicht reisen lassen. 
Ich sehe, der wichtige Moment findet Euch unvorbereitet; vor Gott 
bin ich Euch's schuldig, dass ich Euch jetzt nicht verlasse. Hört mich 
an, Messis! Jeder Mensch hat einen Augenblick des Glücks in seinem 
Leben ; den versäumt, ist oft sein ganzes übriges Dasein nichts als ein 
steter Kampf mit einem kümmerlichen, unbedeutenden Schicksal. Dieser 
glückliche Augenblick ist jetzt für Euch da. Vielleicht ist er der einzige. 
Dass ihr kein besonderes Schosskind der Fortuna seid, könnt ihr schon 
weg haben. Wenn man wie Ihr, um bei trocken Brot Engel und Heilige 
zu malen, am Sonntag betrunkenen Bauern zum Tanze aufspielen muss 
— Ihr seht, ich kenne Euer Schicksal. Aber nicht, dass Ihr arm geboren 
seid, ist Euer Missgeschick, sondern weit mehr noch Euere Gemüthsart 
selbst. Ich gebe jedem unbemittelten Schüler von Talent Unterhalt in 
meinem Hause ohne Anstand. Warum verschmähtet Ihr's? Dieses stille, 
empfindsame Wesen hat nie seinen Weg durch die Welt gemacht! — 
Ihr werdet nachdenklich, es trifft Euch die Wahrheit meiner Worte. 
Höret mich weiter. Jetzt schmachtet und darbet Ihr, aber die Kraft 
dazu gibt Euch nur Euer innerliches Glauben und Glühen nach einer 
desto reicheren Zukunft Auf einen Wurf habt Ihr Euer ganzes Leben 
eingesetzt, das ist die Kunst. Nach ihr hungert und dürstet Ihr, sie 
reisst Ihr mit einer Gier an Euch, als ob Ihr sie nicht wie eine edle 
Braut mit langsamem, frommen Werben gewinnen, nein! als ob Ihr sie 



650 KÜRNBERGER. 

wie ein Räuber über Nacht zwingen wolltet. Sie soll Eucli gross, reich, 
mächtig, weltberühmt machen, sie soll Euch tausendfaltigen Ersatz für 
Eure bittere Jugend geben, sie soll Euch — o, was soll sie nicht Alles! 
Ich kenne die ganze Himmelsstürmerei dieser Wünsche und HofTaungen, 
womit ein lebhaftes Herz sich Genugthuung gibt für eine genusslose 
Gegenwart. Messis, ungeheuer ist Euer Irrthum. Wenn Ihr ein deutscher 
Künstler seid und unter Deutschen Euer Glück machen wollt, so rechnet 
eher auf alles Andere, als auf die Kunst. Nicht dass sie es wäre, die 
Euch Geld und Gut erwürbe — umgekehrt! beides müsst Ihr schon 
haben, wenn Eure Kunst hervorleuchten soll. Andere Nationen, der 
Franzose, der Welsche, die werden Euch mit Lorbeeren bedecken, und 
wenn Ihr in einer Gosse liegt. Aber der Deutsche lobt und zahlt Euch 
nur, wenn Ihr ein weidlicher Bürger seid, einen stattlichen Hausstand 
aufzuweisen habt; das erwirbt Eurer Kunst Achtung und Werth. Und 
heisst mir das ja nicht spiessbürgerlich, wie es die afterklugen Fremden 
thun in ihrem Vorwitz. Es liegt auch hier ein schöner, richtiger Sinn 
darin wie im ganzen deutschen Charakter. Wenn Hans Habenichts die 
Kunst treibt, so wird sie Erwerb in seinen Händen, er thut es um 
schnöden Gewinn, nichts überzeugt mich, dass er kein Judas ist und 
sie für Silber und Gold nicht verriethe. Wie viele von denen, die in 
der Welt ihrem Geschäfte nachlaufen, denken ja bei sich: Hätt' ich so 
und so viel, hing' ich den ganzen Plunder auf den Nagel. Seht, das 
ist kein Beruf, den man mit Vorbehalt treibt. Wenn Ihr aber frei und 
rund auf Eurem Besitz dasteht, nichts braucht, nichts bedürft, dann 
zeigt es sich, dass Ihr von ihrer Herrlichkeit durchdrungen und befeuert 
seid. Ja, mein junger Freund ! Wollt Ihr Euer Talent auf dem kürzesten 
Wege zu Ehren bringen, nichts führt Euch so schnell und erwünscht 
zum Ziele als der Glorienschein bürgerlicher Reputation. Diesen Satz 
geh' ich Euch als das Elixir meiner Schule, und wägt ihn nach seinem 
ganzen Gewichte, eh' Ihr Euch unwiderruflich entschliesst. 

Messis. Mein Vater ist nicht todt, ich habe seine Stimme wieder- 
gehört! So kann nur ein Vater mit seinem Sohne sprechen! Lohn' Euch 
Gott Euer Herz, edler Mann, ich werd' es aller Orten verkündigen: 
Memling in Köln ist der beste Mensch, wie er der grösste Künstler ist! 

Memling. Und von dem Erfolg meiner Worte sagt Ihr mir nichts? 
— Ihr schweigt, Messis? 

Messis. Meister! Nach all der Lieb* und Treu', die Ihr mir heute 
zeigt, könnt ich sterben für Euch, so mir Gott helfe! Soll ich aber leben, 
so muss ich es auf meine Weise. Suche mir das Glück in einer andern 
Form — ich kann zum zweitenmal laicht lieben! 

Memling. Nun denn, so höret noch dieses: Ihr sähet und fühltet 
bisher nur Euch allein — ist sie nicht auch eines Gedankens werthi 
Ihr könnt, ein Mann, zum zweitenmal nicht lieben; und wird es Dorothea 
können? Irrt Euch über Euch selbst und die Natur, die den Trieb der 
Geselligkeit so leicht nicht aufgibt, in der Menschenbrust; irrt Euch 
über Euer eignes Glück, aber bedächtig seid, wenn es ein fremdes giltl 



QUINTIN MESSIS. 65 1 

Opfert Euch Eurem Wahne, aber opfert ein edles Mädchen in seiner 
ersten Liebe nicht. 

Messis. Ein edles Mädchen ist auch ein Mädchen! Wenn's hoch 
kommt, so vertrauert sie diesen Sommer, aber unter den Blumen des 
nächsten Frühlings stehen ihre bräutlichen Myrten — soll mir die 
Seeligkeit entgehen! 

Memling. Oder sie selbst liegt unter diesen Blumen. Man hat 
Geschichten von gebrochenen Herzen — 

Messis. Märchen hat man! nichts als Märchen, Gedichte, Fabeln, 
Erfindungen, Lügen! Nein! Nein! Meister, hier steh' ich auf meinem 
Boden! — Nichts davon, ich bitt* Euch! 

Memling. Messis! Messis! Welches Ungemach bereitet Ihr mir! 
Kann ich den Kummer und die Schmach der Verschmähung in meines 
würdigen Freundes Haus verkünden? Oder kann ich den Sieger meiner 
Schule verleugnen und Hildebalds Vertrauen mit falscher Münze be- 
zahlen? 

Messis. Welch ein glücklicher Gedanke! O thut's! thut's! Schenkt 
dies mein Bild dem armen Dagobert! Sagt jenen — 

Memling. Nein! nein! Ich lüge nicht für Euch, ich steh* nicht 
ein für Eure Thorheit! 

Messis. Nun denn, ich will Euch's leichter machen! (Er zerreisst 

sein Bild nnd wirft es geballt zu dem andern.) Hier liegt MeSsis, hier liegt 

Dagobert! Der Kaufmann komme und wäge sie! 

Memling. Wahnsinniger! Was habt Ihr gethan? Euren Glückstem 
aus seiner Bahn geschleudert, den Schuldbrief des Schicksals an Euch 
zerrissen, gebrochen mit der schönsten Zukunft Eures Lebens! 

Messis. O, mein treuer Meister! Könntet Ihr mit meinen Augen 
sehen! Ich will Euch diese schöne Zukunft zeigen. Ich sitze in einem 
prächtigen Stadthause und sehe vom freien Balkon weit hinaus über 
eine Reihe Landhäuser am Rhein, über unermessliche Gebreiten von 
Feld und Flur, Garten und Wald — und das Alles ist mein. Wie ein 
König in seinem Reiche thron' ich in Hildebalds fürstlichem Erbe. 
Aber neben mir auf dem Sammte meiner Kissen ruht ein Weib, im 
Saale und neben mir, in meinen Arm verschlungen, wandelt ein Weib 
durch die Gärten — woher kommt nur die? Das ist dem Einzigen die 
Einzige! Das ist die Hälfte meines Ichs, mein Fleisch, mein Blut! Doch 
fremd ist mir die Farbe ihres Haares, und fremd das Lächeln ihrer Züge, 
und fremd jede Geberde ihres Körpers, wie reizend sie auch sei. Ich 
sehe sie an, und sehe nicht ihre eigene Schönheit, sehe nur, worin sie 
jener Unvergesslichen nicht gleicht, und rähre meinen Gram aus dem, 
was mir zur Wonne sollte da sein. Und falsch ist ihr mein Kuss, und 
Trug meine Umarmung, und Lüge meine Treue, die das Herz schon 
brach, ehe noch der Mund sie schwur; so stahl ich einem edlen Weibe 
das Glück ihres Lebens und fand mein eignes nicht dabei, denn halb 
ist Alles nur, was ich geniesse, und das entadelte Gewissen verkümmert 



652 KÜRNBERGER. 

mir selbst diese Hälfte nochl O, mein redlicher Vater I Glaubt nicht, 
dass mich ein Wahn bethört, dass ich mich täusche über das Los, das 
mich erwartet. Ja, ich seh's, ich seh's, es wird eine traurige Zeit kommen. 
Einst werd' ich fühlen, dass ich ein Mensch bin und den Menschen 
nicht entbehren kann. Und meine Mutter wird im Grabe liegen, und 
mein alterndes Herz wird frieren und schaudern vor der Nähe des 
Winters. Da werd* ich ein Weib nehmen; das wird eine gute, häusliche 
Seele sein, die es herzlich mit mir meint und treu das Meinige ver- 
waltet In der friedlichen Ehe mit ihr werden meine Jahre so hingehen, 
und man wird nimmermehr hören, dass Meister Messis in einen Fluss 
gesprungen, man wird aber auch nicht hören, dass er je gelächelt oder 
unter Freunden seinen Becher mit Vergnügen geleert. In dieser Oede 
meines Lebens werd' ich dann oft an Euch denken, Meister Memling, 
und an Dorothea und an das schöne, herrliche Köln am Rhein I Dann 
wird wochenlang kein Pinsel berührt, denn ich habe nichts zu thun, als 
in meiner einsamen Kammer still zu weinen. — Aber noch ist es nicht 
dahin gekommen ! Noch steh' ich auf der Höhe meiner Kraft und meiner 
Jugend! Soll ich unterkriechen vor der Zeit? Soll ich in feiger Furcht 
vor meiner kommenden Verzweiflung mich verstecken im Hause Hilde- 
balds? Soll ich die Liebe dieser Jungfrau auf Wucher legen für mein 
dürftig* Alter? Nein. Meister, nein! Noch bin ich selber reich und 
überreich! Lasst mich verschwenden in der Fülle meines Muthes! Das 
Glück für den, der sonst nichts eigen hat! Ich trage die Vergangen- 
heit noch hei SS und lebensvoll in allen meinen Adern. Gott hat mir 
diese Leidenschaft gegeben in Blitz und Donner, wie auf Sinai sein 
steinernes Gesetz dem schlechtesten Volke, um es zum ersten in der 
Welt zu machen, wie unter Flammenfall und Erderschütt'rung der Geist 
des Himmels eine Fischerschaar, um eine neue Menschheit zu ge* 
baren. Aus tiefem Abgrund des gemeinen Loses hat sie zum höchsten 
Handeln mich berufen — sie ist ein heü'ger Schatz, ich darf sie 
nicht verkaufen und verpfänden! — Erwarten muss ich, bis er seiner 
Macht Vollstreckerin, der Zeit, gebietet, sie still in meinem Herzen 
auszulöschen; — was dann mein Los, ich frag' und furcht' es nicht! 
Die Zukunft komme, das Geschöpf steht in der Hand des Schöpfers l 

(Er geht ab.) 

Ende des IV. Aufzuges. 



EPISODE. 

Von E. KOTANYI (Wien). 

Eine lichte, stille Erinnerung . . . 

Es war im Spätherbst, ich sass mit den beiden Jungen am Balkon 
und ordnete das Herbarium . . . Eine Herbstzeitlose wurde gepresst, 
da plötzlich hielt Emil inne und sagte leise : »Herr Doctor, Blanche ist 
da« . . . 

»Ach, ja, Blanche«, wiederholte der Andere, und mir wurde so 
seltsam, als die lauten Stimmen zart und innig wurden, wie sie den 
Schwestemamen nannten. 

Mein Herz klopfte — ich hatte noch niemals von ihr sprechen 
gehört. . . 

»Sie ist so schön,« sagte der ältere Knabe, liess die Blume 
fallen und sah zu den Bergen hinüber, die ein wenig roth strahlten, 
weil die Sonne eben unterging . . . 

Alle Drei waren wir still und sahen in den Himmel. . . 

Alle Drei dachten wir an Blanche. . . 

Da fühlten wir einen Luftzug über uns hingleiten — Niemand 
wandte sich um, die Natur schien zu horchen, nur eine Glocke bimmelte 
im Thale fort. 

Eine Hand legte sich Imde auf Emils Kopf, und ein helles Kleid 
schmiegte sich um meine Füsse. . . 

Es war Blanche .. . Und sie sagte: »Ach, schön ist es bei euch, 
ihr Lieben«. . . Ich wandte mich und. . . und da sah ich in ihr Ge- 
sicht, nein, nein, ich sah in zwei dunkle Augen, nur in ein Paar 
schimmernde Augen . . . Die Finger glitten von Emils Haupt und legten 
' sich warm und innig in meine Hand ... »So gut ist es, hier sein« — 
Ihre Stimme zitterte, ich wollte aufschluchzen. Nichts, nichts regte 
sich, die Abendglocke bimmelte . . . wir sahen in den Himmel . . . und 
Blanche weinte. . . Blanche. . . 



Und dahinter gleich etwas Anderes. Auch eine Erinnerung. 

Die Stadtwohnung — das Zimmer der Knaben, schmal, lang, mit 
hohen, verstellten Schränken, das Herbarium hängt an der einen kahlen 
Wandseite und eine Schmetterlingssammlung. Dazwischen gepresste 
Lederstühle. . . 

Emil hat Kopfweh... der andere schreibt sein lateinisches 
Pensum, murmelt sich halblaut die Worte vor. 



654 KOTANYI. 

Der Tag ist grau und vernebelt. . . 

Emil spricht leise und gedrückt griechische Verben . . . 

Ich denke an Blanche, ich lechze nach Blanche . . . 

O, das süsse Lachen, der weiche Blick. 

Ich schreie nach ihrer Liebe, nach dem Kuss, mit dem sie mich 
geküsst hat in jener fernen, einzigen Stunde. . . damals, damals. . . und 
alle Tage gleite ich durch, bis ich an diesen leeren, vernebelten Winter- 
tag komme mit seinem öden, scharfen Frost. 

Wo ist sie ? Warum sieht sie nicht herein ? . . . Wo ist die Blume 
für mich, die Seide ? . . . 

Ach, oft höre ich nur ihr Lachen im Flur, dann bin ich glück- 
lich ! Heute nichts . . . 

Und Emil spricht gedrückt die Verben, der Andere murmelt und 
schreibt . . . 

Mit erstickter Stimme dictire ich, förmlich schluchzend. . . 

Wie ich mich schäme — elend bin ich. 

Da . . . der Schritt . . . das Rauschen . . . Emil stockt, ich stocke . . . 
Alles schweigt ... Sie tritt ein. 

O, wie blass, wie schweigend, wie erloschen der lachende Blick. . . 
Meine Blanche, das bist du nicht. Sie geht so gerade, ohne Schweben 
und Licht, so ohne Lächeln. 

O, du, du . . . 

Da steht sie beim Tische, will lächeln, sucht nach Worten, nach 
elenden Worten . . . Niemals hast du Worte gebraucht, Liebste, du hast 
die kleine, milde Hand gehoben, und ich habe verstanden. . . Heute 
brauchst du Worte. . . 

Emil sagt: »Ach mein Kopf, Blanche, mir ist so heiss.« 

Sie sieht ihn vt^rständnisslos an, und wie sie so gerne that, legt 
sie die kleine, milde Hand auf seinen Kopf. 

Oh . . . täusche ich mich, sind diese Finger nicht ernst und traurig?. . . 

Ein breiter Reif, er funkelt, blitzt, er thut mir weh . . . Dein Diamant, 
Blanche, thut mir weh. 

»Geh', geh', mein Junge.« — Warum sagt sie das? 

Und Emil streift seinen Bruder scheu, der Kleine legt still die 
Feder weg, sieht mich mit seinen sanften Augen an, und Hand in Hand 
verlassen sie das Zimmer. 

Sie steht, ich sitze, fasse das lateinische Dictat und corrigire. 

Pfui, wie der Diamant funkelt. 

»Herr Doctor,« sagt sie und ich fühle den Tisch beben. 

Ich sage: »Wie, was. . .« und springe auf und schau' sie an. Ah, 
wie kann die Sünde so schmerzlich sein, so schneebleich, so schmerzlich. 

Fühlst du denn nicht, dass dein Schmerz dich tiefer in meine 
Verachtung zwingt als deine Schlechtigkeit. 

Ziehe deinen Teufel gross, Weib, und sei kalt und unverschämt. 
Aber sündigen und seine Seele kränken und vor Schmerz erblassen und 
sich züchtigen — wie mich dein Christenthum empört! Wozu bin ich 
dagewesen . . . 



EPISODE. 655 

Ich habe die Hand geballt^ und mit der Faust schlage ich auf 
ihre Finger. . . 

»Liebst du mich ?« schrei* ich heiser . . . 

Muthy Muth, sage nein — das Nein auf ihren Lippen und ich 
hätte sie angebetet. 

Blass starrt sie mich an und sagt: »Ja, in alle Ewigkeit«. 

Fluch deiner Ewigkeit. 

»Dirne,« sag ich und setze mich nieder. 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR UND IHRE 

TENDENZEN. 

Nich einem Vortrage, gehalten im Allgemeinen Oesteri eicLischen Fraueavereine 

am 15. Mai 1897) 

Studie von MARIE HERZFELD. 

(Schluss.) 

* • Alle R<^chte vorbehalten. 

Der andere berühmte Norweger, der mit Brandes geht, hat 
weniger Logik als Ibsen und mehr Temperament. Als Dichter ist 
Björnson genial, als Denker mittlerer Durchschnitt. Sein Wissen ist 
seicht und nur Gedächtnisssache — das Einverleiben und Einverseelen des 
fremden Stoffes, das ein mechanisches Wissen zu unserer Bildung 
macht, ist ihm gänzlich fremd. Seine Ideale sind ungefähr die Ideale 
eines Parteimannes von der Couleur Eugen Richter's, nur dass er viel- 
leicht etwas weniger Atheist und etwas mehr Republikaner ist, als es 
in Mitteleuropa Schick und Brauch. Denn Björnson ist Volksmann, ist 
Führer des Volkes, Journalist und Redner, Tischredner und vor Allem 
Volksredner. Er kann zehntausend Menschen fesseln, und nicht einer 
darunter, den seine Worte nicht begeisterten und der seine Ideen nicht 
verstünde. Er hat die kleinen Ideen und die grossen Worte, die aut 
die Menge wirken. Er entzückt sie und er berauscht sich. Und er 
freut sich so über diese Gabe, dass er kein Stück mehr schreibt ohne 
Massen - Meeting : Bischofsversammlung und Volkszusammenrottung, 
Arbeiterbesprechung und Fabrikantenberathung. Immer wird geredet, 
und bei diesem vielen Redenhalten wird der Gehalt seiner Reden seicht 
und seichter. 

Anfangs der Siebzigerjahre hatte Björnson schon eine reiche 
Dichterthätigkeit hinter sich. Er hatte seine Volkserzählungen ge- 
schrieben, die als idyllische Poesie unvergänglich sind, eine Menge 
prachtvolle Lyrik, Balladen, die sich an die edelsten Reliquien der 
Volksdichtung reihen, und historische Dramen mit grossen Gestalten 
und grossen Scenen. Nun war das aber Alles ein bischen unmodern 
geworden, und Björnson, ein Skalde, sollte an der Spitze stehen. An 
ihm war es, das Volk zu fuhren; nur hatte er just keinen Königs- 
gedanken. Ein paar Jahre fiel ihm gar nichts ein. Da kam über den 
Kattegat das richtige Recept. Eine lebendige Literatur bringt Probleme 
zur Debatte. Ibsen hatte sogar ein Problemdrama geschrieben, bevor 
Georg Brandes es ihm sagte. Es hiess sich beeilen und den Anschluss 
nicht versäumen. Denn »Problemdrama« war gut. Der Skalde muss ja 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 657 

fuhren und belehren. Dichten allein genügte nicht; man musste auch 
Ideen haben. Und natürlich Gesinnung. Und seither hat Bjömson Bände 
geschrieben — Dramen, Novellen und Romane — mit einigen Ideen 
und sehr viel Gesinnung. Und wahre Meisterwerke dichterischer Ge- 
staltungskraft scheitern ihm, weil die Ideen gar so kindisch und die 
Gesinnung so phUiströs. So das Doppeldrama »Ueber unsere Kraft«, 
dessen erstes aus dem Jahre 1883 stammt. Ein wundervolles Stück: 
die Geschiebe vom Nordlands-Pastor Sang, der durch die Elraft seines 
Willens und Gebetes Kranke heilt und Krüppel gehen macht, während 
seine Frau nun seit Jahren lahm im Bette liegt ; jedoch sie stammt aus 
einem alten Zweiflergeschlecht, und das Wunder blüht nur aus dem 
Glauben. Nud hat er seine Kinder kommen lassen; er will mit ihnen 
einen Gebetring um die Kranke schliessen ; da zeigt es sich, dass auch 
die Kinder den Glauben verloren haben. Sie hatten draussen in der 
Welt nirgends Christen gefunden ; es gab nur einen Christen, und das 
war ihr Vater. Doch eine Religion, deren Gebote unter Millionen nur 
Einer erfüllen konnte, stammte die von einem allwissenden Gott? Sie 
suchten und fanden ihre Ursprünge älter als das Christenthum ; auch 
das Christenthum war Menschenwerk. Der Pastor sagte darauf: 
»Was beweist das Alles ? Nichts gegen die Lehre, Alles gegen die Ver- 
künder. Ist das Christenthum das Unmögliche oder sind es die Menschen, 
denen der Muth fehlt, das Grosse zu wagen ? Was ist dem unmöglich, 
der glaubt ?« Und er selbst wirft die letzten Zweifel von sich ; er wird 
das letzte Wunder wagen. Er wird in die Kirche gehen und beten und 
nicht aufhören zu beten, bis Gott sein brünstiges Gebet erhört und 
seine Frau auf zwei Füssen wandelt ... Er geht in die Kirche neben 
dem Haus. Und die Bischöfe und Pastoren des Landes, die herbei- 
gekommen waren, um über die Zulässigkeit dieses Mirakelunwesens 
schlüssig zu werden, sie alle ergreift der heUige Geist, und sie beginnen, 
von sich zu zeugen, und sie flehen. Alle flehen um das Wunder, 
auf dass sie selber glauben können. Und siehe da — es öflhet sich eine 
Thür und gegenüber eine andere — zwei verklärte Gestalten gehen, 
wie magisch gezogen, auf einander zu — der Pastor und seine lahme 
Frau. »Das Wunder, das Wunder!« Clara sinkt an ihres Mannes Herz 
und gleitet nieder — todt. Das Wunder war über unsere Kraft. Und 
nun der zweite Theil (1896). Gleichwie die alte Religion über das 
Menschliche und seine Grenzen schweifte, so der neue Glaube des 
Socialismus, ist Björnson's These. Die Kinder des Pastors suchen Elrsatz 
für das verlorene Christenthum. Elias, ein Schwärmer, wird Socialist; 
Rahel, verständig, wie es Frauenart, richtet Krankenhäuser ein — er 
will die Menschheit erlösen, sie hilft den Menschen. Es entsteht ein 
grosser Strike. Dem Bund der Arbeiter stellt sich ein Bund der Arbeit- 
geber entgegen — die Armuth beweist sich als schwächer — auch als 
innerlich schwächer; ihre Sache scheint verloren. Da beschliesst Elias, 
ein Beispiel zu geben. Mit Märtyrerblut will er seine Ueberzeugung 
besiegeln und die Genossen mit sich zur That fortreissen. Das Schloss, 
in dem die Fabrikanten ihre constituirende Versammlung abhalten, ist 

50 



658 HERZFELD. 

unterminirt, und Elias sprengt sich mit den Feinden in die Luft. Und 
das Resultat? Keines; nutzlos vergeudetes Blut Denn auch hier war 
das Ausserordentliche über unsere Kraft. Aber die Moral davon? Ja, 
— die Schwachen haben ohne Zweifel Recht. Allein auch die Starken 
haben Recht Was lässt sich da wohl thun? Zum Glück gibt es zwei 
halbwüchsige Kinder im Stück — symbolische Kinder, wie schon ihr 
Name beweist : sie heissen nämlich Credo und Spera. £ r will Erfindungen 
machen, sie wird Unterhaltungsvereine gründen. Wenn dann ein paar 
Quadratmeter Landes genügen, einen Menschen zu ernähren, und man 
Kleider aus Gras und Blättern macht und alle Leute fröhlich sind u. s. w., 
dann — ja, dann ist die sociale Frage gelöst Gewiss. Und das hat die 
Bourgeoisie uns von jeher gesagt Die Sache ist aber gerade die, dass 
die Welt nicht so lang warten will. 

Derartig sind die Bjömson'schen »Ideen« alle. Und nicht jede ist 
so ungefslhrlich wie die von »Ueber unsere Kraft«. Dieses Stück hatte 
wenigstens einen gigantischen Aufbau mit der allerfeinsten dramatischen 
Dynamik, prachtvolle, reich ausgestattete Menschentypen, ergreifende 
Scenen und eine starke Stimmung. Was lässt sich aber von einem 
Tendenzstück wie »Der Handschuh« sagen, mit dem Bjömson der 
Ibsen'schen »Nora« den Rang ablaufen wollte? Mit dem er noch mehr 
für die Frau thun wollte^ als der Rivale, und noch erhabenere Ge- 
sinnung zeigen? Von einem trockenen, technisch ungeschickten Stück, 
aufgebaut auf der Forderung gleich strenger Keuschheit von Mann und 
Frau? Die »Handschuhmoral« wurde die neueste Plattform der Emancipa- 
tion. Und ausgegeben hatte die Parole ein Dichter — sonst war es 
ein Vorrecht des Dichters, das Menschliche frei und gross aufzufassen, 
mit reinerem Blicke, als es die im Staub kriechen thun — ein Dichter, 
der sich in der Jugend keinen Zwang auferlegt hatte, und dessen asketi- 
sche Moral nun sonderbare Correlate fand. Man sehe z. B. an, welche 
Entwicklung in seinen Werken die Freude am Prügeln nahm. In den 
Volkserzählungen seiner Jugend gibt es noch ganz gesunde, wenn auch 
brutale Prügel; in »Man flaggt« (deutsch »Thomas Rendalen«) hat die 
Prügelei schon einen anderen Charakter, gehört aber zu den genialsten 
Zügen des Buches. Mit Bjömson's Jahren wächst jedoch das Vergnügen 
am Ausmalen der Furcht vor schwebenden Prügdii, der ganzen Wollust 
des Prügeins und Prügelnsehens, bis zu jener schändlichen Scene in 
»Absalons Haar«, wo Harald Kaas seine vornehme, schöne, ungehorsame 
Frau in Gegenwart des Hofgesindes öffentlich auspeitscht. 

»Der Handschuh« hatte nur formulirt, was damals als Forderung 
in der Luft lag. Es war nur logisch: Mann und Weib sind vor Allem 
Mensch. Alle Menschen sind gleich, haben gleiche Ansprüche, 
gleiche Rechte, also gleiche moralische Verpflichtungen. War daher nur 
Sache des Geschmacks, ob man dem Weib die Freiheit des Mannea 
einräumen wollte oder dem Mann die Tugend der Frau aufzwingen. 
Consequenter war selbstverständlich das letztere. Da Satz für Satz der 
Natur und Wirklichkeit widersprach, d. h. nur ein Postulat des Ver* 
Standes war, so musste der letzte Schluss auch gegen die Natur und 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 659 

die thatsächlichen Verhältnisse gezogen werden. Den Frauen, die ja 
schliesslich die Mehrheit sind, passte dies Alles ganz vortrefflich. Die 
Forderungen und der Fanatismus der »Emancipationsdamen« nahmen 
den Charakter des Grössenwahns an. Selbst eine Vorkämpferin ihres 
Geschlechtes, wie Charlotte £dgr6n-Leffler, entzog sich der dummen 
T)rrannei dieser neuen »öffentlichen Meinung« und ihrer zehn Gebote, 
die eine förmliche Dogmatik bildeten. Denn alle Menschen sind zwar 
gleich, aber der Mann ist schlecht und die Frau ist gut, und der Mann 
ist dumm und die Frau ist gescheit, der Mann ist ein Tyrann, die 
Frau eine Märtyrerin, und der Mann hat seinen Platz zu räumen und 
alle (bequemen) Stellungen der Frau zu überlassen. Ob die Frau dann 
den Mann ernähren werde, hatte sie mit sich noch nicht ausgemacht. 
Eine Reaction gegen solche Lächerlichkeiten konnte natürlich nicht aus- 
bleiben. Brandes musste sich gegen den Brandesianismus kehren. Alle 
bedeutenden Geister, alle Menschen von feiner Empfindung und vor- 
nehmem Geschmack nahmen gegen die Emancipationsdamen Stellung. 
Erst machte man sich lustig, dann ^vurde man böse. Auch Gar borg 
hatte die »Handschuhmoral« verspottet, Georg Brandes hatte Luther 
sich zum Bundesgenossen gerufen; August Striudberg war durch 
Spott und Discussion bis zum wilden Handgemenge gekommen. Man 
lese seinen ersten Band »Ehegeschichten« mit der Vorrede und nachher 
den zweiten, um den Weg zu sehen, den er in seiner Stellung zur 
Emancipation zurückgelegt. Es war der Mann erwacht, der Mann, der 
bisher die Frau und ihre Ansprüche grossgehätschelt, ihr ein galanter 
Troubadour gewesen und ein guter Kamerad, der die Welt, die er ge- 
schaffen, mit ihr hatte theilen wollen. Jedoch Aufruhr, Usurpations- 
gelüste duldete er nicht. Man hatte bisher das Weib als die Schwächere, 
die Unterdrückte geschildert. Nun schilderte sie Strindberg als die 
Ausbeuterin. Sie lebte von der Arbeit und den Ideen des Mannes; sie 
sog ihn pecuniär und psychisch aus, und wenn er nichts mehr zu 
geben hatte, betrog sie ihn. Er schrieb seine polemischen Dramen »Der 
Vater«, »Gläubiger«, »Die Kameraden«, »Fräulein Julie«, seinen Roman 
»Am Meeresgestade«, das Stück Seelenbiographie »Die Beichte eines 
Thoren« — Werke einer furchtbaren, ganz persönlichen Rancune gegen 
die Frau, vielleicht gegen eine bestimmte Frau, und einer theoretischen, 
monomanen Angst vor dem Weib der Zukunft, dessen Zerrgebilde er 
schon in einzelnen Erscheinungen der Gegenwart zu erkennen glaubte. 
Er schlug den misogynen Ton an, und in 01a Hansso n gab es Wieder- 
hall, nur dass bei ihm die Polemik sich in Dichtung umsetzte; er 
schrieb damals »Alltagsfrauen«, kleine Skizzen, in denen er versuchte, 
die t3rpischen Abnormitäten des krankhaft verbildeten Weibes zugleich 
analytisch und synthetisch darzustellen. Ueberdies rollten die Norweger 
Hans Jaeger und Arne Gar borg ein Bild des modernen Liebeslebens 
grosser Städte einmal von der Männerseite auf, und darob trat die 
Frauenfrage in der Literatur zurück vor allgemein moralischen und 
socialen Fragen. Und dann wurde die moderne Kunst in einigen Künstlern 
Selbstzweck: der Naturalismus wollte schildern, um zu schildern, es war 

50* 



66o HERZFELD. 

die Bildnerfreude erwacht, die dem rücksichtslosen Wahrheitstrieb bald 
einen überwältigenden grandiosen Zug von Fülle gab — wie es den 
Arbeiten der genialen Norwegerin Amalie Skr am — bald eine medaillen^ 
hafte Schärfe und einen männlichen, oft fast heroischen Styl, wie e& 
den Dramen von Edvard Brandes — oder Witz und feines Form- 
gefUhl, wie es den Sachen von Alexander Kielland, Henrik Pontop- 
pidan und vielen Anderen eigen ist. Und dann traten auch diese zu- 
rück vor einer Reihe von neuen Dichtem, die neue psychologische und 
künstlerische Probleme aufwarfen. Es waren andere Zeiten herauf-^ 
gekommen. 

VI. 

Die zweite jüngere Literaturgruppe löst sich erst allmälig klar 
von der brandesianischen ab. Ihr Kennzeichen ist eine phantheistische 
Hingabe an die Natur, eine innige Umfisissung des gesammten Lebens, 
die Empfindung des unzertrennbaren Zusammenhanges mit dem All. 
Sie nennen diese ehrfürchtigen Schauer, dies innere Wissen darum, dass 
alles Leben nur die Manifestation einer einzigen Kraft ist, alles Vor- 
handene ein Einssein in vielen Formen — sie nennen ihn bescheiden 
Mysticismus. Es ist der gleiche Mysticismus, der den heiligen Fran- 
ciscus antrieb, die Fische, die Vögel, das Gras, ja das Wasser seine 
Brüder zu nennen — alles Kinder einer Mutter, allesammt der 
Erde entsprossen, organisirte Elemente des gleichen Alls. Sie suchen 
aus dem Atomismus zur Einheit zu kommen, das Zersplitterte als- 
Ganzes zu fühlen, auch im eigenen Wesen das Centrale zu finden. Aus 
diesem Centralen heraus suchen sie ihre Persönlichkeit aufzubauen und 
ihre Welt dazu. Sie suchen in der Kunst nicht wie die brandesianische 
Schule die Vertreter einer Verstandescultur, das Universelle, nicht das,, 
was auf der breiten Oberfläche den heutigen Tag erfüllt und mit dem 
heutigen Tag vergeht; sie wollen nicht Querschnitte der Zeit her- 
stellen, sondern Längsschnittef die dem Leben bis an die Wurzel nach- 
gehen, sociale Probleme zu psychophysischen und zu entwicklungs- 
geschichtlichen Problemen vertiefen und das Einzeldasein als Phänomen 
des Gesammtseins erfassen. Sie beseelen den Moment, dass er ein 
Symbol der Ewigkeit werde, eine Quintessenz alles Seins, der Knoten- 
punkt von Vergangenheit und Zukunft, so wie sie auch eine Land- 
schaft beseelen und dem Dauernden die flüchtige Stimmung des Mo- 
ments ablauschen; denn sie fühlen das Leben ebenso in der Land- 
schaft als etwas Persongewordenes, wie sie sich als bewusst gewordene: 
Landschaft empfinden. Man lese nur ein paar analysirende oder be- 
schreibende Seiten von 01a Hansson: Was ist da noch aussen und 
was ist innen? Was Mensch, was Welt? Oder eine Skizze von. 
Per Hallström mit dem ahnungsschweren Inhalt einer Secunde, 
diesem Dunkel vom, diesem Dunkel rückwärts, und das Dunkel voll 
von mystischem Leben — alles voll Leben, auch die Leere, auch der Tod, 
nur unsere Sinne sind blind und nehmen nichts mehr wahr. Oder einen* 
Roman von Thomas Krag: wie spürt man immerfort die Allgegen^ 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 66 1 

wart der Kraft, von der der Mensch nur ein Theil ist, geheimnissvoll, 
t;phinxartig und weltüberschattend gross I Welche Tiefe und Bedeutung 
hat dadurch Alles, was geschieht, und wie kindisch ist alles menschliche 
Hasten und Streben I Wie bei Angelus Silesius ist bei ihm der Umkreis 
«in Punkt und im »Samen die Frucht« enthalten, und das Leben ist 
ihm der »uugewordene Gott«, der sich aus der Natur »herauswirkt«; 
alle Weisheit also : grundgelassen sein, werden und zerwerden, wie 
es in uns gelegt ist, und das Leben erleiden ohne Lächeln, doch auch 
ohne Klagen. Das ist zwar nicht Christenthum, aber doch Religion, 
zum mindesten Frömmigkeit im Sinne Goethe's. Wieso auf einmal 
dieses ? Reaction. Reaction gegen die positivistische Dogmatik, Reaction 
gegen den öden Skepticismus, Reaction gegen den ganzen Brandesia- 
nismus — eine von den Reactionen, die Brandes als nothwendig be- 
zeichnet hat. An Stelle des schweifenden Kosmopolitismus trat wieder 
das Bedürfniss der Wurzelhaftigkeit, des Festverwachsens mit Race und 
Boden. Man wurde vielleicht einseitiger^ aber mehr zusammengefasst. 
Das sympathische Verständniss umspannte minder viel, aber es bohrte 
sich mehr in die Tiefe. Die Probleme erschienen nicht so klar, aber 
sie wurden auch nicht so leichtsinnig aufgestellt. Denn der Mensch 
war nicht so einfach, wie man es sich gedacht, und die Welt viel 
tiefer. Ein Jonas Lie hatte das immer dumpf empfunden, ein Ja- 
cob s e n es immer klar gewusst. Wieso aber gab es nun Reaction auf 
der ganzen Linie? Man hatte sich eben durchgezweifelt und durch- 
gegrübelt und durchgelitten und Nietzsche, Du Prel, Ribot, 
Binet, Lombroso^ der Rembrandt-Deutsche und Garin hatten 
als Nothhelfer und Befreier gewirkt. Die Etappen, die bis dahin zurück- 
zulegen waren, studirt man am besten an Arne Gar borg. 

vn. 

Arne Garborg hat innerlich so ziemlich Alles durchlebt, was in 
den letzten zwanzig Jahren zu erleben war. Er kam nach Christiania 
wie sein Daniel Braut, voll der rührenden Naivetät des grossen Bauern- 
jungen^ der Alles glaubt, was Stadtherren und Gelehrte sagen. Dabei 
war er jedoch fromm, tief fromm. Und er wollte es bleiben, trotzdem 
Brandes und die moderne Bibelkritik an seinem Glauben gar heftig 
gerüttelt hatten. Er studirte theologische Werke, um sich daraus Waffen 
zu schmieden; dann schrieb er eine Apologie des Christenthums. Für 
den Laien sah es wenigstens aus wie eiue Apologie, doch in heim- 
lichen Andeutungen legte er seine Zweifel nieder — für die Schrift- 
gelehrten, die Zionswächter, damit sie ihn und seinesgleichen wider- 
legten. Er wartete und wartete. Doch keine Antwort kam. Ganz ver- 
zweifelt suchte er das Denken aufzugeben und nur in aller Einfalt zu 
glauben. Da hörte er Bjömson eine Rede halten »über das Leben in 
der Wahrheit«, und es packte ihn förmlich ein Fanatismus. Ein rascher 
Entschluss, ein Sprung ins Leere I*) Er suchte die Lücke des ver- 

*) S. Gerhard Gran über Arne Gar borg, »Samtiden«, Maiheft 1897. 



662 HERZFELD. 

lorenen Glaubens mit »naturwissenschaftlicher Erkenntniss« auszustopfen ; 
übrigens wurde sein Leben auch zu voll von Arbeit, um diese Lücke 
stark zu Tühlen. Er begann seine dichterische Thädgkeit. Es erschien 
sein »Freidenker«, an dem er sich eigentlich erst frei geschrieben, dann 
»Bauemstudenten«, eine unvergleichlich reiche und echte Culturstudie 
voll sanfter Traurigkeit und Discretion in der Satyre, ein Stück Selbst- 
durchpeitschung und Ablösung des schlechteren Theiles von sich, indem 
er schildert, wie ein wildphantastischer Bauemjunge zu »Ueberzeugungen« 
kommt und durch Snobismus zum Bourgeois emporsteigt und schliess* 
lieh eine Stütze von Staat und Kirche wird. Das war nicht ganz Arne 
Garborg's Weg. Er war durchaus keine Gesellschaftsstütze, trotzdem 
er vom Storthing zum Staatsrevisor ernannt war. Er schrieb sich sogar 
um Amt und Würden, um das tägliche Brot und die gute Meinung 
braver Bürger, als er seinen Sittenroman »Mannfolkf herausgab, dieses 
neben Jaeger's »Kristiania-Boheme« berüchtigteste Buch Norwegens, das 
er gewiss sich nicht zum Spass verfasst hat. Man nannte es ein un* 
sittliches Buch, und es war nur ein Buch über Unsittlichkeit Ein Buch, 
geschrieben, um Nachdenken zu wecken und Wandel zu schaffen. Denn 
zweierlei beherrscht die Lebewelt: Hunger und Liebe — am mächtigsten 
der Trieb, sich selbst zu erhalten, und zunächst diesem der Trieb, die 
Gattung zu erhallen. Die »Unsittlichkeit«, das ist nur der abgedämmte, 
missleitete Liebestrieb, der in unserer Gesellschaft nicht zu seinem 
Rechte kommt. Wenn man je diese »Unsittlichkeit« so in der Nähe 
gesehen, dass es Einem, wie Garborg sagt, ein Schreck im Blut ge* 
worden, so weiss man nur: es kann so nicht mehr weitergehen, und 
es muss anders gehen. Daher will Garborg's Buch eine sociale Um« 
Ordnung bewirken, damit es möglich werde, dass zwei Menschen jung 
zu einander kommen. Und leichte Trennbarkeit der Ehe, damit sie 
nicht zu Zwang und Heuchelei werde. Denn die Liebe könne die Erde 
zu einem Garten Gottes machen, sagt er, und nun sei sie der Welt- 
sumpf, der die Menschheit mit Pestilenz schlägt . . . Und dann schrieb 
er das Ergänzungsbuch zu »Mannfolk« : »Bei Mama« — die Geschichte 
des armen Mädchens und des Zwangs der Verhältnisse, der auch bei 
ihr die Liebe nicht zu ihrem Recht kommen lässt, ein Buch, an dem 
sich Garborg krank und trostlos schrieb. Er kam nach Deutschland, 
er lebte mit Socialisten, und sein Glauben an den Socialismus alä den 
Glückbringer, Schönheitsbringer wurde erschüttert. Andere Stimmen 
waren in ihm wach geworden, und äussere Wirkungen kamen zu Hilfe. 
Es begann in ihm eine philosophische Umwerthung seiner Erkenntniss. 
Was gab uns die Naturwissenschaft? Erklärungen? Nur Facten. Die 
Beschreibung der gewöhnlichen Aufeinanderfolge von Phänomenen. Ist 
aber ein Phänomen auch wirklich ein Factum? Welchen Prüfungs- 
massstab haben wir als unsere Sinne? Unsere armen Sinne II Dieses 
Stückwerk; das sie aufiangeo, und das unser Hirn so allzu menschlich 
deutet — gibt es auch nur ein verlässliches Bild der Welt? Und 
welchen Werth hat das Bild, wenn wir nur nach dem Sinn begierig 
sind ? Was sagt uns die moderne Weisheit : wozu das Alles ? Rings 



DIE SKANDINA^SC^E LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 663 



'». 



in der Welt dieselben Klagen — von Bourget's »Essais de Psychologie« 
an bis zu Szie'nkiewicz' »Ohne Dogma«. — Garborg*s »Müde Seelen« 
sind die ergreifendste, umspannendste Spiegelung dieser Gemüths« 
erkrankung unserer Zeit Was ist ihnen Allen das Leben? Ein lang- 
samer Schiffbruch, der Schiffbruch aller Wünsche, Hoffnungen, Aus- 
sichten, Ideale, ein Schiffbruch der Persönlichkeit» ein Aufgeben des 
eigenen Selbsts Stück für Stück. Alles aussichtslos, ohne Vor- und 
Nachher, ein Umherirren ohne Zweck und Ziel und Steuer. Der Glaube 
gab doch eine Art von Antwort auf unsere Fragen; die Wissenschaft 
verzichtet auf das Fragen, weil sie keine Antwort findet Mit der Re- 
signation des »Ignoramus, ignorabimus« kann der Mensch nicht leben, 
leben aber muss er, so will er lieber glauben. Und ist im Glauben, 
im geoffenbarten Glauben, im heiligen Worte Ruhe zu finden? Gar- 
borg schildert im Roman »Frieden« einen aufrichtig und mit voller 
Seele Suchenden; es ist zwar nur ein Bauer, doch er weiss, dass sein 
Heil und sein Leben daran hängt, dass er den inneren Frieden finde. 
Doch nur Verwirrung packt ihn. Auch im christlichen Glauben ist 
nicht Frieden. In einer neuen Arbeit Garborg's ist das Thema jedoch 
weiter gesponnen. Nicht im christlichen Glauben, sondern im christ- 
lichen Thun ist Frieden. Nicht im SündigfUhlen, sondern im Heilig- 
werden, nicht in Selbstbespiegelung, sondern in Selbstentäusserung. Im 
Drama >I>er Lehrer« befreit sich der Sohn jenes Bauers, der an seiner 
Religion zugrunde ging, vom Wort des Evangeliums, er lebt im Geist 
der Lehre. Er gibt dahin, was er hat, er theilt seine Arbeit, seinen 
Trost mit den Anderen, die bedürftig sind. Wie ein Apostel geht er 
durch die Welt, ein Bauemapostel, eia fleiscbgewordener Christus 
Uhdes. Und er erleidet das Märtyrerthum, das auch heute die Welt 
für ihre Erlöser bereit hält Ist aber Leiden und Märtyrerthum ein 
Gegenbeweis?. . . Ich glaube nicht, dass Garborg just sagen wollte : »Gehet 
hin, und thuet Alle desgleichen!« Viele Wege führen aus der Welt- 
verzweiflung, jeder Mensch muss den seinigen suchen. Garborg hat 
eine kleine Abhandlung geschrieben: »Der Glaube an das Leben«. Er 
zeigt den Bankerott des Optimismus, der das Weltleiden nicht erklären 
kann. Und er zeigt den Bankerott des Pessimismus, denn trotz aller 
Leiden leben wir doch. Wir leben, und Alles lebt — lebt so viel und 
so lang es kann — mit einer Energie, einem Eifer, einer Unermüdlich- 
keit, die erstaunlich ist, in allen Verhältnissen, unter allen Umständen. 
Das gibt dodi zu denken; es muss im Leben etwas stecken, das 
Leben muss etwas wollen — und wäre es nichts als das Leben ; da 
wir gegen das Leben doch nichts vermögen, so ergeben wir uns darein. 
Ergeben wir uns darein, und nicht bloss mit Resignation, sondern mit 
Frömmigkeit, folgen wir freudig seinen Winken und seinem Willen, 
glauben wir an seinen geheimen Sinn, und es wird einen Sinn für uns 
bekommen. Wir mögen das dann Religion nennen oder Mysticismus, 
und was in uns wirkt, Leben, Natur oder Gott — genug, dass wir 
den Glauben haben. — So Arne Garborg. Es ist die leise Stimme 
eines Genesenden, die wir hören, der auf einen Stab gestützt, noch 



1 



664 HERZFELD. I 

I 

müde und schüchtero, doch mit inniger Freude dem Leben und seinen 

Lockungen lauscht. Er will fiir's Erste noch nicht führen, sondern sich 

fuhren lassen. Nur dem Willen und den Winken des Daseins gehorchen i 

und die Wege gehen, die es ihm weist. Erst sich selber linden und 

dann das Werk, das ihm zu leisten aufgetragen. 

(ScMuss folgt.) *< 



DIE VERZAUBERUNG MERLIN'S. 

(Gemälde von EDWARD BURNE-JONES.) 

Er hört ein Flüstern, träumerisch und leise, 

Wie es verschwebt in kleinen Intervallen 

Und wieder naht: gleich glühenden, suchenden Krallen 

Umtanzen ihn züngelnde Feuerkreise. — 

Des lächelt sie so überlegen- weise, 
Schneller bewegen sich die Blutkorallen 
Der vollen Lippen^ ihre Locken wallen: 
Sein stolzer Muth erliegt der Zauberweise. 

Und seine Hand tastet nach ihrem Kleide: 

Nur einen Stützpunkt auf der weiten Fläche, 

Dass er den Leib aus seinem Starrkrampf wecke! — 

— Auf flammt am Himmel erstes Sterngeschmeide, 
Und jede Form rinnt ihm in Dämmerungsschwäche: 
Der Wald, das Weib, die blühende Weissdornhecke 

Charlottenburg. FRIEDRICH PeRZYNSKI, 



ZUR CHARAKTERISTIK STANISLAW 
PRZYBYSZEWSKrS. 

Von Alfred Neumann (Wien). 

Ein verhältnissmässig kurzer Zeitraum genügt heute, um nur zu 
bald in gleichgiltige Vergessenheit zu bringen, was gestern noch strahlend 
gleich einem neuen Gestirn am Himmel aufzog, was gestern seinen 
gleissenden Schimmer auf die dunkle Welt warf, was gestern einer 
unerschöpflichen Lichtquelle glich. Ob in kurzer oder längerer Zeit — 
einerlei: das dunkle Schicksal »Vergessensein« blickt grinsend durch 
die Scheiben auf ihn, der eben noch sich unvergänglich dünkt und der 
da wähnt, es werde ewig so bleiben. . . 

Und doch, nicht Alle verdienen dieses harte Lost 

Einer besonders nicht, einer, der mit kühnem Salto mortale 
in den Sumpf »Literatur« sprang und sich mit kräftigen Stössen 
durch das zähe, gefährliche Binsengestrüpp, das aus den Tiefen 
lauernd seine Arme hebt, hinüberarbeitete zu dem fernen, unbetretenea 
Lande, in das sich noch Niemand gewagt. Einer, der muthig in die 
pfadlose, furchtbare Wildniss der Psyche zog und mit schülemden 
Schätzen beladen zurückkam, mit fremden, blutrothen Steinen und 
Schmuck aus glühendem Golde, das sengend die Hand des unberufenen 
Neugierigen verbrennt: 

Stanislaw Przybyszewski. . . 

So soll denn diese Arbeit, soweit sie es vermag, dem wider- 
wärtigen Dünkel, dem bequemen NichtmehrsehenwoUen entgegentreten, 
mit dem die Welt einem ihrer besten Söhne begegnet. Privatbriefen 
Przybyszewski's an den Verfasser sind die weiter unten citirten Stellen 
entnommen, die neue Lichter werfen mögen auf alles das, was jener 
mit Recht und Stolz sein Werk nennen darf. 



Wenn man Przybyszewski's nur ihm eigenen modus cogitandi 
et cantandi in kurze, präcise Worte fassen möchte, es gelänge nicht, 
denn er ist in Allem originell und originär; von welcher Seite man 
ihn auch betrachten mag, nie erinnert er an ein Vorbild, das zu Akiba's 
fatalem »Schon dagewesen« Grund geben könnte. Er ist eine Er- 
scheinung, die durch das Unerhörte, Niegekannte, Kaumgeahnte ihrer 
Individualität frappirt, blendet, mit sich fortreisst. Man bedenke nur, 
ein Pole, der das reinste, oft wimdervollste Deutsch schreibt, ein 
Deutsch, das neue Bilder, neue Worte, neue Verbindungen bringt, die 
Schriftstellern nicht in den Sinn gekommen, welche in ihrer Muttersprache 



666 NEUMANN. 

erzogen wurden! Mit Recht kann Prxybyszewski von sich sagen: »Ich 
habe die deutsche Sprache in vielen Beziehungen bereichert, und zwar 
durch den Ton, Klang, die Satzstellung und den Geist der in plastischer 
Hinsicht viel reicheren Sprache, der polnischen, in der ich meistentheils 
denke. Ich habe den Vorstellungsinhalt bedeutend vermehrt durch Ver- 
schmelzung von Tast-, Farben- und Gehörsvorstellungen, wodurch ich 
dem Gefühle, das in der Sprache nur einfach ist, seine seelische Com* 
plication wiedergegeben habe.« 

Bei dieser Gelegenheit soll auch ein Vorwurf entschieden ab- 
gelehnt «Verden, der von den Neidern Przybyszewski's oft erhoben 
wurde, er habe semen für ihn so prägnanten Styl — man vergleiche 
»Todtenmesse«, »Unterwegs«, »Im Malstrom« und »Satanskinder« — 
von Friedrich Nietzsche entlehnt. 

Weil er in nicht zu langer Zeit nach Nietzsche auftrat, weil man 
bei einem philosophisch gebildeten Manne, wie Przybyszewski es bekanntlich 
ist, annehmen muss, dass er sich mit dieser letzten, epochalen Er* 
scheinung beschäftigt habe — er schrieb ja auch über »Chopin und 
Nietzsche« — und weil sein Styl Aehnlichkeit mit der Schreibweise 
des Anderen aufweist, darum sofort der mehr oder minder versteckte 
Anwurf des Plagiates 1 

Wohl ist es richtig, dass Przybyszewski's kühne, in's Grosse, 
Mächtige schweifende Sprache als Ausdruck gewaltiger, oft übermensch- 
licher Gedanken an die Rhapsodien des Titanen gemahnt, aber des- 
wegen ist sie noch lange nicht entlehnt, unoriginär. »Nietzsche und ich 
stecken in derselben Mutterlauge, in der slavi sehen Erde; ich weiss 
nicht, ob er die polnische Sprache gekannt hat, jedenfalls ist ihm durch 
Vererbung die slavische Getragenheit, die Liebe für das Prächtige und 
Schwere geblieben. Nietzsche's Styl, der in Deutschland neu ist, ist 
der slavische Styl par excellence. Sehen Sie sich daraufhin Mickiewicz, 
Slowacki in »Anhelli«, besonders aber Krasinski in »Irydion« und 
»Niebosko Komedja« an. Lesen Sie den »Todten Ton« von Komel 
Ujejski, den Richard Dehmel mit meiner Hilfe übersetzt hat Das also 
was an Nietzsche originell erscheint und was man mir von deutscher 
Seite als Nachahmung auslegen möchte, ist das nationale Gemeingut, 
die Eigenthümlichkeit der slavischen Sprache, ebenso wie der litauischen 
und des Sanskrit. . .« 

All diese Vorzüge, die Verschönerung und Vermehrung unserer 
Sprache, die Bereicherung des Vorstellungsinhaltes, Vorzüge, die an 
und für sich schon genügend wären, um den Namen des Dichters für 
lange Zeiten berühmt zu machen, sie treten gegen Przybyszewski's 
grösstes Verdienst weit in den Schatten; wir verdanken ihm die Be- 
freiung der gesammten erzählenden Prosa, namentlich des Romanes 
aus drückenden Fesseln, seitdem er den psychischen Roman und 
jene literarische Gattung geschaffen, die vor ihm nicht existirt hat und 
für die es keinen technischen Namen gibt »Ich meine diese Mischung 
von Gedicht und skizzirter Situation, diese leben- und weltentrückte 
Phantasieform, in der »Vigilien«, »Todtenmesse« und »De profundis« 



ZUR CHARAKTERISTIK ST AN. PRZYBYSZEWSKI'S. 667 

geschrieben sind. Traum und Vision verfliessen mit der Wirklichkeit 
zu Einem. Das Wirkliche ist nur unklar zu erkennen, es tritt voll- 
kommen zurück, um nur das Leben der Seele in gewissen Momenten, 
ganz unverschleiert zu zeigen. Vollkommen gleichgiltig wurde das, was 
geschehen ist, nur die Reaction der Seele auf dies zum Theile 
unbekannte Erlebniss ist geblieben. Diese Gattung Poesie ist so fremd, 
so unklar, dass sie auch völlig missverstanden wurde. Man suchte nach 
Handlung und fand nur eine entfesselte Geftihlsorgie, man suchte nach 
klarer, logischer Auseinandersetzung und fand das schwer zu ent- 
räthselnde wirkliche Bild der leidenden Seele, worin ein Traum den 
andern ablöst, und hie und da nur fand man ein paar intervalla lucida, 
die ahnen lassen, was vorgegangen ist.« 

Hier komme auch Przybyszewski's Fieberproblem zur Sprache. 
•Man hat geglaubt, dass es mit um Fiebererscheinungen zu thun ist. 
Durchaus nicht; ich habe bloss die Seele in dem Momente wieder* 
zugeben gesucht, in der sie alle Formen ins Riesenhafte gesteigert, 
ins Grosse ausgewachsen sieht Ich speie auf den normalen Menschen 
des ekelhaft philiströsen Dichters; denn mir ist um den Menschen zu 
thun^ vor dessen Auge das Leben in seiner furchtbaren Ganzheit vor- 
überströmt, dem sich die alltägliche Wirklichkeit plötzlich in ihrem 
Urgründe öfbet und dem sie ihre schauerlichen Geheimnisse gezeigt. 
Ich glaube, Maeterlinck hat das prachtvolle Wort gesagt: »Et tout est 
effirayant, lorsqu'on y songe,« und die Menschen, die ich dargestellt habe, 
sahen nur immer das »Effrayante«. Für mich ist das Fieber nur die 
gesteigerte Ekstase des Gefühlslebens, die Himmel- und Höllenfahrt der 
Seele, für mich ist das Fieber, was für den mittelalterlichen Menschen 
die Verzückung war, ein Mittel zum Zweck. Dort ein sehr egoistisches 
Mittel, um ein paar Stunden mit Gott oder Satan zu verleben, bei 
mir ein verzweifeltes Mittel, um meinen theueren Mitbrüdem in Christo 
zu zeigen, dass die Welt noch etwas Anderes ist als ein fashionables 

B 1, gutes Mittagessen, Geldsorgen und Carriere. Ich wollte auch 

zeigen, dass die Liebe denn doch mehr ist als das, wofür sie das 
Durchschnittsthier hält, dass sie der Mutterschoss und der Golfstrom, 
die Wurzel und die Sonne des ganzen Lebens ist. 

Eigentlich wollte ich nichts zeigen, ich schrieb und dichtete und 
blutete die Welt aus, wie ich sie empfunden, geschaut, schmerzhaft 
durchlitten habe« 

C'est cela. . .« 

Man lese die Vorrede zur «Todtenmesse«, man lese «Pro domo 
mea«, man lese vor Allem »Auf den Wegen der Seele«, dort findet 
man Przybyszewski's Worte mehr als bestätigt. 

»Die Kunst scheint für mich etwas Anderes zu sein als für alle 
Anderen, denn ich hasse die Wirklichkeitsschilderer ; ich hasse die 
endlose Beschreibung von Möbeln, von der Schönheit der Helden und 
Heldinnen, kurz gesagt, ich hasse jede Beschreibung des Wirklichen. 

Ich hasse die sogenannten «reinen Künstler«, die ferne von 
allem Leben ihre aufconstruirte, mühsam aus schwächlichen Gefühls- 



663 NEUMANN. 

Surrogaten und noch schwächlicherer Phantasie zusammengeleimten 
Träume spinnen. 

Ich hasse über Alles die rührseligen Mitleidsergüsse, hasse Alles, 
was sich nicht rächen kann, was nicht Zerstörungskraft in sich hat. 

Ich hasse alle Tendenz, alle Harmonie, alle behäbige Zufriedenheit, 
das Alles hasse ich, weil ich die Menschen liebe, die nur durch Chaos, 
Zerstörung, Qual und Zügellosigkeit vorwärts kommen . . . « 

Man bekommt sie wirklich entsetzlich satt, unsere Romane von 
Heyse und Spielhagen mit dem stereotypen Milieu von Grafen und 
interessanten Hofmeistern, Schlossleben und Hinterhaus, Verlobung, 
süssem Familienleben und obligatem Hömerschmuck des Gatten, wenh 
man Przybyszewski's rein psychologische, im düsteren Reiche der Seele 
spielende Arbeiten gelesen hat 

Es ist nur berechtigter Stolz, nicht Unbescheidenheit, wenn er 
von sich sagt: «Ich habe kein Wort geschrieben, das nicht aus der 
Seele des Betreffenden, der das Buch trägt, gekommen wäre. Man wird 
nicht ein einzigesmal finden, dass ich persönliche Bemerkungen über 
meine »Helden« machen würde. Ich schildere nicht; ich lasse sie 
leiden, sprechen, sehen, ohne dass ich irgendwie Stellung nähme. 
Kommt eine Schilderung vor, so dient sie nur dazu, die Stimmung zu 
kennzeichnen, in der sich der Betreffende befinplet; dann aber ist sie 
erlebt, in der Seele des Handelnden erlebt. Bis jetzt hat jeder Roman- 
schriftsteller den Unfug begangen, persönlich in die Handlung einzu- 
greifen. Bei jeder Gelegenheit sagt er: Das hat er gut, das hat er 
schlecht gemacht, der war ein Schurke, dieser da ein edler Mensch. 
Jede Person, die auftrat, wurde zuerst eingehend beschrieben (man 
nannte das »charakterisirt«), dann wurde ihr Lebenslauf erzählt, ihr 
Zimmer geschildert etc. etc. So hat der Romanschriftsteller vor mir 
die Phantasie des Lesers von vorneherein bestimmt, er hat ihr den 
Maulkorb angelegt und den Weg gezeigt, welchen sie gehen soll. Er 
hat ihr nicht den geringsten Spielraum gelassen; Alles wurde gesagt, 
der Leser wusste, die Handlung gehe in dem und dem Jahre, in der 
und der Stadt vor sich; der Mensch sah so und so aus, er war dort 
und dort in der Schule, er hatte diese und jene Charaktereigen- 
schaften etc. Der Dichter also hatte von vorneherein den Leser in 
infamster Weise vergewaltigt! 

Bei mir kein Wort von der Vergangenheit; nur zufallig erfahrt 
man aus dem Gespräch durch eine kleine Bemerkung Einiges über das 
frühere Leben, über die Aeusserlichkeiten. Man weiss nicht genau, wo 
sich meine Personen befinden, wer sie sind, woher sie kommen. Denn 
alles das ist nur wichtig für dumme Weiber, die ins Bad reisen und 
Leetüre haben wollen, wichtig für den Börsenjobber, der sich in der 
Stadtbahn nicht langweilen will, wichtig für die zahllosen Durchschnitts^ 
menschen, denen Alles vorgekaut werden muss; und diese Menschen 
existiren für mich nicht. 

Für mich und meine Helden ist nicht die Form, die Farbe des 
Beinkleides wichtig, sondern der Seelenzustand, in dem sie sich be- 



ZUR CHARAKTERISTIK STAN. PRZYBYSZEWSKI'S. 669 

ünden, ihre gegenseitige Einwirkung, die Conflicte, die sich ergeben. 
Mein Roman besteht nicht aus persönlichem, höchst überfliissigem 
Geschwätz des Dichters über seine Menschen, die er für sich sollte 
reden lassen, sondern aus einer Reihe dramatischer Scenen: mein 
Roman ist eigentlich ein Drama mit ewig wechselnder Scenerie, nur 
hie und da, wie in »Homo sapiens«, durch einen stummen Monolog 
unterbrochen. Nichts sage ich über meine Helden; dagegen lasse ich 
sie oft Dinge sagen, die mir wehe thun, ich lasse sie sich wider- 
sprechen, sich freuen und leiden : denn im höchsten Grade wäre es 
falsch, m i r persönlich eine einzige Meinung zu unterschieben, die meine 
Menschen sprechen. Ich lege von vorneherein keine Suggestion auf; 
der Leser muss sich selber Alles erringen, seine Phantasie muss mit- 
arbeiten, mein Leser muss selbst ein Dichter sein — daher er- 
klärt sich das Unpopuläre meiner Schriften . . . « 

Das Substrat der psychischen Romane Przybyszewski*s bilden 
zwei von ihm fast ausschliesslich behandelte Themata: die Psycho- 
logie der Erotik und des Satanismus. Es sind die tiefsten, die 
quälendsten Consequenzen, die Przybyszewski aus dem agens movens 
des ganzen Universums zieht: Was andere Scribenten mit frivolen 
Scherzen, im besten Falle mit der gewöhnlichen Schablonenweisheit 
des homme mödiocre abthun, wo jene Alpha und Omega der schwersten 
Frage in der stupiden Befriedigung des animalischen Triebes sehen, 
ohne die unzählbaren, undefinirbaren Zwischenglieder, die Vibrationen 
zwischen Anziehung und Abstossung, die unmerkbaren Untergedanken, 
die wahnsinnigen Kämpfe der in jedem Geschlechtsverkehr leidenden 
Seele zu beobachten — alles das, was Andere in ihrer enormen 
Bornirtheit so leichtfertig behandeln, ergibt für Przybyszewski eine 
ungeheure Menge von psychologischen Untersuchungen, bei denen sein 
Talent bald in babylonischer Schwelgerei den Becher trunken hebt, 
bald in grellem Todestanze röchelnd hinabsinkt in jene Tiefen, die 
nicht erfassbar sind für Menschengehime. Er zergliedert die Empfin- 
dungen des Sexus in seinen Emanationen mit grausamer, unheimlicher 
Genauigkeit, er beobachtet und untersucht die geheimsten Regungen 
des Geschlechtes: wo Andere zögernd, von instinctivem Zweifel erfüllt 
innehalten, da beginnt Przybyszewski erst seine Minirarbeit. Mit in- 
tuitivem Seherblick begabt, erräth er, was sich hinter dem grossen 
Fragezeichen der Natur abspielt, in jenen Regionen, die dem Forschen 
verschlossen sind. Und wenn er das verschleierte Bild von Sais er- 
blickt, dann kehrt er nicht schweigend, nicht weltentrückt zurück, sondern 
er legt in wunderbarer, oft grauenvoller Klarheit dar, was er geschaut. 

Den Gipfelpunkt dieses seines Könnens bildet wohl die «Todten- 
messe«, nicht unrichtig die «Tragödie des modernen, emancipirten 
Gehirnes« genannt — ein in unsagbar schöner Form geschilderter 
Kampf zwischen dem Greschlecht und dessen Kinde, dem Gehirn. Be- 
schreiben, in dürren Worten sagen, was diese düstere Passionsgeschichte 
eines abnorm Denkenden und sexuell Psychopathischen enthält, wäre 
vergeblich . . . 



670 NEUMANN. 

In letzter Zeit ist Przybyszewski von der Behandlung sexueller 
Probleme etwas abgewichen, um sich seinem Lieblingsthema vollkommen 
zu widmen: dem Satanismus. »Auf dieses Gebiet wurde ich durch 
das Studium des Mittelalters hingewiesen,« schrieb er mir, »ich habe es 
mehrere Jahre nach allen Richtungen hin durchgearbeitet und ich kann 
behaupten, dass ich in dieser Beziehung eine seltene wissenschaftliche — 
nicht praktische — Competenz besitze.« 

Sein volles Können als palladistischer Schriftsteller hat Przybyszewski 
in den »Satanskindern« niedergelegt. Wer nicht einmal wenigstens 
in seinem Dasein zur wehen Erkenntniss gelangte, dass alles Organische 
in einem unaufhörlichen, stets wechselnden Kreistanz von Schmerz und 
wiederum Schmerz sich drehe, wer nicht, ob gesund oder krank, arm 
oder reich, Mann oder Weib, einmal mit blutendem Herzen grell auf- 
schrie: »Wozu das Alles?. , .« der kann nicht fühlen, was Przybyszewski 
vermag, welch betäubende Gewalt von Dämonenhand diesem dunklen 
Sänger dunkler Lieder verliehen wurde. Es ist, als stiere das Haupt 
der Medusa aus den Worten hervor, die vor den angstgequälten Augen 
zusammenfliessen in ein tiefes, todtes Schwarz; züngelnde, giftige Schlangen 
mit den süssen, bestrickenden Augen der Sünde schnellen auf, gleitende 
Flammen zucken in die Nacht, Flammen, die aus zerstörten Häusern, 
Städten, Welten aufsteigen und im chaotischen Nirwana begraben, was 
heilig und erhaben gewesen seit tausenden und abertausenden von 
Jahren; nicht mehr Worte sind es,die Przybyszewski zu seiner Schaar 
spricht: der Todesjubel Liszt'scher Rhapsodien, die dumpfe Trauer 
Tschaikowsky's, die unendliche Süssigkeit Chopin's tönen aus den tiefen 
Seufzern des Mannes, der seinen Zwecken die Leidenschaft zähmt wie 
ein bäumendes Ross. Melodien singt er zur grellbesaiteten Leier, wahn- 
sinnige, furchtbare, unbeschreiblich schöne Melodien, die das Herz 
packen wie mit krampfender Faust, die lähmen und hinreissen zum 
bacchantischen Jubel, zur tödtlichsten Verzweiflung wie der Fandango, 
die Tarantella. . . 

Man hat Przybyszewski Wahnsinn und Tollheit vorgeworfen. Aber 
»verrückt« und »toll«, diese Worte sind zu eng geworden, sie sollten 
heute für gewisse Individuen abgeschafift werden: in einer Zeit, in 
welcher der Nerv, die Psyche, das Innenempfinden endlich beginnen, 
ihre lang unterdrückten Rechte im fasenden Sturmlauf zu erobern, in 
einer 2^it, wo Künstler erstehen, deren Endziel nicht mehr ist, die 
dubiosen 6tats d'ime des Herdenviehs zu schildern, die gewöhnlichen, 
alltäglichen Erscheinungsformen der Liebe, des Lebens, der Natur, 
sondern die den feineren und allerfeinsten Vibrationen der Seele lauschen 
und sie in fremde, ungekannte Worte kleiden, in Worte, die mehr ver- 
schweigen, als sie enträthseln, und die dennoch eine schwerersehnte Er- 
lösung und Offenbarung bringen als wären sie Prophetensprüche — in 
einer solchen Zeit sind »verrückt« und »toll«, wenn sie in dem früheren, 
landläufigen Sinne gebraucht werden, Anachronismen. 

Noch einmal soll Przybyszewski in eigener Sache zum Worte 
kommen — bei seiner Abkehr von der Sprache, in der er bis jetzt 



ZUR CHARAKTERISTIK ST AN. PRZYBYSZEWSKI'S. 67 1 

geschrieben: »Ich bin ein Pole, meine Muttersprache, die ich selbst- 
verständlich in höherem Masse beherrsche als die deutsche, ist polnisch. 
Ich begann, abgesehen von verschiedenen anderen Gründen, deutsch ' zu 
schreiben, weil ich in meiner Heimat anfangs ein zu geringes Publicum 
gefunden hätte. Jetzt habe ich in der herangewachsenen Jugend einen 
so starken Hinterhalt, dass ich wohl bald von der deutschen Literatur 
Abschied nehmen werde, in der ich doch immer als der Fremde, ja 
zum Theil als ein Intrus galt. Aber mit grossem Danke, mit Freude 
werde ich immer daran denken, wie unermesslich viel ich dem germa- 
nischen Geist und der germanischen Cultur zu danken habe. Ich liebe 
die deutsche Sprache ganz ungemein ; sie besitzt zwar nicht den grossen 
plastischen Werth, den die polnische Sprache hat, dafür aber bedeutend 
mehr culturelle Tradition. Dabei ist sie biegsam, sie schmiegt sich an 
jede Empfindung, und es bereitet mir immer von Neuem eine grosse, 
schöne Freude, mit ihr zu kämpfen, sie zu zwingen, sie zu polonisiren, 
d. h. ihr den fabelhaften, musikalischen Werth meiner Muttersprache 
zu entlocken. . .« 



Die Zeit geht ihren ehernen Gang weiter, zu Boden drückend, 
was sich ihr in den Weg stellt. Was gestern Gipfel war, heute ist*s 
ebenes Thal, was gestern zum Himmel ragte, liegt heute gestürzt am Boden. 

Rastlos vorwärts I 

Nur um einzelne Klippen brandet die Fluth, um Klippen, die mit 
Titanenstärke dem Anprall trotzen. Sie wanken nicht, einsam stehen 
sie da in ihrer unermesslichen Grösse, in ihrer göttlichen Kraft. . . 

Chopin, Nietzsche, Wagner... und noch einer .. . Er, dem diese 
Worte galten, er, der mit blutendem, zuckendem Herzen schuf, der die 
Lieder des Wahnsinns, der entfesselten Phantasie, der. satanischen 
Qualen sang: 

Der einzige, unersetzliche Künstler — der Pole Stanislaus Przy- 
byszewski. . . 



DIE UMWERTHUNG DES SCHULDBEGRIFFES. 

Von Arthur Dix (KöUn). 

Es ist nachgerade ein Gememplatz, dass in den letzten Jahrzehnten 
eine grosse Umwerthung der moralischen Werthe theils sich vollzogen, 
theils begonnen hat Die alten Formeln sind ausgeschaltet, den alten 
Worten ist ein neuer Begriff gegeben. Das Ringen nach psychologischer 
Erkenntniss hat zu grossen Revolutionen im Reiche der moralischen 
Werthungen gefuhrt. 

Wie der naive Mensch schwarz und weiss als zwei absolut ent« 
gegengesetzte Grundfarben auffasst und der Gelehrte sie ihm lediglich 
als Lichterscheinungen offenbart, nicht aus sich selbst als etwas Eigenes 
bestehend, sondern erzeugt von der Menge oder dem Mangel des Lichtes, 
durch alle Stufen des Grau ineinander übergehend, so zerstört der 
Ethiker dem naiven Menschen die festen, absolut entgegengesetzten 
Grundbegriffe gut und böse und lässt sie gleichfalls von aussen her, 
durch fremde Ursachen gebildet werden und sich mannigfach gegen 
einander verschieben. 

Es ist wohl zu beachten, dass die Umwerthung der moralischen 
Werthe der Hauptsache nach nicht in der grauen Theorie, in der 
philosophischen Speculation ihre Grundlage hat — unmittelbar aus der 
Praxis ist sie geboren ; der Anstoss zu der grossen Umwandlung kam 
von Aerzten, eine Thatsache, die an sich schon genügt, um zu 
bezeugen, wie sehr die seelische Gesundheit von der körperlichen ab- 
hängig ist. Aerzte sind es gewesen, die zuerst die Wurzel der morali- 
schen Krankheit auf neuer Grundlage untersucht haben, und so weit 
ihre Einseitigkeiten von der neueren Forschung auch überholt sind, an 
ihr Wirken knüpft doch die ganze tiefgreifende Umgestaltung der Ver- 
brecherlehre, der Lehre von der moralischen Krankheit, an. 

Der Turiner Gefängnbsarzt Lombroso war es, der den grössten 
Umsturz in der Welt der moralischen Werthe verursachte ; seine Lehre 
vom geborenen Verbrecher, zu der er durch die grosse Zahl sorgfältiger 
Untersuchungen in seiner Praxis geführt war, führte die Wissenschaft 
in neue Bahnen, rollte ihr neue Probleme und Ziele auf, und wenn die 
heutige Forschung auch weit über ihn hinausgegangen ist in ein neues 
Land, so hat er doch die Brücke geschlagen, die hinüberführt. 

Die Grundlage dieser psychopathologischen Forschungen ist die 
Idee der »Moral Insanity«, der Erklärung einer grossen Zahl von Ver- 
brechen nicht durch den freien Willen, sondern durch krankhafte Entartung, 
der Abhängigkeit der moralischen Krankheit von der organischen. 

Vorzüglich war es die Aehnlichkeit zwischen Geisteskranken und 
Gewohnheitsverbrechern, welche die Theorien der Irren- und Genchts- 



DIE UMWEB.THÜNG DES SCHULDBEGRIFFES. 673 

ärzte lenkte, und auf diesem Gebiete liegt auch die Hauptthätigkeit 
Cesare Lombroso's, dessen im Jahre 1876 erschienenes Werk «L'Huomo 
delinquente« zum Katechismus einer ganzen, besonders in Italien und 
Deutschland weit verbreiteten Schule wurde. Umfassende Kenntnisse 
und eine ausserordentliche Fülle sorgfältiger Beobachtungen aus der 
Praxis geben dem Werke einen hohen Werth, und es ist kein Wunder, 
dass die grosse Einseitigkeit der darin entwickehen Lehre lange Zeit 
vollstäudig übersehen wurde. Lombroso selbst hält mit aller Zähigkeit 
an ihr fest, währtnd unter seinen Schülern hie und da auch die 
neuesten UmwandluDgen mitgemacht werden. Der Hauptsatz von Lom- 
broso's Lehre, ist bekanntlich, dass der Gewohnheitsverbrecher in der 
Regel ein geborener Verbrecher ist, der auf Grund angeborener, körper- 
lich bedingter Abnormität und Eigenart unbewusst und widerstandslos 
auf die Bahn des Verbrechens getrieben wird. 

Es ist wohl zu beachten, dass mit diesem Satze nur der Ge- 
wohnheitsverbrecher charakterisirt wird, den Lombroso danach als ge- 
borenen Verbrecher bezeichnet. Der geborene Verbrecher ist ein ent- 
artetes Individuum, erblich belastet, häufig in Folge von Trunksucht der 
Eltern. Nach Lombroso ist der geborene Verbrecher von sehr geringer 
geistiger Begabung, die höchstens ganz einseitig ausgebildet ist; auch 
der geriebenste Verbrecher ist nur in einem Zweige seines Handwerks 
zu Hause. Im Uebrigen ist er stumpfsinnig und roh. Mit grenzenlosem 
Egoismus verbindet sich bei ihm gleichwohl ein Mangel des gesunden 
Selbsterhaltungstriebes. Die Degeneration des geborenen Verbrechers 
spricht sich nach Lombroso's zahllosen Untersuchungen im Allgemeinen 
in Schädelanomalien aus, äusserlich besonders kenntlich an der Form 
der Stime und der Ohren, auch der Nase und der Backenknochen. 
»Moral Insanity« ist sein angeborenes Leiden. 

Zu denjenigen Schülern Lombroso's, welche seine Lehre in Deutsch- 
land am entschiedensten verfechten, gehört Kurella; in Italien war es 
Enrico Fern; allein Ferri ist socialistischer Politiker und Abgeordneter, 
und als solcher ist er allmälig der neuen Schule näher getreten, die 
vor allen Dingen den socialen Factor betont und die Einwirkung des 
»socialen MiUeusc auf die Entstehung des Verbrechens zum Gegenstande 
ihrer Untersuchungen gemacht hat. Zuerst wurde das sociale Element 
Lombroso gegenüber von dem Wiener Benedikt ausgesprochen, und 
schnell gewannen diese neuen Ideen in Deutschland Boden. Ihr grösster 
und eifrigster Verfechter ist der bekannte Strafrechtslehrer Professor 
Franz v. Liszt in Halle (geb. 1851), der es glücklich vermeidet, 
gegenüber der einseitigen Betonung der angeborenen Moral Insanity 
durch Lombroso seinerseits ebenso einseitig die ausschliessliche Bedeu- 
tung des socialen Milieus zu betonen, sondern vielmehr, frei von 
Schematismus und Formeln, das Zusammenwirken einer grossen Reihe ver- 
schiedener Factoren, der individuellen sowohl wie der socialen, anerkennt. 

Vorbereitet war das neue System durch sorgfältige Arbeiten, wie 
die des Professors Alexander v. Oettingen, der in seiner »Moralstatistik« 
ein grosses Material gesammelt und an der Hand desselben die Einwir- 

5X 



674 DIX. 

kuDg der wirthscfaaftlichen und socialen Verhältnisse auf das Verbrecher- 
thum einesZeitabschnittes nachgewiesen hatte; auch der Brüsseler Astronom 
und Sutister Qu^telet hatte eine Menge statistischen Materials gesammelt 

Machte Lombroso's Umwerthung des SchuldbegrifTes den Ver- 
brecher zu einem fiir seine That nicht verantwortlichen Geisteskranken, 
so macht v. Liszt die ganze Gesellschaft mitverantwortlich für den 
Einzelnen ; ist Lombroso's Heilmittel lediglich die Irrenanstalt, so stellt 
V. Liszt ihr die sociale Reform an die Seite, beziehungsweise über sie. 
Liszt folgt den Ideen Av^Lallemants, wenn er sagt, die Verbrechen 
haben »ihren Grund oft weniger in einer moraUschen Versunkenheit 
und Verderbtheit des Verbrechers, als in mangelhaften Anordnungen 
und Einrichtungen der bürgerUchen Gesellschaft, deren Mitglied er ist«. 
Auch Liszt stellt an zahlreichen Verbrechern die Zeichen der Entartung 
fest, gleichzeitig aber auch, «dass es eine besondere Veranlagung zur 
Begehung strafbarer Handlungen nicht gibt, sondern, dass es von den 
äusseren Verhältnissen, von den Lebensschicksaien in ihrer Gesammt- 
heit abhängt, ob die Störung des sittlichen Gleichgewichtes zum Selbst- 
mord, zum Wahnsinn, zu schweren Nervenleiden, zu körperlichen Krank- 
heiten, zu unstetem, abenteuerlichem Lebenswandel oder aber zum Ver- 
brechen führt«. Er untersucht das Verbrechen als eine eigenartige Er- 
scheinung des gesellschaftlichen Lebens und sucht die socialen Be- 
dingungen des Verbrechens klarzulegen. Noch stärker als er betonen 
den wirthschaftlichen und socialen Factor Schriftsteller wie Baer, Starke, 
G. Mayr u. A. Auch die statistischen Untersuchungen, die Paul Strauss 
in Frankreich angestellt hat (»L'enfance malheureuse«, Paris 1896), 
verdienen hier genannt zu werden. Am kürzesten fasst Baer (»Der 
Verbrecher«, Leipzig 1893) die Lehre der socialen Criminalpsychologie 
zusammen, indem er sagt: »Wer die Verbrechen beseitigen will, muss 
die socialen Schäden, in welchen das Verbrechen wurzelt und wuchert, 
beseitigen.« Wie sehr sich auch der aus Lombroso's Schule hervor- 
gegangene, oben schon genannte E. Ferri der Ansicht dieser Criminal- 
sociologen genähert hat, ist gleichfalls schon von Baer dargelegt, welcher 
schreibt: »Wenn Ferri in neuerer Zeit die Ansicht vertritt, dass der 
Verbrecher das Resultat dreier Factoren ist, welche zu gleicher Zeit 
wirken, dass diese drei Ursachen individueller, d. h. anthropologischer, 
somatischer und socialer Natur sind, so werden nach unserem Dafür- 
halten diese drei Ursachen thatsächlich zu einer einzigen, wenn man, 
wie er selbst andeutet, in Erwägung zieht, dass die beiden ersten Ur- 
sachen von den socialen Bedingungen abhängen.« 

In der That ist in den heutigen Forschungen und Theorien das 
sociologische Element immer mehr über das anthropologische gestellt 
und der Begriff des geborenen Verbrechers von der Mehrzahl der Ge- 
lehrten fallen gelassen. Selbst wo von einer angeborenen »Moral Insanity« 
gesprochen werden kann, ist diese wieder zurückzufuhren auf über- 
wiegend sociale Factoren, unter deren Einfiuss die Erzeuger standen, 
und die socialen Factoren müssen im Allgemeinen erst in Wirksamkeit 
treten, um den Degenerirten gerade zum Verbrecher zu machen. Jeden- 



DIE UMWERTHUNG DES SPHULDBEGRIFFES. ^75 

falls ist Lombroso's Construction einer besonderen Verbrecherrace» 
eines von Gebart entarteten Theiles der Menschheit, der zum Ver- 
brechen absolut prädestinirt ist, heute durchaus nicht mehr aufrecht 
zu erhalten. Es trifft nicht zu, dass angeborene oder erworbene geistige 
Entartung stets zum Verbrechen führen muss, wenn sie auch häufig 
dazu fUhrt Jedenfalls steht die Bedeutung des »Milieu social« in der 
Criminalpsychologie an erster Stelle, imd das Hauptgewicht der For- 
schung wird daher auf der Criminalsociologie zu ruhen haben, ohne 
die mannigfachen anderen Factoren, besonders individueller Natur, 
ausser Acht zu lassen. 

Die moralischen Werthe sind nichts Festes, Unveränderliches. 
»Jede Culturstufe,« sagt R6e (»Entstehung des (Jewissens«), »stempelt 
zu Tugenden die Eigenschaften, zu Pflichten die Handlungen, deren 
sie bedarf.« Und wie der Begriff des Verbrechens selbst sich ändert, 
so wandelt sich auch der Begriff der Schuld. Während bisher alle 
Schuld einzig und allein dem Verbrecher selbst beigemessen wurde, 
machte die Theorie Lombroso's ihn frei von aller Schuld und aller 
Verantwortung, da sie den freien Willen des Verbrechers leugnete und 
das Verbrechen als sein unabwendbares Schicksal darstellte; und die 
neueste Schule stellt neben den Verbrecher als mitschuldig und mit- 
verantwortlich die ganze Gesellschaft, die socialen Einrichtungen. Es 
ist selbstverständlich, dass derartige tiefgreifende Umwerthungen auch 
eine völlige Umgestaltung der Sühne, eine Umgestaltung des Straf- 
rechtes verursachen müssen. Lombroso setzt den Strafrichter ab und 
setzt an seine Stelle den Irrenarzt; Liszt dagegen setzt einen neuen 
Strafrichter ein, dem er den Arzt und den socialen Gesetzgeber bei-, 
beziehungsweise überordnet. 

Das älteste Zugeständniss an die äusseren Einwirkungen im alten 
Strafrecht ist die Anerkennung der Nothwehr und des Nothstandes. 
Geradezu als Uebergangsstufe vom alten Recht zu jenen Einrichtungen, 
die aus den neuen Theorien der Verbrecherlehre folgen müssen, bildet 
die Zuerkennung mildernder Umstände; je nach der Fassung und Aus- 
dehnung derselben lässt sich die Möglichkeit erkennen, dem »socialen 
Milieu« eine weittragende Bedeutung zuzubilligen und dieselbe im Straf- 
recht zur Geltung zu bringen. Eine frühe Stufe dieses Ueberganges 
bildet auch die Unterscheidung zwischen vorsätzlichen und fahrlässigen 
Vergehen, die gleichfalls den äusseren Einwirkungen Rechnung trägt. 
So lange man in dem Verbrecher ein Individuum erblickt, das sich 
aus freiem Willen an der Gesellschaft versündigt, war es selbstverständ- 
lich, dass die Gesellschaft von einem solchen gefährlichen Subject be- 
freit wurde; das geschah am radicalsten und folgerichtigsten durch 
die Tödtung des Verbrechers, während die späteren Einrichtungen zum 
Theil geradezu widersinnig sind; denn eine Geldstrafe hält den Ver- 
brecher gar nicht von der Gesellschaft, der er Schaden zufügt, fem, 
und eine kurze Freiheitsstrafe thut dies zwar für kurze Zeit, aber nur 
zu oft mit negativem Erfolge, da der Verbrecher durch sie nicht ge- 
bessert wird, vielmehr das Geiängniss ofl als viel gefahrlicherer Patron 

51* 



676 DIX. 

verlässt. Alle Theorien der Abschreckung, Besserung u. s. w. können 
an dieser Thatsache nichts ändern. 

Aendert sich nun aber der Begriff der Schuld und Verantwort- 
lichkeit, so muss auch das Stra£recht eine entsprechende Veränderung 
erfahren. Hätte Lombroso's Lehre gesiegt, so wäre jede Verantwortung 
von dem Verbrecher genommen, er wäre als Irrer zu behandeln und 
demgemäss an Stelle der Strafanstalt in eine Irrenanstalt zu stecken. 
Wäre dagegen die entgegengesetzt einseitige Richtung, welche alle 
Schuld allein dem socialen Milieu zuschieben will, im Rechte so wäre 
der Verbrecher gleichfalls ohne Verantwortung, und es gäbe für ihn 
überhaupt keine Strafe oder dergleichen, er müsste nur social besser 
gestellt werden — jp, die Gesellschaft hätte ihm Busse zu leisten. Es 
ist schwer, den Gedanken imd seine Folgen ernsthaft auszudenken! 
Finden endlich beide Factoren, die individuellen und die socialen, die 
richtige Würdigung, so wird das System äusserst complicirt. Einmal 
steht zunächst fest, dass dann zur Verminderung der Verbrechen auf 
die Schaffung eines möglichst günstigen socialen Milieus hinzuarbeiten 
ist, dass also der Gesetzgeber mit socialen Reformen dem Strafrichter 
vorarbeiten muss. Der Strafrichter selbst bleibt in Thätigkeit fiir jene 
Verbrechen, denen ein individuelles Verschulden zugrunde liegt; die 
einzelnen Verbrecher würden je nach ihrer Eigenart dem Arzte, 
insbesondere dem Irrenarzt auszuliefern sein oder für die Gesellschaft, 
die sie bedrohen, dauernd unschädlich gemacht werden, indem man 
sie in Anstalten unterbringt, die zwischen dem Gefangniss und dem 
Asyl stehen. Die Strafe wird theils zur Erziehung, theils zur Cur, theils 
zur pädagogischen, theils zur ärztlichen Behandlung. 

Ein Anfangsstadium der die Strafe ersetzenden Erziehung bildet 
heute bereits die bedingte Verurtheilung ; dient die Strafandrohung 
thatsächlieh dazu, den Delinquenten von weiteren strafbaren Handlungen 
abzuhalten, so ist der erziehliche Zweck erreicht; andernfalls wird er 
auf längere Zeit für die Gesellschaft unschädlich gemacht. Die neueren 
Forderungen ergänzen dieses System nun dahin, dass der rückfällige 
Verbrecher in der Anstalt so lange zurückgehalten werden soll, bis 
weitere Rückfälle nicht zu erwarten sind, imter Umständen also lebens- 
länglich, jedenfalls aber nicht auf eine vorher festgesetzte Zeit. Für diese 
unbestimmte Strafdauer hat sich besonders der dritte internationale 
Congress für Criminal- Anthropologie, der 1892 in Brüssel abgehalten 
wurde, ausgesprochen. Dieselbe Forderung hat die internationale crimi- 
nalistische Vereinigung, an deren Spitze die Professoren v. Liszt-Halle, 
Hamel-Amsterdam und Prinz-Brüssel stehen, in ihre Grundlinien aufge- 
nommen und damit hinlänglich dargethan, welche Aufgaben die grosse 
moderne Umwerthung der moralischen Werthe dem Strafirecht der 
Zukunft stellt. 



Herausgeber und ▼eraatwortficher Redactenr: Rudolf Stranti. 
Ch. Reiner & M. Wertbner, Wien. 



9 

"yy^iener {Rundschau 



1. AUGUST 1897. 



TANTE SEVERINE. 

Von NeERA. 
Einzig autorisirte Uebersetzung von Wilhelm Thal. 

Um in ihr Zimmer zu gelangen, musste Tante Severine die Thüre 
mit dem Fusse aufstossen, denn ihre beiden Hände hatten vollauf zu 
thun, um den Leuchter und die Geschenke zu halten, die sie empfangen 
hatte. Als ihr Bruder ihr das wollene, melangefarbene Kleid überreichte, 
hatte er seinem Geschenk folgenden Commentar beigegeben: »Eine 
ernste und solide Farbe, die sich für dein Alter ziemt.« Ihre Schwägerin 
hatte ihr eine Nachtlampe verehrt, und ihre Nichte hatte ihr in der 
Handarbeitschule einen Fusswärmer gestickt. Das Alles zur Feier ihres 
Geburtstages. 

Doch das Gesicht der Tante Severine drückte keinerlei Freude 
aus, als sie diese Gegenstände auf den Tisch ihres Zimmers stellte, im 
Gegentheil, es lag darauf ein ziemlich dichter Schleier der Undurch* 
dringlichkeit, der zum Theil die bitteren Worte rechtfertigte, mit denen 
ihre Schwägerin ihr Verschwinden aus dem Salon begleitet hatte: 

»Man mag thun, was man will, Severine ist nie zufrieden!« 

Eine Karte war ihr aus den Händen geglitten, die auch zu ihrem 
Geburtstag gekommen war; eine liebe Jugendfreundin hatte sie ge 
schickt; auf einem grünlichen Hintergrunde flatterte ein Schmetterling 
mit der Devise : »Adhuc spero« und auf der Rückseite »Tausend Glück- 
wünsche«. 

Severine hob diese Karte auf und begann sie nachdrücklich beim 
Scheine einer Kerze zu betrachten. Wie vielerlei rief sie in ihr wach. 
Vor 25 Jahren hatte ihr dieselbe Freundin bei derselben Gelegenheit 
ein Sträusschen rother Nelken ins Haar gesteckt I Heute würde man 
ihr keine Blumen mehr ins Haar stecken ; heute waren die kaffeefarbenen 
Kleider gerade gut genug, und auch die Nachtlampe, die Fusswärmer 
gar nicht gerechnet, denn sie litt ja an Reissen in den Beinen. 

Severine war nicht undankbar. Sie erkannte ihres Bruders Güte 
an, sie liebte ihre Schwägerin und ihre Nichten, sie war liebevoll, 

52 



678 NEERA. 

sanfter als sie konnte, nicht wie sie wollte, denn sie fühlte in sich 
eine Zärtlichkeit, die sich nie entfesseln würde. Diese Zärtlichkeit war 
ihr Leiden, der im Hause verborgene Feind, der Wurm, der ihr an 
den Knochen nagte, der unterdrückte Vulcan, der ihr ins Antlitz rothe 
Flammen jagte. 

Als Kind war sie sehr lebhaft gewesen, als junges Mädchen 
sehr phantastisch; schön war sie nie, auch nicht umschwärmt, und 
doch hatte sie sich in einer bestimmten Idealwelt, die sie mit Träumen 
bevölkerte, fast glücklich gefühlt. Tochter eines Malers, hatte sie von 
Anbeginn den Zauber der Farben und Linien kennen gelernt. Instinctiv 
Heidin, fühlte sie sich zur Schönheit hingezogen, während die mystischen 
Gedanken und die nebelhafte Poesie sie gleichgUtig liessen. 

Sie liebte es, sich in Peplums und Schleier zu hüllen, die die 
Modelle im Atelier ihres Vaters vergessen hatten. Sie zerzauste sich 
die Haare, setzte sich eine Blätterkrone auf den Kopf und spielte die 
Bacchantin. Auf einem Berg von Kissen ausgestreckt, einen Shawl um 
die Hüflen gewickelt, mit nackten Armen, ein Collier aus Glasperlen 
um den Hals, einen grossen Fächer in der Hand, verkörperte sie die 
Odalisken. Im Hemd an der Erde kauernd, ein grosses Buch auf den 
Knien, versuchte sie die «büssende Magdalena« des Correggio darzu- 
stellen. Doch im letzten Augenblick bemerkte sie, dass es ihr an den 
Hauptattributen der Gestalt fehlte, und nun begann sie ein Kummer 
zu quälen, der fein wie eine Dolchspitze war. 

Wenn sie sich mit den Gestalten verglich, die die grössten Maler 
idealisirt, und die die Maler zweiten Rauges zu copiren sich bemühten, 
so erkannte sie deutlich die Unvollkommenheit ihrer Formen, und das 
war für sie, die einen so glühenden Durst nach dem Schönen fühlte^ 
eine grausame Enttäuschung. 

Um ihre eigene Magerkeit so viel wie möglich einem künst- 
lerischen T3rpus zu nähern, verzichtete sie auf die üppigen Schöpfungen 
eines Tizian und begann die schlanken Frauen Canovas zu verehren^ 
die »Grazien«, die »Psyche«, namentlich die Letztere, die sie mit 
wahrem Entzücken erfüllte. Das Gefiihl der Kunst und das der Liebe, 
die jungfräuliche Reinheit und die Gluth der Sinne, die harmonische, 
göttliche Verschmelzung alles dessen in dieser eben unsterblichen Gruppe 
zogen sie unwiderstehlich an. Sie war so einfach, die Pose dieser Psyche^ 
ihre Formen waren so nüchtern I In ihrem Kämmerchen, allen Augen 
verborgen, in Abwesenheit Amors, wollte Severine auch diese Figur 
verkörpern. Sie war nicht hässlich, sie war jung, begriff die Grazie, 
hatte die Eingebung der Leidenschaft und schwärmte für die Kunst 
Warum gelang es ihr nicht? Weil Severine, das lebende Geschöpf, vor 
einem Spiegel neben der Göttin des Marmors wie ein Krüppel er- 
schien. 

Wenn ich nur stärker werden könnte I dachte sie. Vielleicht hängt 
Alles nur von einer Linie ab I Hätte Jemand Canova's Arm angestossen, 
als er die Büste der Psyche schuf, er hätte die Linie nicht umgestaltet» 
und es wäre nicht mehr Psyche. 



1 



TANTE SEVERINE. 679 

Was das Gesicht anbetraf, so hatte sie ja zwei Augen, eine 
regelmässige Nase, einen Mund, Zähne und auch volle Haare, und 
dazu lebte in ihr die empfänglichste Seele. 

Vielleicht, sagte sie sich, bedarf es nur der Zeit. Alle Frauen 
sind nicht so schön, wie Psydie es zu 15 Jahren war. Psyche ist die 
fHsche Jugend, die Knospe, das Versprechen, aber Alles in Allem doch 
eine unreife Frucht. 

Hatte nicht die Handschuhmacherin, dieses gefährliche Weib, das 
die Ruhe sämmtlicher Familien des Viertels störte, zu 15 Jahren ein 
Kind gehabt? Und gestand sie nicht selbst, dass sie damals nur eine 
kleine, magere Gans gewesen? Wer weiss, ob Frau von Maintenon, als sie 
Scarron zu 20 Jahren heiratete, ebenso schön war als zu der Zeit, da 
sie, eine reife Vierzigerin, den König von Frankreich in ihre Netze zog? 

Sie hörte auch erzählen und erfuhr es durch ihre Leetüre, dass 
die Schönheit den Frauen mit der Liebe konunt; aber da sie anderer- 
seits hörte und es ebenfalls las, dass man seiner Schönheit wegen 
geliebt wird, so fingen diese beiden Dinge an, in ihrem Geiste inein- 
ander zu verschmelzen. Allerdings war sie keines jener unbedeutenden 
Weiber, die ihre Reize nur aus Eitelkeit oder zum Zwecke der 
Koketterie pflegen; sie glich in keiner Weise ihren Gefährtinnen, die 
sie als Original behandelten. 

Stets von einem künsterischen Ideal beherrscht, kleidete sie sich 
in seltsamer Weise mit griechischen Bändern in den Haaren und rothen 
Shawls, in die sie sich nach Muster der Statuen drapirte; allein ihre 
Unschönheit — Hässlichkeit wäre zu stark — erschien in diesem merk- 
würdigen Aufputze doppelt schlimm. Von ihrer Phantasie, ein Bild 
erhabener Schönheit zu verkörpern, hingerissen, vernachlässigte sie die 
Kleinigkeiten, vergass sie, sich die Nägel zu schneiden, trug sie krumme 
Stiefel, Handschuhe ohne Knöpfe, zerknitterte Bänder und zerrissene 
Strümpfe. Sie wusch sich nicht einmal alle Tage das Gesicht. 

So war sie, die Schönheit und die Liebe erwartend, an den 
Wirklichkeiten des Lebens vorübergegangen, ohne es zu bemerken, 
inmier träumend. Sie träumte Morgens, wenn sie ihre seidene Decke 
abwarf und leichtfussig auf eine kleine Estrade sprang, die sie mit zu- 
sammengenähten Tuchstücken belegt; sie dachte an die »Aurora« des 
Guido Reni, die im Glänze der aufgehenden Sonne über den Wolken 
sdiwebt, und mit einer Vision unbekleideter Nymphen vor Augen, warf 
sie den Rock über ihre mageren Hüften. 

Indessen vergingen die Jahre; weder die Schönheit kam, noch 
die Liebe, die so viele Meisterwerke geschaffen, die Madonnen RaphaeFs, 
einige Porträts von Van Dyck, »den Kusse von Hayez, die Schönheit 
und die Liebe, diese Gipfel des heidnischen Olymps, ihres eigenen 
Olymps. 

Im Hause ihres Bruders, der Feldmesser war und der den ganzen 
Runsthausrath seines Vaters verkaufet hatte, fand Severine keine Peplums 
mehr, und sie wagte es auch nicht, vor ihrer Schwägerin in der Flanell- 
jacke und der unvermeidlichen Schürze Bacchantinnenkränze in ihr 



68o NEERA. 

Haar zu flechten. Bald waren Kinder da, die sich der Tante Severine 
an die Röcke hingen; man musste ihnen ihre Suppe geben, ihnen 
Männerchen aus Papier schneiden, ihnen die Nasen putzen ; und unter 
all diesen häuslichen Beschäftigungen verbitterte die alte Jungfer, verlor 
ihr Ideal aus den Augen und bekam jenes lange, erdfarbene, undurch- 
dringliche Gesicht, das die herben Bemerkungen ihrer Schwägerin 
hervorrief. 

»Man mag thun, was man will, Severine ist nie zufrieden I« 

Trotzdem hoffte Severine bis zu diesem Tage noch immer; so 
lange noch 12, 6, 1 Stunde fehlte, konnte noch immer eine Revolution, 
ein Erdbeben, ein Wunder eintreten I . . • Wer weiss, was passiren konnte. 
Als sie Morgens das Bett verliess, hatte sie sich gesagt: 

»Wenn ich mich wieder schlafen lege, werde ich vierzig Jahre 
alt sein!« 

Doch ein schwankendes Licht, eine tolle Illusion hielt sie aufrecht, 
gerade als stände sie am Vorabend geheimnissvoller Ereignisse. 

Sie hatte auch gesagt : »Ich will diese letzten Stunden der Jugend 
gemessen.« Doch wie? Was thun? Ihr Blut kocht, ihr Geist verwirrte 
sich; ein gebieterisches Verlangen, die Zeit zurückzuhalten, versetzte 
sie fast in Fieber. Die Stunden vergingen, und sie zählte sie muthlos. 
Es kam nichts. 

Der Briefträger brachte ihr zwei oder drei Briefe, die sie mit 
zitternder Hand öfihete: Glückwünsche, Redensarten, Gemeinplätze. 
Schliesslich hatte man ihr das kaffeefarbene Kleid, die Nachtlampe und 
den Fusswärmer geschenkt. . . 

Je mehr der Tag sich seinem Ende näherte, desto undurchdring- 
licher wurde das Gesicht der Tante Severine. Bei Tische hatte man 
Trinksprüche ausgebracht und eines der Mädchen hatte ein kleines 
Glückwunschgedicht hergesagt; die Tante blieb stumm, und die zwei 
Schluck Marsala, die sie trank, machten sie nur noch düsterer. 

Dann konnte sie sich in ihr Zimmer zurückziehen, ihre Geschenke 
auf den Tisch legen und sich auf den Rand ihres schmalen Bettes 
fallen lassen. 

Die zitternde Flamme des Lichtes tanzte vor ihren Augen und 
erregte in ihr eine letzte Illusion; sie erhob die Hand, um sich davor 
zu schützen, und begann nachzudenken, obwohl ihre Betrachtungen 
eigentlich gar keine Gedanken waren. Es waren Visionen, jene tollen 
Spiele der Phantasie, die getrübten Gemüthem entspringen, jene Ge- 
dankenbilder, die durchaus leben wollen und wie losgelassene Hunde 
die Nerven erschüttern. Es war eine grosse, tiefe Traurigkeit, ein Zu- 
sammenbruch aller Dinge, die sie stets in dieser letzten Abendstunde 
packte, gleichsam einen inhaltsleeren Tag beendend und das Wort 
»Schluss« unter eine leere Seite setzend. 

Und an diesem Abend handelte es sich nicht mehr um einen 
Tag oder um eine Seite ; es war ihre ganze Jugend, die zu Ende ging, 
die da starb und die sie sozusagen unterzeichnen musste; ein Wechsel, 
der einen Werth repräsentirte, den sie niemals besessen! 



TANTE SEVERINE. 68 1 

Und hier in der Einsamkeit des Schlafzimmers, wo die Glück- 
lichen ihre Freuden und die Liebenden ihre Wonnen zählen, wenn in 
der schamhaften Sicherheit der Nacht alle Schleier fallen, wenn alle 
Masken abgenommen werden und die blossgelegten Herzen nicht mehr 
den Stachel der Ironie furchten, hier zählte auch Tante Severine ihre 
kargen Illusionen, die sie alle Abend geringer werden, an Form und 
Farbe verlieren und sich im Dunkel auflösen sah. 

Ein schwerer Seufzer hob ihre Brust. Ihre langen Finger suchten 
die Haken ihres Mieders, und langsam öfihete sie es, als wenn sie aug 
ihren Eingeweiden den Hass gegen sich selbst aufsteigen fühlte, denn 
sie hasste dieses hässliche Gesicht, das ihr seit 40 Jahren Leiden ver- 
ursachte, das all ihr Unglück und ihr Kreuz war. 

Welches Vergnügen — das natürlichste, wahrste, köstlichste, 
weiblichste — muss die Frau empfinden, die, sich betrachtend, in sich 
das schönste Werk Gottes bewundert! Einen einzigen Tag Venus sein 
— glänzen, lieben, sterben, das ist genug! Doch nur geboren werden 
und sterben, einfach geboren werden und sterben, ohne etwas Anderes 
dazwischen als das Alter — das ist ein grausames Schicksall 

Wie ruhig die Welt schläft! Und wie drollig es jetzt wäre, das 
Fenster zu öfihen und zu schreien: »Kommt, kommt, hier stirbt das, 
was ich am meisten auf der Welt geliebt, meine Jugend I< 

Aber draussen war es kalt; die Nacht war schwarz; und als sie 
das Fenster fest geschlossen und die Jalousien heruntergelassen, zog 
Severine ihr Kleid aus und hing es in den Schrank und näherte sich 
im kurzen Rock mit platter Brust, langer und dünner Taille, von oben 
bis unten ein Stock, der Commode. 

Sie wühlte einige Augenblicke in den Schubladen, warf Taschen- 
tücher herum und öf&iete Schachteln. Sie nahm einen halb entblätterten 
Lavendelstrauss heraus und roch daran; sie hatte ihn auf einer Land- 
partie, an einem schönen Herbsttage gekauft; damals trug sie ein blaues 
Kleid und einen grauen Hut, der ihr gut stand ; wenigstens hatte man 
es ihr gesagt. Sie berührte einen Fächer, ein leeres Fläschchen, ein 
Armband, das sie schon lange nicht mehr anlegte, und das sie jetzt 
probiren wollte; sie steckte den Arm hinein, zog ihn aber sogleich 
kopfschüttelnd wieder heraus. Ihr ganzes Leben war in der Commode 
eingeschlossen, verwelkt und entblättert wie der Lavendelstrauss; leer 
wie das Fläschchen, das Parfüm enthalten und nicht einmal den Duft 
bewahrt hatte. 

In einem alten Notizbuch las sie die mit Bleistift geschriebenen 
Worte : 

»Die da jung und schön ist, mag nicht streng und stolz sein, 
denn das Leben erneuert sich nicht wie das Gras.« 

Und sie erinnerte sich an das lustige, lachende Gesicht desjenigen, 
der ihr nach emem Neujahrsschmause mit leuchtenden Augen und 
zärtlichem Herzen diese Worte in ihr Büchlein eingeschrieben hatte; 
es war eine lustige Abendgesellschaft, auf der auch sie sich mit der 
naiv sinnlichen Freude der Jugend amüsirt hatte; doch welche Ironie 



682 NEERA. 

war jetzt diese Aufforderung, diese Einladung zum Vergnilgeni und 
welche unnütze Anspielung auf das Leben, das sich nicht erneuert I 
Als wenn sie Herrin über ihr Schicksal gewesen wärel 

Sie war mit starren, glasigen Augen mitten im Zimmer stehen- 
geblieben und Hess die Arme schlafif hemiederhängen. Aus dem Neben- 
zimmer vernahm sie das Geschwätz der Kinder, die aus ihrem ersten 
Schlummer erwacht waren; sie plapperten von Puppen und Bonbons. 
Die Stimme der Mutter murmelte unter der Decke: »Bleibt ruhig; 
schlaft!« Sie hörte die Wiege unter dem Gewicht der kleinen Körper 
knarren und das grosse Bett gehorsam unter dem ruhigen Körper der 
Mutter nachgeben, die sich nach der anderen Seite drehte. 

Severine trat auf ihr elendes Lager zu; sie zog tmter dem Kopf- 
kissen ein Netz aus weisser Baumwolle hervor und legte es um ihre 
Haare. Es war zu Ende. Von nun an würde in diesem Bett ein altes 
Weib liegen. 

Sie wiederholte das Wort »alt« und blickte sich um, ganz er- 
staunt, dass Niemand widersprach. 

Und doch welche Unnatürlichkeit, welche Ungerechtigkeit! 

Sie fühlte sich nicht alt. Wenn die Jugend wüsste, wie schwer 
es ist, die Wünsche zu tödten : . . . Balzac setzte als Grenze dreissig 
Jahre. . . Wahrscheinlich, um die Mädchen von zwanzig nicht allzusehr 
zu entmuthigenl 

Sie setzte die Betrachtung ihres kalten, nackten Zimmers fort, in 
dem die Möbel keine Stimme hatten, und in dem die beständige 
Traurigkeit der Gegenstände die Traurigkeit ihres Lebens wiedergab; 
das steife Bett, den glanzlosen Spiegel ; auf dem Toilettetisch einen in 
der Bürste steckenden Kamm, zwei chocoladenfarbene Lederpantoffeln, 
ein Stück Sammet auf einem Stuhl, doch kein Band, keine Blume; 
eine klösterliche Regelmässigkeit, die graue Einförmigkeit der Zellen, 
in denen man nie zu zweien ist. 

Sie knüpfte ihre Röcke auf, hakte die Oesen ihres Corsets los 
und blieb im Hemde. Noch einmal schweifte ihr Blick über die Wände, 
jenseits der Wände hinaus zu der schlafenden Welt, der lebenden und 
leidenden Welt ... Sie sah eine Kette, die sie alle mit einander ver- 
band, Heitere und Trübselige; sie sah das Mitleid über die Holz- 
pritschen geneigt, und sie beneidete die Kranken; sie beneidete die- 
jenigen, die weinen können, die schreien können, die ein brandiges 
Bein haben und es sich abschneiden lassen ; sie beneidete alle Schmerzen, 
die man sehen kann, und die sich berühren lassen — die einzigen, an 
die die Welt glaubt! 

Sie erhob die Arme, streckte sie mit mühsamer Verrenkung ihres 
ganzen Wesens und liess einen wirren Blick umherschweifen; dann 
bückte sie sich schnell, um ihre Strümpfe aufzunehmen, warf sie in 
einen Winkel, löschte das Licht aus, suchte tastend ihr Bett und 
flüchtete wie eine verlorene Seele in die grosse Vergessenheit der 
l^instemiss. 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 

Von Jules de Gaultier (Paris). 

Deutsch von Clara Thsuücann. ^ 

Die Kunst eise Lebensfunction. Wenn irgend ein Gläu- 
biger der Aesthetik es unternehmen würde, ein »Leben der geistigeii 
Heiligen« zu verfassen, könnte er nicht umhin, den Goncourts den ersten 
Platz darin anzuweisen. Denn diese beiden seltenen Schriftsteller ge- 
hören nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihr Leben der 
geistigen Welt an, durch ein Leben steter Verzichtleistung zu Gunsten 
einer Idee, deren Askese einer religiösen Auffassung gleichkommt Die 
Kunst war für sie wirklich eine Religion. Und während das geschriebene 
oder gesammelte Werk die Kritik interessirt, begeistert das erlebte 
Werk den philosophischen Geist und fordert zu einer Betrachtung über 
den eigentUchen Gedanken auf, an den die beiden Brüder glaubten. 
Die hohe Bedeutung ihrer Haltung liegt übrigens darin, dass sie nicht 
allein dasteht Andere Künstler unserer Zeit waren von ähnlicher Be- 
geisterung beseelt, haben wie sie ästhetische Gelübde gethan und 
jedwede Lebenssorge der tmeigennützigen Freude geopfert, die Schönheit 
auszudrücken. 

Wenn man den ausschliesslichen Cultus ins Auge fasst, den die 
Kunst in allen diesen Männern wachgerufen hat, vermuthet man dann 
nicht mit Recht, dass sie durch den Menschen eine der tiefen Ab- 
sichten des Lebens verwirklicht? Wenn die deutsche Philosophie uns 
lehrt, dass das Leben, indem es sich vollzieht, seinen Willen zum 
Leben darlegt, zeigt uns das Schauspiel des menschlichen Hirns mit 
seinen complidrten Einrichtungen, welche das Weltall ip Laute, Farben, 
Düfte umsetzen, dass das Leben auch seiner selbst bewusst werden 
will; aber es schemt, dass sein Wunsch noch weiter geht, und dass 
es, bevor es vernichtet, Zeugniss davon abl^en will, dass es seiner 
bewusst geworden ist; wir dürfen annehmen, dass zu diesem Zwecke der 
Mensch das Kunstwerk ausführt. Durch dieses festigt er, indem er 
sein Aeusseres und das der Dinge mittelst auserwählter Zeichen wieder- 
gibt, das Bewusstsein des eigenen Schauspiels, zu dem das Leben in 
ihm gelangt Von diesem Standpunkt aus ist das Kunstwerk also kein 
vorübergehender Zwischenfall, es steht im Gegentheil unter dem 2^ichen 
der Nothwendigkeit und nimmt am Gipfel der biologischen Entwick- 
lung den höchsten Platz ein. Die Wichtigkeit seiner Aufgabe recht- 
fertigt die Verschiedenheit der Mittel, durch welche es sich verwirk- 
licht; deshalb darf man sich auch nicht wundem, das künstlerische 
Phänomen an zwei entgegengesetzten Punkten des Lebens aufblühen zu 



684 GAULTIER. 

sehen, nämlich zur Zeit seiner grössten Intensität und seines letzten 
Niederganges. 

Die Kunst der ersten Perioden scheint ihren Ursprung in der 
Lebensfreude und Glut zu haben, welche, durch die That nicht ge- 
stillt, sich unter tausend verschiedenen Formen wiederholte. Die Liebe 
zum Leben zeugt diese Darstellung des Lebens. Diese Perioden der 
Genialität ünden wir zu verschiedenen Zeiten in der Weltgeschichte; 
sie setzen weder eine kräftige Entwicklung, noch eine besondere Ver- 
feinerung der Civilisation voraus. Das Leben gibt sich in ihnen plötz« 
lieh durch die Vermittlung der Menschheit kund; ohne jedoch von 
ihr, wie es scheint, eine schmerzliche Arbeit oder die Errungenschaften 
einer alten Cultur zu fordern. Die Romantik von Goethe, Byron, 
Chateaubriand an bis auf Lamartine und Victor Hugo war inmitten 
der Verwicklungen unseres modernen Lebens eine jener frei empor- 
schiessenden natürlichen Keimungen, welche auch im XVI. Jahrhundert 
mit Shakespeare und der italienischen Renaissance, unter Griechenlands 
Himmel mit Homer und — um ein äusserstes Beispiel anzuführen — 
bei den Bildhauern und Kupferstechern der Steinzeit in Aequitanien 
und einem Theil Galliens aufblühten. In diesen glücklichen Zeiten 
sprosste das Leben, das eben erst auf den grünen Halmen, dem 
Purpur und Azurblau der Blumenkronen erblüht war, in den Windungen 
auserwählter Menschenhime und brachte wunderbare Schöpfungen 
hervor. 

Das sind die heroisclien Zeiten der Kunst: sie gebären die ge- 
nialen Menschen. Diese stehen abseits vom Wege der Menscheit: ein 
Instinct leitet sie; sie schaffen, wie andere wachsen. 

Aber dieses geniale Erblühen ist selten und sichert zweifelsohne 
nicht in hinreichendem Masse die Wiedergabe der Weltschauspiele. Um 
dieser Unzulänglichkeit abzuhelfen, wird die Kunst nun, nachdem sie 
aus einem Ueberschuss an Lebenskraft erstanden ist, aus einem Säfte- 
mangel, einem Fehlen der Lebenskraft erstehen, gleich jenen Flechten, 
die alte Bäume überwuchern. Sie war ein Kind der Freude. Sie wird 
nun aus einer Lebensmüdigkeit und einem Abscheu vor der That ent- 
stehen, welche in Manchen nur mehr Raum zur Betrachtung der 
Linien, der äusseren Thaten lassen. Das Leben will diese Wesen, aus 
denen die Thatkraft entflohen scheint, mittelst einer äussersten Mass- 
regel in seinen Dienst stellen; es will sie nicht ihren unfruchtbaren 
Betrachtungen überlassen. Um sie dazu zu bestimmen, die Bilder jener 
Thaten, die sie nicht mehr vollführen, wiederzugeben, übt es einen 
fascinirenden Reiz auf sie aus: die spontanen und genialen Werke, 
deren Pracht am Schönheitshimmel erstrahlt, geben dem Kunstgedanken 
Ueberschwang und verleihen ihm einen magnetischen Einfluss auf die 
Geister, während das Absterben der Energie, welches bei diesen Ent- 
erbten die Macht der gewöhnlichen Handlungsmotive herabdrückt, sie 
zugänglicher macht für den Reiz der Fascination. Die Künstler dieser 
Niedergangsperioden spiegeln in ihren Werken die erhabenen Seiten 
und die originelle Un Vollkommenheit dieser Kunstform wider. Ohne 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 685 

Interesse fUr das Handeln zu haben, bestreben sie sich einzig und allein 
zu »sehen«, so dass die Vollkommenheit ihrer ästhetischen Haltung 
aus ihrer Unfähigkeit zur That entspringt Aber während sie so «ine 
unerlässliche Bedingung zur Hervorbringung eines Kunstwerkes er- 
füllen, fehlt ihnen zumeist eine andere: das Vermögen der Ausführung. 
Denn es zwingt sie nicht, wie zu den Zeiten genialer Kunst, ein un- 
abänderlich siegreiches Talent dazu, das Leben durch sinnreiche Com* 
binationen von Worten, Linien und Tönen darzustellen. Das Talent 
weicht bei ihnen einer blinden Vorliebe. Man kann auf sie einen Ge- 
danken La Rochefoucauld's über die Liebe anwenden und sagen, 
dass die meisten von ihnen die Kunst nicht gekannt hätten, wenn sie 
nicht davon reden gehört hätten. Ihre Begeisterung ist noch kein Bürge 
für ihre Fähigkeiten. Nichtsdestoweniger wird sie bestrebt sein, ihnen 
die unsichere Begabung zu ersetzen, so dass sie all ihre Muskeln 
stählen, ihre ganze Energie auf jenes einzige Ziel, jenen ungeheuerlichen 
Widerspruch richten: Talent erwerben, in sich Spontaneität entfalten. 
Alle denken sich aus, dass sie jene Fähigkeit besitzen, die ihnen nicht ge- 
geben ward, und dieser Gedanke ist bei Manchen so gewaltig, dass 
ihr hochfiiegender Traum sie mit einem verzweifelten Flügelschlag 
gleichsam über sich selbst erhebt und sie wirklich ganz jenen Regionen 
zuführt, in denen er eiblüht. 

Die Goncourts vollführten diesen heldenhaften Aufflug. Das 
künstlerische Ideal hatte auf sie die Wirkung, die das religiöse auf 
manche Andere hat Die höchste Gnade wurde ihnen gewährt für jene 
Askese, Gluth und Inbrunst, für die ihr Leben Zeugniss ist, sie wurden 
die Künstler, die zu sein sie geträumt hatten. 

Durch diese Leistung sind sie die typischsten Vertreter der geistigen 
Familie, die das Leben zur Darstellung seiner Luftspiegelungen sich 
dienstbar gemacht; sie sind die Helden jener speciflschen Kunstform, 
deren Quell blinde Vorliebe und Müdigkeit ist. 

Die Goncourts haben uns in den neun Bänden ihres »Journal« 
eine vollständige Autobiographie ihres Künstler- und Literatenlebens 
gegeben. Ihre Leidenschaft zu »schauen« bürgt uns für die Authenticität 
des Niedergeschriebenen; sie wären nicht imstande gewesen, die Züge 
der gefälligen Vorbilder, die ihnen dienten, zu ändern; und hätten sie 
es versucht, es wäre ihnen wahrscheinlich nicht gelungen; hat ihre 
Beobachterthätigkeit nicht das Mechanische eines äusserst vollkommenen 
Apparates, der in sich selbst die Controle trägt, durch das Spiel seiner 
Räder alle in seinem Gebiete sich abspielenden Phänomene empfängt 
•und anzeigt? 

Deshalb offenbart uns das »Journal« auch einerseits ihre Un- 
fähigkeit, zu leben, die die Vollkommenheit ihrer künstlerischen Haltung 
bestimmt, andererseits den allmächtigen Zauber, den das Kunstwerk, 
ihre Religion, auf sie ausübte. Es erzählt uns von der schmerzensreichen 
Aneignung des Talentes und zeigt uns andererseits, trotz der siegreichen 
Pracht des Gelingens, das Laster jener Lebensunfähigkeit, die bei Edmond 
de Goncourt ins Extrem ausartete. 



6S6 GAÜLTIER. 

Lebensunfähigkelt Wenn man von der Leetüre des »Jottml» 
den Eindruck trennen will, den sie hervorbringt, so drängt sich vor 
Allem eine Wahrnehmung auf: der Kampf um die materielle Existenz 
war den beiden Schrifitstellem erspart Hierin zeigte das Leben Takt 
und Klugheit : es scheint, die Goncourts hätten sich nicht darein gefunden, 
zu handeln, nur um das Fortbestehen ihres Körpers zu sichern. Fühlen 
sie sich nicht schon unbehaglich, wenn sie die Güter erhalten sollen, 
in deren Besitz sie von Natur aus gesetzt sind? Alle sich auf das 
Verzinsen eines Vermögens beziehenden Handlungen, alle Beziehungen 
zu Amts-, Geschäfts- oder Finanzmenschen versetzen sie in einen so 
angstvollen Zustand, dass sie, diese beiden Männer von hoher Begabung, 
von Unternehmungen dieser Art furchtsam das Resultat erwarten, wie 
vor einer unberechenbaren Lotterie. 

Ebenso widerstrebend zeigen sie sich den Regungen der Leiden- 
schaft gegenüber; über diesen Punkt enthält das »Journal« zahllose 
klagende oder verächtliche Geständnisse. »Den politischen Ehrgeiz 
kennen wir nicht, die Liebe ist für uns, nach Chamfort*s Ausspruch, 
nur die Berührung zweier Schleimhäute.« Und dann müde Sätze, wie 
dieser : »Wir sind vom Gipfel des Genusses in die Oede herabgefallen. 
Wir sind schlecht organisirt, zur Sattheit geneigt, eine Liebeswocbe 
gibt uns für drei Monate Abscheu.« Oder nach dem Bericht eines 
kurzen Abenteuers, das mit dem Erklettern eines Balkons begann, 
folgender, von leisem Bedauern durchwehter Ausspruch: »Ich war 
während einer Strecke von 15 Fuss verliebt gewesen, ich glaube wohl, 
dass ich mein ganzes Leben nur so anfallsweise lieben werde.« 

In allen ihren autobiographischen Aufzeichnungen finden sich 
wiederholte Erwähnungen ihres Losgelöstseins und namentlich folgender 
Vorwurf gegen die Knauserei des Lebens ihnen gegenüber: »Warum 
haben wir Beide die stete Empfindung, dass uns innere Wärme, phy- 
sischer Schwung fehlt, nicht vielleicht für die Gredankenaxbeit oder das 
Anfertigen eines Budies, sondern für den socialen Verkehr, die Be- 
rührung mit den Männern, den Frauen, den Ereignissen? Ja, wir 
brauchten den Nachguss einer Dosis jungen Blutes oder einer Flasche 
alten Weines, um mitthun zu können im Pariser Leben.« Dann die 
formellen Geständnisse des Ueberlebenden : »Frühzeitig hat mich die 

unbestimmte Gleichgiltigkeit eines Sterbenden erfasst. 

Ich bin zu jener endgiltigen Loslösung vom Kampfesleben gelangt, 
kraft derer sich im vorigen Jahrhundert ein Mann wie ich in einem 
Kloster, einem Benedictinerkloster, vergraben hätte.« 

Vervollkommnung der künstlerischen Haltung. So 
wurden die Goncourts entnüchtert geboren, gleich als ob ihre Vorfahren, 
nachdem sie den ganzen Kreis der Thätigkeiten, die instinctive Kraft, 
die uns zum Trugspiel der Bewegungen und Begierden treibt, erschöpft, 
ihnen mit der latenten Erinnerung an die eitlen Mühen eine enttäuschte 
Seele vererbt hätten, als ob alle Illusion der That geschwunden, 
bäumten sie sich auf gegen die gewöhnliche Bezauberung; sie weigerten 
sich am Lebensspiel theilzunehmen. 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 687 

Diese Unfähigkeit zu leben nun diente ihnen in wunderbarer 
Weise; sie schuf das Absolute ihrer künstlerischen Haltung. Niemand 
war mehr als sie der reine Künstler, ftlr den, nach Flaubert's Definition, 
«die Weltereignisse, sobald sie percipirt sind, umgesetzt erscheinen als 
zu beschreibeude Illusionen^ so dass Alles, seine Existenz mit inbegrififen, 
ihm keinen anderen Nutzen zu haben scheint.« 

Von einem guten Platze des Welttheaters aus verfolgten sie auf- 
merksam die Bewegungen der Personen auf der Bühne des Lebens und 
wunderten sich manchmal, sich selbst dort zu sehen mit unsicheren 
Oeberden wie ein zweites Ich. Sie beeilten sich, diese Geberden ge- 
wissenhaft aufzuzeichnen, und gewöhnlich umschreiben sie mit peinlicher 
Genauigkeit die Bilder und Wandlungen ihrer Träume. Aber zumeist 
•enthalten sie sich vollständig jedweden Eingreifens, und da keine eigene 
Rolle sie von der einzigen Beschäftigung des Sehens abbringt, entgeht 
ihnen nichts von den äusseren Contouren der Ereignisse und von all 
dem, was die Worte, die Bewegungen, die Eigenheiten, die Zuckungen 
der Spielenden aus der Heimlichkeit der Seele und dem Innern des 
Lebens lösen können. Eine hohe Rampe scheint sie vor den wilden 
Thieren zu schützen, die ihre Beute erwürgen oder von den Thier- 
hetzem in der Arena erdrosselt werden: daher beobachten und ver- 
zeichnen sie mit peinlicher Sorgfalt, mit äusserster Treue die Scenen 
schmerzlicher Ereignisse: sind es für sie nicht Modelle wie die eines 
Malers? Um der geringsten Kleinigkeit willen, die zu notiren sie ver- 
gessen haben, wären sie imstande, zu fordern, dass die Todten 
erstehen und ihre Pose wieder aufnehmen sollten. (Bei Gavami's Tod: 
»Es thut mir um Alles leid, was ich nicht durch eine Notiz von ihm 

gerettet habe. Oh I Wie sehr lehrt uns der Tod, dass das Leben 

Geschichte isti«) Man hat beobachtet, dass unsere Reisen in uns sehr 
genaue Vorstellungen von Landschaften zurücklassen, die wir nur einmal 
und nur einige Augenblicke gesehen haben, während wir nichts von 
den einzelnen Umrissen der Gegenstände wissen, mit denen uns das 
tägliche Leben umgab ; das Erstaunen über ein ungekanntes Schauspiel 
reisst unseren Geist eben aus seiner gewöhnlichen Beschäftigung heraus 
und erweckt unseren ästhetischen Sinn. Es scheint, die Goncourts, die 
dem Leben inmier fremd blieben, sind in dieser Welt stets auf Reisen. 
Alles ist ihnen neu. Alles der Beachtung werth. Dann wissen sie auch, 
»dass man für keine Sache sterben muss«. Politische Meinungen, sociale, 
religiöse Ideen haben für sie nur einen repräsentativen Werth, keinerlei 
vorgeÜELSSte Memung engt sie eio, kein VorurtheU verdunkelt die Klarheit 
ihrer Gesichte. Die Nichtigkeit jeder eigennützigen Leidenschaft liess 
in ihnen Raum für eine wunderbare, vollständige Unabhängigkeit, die 
sie vor allen officiellen Einflüssen, selbst jedem Druck des öfifentlichen 
Geschmacks bewahrte. Nicht eine einzige Zeile ihres Werkes ist durch 
eine andere als künstlerische Rücksicht entstanden. Gibt es ein höheres 
Lob für einen Schriftsteller, als die Constatirung dieser grossen, be- 
geisterten und hoheitsvollen Ehrlichkeit ? Da sie nun in einem heimlichen 
Winkel fem von der Handlung standen, war ihnen alles Object; das 



688 GAULTIER. 

ganze Leben hatte für sie keine andere Daseinsberechtigung als die, 
ein Schauspiel zu sein. Sie interessiren sich nicht für die nützliche oder 
streitbare Seite der Dinge; wenigstens erschien ihnen die Fähigkeit 
derselben, Handlungen zu zeugen und Folgen nach sich zu ziehen, nur 
als ein sinnreicher Mechanismus, der an den Augen der Zuschauer 
die verschiedensten Scenen vorüberziehen lässt. Von ihrem Ursprünge 
an traten die Phänomene nur frei von jenen Banden, die sie an die 
Welt des Werdens und der Causalität ketten, in ihren Geist ein, so 
dass sie ihnen im lauteren Rahmen der Schönheit erschienen. 

Der Proce-ss der Aneignung des Talentes. Dennoch 
wurden sie in ihrem Fluge durch die mangelhafte Ausführungsgabe 
gehemmt. Obgleich sie, den Leidenschaften und Handlungen fremd, 
mit den Farben der Palette das blosse Aeussere der Dinge 
hätten beschreiben sollen, wählten sie das Wort ab Werkzeug der 
Transsubstantiation der Wirklichkeit. Das Wort aber trägt doppelte 
Verwendung in sich, eine künstlerische und eine rein erklärende, ja 
geschäftliche. In dieser Hinsicht ist es der natürliche Dolmetsch Aller 
im täglichen Verkehre; es ist gleich einer in Billionen vorhandenen 
Münze in den Dienst des geistigen Austausches zwischen den Menschen 
gestellt, und es ist die besondere Gabe des Schriftstellers, es in seinem 
Munde von dem gewöhnlichen Metall zu unterscheiden. »Es ist ein 
unleugbares Streben meiner Zeit,« hat Mallarm6 gesagt, »den Doppel- 
charakter des Wortes gleichsam in Anbetracht der verschiedenen An- 
wendung zu trennen.« Die Goncourts hatten zu scharfe Sinne, um nicht 
die Nuance sofort zu erfassen, und machten verzweifelte Versuche, ihre 
Sprache zu verfeinern und ihr künstlerischen Werth zu geben. 

Der Versuch Jules de Goncourt's in dieser Hinsicht scheint un- 
mittelbarer gewesen zu sein; er empfand tiefer den autonomen Werth 
des Wortes, seine ausdrucksvolle Persönlichkeit, und bemühte sich, sein 
Geheimniss zu entdecken. »Meiner Ansicht nach,« schrieb Edmond de 
Goncourt, »ist mein Bruder an der Ausarbeitung der Form, der Aus- 
meisselung des Satzes, an der Arbeit, dem Styl gestorben !« In Manette 
Salomon, in Charles Demailly ündet man die Spur dieser hartnäckigen 
Arbeit, die sie Stunden und Tage an ihr Pult fesselte. Da sassen sie 
über gemeinschaftlich geschriebenen Blättern, die sie zuerst für be- 
friedigend hielten, und mühten sich verzweifelt, den Satz im Rhythmus 
zu schwellen, die Worte künstlich zu beleben, sie durch Beiworte zu 
verschärfen, das Unvorhergesehene der Wendungen hervorzubringen, 
jene lebende Materie zu schalen, die man Styl nennt. 

Es sind wunderbare Stücke, wo das Wort quillt, wo das Bild 
hervorsprudelt, sich bricht und in einem Stemenregen von Worten 
herabfallt, wo die Wahl und die launenhafte Fülle der Gedanken mit 
der clownartigen, bunten Munterkeit des Ausdrucks wetteifern. Die 
Kenntniss der abstracten Hüfsquellen und der Bedeutungen des Wortes 
ist eine vollkommene; diese Sprache tritt durch ihre Genauigkeit und 
Schärfe mit mancher Prosa des XVIIL Jahrhunderts, so mit dem freien, 
kampfbereiten Styl Diderot's, Chamfort*s und Rivarol's in Wettbewerb. 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 689 

Und dennoch wagt man nicht zu behaupten, dass aus diesen schwung- 
vollen Blättern, in denen das Talent seine Blüthe erreicht, jene lebens- 
volle Tonfülle weht, die die eigentliche Seele des Styls ist. 

Ward nicht speciell für das Werk der Goncourts der Ausdruck 
»Venture artiste« erfunden, der seither sein Glück machte? Der Aus- 
druck »dcriture« scheint mir ziemlich charakteristisch, weil er aus seiner 
Bewerthung gerade die Klangeigenschaften des Wortes ausschÜesst und 
gewissermassen nur seinen algebraischen Werth ins Auge fasst. Aber 
der Werth des Wortes als Kunstelement ist gerade in seiner Klang- 
eigenschaft gelegen, geradeso wie ein Ton der Malerpalette in der 
Malerei als Farbe seinen Werth hat, so dass die Goncourts das Künst- 
lerische ihres Styls nur ihrer vollkommenen Haltung verdanken, durch 
die sie von dem Leben nur die Einzelheiten sehen und beschreiben, 
die einen repräsentativen Werth haben, von einer Scene der sichtbaren 
Welt zum Beispiel alle jene Einzelheiten, ja nur jene, die auch das 
Auge eines M^ers fesseln würden. Daher wird ihr Werk auch durch 
die einer anderen Kunst entlehnte Atmosphäre zur Geltung gebracht, 
einer Kunst, mit der es sich stetig umgibt, und nicht so sehr durch 
seine ihm innewohnenden Eigenschaften. Das Bestreben, diese Haltung 
den Dingen gegenüber auszudrücken, ist Edmond de Goncourt's Auf- 
gabe gewesen; die Betonung gewisser Formeln in den letzten Werken 
könnte Zeugniss davon ablegen. Es erscheinen aber auch ähnliche Vor- 
gänge schon in den ersten Romanen: sie bestehen in gewissen Wen- 
dungen und Wiederholungen, gewissen Biegungen des Satzes, in der 
Erfindung stylistischer Mittel, welche geeignet sind, die wirklichen Dinge 
und ihre repräsentative Kraft, ihre künstlerische Sichtbarkeit zu be- 
fürchten, in dem Schaffen eines peinlich genauen Handwerkszeuges, 
welches das Aeussere, die Bewegungen, Geberden und Tonmodulationen 
aufzunehmen hat, durch deren Beigabe sich der mündliche Ausdruck 
der Gedanken und Gefühle vervoUkommt. In dieser Hinsicht waren 
die Goncourts Schöpfer einer neuen Methode, Begründer einer Schule, 
auf deren Bänken lernbegierig fast alle unsere Romanschreiber sassen, 
die in den letzten zwanzig Jahren zur Bedeutung kamen. 

Sicherlich diente den beiden Schriftstellern die bereits constatirte 
Lebensimfähigkeit in der Erfüllung ihrer Aufgabe: daraus, dass sie 
den gewöhnlichen Bestrebungen und Gefühlen des Lebens unzugänglich 
waren, ergab sich, dass ihre Thatkraft keine andere Verwendung haben 
konnte, als die: Wahrnehmungen auszudrücken, und so ward sie rück- 
haltlos in den Dienst der technischen Arbeit künstlerischer Reproduc- 
tion gestellt Aber die ursprüngliche Talentsarmuth gibt sich in dem 
ausserordentlichen Kraftaufwand kund, der an die Erwerbung des Ta- 
lentes verschwendet wurde, in dem Tod des jüngeren der beiden 
Brüder, der gewiss die wunderbarsten Anstrengungen machte, die Puppe 
von ihrer Hülle zu befreien und die widerspenstigen Worte zur Reise 
in den Kunsthimmel zu beflügeln; sie gibt sich auch kund in Edmond 
de Goncourt's Geständnissen von Müdigkeit und Erschlaffung, in der 
Klage, die die vertraulichen Mittheilungen des »Journals« durchzieht. 



ÖQO GAULTTER. 

Unter Anderem sei Folgendes angeführt: »An jedem Tag, an dem ich 
mich an meinen Arbeitstisch setze und mir sage: Also, nmi muss ich 
meinem Hirn wieder ein Capitel entreissen! — habe ich die schmerz- 
liche Empfindung eines Mannes, von dem man täglich ein wenig Blut 
zur Ueberleitung in einen anderen Körper verlangen würde.« An anderer 
Stelle finden wir die Aufzeichnungen über die pathologischen Zustände, 
welche die beiden Brüder herbeizufuhren suchten, um das Talent zu 
erwecken: »Man muss Fieber haben, um gut zu arbeiten, und das 

verzehrt und tödtet uns — Mit Peitschenhieben jagt man seine 

Gedanken in die Rennbahn; man sucht die schlaflosen Stunden, um 
die Vortheile der Fiebemächte zu geniessen; man spannt bis zum 
Aeussersten alle Saiten des Hirns übo: eine einzige Gedankenreihe.« 

Das Werk. Dennoch ward nach vielen Kasteiungen, nach einem 
Leben klösterlicher Abgeschiedenheit, glühender Inbrunst und harter 
geistiger Zucht ihre fanatisch dargebrachte Opfergabe von dem Götzen 
angenommen; sie gelangten dazu, sich ein Werkzeug der Kunst zu 
schmieden, und begannen, das Leben in Kunst umzusetzen. Ihre Lebens- 
Unfähigkeit, die ihnen den Beruf zuwies, und ihre contemplative Haltung 
zogen die verschiedensten Folgen nach sich, nützten und schadeten 
ihnen abwechselnd bei der künstlerischen Wiedergabe ihrer Vorbilder. 
Die Wahl des Wortes als Baumaterial verdammte sie dazu, Scenen aus 
der sittlichen Welt wiederzugeben; diese Scenen aber kann man von 
aussen nur sehr unvollkommen beobachten. Wenn es möglich bt, ge- 
wisse Geberden der Leidenschaft, der Worte, des Mienenspiels getreu 
aufzuzeichnen, so kann andererseits die Leidenschaft in ihrem Kern- 
punkt nur nach sich selbst festgehalten werden. Nur wenn man sie 
empfunden oder in seiner Macht gehabt hat, kann man sie in ihrem 
Entstehen wiedergeben, nur dann hat man das stets gegenwärtige Vor- 
bild, nach dessen Linien die von aussen hinzugefügten Details am 
richtigen Platze und im richtigen Raumverhältnisse vertheilt werden 
können. Die Loslösung der Goncourts vom Leben hatte den zeit- 
weiligen Mangel dieses inneren Führers bei ihnen zur Folge: daher 
erhält man von einigen ihrer Werke den Eindruck von MosaikbUdem, 
deren seltsam ausgewählte Stebe — künstlerisch durch tägliche 
Beobachtungen zusammengetragene Documente — nicht am richtigen 
Platze angebracht sind. Ren^e Mauperin, Denoisel sind uns etwas all- 
gemein gehaltene Salonmenschen ; ihre äussere Haltung, einige launische 
Einfalle und ihr Mienenspiel machen ihr Antlitz aus; aber unter der 
peinlichen Mosaikarbeit, der sie ihr Entstehen verdanken, fehlt das 
tiefe Leben, das sie in eine Atmosphäre der Menschlichkeit versetzt 
hätte. Erhalten wir nicht einen ähnlichen, ja noch kälteren Eindruck 
von Mme. Gervaisais während der ganzen ersten Hälfte des Buches? 
So fahl und ungreifbar erscheint sie uns unter all den Museen, auf 
der Schwelle der Kirchen, die einen willkommenen Vorwand zur Be- 
schreibung von Ceremonien, Fresken und Gemälden bieten, dass nur 
das physische Leiden, welches sich in den letzten Capiteln als morali- 
scher Schmerz kundgibt, der Heldin den Schimmer einer Persönlich- 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 69 1 

kcit — einer pathologischen Persönlichkeit — gibt. Glücklicherweise 
blieben in dem Leben der Goncourts inmitten ihrer allgemeinen Ver- 
zichtleistang zwei Empfindungen intensiv; diese erweckten ihre Mensch- 
lichkeit und schufen in ihnen ein inneres Vorbild, dessen Linien sie 
mit jener mächtigen Beobachtungsgabe und jenem seltenen Scharfblick 
wiedergaben, welche durch ihre durchaus contemplative Haltung zur 
höchsten Entwicklung gelangt waren. Aus diesem glücklichen Zu- 
sammentreffen ihres auf dem Höhepunkt stehenden Talentes und dem 
plötzlichen Erwachen ihrer galvanisirten Sensibilität entstanden wunder- 
bare Seiten und ein lauteres Kunstwerk der dramatischen Kunst aller 
Zeiten, Germinie Lacerteux. 

Die eine dieser Empfindungen/ die stets erneut hervorsprudelt, 
war ihre Leidenschaft zur Schriftstellerei, deren naives Geständniss sich 
an unzähligen Stellen des »Journals c findet. Durch sie erkannten sie 
intuitiv jenen natürlichen Conflict zwischen dem Weibe als Ferment 
der Thätigkeiten und dem ästhetischen Sinn, dem reinen Intellectualis- 
mus, der das Princip der Verneinung des Lebenswillens bedeutet. Nur 
der Mann tritt der »Idee« durch das directe Verständniss näher; die Freude 
der Contemplation ersetzt ihm den Vortheil, den man gemeiniglich aus den 
Dingen zieht; sie macht ihn uninteressirt,weil sie ihn eben interesselos lässt. 

Die Frau gewinnt aus der ästhetischen Contemplation nicht diesen 
directen Genuss : die Liebe ist für sie das einzige Princip der Uneigen- 
nützigkeit. Daher finden wir in Charles Demailly und in Manette 
Salomon den auffallenden Antagonismus zwischen dem Intellectualismus 
des Schriftstellers oder Malers und der prosaischen Kampfesfreudigkeit 
der Frau, der Frau, die durch die Liebe nicht erhöht wird. Wie in 
der antiken Tragödie wird das Drama in dem Personenconflict edler 
durch das Hinzutreten der eigentlichen Lebensmächte. Hinter den Ge- 
berden und Worten Marthas und Charles Demailly's prallen in un- 
bewusster Brutalität die Gegensätze der beiden Principien hart anein*> 
ander; und in Manette erscheint dieses Drama, weil einfacher, viel- 
leicht noch bedeutender. Martha ist eine egoistische, gewaltthätige, 
trockene und willkürliche Natur. Die kleine Komödiantin erhebt in dem 
Kampf der Elemente ihre kreischende Stimme und glaubt für sich 
einzustehen, Manette hingegen scheint eine aus sich heraus handelnde 
sichere Naturkraft; sie handelt ohne bestimmtes Ziel, wirkt nur durch 
ihre Gegenwart; sie entwischt den Grimassen der Persönlichkeit; je 
nach den Phasen ihrer Entwicklung erstehen Kräfte in ihr, fördern 
ihre Handlungen zu Tage nach zuerst specifischen Gesetzen, in denen 
sie zur weiblichen Passivität in der Liebe hinneigt, dann nach atavisti- 
schen, die sie zu den alten Ränken ihrer Race zwingen; abwechselnd 
entströmt Sir der siegreiche Duft der Wollust und ein feines Aroma, 
das die Atmosphäre um sie her verändert und auf jede Gedanken- 
arbeit tödtlich wirkt. 

Die Goncourts hüteten sich vor Marthas und Manetten ; aber die 
Angst, die sie vor ihnen hatten, setzte sich in ein lebendiges, drohendes 
Gespenst um, dessen bewegliche Form sie in Worten wiedergaben. 



692 GAULTIER. 

Einige vibrirende Seiten des »Journals c haben uns die andere 
Quelle reicher Empfindung enthüllt, aus der ihnen, aus den Tiefen 
menschlicher Seele hervorsprudelnd, neue tragische Welten kamen« Die 
bei dem Tod ihrer alten Dienerin stattfindende Offenbarung der ge- 
heimen Existenz des armen Mädchens durchtheilte wie ein zackiger 
Blitz den Abgrund der Finstemiss, in dem sich die armen mensch- 
lichen Seelen winden, mit unzusammenhängenden Motiven fiir ihre 
Handlungen, ein Spielball der widerspruchvollsten Stösse der Instincte, 
Gefühle und Sittlichkeitsgebote gleich jenen Fetzen, die ein böser Wind 
nach Willkür vor sich hertreibt. Das Phänomen erschien ihnen unver- 
ändert in seiner ganzen gesetzmässigen Grausamkeit Sie zweifelten 
nicht an dem Seelenadel des menschlichen Geschöpfes, auch nicht an 
der Vollkommenheit seines Herzens; ihre Sensibilität leitete sie zu 
richtig; in dieser Hinsicht hatten sie Gewissheit: deshalb mussten sie 
auch, um die gähnende Kluft zwischen dem ursprünglichen Adel und 
der Niedrigkeit der Handlungen auszufüllen, den physiologischen 
Mangel, den Sohn des Fatums^ in den Gehimcentren annehmen, der 
nur ungenügend durch die ^ziehung ausgeglichen wird, und mussten so 
künstlich die sittliche Persönlichkeit zusammenzustellen, in der sich 
herrisch und unvermeidlich das Fatum erhebt. Die Greuel dieses ungleichen 
Kampfes wurden uns zuerst im Roman mit seltener Genauigkeit der Details, 
dann auf der Bühne in wunderbar kunstvoller Verkürzung und einer 
bis dahin ungekannten Schönheit und Wahrheit der dramatischen 
Sprache vorgeführt, in jener Atmosphäre hoher Menschlichkeit, die 
dem Werke ewige Dauer sichert; denn unter der Leinenschürze der 
Dienerin rauschen die Falten von Phädra's Peplum. 

Hypertrophie des künstlerischen Sinnes. Das genügt 
für den Ruhm : in Germinie und einigen Capiteln aus Manette 
und Charles Demailly haben die Goncourts unbewusst ihren Traum 
verwirklicht. Hier* symbolisiren sie den schmerzlichen Sieg und 
die Wirksamkeit jener Hypnose, der es gelingt, Wesen ohne Thaten- 
freudigkeit in den Dienst der künstlerischen Production zu stellen. 
Aber diese Studie wäre unvollkommen, wenn wir nicht neben diesem 
siegreichen Resultat auch die der Kunst selbst unheilvollen Folgen 
zeigten, die diese Lebensunfähigkeit nach sich zieht Wenn sie in 
den Anfängen dazu beigetragen hat, die ästhetische Haltung der 
beiden Künstler zu bilden, so beschränkt sie in der Folge, da sie 
stets wächst, die Zahl der zwischen ihnen und der Wirklichkeit mög- 
lichen Beziehungen und verkleinert ihr geistiges Sehfeld. Ich habe schon 
die einzelnen schwachen Stellen in den Romanen erwähnt; aber in 
dem Werke des letzten der beiden Brüder, in den Bänden des »Journal« 
nach 1870 scheint diese Tendenz vollständig zur Herrschaft gekommen 
zu sein und sich in contemplativer Haltung in einem heimlichen Winkel 
abseits vom Leben selbst zu idealisiren. 

Sei es, dass Jules de Goncourt bei dem intimen Zusammenarbeiten 
in Besonderheit den Beitrag jener Lebensdosis geleistet hätte, die für 
die künstlerischen Schöpfungen unerlässlich ist, sei es, dass der äusserste 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 693 

Trennungsschmers bei dem älteren Bruder die Quelle menschlicher 
Empfindsamkeit versiegen liess — eines steht fest: £dmond flüchtete 
sich für immer in einen Beobachtungswinkel abseits vom Leben, und 
anstatt es zu fühlen und in sich selbst rauschen zu hören, lernte er es 
von da ab nur mehr durch die Kundgebungen bei Anderen kennen. 

Die Nachtheile dieser Haltung spiegeln sich im Werke wieder: 
es bleibt immer künstlerisch; aber mit dem vollständigem Abhanden- 
kommen des Lebenssinnes verblasst auch der Sinn für die Proportionen 
zwischen den Ereignissen, Leidenschafiten, Sensationen und Berührungs- 
linien. Die Bücher scheinen keinen anderen Zweck mehr zu haben, als 
eine Notizensammlung zu bieten und durch kleine Uebergänge die Be- 
obachtungen eines oder mehrerer Jahre zu verbinden. Und während in 
den Vordergrund der Composition alle jene Details der Moderne treten, 
die das flüchtige Bild einer Epoche bilden und kennzeichnen, fehlt dem 
Werke das intensive und tiefe Leben der Personen, und die Charaktere 
besonderer Menschlichkeit erbleichen. 

Die äussersten Folgen dieser Tendenz zeigen sich noch augen- 
fälliger in den Notizen des »Journal«, namentlich in den Bänden, die 
die Ereignisse des Krieges und der »Commune« berichten; nichts ist 
charakteristischer als dieser Abzug eines grossen Geistes, in dem die 
Sehfähigkeit einzig und allein, zum Schaden aller Uebrigen, hypertrophirt 
ist. Um ihn herum entrollt sich das Sdhauspiel zweier Bdagerungen: 
man fühlt, wie unbehaglich ihm ist, wie er sich überflüssig vorkommt 
inmitten der Thaten. Welche Haltung annehmen? Was denken? Was 
thun? Unwillkürlich denkt man an die beiden Helden Flaubert's, die 
im Louvre versuchen, sich für Raphael zu begeistern, und sich Notizen 
im arabischen Curs des »College de France« machen. Mit Sorgfalt und 
äusserster Gewissenhaftigkeit sammelt Edmond de Goncourt den Ge- 
danken, die Eindrücke der Andern, der Literaten, der Bürger, des 
Volkes. »P^lagie,« constatirt er, »rühmt sich, keinerlei Furcht zuhaben, 
und erklärt, dass es ihr wie ein Zinnsoldatenkrieg vorkommt. Wirklich 
ist die fürchterliche Kanonade von heute Früh nichts Anderes als, wie 
sie sagte, das Geräusch von Teppichklopfen.« Vergebens bemüht er sich 
theilzunehmen, persönliche Eindrücke zu empfinden. Er bleibt in einem 
fernen Winkel an seinen Beobachtungspunkt geschmiedet : er befragt die 
lebensvolle Strasse, wie er einen Stich aus dem XVIII. Jahrhundert 
prüfen würde. Von dieser Entfernung aus stehen für ihn die äusseren 
Formen und die tragischen Kundgebungen der Bethätigung in derselben 
Linie ; daher hat bei ihm die Beschreibung einer Pallisade, eines Linien- 
walles dieselbe Plastik und dieselbe Bedeutung als die Erzählung irgend 
einer rührenden Episode. Allen diesen noch zuckenden, im Entstehen 
begriffenen Wirklichkeiten gegenüber bewahrt Edmond de Goncourt 
die Haltung eines Dilettanten vor einem Gemälde, an dessen Anord- 
nung nichts geändert werden kann. Welchem Ereigniss immer er sich 
beigemengt findet, er untersagt sich stets peinlich jedweden Eingriff, 
aus Furcht davor, vor seinem Auge den Lauf des Phänomens zu 
stören. 

53 



694 GAULTIER. 

Von seinem Haus in Aateuil begibt er sich nach Montmartre 
nach La Chapelle ; er fährt mit der Gürtelbahn um Paris herum, dringt 
in die Ambulanzen ein, geht durch bewaffiiete Reihen in die Lager 
und ist stets eifrig bemüht, seine Rolle als »Beschauer« zu spielen. Be- 
siegte Zuaven kommen nach Paris zurück: er beschreibt den Schreck, 
der sich in ihren Worten und ihren hohlen Zügen malt, dann bemerkt 
er alsogleich ein »hübsches Bildchen am Thor von Neuilly« : einen Karren, 
der den Umzug einer Vorstadtfamilie besorgen soll, und auf einem 
Haufen gebrechlicher Möbel ein schlafendes Mädchen. 

»Ueberall der Krieg Und jeden Augenblick die reizend- 
sten Motive für den Maler.« Der Künstler kann sein Bedauern nicht 
verhalten vor »den lebhaften farbigen Bildern, die die Belagerung aller- 
orts in Paris zusammenstellt: Bilder, die die Malerei zu malen ver- 
gessen wird oder die von einem Millevoye des Pinsels, wie Protais, 
versentimentalisirt werden«. Alles ist ihm Bild, bewegliches Büd, das er 
neugierig in all seinen Formen betrachtet. 

Aber ein ganzer Theil des Lebens entgeht dem Blick des Be- 
obachters; die Netzhaut des Malers bildet einen Lichtschirm zwischen 
ihm und der Wirklichkeit in ihrer packendsten Form. Edmond de Gon- 
court gleicht jenem geschickten Handwerker des Islam, der, in den 
heiligen Krieg ziehend und nur für seine Kunst begeistert, in dem 
Blut des Kampfes und des wunden Fleisches nichts Anderes sehen 
würde als Farbenmodelle für die Schiattirungen in den Arabesken seiner 
Gebetteppiche. Das Werk des Schriftstellers ist dadurch geringer: die 
Worte, deren Zweck es ist, die Malerpalette zu ersetzen, vernachlässigen 
so ihre wahre Aufgabe, die Rangordnung der Werthe ist auf den Kopt 
gestellt, das Leben kreist nicht mehr in dem aderreichen Gewebe der 
Sätze, das Decorum verbirgt die Handlung. 

Wir mussten wohl diese Schwächen im Werke der Goncourts er* 
wähnen ; denn sie sind charakteristisch für die Kunstform, die die beiden 
Brüder vertreten. Indem wir sie constatiren, erkennen wir das in dem 
Werke enthaltene Princip der Selbsttödtung. Sie zeigen uns wieder, 
dass die Möglichkeit irgend einer Wiedergabe auch nothwendigerweise 
gemeinschaftliche Beziehungen zwischen dem dargestellten Object und 
der darstellenden, percipirenden Persönlichkeit erheischt. Das Leben 
allein kann in Beziehung zum Leben treten ; daher stammt der Mangel 
dieser Kunstform, die in ihrer Blutlosigkeit eine Entschuldigung zu haben 
glaubt. Wenn wir sie der Schönheit ihrer Bemühungen halber geehrt 
haben, müssen wir ihr auch gerechterweise ihren Platz anweisen, indem 
wir ihr die geniale Kunst, die überschwengliche Tochter der Lebens- 
freude, von der sie ihre Abkunft herleitet, entgegenstellen. Denn wir, 
die Tributpflichtigen dieser Perioden der Anämie, wir können nichts 
Anderes thun, als den Mangel an Thatkraft durch äusserstes Verständ- 
niss ersetzen: unsere Bewunderung hat nicht das Recht, zu irren. So 
entnüchtert wir auch von den Thaten, so bezaubert wir vom Kunst- 
werke sind, dürfen wir selbst im Interesse unserer Leidenschaft nicht 
vergessen, dass die Kunst sich auf das Leben stützt. Dann wird unsere 



DIE GONCOURTS UND DER KUNSTGEDANKE. 695 

Inbrunst — eben weil wir Vorbilder zur Nachahmung brauchen — 
vielleicht unsere Sehnsucht wachrufen, und über die genialen, uns 
hypnotisirenden Werke hinaus wird unsere Begeistenmg, sich an das 
iSincip anlehnend, das sie zeugte, in Lenzespracht die versiegte Quelle 
unserer Thaten zu neuem Leben erwecken. 



DIE MENSCHEN. 

Wir leben an einander stolz dahin, 
So wie die Bäume in dem grünen Garten. 
Tagtäglich kommt die alte Gärtnerin, 
Mit Eimern hellen Wassers sie zu warten. 

Es steht für sich ein jeder Tag- für Tag, 
Sieht von den anderen nur Laub und Rinde, 
Nicht was im Innern sie erregen mag, 
Und schüttelt hoch sein Haupt im weiten Winde. 

Bisweilen aber kommt die alte Frau, 
Dem Nachbar einen Ast entzwei zu sägen. 
Dann schauert jeder; jeder sieht genau, 
Sieht eine andre Seele sich bewegen. 

München. EmANUEL V. BODMAN. 



53* 



EINE BERLINER THEATERSAISON. 
Von Fritz Engel (BcrUn). 

In grässlicher Oede liegen jetzt die Berliner Theater. Es ist todt, 
Alles ist ganz todt. Es wird zwar an einigen Stellen noch ein bischen 
gemimt, aber kein Mensch kehrt sich daran. Die meisten Häuser liegen 
leer und verlassen da, lichtlos und menschenlos, Caricaturen ihrer 
selbst. Wie mit Lfeichenaugen starren die Fenster, eme muffige Kühle 
scheint herauszuströmen. Und wer in die Vestibüle tritt, glaubt sich 
von einer Mischwolke dumpfgewordener Gerüche umdünstet, und der 
Wiederhall seiner einsamen Schritte gemahnt ihn wie ein ersterbendes 
Echo an den BeifaUslärm, der sonst von innen hier herausschallt 
O Kunst, o liebe Kunst. . . Und hier in diesen Räumen, die nun wie 
Todtenhäuser sind, haben wir zu dir gebetet I Es schien nichts Höheres, 
nichts Heiligeres zu geben, als das bischen Theater, wenn wir hier 
in Für und Wider uns erhitzten, wenn wir hier Ruhm gründeten und 
zerstörten, wenn wir Götter schufen und entthronten. . . 

Und nun? Was blieb? Was wird bleiben? Sind die Gesichte, 
die wir hatten, Erinnerungen geworden? Lösen sich die Gestalten aus 
dem Dunkel der schlafenden Bühnenhäuser, die hier geschaffen wurden 
und den Schlaf überdauern werden? Steigen wieder Scenen, steigen 
wieder Abende auf, die wiederzugeniessen wir dürsten? Wie wenige I 
Vielleicht nur ein Einziger. Aber freilich ist das in anderen Jahren 
nicht besser gewesen, nur höchstens schlechter. Das Verhältniss von 
Qualität zu Quantität, von Gewinn zu Umsatz ist in der theatralischen 
Kunst höchst selten mehr als etwa 1 auf 500. Auf fünfhundert Stücke 
eines, das noch nach Jahren den Kunstwanderer still stehen heisst, ist 
es nicht Glück genug? Dieses eine kann eine neue Kunst, kann nach 
vielen Missemten die Kunst überhaupt bedeuten. Es kann der eine 
Gerechte sein, um dessentwillen allen Ungerechten vergeben sei. Die 
wenigen Abende also, die sich im Düster der sommerstillen Theater 
wieder in den Lichtschein unserer Erinnerung rücken, können uns 
noch immer viel bedeuten. Die wenigen, vielleicht nur ein Einziger. 

Und wirklich, es ist nur Einer. Uns Berlinern wenigstens be- 
deutet Hauptmann's »Versunkene Glocke« eine That. Nicht gerade 
eine neue Kunst oder die Kunst überhaupt, von der ich eben schwärmte, 
aber es strömt uns doch wieder, wie seit langer Zeit nicht mehr, 
der Odem einer mächtigen Dichtematur entgegen. O wie haben 
wir gescholten auf unsere liebe »Versunkene«! Wir nannten sie un- 
dramatisch und unklar und was sonst noch. Wir sind hier nämlidi 
furchtbar darauf aus, nicht ein Tüpfelchen mehr zu bewundem, als 



EINE BERLINER THEATERSAISON. 697 

wir mathematisch als bewunderaswerth erweisen können. Wer uns so 
sprechen hörte beim Diner-Essen^ beim Schlittschuhlaufen, beim Radeln, 
der musste meinen, die »Versunkene« sei die schlimmste Missgeburt 
der Zeit Und wir Nämlichen gingen dann ins »Deutsche Theater« und 
liessen uns mild bezaubern von den Reizen des Werkes. Wie von 
Mondenschein liessen wir Grundblasirten uns überrieseln von dieser 
schimmernd schönen Lyrik und, die wir so viel unter dichtenden 
Deutschen leiden, wir sahen wieder einen deutschen Dichter. Ja, es 
war ein Triumph der deutschen Romantik auf der Bühne des Herrn 
Otto Brahm, die sich dem Naturalismus für immer angelobt hatte, ein 
Sieg dieser Bühne gegen sich selbst. Und dann gingen wir sinnend 
und wohlig beklommen aus dem Theater und athmeten ein paarmal 
auf und mäkelten dann wieder ein bischen. Und das ist gut so. Wir 
wollen, ungleich seinen blinden Anbetern, den jungen Begnadeten, den 
Gerhart Hauptmann, nicht krönen, ehe er nicht die Majorennität des 
Dichters erreicht hat, die sich nach einer grösseren Zahl von Werken 
berechnen muss. Wir wollen ihn noch nicht Führer und Lehrer nennen 
und ihn noch nicht zum Gevatter für die Kunst der ganzen Epoche 
bitten. Er selbst soll sich gross machen, nicht wir wollen es. 

Das »Deutsche Theater« stand also an der Spitze. Und zwar so 
sehr, dass hinter ihm noch lange nichts kommt und dann auch noch 
nicht das »Königliche Schauspielhaus«, das sein Rivale, ja das sein 
Sieger sein müsste. Das »Deutsche Theater« hatte auch das andere 
Edelwild, Herrn Hermann Sudermann, eingefangen. Es hatte ihm 
bei Blumenthal im Lessing - Theater nicht mehr gefallen, vielleicht 
weil er dort nicht mehr so gefiel, vielleicht auch, was von seinen 
Of&ciösen mit einiger Berechtigung angegeben wurde, weil er dort nicht 
die genügende Besetzung hatte. Er ging also zu Brahm und hatte mit 
seinen »Morituri« einen mächtigen Erfolg. Und warum auch nicht? Es 
sind drei Stücke, die man gute Stücke nennen kann. Diesen und jenen 
Einwand zugegeben, »Teja« und »Fritzchen« und »Das ewig Weibliche« 
sind doch Zeugnisse einer gesunden, kernigen und vielseitigen Be- 
gabung. Er ist ein grosser Könner, der Autor der programmatisch ge- 
wordenen »Ehre«. Es ziert ihn auch, dass er nicht bitter und verdriesslich 
wird, weil Hauptmann ihm übergekommen ist. Der Teufel auch, das 
ist nicht angenehm, immer verglichen und nie vorgezogen zu werden. 
»Ja, aber erst der Hauptmann,« tönt es ihm überall entgegen. Wenn 
man ihm dereinst, was wir ihm gönnen, ein Denkmal setzt, wird selbst 
der Festredner sagen müssen; »Ja, aber erst der Hauptmannt« 

Und dann hatten wir im »Deutschen Theater« neben dem schnell 
verhallten Ibsen, der als »John Gabriel Borkman« kam, noch einen 
Erfolg. Einen Fulda-Erfolg, das ist ein Erfolg besonderer Art. Man 
kann sagen, Fulda hat hier seinen Erfolg immer vor der Premiere. 
Seine freundliche Art, sein froh flackernder Humor, die Glätte seiner 
Verse haben ihn in die Popularität eingeschmeichelt Jeder hat um 
gerne, jeder schmunzelt, wann er an ihn denkt, jeder ist neugierig, 
wenn Fulda mit Neuem auf dem Zettel steht. Und merkwürdig, die 



698 ENGEL. 

Stücke selbst bringen dann fast immer eine kleine oder eine grosse 
Enttäuschung. Man geht ein wenig ärgerlich aus dem Theater, fast mit 
einem persönlichen Schmerze. Man gesteht ein: Diesmal war es nichts 
Besonderes. Aber man freut sich schon wieder auf das nächstemal. 
Ein so netter Kerl ist der Fulda. 

Mit seinem »Sohn des Khalifen« hatte es diese Bewandtniss. 
Uebrigens war es ohne Zweifel noch eine literarische Sache. Und mit 
der »Glocke«, mit »Morituri«, mit »Borkman« zusammen konnte es 
Herrn Brahm den Ruhm bringen, das interessanteste und werthvollste 
Theater der Saison gefiihrt zu haben. Zudem das glücklichste Theater. 
Denn Herr Kainz und Frau Sorma hatten niemals einen nennenswerthen 
Schnupfen, und es ging Alles glatt, und der Leichtsinn, mit dem Herr 
Brahm all sein Heil eigentlich nur auf diese beiden Köpfe stellt, wurde 
nicht bestraft. Eine Erkältung der göttlichen Sorma — da sie ganz 
menschlich radelt, kann es leicht dazu kommen — und ein höchst 
minderwerthiges Rautendelein ruinirt das Cassenstück. Nur noch Herr 
Hermann Müller, der ein sehr lebendiger Charakterisirer ist, und 
Fräulein Else Lehmann, die die Rollen des Norafaches mit einer 
mächtigen, wie mit Stichflammen aus den Worten hervorzüngelnden 
Leidenschaft spielen kann — und das Künstlerverzeichniss der ersten 
literarischen Bühne Berlins ist fertig. Nun nimmt uns Wien den Kainz. 
Wir sagen zu jedem Wiener, den wir sprechen: »Der Kainz ist nichts: 
für Wien. Zischen Sie ihn aus, aber tüchtig.« Und schon winden wir 
in Gedanken die grosse Guirlande und kleben das rothe Placat darein . 
»Gruss dem glücklich Zurückgekehrten«. Also bitte, zischen Sie ihn aus 
Er ist nichts für Wien. 

Als braver Berliner Bürger müsste ich hier eigentlich schliessen. 
Ich könnte sagen, das Gute, was die Saison gebracht, Alles, was vor 
der Erinnerung noch Farbe und Klang behalten, ist aufgezählt. Doch 
verdient es wohl noch das Mittelmässige, vom Schlechten unterschieden 
zu werden. Es Ist schwer zu sagen, wohin das »Königliche Schauspiel- 
haus« zu rubriciren ist. Man liebt es um seiner Künstler willen, wegen 
des vornehmen Tones, auf den seine meisten Vorstellungen abgestimmt 
sind, wegen einiger cl&ssischer Darstellungen, die ihm vortrefflich ge- 
langen. Aber dann ist es wieder so bekümmerlich, zu sehen, wie es 
sich vor jedem Winde lebendiger Kunstgegenwart einschnürt in den 
Panzer höfischer Tradition. Wen soll man dafür als verantwortlich in 
Anspruch nehmen? Das Haus des Königs, wird es nach Königswort 
verwaltet. Und unser König ist kunstfreudig und kunstfördemd, wenn 
auch in ganz individueller Art. Er, der sorglich Wache hält, dass kein 
Recht des Königs und kein Machtmittel angetastet werde, sieht auch 
in der Kunst einen Hebel des Patriotismus, (^eme sieht er die Sonne 
HohenzoUems widerstrahlen aus prächtigen Bühnenbildern voll historischer 
Treue. Gern sucht er in dem Vergangenen, das er auf die Bretter 
stellen lässt, den Massstab für die Fortschritte, die seine Dynastie ge- 
macht. Das Grosse, das erreicht wurde, sieht noch grösser aus, wenn 
man das Kleine betrachtet, aus dem es entstand. 



EINE BERLINER THEATERSAISON. 699 

Dieser mehr politischen AufTassung der Kunst wird das Schau* 
spielhaus untergeordnet. Und noch nach eiuer anderen Richtung gilt 
das Sic volo, sie jubeo. Der Kaiser lacht gem. £s ist erquicklich, zu 
$ehen, wie dieser von Pflichten so ernster Art bedrängte und im Offi- 
ciellen so strenge Mann sich dem Genüsse harmloser Freuden mit 
wahrhaft kindlicher Heiterkeit hingeben kann. Er kann bei einem 
Skowronnek'schen Jagdlustspiel das ganze Haus mit seiner Heiterkeit 
anstecken. Es ist klar und es kann nicht anders sein, als dass die 
Regisseure des Königs seinen Geschmack zu errathen suchen und Stücke 
annehmen mehr aus diesen Gründen der Loyalität, als nach rein 
ästhetischen Gesichtspunkten. Wir wollen es noch gerne anerkennen, 
dass sie zwischendurch in das freie Gewässer reiner Kunst, der Kunst 
an sich, zu steuern suchen. Dann entstehen, immer mit dem mächtigen 
Adalbert Matkowski im Centrum, ein paar gute Schiller-Abende, ein 
geistvoll reproducirtes Hebbel-Stück und dann eine classische Classiker* 
Vorstellung, wie von Shakespeare's »Coriolan«, die der alternden Saison 
noch einmal junges Blut durch die Adern gab. Jüngere Autoren mit 
literarischem Anspruch kamen, wie aus all dem erhellt, nicht zu Worte. 
Mir fallt nur Einer ein, Leo Ebermann mit der »Athenerin«. Von 
Wien aus vielleicht ein bischen zu sehr gelobt, wurde er hier gewiss 
zu sehr getadelt. Die ganze Grundverschiedenheit des Wiener und des 
Berliner Kunstcharakters kam zu einem explosiven Ausbruch, Herr 
Ebermann selbst hatte dabei den Schaden. Er glitt schnell vom Re- 
pertoire. 

, . .Die Charlottenstrasse vom Schauspielhause ein Stück herauf, da 
ist das »Berliner Theater«. Man hat es wortspielend hier das Volks- 
und Erfolgstheater genannt, und weil es das Eine ist, darf man das 
Andere ihm gönnen. Es ist fast das einzige Berliner Theater, das Styl 
hat. Vielleicht einen banalen, aber einen Styl. Es macht kein Neuland 
urbar in der Kunst, aber es erntet geschickt. Es hat Wildenbruch, den 
Fehlerhaften, in allen Fehlem Interessanten, dem Schauspielhause auf 
dem Halme abgenommen. Dorthin war »König Heinrich und sein Ge- 
schlecht« zuständig. Aber man fürchtete den Zorn der Clericalen, wie 
man ihn in Oesterreich fürchtete, wo das Stück sogar ganz verboten 
wurde. Und nun Hess Herr Prasch im »Berliner Theater« Wildenbruch's 
heissen Athem weit über hundertmal in ein dichtes und begeistertes 
Parquet wehen. Was ist der gute Wildenbruch nicht gezaust worden 
für die Schwäche und Oberflächlichkeit seiner Psychologie. Aber er ist 
und bleibt doch unser einziger Volksdramatiker besseren Zuschnitts 
mit der Fülle und dem Glänze seines dichterischen Organs. Er ist 
das Incamat dessen, was sich der gute Bürger unter Theater vorstellt, 
er ist Spannung, er ist Coulisse, er ist betäubende Beredsamkeit, er 
ist der ganze süsse Rausch, den der Mittelstand im Theater sucht. 
Und theatralische Mittelstandspolitik, das ist eben der Styl des »Ber- 
liner Theaters«. In einem runden Ensemble, dem erste Sterne fehlen, 
dem aber auch die billige Talentlosigkeit ferne bleibt, werden die 
Cladsiker aufgeflihrt, werden Anzengruber und Grillparzer gespielt» 



700 ENGEL. 

werden die sogenannten nackten Lustspiele gegeben, die eben in das 
»Berliner Theater« und nicht in das «Königliche Schauspielhaus« ge- 
hören. Das einzigemaly wo Prasch mit grossartiger literarischer Maske 
kam, fiel er ab. Es war, als er Wilbrandt's religiöses Phantasma »Heiran«, 
ein verschleiertes Jesus-Stück, aufführte. 

Man kann nicht gut vom »Berliner Theater« sprechen, ohne an 
das »Schiller-Theater« zu denken. Es ist im Grunde dasselbe. Es ist 
gleichermassen Mittelstandsbühne mit einer klemen Nuance tiefer in 
das rein Spiessbürgerliche. Aber das soll diese Bühne auch sein. So 
steht es, wenn schon mit anderen Worten, auf ihrem Programm, und 
das macht sie in ihrer Art zu dem zweiten und letzten stylreinen 
Theater der Reichshauptstadt. Seit drei Jahren, und das ist viel, hält 
das »Schiller-Theater« daran fest, für überaus erniedrigte Preise drama- 
tische Waare von reellster Beschaffenheit auszuverkaufen. Nicht ganz 
nur nach idealsten Gesichtspunkten, wie seine Gönner wohl erwartet 
hatten, aber erst recht nicht so simpel, wie seine Neider «und Con- 
currenten weissagten. Man sieht dort die grossen todten Meister und 
auch von den Lebenden welche, die keine sind. Das Publicum des 
Hauses ehrt die Todten, besucht aber noch lieber die Lebenden und 
fängt die moderne Literaturgeschichte etwa bei Moser an. Andächtig 
wie in der Kirche, so sitzt sie allabendlich im Parquet zusammen, die 
Pränumerando-Abonnentenschaar, und liebt sich und bekrittelt sich 
sanft, wie das in grossen Familien üblich. Am Büffet in der Zwischen- 
pause erregt man sich ein wenig mehr. Da ist es enorm billig und 
immer sehr voll. Eines nur hat sich in den Kinderjahren des »Schiller- 
Theaters« geändert und auch dies noch zum Besten, nämlich die Dar- 
stellung. Mit Fleiss und Energie hat man die Talentlosigkeiten ent- 
wurzelt, auch wenn sie sich mit langen Contracten eingegraben hatten, 
und hat brave Kräfte gesetzt Das »Schiller-Theater« ist auch für den 
gesunden Schauspieler-Mittelstand eingetreten, und mehr ist nicht seines 
Amtes. 

Aber auch noch nach einer anderen Seite spinnt sich der Faden 
des »Berliner Theaters« weiter. Bis hinaus nach der Nachbarstadt Char- 
lottenburg, wobei Niemand glauben darf, dass der Weg so ungeheuer-, 
lieh weit ist. Im Gegentheil. Da, wo Berlin aufhört, um gleich weiter, 
Haus bei Haus und noch immer von Berlinern bewohnt, Charlotten- 
burg zu heissen, da »arti colendae hunc donum condidit Bernhard 
Sehring« — da hat, wie am Giebel zu lesen, Bernhard Sehring zur 
Pflege der Kuust das »Theater des Westens« gebaut. Offen gestanden, 
wir sprechen hier nicht gern davon. Wir, die die Kunstpolizei mit Lob 
und Tadel üben, waren geblendet von der Pracht und Formenschön- 
heit des Hauses, geblendet von manchem funkelnden Künstlernamen, 
und sind grausam enttäuscht worden. Wir haben mit dem Gedanken 
gekost, ein neues Kunstorgan zu besitzen, und mussten uns die Nase 
zuhalten vor dem Hauch des Unrathes, der aus den noch nicht kitt- 
festen Fugen des Hauses flog. Die Vorgänge dieser Theatergründung 
sind wohl bekannt. Herr Blumenreich, ein begabter aber unklarer, noch 



EINE BERLINER THEATERSAISON. 7OI 

dazu in seinen moralischen Qualitäten von manchen Seiten angezwei- 
felter Projectelhuber, und Bernhard Sehnng, ein kühnphantastischer^ 
aber geachäftsunkundiger Mann, hatten den Bau nrit tausend fremden 
Geldern hingestellt Ein Personal und »ein Repertoire für alle Genres 
wurde zusammengetrommelt. Es wird schon gehen, dachten sich die 
Herren. Geht's nicht so, dann geht's so, wie's trifft. Aber es ging nicht 
so — und es ging nicht so. Em Ensemble liess sich nicht heranbilden, 
die besten Schauspieler schnappten ab, kein Stück schlug ein, die 
Gläubiger drängten. Noch vor der eigentlichen Eröffnung wurde Blumen- 
reich ausgemerzt, und Herr Witte- Wild, früher Director des Lobe- 
Theaters in Breslau, der bis dahin nur artistischer Leiter gewesen war, 
wurde Alleinherr. Aber es ging wieder nicht, weder sOj noch so. Nun 
wurde Witte- Wild abgeschafft, und Hofpaur (früher bei den Münchenem) 
kam ans Ruder. Und wiederum, es ging nicht. Es war schon viel 
genug, dass Hofpaur die äusserste Katastrophe aufzuhalten wusste und 
das Schifflein noch vor dem schlimmsten Windstoss auf den Sand 
brachte. Am Schluss der Saison bot das Theater ein Bild schreck- 
licher Zerrüttung. Keine Stücke und keine Schauspieler mehr, dagegen 
überall Schulden und Verpflichtungen. 

Und nun warf Herr Prasch vom »Berliner Theater« her semen 
Haken. Er zog die Westenbühne an sich, zuerst versuchsweise für ein 
Jahr. Wir werden also wieder eine Doppeldirection haben, eine Per- 
sonalunion zweier Theater in einer Hand. Wir haben damit schlechte 
Erfahrungen gemacht. Aber Herr Prasch hat nun einmal das Vertrauen 
des Publicums, er hat das Geld und den Eifer. Er findet dort draussen 
auch Zuschauer, wie er sie braucht, lauter furchtbar gesittete Leute, 
Officiers- und Beamtenfamilien und dergleichen. Er nennt das Haus 
»Goethe-Theater«. Quod felix faustumque sit. 

Zurück nach Berlin. Es bleibt nicht mehr viel übrig. Das 
»Lessing-Theater« hat ganz und gar brach gelegen. Einsam, wie der 
Fichtenbaum im Norden, hebt sich ein Gastspiel der Niemann-Rabe 
daraus hervor, und vielleicht noch ein Besuch Antoine's aus Paris. 
Alles Andere ist spurlos dahingegangen, auch die darstellerischen Lei- 
stungen, die weit von der Höhe früherer Jahre entfernt waren. Was 
focht Oscar Blumenthal an? Er gibt sein Theater im Herbst 1898 an 
Herrn Otto Neumann-Hofer ab — will er's ihm erleichtern, ihn zu 
übertreffen, oder will er umgekehrt seinem Naclifolger das Publicum 
entfremden ? Das Resultat dieser Saison macht an das Letztere glauben. 
Blumenthalischer als Blumenthal füllten wir es wie einen persönliche!) 
Schmerz, ^diese Bühne entarten zu sehen, die ein Theater der Lebenden 
sein wollte und manchesmal auch war. 

Es ist noch von Herrn Lautenburg zu reden. Er war einer von 
jenen Doppeldirectoren, die sich am Doppelspiel die Finger ein wenig 
verbrannten und schnell zurückpuschten. Seit Jahren Herr des »Residenz- 
theaters«, hatte er dann noch das schöne »Neue Theater«, ein Schmuck- 
kästchen in der lebhaften Friedrichstadt, mit einer ähnlichen Jugend- 
geschichte wie das »Theater des Westens« als Schwesterbühne adoptirt. 



702 ENGEL. 

Aber er war dann heilfroh, dass er aus dem »Residenztheater« heraus- 
kam. Ein Herr Brandt, früher Schauspieler bei Lautenburg und xuletst 
kleiner Director in der Provinz, wird diese Btihne vom kommenden 
Herbst ab übernehmen. Indessen hat der Concurrenzkampf, ergötzlich 
zu sehen, schon längst begonnen. Der Angelpunkt des Streites ist: 
Gehört das französische Genre, gehört die importirte 2k)te, die man 
lieb haben muss, weil sie graciös ist, gehört sie Herrn Lautenburg 
persönUch oder gehört sie dem »Residenztheater« local? Ein Salomo, 
der das Rechte f^de. Herr Brandt sagt: »Ohne Zote kein Residenz- 
theater« und bereitet sich dort auf französische Stücke vor. Herr Lauten- 
burg sagt: »Kein Lautenburg ohne Zote« und mühte sich den ganzen 
Winter, die Liebhaber des Genres mählich aus dem »Residenz« in das 
»Neue« zu bugsiren. Herr Lautenburg ist nämlich ein hervorragend 
tüchtiger Geschäftsmann. Er hat sich auch einige literarische Verdienste 
erworben. Er hat Ibsen begönnert, Strindberg aufgeführt. Halbe ent- 
deckt. Und diesen Glanz weiss er frisch zu halten. Bei einem Jubiläum, 
zu dem sich immer ein Anlass bietet, oder bei sonst jeder Gelegenheit 
holt er einen Sonnenstrahl dieses Ruhmes aus der Requisitenkammer 
und lässt ihn sich über das Haupt strahlen. Das leuchtet dann auch 
noch ein Ende nach, wenn er nur und nichts als Geschäftsmann ist. 
Wenn er z. B. »Trilby« gibt, sechzigmal, siebzigmal oder noch öfter. 

Ja richtig, »Trilby«. Das ist doch noch etwas, das sich in die 
theatralische Erinnerung eingesogen hat. Wir können es gar nicht mehr 
ausschwitzen. Es haftet uns scheinbar für ewig an mit einem Duft, der 
immer fader und widerlicher wird. Ein paar kleine Vorstadtbühnen und 
Herr Sigmund Lautenburg haben hier zur gleichen Zeit das arme Opfer 
des Svengali noch einmal zu Tode gehetzt. Es war eine »Trilby«- 
Seuche, die in Hütte und Palast wüthete, die immer wieder aufüammte, 
wenn man sie erstickt glaubte, die im nächsten Jahre vielleicht . . . 
Nein, man soll mit so grässlichen Dingen nicht Scherz treiben. 

»Trilby« steigt also auf aus dem Flachland der vergangenen 
Saison, »Trilby« und die »Versunkene Glocke« I Dorthin und dorthin 
liefen die Leute, und in beide Stücke dieselben Leute, wie es immer 
die gleichen sind, die ins Theater gehen. Kann man da Schlüsse 
ziehen? Kann man da sagen, dies oder das war der Styl des Winters 
1896/97? Ist die Kunst vorwärtsgegangen oder zurückgegangen? Hat 
sich der Geschmack veredelt oder verlumpt? 

So viel Fragen, so wenig Antworten. Die Sprache hat ganz Recht, 
.wenn sie nur das Wort Kunst fragen kennt. 

Und da, während wir durch die dunkeln Vestibüle sclyeiten, be- 
kümmert und verwundert, dass die ganze Theaterei eine so spröde und 
unfruchtbare Sache sei, und fest entschlossen, ihr nicht mehr so viel 
Liebe und Interesse zu geben — da stellt sich schon eine neue Frage 
zwingend vor uns Unheilbare hin : Und wie wird es im nächsten Winter 
werden ? . . . 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR UND IHRE 

TENDENZEN. 

Nach einem Vortrage, gehalten im Allgemeinen Oesterreichischen Franenvereine 

am 15. Mai 1897.) 

Studie von MARIE HeRZFELD. 
(Schluss.) 

Vin. Alle Rechte vorbehalten. 

»Je suis perdu dans le vagabondage, ne sachant oü retrouver 
l'unit^ de mon äme,» so charakterisirte Maurice Barrys die Zersplitte- 
rung und Auflösung, die ein Merkmal des freien Geistes der zweiten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts geworden war. Wir hatten nicht nur den 
Zusammenhang mit der Welt von gestern verloren, unser Ich sogar war 
in Momentexistenzen zerfallen, die kaum das Gedächtniss zu einer Tota- 
lität aneinanderreihte« Unser Denken, Fühlen, Handeln war Stückwerk 
geworden, und »Fortwurschteln« war die einzige Art, das Leben zu 
leben. Nun aber scheint es, als wollte die moderne Seele die ver- 
lorene Einheit wiederfinden und den festen Grund und Boden, in dem 
sie fussen könne. Es weicht in den führenden Geistern die »Lebensangst« 
und es wächst der ruhige Muth, sich dem Dasein aufs Gerathewohl 
hinzugeben, »'s kann dir nix g'scheh'n«, sagte Anzengruber, wie im Evange- 
lium Jesus zu den angstvollen Eltern sagte, die ihn verloren ge- 
wähnt: »Warum suchtet ihr mich? wusstet ihr nicht, dass ich in dem 
sein müsse, was meines Vaters ist?« Das Gefühl der Heimlosigkeit ist 
im Schwinden, weil Alles eine grosse Zusammengehörigkeit ist, und der 
Mensch sieht sich wieder und fester denn je mit der Welt verwachsen. 
Er merkt mit verwundertem Glück, wie tief die Wurzeln seines Wesens 
in den Urzeiten sitzen, und dass in ihm noch grüne Säfte hat, was 
jemals in seinen Vorvätern lebendig war. Es kann ja nichts in der 
Welt verloren gehen, und keine Bewegung vor Aeonen, die nicht bis 
an aller Tage Ende weiterzitterte. Im Menschen selber ist ein Stück 
Ewigkeit, das die Zeit den Zeiten überliefert, und durch seine Seele 
fliesst die Unendlichkeit. Wozu da alles Bangen und Zittern? Ob Leben 
oder Tod, er kann vom grünen Baum der Welt nicht fallen. Die Welt 
aber hiess auf gothisch Verdandi; es ist die Werdende, die ewig 
Werdende; tiefer kann nicht gesagt werden, was ihr Wesen ist. Man 
muss alles Dasein nur ganz im Grossen nehmen, dann werden alle 
Dissonanzen zu Musik, um so reicher und machtvoller, je mehr Irr- 
klänge aufzulösen waren. 

Zu dieser inneren Musik, in der die Anlagen und Triebe seines 
ererbten Wesens und die erworbenen Einsichten seines Kopfes rein wohl- 
lautend zusammenstimmen, ist ein Skandinave, ist 01a H a n s s o n ange- 



704 HERZFELD. 

langt. Seine ganze EntmcUung ist wie organisch herausgewachsen aus 
einem einzigen Ideenkeim, der ihm gleichsam angeboren war. In seinen 
frühesten Gedichten, in seinen Notturnos findet sich schon in nebel- 
haftem Umriss das anthropomorphische Sehen der Landschaft und die 
vegetative Aufifassong der Menschenerscheinung ; nichts ist ihm mibe- 
seelt und anorganisch, Alles ihm eine Variante des gleichen Lebens, 
und dieses insdnctive Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Ver- 
wachsenaeins alles Irdischen nnd Ausserirdischen hat sich in ihm nur 
durch Studium und Erfahrung langsam vertieft und erweitert Sein 
ganzes I>enken und Dichten ist ein Spüren nach dem Zusanmienhlngen 
der Naturerscheinung, die vorsichtige intuitive Ergänzung positiver 
Forschungsresultate. Um interessirten von Anfang an die dunklen Er- 
scheinungen des Seelenlebens, die der Verstand des Verständigen nicht 
erklären kann, weil ihre Wurzelfasem sich in den Tiefen des Unbe- 
wussten verlieren. Während man in der Welt draussen um Zeitprobleme 
stritt und litt, schilderte 01a Hansson in den »Sensitiva amorosa« 
eine Reihe der subtilsten Vorgänge im affectiven Leben von Menschen, 
deren Instinct durch Uebercultur bis ins Krankhafte verfeinert war; 
er skizzirte in »Parias« Handlungen ohne zureichenden Grund, erzählte 
von Spaltungen der Persönlichkeit, bedingt durch das Wachwerden 
latenter Väterseelen oder durch Wesenshypertrophien, die vielleicht 
missglückte Versuche der Natur zu neuen Artbildungen sind. Und seine 
Polemik gegen den Tag setzte sich in psychophysiologische Bilder 
vom Menschen um: gegen Nora und Svava stellte er seine »Alltags- 
frauen« auf, ein Buch über verdorbene oder verkümmerte Instincte. 
Jedoch in all diesen eigenthümlichen Arbeiten, die gegen die Zeit ge- 
richtet waren und über der Zeit standen, sprach sich ein Mensch aus, 
der an der Zeit sich todtwund gerieben, so dass sein Nervengeflecht 
allen rauhen Lüften des Himmels blosslag und bei jedem Hauch, der 
darüber hinstrich, in Schmerzen zuckte. Jede Berührung mit der Welt 
verursachte ihm unerträgliche QuaL Die Disharmonien, von denen der 
Alltag voll ist, verdichteten sich ihm zu drohenden Schatten, die alle 
Wege des Daseins umlagerten und sperrten. Seine »Lebensangst« — 
er hat das Wort gefunden — nahm riesenhafte Dimensionen an. Denn 
er hatte die überreizte Sensibilität eines Geschlechtes, das seit zwei- 
hundert Jahren auf gleicher Hufe gesessen und nur in die Verwandt- 
schaft geheiratet hatte. Ola's Vater war der erste Hansson, der die 
Tradition gebrochen und ausserhalb der Familie seine Frau gesucht 
hatte; auch waren seine Kinder die ersten, die von der Stange 
brachen und studirten. Aber die säculare Gleichförmigkeit der Ge^ 
wohnheiten und die Summirung und Ueberentwickltmg einzelner Eigen- 
schaften als Resultat langer Binnenzucht muss die Anpassungsfähigkeit 
vermindern. Ola Hansson empfand das fremde Seelenklima, in das ihn 
das Studium versetzte, als Anomalie. Er kam sich vor wie ein heimlos 
Gewordener. Er war unter Bauern nicht mehr zu Hause und auch unter 
Städtern nicht. Er litt, weil er sich nirgends einfügen konnte. Und litt 
umsomehr, als er kampflustig war und doch die Wunden nicht er- 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 705 

tragen konnte, die die Gemeinheit der Gegner ihm schlug. Er liess 
die Menschen und flüchtete in die Einsamkeit seiner Heimatnatur, als 
deren Kind er sich empfand. Da erstand ihm von aussen ein Helfer. 
Er lernte Nietzsche kennen. An Nietzsche begann sein Muth zu genesen. 
Er fand in ihm die innere AufHchtung, ein Beispiel und eine Aufgabe. 
Denn Nietzsche hatte gewagt, zum Leben in seiner ganzen furchtbaren 
unerbittlichen Grösse ja zu sagen. Er hatte dem Dasein eine neue 
Deutung gegeben; er hatte der Menschheit unermessliche Perspectiven 
eröffnet. Und er hatte den Menschen befreit, nach rückwärts, nach 
vorwärts. Indem er die Herkunft der Moralbegriffe untersuchte, hatte 
er die alte Sündentafel zerschlagen, allein er hatte auch eine neue 
Verantwortlichkeit geschaffen, denn »der Mensch ist ein Thier, das 
versprechen kann«; er weiss, was er meiden soll und er zu wollen 
vermag. Und so verpflichtete er den Menschen auf die Zukunft. Grosse 
Menschentypen hervorzubringen, das sollte seine Aufgabe sein. Nicht 
Glück und Leidlosigkeit, sondern die langsamen Erhöhungen des 
Wesens durch das Leiden, das überwunden werden muss; so lautete 
das neue Programm. Es befreite 01a Hansson von der Ueberwuche- 
rung der krankhaften Wehleidigkeit für sich und Andere; es gab ihm 
das Recht, zu leben, ja, die Pflicht, das Beste aus sich herauszuleben. 
Aber Nietzsche, das war ein sehr fernes Ziel; wer ihm unbedingt 
folgte, überkletterte sich, wie es Nietzsche selbst gethan. Anders 
Hansson. Er hatte genug von fremden Systemen und Erkenntnissen. 
Er wollte im Eigenen stehen, die Erde unter seinen Füssen spüren, 
die Erde, die mit so mächtigen Stimmen in ihm sprach. In der Per- 
sönlichkeit, also in der organischen Neubildung, die er war, wurde 
das Uralte wach, das Gemeinsame und Ererbte: der Bauer wurde in 
ihm wach und der Germane: drum verstand er das Buch »Rembrandt 
als Erzieher« so gut. Und nun gestaltete er seine Idealwelt aus, die 
persönlich war und doch racenbedingt, eine aristokratische und zu- 
gleich volksthümliche Welt. Nicht dem Bourgeois, aber auch nicht dem 
Proletarier, sondern dem Bauer musste die Zukunft gehören. Es galt 
nur, ihn für seine Aufgabe zu erziehen, damit er, wenn sein Tag kam, 
nicht bloss den Boden, sondern auch sich selbst besitze und fähig sei, 
ein Culturbildner zu werden; man musste ihn lehren, die Natur in 
sich walten zu lassen, wie sie über ihm waltet, damit die Cultur, die er 
erschuf, keine aus Theorien stammende, wurzel-und saftlose Verstandescultur 
werde, die die nächste Welle aus den Volkstiefen wegschwemmt, 
sondern eine Cultur, gespeist aus den reichsten Kraftquellen der 
Menschheit, die aus dem Heimatsgefühl und dem Raceninstincte 
fliessen ... So schmiegte 01a Hansson sich immer fester und inniger dem 
Stück Erde an die Brust, dem er entsprossen war. Und je stärker er 
sich in seinem ganzen Wesen mit dieser mütterlichen Erde identiflcirte 
und je mehr in ihm lebendig wurde, was eine vieltausendjährige Evo- 
lutionsgeschichte im Menschen aufgespeichert und abgelagert hat, desto 
stiller wurde er in sich, desto träumerischer in die Natur versenkt, 
desto mehr näherte er sich der inneren Ruhe voll productiver Wärme, 



706 HERZFELD. 

der »Vitalitätsruhe«, wie er es nennt, die er an Böcklin bewundert. 
Davon geben seine Werke in den letzten Jahren Zeugniss. Bald schildert 
er, was er erlebt und gesehen, in Gestalten, die sich weich und doch 
scharf vom Himmel seiner Heimat abheben, bald lauscht er wieder den 
tiefen und rein gestimmten Liedern, die das Leben in seiner Seele 
spielt. Und immer handelt es sich um Jugend, Entwicklung, so wie er 
auch die ahnungsreichen Jahreszeiten liebt: den Vorfrühling des 
Knospens, den Mittsommer des Reifens, den Spätherbst in allen Tönen 
der Vergänglichkeit; nur der todte, kalte Winter sagt ihm nichts. Er 
hat in seinen Erzählungen »Vor der Ehe«, »Heimreise«, »Ein Erzieher« 
culturelle und künstlerische Bilder von hohem Werth geschaffen ; er hat in 
»Esther Bruce«, in »Meeresvögel«, in »Im Huldrebraun« Erotik in allen Ver- 
zweigungen von den feinsten und individualisirtesten seelischen Nuancen 
bis zum gespenstischen Vampyiismus geschildert; er hat im »Punkt des 
Archimedes« und in »Ueber den Tod« Geschichten geschrieben, in 
denen nichts geschieht, die nur ein Umsetzen äusserer Bilder in innere 
Stimmungen sind, aus denen sich die Symbole des Lebens krystallisiren. 
Seine errathende Psychologie hat mehr Wissenschaft um die Natur, 
als die irgend eines modernen Dichters; er hat neue Dinge aus der 
Seele geholt und eine neue persönliche Form seiner Kunst gefunden. 
Er ist als Sprachvirtuos von Jacobsen ausgegangen und über Jacobsen 
hinausgegangen; er hat sich für das, was er Intimes zu sagen hatte, 
eine neue Sprache suchen müssen. Allein es hat in unserer Zeit viel- 
leicht schon reichere, mannigfaltigere und temperamentvollere Dichter 
gegeben als 01a Hansson, wirkungsvollere Dichter und grössere 
Künstler. Nur das, was 01a Hansson aus sich gemacht hat, wie er den 
unfruchtbaren Kriticismus unserer Tage überwand, wie er auf Ver- 
gangenes zurückging, um mehr zu umspannen, wie er sein Inneres 
aufbaute, bis es eine ganze Welt ward und die ganze Welt in sich 
fassen konnte, das wird über unsere Zeit hinaus vorbildlich bleiben. 
01a Hansson gehört zu den seltenen Geistern, in denen die moderne 
Seele ihre Einheit wieder gefunden. 

DL 

Andere Dichter unserer Tage sind nicht so reif, aber sie Alle 
hat der Zug der Zeit erfasst, der zum Selbstherrlichen des Subjecti- 
vismus fuhrt. Nicht Alle üben diesen Subjectivismus so aristokratisch 
vornehm wie es J. P. Jacobsen gekonnt ; aber sogar ein Schilderer des 
Klotzigen, des Lächerlichen, des Dummen, des Niedrigen, ein Ratio- 
nalist wie der junge Däne Gustav Wied waltet souverän mit seinem 
Stoff, wenngleich der blumenumwundene Scepter der Phantasie bei ihm 
hie und da bedenklich an die Narrenpritsche mahnt. Der Subjectivste 
der Subjectiven ist wohl der berühmte dänische Lyriker Holger Drach- 
mann. Er sieht allerdings die Welt nicht unter dem Gesichtswinkel 
der Ewigkeit ; er ist das Kind einer Zeit, deren Merkmal »das Suchen, 
Hasten, Standpunktwechseln . . . nicht ein Abschluss, eine . . . Total- 
anschauung, ein Ausruhen« war, und er ist überdies eine Vaganten- 



DIE SKANDINAVISCHE LITERATUR U. IHRE TENDENZEN. 70? 

natuTy beweglich wie die Welle im Meer und der Sand auf der Düne: 
er hat als Künstler nichts gewollt, als dieser Natur Ausdruck leihen. 
Darüber sind Bände auf Bände entstanden, Vers und Prosa, Alles Be- 
kenntnissbücher eines modernen Dichters, der allmälig zur Ueber- 
zeugung kommt, nichts sei wahr und verbürgt und unanzweifelbar als 
die Erlebnisse des Gemüthes, der einzige süsse Gehalt des Daseins sei 
die Stimmungsl3a:ik des Momentes, die einzige Weisheit das Auskosten 
der Secunde bis auf den Grund, auf dass diese Secunde eine lange 
starke Spur hinterlasse, die dem Erlebniss Wirklichkeit und den Schein 
von Dauer leiht. Und es ist ihm gelungen, die Essenz seines Wesens, 
seiner 2^it, seiner Stadt, seines Volkes in den Roman »Verschrieben« 
zu pressen, in ein Buch, das in der erdumspannenden Fülle des In- 
haltes, in der geheimnissvollen Tiefe der Chaiäktere, in der phantasti- 
schen Stimmung, die es umschwebt und in der innigen Herzenswahr- 
heit manches Wortes in der That das Märchenbuch des dänischen Ge- 
müthes worden ist. 

Drachmann hat mit diesem Versuch, den epischen Romanstyl in 
Lyrismus aufzulösen, den Anstoss gegeben zu einer Menge ähnlicher 
Werke — vielleicht auch zur Form von Garborg's »Müde Seelen« und 
»Kolbotnbriefe«. Diese Form, bei der die Welt der Dinge gleichsam 
weg&Uen kann und Seele zu Seele spricht, innig, tief und schlicht, hat 
Sigbjörn Obstfelder in seiner ergreifenden Erzählung »Das Kreuz« 
verwendet Die Worte sind drin sparsam und wie mit Bedacht gesetzt, 
aber es ist, als läge in jedem eine Welt von Schmerz. Es ist eine 
geradezu russische Innigkeit und Weiche in diesem Buch und so viel 
Grösse des Styles, dass man meint, es enthalte alles Leid, das der 
Mensch je erlitten, und alles Leid, das er jemals überwunden hat. 
So viel Tiefe hat Obstfelder emem persönlichen Schicksal gegeben; 
wir glauben Alle, das unsere mitzuerleben und dann zur Ruhe zu 
kommen wie sein Held. Diese Ruhe ist die Nirwananihe, die Ruhe 
des Ueberwundenhabens, wie sie Thomas Krag in seinen Werken 
zum Zielpunkt nimmt — ein Fertigsein, nichts mehr Verlangen, nichts 
mehr Wollen — Quietismus. Eigentlich der Gegenpol jener activen 
Ruhe, der behaglichen Wachsthumruhe, die 01a Hansson als sein Ideal 
gezeichnet hat. 

Eine grössere Stosskraft hat der Schwede Per Hallström in 
seinem Wesen. Er ist ein Meister der kleinen Formen, Seher und 
Künstler zugleich, Momentzeichner mit tiefen Perspectiven rings um 
seine Grotesken, einer, der in der Secunde die Schauer der Unend- 
lichkeit abgewinnen kann. Kein Stoff ist bei ihm platt und niedrig, 
vor AUem Leben steht gross und unergründlich das schwarze Dunkel, 
in dem das Schicksal harrt. 

Und sonst noch Dichter aller Art, schönheitshungrige Leute, die 
wie Gustaf Fröding, Selma Lager löf, Vilhelm Krag, Werner von 
Heidenstam, Sophus Michac^lis einen farbenfunkelnden Regenbogen 
aus allen Zeiten und Culturen auf die graue Wolkenwand des Alltags 
zaubern. 



DIE .CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 

Von Carl Bleibtreu (Wilmersdorf bei BerUn). 

Die Menschheit — nicht Deutschland — wird den vor hundert 
Jahren zur Rüste gehenden Herbst 1797 nur deshalb als geschicht- 
lichen Wendepunkt im Auge behalten^ weil damals der walure Mann 
des Jahrhunderts die erste Ernte seiner Thaten zur Scheuer brachte. 
Der Friede von Campo Formio besiegelte den lange zweifelhaften Sieg 
der Revolution — durch Bonaparte. Wie kurze Spanne verfloss, seit 
er den letzten Odem ausstiess, »der gefangene Riese in Bewachung des 
Oceans« (Victor Hugo), und schon scheint er sagenhafter Vergangen- 
heit, einer Urzeit der Mythe, anzugehören, wo noch Ludfer und andere 
Halbgötter mit Urmenschen auf Erden wandelten und Heerkönige wie 
Odin als Götter zu den Sternen emporstiegen. Ungezogene Buben 
werfen den Ocean mit Steinen, aber die schwarzen Stein« des Philister- 
Ostradsmus verschwinden spurlos in der Tiefe, und die majestätische 
Woge von Napoleons Leben und Schaffen rollt weiter von Strand zu 
Strand. Das Problem des Genie-Kaisers wird nie, weder durch mittel- 
alterliche Reactionsgelüste, noch durch anarchische Zukunftsmusik seine 
Giltigkeit und Bedeutung verlieren. 

Der Mann hiess L,6on und war ein Löwe. In dem prächtigen 
Königstiger, den Meister Taine uns vordressirt, vermögen wir ihn nicht 
wiederzuerkennen. Dass dieser »D^tracteur« mit gewohnter Kraft ver- 
anschaulicht, wie das Napoleons-Gehirn sozusagen allen menschlichen 
Grenzen entwachsen gewesen sei, vermag uns nur unvollkommen zu 
trösten. Das famoseste Exemplar des Uebermenschen, als welches ja 
auch der Zarathustra von Sils Maria das corsische Gehimraubthier 
anerkannte, würde uns durch geniale Bestialitäten und bestiale Geniali- 
täten kaum fiir solche Verkümmerung des menschlichen Socialinstincts 
entschädigen. Merkwürdig, dass aber die Besten seiner Zeit einen ganz 
anderen Napoleon liebten, dass zahllose Gegenzeugen, sogar sonst 
feindlich gesinnte, dem Taine'schen Zerrbild widersprechen; kurz, dass 
unsere eigene philosophische Ueberzeugung, man könne den Willen 
(Charakter) nie vom Intellect trennen, und die Steigerung des intel- 
lectuellen Vermögens erzeuge gleichmässige Steigerung der Gemüths- 
kräfte, sich überraschend bewahrheitet, wenn man nur ehrlich und 
gründlich Documente lesen will. An Ehrlichkeit wie an Gründlich- 
keit fehlte es dem geistvollen Taine nicht minder wie den Lanftey, 
Charras und anderen deutschen Napoleon-Verleumdern, zu denen leider 
auch Treitschke zählte. Diesen bedeutenden, aber einseitigen und schul- 
meisterlich nüchternen Naturen gebrach durchaus der freie Blick, um 
den kosmischen Geistesriesen zu überschauen. Sie alle kriechen wie 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 709 

• 

Spinnen auf seinem Piedestal herum und kritisiren seine Kanonen- 
stiefel. Das wäre zu verzeihen. Schlimmer steht es schon mit ihrem 
mangelhaften Wissen und lückenhaften Studium, das besonders bei 
Taine sich obendrein mit Unterschlagung und Fälschung historischer 
Documenta paart.*) Wie er in seinem grandiosen Pamphlet auf die 
französische Revolution, das von Unwissenden als Laienbrevier an- 
gestaunt wird, unverantwortlich die Reden Robespierre's entstellt und 
nur citirt, was ihm in seinen Kram passt, so hat er gleiche »wissen- 
schaftliche Methode« — so nennt heute jeder Archiv-Maulwurf sein 
oberflächliches Treiben — auf den Corsen angewendet. Doch wir wollen 
hier nicht polemisiren, sondern nur einige beliebige Züge, wie der enge 
Raum es gestattet, herausgreifen, freilich alles Dinge, die nur intimstem 
Studium zugänglich und den bisherigen sogenannten Napoleon-Bio- 
graphen unbekannt. 

Also in diesem schrankenlosen Selbstling raste der Vemichtungs- 
trieb gegen Alles, was ihm irgendwie im Wege stand; sogar seine 
Cravatten und Röcke zerriss der Zuchtlose, wenn sie nicht Ordre pa- 
rirten. Beobachten wir ihn folglich mal in einem Augenblick zürnender 
Gereiztheit 1897 erschien die Geschichte des 1. schlesischen Regiments, 
das bei Etoges 1814 völlig zugrunde ging. Da erfahren wir, dass der 
schwache Rest, ehe er die Waffen streckte, seine Fahnen vergrub. Nun 
gilt das absichtliche Entziehen von Trophäen als ein nach Belieben 
strafbarer Act, Napoleon aber musste damals in seinem Verzweiflungs- 
kampf an Trophäen besonders gelegen sein. >0ü sont vos drapeaux?« 
herrschte er die Widerspenstigen an, und der einzig überlebende Officier 
antwortete fest: »Wir wissen's, doch sind keine Verräther.« Was hatte 
er wohl vom Taine'schen Tiger zu gewärtigen? Der wüthete gewiss 
nicht schlecht ? Schade, die Diagnose irrt Der historische Napoleon 
nämlich lüftete respectvoll den Hut und befahl laut: »Qu'on traite 
bien ces braves gens-läl« Der gemüthlose Mensch sass bekanntlich im 
Mai 1813, als er die Verfolgung nach dem Bautzener Siege rastlos 
betrieb, einen Tag lang in stummem Schmerz am Sterbebette Duroc's, 
gab kerne Ordre mehr, sondern beschäftigte sich nur mit dem Grab- 
denkmal des Freundes, zu dessen Pflege er dem nächsten Pfarrer 
1200 Francs Rente aussetzte und dafür die Grabschrift befahl: »Hier 
hauchte Duroc seinen Geist aus in den Armen seines Freundes.« 
Sentimentale Heuchelei, nicht wahr? Nun aber fügt sich in den jüngst 
herausgegebenen Memoiren des Rittmeisters Parquin, der als Guiden- 
ofBcier der Escorte dicht neben dem Kaiser stand, die bemerkens- 
werthe Einzelheit ein: »In diesem Augenblick erstattete Oberst Gour- 
geaud Bericht, dass die Bewegung Ney's auf Görlitz glänzend reussirte. 
Aber ohne ein Wort zu erwidern, drehte sich der Kaiser 
um und stürzte unverzüglich über den Dorfplatz nach 

*) Auch der deutschen Militärkreisen noch immer als Orakel über 1815 
geltende Charras ist kürslich einer geradezu unverschSrnten Fälschung überführt 
worden, und längst haben Cbesney, Ropes, Horsborough (»Waterloo« 1895) die 
grobe Unwahrheit von Charras gewittert oder nachgewiesen. 

54 



7IO BLEIBTREU. 

dem Pfarrhause an Duroc's Bett.« Also ein wichtiger strategi- 
scher Vorgang interessirt ihn nicht im geringsten, er hört kaum hin, 
sein ganzes Denken gilt dem sterbenden Freunde. Als ein anderer 
intimster Herzensfreund, Marmont, den Octavio Piccolomini spielte, be- 
grüsste der »grosse Römer«, der »kein grosser Mensch« sein wollte, 
wie die demokratische Legende aus Johannes Scherr trompetet, dies 
Heldenstück nichtswürdigsten Verraths mit dem weniger antiken als 
christlichen Seufzer: »L'ingrat! II sera plus malheureux que 
moil« Etwas Altruistischeres im Mitgefühl für den Mörder, der ihm 
langsam den Dolch im Leibe umdreht, als diese grossartige Würde 
clbsarischen Seelenleids, ist seit den mythischen Christusworten am 
Kreuze nicht bekannt geworden. Aber Herr Taine weiss ja natürlich 
nichts davon; er hat die übereinstimmenden Berichte des Lieutenant 
Magnien und zweier Anderer, die nacheinander den Verrath Marmont's 
dem ungläubig ablehnenden Cäsar rapportirten, nie gelesen. Und das 
nennt sich Napoleon-Forscher. 

Allerdings, derselbe »Römer« begleitete das Wettkriechen seiner 
Marschälle und den Huldigungsrummel vor den neuen bourbonischen 
Vorgesetzten nur mit der lakonischen Geste: »Voilä les hommesl« Er 
entdeckte den mit Recht so beliebten Nützlichkeitspatrioten sein schwarzes 
Herz in dem classischen Hohnschrei: »Wenn man mir vorwarf, dass 
ich die Menschen verachte, so wird man jetzt wohl zugeben, dass ich 
Grund dazu hatte.« Er bekannte ehrlich: »Ich habe die Menschen stets 
verachtet und sie stets behandelt, wie sie's verdienen.« Aber 
er wusste nicht Rühmens genug zu finden, wo er ausnahmsweise auf 
anständige Menschen stiess. Er gerieth in feierliche Rührung, wenn er 
auf seinen grossen Artilleriegeneral zu sprechen kam : »Drouot, c'est la 
vertu !« Nun wohl, dieser erlauchte Held, zugleich »der beste Kopf und 
das beste Herz «,r der jede Dotation Napoleons ausschlug und 
ihm oft derb ßeine Meinung sagte, zog nach Elba mit in die Ver- 
bannung, und der Schmerz nagte an ihm, dass er nicht nach St. Helena 
folgen durfte. Vpn der ganzen Nation verehrt, von den Bourbons 
schmeichlerisch ausgezeichnet, in seiner Vaterstadt Nancy beim Be- 
gräbniss vom Maire als Mustermensch und von Pater Lacordaire als 
Vorbild eines Christen gefeiert, blieb er bis zur letzten Stunde noch als 
Greis ein treuer Dohnetsch des Napoleon-Cultus. Er, der es am besten 
wissen musste, ermahnte die jüngere Generation nie zu vergessen, dass 
der Imperator wohl den Ruhm geliebt habe, doch noch viel mehr sein 
Frankreich. (BekanntHch spricht Taine nebst sauberer Gefolgschaft dem 
Corsen jedes sociale und patriotische Empfinden ab.) Dieser Drouot, 
der sein Leben lang fast sein ganzes Einkommen geheimer Wohlthätig- 
keit widmete, arm wie er war, der im Schlachtendonner stets eine 
kleine Bibel in der Tasche trug und aus Frömmigkeit seine sanfte 
kaltblütige Todesverachtung sog, nährte stille Begeisterung für den 
»Tyrannen«, dem er noch zuletzt bei Waterloo im Viereck Cambronne's 
zur Seite stand. Schlägt dies eine document humain nicht die ganze 
Anti-Napoleon-Legende zu Boden? Aber gesteht nicht sogar Erzschuft 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 7 1 1 

Talleyrand in seinen Memoiren naiv: »J'aimais Napoleon«? Versichert 
nicht selbst der fanatische, ihm abholde Republikaner Foy in seinen 
freimüthigen Memoiren, man solle doch beileibe nicht Napoleon mit 
anderen Despötchen verwechseln, der eme grosse und grossmüthige 
Natur gewesen sei? Blieb der hochmüthige Soult, das einzige strate- 
gische Talent unter den Marschällen, nicht bis zuletzt der ergebene 
Anhänger des ihm wenig gewogenen Genies, imd bildet die Corre- 
spondenz dieser beiden grossen Männer 1814, wo Soult sich förmlich 
für Napoleons Sache opferte und den letzten Schuss abfeuerte, nicht 
ein erhebendes Denkmal männlicher Gesinnung? Beging der elende, 
seichte Streber Berthier nicht aus Reue über seinen Ablall sofortigen 
Selbstmord? Musste nicht Marmout todtenblass und schluchzend von 
einem Diner aufbrechen, als mit dem Alles sagenden Ausdruck: »Er 
ist todt« ein Gesandter mit der soeben eingetroffenen Kunde herein- 
platzte, der Gefangene von St. Helena sei nun erlöst? (Note des Augen- 
zeugen Lamartine zu seiner »Ode an Bonaparte«.) Flösste der Stief- 
vater dem Vicekönig Eugen, dem Edelsten seiner Zeit, nicht eine so 
ritterlich dankbare Sohnesliebe ein, dass er jede Lockung der Souve- 
räne zurückwies, bis zuletzt mit seinem Meister blieb und ihm, zum 
TestamentsvoUstrecker ernannt, bald darauf nachstarb ? (Auch dies zarte 
Verhältniss hat Taine zu beschmutzen versucht, als ob der Sohn nur 
als zitternder Sclave gedient habe.) Bekennt nicht selbst der giftige 
Bourienne geradeso wie Menaval und Bausset in ihren Memoiren, dass 
der cholerische Gestrenge ein gütiger Gebieter, wohlwollend und zu 
Mitleid geneigt gewesen sei ? Hat nicht Massen die Legende von Napoleons 
brutalem Verhältniss zu den Frauen endgiltig zerstört, und strahlt nicht 
sein treues Festhalten an der so minderwerthigen Josefine im Glänze 
gemüthvoller Ritterlichkeit ? Muss nicht selbst Talleyrand sein Erstaunen 
über Napoleons unerhörte Geduld mit Murat's »schwarzem Undank« 
und den Chicanen seiner Brüder aussprechen? Man muss nur die 
spanische Correspondenz mit Josef gelesen haben. Prinz Jerome hat 
einen bisher unpublicirten Brief des Kaisers an Bruder Louis aufgedeckt, 
worin dieser Widerspenstige aufs Rührendste daran erinnert wird, dass 
einst Lieutenant Napoleon ihn von seiner elenden Gage genährt und 
erzogen habe. Ja, ja, der grosse »Egoist« 1 

(Fortsetzung folgt) 



54* 



ISCHLER BRIEF. 
Von Karl Kraus. 

Alljährlich, wenn ich den Ischler Boden betrete, werde ich 
staunend gewahr, wie viel sich wieder in diesem Curorte nicht ver- 
ändert hat. Von einigen Geschäftsauslagen at^esehen, die doch alle 
drei Jahre einmal neu arrangirt werden, vermeiden es die Ischler mit 
Rücksicht auf den Gesundheitszustand der Curgäste, letztere besonderen 
Ueberraschungen ausziisetzen. Während sich andere Badeorte längst 
die neuesten technischen Errungenschaften auf allen Gebieten zu Nutze 
gemacht haben, sind unsere Ischler die alten Naturfreunde geblieben, 
welche sich wohl hüten, die Schönheiten der Umgebung etwa durch 
Anlegen von Steintrottoirs und Strassenübergängen zu verfälschen. 
Auch die Beleuchtungsfrage wird hier noch immer auf die einfachste 
und billigste Weise gelöst, indem die Ischler Gemeinde einen tadellos 
functionirenden Mond besitzt, der an regenfreien Abenden sich besser 
bewährt als das in den meisten anderen Badeorten eingefiihrte elektrische 
Licht. Wiederholt haben neugierige Curgäste einen Einblick in die 
Thätigkeit der hiesigen Behörden gewinnen und die Art und Weise 
kennen lernen wollen, wie sich eigentlich Gemeindevertretung und Cur- 
commission in ihren Wirkungskreis theilen. Wenn ich richtig informirt 
bin, hat die Curcommission vornehmlich die Vernachlässigung der 
Spazierwege übernommen. Sie ist es wohl auch, welche die in heissen 
Zeiten so staubreichen Gassen des Ortes nicht aufspritzen lässt — 
indess ist es möglich, dass diesen Zweig der öffentlichen Thätigkeit 
die Gemeindevertretung für sich in Anspruch nimmt. Mag nun die 
Staubansammlung dem Wirken einer löblichen Curverwaltung oder com- 
munalem Fleisse zu danken sein^ schliesslich besorgt der Regen die 
Aufspritzung der Strassen, und man erkennt dann, dass die Einrich- 
tungen unseres Badeortes bei einigem Entgegenkommen der Natur 
durchaus den modernen Anforderungen entsprechen. — lieber die Ver- 
wendung der Curtaxe hat mir kürzlich eine massgebende Persönlich- 
keit interessante Aufschlüsse ertheilt. Die Gelder, die aus der hohen 
Besteuerung der Fremden fliessen, werden nämlich zur Herstellung der 
Curliste benöthigt — ein Vorgang, dessen Logik auf die Thatsache 
hinausläuft, dass man sich für Geld eine Empfangsbestätigung kaufen kann. 

Die ungemein spannende Leetüre der Curliste ist nun auch so 
ziemlich das einzige Amüsement, das dem zerstreuungsbedürftigen Publi- 
cum hierzulande geboten wird. Man war bereits der Verzweiflung 
nahe, als das hiesige Wochenblatt auf den glücklichen Gedanken 
kam, sich der Mitarbeiterschaft des Herrn Max Waldstein zu 
versichern, eines Lyrikers, der heute vorwiegend als Elegiendichter 
thätig ist, aber auch schon für die Heiterkeit früherer Generationen 



ISCHLER BRIEF. 713 

unermüdlich gesorgt hat. Dafür scheint man von den Curhausproduc- 
tionen heuer gänzlich absehen zu wollen, wahrscheinhch, weil sie in 
den letzten Jahren so wenig Anklang gefunden und besonders die Re- 
citationen als Vorfälle aus dem Privatleben der Veranstalter sich der 
Oeffentlichkeit entzogen haben. Auch die einst so beliebten Tanzkränzchen 
und Reunions sind von der Bildfläche des Saisonlebens verschwunden, 
und das Amusementbedürfniss der Curgäste bleibt eigentlich unbefriedigt. 
Dass ein solches vorhanden ist, lässt sich nicht in Abrede steUen; 
aus dem Umstände allein, dass so wenig Leute das hiesige Theater be- 
suchen, kann man ersehen, wie viel Vergntlgungssüchtige es in Ischl gibt. 

Die Unveränderlichkeit der Ischler Einrichtungen, welche diesen 
Curplatz um seine Intemationalität gebracht und die Quantität wie 
Qualität seiner Besucher allmälig verringert hat, erstreckt sich leider 
nicht auf die Esplanade, die eine sehr entschiedene Veränderung zu 
ihrem Nachtheile erfahren musste. Als ich sie heuer das erstemal 
betrat, suchten mich die Curmusik, die noch immer Cavalleria rusticana 
spielte, sowie der Umstand, dass ich nur unangenehme Leute traf, in 
dem Glauben festzuhalten, es sei die alte Esplanade. Aber ein Meer 
von Sonne war über ihr ausgegossen, und ich errieth sofort, dass ein 
neuer Gärtner die alten Eschen ihres kostbaren Laubschmuckes beraubt 
hatte : dem beständigen Vorwurf, dass in Ischl nichts geschehe, war 
die Behörde in unnachahmlicher Weise begegnet Vielleicht jedoch hatte 
sie uns bloss die Fortsetzung der Ringstrasse abgewöhnen und uns ge- 
waltsam bewegen wollen, die Natur dort aufzusuchen, wo sie noch 
nicht von der Uncultur beleckt ist. Aber mit ihrem Schatten hat die 
Esplanade nicht ihr Publicum verloren. Sie bietet nach wie vor die 
vollständigste Uebersicht auf Leute, die man gerne übersieht, und hält 
noch so Manchen in ihrem Banne, welcher sich in diesen Luftcurort zur 
Erholung der in Wien Zurückgebliebenen begeben hat, und bei dem 
man nur zweifelt, ob ihn das Klima wird vertragen können . . . Trotz der 
Verunstaltung ihres Terrains sind auch die sogenannten Esplanaderer 
nicht ausgestorben, jene Curgäste, die schon vor Saisonbeginn unge- 
duldig werden, weil sich noch immer nichts ereignen will, die ihr 
Recht auf Scandal um jeden Preis geltend machen und nöthigenfalls 
aus den unverfänglichsten Zufällen ihre Sensation holen; sie thun so, 
als ob man ihnen vor ihrer Abreise nach Ischl mindestens ein Dutzend 
Ehebrüche, die nunmehr fällig sind, garantirt hätte, und halten die 
tägliche Beistellung von Pikanterien für eine der hauptsächlichsten 
Pflichten der Curverwaltung. 

All dieser fashionable Eifer vermag über die Oedigkeit einer 
Ischler Saison nicht hinwegzutäuschen. Der Laie, den der Ruf des 
Weltcurortes gelockt hat, wird nach Erlag einer entsprechend hohen 
Curtaxe vor der traurigen Wirklichkeit Reissaus nehmen. Wir geschulten 
und durch langjährigen Sommeraufenthalt daselbst abgehärteten Cur- 
gäste wundem uns höchstens noch, dass die Entbehrungen des Ischler 
Saisonlebens so kostspielig sind. 



NOTIZEN. 



Anna Croiss ant-Rust. »Der 

Bua.« Oberba3rrisches Volksdrama 
in vier Acten. Berlin, Schuster und 
Loeffler, 1897. 

Unter den Personen, neben denen 
sich das Drama abspielt, lebt auch 
Frau Johanna. Bleich und schlank, 
eine Münchnerin, ist sie zur Som- 
merfrische in dem bayrischen Dorfe. 
Trotz der verstehenden Liebe, die 
sie ihrer Umgebung schenkt, trotz 
der nachsichtigen Freundlichkeit, 
mit der sie sich die fremden 
Menschen näher zu bringen sucht, 
vermögen weder die frohen noch 
die traurigen Vorgänge auf sie 
mit ihrem ganzen Inhalte einzu- 
wirken. Was den Bauern zum Er- 
lebniss wird, dafür hat sie manch- 
mal nur ein stilles Lächeln, und 
wenn das Leben ihr Altäre baut, 
empört sie die Gleichgiltigkeit der 
werktäglichen Dorfleute. Es scheint, 
dass Frau Johanna den Bauern nur 
die Hand reichen kann, ihre Seelen 
aber sich ewig fremd bleiben müssen. 
Die gleiche Gegenwart leben sie ver- 
schieden, da die Vergangenheit in 
fremden Thälem schläft und die 
Zukunft getrennte Wege ziehen 
wird. Es ist eben nur Frau Jo- 
hannas Landaufenthalt. 

Und wenn nach lichten Sommer- 
wochen Frau Johanna in ihre Stadt 
zurückkehrt, und bei dem Dämmer- 
schein der Stubenlampe die Er- 
innerung sich gestalten will, dann 
wird dem Gebilde der herbe Erd- 
geruch, das dunkle Rauschen des 
Waldes fehlen. DieMenschen werden 
nicht sein, wie sie auf den Bergen 



wohnen, ihr Schicksal nicht, wie 
es über die Berge weht. Wie Er- 
innerung wird es klmgen, in milden, 
verfliessenden Tönen, ohne die 
Strenge und Farbe des Augenblicks, 
ein Lächeln halb und' halb ein 
Träumen. — Anna Croissant-Rust 
ist Frau Johanna. H. H, 

Das Wiener Barreau. 

Decamerone aus dem Gerichts- 
saale. Wien, Moriz Perles. — Wer 
jene geheimnissvollen Mächte, die 
über Leben und Tod, Über Glück 
und Weh, über Ehre und Schmach 
entscheiden, kennen lernen will — 
er greife zu diesem Buche. Mit 
einer feinen, ehrlichen Kunst hat 
der anonyme Verfasser hier die 
scheinbar Ragenden uns mensch- 
lich, allzu menschlich nahe ge- 
rückt, mit gutem Spott hat er 
den Helden Panzer und Helm oft 
indiscret* gelüftet. Allein er höhnt 
nicht nur, er weiss auch zu be- 
wundem, bei aller Ironie vergisst 
er an die Achtung nicht, auf die 
Talent, Genie den Anspruch haben; 
er opfert das Talent nicht einem 
Witze. So ist er weniger Carica- 
turist als scharfer, vollendeter 
Zeichner, und diese Proben, in 
denen er die Besten ihres Standes 
(Präsident, Staatsanwalt, Verthei- 
diger) mit Laune und Geschick 
skizzirt, sie mögen davon lautes 
Zeugniss geben. Von Hofrath v. 
Holzinger heisst es: »Er hört 
und sieht Alles, wenn er auch, 
behaglich in den breiten Lehnstuhl 
hingegossen, die Augen auf einige 
Minuten geschlossen hält oder sie 



NOTIZEN. 



715 



auf der reich casitettirten Decke 
des Saales spazieren führt. Seine 
Hand ist immer thätig. Entweder 
wandert ein Actenstück oder die 
Schnur, welche den Act zusammen- 
hält, zumindest der Bleistift durch 
die Finger. Am liebsten ist ihm 
ein corpus delicti, das derHofrath 
förmlich zärtlich behandelt . . .« 
Und vom ersten Staatsanwalt Dr. 
Bogumil Girtler v. Kleeborn: 
>£r tritt vor das Gericht Breit 
und behäbig, die Hände in den 
Hosentaschen. Nichts entgeht ihm. 
Er hält sich anfangs in der Re- 
serve. Aber je weiter sicji das 
Processbild entrollt, desto schärfer 
tritt Ritter v. Kleeborn persönlich 
in die Schranken. Was nicht klappt; 
wird mit löblicher Beschränkung 
fallen gelassen, wo^ aber die An- 
klage aufrecht bleibt, da findet sie 
an dem ersten Staatsanwalt einen 
zähen und furchtbaren Verfechter.« 
Endlich voq Dr. Friedrich El- 
bogen: »Die ersten Sporen hat 
er als blutiger Socialistenverthei- 
diger erworben. E^ i^irill auch noch 
heute gern als Politiker ein ernstes 
Wort sprechen v^nd gehört zu den 
Unzufriedensten der Unzufriedenen. 
Freilich hat er seitdem viel Wasser 
in seinen radicalen Rothwein ge- 
gossen. Aber eine frische Schnei- 
digkeit ist ihm geblieben, und 
noch immer ist er der, Rufer im 
Streit, wenn etwa ejn zu scharfer ^ 
Präsident die Rechte jderj Ver- 
theidigung i)im upbehaglich ein- 
engt . . . Den hohen Juristen ist 
er zu wenig gelehrt, er erlaubt 
sich, originell zu sein. Er schwingt 
sich, statt über die dürre Haide 
der nüchternen Satzschrift zu 
wandeln, auf den Pegasus und 
reitet ins blühende Land der Ro- 
mantik! . . . Furchtbari Unver- 



zeihlich! Entsetzlich! . . . Aber er 
packt, er wirkt, er siegt, und er 
ist einer der gesuchtesten und heute 
vielleicht der erfolgreichste Ver- 
theidiger in Strafsachen.« L. L. 

Unsere Kunstkritik. Der 

Humor, meinen die Leute, sei aus- 
gestorben; aber das ist Verleum- 
dung. Freili^ch nicht mehr wie eh- 
mals gedeiht er in Rab^laisischer 
Schrankenlosigkeit, und längst ist 
das Lachen der grossen Satyre 
verhallt. Aber die Götter haben 
ein zähes Leben, und wenn sie alt 
werden, wechseln sie nur die Ge- 
stalt Auch der Humor ist noch 
immer latent vorhanden, und in 
seltsamen Verkleidungen streicht er 
durch die Welt, hauptsächlich durch 
die, in der man Politik jod^ Lite- 
ratur macht. Aber am Hetzten zieht 
er sich in die Kunstausstellungen 
zurück, hier ist sein eigenstes Ge- 
biet, und ernsthaft sehen wir ihn 
dort vor den grossen Gemälden 
stehen und Notizen machen; und 
wir wissen dann, dass wir am 
nächsten Tag eine heitere Stunde 
haben werden. In ]ßerlin jy B. lebt 
ein solcher Humorist liefr A. v. 
Werner; den Stiefelmaler , nennen 
sie ihn, dieweil er es für seine 
Mission hält, dea Glanz gutge- 
wichster preussischer Cavallerie- 
stiefel der Nachwelt zu erhalten. 
Dieser Brave nun hegt, grimmigen 
Groll allen denen, die besser malen 
als er; so sah er sich jüngst ver- 
anlasst, den Schülern der Berliner 
Kunstakademie eine ergötzliche 
Rede zu halten, in der er die 
Meister der, neuen deutschen Ma- 
lerei endgfltig vernichtet hat Er 
gehört zu jenen, deren Gebelfer 
uns nach Goethe beweist, dass wir 
reiten; möge er uns noch oftmals 
erheitern und zum Lohne dafür 



7i6 



NOTIZEN. 



den rothen Adlerorden vierter 
Classe erhalten I 

Ueber die Elritik, ihr Wesen und 
ihre Bedeutung, ist viel und allzu- 
viel schon geredet worden; und seit 
dem Jahrhundertanfang, da die 
Schlegel noch feierlich das grosse 
literarische Richtschwert führten, 
hat bis zu Harden und Lemaitre 
fast jede Generation ihren eigenen 
Begriff von Kritik gebildet. Ihre 
Werdemotive und Hintergründe 
sind in Dunkel gehüllt ; am ehesten 
könnte man sie vielleicht aus dem 
unbewussten Rachebedürfniss der 
Allgemeinheit gegen den über- 
ragenden Einzelnen erklären, von 
Thersites, dem ersten Kritiker, bis 
herunter zu Herrn Nordau. Darum 
ist ihre Art immer bezeichnend 
für den Geist des jeweiligen Ge- 
schlechtes. War sie einst ein 
Schwert, so ist sie jetzt ein chirur- 
gisches Messer; galt der Kritiker 
einst als Wächter vor dem Tempel 
des Ruhms, alle Erscheinungen 
danach beurtheilend, ob seine 
ästhetischen Sprüchlein auf sie 
passten oder nicht, so ist er jetzt 
der Mittler geworden, der den 
lauten seine intellectuellen Erleb- 
nisse mitzutheilen trachtet Er be- 
lehrt nicht mehr, er geniesst; aus 
dem Herold der Herdenmeinungen 
ist er der Künder der Unerkannten 
geworden. Höchstentwickelte Sen- 
sitivität, vereinigt mit dem Distanz- 
gefühl des Geistes- Weltumseglers; 
ein durch lange Leiden und schmerz- 
hafte Wandlungen bis zum Hell- 
sehen geschärfter innerer Blick; 
endlich der auf Instinctverfeinerung 
beruhende grosse Styl und die mo- 
ralische Unbefangenheit des Esthe- 



ten : dies und noch einiges Andere 
kann einen wahrhaft modernen 
Kunstbeurtheiler ergeben. Auf dem 
Gebiete der Malerei gibt es heute 
einen solchen: Richard Muther. 
Bei uns in Wien freilich nimmt 
man es nicht so genau, man hat 
wie auf anderen Gebieten auch hier 
etliche Jahrzehnte verschlafen, und 
unsere Kunstweisen lassen sich im 
Grossen und Ganzen in zwei 
Gruppen theilen : in solche, die nur 
von der Malerlei nichts verstehen, 
und in andere, deren Bildung auch 
sonst auf dem Niveau der Garten- 
laube steht. Ihr Erstaunen jeder 
complicirteren Erscheinung gegen- 
über hat etwas rührend Komisches ; 
so führt z. B. in den Feuilletonspalten 
emes unserer einflussreichsten Blätter 
ein solcher Atta Troll seine kunst- 
kr itischenTänze auf, derenDroUigkeit 
den eingefleischtesten Hypochonder 
erheitern könnte. Wenn man aber 
dann bedenkt, dass weite Kreise 
dies bodenlos bomirte Gerede ernst 
nehmen und sich danach ihr Ur- 
theil bilden, so wundert man sich 
nicht mehr über die unsagbare 
Misere unserer Culturzustände ; 
wenn man die Gleichgiltigkeit be- 
trachtet, mit der man bei uns in 
solchen Fragen die unfsihlgsten 
Ignoranten zu Wort kommen lässt, 
begreift man die Geringschätzung, 
mit der in Europa der Name 
»österreichisch« ausgesprochen wird. 
Und man muss an das Wort 
Lassalle's denken von der geistigen 
Brunnenvergiftung, »die auf die 
Dauer nicht einmal das geistreichste 
aller Völker, das griechische Volk, 
hätte überstehen können«. 

El*GahaL 



Horansgeber und ▼eraatwortUcher Redacteur: Rudolf Straui •. 
Ch. Reimer & M. Werthner, Wien. 



r* 



,f 



^iener J{undschau. 



16. AUGUST 1897. 



DIE ZWEI FRAUEN DES BÜRGERS VON BRÜGGE. 

Von Maurice Barrys (Paris). 

Antorisirte Uebenetznng Ton Nina Hoffmann. 

Zur Zeit der Renaissance lebte in Brügge ein reicher Bürger, 
welchen die grossen Festlichkeiten nicht zu zerstreuen vermochten, an 
denen sich seine Mitbürger damit ergötzten, dass sie viel tranken und 
Narrenpossen trieben. Er würde wohl am Bogenschiessen Lust gefunden 
haben, denn seine Eigenliebe hätte sich geschmeichelt gefühlt, wäre er 
zum Schützenkönig ausgerufen worden; allein er empfand kein wirkliches 
Vergnügen daran, von den Brügger Gevatterinnen bewundert zu werden. 
Er war auch ein wenig seiner Ehefrau überdrüssig geworden, obwolil 
sie ihm treu und auch frisch war ; aber ich habe ihr Bildnis gesehen — 
eine kleine Memling voll kleinster Beachtung für Alles, was im bescheidenen 
Bezirk eines regelmässigen Lebens fortkommt, und auf keine Weise in 
den Leichtfertigkeiten und Ausbrüchen bewandert, welche es allein ver- 
mocht hätten, diesen melancholischen Unbeschäftigten zu befriedigen. 

In dieser Stimmung fasste er den Entschluss, nach dem heUigen 
Lande zu pilgern. Es war zugleich, um erhabene Dinge zu voUbrmgen 
und um sich zu zerstreuen. 

Wir müssen immer etwas von unseren Träumen abgeben; der 
Flamänder kam nicht über Italien hinaus, denn ein Weib, welches die 
Schönheit dieses Landes an sich hatte und ihm dadurch unvergleichlich 
erschien, hielt den mächtigen Kopf dieses Fremdlings an ihren weissen 
Brüsten fest. Sie war die Geliebte Lorenzo's von Medici und, während 
einer Nacht, auch die des jungen Ric della Mirandola gewesen. Ich 
habe ihre Porträts gesehen, welche sie später mit sich nach Flandern 
brachte und die sich in Antwerpen in der Maison Plantin befinden. 
Lorenzo von Medici ist dick und schmutzig wie ein Zeichenlehrer, und 
der Mirandola hat das reinkalte Gesicht eines eleganten jungen Hebräers, 
der linkisch und ein Verstandesmensch ist. 

Von einer Hülle von Wohlgerüchen und Seidenstoffen umgeben, 
las diese Chlorinde ihrem Geliebten den Ariost, dessen leichtflüssige 

55 



7 1 8 B ARRfeS. 

Pracht ihre wollüstige Anmuth noch erhöhte; und so wurde die Schwer- 
muth des jungen Mannes, welche bis dahin etwas von mürrischer Laune 
an sich gehabt hatte, nun eine trunkene Traurigkeit. 

Als sie ihre Hilfsmittel bis auf ihre Kleinodien verthan hatten, 
bat sie der Flamänder, für welchen die Vorstellung davon, dass sie 
eines Tages fem von ihm alt und bedauemswerth sein könnte, uner- 
träglich war, er bat sie, ihn nach Flandern zu begleiten, wo sie den 
Ueberfluss finden würden. 

Chlorinde hatte zur selben Zeit, als sie ihren theuren Barbaren 
gelehrt hatte, an allen schönen Dingen Freude zu finden, selbst verlernt, 
diese zu lieben, und nur er allein war es, von dem getrennt zu sein 
ihr niemals möglich gewesen wäre. So nahm sie denn diese schwere 
Verbannung an. Allein in dem Masse, als sie weiter kamen, wurden 
sie Beide immer trauriger, denn die Natur wurde ärmer, und sie gingen 
der Heimat des Winters entgegen. 

Als sie Brügge erblickten, da verstand Eines und das Andere, 
dass sie, sowie sie diesen letzten Zwischenraum zurücklegen würden, 
einen Theil ihres Lebens abschlössen, welcher ihre Jugend gewesen war. 
Die Flur war von Sonnenschein übereist, einem Mittags-Sonnenschein, 
der vom grauesten Himmel niederfiel; das Herz der Fremden zog sich 
zusammen, denn sie fUrchtete, dass er sie weniger liebe als seine rechte 
Ehefrau, und dass er sie fortschicken würde. Er hinwieder, als er die 
ersten Bilder wiedersah, die seine Kinderaugen erfüllt hatten, wurde 
weich bei dem Gedanken, dass er einmal werde sterben müssen. 

So kamen sie bis zum Quai du Rosaire und lehnten sich über 
am kleinen Teich, welcher die niederen, hier und dort ockergelb gefärbten 
Ziegelhäuser bespült Sein Fieberduft erinnerte sie an das Paradies von 
Venedig. Sie schauten auf diesen schwermüthigen, von altem Moosgestein 
umfassten Wasserspiegel nieder, und ihre Gedanken flössen mit diesen 
kalten Fluthen dahin, sich mit ihnen unter dem dunklen Gewölbe ver- 
lierend. Der Himmel lag so nahe über allen diesen seltsam ausgezackten 
Dächern, dass der Glockenthurm der Frauenkirche ihn zu berühren 
schien. Damals schob wohl, so wie heute, die Schenke de la Vache ihre 
zierliche und bescheidene, auf Säulchen ruhende Terrasse über das 
Wasser hinaus und vielleicht auch ebenso, wie ich es gehört habe, 
spielte man auf dem kleinen Fischmarkt eine traurige Musik. — Der 
Pilger wendete sich zu seiner Gefährtin, die bebend dastand, und 
sagte ihr: 

»Da ich mit Euch zu diesem Ort zurückkehre, von wo ich fort- 
gezogen bin, ehe ich Euch kannte, will ich Euch, meine Freundin, aus 
der Tiefe meiner Seele sagen, wie viele schöne Dinge ich Euch ver- 
danke. Ihr wäret sehr gütig für mich, der ich ein wahrer Wilder 
gewesen bin, und ich fühle Euch gegenüber eine sehr grosse Dank- 
barkeit, c 

Sie wurde so bewegt, dass sie, die immer sehr fein Alles bemerkte^ 
dem etwas Weniges vom Lächerlichen anhaftete, die Augen voll Thränen 
hatte und ihm antwortete: 



DIE ZWEI FRAUEN DES BÜRGERS VON BRÜGGE. 7 IQ 

»Ich weiss nicht, wie das kommen mag, mein Freund, aber Ihr, 
der bisweilen so hart und, ich kann es Euch wohl sagen, ein wenig 
grobgeartet seid, versteht manch einmal so sehr zarte Dinge zu finden, 
dass Niemand Euch gleichkommt. Und seid nur dessen gewiss, dass 
Niemand auf der Welt für mich etwas gilt denn Ihr.c Und sie um- 
armten einander, weniger als zwei Liebende, denn wie Schwester und 
Bruder, die sich von einer Wesenheit fühlen, so sehr, dass eines für 
das andere unschwer zu sterben vermöchte, jedes davon überzeugt, dass 
sein eigentliches Leben nicht in ihm, sondern im Andern sei. 



Doch kamen sie endlich an das Haus des Flamänders, wo seine 
Ehefrau aufrichtig über die Heimkehr des Flüchtlings erfreut war. 
Obwohl er nun, da er dieses Vertrauen sah, über das Unrecht bewegt 
war, das er ihr zugefügt hatte, so empfand er doch grausam schmerzlich, 
was seine schöne Freundin fühlen musste, die ihnen, einige Schritte 
entfernt, zusah. Er führte eine der andern vor: »Meine liebe Frau, 
umarmt diese Fremde, denn sie ist das grösste Glück meines Lebens. 
Es ist eine Ungläubige, die ich auf meinem Kreuzzuge bekehrt habe 
und die ich mit mir bringe, damit sie nach mir nicht zu ihren Götzen 
zurückkehre. € 

Da verbreitete sich in Brügge die Kunde, dass der edle Pilger 
eine Ungläubige bekehrt und sie heimgebracht habe, und das Volk 
richtete ihm ein Festmahl aus, wo er den Ehrensitz einnahm und zur 
Rechten die Fremde, zur Linken seine Ehefrau sitzen hatte. Er empfand 
viel Freude, als er sah, wie man die strahlende Schönheit seiner Geliebten 
bewunderte; allein jedes von ihnen war doch in Gedankenversunken, 
was verursachte, dass alle Welt sie zwei Heiligen gleich achtete. 

Als die Stunde geschlagen hatte, da man der Ruhe pflegen sollte, 
sagte seine Ehefrau, welche durch das Weinen um ihn während seiner 
Pilgerfahrt viel von ihrer Fröhlichkeit eingebüsst hatte: »Ich bin recht 
welk geworden und recht sehr der Freude entwöhnt, mein Gebieter; 
es soll nicht also sein, dass Ihr mein Bette heimsucht, aber ich will 
die Magd jener sein, der Ihr das Paradies geschenkt habt, und ich will 
sie für die Nacht zu mir nehmen. < 

Chlorinde war von der Vorstellung entsetzt, allein ruhen zu müssen, 
während Jener, den sie anbetete, in den Armen seiner Gattin sein würde ; 
so nahm sie diese Lösung mit unendlichem Glücksgefühl entgegen. Er 
half einer jeden, es sich bequem zu machen. 

So lebten sie alle Drei dahin, und oftmals in dem langen flandri- 
schen Winter, da die Kälte sehr strenge war, kam eine oder die andere 
seiner Frauen, ihm Gesellschaft zu leisten. . . 

Brügge ist eine von Bäumen umschleierte Stadt, die sich in 
Canälen spiegelt und über die ungehemmt der frische Nordwind sowie 
das Geläute ihrer Glocken dahinstreicht. Wenn nun die Liebenden zu- 
sahen, wie lautlose Schwäne an die Ufermauem streiften, da wurden 
sie daran erinnert, dass, wenn Brügge diese eisigen Schwäne auf seine 

55* 



7 2Q BARRfeS. 

Canäle gesetzt hat, in Venedig leidenschaftliche Frauen darüber hin- 
gegossen ruhen. 

Sie Beide liebten es, wenn die Nacht mit ihren Schatten die allzu 
kleinlichen, zierlichen Einzelheiten der flandrischen Kunst überhüllte 
und nur das herrische Aufstreben der Architekturmassen übrig Hess. 

Auf der grossen »Place des Halles«, wenn die Abenddflnmierung 
den einfacher gewordenen Glockenthurm in eine edle florentinische 
Citadelle umwandelte, da gedachte sie der Männer, welche dorten 
wuchtig-harte, ihnen gemässe Paläste bewohnten und welche sie zuerst in 
ihre jungen Arme gepresst hatten, und auch er erinnerte sich, dass dort 
auf den breiten Fliesen der toscanischen Strassen dunkel unnennbare 
Dinge seine Seele leidenschaftlich bewegt hatten. 

So konnten sie denn nicht ohne eine schmerzliche Trunkenheit 
ihrer italienischen Tage denken, und das nicht eben, weil jene Zeit, 
genau genommen, den gemächlichen Spaziergängen vorzuziehen gewesen 
wäre, die sie jetzt miteinander im feuchten Hauch der Nordsee machten, 
oder den Abenden, welche sie hinter den Fensterscheiben der Rue des 
Oies mit ihren metallischen Reflexen zubrachten. Aber es lag in ihrem 
Charakter, dass sie das Mittelmässige von sich wiesen, während die 
Flamänderin sich damit zufrieden gab, wenn sie ihnen ein gutes Mahl 
bereitet oder das Haus wohl durchwärmt hatte. 

Philippe starb an einer Herzkrankheit, und seine zwei Frauen, 
wie man sie in Brügge nannte, riefen bei Allen wahres Herzleid hervor. 
Allein obgleich ihm seine Ehefrau ein grosses Leidwesen weihte, so 
reichte ihr Schmerz doch nicht an das Gefühl der Bekehrten heran. 
Sie verlor denjenigen, welcher sie die Wahrheit hatte kennen gelehrt 

Diese schöne Person trat bei den Redemptoristinnen ein, welche 
das Volk die rothen Schwestern nennt, weil sie mit Hemden und 
Strümpfen aus rother Seide bekleidet sind. Ja, eben weil sie Busse 
thun wollte, verurtheilte sie sich dazu, um die Lüste zu sühnen, die 
sie ehemals ausserhalb der Arme ihres theueren Todten genossen, ihren 
schönen Leib in Seide zu hüllen; bei jedem ihrer Schritte mahnte sie 
das Rauschen der Seide an ihre furchtbaren Sünden. 

Man sagt, sie habe als Erste sterben wollen, um noch einige 
Augenblicke mit ihm allein im Grabe zu ruhen. 

Die andere Frau lebte noch sehr lange in dem Schwestemhause, 
wohin sie sich zurückgezogen hatte. Ich bin dahin gegangen, ihrer aller 
Andenken aufzusuchen. Nichts könnte so gut wie das feucht-sanfte 
Wort »Schwestemheim€ das Bild hervorrufen von jenen Wassern, welche 
Algen mit sich schleifen, jenen zerzausten Weidenbäumen, jenem lau- 
warmen Sonnenschein, der den Farbton der Ziegelmauem mildert, von 
jenem leichten Hauch des Meeres, von jenem sübemen Glocken- 
gebimmel und der Traurigkeit dieser Umfnedung, innerhalb welcher 
sie ihr bescheidenes Leben fortsetzte, das immer nur ein halbes Leben 
gewesen war. 

Ueber diese niederen Häuser dringt nichts zu dem verödeten 
Platze, weder die Laute der Wollust, noch der Lärm der Meinungen. 



DIE ZWEI FRAUEN DES BÜRGERS VON BRÜGGE. 721 

Was aber hatte sie von der Liebe und von der Eitelkeit jemals gewusst, 
welche die Welt erfüllen? In ihrer Seele blühte nichts, das complidrter 
wäre, als was im Lmenhof des Schwestemheims zu sehen, diesem im- 
regelmässigen Viereck, das eine von schmalen Pfaden durchschnittene 
Wiese überzieht, worin gleich Osterpalmen lange, schwächliche Pappel- 
bäume aufragen. 

Ihre letzten Altweiberwünsche waren, dass man sie den Ihren zu 
Füssen betten möge, imd das überraschte Niemand, denn man achtete 
Jene Gottseligen gleich. Sie wollte auch, dass man sie in Erz bilde 
und ihnen zu Füssen auf dem Grabmal an den Ort stelle « wo 
man gewöhnlich den treuen Hund hinsetzt Allein diese Demuth schien 
übertrieben und dem Familiensinn entgegen; so sieht man sie nun 
auch in der Kirche alle Drei als Ebenbürtige nebeneinander unter- 
gebracht, jedes von ihnen die Banderole in der Hand, darauf die 
frommen Worte zu lesen, die sie gewählt hatte: »Martha^ Martha, du 
hast viele Sorge und Mühe — Maria aber hat das gute Theil erwählet« 

Ich aber protestire gegen diese Nichtbeachtung ihres berechtigten 
Wunsches, ich widersetze mich dieser beleidigenden Gleichheit, in die 
man sie gegen ihren Willen zu der Anderen erhoben! Und wenn alle 
Welt Lobpreisungen erhebt über die armseligen Primitiven, über alle 
Memlings und alle hindämmernden Tugenden, so will ich die italienische 
Pracht lobpreisen, die Leidenschaft, die nicht schlummert, die Leiden- 
schaft, die auch die Geberde der Leidenschaft hat, die handelnde 
Leidenschaft! 

Ah, wenn es auf mich ankäme, so sollte jene, die zur Dienerin 
geboren war, in alle Ewigkeit zu den Füssen ihrer Herren ruhen. Gott 
hätte eine Seele nicht in Flandern geschaffen, aus welcher er eine 
Venetianerin hätte machen können! Mag sich die kleine Flamänderin 
damit begnügen, geschätzt zu werden! Wir lieben und ehren nur die 
theure Redemptoristin, und wenn mich etwas in einem Schwestemheim 
bewegt, so ist es das, dass ich mich von dem Hintergrunde der Mittel- 
mässigkeit mit doppeltem Feuer den Herrlichkeiten einer zärtlichen 
und prangenden Leidenschaft zuwende. 



MAURICE MAETERLINCK. 
Von Dr, Paul Bornstein (Berlin). 

Schwüles, schweres Dunkel. — Verworren, eine schwarze Masse, 
starren die Kronen der Bäume ringsher. Aus blühenden Gärten steigt 
der helle Duft der purpurnen Rosen ; seltsam, gleich winkenden Händen, 
Todtenhänden, schimmern die weissen, jähen Lilien in der unbestimmten 
Finstemiss. Und tiefes Schweigen über der Runde. Nur eine Nachtigall, 
wohl aus dem Schlummer erwacht, singt ihr träumendes Lied — ein- 
sam, in suchender Sehnsucht, in bebender Süsse wallen die Töne und 
wandeln durch die Stille; so wandelt eine irrende Seele ruhlos durch 
den Frieden der Nacht Und sie verhallen m leiser EUage. Hinter 
dunklen Wolken steht der Mond; in irren Reflexen, bald hier, bald 
dort aufblitzend, huscht sein müdes, bleiches, räthselvolles Licht. Fem, 
unendlich fem nur schimmert ein blasser Stern — ist's nicht, als ob 
die Geister unserer Todten von ihm hemiedergrüssten ? In ver- 
schwimmenden Contouren entkörpert steht alles Körperliche; durch- 
geistigt erscheint das AlL Perspectiven der Ewigkeit thun sich auf. 
Hörst du den tiefen Athem der heiligen Nacht? Fühlt schauernd dein 
Herz den Hauch der Femen, fühlt es das Weben geheimnissvoller Un- 
endlichkeiten, in denen Vergangenheit und Zukunft verfliesst, Leben und 
Tod sich zum Bunde die Hand reichen? Erwacht deine Seele vom 
dumpfen Schlummer des Alltags, ahnt sie ihre eigenen Tiefen und 
erkennt sich in ihrer Unendlichkeit? Siehe, sagt die unendliche Natur, 
das bist du. Du bist mehr, o Mensch, denn du dir träumen lassest im 
grellen Getriebe und dem Lichte des Tages, das kein Erbarmen kennt. 
Tief ist deine Seele, ewig und unendlich gleich mir; Perlen trägt sie 
an ihrem Gmnde. Willst du sie haben ? Gehe denn, schaue in dich — 
steige hinab in die Tiefen deiner Seele. Erkenne dich selbst! 

Es ist einer unter den jungen Poeten, der hat sich erkannt 
in seinen Höhen und Tiefen, der ist hinabgestiegen bis auf den 
Grund der Seele und brachte uns von den köstlichen Perlen. Still ist 
seine Poesie und tief und geheimnissvoll wie die dunkle Sommemacht; 
voll Mondenlicht und Nachtigallensang ist sie und auch so duftdurch- 
haucht und schwül und traurig süss. Der Hauch des Geheimnisses 
liegt über ihr und der Schatten seltener Erkenntniss und der müde 
Friede, der doch nur friedlose Sehnsucht ist. 

Fem und seltsam klingt dieses Poeten Stimme. Nicht Alle verstehen 
sie. Wann hätte die Menge den Einsamen verstanden ? Wann ihn, den Un- 
verstandenen, nicht beschimpft und verhöhnt — den weissen Raben? 
Aber die ihn verstehen, müssen ihn lieben, denn sie fühlen ihn sich 
nahe, nahe in den Weihestunden des Lebens, da die Seele ihre Aufer- 



MAURICE MAETERLINCK. 723 

stehung feiert. Und sie danken es ihm, dass sein Wort der ringenden 
die Schwingen löst Ein Belgier ist dieser Einsame. — Sein Name ist 
Maurice Maeterlinck. 

Tiefsten Räthseln des Seins zugewandt, ist Maeterlinck — eine 
faustische Natur. Dichter und Denker, besser Dichter und Grübler, 
sind unzertrennlich in ihm — einer findet im andern erst die rechte 
Beleuchtung. Ausstrahlung einer prägnanten Weltanschauung, so stellt 
seine Poesie sich dar; eine muss kennen, wer die andere verstehen 
will Im »Tresor des Humbles«, dieser Vereinigung philosophischer 
£ssa3rs, bietet Maeterlinck sein Weltbild dar. Ein höchst merkwürdiges 
und interessantes Buchl Hinter dem purpurnen Vorhang des AUer- 
heüigsten hervor klingen orphische Räthselworte, mit Orakelstimme 
gesprochen, unendlich stille Güte, müde Melancholie, verwundene Leiden 
zittern im dunklen Klang dieser Stimme, die mit seltsamem Zauber 
das Gemüth in seinen Bann schlägt. Was sie uns sagt, fem bleibt es 
dem Verstände, fem aller Logik Kettenschlüssen ; Beichten sind es von 
Seele zu Seele — Schimmer einer dämmernden Schönheit liegen über 
ihnen. Abgründige, nie geschaute Tiefen des Lebens entschleiern sich 
fem im matten Licht dieser Worte. Unsagbares wird gesagt. Unsicht- 
bares in Bilder gewandelt, dem Auge vorgeführt. Es ist das Buch 
Eines, dessen weltfremde Augen sich ganz nach innen gekehrt haben, 
der, in sich versunken und von ungeahnter Pracht geblendet, in Ver- 
zückung stammelt, was er in ahnendem Empfinden gesehen. Seelen- 
anbeter ist Maeterlinck, reiner und bewusster Mystiker. 

Uralt, weü tief in der menschlichen Natur begründet, sind die 
Bestrebungen, das dem VerstAide sich entziehende, geheimnissvolle 
Unendliche, das Absolute, Gott in mystischer Anschauung zu umfassen. 
Wie ein rother Faden — wohl zeitweise zurücktretend, aber nie inter- 
mittirend — zieht sich die Mystik parallel dem gigantischen Ringen 
des Verstandes um ein Weltbüd durch die Jahrhunderte menschlicher 
Geistesentwicklung : von Indien herüber nach Egypten und Persien, von 
Plato zu Plotin und Philo, von Dionysius Areopagita zu den Kirchen- 
vätern. Sie beherrscht das ganze katholische Mittelalter, Wolfiram ist 
ihr geweihter Poet. Mit Malebranche und Pascal tritt sie in die neu- 
zeitliche Entwicklung ein, in Jacob Böhme zeigt sie sich heimisch im 
Schoss des Volkes. Sie schlummert im achtzehnten Jahrhundert, dieser 
todten Zeit eines flachen Rationalismus, die deutsche Classik auf ihrem 
Höhepunkte verschmäht sie — aber mit dem Aufblühen der blauen 
Blume blüht auch sie empor ; der alternde Goethe wandelt gern in ihren 
Zaubergängen, und in ihren Mutterarmen entschläft die müde gewor- 
dene Romantik. Schelling ist ihr Philosoph, Novalis ihre holdseligste 
Blüthe. In den Zeiten, da Seele und Kunst nach Glanz und Kampfeslärm 
sich auf sich selbst besinnen, spricht sie das erlösende Wort. Wir 
finden sie in der Gegenwart als stetig anschwellende, künstlerische Strö- 
mung, reagirend gegen einen überlebten Naturalismus. Maeterlinck 
kennt die gesammte Literatur der Mystik; ihre Schriften sind ihm 
»die reinsten Diamanten im wundervollen Kronschatz der Menschheit«. 



724 BORNSTEIN. 

Eingehend hat er sich mit ihnen beschäftigt. Den Vlamen Ruysbroeck 
hat er, wie des Novalis' »Saisschüler« und »Fragmente«, übersetzt und com- 
mentirt. Ruysbroeck, Novalis und Emerson, dieser jüngste unter den 
Mystikern, haben seine Weltanschauimg entscheidend beeinflusst 

Wie alle Mystiker ist Maeterlinck durchaus Immaterialist Den 
zum körperlosen Licht Strebenden lassen die Materie und alle an ihr 
haftenden Lebenserscheinungen kalt Unser Handeln, unsere Leiden- 
schaften, unser Denken und Sprechen reizen ihn nicht Unsere Hand- 
lungen sind ihm ephemere Blätter und Blüthen an einem transparenten, 
im Centrum unseres Wesens wurzelnden Baum. Wer ztt den Wurzeln 
will, was kümmern den Blätter und Blüthen? »Wir besitzen ein tieferes 
Ich, ein unerschöpflicheres, als das der Leidenschaften und der reinen 
Vernunft.« Und ferner: »So lange ich von Tod, Liebe und Schicksal 
spreche, erreiche ich Tod, Liebe und Schicksal nicht.« Das Wort 
kann die Tiefen des Lebens so wenig ausdrücken, wie der Geist, 
der Intellect sie fassen kann. »Der auf sich selbst gestützte Geist ist 
eine Localberühmtheit, die den Reisenden lächeln macht. Es gibt noch 
etwas Anderes als den Geist — nicht der Geist ist es, der uns mit 
dem Universum verbindet. Es ist Zeit, dass man ihn einmal nicht 
mehr mit der Seele verwechselt Es handelt sich nicht um etwas, 
das in uns vorübergeht, sondern um etwas, das in uns stabil ist, ober- 
halb der Leidenschaften und der Vernunft.« 

Fem von unserem Handeln und Denken fuhrt die Seele ein 
eigenes Leben, das sich nicht ausspricht Der Verstand kann es nicht 
ergründen; nur zwei von den drei »Enceintes«, den Umfriedungen der 
Seele, kann er überwinden: an der dritten, jenseits deren das göttliche 
Leben der Mystik sich abspielt, wo im Dunkel das »principe inconnu«, 
die »lois inexplicables et profondes« walten, scheitert er. Hier vorzu* 
dringen vermag nur die Intuition, die aus sich selbst ihr Licht zieht, 
und nur Begnadeten und Reinen ist sie verliehen. Diese nur dringen 
bis in die Tiefen, sie nur empfinden, dass es Beziehungen gibt von 
Seele zu Seele, »Zeichen einer Seele, die unsichtbar eine andere grüsst«. 
Mensch steht neben Mensch im innersten Wesen; wie Schleier fallen 
in den Tiefen die äusserlichen Unterschiede der Existenzen» Hier, 
wohin kein Lärm des äusseren Lebens mehr dringt, stehen Fürst und 
Bettler einander gleich; auf die Schönheit und den Reichthum der 
Seele kommt es an. Daher die Benennung: »Tresor des Humbles« ; 
eine Art von mystischem Socialismus wird begründet. Hoch über dem 
Leben umschlingen sich die Seelen in einer. Sphäre, da wir uns Alle 
kennen, die wir, verkannte Götter, hier unten wandeln. »Wir kennen 
uns in Gegenden, von denen wir nicht wissen, und wir haben ein ge« 
meinsames Vaterland, zu dem wir gehen, wo wir einander wieder- 
finden, und aus dem wir sonder Schmerzen zurückkehren.« Und hoch 
wiederum über dem Leben der Seelen, mit leitender Hand in dieses 
eingreifend und in seinem Dasein nur aus seinen Wirkungen erkennt- 
lich, thront das Unendliche, das Schicksal, Gott. Gefühl ist Alles, 
Name ist Schall und Rauch. »Es gibt eine verborgene Wahrheit, die 



MAURICE MAETERLINCK. 725 

uns leben lässt und deren stumme und unbewusste Sclaven wir sind.« 
Mit eiserner Faust gelenkte Sclaven sind wir; nicht in unserer Brust 
ruhe imseres Schicksals Stern ; droben strahlen sie — einsam^ unnahbar^ 
unerbittlich. »Den Spuren des Schicksals nachgehen, heisst das nicht 
auf den Spuren menschlicher Trauer wandehi? Es gibt kein Schicksal 
der Freude und keinen glücklichen Stern. € »Was ist Schicksal? Keiner 
weiss es. Nur ein Zipfel des Tuches ist gehoben — wir ahnen den 
Einfluss der Todten und der noch nicht Geborenen. So leiten uns 
Vergangenheit und Zukunft, und die Gegenwart, die unsere Substanz 
ist, sinkt auf den Grund des Meeres — eine kleine Insel, die er- 
barmungslos zwei unversöhnliche Oceane benagen.€ »Der Tod leitet 
unser Leben, und unser Leben hat kein anderes Ziel als den Tod.« 
Ein Zug von düsterem Fatalismus gibt der seltsamen Weltanschauung 
dieses grüblerischen Phantasten bezeichnenden Abschluss; mystischer 
Fatalismus — das ist der Grundzug auch der Maeterlinck'schen Poesie. 

* * 

* 

Mit lyrischen Gedichten begann Maeterlinck: »Serres chaudes«, 
deutsch etwa »Treibhauspflanzen«. Ein guter, weil bezeichnender Titel 
Es sind durchaus Erzeugnisse emer überhitzten und emporgetriebenen 
Phantasie. Tastende Schöpfungen eines dem Neuen ahnungsvoll Zu- 
gewandten, der sich selbst noch nicht gefunden hat, der Anlehnung 
sucht bei allen erdenklichen Halbgöttern jungfraxizösischer Lyrik. Viel 
originalitätssüchtige Bizarrerie ist in diesen Gedichten, die, verworren 
und häufig unverständlich, gekünstelt und häufig verkünstelt, sich ganz 
auf die Impression der Klangwirkung stellen. Sie lassen den künftigen 
Maeterlinck kaum ahnen. Der tritt uns weit deutlicher entgegen in den 
zwölf jüngst erschienenen »Chansons«, deren Eigenart Charles Doudelet 
in meisterlichen Holzschnitten — weiss und schwarz; archaisirende 
Strichtechnik von höchster malerischer Wirkung — zu erfassen und 
festzuhalten wusste. Um Leben, Liebe und Tod schlingt hier der Poet 
seine Klänge in mystischen Arabesken; hier aber finden sich auch 
Stücke, die in ihrer schlichten, ich möchte sagen — selbstverständ- 
lichen Schönheit, in ihrem völligen Freisein von jeder Pose an die 
Perlen Verlaine's erinnern. So das ergreifende Zwiegespräch zwischen 
der verlassenen, sterbenden Geliebten und deren Mutter oder älteren 
Fretmdin : »Et s'il rerenait un jour, que faut-il lui dire ?« das mit dem 
wundervollen Vers schliesst: 

— Et s'il m'interroge alors 
Sur la demi^re heare? — 

— Dites-loi, qae j'ai souri 

De peur, qu'il ne pleure. — 

Im Grunde genommen, hat die Lyrik für ein Gesammtbild 
Maeterlinck's nur untergeordnete Bedeutung; sie nährt sich von Stim- 
mungen, die weit schärfer und eindringlicher in seinen Dramen wieder- 
kehren. Der Dichter Maeterlinck — das ist und bleibt der Dramatiker; 
nur in den Dramen findet der Suchende den Poeten in seiner vollen, 
unverf^chten Eigenart. 



726 BORNSTEIN. 

Die Eigenart Maeterlinck'scher Dramatik beruht nicht zuletzt 
auf dem völligen Fehlen aller derjenigen Elemente, die eine Schul- 
definition als fiir das Drama unumgänglich nöthig bezeichnen würde. 
Handlung, gesteigerte Handlung, Kampf des Individuums gegen eine 
einengende Allgemeinheit, scharfe und allseitige Charakteristik, Wider- 
streit der Leidenschaften — von diesen für eine Bühnenwirkung un- 
erlässlichen Bedingimgen erfüllt Maeterlinck kaum eine. Er verschmäht 
es, sie zu erfüllen. Der Rampen grelles Licht schreckt diesen so fein- 
nervigen, lauten und vergröberten Efifecten gänzlich abholden, nur auf 
intimste Wirkungen bedachten Poeten und stösst ihn ab. Das Theater 
hat kein Recht auf Maeterlinck, weil es ihm keines einräumt. Hand- 
lung und Leidenschaft — was bedeuten diese anachronistischen Forde- 
rungen des heutigen Theaters ? Decorative Oberfläche und die Psychologie 
dazu. Und die Tiefen??! Auf der Bewegtheit der Anekdote ruht das 
Hauptgewicht der heutigen Dramatik. Muss denn aber wirklich ge- 
schrien und getobt, müssen wir mit zuckenden Nerven durch fünf 
barbarische Acte gepeitscht werden ? Was können mir Wesen von ihrem 
wahren Sein sagen, die gar keine Zeit zum Leben haben, weil sie an 
der fixen Idee leiden, unbedingt einen Rivalen oder eine Geliebte 
tödten zu müssen? Die Tragik der Leidenschaft ist für Maeterlinck 
keine Tragik. »Es gibt eine Tragik des Alltags, die wahrer, tiefer und 
unserem wirklichen Wesen mehr entsprechend ist als die Tragik der 
grossen Abenteuer ... Es gibt tausend und abertausend mächtigere und 
verehrungswürdigere Gesetze als die Leidenschaften, aber diese lang- 
samen, verschwiegenen und geheinmissvoUen Gesetze — man hört und 
fühlt sie, wie Alles, was mit unwiderstehlicher Gewalt begabt ist, nur 
in der Dämmerung, in der Sammlung ruhiger Lebensstunden.« Unter 
dem Gesichtspunkt dieser höheren Tragik das Menschenleben darzu- 
stellen, das ist die Aufgabe der wahren Tragödie. Es handelt sich 
darum, das Leben der Seele inmitten einer ständig 
eingreifenden Unendlichkeit zu schildern; es handelt 
sich darum, jenseits des Dialogs von Mund zu Mund und ober- 
halb der Zwiesprach zwischen Vernunft und Empfindung den feier- 
lichen Dialog zwischen einem Wesen und seinem 
Schicksal zu geben. Das Walten geheimer, ewiger Gesetze am 
Menschen darzuthun, das ist der Gipfel Maeterlinck'schen Kunst- 
strebens. So wandeln sich mystisch-metaphysische Dogmen zu ästhetischen 
Forderungen. 

Auch bei Shakespeare, der Maeterlinck's Dramatik in ihren An- 
fängen entscheidend beeinflusst hat — von Hamlet zur »Princesse Ma- 
leine« ist's ein gerader Weg — finden wir Perspectiven der Ewigkeit. Ueber 
Hamlet, Lear und Macbeth lebt und webt das Ewige, das Unendliche. 
Aber es bleibt im Hintergrunde, es bleibt Horizont. Im Vordergründe 
stehen, frei handelnd, die mächtigen Persönlichkeiten. Umgekehrt bei 
Maeterlinck: der Mensch, unfrei und unverantwortlich, tritt zurück; 
im Vordergrunde steht das Geheimnisvolle, dessen Darstellung 
Selbstzweck wird. 



MAURICE MAETERLINCK. 727 

In Maeterlinck's Dramen geschiebt wenig ; die Grundidee ist meist 
wenig ergiebig; die äussere Handlung geringfügig. Unmerklich fast, 
langsam und mit müdem Schritt rückt sie vor. Aber dieses müde Vor- 
rücken erzeugt gleichwohl auf seelischem Gebiete eine Spannung, die, 
zunächst jenseits der Schwelle des Bewusstseins bleibend, dann als 
dumpfe Ahnung hervortretend, durch das Eingreifen der geheimniss- 
vollen Kräfte alsbald verhundertfacht wird. Folgen die physischen Vor- 
gänge einander in arithmetischer, so die psychischen in geometrischer 
Progression. Wo die beiden Reihen einander berühren, sprühen 
elektrische Funken. Bis dass die Spannung auf seelischem Gebiet im 
Herannahen des Fatums so ungeheuer wird, dass aus dumpfer Schwüle 
in donnernder Detonation der Blitz zuckt, der, in die Welt der Körper 
hinüberschlagend und diese in jähe Flammen setzend, die grause Kata- 
strophe auslöst. Maeterlinck's Tragik ist nicht laut und lärmend, sie 
ist still und demüthig; aber sie ist düster und geheimnissvoll und 
furchtbar in ihren spärlichen Höhepunkten. Sie gleicht den dunklen 
Wassern, deren glatter und ruhiger Spiegel ihre abgründige Tiefe nicht 
ahnen lässt. Aber lasset nur das Verhängniss, das am Ufer kauert, 
ein Steinchen in die Fluth stossen, und jählings, wie in einem siedenden 
Kessel, schäumt es auf in wilden Wellen und weissem Gischte. Und im 
brandenden Gewoge dieser brausenden Fluthen Menschen ringen zu 
sehen — schuldlose Menschen, in stummem, in aussichtslosem Kampf 
— das ist ein Schauspiel so herzzerreissend und erschütternd, dass es 
die Seele des Zuschauers wie mit eisernen Krallen in ihren tiefsten 
Tiefen packt. 

Wem es aber gelingt — gleichviel wie — unsere Seelen so in 
den Bann seiner Eigenart — gleichviel welcher — zu schlagen, dass 
wir uns widerstandslos dem Reiz einstürmender Gefühle ergeben müssen, 
dem schulden wir den Kranz; der ist ein echter Künstler. 

(Schlass folgt.) 






FRAGEN 
von Jakob Wassermann (München). 

In einer stillen Sommernacht 

Bin ich aus heiterem Traum erwacht. 

Und plötzlich, in einen schwarzen Schlund, 

Sah ich hinab auf des Lebens Grund. 

Sag' mir an, du trübes Gespenst, 
Was du Wissen und Leiden nennst? 

Sag' mir, ruhige Finstemiss, 
Warum Gott seinen Sohn verliess? 

Sprich, du Himmel ohne Gnaden, 
Weshalb hat mich der Freund verraten? 

O sprich, du lange Einsamkeit: 
Was ist Tod und was ist Zeit? 

Da begann das trübe Gespenst: 
Was du Wissen und Leiden nennst, 
Das ist Kraft eines deutlichen Traumes, 
Das ist Spiel jenes bunten Saumes, 
Saum vom Kleide der Ewigkeit, 
Kraft eines langerloschenen Lichts... 
Dies ist Wissen, dies ist Leid, 
Und sonst nichts. 

Sprach die ruhige Finstemiss: 
Warum Gott seinen Sohn verliess. 
Das ist kraft seiner Lust zur Freude, 
Das ist Kampfspiel, das stets erneute 
Hangen und Bangen am Lebensbaum. 
Gott wünschte einen Sohn des Lichts, 
Seine Vaterliebe, sie ist ein Traum, 
Und sonst nichts. 



FRAGEN. 729 

Sprach der Himmel ohne Gnaden: 
Mit Recht hat dich der Freund verraten. 
Freundschaft ist zärtliches Betrügen^ 
Kopfnicken und Rückenbiegen. 
Umklammert deine Faust das Schwert^ 
Freue dich des Verrätergerichts 1 
Morden ist^ was dich der Freund gelehrt^ 
Und sonst nichts. 

Sprach die lange Einsamkeit: 

Frage nicht; was Tod und Zeitl 

Tod bist du, und Zeit bist dul 

Rast und Flucht und Kampf und Ruh'. 

Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten 

Wirst du am Tage des grossen Verzichts 

Hin vor meine Füsse gleiten, 

Und sonst nichts. 



PARISER KUNST, 
Von Lionel Maur^s (Pan»). 

Wie tief hier die Kunst ins Volk gedrungen ist, hat mir ein Vor- 
gang am Tage des Vemissage im »Salon des Ind^pendants« aufs Neue 
gezeigt 

Vor dem Eintritt fragte einer der Herren meiner Begleitung einen 
ihm bekannten jungen Mann, welcher eben die Ausstellung verliess, ob 
dieselbe ihm gefallen habe; »man kann einzelnes Gute finden,« lautete 
die Antwort. 

Auf meine Frage hin, wer der Junge gewesen sei, antwortete 
mein Freund, »er hat drei Bilder ausgestellt, er ist der Gehilfe meines 
Friseurs«. 

In diesem Salon waren eine Reihe von Bildern des Norwegers 
Eduard Munch und Originallithographien von Toulouse Lautrec wohl 
die einzigen ersten Ranges. 

Ueber Munch sollte man eigentlich nur schreiben, wenn ganze 
Spalten zur Verfiigimg stehen, seine schmerzvolle, nordisch barbarische 
Einfachheit, die ergreifende Vibration, verbunden mit der Gewalt seines 
Könnens, der Grösse seiner Auffassung der Linie und der brutalen 
Macht seiner Farbe, stellen ihn so weit ausserhalb der gefallsüchtigen 
Malermenge, dass man es den Beschauem, welche doch fast aUe an 
seichte Waare und Zuckergebäck gewöhnt werden, nicht verübeln kann, 
wenn ihnen solche herbe reine Kost nicht mundet. 

Auf Toulouse Lautrec komme ich noch später zu sprechen. 

Es ist in Paris selten geworden, künstlerischen Sondererscheinungen 
in den jährlichen Ausstellungen zu begegnen. 

Künstler wie Odilon Redon, Degas, Renoir Claude Monet, Lisley, 
Pizzaro, Rops, Armand Point halten sich von den grossen Sammel- 
punkten ferne, denn dieselben sind zu einer beklagenswerthen Mittel- 
mässigkeit herabgesunken. 

Viel Können, viel Arbeit, grossartige Mache, aber wenig, sehr 
wenig Seele. Das schöne fiebernde Leben, die Gluth der Sinne, die 
Flammen der Leidenschaften, der heilige Schauer des Schöpfers sind er- 
storben, und an ihre Stelle traten die Berechnung, laue Gefühlsregungen, 
krankhafte Nervenreize, das seichte Gewinsel über die Schmerzen des 
Daseins. 

Der aus der Seele quellende Zwang zu zeugen, jenes heilige Muss, 
von dem man nicht weiss, von wannen es kommt und warum es von 
uns geht, haben diese Arbeiter nie empfunden. 

Sie malen Bilder, weil sie Maler sind, wie sie Stiefel machen 
würden, wären sie Schuster geworden ; sie gebären Undinge, welche 
zu den Fabriksmöbeln und Schablonenhäusem passen, und erfüllen 



PARISER KUNST. 73^ 

die Wünsche des reich gewordenen Speculanten mit den schön gefärbten 
nackten Frauen, die Jener liebt, weil er sie kennt oder kennen möchte. 

Die beiden Salons recrutiren ihre Werke aus diesen Schichten, 
und es ist ein seltenes, aber deshalb umso freudigeres Ereigniss, trifft 
man Werke wie diejenigen, denen ich jetzt einige Zeilen in Bewunde- 
rung widmen will. 

Eine der interessantesten Erscheinungen der Pariser Malerwelt ist 
Eugene Carri^re, er hat eine eigene Sehweise, eine gesonderte Welt 
der Farbe und wohl auch der Empfindung. 

Seine Gestalten zerfliessen und gewinnen wieder Form wie Schatten, 
dit durch Nebel huschend plötzlich als Wesen von Fleisch und Blut 
vor uns stehen. 

Carri^re ist einer der wenigen Grossen, welche im Salon des 
Champs de Mars nie fehlen ; sein diesjähriges Bild : »Christus am Kreuze 
mit Mariac macht nicht den mächtigen, unverlöschlichen Eindruck wie 
seine Werke im Mus^e de Luxembourg, es fehlt ihm die Glaubens- 
innigkeit und steigt deshalb nicht bis zu der Grösse eines völlig 
runden Kunstwerkes. 

Ich sagte vorhin, Carri^re habe eine gesonderte Farbenwelt, ich 
möchte dieselbe genauer betrachten. 

Auf das, was man gewöhnlich Farbe heisst, die reinen Töne 
eines Roth, Blau, Gelb u. s. w. verzichtet er vollständig, er nimmt 
von ihnen nur den Schein und schafft damit ein undefinirbares Grau, 
Braun und Gelb, aus welchem erst nach längerem Beschauen wie durch 
Zauber rothe oder blaue Flächen auftauchen. Er steht hiemit in ge- 
radem Gegensatze zu den meisten unserer Modernen, welche ihre 
Harmonie durch wohl berechnete Gegensätze ungemischter Farben zu 
erzielen suchen und, wie Menard (Emile Ren6) es besonders in seinem 
»Le Troupeau« betitelten Bilde beweist, auch erreichen. Auf demselben 
Wege und in gleicher Höhe treffen sich noch der Belgier (Georges) 
Buysse (mit seinen hervorragend schönen Landschaften), Eugene Vidal 
mit einem stumpfnasigen jungen Mädchen in Blau und ein Deutscher 
(Jules) Wengel, dessen »Engel der ersten Communion« sehr eigenartig sind. 

Ich müsste mit einer grossen Anzahl mehr oder minder be- 
kannter Namen ermüden, wollte ich Allen gerecht werden, welche eine 
Namensnennung nach gut bürgerlicher Sitte verdienen. 

Ich will nur noch einigen fein empfindenden Künstlern, wie dem 
mit Recht verehrten Schotten Stott of Oldham, Try Renan, (Andrö) 
Dauchey, Cazin und besonders (Armand) Berton nach altem Brauch 
gerecht werden, um mich wieder auf das Gebiet allgemeiner Be- 
trachtung zu begeben. 

Ich wäre wirklich sehr in der Enge, sollte ich einem der beiden 
Salons die Palme zuerkennen; wenn auf den elysäischen Feldern das 
Episodenbild und die Akademieluft unangenehm berühren, so missfällt 
auf dem Marsfeld der grosse Mangel an jeglicher künstlerischer Idee. 
Leider ist diesen Künstlern von der Natur kein so starkes Empfinden 
gegeben worden, dass es im Bilde geformt den Beschauer zwinge, die- 



732 MAURfeS. 

selben Gefühlswege zu gehen, welche sein Schöpfer gegangen ist; des- 
halb blieben diese Werke stumm. 

Da ist es denn sehr interessant, zu beobachten, dass viele von 
ihnen in Erkenntniss ihrer Schwäche das ihnen Fehlende dort suchen, 
wo es am kräftigsten lebt, bei den Primitiven; in Nachahmung der- 
selben sich verlierend, zeugen sie scheinbar vollwerthigere Waare, in 
Wirklichkeit aber gehen sie in die Fremde und verlieren mit der Heimat- 
erde den letzten Rest echten Werthes, 

Diese zweite Ausgabe der Präraphaeliten wird bei der mächtigen 
Strömung des wachsenden Bedürfnisses nach Neuem nicht lange andauern. 

Anders verhält es sich mit der viel kleineren Künstleranzahl, 
welche, aus den Symbolikem sich entwickelnd, zur metaphysischen 
Weltanschauung durchgedrungen ist 

Ihre Kunst, geboren nach einer langen Reihe von schweren 
Seelenkämpfen und Leidenstagen, kann nur gedeihen bei Menschen 
höherer Gattung, deren grösste Sorge sein muss, für jede Art von 
Eindrücken sich empfänglich zu erhalten, die grossen Lücken unseres 
Verstehens ahnend auszufüllen und im künstlerischen Schafifen keine 
festgestellten Lehren und Gesetze hemmend zwischen den befehlenden 
Geist und die gehorchende Hand treten zu lassen. 

Der Gewaltige, dem die Geister zu dienen scheinen, der un- 
bekümmert um Ruhm und Geld und um des Volkes Urtheil seinen 
Visionen nie gekannte Form gibt, ist Odilo Redon. 

63 Jahre hindurch unbeirrt stets denselben sorgenbegrenzten Pfieid 
wandelnd, hat es Redon dennoch zu einem Kreis von Bewunderem 
gebracht, welcher indess kaum einige Hunderte umfassen wird. 

Seine Radirungen und Lithographien sind von unheimlich mysti- 
scher Macht, ihm gelingt es, durch eine schwarze Fläche das ganze 
Grausen heraufzubeschwören, in welchem man beim Lesen von Bulwer 
Lytton's Novelle »La maison haut^e« erschauert 

Auch die Bilder O. Redon's haben jenen magischen Zauber, 
den fremdartige weltverlorene Geister ausüben, so uns ihr Auge 
tri£ft. . . Sein Gegenstück ist Toulouse Lautrec. 

Er zieht die Fehler der Frauen, die Schwächen der Männer un- 
barmherzig ans Licht, er gestaltet sie in wenigen Linien durch Um- 
formung der Grössenverhältnisse und Verzerrung körperlichen Eben- 
masses mit so beissendem Hohne zu Zerrbildern ganzer Volksschichten, 
dass man wohl seine Freude an ihm haben kann, ihn aber nicht ins 
Herz schliesst wie Willette, den Zeichner der Anmuth und der Neckerei, 
welcher indess auch bisweilen die Keule mit kräftiger Faust schlug, wo 
der Kampf am heissesten war. 

Bei Willette sollten unsere jungen Zeichner lernen, dass Jauchzen 
und Zürnen, Lust, Leid und Hass gleich kräftig und lebensprühend 
einer Quelle entströmen können, dass eine traurige Maske allein kein 
Mitleid, eine grinsende kein Lachen zeugt, sondern dass die Hand zu 
weisen hat, was die Seele bewegt 



DIE .CENTENARFEIER. DES GRÖSSTEN. 

Von Carl Bleibtreu (Wilmersdorf bei Berlin). 

(Fortsetzung.) 

Dass mit diesem Begriff der Napoleon-Charakter sich keineswegs 
decke, spricht auch der preussische Militärschriftsteller Graf York unum- 
wunden aus, obschon auch seine vorgefasste Tendenz, ein Sinken des 
Feldherrengenies seit 1805 aus den sehr anderslautenden Thatsachen 
herauszuquetschen, von uns heftig befehdet werden musste. Der Gleiche 
entschuldigt auch die Niederschiessung der 2000 türkischen Gefangenen 
in Jaffa als eine berechtigte, ja gebotene Rücksicht auf Erhaltung der 
eigenen Armee. Und dabei hat er noch nicht mal klar genug die 
Umstände beleuchtet. Nach Kriegsrecht nämlich hätte Alles über die 
Klinge springen sollen, weil die Türken den Parlamentär in Stücke 
gehackt hatten, und nur Bonaparte's Abscheu vor solchen Blutbädern 
that dem Gemetzel in der erstürmten Stadt Einhalt. Aber indem er 
die auf Gnade und Ungnade Capitulirenden seinen wüthenden Soldaten 
entriss, bescheerte er sich ein paar tausend Mäuler, die er nicht 
ernähren konnte. Sollten statt dieser viehischen Barbaren etwa ebenso- 
viele seiner ihm anvertrauten Franzosen Hungers sterben ? Sollte er die 
Farlamentärmörder etwa zum Hungertod verdammen? Oder sollte er 
sie entlassen, damit sie, wie schon mehrfach trotz Koran-Eiden geschehen 
war, nur wieder zu den Waffen griffen ? Drei Tage lang währte gleich- 
wohl Bonaparte's Seelenkampf, da er voraussah, wie schulmeisterliche 
Geschichtschreibung ihn damit belasten würde. 

Als er sich im Zelte einschloss und dann kaltblütig das grosse 
Morden befahl, hatte er den Fall mit sich selber abgemacht und war 
mit sich einig, dass er nur einem Gebote der höheren Moral folge. 
Abgeschmacktes Geschwätz wird daran nichts ändern, ebensowenig an 
der Vergiftung der Festkranken in Jaffa, die ein anderes Steckenpferd 
der Napoleon-Schwärzer bildet. Längst ist von ärztlichen Augenzeugen 
ofüciell nachgewiesen, dass nur drei Unheilbare durch starke Opium- 
dosis schmerzlos erlöst wurden. Wären aber Hunderte so ins Jenseits 
befördert, so entzog man sie nur dem Martertode durch verfolgende 
Türken. Viel richtiger wäre es, den Heldenmuth Bonaparte's zu betonen, 
der in Person das Festhospital durchschritt, um alle, die noch Elraft 
dazu hätten, zum Aufbruch anzutreiben. ^) Und als bei dem unerhörten 

') So ritt er auch an der Beresina die ganze Nacht bei 12 Grad Kalte 
umher, nm die Waffenlosen zum Uebergang aufzumuntern, und führte deshalb 
den Kampf einen ganzen Tag länger, wo jede Minute kostbar für seine Rettung 
war und jeder Feldherr den elenden Ballast über Bord geworfen hätte ! Bekanntlich 
ruhte er nicht mit unaufhörlicher Sorgfalt für die Hospitäler, bis ihm nicht Larrey 
die Ambulanzwägen erfand, und machte die Aerzte zu Reichsbaronen. 

56 



734 BLEIBTREU. 

märchenhaften Rückzuge durch die Syrische Wüste (77 Meilen Wüste 
in 25 Tagen) alle Officiere zu Fuss gehen sollten, brach er auf die 
Frage, welches Pferd er für sich gewählt habe, zornig los: »Sagt* ich 
nicht, dass Alle zu Fuss geh'n?!« Man kennt die Charakterhoheit des 
Mannes nicht, wenn man nicht in der »Correspondence d'Egypte« in 
allen Tonarten las: »Wir würden verzweifeln, wenn wir nicht wüssten, 
wer an unserer Spitze steht.« »In all unserer Noth setzen wir unsere 
Hoffnung einzig auf ihn.« Die Geschichte hat nichts Aehnliches, weder 
im Alterthum noch in Drangsalen Friedrich des Grossen. Selbst die 
kühlsten Skeptiker können sich hier einer Neigung zum Napoleon- 
Mythos nicht erwehren, es weht sie ein ehrfürchtiger Schauer an. Denn 
wie ein Gott schritt der kleine, bleiche Corse durch diese Hölle unsäg- 
lichen Elends und suchte der afrikanischen Sphinx ihr Geheimniss ab- 
zufragen. Ueber die läppische Kinderei, die sein endliches Enteilen 
nach Frankreich nach dem sicheren Siege von Abukir als »Desertiren« 
schmäht, gehen wir schweigend weg, wie über den neuerdings sogar in 
Militärwerken auftauchenden lächerlichen Vorwurf, er habe dem armen 
Desaix seinen Ruhm bei Marengo gestohlen. (Als ob Desaix nicht bloss 
die selbstverständliche Pflicht eines Unterführers erfüllt und Napoleon 
nicht allein den strategischen Erfolg der Katastrophe geschaffen hätte I) 
Ohne persönliche Aufopferung als Vorbild hätte Bonaparte nie eine solche 
Macht über den trotzigen Egoismus seiner Leute gewonnen, bis zuletzt, 
wo die jungen Conscribirten von 1814 murrend vom Pfluge fort- 
getrieben, sich zu fanatischen Kaisergläubigen verwandelten, sobald der 
kleine Mann wie ein elektrischer Sturmwind durch ihre Reihen fuhr, 
bis 1815, wo Festungen und Regimenter bei seinem Anblicke sich ihm 
zu eigen geben und eine ganze grosse Cultumation sich wie im Veits- 
tanz dreht: Er ist wieder unsl Stellt doch ein ruhiger Beobachter 
fest: »Napoleon fut jusqu'au demier moment le roi du peuple« und 
der Engländer Napier »Nie vor und nach ihm wurde ein Monarch 
geliebt wie er«, muss doch selbst Talleyrand bestätigen, dass 99 Percent 
der oft unzufriedenen Franzosen dennoch nichts anderes wünschten als 
das Empire. Doch wir wollen uns nicht länger mit den bedenklichen 
Staatsanwaltskniffen der Anti-Napoleon-Legende aufhalten, die nur be- 
stochenste Zeugen, wie die verdächtige Remusat (Rache eines ver- 
schmähten Frauenherzens) zu Worte kommen lässt, und lieber den 
Napoleon- Vers Goethe's zur Richtschnur nehmen: »Das Kleinliche ist 
Alles weggeronnen«. Wie der Brutalste der Brutalen, der wilde Hüne 
Vandamme »Nervenzittem kriegte, wenn ich vor diesem Teufelskerl 
stehe, der kann mich durch ein Nadelöhr jagen«, so schrumpfte alle 
Materie gleichsam zwerghaft ein vor diesem bändigenden Hypnositeur, 
die Welt kroch ins Mauseloch vor diesen hastigen Kanonenstiefeln. 

Er war ein Parvenü, ohne Zweifel. Er war Er, und er wollte 
Kaiser heissen, der »Knirps mit dem zerrauften Haar«. Aber reifte denn 
die Menschenheerde schon so weit, dass sie dem Leithammel ohne 
äusserliche Insignien folgt ? Die überwiegende Mehrheit des republikani- 
schen Frankreich begrüsste es mit Genugthuung, dass der neugefundene 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 735 

Monarch sich auch als Titularherrscher geberdete. Cromwell, dem noch 
Mommsen gelegentlich seiner Charakteristik Cäsars deshalb würdevolle 
Mässigung zuspricht, durfte auf den Königstitel verzichten, weil die 
insulare Isolinmg keinen engen Zusammenhang mit dem europäischen 
Staatenconcert benöthigte, und konnte zudem nicht den puritanischen 
Aberglauben verletzen, der einer Wiederaufirichtung des »heidnischen« 
Königthums im Wege stand. Er war also nur ein zwangsweiser Absti- 
nenzler. Ebenso machte Friedrich der Grosse nur aus der Noth eine 
Tugend, wenn er nicht Napoleons Erobererlaufbahn beschritt. Er hätte 
am liebsten ausser Schlesien auch noch Sachsen, Mecklenburg, Böhmen 
und Polen annectirt. »Siegte ich bei Kolin, ich hätte auf Wiens Wällen 
den Frieden dictirt,« bekannte er ehrlich. Mässigung ist Mittelmässig- 
keit. Wie alle grossen Feldherren ihre Niederlagen masslosem Starrsinn 
und Verachtung des Gegners verdanken, so auch ihre Triumphe ihrer 
masslosen Ausbeutung jedes Erfolges. »Plus — ultra !« rief Carl V., ob 
auch an der Klosterpforte sein ungemessener Lauf geendigt. Alle Impe* 
ratorengeister sind auf einem Strauch gewachsen, nur brechen sich fast 
alle an den Schranken der Materie, und diese zu überspringen durfte 
nur Einer drohen: der corsische Märchenträumer, der methodische 
Zimmermann eines Zauberpalastes wie aus Tausend und einer Nacht. 
Ihm war erst wohl, als sein Söhnchen König von Rom und er selber 
Padischah des »Grossen Reiches« hiess, als ihm in den Kuppeln Moskaus 
das fabelhafte Indien entgegenflimmerte. Attilafahrt oder Alexanderzug ? 
Immer verbrämt man ja den Willen zur Macht mit weltgeschichtlichen 
Ideen, und thatsächlich flössen hier subjectiver Drang und objectives 
Bedürfniss in einander über. Nach dem Frieden von Amiens schrieb der 
englische Gesandte nach Haus, dass man den neuen Gewalthaber am 
sichersten durch den Frieden ruiniren könne. Man wollte einfach ab* 
warten, um dann wieder gemeinsam Über den gekrönten Plebejer her* 
zufallen, dessen revolutionäre Moderne der Menschheit heiligste Güter 
bedrohte. Wenn also schon der erste Consul sich im Privatgespräch 
aufknöpfte, er sehe nur ein Mittel, sich gegen Europa zu halten, den 
Krieg, so kam er nur den gegnerischen Massnahmen zuvor. Deshalb 
durfte sich der Mann von St. Helena als majestätischen Friedensfursten 
malen, den man durch Attentate auf seine Ruhe zwang, sein gutes 
Schwert zu ziehen. Wer aber in ihm den Soldatenkaiser sieht, verkennt 
die historische Wahrheit. Nicht als Soldat ist dieser Mann »durch den 
Willen der Nation« gekrönt worden, man hatte schon lange das Krieg- 
spielen satt und versah sich von ihm lediglich socialer Herculesarbeiten. 
Auf Beglaubigung seines Ordnungsgenies, das alle damals lebensfähigen 
Errungenschaften der Revolution in feste Formen goss, hob man ihn 
auf den Schild. Er war der gekrönte Staatsmann. Allerdings hatte sich 
in endlosen Feldzügen eine Kriegerkaste gebildet, die sich, wie Curdy's 
Memoiren es trefiend ausdrücken, am liebsten mit ganz Europa ge- 
schlagen hätte. Ihr Vertrauensmann, der kleine Corporal, entsprach 
ihrem tiefgefühlten Bedürfniss durch Adler und Orden. Von seinem 
einsam Vor-, Mit- und Nachwelt überragenden Kriegsgenie hatten jedoch 

56* 



736 BLEIBTREÜ. 

die Wenigsten eine Ahnung, das Geheimniss seines italienischen Feld- 
zuges begriffen nur Einzeke, selbst 1805 vor Austerlitz wurden schon 
kritische Stimmen laut, erst nach Jena verstummte jeder Zweifel und 
offenbarte sich die unerhörte Feldhermgrösse des Organisators, obschon 
die Börse jeden neuen Schritt der Erobererlaufbahn mit einem Sinken 
der Staatsrente begrüsste. Wenn aber dies Bewusstsein seines hohen 
Künstlerthums ihn zu Kriegsabenteuem trieb, so gab er dem Drängen 
des Militarismus doch nur nach, weil sein Auslebedrang zugleich mit 
politischem Selbsterhaltungstrieb zusammenfiel. 

Wenn man mit Hunderttaussenden an der Spitze der Civilisation 
marschirt, wird natürlich manche Ernte zerstampft. Aber von der Un- 
erbittlichkeit eines Naturgesetzes bis zur kleinlichen Tücke despotischer 
Verbrechertriebe ist es gar weit. Taine vergleicht den Imperator mit 
italischen Renaissancedespötchen, den »letzten Römer« mit Cesare Borgia, 
der übrigens Spanier war. Ganz und gar Corse, d. h. autochthoner 
Etmsker, darf Napoleon nicht mal als Erbe des Römerthums gelten. 
Antik muthet ja die naive Ruhmsucht an : »Wenn man an die Nachwelt 
denkt, grollt die Kanone umsonst,« aber ebenso modern wie antik das 
stolze Wort: »Für mich besteht die Unsterblichkeit in der Spur, die 
ich auf Erden hinterlasse.« Das ist die Sprache grosser Männer aller 
Zeiten. Richtiger wäre es schon, ihn als sogenannten Wildling aufzu- 
fassen, als abgesonderten, mit der Natur verschwisterten Urmenschen. 
Dass ein solcher aus Corsica kommen werde, hatte schon Rousseau 
prophezeit. 

Besser trifft der Vergleich, den Taine einmal anzieht, mit den 
Phantasiemenschen Dante und Michel Angelo. Da wird man allerdings 
bejahen müssen, dass für das eminent Dichterische in Napoleons 
Natur sich kein analoges Element anderswo als bei diesen Florentinern 
finden lässt. Wahrhaftig, man könnte so weit gehen, auch das Roman- 
tische und Sentimentale im jungen Bonaparte mit Tasso und Petrarca 
in Vergleich zu setzen. Seine Phantasie und Romantik war ganz und 
gar romanisch, ungermanisch, wie sie nur auf südlichem, classischem 
Boden gedeiht. Eine hochaufsteigende, bergluftumspielte Idealität der 
Anschauung, halb mystisch und doch von plastischem Sehvermögen, 
welcher die Allegorien des Ewigen, Himmel und Hölle und Sphären, 
Weltschöpfung und Weltgericht, Propheten und Sybillen, zu drallen 
Wirklichkeiten werden. Deshalb erinnert Napoleons Gebäude an die 
Divina Comedia und die Peterskuppel durch die Grandiosität der 
Linien und die Classicität der Form. Dabei aber der derbste Natura- 
lismus der Ausführung in den Einzelheiten. Das Universale, das nur 
nach den grössten Gegenständen des Denkens greift, gestaltet es zu- 
gleich mit naivem Realismus. Daher jenes scheinbar Widerspruchsvolle in 
Napoleons Gemüthsart, das schon so oft Unreife verwirrte. Wie, Bonaparte 
ein schmachtender Liebhaber für eine Buhlerin wie die kokette Josefine ? 
Ein ritterlicher Amadis von Gallien, der für seine Dame mit aller Welt 
Lanzen bricht und schluchzt : »Der Feind soll mir die Thränen theuer 
bezahlen, die er dich vergiessen macht?« Er schreibt vor der Schlacht 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 737 

von Arcole Eifersuchtsbriefe: »Fürchte den Dolch Othellos.« Er wieder- 
holt diese Faroxysmen der Jugendliebe später als Weltgebieter noch 
in seiner Werbung um die Polin Walewska ? Wie ist das zu verstehen, 
wie reimt sich das damit zusammen, dass er gleichzeitig — damals 
1796, hier 1807 — die perfidesten Gewaltthaten in Scene setzt? Nun, 
das Eine ist der Mensch, das andere der Künstler, aber in beiden 
Fällen der gleiche Idealist, wollte man nur recht zusehen. Dies hat 
Goethe tiefsinnig erkannt: Napoleon wettere gegen alle Idealogie, 
während er selber durchaus nur Idealen nachjage und sich ganz davon 
erfüllt zeige. Die Zwecke des Imperators als Weltumwälzer waren im 
besten Sinne ideale durch und durch; aber wie Dante und Michel 
Angelo bei aller Erhabenheit ihrer Gesinnung oft eine Rauheit und 
Grausamkeit der Darstellung nicht verkennen lassen, so lassen Napoleon 
die harten Mittel ganz kalt. Denn ihm ist Alles nur Mittel zu gigan- 
tischen Idealgebilden, auch sein eigenes strategisches Künstlerthum. 
Das entpuppt sich sdion in seinem ersten Feldzug, dessen Wunder- 
bares darin beruht, dass Napoleon darin nicht wie andere Feld- 
herren und Staatsmänner erst werden und reifen muss, sondern sofort 
als fertiger Meister vor uns steht Nicht nur als Neutöner und höchster 
Vollender der Kriegskunst, sondern als Verkörpenmg des macchia- 
vellischen »Fürsten«, gleichsam zehn Jahrhunderte altrömischer Welt- 
politik in seine einzige Person zusammenfassend. Scrupel plagen ihn 
so wenig wie den braven Cäsar, in dessen Memorabilien mit tödtlicher 
Gelassenheit die Floskel immer wiederkehrt: »Und Cäsar tödtete sie 
Alle.« Das thut nun Bonaparte freilich nicht, vielmehr zeigt er sich 
auch hier als Mensch barmherzig, »menschlich«; denn als das auf- 
rührerische, verrätherische Favia durch Plünderung bestraft werden soll, 
kann er den Jammer nicht ansehen und schützt die Bürger. (Wir bitten 
wohl aufzumerken I) Dagegen sackt er alles niet- und nagelfeste beweg- 
liche Eigenthum der Fürsten ein, Staaten^ Geld, Ochsen und Kunst- 
werke ; letztere befinden sich natürlich im Louvre wohler als in Italien. 
Mit harmloser Unschuld vermeldet er dem Directorium die angenehme 
Botschaft: »Die Commission von Gelehrten und Kunstkennern hat eine 
gute Ernte gemacht. Wir werden Alles besitzen, was es m Italien 
Schönes gibt, mit Ausnahme weniger Gegenstände in Turin und 
Neapel.« Der letzte bedauernde Zusatz will besagen: Da kommen wir 
auch noch hin I Von Loretto schickt er »das Marienbüd mit allen Re- 
liquien. Sie werden damit machen, was Sie für gut finden. Das Marien- 
bild ist von Holz.« Leider hatten die gleissnerischen Pfaffen die echten 
Perlen und Edelsteine mitgenommen; sein Schmerz war tief und innig. 
Doch der praktische Mann nimmt auch mit Kleinerem vorlieb, er 
nimmt überhaupt Alles. Hört man ihn so wirthschaften, so denkt man 
unwillkürlich an Fra Diavolo und Fra Momale. Doch der glorreiche 
Räuberhauptmann erfreut uns wieder durch einen sinnigen Zug, indem 
er den Propst seiner Ehrfurcht versichert. Ja ja, der soll nur nicht 
den bösen Menschen trauen, die an die Feinde Frankreichs verkauft 
sind ; waren doch für Napoleon bis zuletzt all seine Gegner »von Eng- 



738 BLEIBTREU. 

land erkauft«. Bonaparte ist ein treuer Katholik, der schon ferne sein 
Concordat wittert, und Rom ahnte ihn; deshalb darf der künftige 
Wiederhersteller der Kirche, der dem Volke die Religion erhalten 
wissen will, auch gemüthlich mit aller Ehrfurcht sämmtliche Legationen 
des heiligen Stuhls (Romagna) als Pfand behalten. Derlei kleine Ge- 
schenke erhalten die Freundschaft, und was macht es Rom, dass später 
der nämliche treue Katholik im Orient sich als Abgesandter Mohammed's 
vorstellt? So wirthschaftet der harmlose Jüngling rüstig weiter, und 
des alten Rom »Divide et impera!» kann noch etwas von ihm lernen, 
wie er mit teuflischer Arglist im Frieden von Campo Formio und 
später von Luneville Italien und Deutschland vollends spaltet und ent- 
wa&et behufs späterer Verspeisung, und Gestenreich durch Danaer- 
geschenke anrüchig macht. Später bildet er das löbliche System der 
Revolution, aus fremder Leute Tasche zu leben, classisch aus, indem 
er seine Armeecorps als Kuckuckseier in fremder Leute Nester legt »zu 
Occupationszwecken«, und sein protectorales »Bündniss« von Contri- 
butionen der Clienten mästen lässt. Aber aufgemerkt: indem er zum 
Beispiel die Schweiz zu ihrer patriarchalischen Armuth zurückfuhrt und 
den Bemer Staatsschatz räubert, gibt er ihr zugleich die beste Ver- 
fassung, einigt sie und legt den Keim ihrer heutigen Wohlfahrt, wes- 
halb die Schweizer heute noch sein Andenken segnen. Dem freien 
Schweizer Bergland will der freie corsische Bergsohn überhaupt wohl; 
als er 1797 durchreiste, entzückte ihn die »natürliche Musik des Alpen- 
rohrs« wie Byron, und er wünschte, ein Schweizer zu sein. Ebenso 
liebte er Italien, obschon er das in Knechtschaft entartete Volk ver- 
achtete, und gab ihm eine Einheit, ohne welche die heutige »Italia 
unita« nie erstanden wäre, weshalb dann auch die Italiener seine an- 
hänglichsten Getreuen blieben. »Napoleone« ist der einzige historische 
Name, den jedes Kind Italiens kennt; »Marengo« heisst heute noch 
im Norden das Goldstück. Auch an Spanien und Portugal spendete 
schon der erste Consul Wohlthaten, indem er sogenannte Hilfscorps 
»zu Occupationszwecken« dort herumwandem liess, um vor Englands 
Bosheit zu schützen. Diese theuere Freundschaft kam freilich auf die 
Dauer so theuer zu stehen, dass das Madrider Cabinet schon 1806 
heimlich gegen seinen lieben Frotector losschlagen wollte, als »Jenac 
wie ein Donnerschlag dem Vorhaben ein Ende machte. Solcher Undank 
für ausgesuchte Wohlthaten musste gezüchtigt werden, aber nur nichts 
überhasten I Denn wie Er im Frühjahr 1805 an seinen Wiener Gesandten 
schrieb: »Ungestüm führt nicht zum Ziele. Ich mache es wie die 
dramatischen Dichter, die Schritt für Schritt den Knoten schürzen.« Die 
Unterwerfung Spaniens — »aber das spanische Abenteuer I« dachten 
vielleicht einige Leser, als wir früher die thatsächliche Nöthigung Napoleons 
zu seinen Eroberungszügen vertheidigten — schwebte also schon 1803 
dem ersten Consul vor. Und hier sieht man wieder, wie unverständig 
man Napoleons Politik beurtheilt. »Jetzt gibt es keine Pyrenäengänge 
mehrl« rief schon Ludwig XIV., und die Abhängigkeit der iberischen 
Halbinsel vom romanischen Führerstaat möchten die Franzosen auch 



DIE .CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 739 

heute noch behaupten; siehe die Ursachen von 1870. Der Kaiser der 
Franzosen musste sich also dies nationale Erbtheil des politischen 
Systems zu eigen machen ; vor Allem aber bestimmte ihn die zweifellose 
Thatsache, dass nur dort auf dem Continent das unverwundbare Eng- 
land zu treffen war. Der Handel mit Spanien bildete ein Hauptabsatz- 
gebiet des britischen Welthauses; ohne Sperrung dieser Häfen blieb 
die Continentalsperre fruchtlos. Zur Rettung dieser Handelsniederlage 
musste aber England, wie einst Karthago, nothwendig einen Continental- 
krieg führen : da konnte man es fassen. Und wirklich hat der spanische 
Kampf so ungeheure Opfer an Geld und Menschen für England erfordert, 
dass es 1812 mürbe war und Frieden schliessen wollte, wie Talleyrand 
verbürgt. Noch aber stellte es Bedingungen dabei, die für den Welt- 
kaiser unannehmbar waren, und Talleyrand blamirt sich nur durch sein 
Gezeter, dass sein verblendeter Gebieter nicht darauf einging. 

Indem also diese Welteroberung mehr oder minder einem Muss 
folgte, erscheint es thöricht und unphilosophisch, nach dem endlichen 
Misserfolg ihre angebliche Unmöglidikeit zu bemessen. Wer die Ver- 
hältnisse von 1812 studirt hat, weiss, dass Napoleon seinem letzten 
Ziele endlich ganz nahe schien, und dass Niemand in Europa, insbe- 
sondere Mettemich, an seinem vollen Triumphe zweifelte. Unberechenbare 
Umstände, die man vollkommen irrig als naturgemässe später auslegte, 
haben das Erliegen Russlands und Spaniens gehindert; in letzterem 
Lande sollte das einzige letzte Bollwerk Cadix gerade capituliren, als 
der Pfuscher Josef Napoleon den Marschall Soult zwang, zur Rettung 
des für Wellington gar nicht haltbaren Madrid Andalusien zu räumen. 
Welch hohle Aeusserlichkeit in der Gegenüberstellung, Friedrich der 
Grosse habe Freussen siegreich als feste Grossmacht hinterlassen (wieso ? 
siehe die Verfaulung vor 1806 1) und der überspannte Corse habe nicht 
mal eine Dynastie gründen können I War denn das seine »Mission«, 
diese Kläglichkeit, die ftir das Weltganze ohne jede Bedeutung ? Er war 
gekommen, die Welt einheitlich kosmopolitisch zusammenzuschweissen, 
die chinesischen Mauern der kleinen Nationalitäten zu durchbrechen 
und so erst die Moderne, die friedliche Internationale, zu grtinden. 
So war im tieferen Sinne sein Streben das selbstloseste nach Absicht 
und Idee, das je einen Erwählten der Geschichte geleitet hat; ob er 
dabei einer persönlichen Selbstsucht folgte, die ja zur Durchführung 
nöthig war, kommt fur's historische Ergebniss aufs Gleiche hinaus. 

Deshalb hat man von jeher seine märchenhafte Gestalt instinctiv 
mit dem Märchenprinzen des Alterthums, mit Alexander verglichen, 
dessen Weltreich ja auch sofort wieder zerfiel^ nachdem es seinen er- 
habenen, kosmopolitischen Zweck erfüllt. Der Europäer-Grössenwahn 
wirft nun zwar ein, dass Alexander nur Barbaren zu Hellenen erziehen, 
nicht aber ebenbürtige Cultumationen in französisches Wesen um- 
schmelzen wollte. Wieder oberflächlich gesehen 1 Erstens sollte man nicht 
so obenhin solche Unterscheidung machen, denn das alte persische 
Cülturreich mit seinem Weltpostverkehr, seiner phönikischen Industrie, 
seiner egyptisch-babylonischen, uralten Bildung darf man beileibe nicht 



740 BLEIBTREU. 

mit heutigen Türken, Abessyniem und Mahdisten verwechseln, und selbst 
deren Europäisirung dürfte kein Kinderspiel sein, müsste also mit 
gleichem Rechte als gefährlich und unsinnig verworfen werden. Die. 
Franzosen des XVII. und XVm. Jahrhunderts standen aber thatsäch- 
lieh an Hochcultur allen europäischen Nationen voran; ihre Sprache 
und Sitte, ihre Literatur und Geselligkeit ^ben seit lange überall den 
Ton an, weit mehr als die hellenische im Alterthum. Zweitens aber 
wollte Napoleon seine »Völker« keineswegs zu Franzosen ummodeln, 
solche Absurdität kann ihm kein Vernünftiger zutrauen, sondern er kam 
nur im Auftrag der französischen Revolution, um die Menschen zu 
ähnlicher modemer Weltanschauung zu bekehren. Natürlich zwangsweise 
wie der Islam mit dem Schwerte. Wenn damals die Worte »Heiland« 
und »Messias« in Europa nur so herumflogen, um den Eindruck Na- 
poleons auf intelligentere ELreise zu bezeichnen, so wird man sich dem 
insofeme anbequemen müssen, als er wirklich mehr wie ein erobernder 
Reformator erscheint, nicht als ein dynastischer Eroberer. Vergleiche 
mit Carl dem Grossen und Cäsar, wie sie damals geläufig waren, bleiben 
weitab vom Ziele, und neben Alexander wird es Muhammed sein, an 
den er psychologisch anzuknüpfen wäre. Nicht unbewusst blieb ihm 
selber diese Anknüpfung. Als er 1797 am Adriatischen Meere stand, 
da tauchte ihm sofort das Bild Alexanders empor : auf der Balkanküste 
haftete sein Blick und schweifte zum türkischen Orient In Syrien zog 
er die Alexander-Fährte und zugleich sass er, ein neuer Muhammed, auf 
dem alten Kameel, den Koran in der Hand, und träumte vom Stiften eines 
neuen Islam. Wie Alexander in der Oase Ammonium, wollte er der Sphinx im 
Wüstensand ihr Geheimniss abfragen: »Bin ich der Sohn Jupiters?« 
Diese Epoche nannte er selbst »die poetischeste meines Lebens«; be- 
zeichnend, wie der Begriff des Poetischen ihm immer geläufig bleibt; 
später im Cäsarenwahn wird er 1810 die Warnungen Davout's über die 
drohende Gähning in Deutschland als »Poesien« ablehnen I Denn wie 
dieser bleiche, classische Kopf sich nie in Träume einspann, sondern 
seine zügellose Einbildungskraft förmlich mathematisch zu regeln wusste, 
das scheinbar Unmögliche fem im Auge und doch immer das nächste 
Mögliche mit stählerner Faust packend — r so sind ihm seine Welt- 
gedanken nur gleichsam allgemeine Gravitationsgesetze, aber er schafft 
wie die Natur selber, die diese höchsten Riesengesetze nur so zweck- 
dienlich zu verfolgen weiss, dass sie zugleich die Wesensbedingungen 
jedes Wurmes bedenkt. Das Haupt in den Sternen, die Füsse sicher 
auftretend im Erdenschmutz, wandelt der Geistesriese dahin durch Re- 
volutionen und Evolutionen, durch Orkane und Sonnenschein. Wie die 
Natur untheilbar und immer sich gleich, so auch er: nur plumper 
Unverstand schwatzt vom Sinken seiner Kraft, und mit Recht hat jüngst 
Englands Generalissimus Lord Wolseley gerade die Organisationsarbeit 
von 1813 seine grösste Leistung dieser Art genannt, die nur vom 
Civilisten Gambetta 1870 erreicht wurde. 

Man missverstehe nicht, als ob uns die »Moral« Napoleons am 
Herzen läge. Theoretisch betrachtet, würde uns wahrlidi seine Be- 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 74 1 

deutung dieselbe bleiben, wenn er wirklich nur Sclave von Ichbegierden 
gewesen wäre, woran die Pseudo-Nietzscheaner sich bass erbauen. Sie suchen 
eben den Herrenmenschen, den sie brauchen, die Freiheit, die sie 
meinen. In Vergötterung der ELraft, falls sie nicht als blosse nüchterne 
Brutalität auftritt, und in Geringschätzung der Vielzuvielen — worunter 
wir freilich nicht das duldende Volk, sondern die behäbige Fhilister- 
menge verstehen — stimmen wir mit ihnen überein I Ja, dass wir unser 
ganzes schlechtes Herz entdecken: wir wünschten fast, Napoleon hätte 
etwas mehr der dämonischen Teufelsfratze geglichen, die man von ihm 
zurechtpinselt, hätte die Menschenverachtung weniger im Munde ge- 
führt und sie mehr bethätigt, wie dies heuchelnde Purpurgeborene so 
viel besser verstehen. Dann würde er seine zweimalige Abdankung nicht 
unterzeichnet, sondern mit Bürgschaft des Erfolges den Volkskrieg bis 
aufs Messer entfesselt haben. Er that es . nicht, um Frankreich zu 
schonen, ihm nicht neue Wunden zu schlagen; eine andere Auslegung 
dafür gibt es nicht. Kläglich dünkt uns daher der Spott über seine 
Testamentswendung : »Ich will ruhen inmitten des französischen Volkes, 
das ich so sehr geliebt habe.« Das war ihm heiliger Ernst, und sein 
schluchzender Abschied auf dem »Northumberland« an die schwindende 
Küste: »Fahrwohl, Heimat der Braven, einige Verräther weniger, und 
du wärst noch die grosse Nation«, kam ihm aus innerster Seele. 

(Schluss folgt.) 

GEDICHT. 

Weiche, Gedankenlast, von meinem Haupt 
Und lass zurück in wissenlose Zeiten 
Die müde Seele wie in Schlummer gleiten 1 
Du hast des Lebens süsse Frucht geraubt. 

Heraufgestiegen ist ein klarer Mond: 
Der Garten starrt in stummer Winternacht, 
In weissem Lichte eine todte Pracht, 
Da keine Lust und keine Trauer wohnt. 

Du leuchtest in die keuschen Dämmerungen, 
Feindliches Licht, wo oft ein dunkles Lied, 
Das keiner sang, in stummem Werden schied 
Und nur im Traume wieder angeklungen. 

Ich will auf die begrünten Hohen steigen, 
Des Busens ungesungenes Lied erlauschen 
Und was die kühlen Abendwälder rauschen 
Und was die stillen, keuschen Seelen schweigen. 

Paris. Oscar A. H. Schmitz. 



LEO TAXIL UND SEINE PUPPEN. 
Von Oscar Panizza (Zünch). 

Wir sahen in den letzten Tagen das grausig- schöne Schauspiel 
vorüberziehen, wie ein Schriftsteller, ein einzelner Mann, ein exaliado, 
eine ganze Weltrichtung, das officielle Glaubenssystem des gapzen Abend- 
landes, narrte und zum Gegenstand seines überlegenen Spottes machte. 
Thränen und Trauer für die Genarrten wird Niemand haben. 

Und doch hat Taxil seinen zwölfjährigen Feldzug gegen die 
katholische Kirche nicht als ein Heros gefiUirt. Er hat nicht als ein 
Heros wie jener andere Schriftsteller Mr, Siead von der englischen 
PalUMalUGazette gekämpft, der, mit nicht minderer Schlauheit be- 
gabt, in den Achtzigerjahren die Scheusslichkeiten einer Dimen-Traük 
ohnegleichen durch jahrelange Bemühungen und in der Maske eines 
Selbstinteressenten documentarisch und mit lebendem Menschenmaterial 
belegt sammelte, um eines Tages die nobeliy of England in ihrer 
ganzen entsetzlichen Heuchelei vor ganz Europa blosszustellen. Monsieur 
Leo Taxil hat seinen Feldzug nicht als ein Held, sondern wie ein 
Commis voyageur geführt. 

Noch im Herbst vorigen Jahres, auf dem allzeit unvergesslichen 
Antifreimaurer-Congress in Trient, konnte Taxil, wenigstens als ge- 
schulter Schauspieler, sich einen guten Abgang sichern, indem er da- 
mals ins Gesicht der päpstlichen Würdenträger und Cardinalvicare, die 
die Gnade Gottes auf die bekehrte Diana Vaughan herabflehten, die 
Maske hinwegnahm, sein Puppentheater aufzeigte und wie ein Bauch- 
redner seine Schemen mit den entsetzlich erstarrten Grimassen vor 
der verblüfiften Versammlung stehen Hess. Es wäre ein feines Schau- 
spiel gewesen. So wartete er ein halbes Jahr, Hess die über ihn be- 
sonders in der deutschen clericalen Presse aufgetauchten Gerüchte sich 
anwachsen, bis ihm die Meute auf den Fersen war. Und erst im 
letzten Moment, als es schon in Schimpfworten auf ihn einhieb und er 
keinen Ausweg mehr fand, riss er die Larve herunter und gestand 
wie ein Verbrecher: Ja, ich bin'sl Ich bin's gewesen! Ich hab's 
gethan I 

Leo Taxil hat wie ein Geschäftsmann gehandelt. Es ist immer 
schlimm, wenn ein Schriftsteller Verleger wird. Er sinkt dann im 
rechnerischen Caicül und in der Scrupellosigkeit immer tiefer. Der 
ältere Dumas endigte als Director einer Saucen-Yahnk. Leo Taxil 
war aber von Anfang an nichts als ein Verleger. Allerdings einer, dem 
eine fabelhaft geschickte Feder zur Seite stand. Vor mir liegt der 
Catalogue des püblications de la librairie anticliricale vom Jahre 1884. 
Taxil war damals auf der Höhe seiner buchhändlerischen Unter- 



LEO TAXIL UND SEINE PUPPEN. 743 

Dehmungen. Ich selbst besuchte im Jahre 1881 die Verkaufslocalitäten 
seines Verlages, die in der rue des Ecoles no, 26 waren, und erwarb 
die culturhistorisch wichtigsten seiner Schriften. Schon die Titel dieser 
Bücher zeigen, inwieweit ein freies Volk seine freien Gesetze auszu- 
nützen vermag. Hier einige derselben : *Le fils du Jisuite^ grand roman 
anticlirical par Uo Taxil^ priface par le ghtiral Garibaldi, Fr es, 5.« 
— »Za religion du crime, grand roman anticlirical par Lio Taxil et 
Paul FouchcTy idition de luxe, magnifiques illustrations, Frcs. 5.« — *Les 
mattresses du Pape, grand roman historique par Uo Taxil et Carl Milo, 
dessins de MijaneL^ — *Les amours secrites de Pie IX, rivilations sur 
la vie de ce pontife, par C, S, Volpi, ancien camMer des papes 
Grigoire XVI et de Pie IX. Impression soignie. Süperbes dessins de 
MijaneU Beau papier.* — nLa vie de Jisus, Parodie instructive et 
satirique des ivangiles, par Lio Taxil, Prls de 500 dessins comiques par 
Pepin. Frcs. 5.« — »Zö Bible amüsante, pour les grands et les petits 
enfants, par Lio Taxil, dessins par Frid ^Rick. Frcs, 10.* — Das 
letztere Werk ist die stärkste Blasphemie, die ich kenne. Nur Jemand, 
der jenseits von Gut und Böse fest auf seinen Füssen steht, wird es 
gemessen können, wird es registriren, wie der Culturhistoriker neben 
den genialen Schandstücken eines Aretino die süsseste Madonna von 
Perugino registrirt. Ich möchte aber gerne einige Damen aus der 
Wiener Hofburg oder einen felsenfesten Orthodoxen aus Leipzig, etwa 
den Professor Luthardt, vor diese Bilder führen, ob sie nicht zuckten, 
ob sie filhig wären, frei den Stift des Künstlers zu bemessen. 

Und doch finden sich in dem TaxiTschen Verlag auch Werke 
von grosser Tüchtigkeit, von grossem geschichtlichen Interesse. Da ist 
einmal: ^Napolion demier, collection compUte des soixante-quinte ,Lan' 
lernet publiies sous r Empire par Henri Rochefort, Dessins de Gilt, 
Mijanel, Demare, Frid Rick et Sapeck, Riimpression difinitive de cet 
ouvrage ä jamais ciUbre, 3 vols, Frcs, 12,* Dann das Werk des kühnen 
Freidenkers yira« Meslier, der, lange vor Voltaire als armer Priester auf 
seiner weltabgelegenen Pfarre Etripigny, im Besitz von fünf oder 
sechs guten Büchern, sich zu einem schrankenlos atheistischen System 
durchrang, vor dessen Grösse selbst Voltaire erschrak: »Ich habe ge- 
schaudert vor Entsetzen, da ich es las; das Zeugniss eines Pfarrers, 
der im Sterben Verzeihung von Gott dafür erbittet, dass er das 
Christenthum gelehrt hat«, und es nicht ohne Kürzungen zu veröfifent- 
liehen wagte. Das Werk, welches fast nie ohne Auslassungen gedruckt 
worden und enorm im Preis gestiegen war, hat Taxil neu in drei 
Bänden * Oeuvres du curi Meslier* herausgegeben: Premier volume: *Le 
hon sens*; second volume: »Ce que sont les pritres*; troisihne volume: *La 
religion naturelle; 3 Frcs, Auch die *Livres secrets des confesseurs, di- 
voilis aux pires de famille; Paris 1883, der wörtliche Abdruck der ge- 
heimen Beiditinstructionen in den verschiedenen französischen Diecösen, aus 
denen der systematische Unterricht über Unsittlichkeiten bei Kindern im 
zartesten Alter, die Aufklärung über Unsittlichkeiten bei Kindern, um 
diese Kinder zum Beichten zu vermögen, hervorging — ein Ding, das 



744 P ANIZZA. 

das Entsetzen jedes modernen Pädagogen hervorrufen würde — muss 
als ein verdienstliches Werk anerkannt werden. In der Vorrede 
fordert Taxil höhnisch die französischen Bischöfe und Erzbischöfe auf, 
ihn wegen »unbefugten Nachdrucks« zu verfolgen. Er wurde nicht 
verfolgt 

Wie kommt es nun, dass Taxil aus dieser reichen Verlags- 
thätigkeit — der Katalog weist über hundert Nummern auf — sich 
herausreissen und zu der heute komischen Figur des büssenden Sünders 
und Rompilgers überreden Hess. Anfangs hatte Taxil sich auf die 
grosse republikanische Bewegung der Laisirung der Schulen in Frankreich 
gestürzt. Diese Bewegung hatte grosse Popularität, und insolange mag 
Taxil's Thätigkeit von grossem Erfolge begleitet gewesen sein. Ja er 
schrieb sogar ^livres pour les enfanis^ ridigii selan les principesri puhUcains 
ei anticUncaux; darunter eines mit dem Titel *La religion chritienne 
expliquie ä la jeunesse^ de fagon ä lux inculquer le mipris de la super stition 
et la haine du clergi*^ und druckte den *CaUchisme national ^l für die 
untersten Volksschulclassen. Aber bald machte der Papst seinen Frieden 
mit der französischen Republik. Die Geistlichkeit wurde strenge ange- 
wiesen, jeden Ausfall gegen die französische Staatsform zu unterlassen. 
Bald zeigte sich auch die französische Regierung höflicher. Die aller- 
ärgsten Schmähungen in den Zeitungen hörten auf. Und, was anfangs 
von der französischen Kammer mit Entschiedenheit abgewiesen wurde, 
die Entfernung von bildlichen Darstellungen katholischer Geistlicher in 
den lächerlichsten und obscönsten Situationen wenigstens aus den Aus- 
lagefenstem, wurde jetzt zugebilligt. Das Alles schädigte TaxiL Und 
dann: das französische Volk liest so entsetzlich wenig. Dieses Volk 
mit seinen wunderbaren Augen, welches uns jedes Jahr in Farben und 
Formen die zauberischsten Geheimnisse als Hülle für den Frauenleib 
zusammensteUt und das in allen Fragen der Aesthetik noch immer die 
Führerschaft in Europa besitzt, wie sollte em solches Volk — lesen. 
Und für den Export waren Taxil's Sachen ebenfalls nicht geeignet. Das 
war nichts von mondänem Charakter. Das war Alles rücksichtsloseste 
Verhöhnung und Beschimpfung. Ich kenue kein einziges seiner Bücher, 
welches eine grössere Anzahl von Auflagen erlebt hätte. Und wenn 
auch bei vielen seiner Werke, welche auf Subscription und in Lieferungs 
ausgaben erschienen, die Höhe der Tirage nicht festgestellt werden kann, 
bei anderen, wie bei den ^Livres secreis^^ der Satz sogar stehen blieb 
und immer wieder neue Abzüge gemacht wurden, Abzüge, die, nach 
der Abgenütztheit der Druckformen in einem mir vorliegenden Exemplar 
zu schliessen, allerdings ziemlich hohe gewesen sein müssen — Taxil 
hatte seine eigene Druckerei — in das Volk sind diese Bücher nicht 
gedrungen, einfach, weil der Romane überhaupt Bände mit 400 bis 
500 Seiten nicht liest. Taxil muss also eines Tages und nachdem 
die Neugier seiner internationalen Gefolgschaft der Hauptsache nach 
gestillt und eine weitere Paprikaverschärfung des Inhaltes nicht möglich 
war, als kundiger Geschäftsmann gemerkt haben, dass es mit der Note 
anticlerical nicht mehr weiter gehe. 



LEO TAXIL UND SEINE PUPPEN. 745 

Im Juni 1884 war er wegen Verkaufes obscöner Bilder, welche 
Geistliche darstellten, zu vierzehn Tagen Gefangniss und 2000 Francs 
Geldbtisse verurtheilt worden. Derartiges erträgt ein Fanatiker, aber 
kein Kaufmann. Und da Taxil Kaufmann war und die mächtige und 
reiche römische Kirche sich gerade jetzt ihm näherte, um mit ihm ein 
Geschäft abzuschliessen, so schlug Taxil ein und — bekehrte sich. 
Die einzige Bedingung — so hiess es damals — unter der die Kirche 
den verlorenen Sohn wieder aufgenommen habe, sei die Einstampfung 
sämmtlicher anticlericalen Büchervorräthe gewesen. Dies ist nicht richtig 
oder ist nicht richtig ausgeführt worden. Taxil hat jedenfalls nur 
Plunder einstampfen lassen. Und die Werke, auf die es ankam, liess 
sich Taxil jedenfalls von der katholischen Kirche hoch einlösen und 

— liess sie dann nicht einstampfen. Wenigstens von den •Ltvres 
secreis* konnte ich noch fünf Jahre später, zur Zeit der Pariser Welt- 
ausstellung, Exemplare haben; so viel ich wollte. Ich könnte sogar den 
Drucker nennen, der das Werk nach Ausscheiden Taxil's einfach weiter 
druckte. Der stereotypirte Satz wurde einfach aus der Rue des £coles zu 
dem neuen Drucker gebracht, dort die Matrizen gereinigt und dann 
ruhig weiter abgezogen. Ich glaube, er zieht noch heute ab. 

Es ist ja auch dieses Werk zu pikant, um sich nicht des allge- 
meinen Beifalles zu erfreuen. Selbst junge Mädchen, die eben die fran- 
zösische Schulgrammatik absolvirt haben, werden nur mit dem süssesten 
Lippenkräuseln etwa folgende Stellen über »das Küssen« lesen, die 
mit dem Ernste des absolutesten Busspredigers vorgetragen werden: 
»Z« Baisers sur les Parties honniies, par exemple la main et la joue, ne 
sont pas mauvats de leur nature, mime entre personnes de diffirents sexes^ 
(S. 60). — Dagegen : ^Les haisers mimt honnites, motivis par la Passion^ 
donnis ou regus^ entre personnes du mime sexe ou de sexts diffirents^ sont 
des pichis mortels* (ebenda). Auch das Küssen »nach Art der Tauben« 

— *ou d la mode des colombes* — ist schwere Todsünde. Aber : *celui 
pdif recherchant une jeune fille en mariage, Vembrasse honnitement chaqtie 
fois qt^il arrive ou qu^il la quitte^ sans se mettre en danger de mouvements 
passionniSy ne doit pas itre accusi de pichi mortel, . .« (St 61). — Mein 
Gott, das ist ja schon ganz demi-vierge oder Altenberg »Wie ich 
es sehe«. Diese Moralregeln aus dem XV. Jahrhtmdert werden heute 
wie ein mondäner Roman gelesen. 

Taxil war nun ein so geschickter Mensch, ein so emsiger Bücher- 
forscher und so rastloser Unternehmer, dass es ausgeschlossen war, dass 
er etwa, wie die Fiction lautete, nun im Elloster bei Bettelsuppe und 
Charfireitagstisch seine Tage verbringen und seine fürchterlichen Sünden 
bereuen werde. Das verlangten auch seine neuen Beschützer nicht Der 
geschickte metteur en sehte halte vielmehr rasch sein neues Bühnen- 
unternehmen beieinander und sein Puppentheater aufgestellt. Nur dass 
diesmal die Puppen statt aus dem katholischen Himmel und aus Rom 
aus der katholischen Hölle und aus dem Freimaurerthum (was dasselbe 
ist) genommen wurden. Die Einzelheiten dieser Aufifuhrungen sind bis 
zu dem grossen Schlusstableau auf dem Antifreimaurer-Congress in Trient 



74^ PANIZZA. 

während des letzten Halbjahres durch die Presse sattsam bekannt 
gemacht worden. Da war vor Allem die unvergleichliche Primadonna 
Miss Diana Vaughan, dann der erste Tenor, der Teufel Bitru, die 
Herren Dr. Bataille und Dr. Hacks, Leute, die nie existirt haben, 
die fürchterliche Palladistin und »Urgrossmutter des Antichrists«, Madame 
Sophie Wolder, der grässliche Oberteufel Nr. 33, der »Trigamist« und 
italienische Minister Francesco Crispi, Oberhaupt aller Freimaurer u. s. w. 

Was uns nun aus dieser ganzen Phantasmagorie und besonders 
aus dem grossen zweibändigen Vari6t6-Werk ^Le diahle au XIX*"** 
stkle*, Paris 1893, entgegentritt, das ist die unzweifelhafte Thatsache, 
dass es Taxil nicht um einen grossartig angelegten Plan, einen lang- 
jährigen Feldzug oder eine feine Sat3nre gegen die katholische Kirche oder 
den Aberglauben zu thun war, dass er nicht wie jener witzige Kölner 
im XVII. Jahrhundert — Adam Widelketz — der, um der grossen 
Dummheit und mariologischen Sucht seiner Landsleute entgegenzutreten, 
seine berühmten »Briefe der allerseligsten Jungfrau an ihre unüberlegten 
Verehrer« herausgab und damit das ganze Muckerthum mit der 
Peitsche in seine finsteren Dome zurücktrieb — dass es mit einem 
Worte Taxil nicht um einen höheren Zweck, sondern ausschliesslich 
um ein Verlagsgeschäft zu thun war. Unser Leo Taxil^ der mit seinem 
wahren Namen Gabriel Jogand-Pagh heisst, ofierirte in dem Augen- 
blicke, da die librairie aniicUricale in der rue des J^coles 26 nicht mehr 
den nöthigen Absatz fand, seine Bücherbestände der katholischen Kirche. 
Und er behauptete, als seine Enthüllungen über die Miss Diana 
VdugAan auf dem Trienter Congress von Nordeuropa mit einer Lach- 
salve aufgenommen wurden, er habe die katholische Kirche nur 
»geuzt«. Voilä V komme I 

Es entsteht nun die Frage: Soll man mit den Betrogenen ange- 
sichts dieser flir sie allerdings furchtbaren Sachlage Mitleid haben? 
Verdienen sie Mitleid? — Nein und abermals nein! Diejenigen Bischöfe, 
und Vertreter der Curie, die im Jahr 1885 mit Taxil das antifrei- 
maurerische Verlagsgeschäft abschlössen, wussten, mit wem sie es zu 
thun hatten. Sie wussten, dass Taxil ein maquereau der Feder war, 
dessen Geschicklichkeit, nicht dessen Herz sie erkauft hatten, und der 
sie auch eines Tages aus egoistischen Gründen wieder verrathen werde. 
Darüber lassen sich unzweifelhafte Beweisstücke erbringen : Noch Ende 
Juni 1884 zeichnete Taxil die Vorrede zu seiner * La Prostitution con- 
temporaine*, Paris 1885, in der er katholische Geistliche in den uusitt- 
lichsten Posituren mit öfifentlichen Mädchen schriftlich und bildlich vor- 
führte. Bereits im folgenden Jahre zeichnet er die Vorrede zu einem 
über 800 Seiten starken antifreimaurerischen Werke »Les frh-es trois- 
Points^, Paris 1885 ^ die mit den Worten beginnt: *Sous le titre 
giniral de Rivilations complUes sur la Franc -Ma^onerie, tauieur entre- 
prend, ä partir de ce jour, une sirie (Touvrages dont le but est (Tar- 
racher tous ses masques d une secie, trop fameuse par ses crimes polt- 
tiques et autres, fondie pour combattre tEglise catholique romaine*, und 
citirt dann die Eingangsworte der Encyklica gegen die Freimaurer: 



LEO TAXIL UND SEINE PUPPEN. 747 

i^de Notre Trh Saint Phre le Pape Lion XIII; Wenn man bedenkt, 
dass zu einem so umfangreichen Werke bedeutende Quellenstudien ge- 
hören, dann ist gewiss die Frage berechtigt, etwas über den inter* 
essanten Zeitpunkt zu erfahren, wann Herr Taxil sich bekehrt hat. 
Steht vermuthlich dem obigen *ä pariir de ce jour* ein jusqu'ä ce jour 
gegenüber? Heute roth, morgen — katholisch oder päpstlich- violett ? 

Nach einem weiteren Jahr, 1886, veröffentlichte Taxil in einem 
stockkatholischen Verlag seine *Canfesstons d^un ex-Hhre-penseur^^ Paris, 
Letouzty et Ani, 1887 ^ ein Buch, das angeblich über 30 Auflagen 
erlebt hat und welches die niederträchtigste und heuchlerischste schrift- 
stellerische Selbstbeileckung darstellt, die je ein Autor an sich be- 
gangen hat. Er behauptet darin. Alles, was er seit zehn Jahren gegen 
die katholische Kirche geschrieben und an historischen Documenten 
veröffentlicht hat, sei von ihm absichtlich gefälscht und mehr oder 
weniger erfunden. Er nimmt jedes seiner früheren Bücher her, um an 
ihm seine, des Verfassers, teutlische Niedertracht zu erweisen und ins 
helle Licht zu setzen. Ja, er schreckt nicht davor zurück, den CuH 
Meslier und sein hinterlassenes atheistisches Werk ^^Mon testament*, welches 
eine der wichtigsten Etappen in der Geschichte des Freidenkerthums 
und der materialistischen Philosophie im XVIII. Jahrhundert bedeutet, 
welches er selbst neu in drei Bänden herausgegeben hatte und von 
dem wir oben gesprochen haben, als eine Fälschung Voltairis 
hinzustellen. Er benützt hiezu eine Briefstelle Voltaire' s, der das 
^ Testamente Meslier' s 1762 im Auszug herausgegeben hatte, an seinen 
Freund Thiiriot, worin er ihm schreibt : es sei schade, dass man diesen 
Curi Meslier nicht als Bischof der Welt vorführen könne, er würde 
dann mit seinem Testament noch ein weit grösseres Aufsehen machen. 
Wenn der in Bücherkenntnissen enorm beschlagene Taxil diese ver- 
gessene Briefstelle kannte, dann muss er auch jene zahllosen Stellen 
in Voltaire' s Werken kennen, wo dieser — der bekanntlich an ein so- 
genanntes »höheres Wesen« glaubte — den verstorbenen Curi, der 
unter dem Drucke der Hierarchie zu einem crassen Materialisten geworden 
war, als einen verstockten Landpfarrer, der nichts von Philosophie ver* 
stehe, heftig angreift, ohne ihm die Bedeutung seines ^Testamente des- 
wegen in Abrede zu stellen — Taxil muss dann wissen und weiss, 
dass das » Testamente Meslier' s eine der Hauptdiscussionen in der Mitte 
des XVin. Jahrhunderts und im Kreise der Encyklopädisten büdete, 
dass es ausser auf Voltaire stark auf düAlambert, Rousseau, Diderot, Hol- 
back, den englischen Atheisten Bolinghroke, auf Swift u. A. wirkte, dass 
der Philosoph Holbach selbst die Werke Meslier' s herausgab, und dass 
die Biographie Meslier' s als ein offenes Buch vor Aller Augen liegt. 
Taxil speculirt also in der leichtfertigsten Weise auf die Leichtgläubig- 
keit und Unwissenheit seiner Leser und scheidet als offenkundiger 
literarischer Betrüger aus der Reihe der ernsthaft zu nehmenden Schrift- 
steller aus. 

Selbst der Versuch, die vielleicht werthvoUste seiner früheren 
Publicationen, die ^Livres secrets des confesseurs*, Paris, librairie anti' 



748 



PANIZZA. 



cliricaUy Paris 1884 (680 Seiten), welche die geheimen Beichtinstnic- 
tionen der französischen Diöcösen über das sechste Gebot enthalten, 
dadurch zu discreditiren, dass er dieselben in seiner Bekehrungs- 
schrift absichtlich entstellte Uebersetzungen aus dem Lateini- 
schen nannte (Con/esst'ons (Tun ex-libre-penseur^ pag. 248), ist eine 
dicke Lüge, denn diese Beichtinstructionen sind, vielleicht mit Rücksicht 
auf den derzeitigen Bildungsstand des französischen Clerus, im Original 
französisch. Ich selbst besitze eine Originalausgabe der ^Motchialogie 
ou traiti des pichis par J. C, Dobreyne* und kann hier constatiren, 
dass der Abdruck im Taxil'schen Werk ein vollständig wortgetreuer ist. 
Und nun wären wir eigentlich fertig. Wir können aber diese Be- 
trachtungen nicht schliessen, ohne noch eme Frage allgemeiner Natur 
zu stellen, und diese betrifft die Natur des Katholiken, das Wesen des 
Katholicismus, die psyche Lebensform des katholischen Glaubens. Wie 
kommt es, dass diese grossartige Institution, die sich katholische Kirche 
nennt, solchen grässlichen Schlägen ausgesetzt ist, wie sie jetzt wieder 
ein frivoler Marseiller geführt hat, ohne sich zu vertheidigen, ohne 
sich zu rühren, ja, ohne sich nur mucksen zu können. Stumm lässt sich 
dieses uralte, apokalyptische Thier diese giftigen Speisen, die ihm ein Fran- 
zose zugerichtet hat; vorsetzen, schluckt sie hinunter, rührt sich nicht und 
geht auch nicht daran zugrunde. Was an geistigen Kämpfen seit dem 
Beginn des XVI. Jahrhunderts über das Abendland hinweggebraust ist, 
diese römische Kirche blieb unverändert oder fast unverändert, zehrend 
von dem Mark, welches die ersten Jahrhunderte und die hervor- 
ragenden Köpfe ihrer Kirchenlehrer für sie angesammelt. Was hat 
dieses Institut für Beschimpfungen sich gefallen lassen, ohne ein Wort 
darauf zu erwidern! Gehört das zum christlichen Wesen in dieser 
Form nach dem Spruch: Schlägt dich Jemand auf den einen Backen, 
so reiche ihm den anderen Backen auch darl Dann ist dies tief 
traurig. Denn in der modernen Auffassung des Werthes vom Leben, 
welches die Menschen und Völker gehamischt und sprühend von Geist 
einander sich gegenübergestellt sieht, muss eine solche Haltung, eine 
solche Schlaffheit, eine solche Regungslosigkeit zu schädlichen Folgen 
führen. Fünfhundert Jahre, ein halbes Jahrtausend, fast ohne Berührung 
durch die immense Geistesgeschichte des Abendlandes hindurch- 
gegangen zu sein, das ist ein Resultat so traurig und beklagensweith, 
dass man vergebens nach einer Parallele in der Weltgeschichte sucht. 
»Ich will meine Kirche auf diesen Felsen bauen, und die Pforten der 
Hölle sollen sie nicht überwältigen.«. Ist das vielleicht die Erklärung 
für die Unnahbarkeit der römischen Kirche? Nun, dann fürchte ich, 
dieser Fels wird bald nicht mehr Gegenstand der Bekämpfung, sondern 
der vollständigen Indifferenz werden. Wir leben Alle in socialer Ge- 
meinschaft und reiben uns gegenseitig aneinander im Kampfe des 
Daseins. Wer gar nichts mehr annimmt, noch abgibt, wer regungslos 
verharrt, wer weder abfärbt, noch Farbe aufnimmt, weder absorbirt, 
noch secemirt, der ist todt, und der braucht nicht mehr durch die 
Hölle überwältigt zu werden. Wir haben ja im Protestantismus auch 



LEO TAXIL UND SEINE PUPPEN. 



749 



einen Haufen verknöcherter Geister. Aber welche geistige Rührigkeit 
herrscht dank der Sectirerei und dank der theologischen Schulen und 
Facultäten trotzdem in dieser protestantischen Kirche I Was hat allein 
die Spanne Zeit von David Friedrich Strauss bis auf Ritschi für 
geistige Ansätze und kräftige Triebe gezeitigt. Und was hat nicht selbst 
die kleine, rührige Gruppe der Altkatholiken seit den 25 Jahren 
ihres Bestehens an geistigen Werthen rührig aus dem Boden gegraben! 
Und nun daneben die katholische Kirche. Ein Ereigniss, welches — 
untersuchen wir nicht, durch das Zusammentrefifen welch verschiedener 
Umstände auf beiden Seiten es möglich war — den Zorn und die 
Schamröthe jedem Einzelnen ihrer Angehörigen ins Gesicht treiben, 
den Stolz ihrer wissenschaftlichen Forschung wie die Empfindsamkeit 
ihres Gemüths in gleicher Weise aufs Tiefste verletzen muss, trifft nur 
auf Indifferente und Schweigsame. Welch ein Schauspiel! Von den 
20 Millionen Katholiken im Deutschen Reich muss Jeder den angethanen 
Schimpf als eine persönliche Kränkung empfinden und empfindet ihn 
i^örklich; und keiner von ihnen findet das Wort und den Muth zum 
Widerpart. Keiner vermag sich zu dem Schrei aufzurajQfen : Rettet uns, 
rettet uns aus dieser fürchterlichen Knechtschaft! Sie Alle schlucken 
die giftige Kränkung, würgen die widerliche Speise lautlos hinunter 

und — schweigen 

Ich kann mir nicht helfen: ich erblicke in dem von der römi- 
schen Kirche gezüchteten Katholiken, so weit er ihr anhäogt, eine 
Lebensform, der die Nesseln der Vertheidigung verlorengegangen sind. 
Gegen den kräftigen, fuchtigen, in der Herzensbüdung vielleicht zurück- 
stehenden, intellectuell gewappneten und kampfeslustigen Norddeutschen 
ist der weichliche, süsse, schläfrige, träumerische, gemüthstiefe Süd- 
länder im Nachtheil. Man braucht nur die Socialdemokratie zu be- 
trachten. Diese Secte, welche den Grund ton und das Credo für unsere 
heutige Lebens- und Weltanschauung angegeben hat, ist eine fast rein 
protestantische, zum Theü protestantisch-jüdische Bewegung. Und wenn 
Döllinger Recht hat mit seinem Wort über den Amerikanismus, dass 
der Unglaube den Menschen zum kalten, herzlosen Schurken mache, 
so ist doch der andere Satz nicht minder wahr, dass die Ertödtung 
der Verstandesthätigkeit den Tiefgläubigen im Kampfe ums Dasein 
schwächt und schliesslich eliminirt. 



57 



NOTIZEN. 



Yrsa. Eine Tragödie von 
Eduard Stucken. Berlin. 
S. Fischer, Verlag, 1897. 

Es ist ein merkwürdiges Buch. 
Nach dem ersten, oberflächlichen 
Lesen da macht es einen recht 
gewaltigen, kraftgenialischen Ein- 
druck, als ob eine Gigantenfaust 
mächtige, unbehauene Granitblöcke 
regellos zu einem imposanten Bau 
aufeinander gethürmt hätte. Sieht 
man dann aber genauer hin, so 
merkt man gar bald, dass es das 
Werk eines sehr verständigen, be- 
dächtigen Mannes ist, der mit 
ängstlicher Mühe bestrebt war, die 
Granitblöcke nur ja recht roh und 
ungeschlacht auszumeisseln und sie 
dann im Schweisse des Angesichtes 
nur ja recht wild und regellos 
übereinander zu legen, denn er 
sagte sich, dass neben all den 
müden, weichen Sachen heutzutage 
so etwas recht gut wirken müsse. 
Und er hatte nicht so unrecht, 
der verständige, bedächtige Mann. 
Nur etwas weniger auffallend und 
absichtlich hätte er es thun 
müssen. Aber das Buch besass für 
mich noch eine andre Ueber- 
raschung. Anfangs da konnte ich 
es kaum glauben und habe mich 
dagegen gewehrt und gesträubt, 
aber es nützt Alles nichts, »Yrsa« 
ist eine Schicksalstragödie, eine 
richtige , regelrechte Schicksals- 
tragödie, jetzt, da wir im Zeitalter 
Nietzsche's stehen I Alfsol, die 
Tochter des Königs von Jütland, 
wurde von ihren Brüdern ver- 



giftet, damit sie nicht dem achtzig- 
jährigen, siegreichen Sigurd Ring, 
der sie zum Weib begehrte, in 
die Hände falle. Sterbend sprach 
sie über sein ganzes Geschlecht 
einen schweren Fluch aus — sie 
müssen sterben, wenn sie lieben. 
In der Tragödie erfüllt sich nun 
der Fluch in grässlicher Weise. 
Ragnar Lodbrok, Sigurd Ring's 
Sohn, ehelicht unwissend seine 
eigene Tochter Yrsa, während 
deren Schwester Aslaug, natürlich 
ebenfalls ohne ihr Wissen, mit dem 
leiblichen Bruder Blutschande treibt 
An den beiden Letzteren erfüllt 
sich zuerst der Fluch — Beide 
sterben. Da erscheint der Geist 
Sigurd Ring's auf dem Gespenster- 
schiffe und erklärt, dass sich der 
Fluch sattgefressen, dass er durch 
Enkelblut gelöst sei. Natürlich ist 
dadurch, dass sich die Handlung 
nicht aus den Personen, sondern 
aus dem Fluch heraus entwickelt, 
die Charakterisirung eine recht 
oberflächliche geworden. Geradezu 
komisch wirkt Ragnar Lodbrok. 
Anfangs geberdet er sich ganz als 
Nietzsche'scher Uebermensch, der 
auf seine Art jenseits von Gut und 
Böse steht, verstösst den einen 
Sohn, lässt den anderen in die 
Schlangengrube werfen und rühmt 
im Vollgefühle seiner Kraft: »Ich 
setze und entsetze, ich höhe und 
emiedere, ich werthe und ent- 
werthe.« Im dritten Acte aber zeigt 
er sich geradezu als Schwächling, 
der eines eigenen, erlösenden Ent- 



NOTIZEN. 



751 



Schlusses unfähig ist. — Die Sprache 
ist mit Absicht möglichst archai- 
stisch und fremdartig gestaltet, 
ohne dass es aber Herrn Stucken 
gelungen wäre, den richtigen Ton 
anzuschlagen. Knappe , einfache 
Diction, wie sie bei diesem Drama 
am Platze wäre, ist eben etwas 
ganz Anderes, als dieses verrenkte, 
verkrüppelte Deutsch mit seinen 
unglaublichenWortzusammensetzun- 
gen und grässlichen Inversionen. 
Allein trotz aller Mängel ist Stucken 
zweifelsohne ein begabter Mensch, 
vielleicht sogar ein Dichter. Zwei 
Scenen wenigstens sprechen dafür, 
zwei Scenen, aus denen sich wirklich 
künstlerisches Genie ofifenbart, die 
zu dem schönsten gehören, was in 
letzter Zeit geschrieben wurde. Ich 
meine erstens die Scene, da Yrsa 
den Brunnen um ihr Schicksal be- 
fragt, und dann die Liebesscene 
zwischen Eirek und Aslaug im 
dritten Acte. ^ ^^^ 

Die Juden von Zirndorf. 

Roman von Jacob Wasser- 
mann. Paris, Leipzig, München. 
Verlag von Albert Langen. 
1897. 

Ein Zeitbild von monumentaler 
Kraft und Stärke, das eines der 
schwierigsten Probleme behandelt: 
das ewige Widerspiel des Juden- 
thums gegen die »andere« Religion, 
so wie es sich im Laufe der Jahr- 
hunderte gestalten musste, in Zu- 
kunft sich gestalten soll; ein Zeit- 
bild, das in präcisen Strichen die 
namenlosen Qualen, die geringen 
Freuden des immer wandernden, 
von Land zu Land, von Leid zu 
Leid gepeitschten Volkes schildert, 
das, gehoben durch die ererbten, 
traditionellen Verheissungen, zu- 
weilen mit glühenden Augen den 



Kampf aufnimmt und dann un- 
aufhaltsam einbricht in alle Ge- 
biete. . . Auf wenige Personen, 
Insassen einer kleinen Stadt, ver- 
theilt der Künstler, der dieses 
wundervolle Buch geschrieben, die 
Vorzüge, die Mängel aller Juden : 
den unduldsamen, von Geschlecht 
zu Geschlecht wachsenden Zelotis- 
mus, den oft ins Extrem ver- 
kehrten Familiensinn, die Geldgier, 
das starre Verschliessen gegen 
neue Ideen, neue Verbindungen, 
das Listige und Treue, das Edle 
und Verschlagene. Und doch ist 
es keine Tendenz arbeit, welche 
der Verfasser in die Welt sendet, nie 
dass er direct pro, dass er contra 
spräche. Er malt mit ruhigen, 
dunklen und selten nur, im Mo- 
mente der Leidenschaft, mit bi- 
zarren Farben; dann aber lässt 
er seiner Phantasie ganz die 
Zügel schiessen: so gehört das 
bacchantische, rasende Treiben im 
»Siebenten Himmel«, die wider- 
wärtigen, theatralischen Scenen, 
welche die Verlobung oder, besser 
gesagt. Verschacherung einer jüdi- 
schen Adeligen begleiten, gewiss 
mehr dem zuweilen überquellenden 
Empfinden Wassermann's als der 
prosaischen Wirklichkeit an. Da- 
gegen wächst der Dichter an manchen 
Stellen über sich selbst hinaus ins 
Grandiose, Bewundemswerthe: mit 
der Zeichnung des alten Gedalja, 
mit der Schilderung eines Masken- 
balles und eines Volksaufstandes 
greift der Autor mit jenem kühn- 
sten Grifife ins Leben, bei dem des 
Genius schützende Hand die zagen- 
den Finger fuhrt. Beängstigend 
deutlich trifift das Gemälde den 
grauen Zauber, die Verhängniss- 
gestalt des gemordeten Sürich, der 
von Anfang an wie ein Dämon 

57* 



752 



NOTIZEN. 



seinen finsteren Schatten über die 
Lebenden, über Gegenwart und Zu- 
kunft wirft. Zuweilen vergisst man 
bei dieser grossen Kunst ganz und 
gar daran, den todten Buchstaben 
eines gedruckten Buches vor Augen 
zu haben: es weht der heisse 
Athem der Zeit, des Werdens und 
Vergehens, des ünbewussten, Trans- 
cendentalen aus den Seiten; ein 
unbeschreibliches, unheimliches Et- 
was lässt ahnen, was in den 
Tiefen lauert, an die der Mensch 



mit Schaudern nur zu denken 
wagt . . . 

Dank und Anerkennung sei dem 
jungen Autor gezollt, der mit 
Wunderhand so viel des Düster- 
Schönen auf sein Werk gestreut. 
Die »Juden von Zimdorf« sind 
nicht der Roman eines Schrift- 
stellers, beides in der gleich- 
giltigen Geschäftssprache: sie sind 
das Buch eines Künstlers in 
des Wortes edelster Bedeutung! 

Alfred Neumann. 



Hennageber nnd ▼erantwortUcher Redacteur: Rudolf Strauss. 
Gh. Rdsser & M. Werthner, Wien. 



^iener {{undschau. 



1. SEPTEMBER 1897. 



DAS HERMETISCHE BERGSCHLOSS. 

Von RACHILDE (Paris). 
Aatorisirte Uebersetzung von Nina Hoffmann. 

Ich habe zwei alte Frauen gekannt, welche mit den Worten ge- 
storben sind: »Hier bin ich nicht zu Hausei Nicht hier ist's, wo 
ich sterben sollte l< Die eine von ihnen war eine Bäuerin aus dem Be- 
zirke von Limoges. Sie war sehr arm, ein wenig verrückt, und ihre 
fixe Idee bestand vornehmlich in einem unaufhörlichen Bedtlrfniss nach 
Ortsveränderung. Sie träumte von einem Orte, wo es ihr wohler 
gewesen wäre, wo sie immer hätte leben sollen, und da sie diesen 
Ort nicht kannte, sie übrigens auch nicht wusste, ob er anderswo als 
unter ihrem Himschädel existire, so wiederholte sie immer wieder 
stossweise: »Ach, wie sind sie unglücklich, die keine Heimat haben I« 
Sie verschied mit einer eigensinnigen Geberde, die sagen wollte: »DortI« 

Die andere, eine Gräfin von Beaumont-Landry, war bei vollem 
Verstände, allein sie phantasirte ganze Tage lang von dem »Haus ihrer 
Träume«, und dieses stellte nicht eine sentimentale Phrase ihrer Jugend- 
zeit dar, es war wirklich und wahrhaftig ein irgendwo erbautes Wohn- 
haus, etwa in Schweden oder Irland, in einer Gegend »von der färbe 
grauer Spitzen«, sagte sie, und »wo die Tauben Trauer 
tragen müssen«. Sie definirte nichts, wünschte nichts. Weder Ge- 
Ynälde, noch Stiche gaben ihr bestimmte Anhaltspunkte, aber sie wusste, 
dass jenes Haus »dort« sei und dass ihr, der verwöhnten Weltdame, 
jener Platz dort an dieser bescheidenen Ruhestelle vorherbestimmt war. 
Als sie im Todeskampfe lag, nahm sie die Hände ihrer Tochter in 
die ihren und murmelte mit umuhvoller Stimme: »Ich bin nicht hier 
zu Hause, nein, hier ist es nicht, wo ich mich befinden sollte!« 

Wenn es die Schwesterseele gibt, nach der man durch alle 
Verirrungen und alle Verbrechen der Liebe hindurch sucht, sollte es 
nicht auch das Bruderland geben, ohne das man nicht glücklich 
leben, kein fiiedliches Lebensende finden kann? 

Wie viele schwermüthige Touristen haben nicht mit trauererfiillten, 
bedauernden Blicken gesagt: »Ich habe auf meinen Wanderungen den 
Ort gesehen, den ich bewohnen möchte, und ich erinnere mich nun 

58 



754 RACHILDE. 

nicht mehr daran, in welchem Erdenwinkel er sich befindet! Ich weiss 
den Namen jenes Dorfes nicht mehr, ich sehe nicht mehr die Nuance 
der Himmelsfarbe . . . .« 

Wie viele berühmte Entdecker haben sich nicht jenseits der Meere 
und Wüsten plötzlich zu einer geheimnissvollen Flur hingezogen 
gefühlt, zu einer eigens für sie geschaffenen Heimat, von welcher sie 
dann ein so verwischtes BUdniss in sich tragen, dass es ihnen als die 
Erinnerung an einen alten Stahlstich erscheint, den sie in ihrer Kindheit 
lange 2^it bewundert hatten. 

Und es gibt verfluchte Orte, wohin man geht, weü man hingehen 
muss, wo du der Wunde entgegengehst, die dir seit Jahrhunderten 
bestimmt ist Da ist der Wald, der dich von weitem reizt und lockt 
und wo du dich an dem Baume aufknüpfst, den du schon anderswo 
gesehen zu haben glaubst, ein Baum, welcher dir jenseits aller um- 
dämmerten Fenster seine Aeste entgegengestreckt hat Da ist der kleine, 
im wilden Thalgrunde verlorene See, die grünliche, von schwarzem 
Gestrüpp umwirrte Pfütze, wo hinein man sich stürzt, fast freudig, 
endlich sein persönlich eigenes Grab gefunden zu haben, nicht 
aber das Grab, welches dem des Nachbars gleicht. Von aller Ewigkeit 
an ist wohl der Boden, auf dem unsere Füsse stehen, uns vorgezeichnet, 
allein wir kommen nicht nach eigner Wahl zur Welt; unsere Eltern 
bewegen sich, entfernen sich, kommen, gehen ohne Noth, suchen selbst 
ihre endgiltige Wohnstätte, so dass es vielfältiger Zufälligkeiten bedarf, 
um uns zu orientiren, uns die feierlich-schicksalsvolle Eingebung zu 
vermitteln und uns wie auf Flügeln nach jenem Lande zu entführen, 
das, sei's in einem Saatenfelde oder einer öden Gasse, die mystischen 
Wurzeln unserer Person in sich aufbewahrt. 

Oftmals auch sehen wir, verzückt nach jenem Lande hinschauend, 
wie es plötzlich zurückweicht, dahinschmüzt, in nichts vergeht Es 
flieht uns, verlässt uns, und aus einer Ursache, die wir nie erfahren 
werden, weil sie zu schrecklich ist, errathen wir, dass wir es nie 
erreichen, dass dieses gelobte Land uns für immer entrückt bleiben wird. 

Hier ist nun, was ich recht aufrichtig aus Anlass eines dieser 
Länder der Chimäre erzählen wül, das ich wahrhaftig auf meinen 
Wegen gefunden habe. 

Es war in der Franche-Comt6, als ich an einem schönen, sonnigen 
Tage einen grossen, etwas öden Landsitz besuchte, der in der Nähe des 
Dorfes von Roquemont, im kleinen Weiler von Suse gelegen war. Wir 
hatten den Gipfel eines Hügels erstiegen, den man in der Umgebung 
seiner bizarren Auszahnung wegen den Dent de TAvis benannt hat, und 
wir hatten uns alle Drei auf einem rothbraunen Rasenfleck ausgestreckt, 
dem ein Duft wie von verbranntem Haar entströmte. Die Mutter, Frau T6ard, 
der Sohn, Albert T^ard, und ich, wir Alle litten unter der grossen Hitze ; 
wir sprachen nichts mehr, da wir Alle die banalen Pariser Geschichten 
schon erschöpft hatten. Auf dieser Höhe, auf diesem Plateau, um das 
die trockenen Winde fegten, war die Quelle der gewöhnlichen Gespräche 
plötzlich in uns versiegt, und wir hatten nur mehr den Wunsch, das 



DAS HERMETISCHE BERGSCHLOSS. 



755 



Echo der Städte zu ersticken, welches so distonirend in das andächtige 
Schweigen eines Calvarienaufstieges hineinklingt. Meine Freunde hatten 
es sich liebenswürdigerweise gleich Anfangs angelegen sein lassen, das 
Haus, den Garten, den Weinberg n:ieinem Urtheile zu unterwerfen; sie 
zeigten mir nach verschiedenen Seiten hin die merkwürdigen Stellen 
des Ortes ; den Platz, wo Albert Teard im Vorjahre einen ungeheueren 
Hasen erlegt hatte, den Kreuzweg, wo man noch Spuren des Preussen- 
heeres sehen konnte, die Pfade, auf welchen in manchen Winterszeiten 
die diebischen Wölfe aus dem Walde herunterkamen; dann waren wir 
allmälig, von Ehrfurcht vor der Erhabenheit des Panoramas, das uns 
einschloss, ergriffen, wie nach unausgesprochenem Uebereinkommen ver- 
stummt und blickten nur so vor uns hin, fast ohne zu sehen. 

Am Horizont, doch nicht allzuweit von uns entfernt, ragte ein 
ungeheurer Fels über einen Hügel empor, welcher dem gleich war, der 
uns trug, imd man erblickte sehr deutlich die Ruinen eines feudalen 
Schlosses, welches in den dunklen Felsen gehauen war. Das bildete 
einen dramatischen Hintergrund zu dem relativ heiteren Bilde, welches 
einerseits das Dorf von Suse darstellte, das sich um einen primitiven, 
in einen abgerundeten Knauf auslaufenden Kirchthurm drängte, sowie 
andererseits der Weinberg, auf dem, wie hingestreut, Bauern in blauen 
Blousen und Weiber in hellen Röcken zu sehen waren. Es dominirte 
mit dem Ausdruck von etwas Bösartigem, Heroischem, und es war un- 
möglich, nicht sogleich zu erklären, dass sich dort der einzige merk- 
würdige Punkt der Gegend befinde, die historische oder die legen- 
däre Stelle. Allein man hatte noch nicht davon gesprochen. Albert 
Töard murmelte nun mit müder Stimme: 

> . . . dann gibt es auch Höhlen in den Kieselgrund gehauen, 
voll fossiler Knochen ; wir werden Sie dahin führen — und dann werden 
Sie Alles gesehen haben.« 

» — Wie denn. Alles gesehen?« — sagte ich, mich auf einen 
Ellbogen aufrichtend — »und jene Ruinen dort?« 

»He? Welche Ruinen?« fragte verwundernd Frau Töard. 

Ich starrte hin, streckte den Arm aus — da fing Albert T6ard 
zu lachen an. 

» — das und Ruinen I Vielleicht ja, sicherer aber nein! Von 
unsrer Wohnung aus an einem Regentage gesehen, da würde man es 
ganz einfach einen Fels nennen mit einem Pik; im Sonnenschein aber, 
im Spiel der Lichter, die aus den Wolken hemiederbrechen, da glaubt man 
manchmal, es sei ein altes Schloss ohne Thüre. Oh I trauen Sie ihm nicht I« 

»Sie scherzen?« 

Ich schaute hin wie gebannt^ so dass mir nachgerade das Hirn 
davon wehe that. 

»Nicht doch, es ist der Fels, der mit uns sein Spiel treibt,« er- 
widerte Albert T^ard. »Es existirt keinerlei Beschreibung dieser Ruinen 
in den Jahrbüchern der Franche-Comte, und unsere Bauern, welche 
nicht Zeit haben, sich zu unterhalten, behaupten, sie niemals, weder 
im Sonnenschein noch im Regenwetter wahrgenommen zu haben. Was 



1 



756 RACHILDE. 

mich anbelangt, so erblicke ich sie nur mehr ganz undeutlich, weil 
ich schon lange weiss, was ich davon zu halten habe.« 

»Ich,« sagte sanft Frau T^ard, eine köstliche alte Frau von 
grosser Vernunft, »ich habe es oft versucht, mir das Schloss vorzu- 
stellen und habe niemals auch nur das kleinste Thürmchen entdecken 
können! . . .« 

Ich war verblüfft. Von Minute zu Minute wurde das Bild deut- 
licher, wurde gewaltiger : ich sah Querbalken, Spitzbogen, Zinnen — und 
alle diese bläulich schimmernden Einzelheiten färbten sic^ immer tiefer, 
wie unter einem phantastischen Pinselstrich. 

»Schliesslich,« murmelte ich, »kann man doch diesen Fels besuchen?« 

T^ard's Mutter neigte lächelnd ihren Kopf nach der linken Achsel 

»Sie wollen also den Sprung jenes Taugenichts riskiren? 

»Was ist's mit dem Taugenichts? Eine Legende?« 

»Nein, ein sehr natürliches Abenteuer. Es war ein Recrut, der 
gewettet hatte, er werde da oben Bussard-Eier aus dem Neste holen, 
ehe er zum Regiment einrücke; und da er an dem Morgen, als er den 
Aufstieg unternahm, benebelt war, so ist er von ihrem famosen Schloss 
bis zu seiner Hütte hinuntergekollert. Wenn er auch keine Bussard- 
Eier gefunden hat, so hat er doch die Wachtstube gefunden, als er zu 
seinem Hauptmann kam, denn man hat ihn pflegen müssen, und so hat 
er die erste Einberufung versäumt, der Dummkopf.« 

Ich blieb vor dem magischen Schlosse in Betrachtung versunken. 
Ein leichter Nebel umgab jenen, von grossen Wachholdersträuchen und 
einem Buchendickicht bewachsenen Hügel. Man träumte die firische 
Kühle rinnenden Wassers dort hinein, das da aus den Tiefen der 
Wartthürme riesle, und das Felsgestein schien in der Feme wie die 
Haut eines Reptils zu schillern. Einen Fuss breit vom vordersten Theil 
des Hauptgebäudes entfernt war eine Art Wulst wie ein Rundweg zu- 
geschnitten, welcher vollkommen den Eindruck hervorbrachte, als habe 
die Menschenhand hier gewaltet, und es schien so leicht zu sein, sich 
darauf lustwandelnd zu ergehen, dass ich die Geringschätzung meiner 
Freunde nicht begriff. 

»Wir werden hingehen, es bleibt dabei, c sagte Töard mit einer 
pfifhgen Grimasse. 

Wir brachen am nächsten Tage auf. Frau T6ard folgte uns, einen 
wohlausgerüsteten Korb tragend, denn, sagte sie: »es seidoch immer- 
hin weiter, als man denke.« 

Nach einer Stunde Weges durch Felder und Weingärten kamen 
wir an den kieseligen Abhang eines Hügels, dessen Centrum ein- 
gesunken war und dessen dichter, kalter Schatten einen Weiler von 
fünf bis sechs armseligen Hütten umdüsterte. Schweigende Menschen; 
Männer schlagen Fässer zusammen, ohne zu schreien oder zu schelten, 
Frauen wiegen ihre Säuglinge, ohne dabei zu singen. Vielleicht war ich 
es allein, die diese specielle Vision eines schlummernden Dorfes hatte, 
da meine Freunde durchaus nichts Unnormales bemerkten, als sie 
diesen Winkel Schattenlandes durchschritten. Gleichwohl bemerkte Frau 



DAS HERMETISCHE BERGSCHLOSS. 757 

T^ard, welche ein wenig Milch hatte kaufen wollen, dass man ihr gar 
nicht einmal antwortete, mid sie sagte mir mit gelangweilter Stimme: 
»So sind sie hier!« 

Die alte Dame installirte sich am Rande eines primitiven Wasser- 
beckens, wo, durch Holzröhren geleitet, ein Brunnen gurgelnd einlief. 
Sie wünschte uns einen glücklichen Aufstieg und machte sich daran, 
einige Weinflaschen ins Wasser zu tauchen, um sie bei unserer Rück- 
kunft frisch zu haben. Nun sagte ich mir vor, dass es sich um eine an- 
genehme Excursion handle; dennoch, wie oft ich mir dies auch vor- 
sagte, fühlte ich mich von vorneherein an der Sache verzweifelnd. Ich 
unterschied nicht mehr das feudale Felsgebilde hinter den gewöhnlichen 
Felsblöcken, die es maskirten; die tiefe Stille des Weilers reizte mich, 
ich war nervös. Dieses romantische Luftbüd von gestern metamorpho- 
sirte sich zu einem lächerlichen Hinterhalt, und Alles in mir vibrirte, 
als sei ich schon jetzt das Opfer einer verhängnissvollen Ungerechtig- 
keit. T6ard machte mich philosophisch darauf aufmerksam, dass unsere 
Gamaschen fest seien, und bat mich, mich des unentwirrbaren Gestrüppes 
wegen, das wir zu durchschreiten hatten, mit Geduld zu wappnen. 

»Sie werden es so gewollt haben,« schloss er mit Nachdruck. 

Uns in gerader Linie gegen das Schloss hin zu bewegen, schien 
mir eine kindische Angriffsart zu sein, allein aus unserem Angrifif ward 
von Minute zu Minute ein immer ernsterer Schlachtplan. Man kam vom 
Wege ab, ob man wollte oder nicht; man wich vor Gräben zurück, 
die mit Schlamm, Domgebüsch und spitzem Gestein angefüllt waren, 
man war immer wieder genöthigt, sich von den Schwierigkeiten, die 
sich da in einander verstrickten, wegzuwenden, bis man endlich seinem 
Ziele den Rücken zukehrte. 

Ganze Wände von wilden Rosen und Brombeerhecken, Gestrüpp, 
so hoch, dass es Einen niedersetzte, verdeckten uns obendrein ganz den 
Anblick der Ruinen, und wenn ein Durchblick zwischen den Aesten 
sie uns gewahren Hess, so stiess das Auge an eine ungeheuere, eine 
ganz glatte Mauer! Die Wartthürme, die Zinnen, der Rundweg, Alles 
war von dieser von Feuchtigkeit triefenden Mauer verschlungen worden, 
und es blieb nur eine stumme, blinde Fagade aufrecht, die richtige 
dräuende Fagade . . • Die hermetische Fa^de . . . Ganz athemlos setzten 
wir uns auf einen Baumstrunk des Berghaoges. 

»Nun ?« sagte T6ard, sich den Schweiss von der Stirne wischend, 
»ist das eine Fopperei?« 

»Man muss den Weg abschneiden — ich wül einmal den Fels 
mit diesen meinen Händen berühren — « 

Nun sind wir wieder auf den Beinen, die Nase hoch, mit den 
Augen unruhig umherblickend. Teard war wie vom Fieber geschüttelt; 
er gestand mir, dass man das letzte Wort dieses Teufelsfelsens noch 
gar nicht wisse. Einstmals hätte man wohl Steinbrüche in den Hügel 
bohren können, vielleicht hatte man es sogar versucht, irgend etwas in 
den Fels selbst einzubauen, und hatte dies sicherlich angesichts der 
Härte des Granits dann aufgegeben. Nur, im Falle etwas da war, 



750 RACHILDE. 

wie war man zur Zinne des Baues gelangt, wie hatte man diese Mauer 
überstiegen, die so glatt war, dass sie davon schimmerte?. . . 

»Mit Leitern?« 

»Warum nicht gar ? Das ist ja die Geschichte des Recruten I Der 
Bursche hat mit Knoten versehene Seile und Krampen herbeigeschleppt; 
er hat Leitern daraus aufgerichtet, bald im Westen, bald im Osten ; man 
hat ihn von unten aus gesehen, wie er sich einem Besessenen gleich 
geberdete, und doch war er nicht betrunkener, als ich es bin — was 
nicht hindert, dass die Sache mit einem tollen Absturz geendigt hat — 
kopfUber, gradaus in den Brunnen hinein ! . . . Nein . . . einen Luftballon 
müsste man haben . . . « 

Als wir bei dem Grundgestein des »Schlosses« angelangt waren, 
mit den Nüstern den herben Duft des grünen Mooses einziehend, das 
es sammtweich überzog, da waren wir viel weniger vorgeschritten, als 
da wir uns beim Anstieg befunden hatten; wir konnten nichts mehr 
von der Gesammtheit erblicken, und die Details verwirrten nur unsere 
in den blödsinnigsten Conjecturen befangene Einbildungskraft. 

»Umkehren!« rief ich. 

Der Eine von uns steuerte nach West, der Andere nach Ost; 
wir sollten uns unterhalb der Stelle vereinigen, die ich den Rundweg 
nannte. Um weiter zu kommen, klammerte ich mich an die jungen 
Bäumchen, an die Grasbüschel — das Erdreich war ausserordentlich 
glitschig. Steine bröckelten sich unter meinen Beinen los und kollerten 
hinab bis zu dem Brunnen, wo der Wein für unsere Mahlzeit einge- 
kühlt war. Man hörte sie von Graben zu Graben springen, an Fels- 
blöcke anschlagen und endlich wie todte Vögel in das Laubwerk nieder- 
fallen. Die Erde, eigenthümlich bröcklich, Hess unter meinen Schritten 
nach, rieselte in schweren Strömen zu Thale, voll von braunen, schillernden 
Flittern, die den Schuppen eines gigantischen, vorsündfluthlichen Fisches 
gleichen mochten. Die fettigen Pflanzen Hessen einen klebrigen Saft an 
den Händen zurück, und man athmete ganz nahe am Moose einen 
Duft von Fäulniss ein. Wenn ich den Kopf in die Höhe hob, so fand 
ich die imposanten Linien dieses Baues ohne Thür und Fenster wieder, 
und mein BHck, der verzweifelt hinanklomm, konnte sich weder an eine 
Unebenheit des Gesteines, noch an irgend ein Blümchen anklammem. 
Der Fels, immer der Fels war's, schimmernd, sickernd, ohne einen 
Spalt, ohne ein Loch. Und dort oben, hoch oben im Lichte, da kreisten 
die Weihe mit den silbrigen Flügeln, langsam, schwebend, mit den Be- 
wegungen ruhiger Schwimmerinnen, die sich der sanften Fluth eines 
blauen Oceans anvertrauen. Es gibt Stunden, da die reine Luft uns 
trunken, uns die Trivialität der Dinge vergessen macht — einen 
Augenblick lang schien es mir fast einfach, einen Ballon zu haben!. . . 
Oh! hineintreten in das Schloss, das ich gesehen hatte, das existirte, 
weil ich es gesehen hatte, eindringen in das Innere der geheimniss- 
vollen Citadelle, wo mich, wie mir durchaus schien. Jemand erwartete ! . . . 
Ja, ich musste eines Tages hingelangen, musste die kolossale Mauer 
mit meinen armen, ohnmächtigen Händen betasten, mit der Stime an 



DAS HERMETISCHE BERGSCHLOSS. 759 

den Granit schlagen, um die Menschen zu rufen, die ich zu befreien 
hatte!... Und ich lauschte hin, ich befühlte die unerbittliche Härte 
dieser natürlichen Pyramide, um irgend ein Erkennungssignal erspähen 
zu können 1 . . . 

Alle wild-öden Orte geben euch Hallucinationen und plötzliche 
fixe Vorstellungen von Hoheit. Wenn ihr allein auf einem Berge steht, 
so hindert euch nichts, euch für einen König zu halten I Mit meinem 
Lederstrumpf hätte ich den Wipfel einer Pappel streifen können, und 
tief unten gewahrte ich Frau T^ard unter ihrem weissen, rothgefütterten 
Sonnenschirm schlummernd, Frau T^ard in der Grösse eines Herrgotts- 
käfers mit rosenrothem Köpfchen I Nun alsol Warum liess man die 
Zugbrücke nicht herab?. . • Schliesslich erfasste mich ein Schwindel, und 
die Augen voll Wuth zusammendrückend, kehrte ich um. 

Unterhalb des >Rundweges« betrachtete Tdard eine Spur im 
Gestein. Man hätte meinen können, es sei das Merkmal eines emxnen 
Ringes^ eines jener Ringe, welche man in Ufermauem eisfiigt, um 
die Fahrzeuge daran anzuketten. Eine gute Viertelstunde lang blieben 
wir eigensinnig da, nur an unseren Nägeln uns über dem Abgrund 
haltend und diese schwachen menschlichen Spnzen studirend, bis wir 
endlich annehmen mussten, dass ein Kiesdsteio, der aus seiner Sand- 
steinhöhle herausgetreten war, wie der Kern aus einer reifen Frucht 
heraustritt, wahrscheinlich dieses ringförmige Mal gebildet hatte. Wir 
mussten nun hinunter. Wir gingen weg, jeder ganz in sich vertieft 
und mit der unglücklichen Miene von Leuten, die man nicht hat 
empfangen wollen, weil sie nicht gut genug gekleidet waren. Den 
ganzen Ahg6i^ entlang hatten wir schreckliche Unfälle; ich stürzte in 
einen von Domengestrüpp starrenden Graben, und T6ard setzte den 
Fu8S auf eine Natter. Unten harrte Frau T^ard, die erwacht war, 
unsrer mit Ungeduld, mit verstörten Mienen die Arme in der Luft 
schwenkend; ein herrenloser Hund hatte den Proviantkorb geplündert, 
der Wein war, allzu heftig von der Wellenbewegung des Wassers hin 
und her geschüttelt, ausgeflossen. Es blieb uns nur Brot übrig, aber 
ein Brot, das schon benagt und mit Speichel benetzt war .... T^ard 
lachte enttäuscht und zornig auf; seine Mutter jammerte, und ich, ich 
wagte nichts mehr zu sagen. Die Sonne ging unter, und man kehrte 
geschwind zu Tische heim. 

Während des Mahles, da das Fenster nach einem wunderbaren 
Horizont voll Flammen und Gold geöflnet war, stiess ich einen wahren 
Zomesschrei aus, indem ich mit dem Finger nach dem fernen Hügel hin 
zeigte. Dort. . . dort. . . ein diabolisches Spiel von purpurnen Lichtem 
und violetten Schatten liess die Ruinen des feudalen Schlosses wieder 
hervortreten. Ich unterschied deutlicher denn je die Wartthürme, den 
Rundweg, die Zinnen; und furchtbarer als je ragte im Blutschein des 
sterbenden Tages das hermetische Bergschloss empor, die unbekannte 
Heimat, die meine Seele an sich zogl... 



] 



SUCCUBUS. 

Ein dumpfes Lied von unbewussten Tagen 
Tont mir herauf aus schattenvollem Grunde 
Des Lebens : eine rothe Abendstunde^ 
Im Dom ein Sang^ von Weihrauchmeer getragen. 

Der Gottin Bild in veilchenfinstrem GlanZ; 
Der durch die bunten Bogenfenster dringt^ 
Lachelt herab; ein zügelloser Tanz 
Halbnackter Wünsche durch den Busen schwingt. 

Versöhnungsvolles Lauten treibt zurück 
Die Beter in des Lebens wilde Dränge, 
In dem Gewölbe sterben die Gesänge, 
Im Garten haucht ein süsses Rosenglück. 

Des Tages Gluthen steigen aus den Mauern 
Der Abendstrassen; dämmerblaues Licht 
Ersehnt die Seele, wo in neuen Schauern 
Verfrühter Traum des Lebens Blumen bricht. 

Es flieht der Schein; zu ungewohntem Mahle 
Erlabt die Seele wollustvolles Bad. 
Es öffnet sich ein Leib wie eine Schale 
Voll heissen Weines, dem die Lippe naht. 

Und eine Lust gepflückt aus tausend Lenzen, 
Der sich die Sinne wie aus früherm Sein 
Erinnern, klärt mit gelbem Morgenschein 
Die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen. 

Gen Morgen flieht der Traum im letzten Kuss, 
Und eine dumpfe Müdigkeit der Glieder 
Zieht schwer den Leib zum alten Leben nieder: 
Den grauen Wolken weicht der Succubus. 

Paris. Oscar A. H. Schmitz. 



SIEBEN BRIEFE (1871—1877) IWAN S. TURGENJEWS 

AN 

SOPHIA KONST. BRYLLOW, geb. KAWELIN. 

Herausgegeben Ton D. KORSAKOW. 
Deutsch Yon Dr. Adolf Hess (Hamburg). 

Im Februar des Jahres 1871 fand in der Petersburger päda- 
gogischen Gesellschaft ein öffentlicher Disput über die Methode des 
Geschichtsunterrichts in Mittelschulen statt. Gegner waren: der be- 
kannte Pädagoge Sipowski und ein junges, 19jähriges Mädchen, Sophia 
Konstantino wna Kawelin. Der Kampf schien höchst ungleich und fUr 
das Mädchen, den schwächeren Theil, von vornherein aussichtslos. 
Umsomehr musste sein Ausgang überraschen: Sophia Kawelin trug 
einen bedeutenden Erfolg davon; nach einigen Tagen sprach man 
bereits in den höchsten Kreisen der Residenz, die sich sonst so gleich- 
gütig gegen Schulfragen verhalten, von ihr; Sipowski selbst gestand 
hinterher freimüthig ein, dass er, der erfahrene Pädagoge, von dem 
19jährigen Mädchen besiegt worden sei. 

Unter der Zahl der Zuhörer hatte sich auch Turgenjew befunden 
und war von dem Mädchen aufs Höchste entzückt. »Ihm als Künstler« 
— stand später in der »Nowoie Wremja« ^) — »trat in diesem Mädchen 
ein neuer Typus der russischen Frau entgegen, der sich gewaltig von 
den sogenannten Nihilistinnen und weiblichen Wesen einer vergangenen 
Epoche unterschied,» — und der grosse Kenner weiblicher Herzen 
sdbst schrieb^ in Bezug auf jenen Disput: 

»Ja, das war für mich ein unvergesslicher Abend. Das junge 
Mädchen im einfachen grauen Kleide mit weisser Halskrause, zurück- 
gekämmtem kurzen Blondhaar, sprach mit seiner Kinderstimme so ver- 
ständig und überzeugend, opponirte so sachlich, zeigte solch vielseitiges 
Wissen in seinem Fach und daneben eine derartige Encyklopädie von 
Kenntnissen, dass alle Hörer (und ihrer waren nicht wenige) betrofifen, 
ja einfach hingerissen waren. Das ungläubige, mitleidige Lächeln, mit 
welchem man sie hier und da empfing, wich bald dem Ausdruck des 
Erstaunens und gespanntester Aufmerksamkeit. Das Mädchen war nicht 
schön; aber ein lieblicheres, sympathischeres Gesicht kann man sich 
nicht gut denken : Die zarte, weisse Stirn leuchtete von Verstand und 
Ueberlegung ; dasselbe sinnende Element klang aus der Stimme, spielte 
in den Augen; ihr ganzes Wesen war nicht forcirt, aber stark und 



>) »Nowoie Wremja« 1877. Nr. 579. 

*) Erinnerungeii Turgenjew's an S. K. Bryllow, » Wjestn. Jewrop.« 1877, Nov. 



762 KORSAKOW. 

nachhaltig erregt; dabei welche Harmonie des Inneren, welche Ein- 
fachheit und Klarheit I Weder zurückhaltend, noch herausfordernd kann 
man dieses Mädchen nennen, beide Worte besagen nicht das Richtige ; 
man fühlte vielmehr, dass da eine gute, ehrenhafte, im vornehmsten 
Sinne gebildete Persönlichkeit vor Einem stand, der es Vergnügen machte, 
sich auszusprechen. Es handelte sich um die 'Methode des Geschichts- 
unterrichtes. Sophia Konstantinowna hatte unbedingt Recht mit dem, 
was sie verfocht Daneben entwickelte sie noch ungemein viel Grazie 
bei den Stössen, die dem Gegner versetzt wurden — nicht nach 
eleganter französischer Manier, voll Selbstüberschätzung; sondern russisch 
gutmüthig, unschuldig und fast unbewusst . . .c 

Derart war das aussergewöhnliche Mädchen beschaffen, mit 
welchem Turgenjew noch im selben Jahre (1871) eine Correspondenz 
begann, die erst mit dem Tode der begabten Frau — sie hatte im 
Mai 1873 geheiratet — ein Ende fand. 

Von Turgenjew's Briefen, die hier zum erstenmale in 
Deutschland veröffentlicht werden, sind leider nur im Ganzen 
sieben erhalten; aber auch aus diesen wenigen geht zur Genüge hervor, 
welchen Werth der grosse Dichter dem Urtheil des jungen Mädchens 
selbst in Bezug auf seine Poesien beimass. 

I. 

Moskau, Pretschistenski-BonleTard, im Hause des Apanage-Comptoirs. 

Sonnabend, 13. März 1871. 

So, meine liebenswürdigste Sophia Konstantinowna, da wäre ich 
in Moskau und fahre nicht etwa aufs Land, denn ich habe mir den 
Verwalter kommen lassen und hier Alles mit ihm abgemacht, sondern 
reise nächsten Donnerstag oder Freitag fort; aber nicht nach Peters- 
burg, sondern direct »dahin, wo keine Citronen blühen c, über Smolensk, 
Wilna u. s. w. Es thut mir sehr leid, dass ich weder Sie, noch meine 
anderen Petersburger Freunde sehen werde, aber, offen gesagt: idi 
furchte mich vor der Cholera; und schliessiich: »Ce qui est difi^r^ 
n'est pas rcmis.c Jetzt bin idi in Unruhe Ihretwegen — hoffentlich 
ohne Grund — und zu diesem unbehaglichen Gefühl würde dann 
noch beträchtliche Besorgniss um die eigene Person hmzukommen . . . 
Nein; besser, ich komme ein anderesmall 

Moskau steht noch auf dem alten Fleck; in den Salons trifft 
man überall dieselben Gesichter, nicht ein einziger neuer Typus, der 
mir begegnet wäre. Wo man auch wandelt, überall riecht es nach 
Thran und Lampenöl ; ich bin kein Freund dieser slavischen Gerüche, und 
Eines weiss ich ganz genau: in Moskau werde ich mir niemals ein 
Nest bauen. Und nun vollends Petersburg mit seinem Klima I 

Montag hatte man mich gepresst, einen Vortrag zu halten — 
aber nur nicht für die Slavenbrüder I Für die, erklärte ich, würde 
sich meine Zunge nicht bewegen, höchstens für einen wohlthätigen 
Zweck. Da habe ich denn für die Garibaldianer gesprochen. 



SIEBEN BRIEFE IWAN S. TURGENJEWS. 763 

In Moskau bin ich im Ganzen vier Tage; und schon zweimal 
habe ich von 8 Uhr Abends bis 3 Uhr Morgens, bis mir die Zunge 
im Halse klebte, die Zukunft Russlands und des Slaventhums bestimmt, 
oder vielmehr, ich habe nicht verstehen können, wie Andre sie be- 
stimmen wollten. Da wurde geredet und geredet, bis Einem die Ohren 
klangen und der Schädel brummte . . . Folglich war Alles in Ordnung. 

Nun also, leben Sie wohl, mögen Sie blühen und gedeihen. 
Grüssen Sie Papa und Mama herzlich von mir und schreiben Sie mal 

ein Wörtchen _, t? j r tt 

Ihrem Freunde Iw, Turgenjew, 

IL 

London, 80 Devonshire place, Portland place. 

Freitae 14. (2.) April 1871. 

Liebenswürdige Sophia Konstantinowna ! Sie sollen mich nicht 
immer schelten: ich schelte Sie auch einmall Was? Sie wollen ein 
ordentliches Menschenkind, eine Lehrerin sein und setzen weder Datum 
noch Adresse auf Ihren Brief ? 1 1 Was soll ich jetzt machen? Ich greife 
mit beiden Händen nach dem Kopf, spanne alle Fasern des Gehirns 
an und rufe endlich: in derselben Reihe wie Ge. — und Ge. wohnt 
Siebentel Schön. Nun aber die Nummer, die Nummer! . . ä6? Nein; 
das ist Herr Pietsch in Berlin, der Nr. 36 wohnt 48? Nein; wenn es 
48 wäre, würde nair die Nummer jetzt einfallen; sie hätte sich in 
meinem Kopfe irgendwie mit der französischen Revolution associirt, 
deren incommunistische Principien Sie theilen. Nicht 48 ? Welche denn ? 
Mein Gedächtniss flüstert mir zittenKl zu: 60. Ich glaube wirklich, es 
ist 60. *) Und wenn nicht — soll dieser Brief verloren gehen ? Und 
Sie denken, ich sei ein unhöflicher Cavalier, der Liebenswürdigkeiten 
einer Dame nicht zu schätzen weiss? Wozu nur diese ganze Tortur 
und unnütze Vergeudung von Zeit (die ich allerdings anders gar nidit 
hätte verwenden können)! — Aber Gerechtigkeit geht allen Dingen 
vor. Also wasche ich meine Hände feierlich in Unschuld, und Sie 
setzen fortan als Lehrerin und genaue Correspondentin stets Jahres- 
zahl, Datum, Monat, Wochentag, vielleicht auch Tagesstunde, Stadt, 
Strasse und Haus auf Ihre Briefe. Dann ist Alles in Ordnung, und 
Sie haben ein Recht auf noch grössere Gerechtigkeit, als welche die 
Commune zu besitzen glaubt. (Letzte Phrase klingt beinahe wie eine 
Uebersetzung aus dem lateinischen Schriftsteller Tacitus — ist sie aber 
durchaus nicht I) 

Doch ich mache die Beobachtung, dass die Hälfte meines Brief- 
bogens bereits auf Explicationen draufgegangen ist, und will mich 
daher fortan lakonischer Kürze zu befleissigen suchen, eingedenk jenes 
Tacitus und Michael Pogodin. ^ 

^) Konstantin Dmitr. Kawelin, Sophias Vater, wohnte damals in St. Peters- 
burg: Wassil. Ostrowa, 7. Reihe, Nr. 60, Hans Kostiiyn. 

*) Der Historiker M. P. Pogodin (f 187^). Sein Styl ist knapp, aphoristisch. 



764 KORSAKOW. 

Zehn Tage in Moskau. Ganz nett, aber nicht ohne Unpässlich- 
keity Hangen und Bangen. Cholerafurcht machte mir vorübergehend 
zu schaffen. Genesen, litt es mich nicht in Petersburg, Stadt wurde im 
Eisentopf ^) durchflogen; that mir leid, aber machte mich nicht 
wankend. Auf der Fahrt nach Berlin Betrachtungen über Moskau; 
viel Tugend, aber Weiber reichlich hässlich. Diese Glocken in Pragal^ 
Sehen aus wie dicke Birnen, welche die Fürstin Tscherkasski vom Baume 
der Erkenntniss des Guten und Bösen pflückt Viel Thätigkeit — von 
Dank keine Spur. In Berlin — Erholung. Die Deutschen haben sich 
herausgemacht bis zur Unanständigkeit : stützen den Himmel auf Helme, 
möchten auf Erden gern Böhmen haben — beehren Andere mit ihrer 
Verachtung, uns, aus Freundschaft und Verwandtschaft, am allermeisten. 
Nach Erholung: Fortsetzung der Reise. Unglaublich viel schwarze 
Elreuze mit weissen Rändern — dicke Backen der Landwehrmänner 
erstaunlich — künstliches Lächeln der französischen Gefangenen er- 
innert an das Lächeln geprügelter Lakaien; sonst Jammer und Elend, 
schmutzige Kleidung. Nachdem der Meeresgrund überschifft, schlug ich 
Quartier in London auf und traf zur grössten Freude alle Freunde 
wohl und munter; wurde selbst aber unverzüglich krank und legte 
mich zu Bett — schlief zwei Nächte lang gar nicht und stöhnte umso- 
mehr. Heute stand ich von den Folterbrettern auf, fühlte mich gesund, 
nahm die Feder zur Hand und schrieb gegenwärtigen Brief. Sonst 
habe ich nichts zu Stande gebracht, und es scheint auch gar kein 
Bedürfniss vorhanden ; man reisst die Augen auf nach Paris und Frank- 
reich. Das ist Alles. Was aber später aus mir Sünder wird, wo ich 
leben werde, wie, wovon, wozu, wodurch — cur quomodo quando — 
das weiss ich nicht und will ich gar nicht wissen. 

Ueber welches Alles ich ausführlich berichtet habe und mich 
jetzo tief verneige. 

Wenn es Ihnen gerade einfallt, schreiben Sie mal; erzählen von 
sich und Ihren Eltern, die ich herzlichst grüsse. Ihnen aber drücke 
ich kräftig beide Hände und wünsche Ihnen alles Gute. 

Ihr Iw, Turgenjew, 
III. 

Paris, Rne de Doaai 48, 12. December (30. NoTember) 1871. 

Der Himmel bläulich-weiss wie abgerahmte Milch, die Strassen 
erfüllt von weiss-grauem Schnee nach Art des Petersburger »Streu- 
sandes«, im Zimmer 9 Grad — das Herz so schwer. Die Nasenspitze 
roth, die Finger klamm, halten kaum die Feder. Und da soll man 
Briefe schreiben? Thorheit? . . . Aber ein Menschenherz steckt voller 
Widersprüche, und ich möchte gerade jetzt ein wenig mit Ihnen plaudern, 
liebe, junge Freundini Das heisst, eigentlich möchte ich von Ihnen 
erfahren, dass Sie leben und gesund sind, Ihre Eltern desgleichen, dass 
Ihr Herz wie früher von Liebe zur Wissenschaft brennt und sich noch 



^) Populär für Eisenbahn. 
*) Vorstadt von Warschan. 



SIEBEN BRIEFE IWAN S. TURGENJEWS. 765 

keinen anderen Altar errichtet hat — namentlich keinen mit einer 
weniger heiligen Flamme I Wenn also Alles gut steht, geben Sie mir 
Nachricht, und wenn sich etwas angesponnen hat, geben Sie mir 
trotzdem Nachricht. Es wird mir sehr angenehm sein — nicht dass 
sich etwas angesponnen hat, sondern dass ich auf diese Weise etwas 
von Ihrem Leben und Treiben erfahre. Also ich hoffe, Sie antworten! 
Unterricht ertheilen Sie doch noch wie früher? 

Ich bin inzwischen nach Paris übergesiedelt, nachdem ich Baden- 
Baden und Deutschland Lebewohl gesagt. Hier habe ich noch Nie- 
manden gesehen — habe bald an Podagra gelitten, bald eine grössere 
Novelle vollendet, die an den »Boten Europas« abgesandt ist und in 
der Jännemummer erscheinen wird. ^) Ich trage Bedenken, sie Ihnen 
zu empfehlen: ich wollte die Sittlichkeit preisen, und nun ist es zu 
meinem Schrecken so gekommen, dass die Unsittlichkeit triumphirtl 
Mein Unglück . . . Schon besser, Sie lesen sie nicht 

Wir befinden uns hier in sonderbarer Lage ; von Thiers an verab- 
scheut fast Alles die Republik — aber wie sie abschaffen, das weiss 
Niemand. Es endet wieder mit irgend einem coup d'^tat, diesesmal 
zu Gunsten der Orl6anisten. Einstweilen ist hier noch Alles schwarz 
und das Leben nicht besonders lustig. 

Ende Jänner werde ich mich sicher in Petersburg präsentiren. 
Dann ist jedenfalls keine Cholera. 

Jetzt viele Grüsse an Ihre Eltern und einen kräftigen Händedruck 

Ihr ergebener Iw, Turgenjew, 

IV. 

Paris 48, rue de Donai. Sonntag, (16.) 28. Jänner 1872. 

Liebenswürdigste Sophia Konstantinowna, ich antworte unverzüg- 
lich auf Ihren Brief. Zuerst muss ich Ihnen mittheilen, dass ich nach 
Mai keinen Brief mehr in London von Ihnen erhalten habe. (NB. Un- 
regelmässiger als England bestellt kein Land auf Erden seine Post!) 
Auf den einzigen Brief von Ihnen habe ich sofort geantwortet. Sodann 
bin ich Ihnen nicht nur nicht böse wegen Ihrer Bemerkungen über 
meine Novelle,^ sondern danke Ihnen im Gegentheil für Ihre Offen- 
heit; übrigens hatte ich, wie ich Sie kenne, gar nichts Anderes von 
Ihnen erwartet. Ich sage Ihnen ohne Umschweife, dass ich vollständig 
Ihrer Meinung bin und eine Art Abneigung gegen mein eigenes Geistes- 
kind empfinde. Diese hat sich allmälig in mir entwickelt, und Ihr 
Brief hat zum Anfang das Ende gefugt. Wenn ich nur irgend Jemandem 
die Arbeit vor dem Druck laut vorgelesen hätte — das Ende wäre 
jedenfalls von mir umgearbeitet worden, Herrn Sanin hätte ich alsbald 
von Frau Polosoff fortlaufen lassen, sich noch einmal mit Dshenna 
treffen, die ihm einen Korb gegeben hätte u. s. w. 

^) Targen jew's Novelle »Frnhlingswasser« im »Wjestn. Jewrop.« 1872. 
Jänner. 

*) »Frühliogswasser.« 



766 KORSAKOW. 

Jetzt ist das Alles ins Wasser gefallen, und ich kümmere mich 
nicht mehr um meine Missgeburt. Ich weiss nicht, ob ich noch etwas 
schreiben werde, aber von den Personen, wegen der Sie mich mit 
Recht tadeln, habe ich auf ewig Abschied genommen. Da sehen Sie, 
was ich für ein Herrchen bin. 

Sie schreiben mir nichts über Ihre Eltern; ich vermuthe, dass 
dieselben sich wohl befinden. Den Artikel Ihres Vaters im »W. Je.« 
habe ich noch nicht gelesen.^) Es macht mir Freude, dass Sie fort- 
fahren, für die Aufklärung in unserem Vaterlande zu kämpfen — und 
dann, dass Sie bis jetzt noch ein freies Vögelchen sind. Das Eme 
passt schlecht zum Anderen. Uebrigens sind Sie wie geschaffen, die 
heterogensten Dinge mit einander zu vereinen und ihre Zusammen- 
gehörigkeit durch die That zu beweisen. 

Anfang März sehen wir uns, so Gott will, wieder; bis dahin 
danke ich Ihnen nochmals und drücke Ihnen kräftig die Hand. 

Ihr ergebener /. T, 

P.S. Grüssen Sie AUe, auch Darja Iwanowna.*) Diesesmal haben 
Sie nicht nur keine Adresse angegeben, sondern sogar Ihren Namen 
vergessen! Gut, dass ich Ihre Handschrift kenne. 

V. 

Paris 48, rue de Douai. MoDtag, U. (2.) October 1872. 

Also Sie befinden sich im Stadium des Menschenhasses, der die 
Folge eines langen Aufenthaltes auf dem Lande, der allgemeinen 
LebenseinrichtUDgen im heiligen Russland u. s. w. ist. Das will schon 
etwas sagen I Aber nun nehmen Sie erst jenen Menschenhass, welcher 
durch fünf Monate andauerndes, ununterbrochenes Podagra entsteht — 
alle Achtung I J'en sais quelque chose — weil ich mich gerade in 
seinen Klauen befinde und überhaupt nicht weiss, wann es aufhört. 
Dieser ist ein Vorläufer des Alters, der Hässlichkeit und körperlicher 
Auflösung : jenen nenne ich, was Sie auch sagen mögen, das Schwung- 
brett der Hoffnung und Jugend. Nun werden Sie mich wieder des 
Kleinmuthes zeihen, wie bei der Cholera, aber ich möchte wohl sehen, 
was Sie sagen würden, wenn — hoffentlich passirt das nie — wenn 
eines Ihrer Knie, wie bei allen Menschen, so wäre^) und das andere 
s o I Dazu dann noch Nächte langes Zähneknirschen, keine Möglichkeit 
zu gehen u. s. w. Da vergisst man selbst Bismarck — und der Schmerz 
der Elsässer erscheint einem als purer Blödsinn. 

Doch der Gedanke, die Moderluft des Westens zu athmen, ist zu 
schön — Sie werden sich bemühen, ihn nächstes Jahr zu verwirklichen. 

^; »Aufgaben der Psychologie« von K. D. Kawelin im Jänner-Heft fF. d. 
»Wjestn. Jewrop.« 1872. 

*) Eine alte, adelige Dame aus dem Hause N. N. Tjutscbew's, des lang- 
jährigen Freundes Turgenjew's. 

^) An dieser Stelle sind zwei Knie gezeichnet: ein normales, das andere 
geschwollen und gekrümmt. 



SIEBEN BRIEFE IWAN S. TURGENJEWS. 767 

Selbst vom Standpunkte einer Docentin, einer Gelehrten ist das un- 
umgänglich nothwendig. Mit doppeltem Eifer werden Sie hinterher für 
die dicke, schlappe Kaufmannsfrau arbeiten, so da Russland heisst. Es 
ärgert mich, dass ich nichts habe thun können, um die Bekanntschaft 
der Deutschen mit dem Werke Ihres Herrn Vaters*) anzubahnen — 
aber ich hatte von AnfiEmg an wenig Hoffnung auf Erfolg. Der Sinn 
steht ihnen nicht danach; sie müssen den Katholicismus bekämpfen 
und ersticken — davor tritt alles Andere in den Hintergrund. 

Frankreich aber pilgert nach Lourdes und ä la Salette. Das ist 
nicht weiter von Bedeutung; die Republik ist ohne Frage gesichert 
und das genügt. 

Schreiben Sie mir IhrUrtheil über »Das EndeTschortopchanow's«,*) 
aber lesen Sie die Arbeit, bitte, ohne Vorurtheil, d. h. ohne Einge- 
nommenheit zu meinen Gunsten, vielmehr strenge und objectiv. Die 
Fortsetzungen sind grösstentheils misslungen — vielleicht habe ich 
ganz umsonst den Geist Tschortopchanow's beunruhigt. Wenn nur nicht 
das abscheuliche Podagra wäre; in meinem Kopfe regt sich etwas — 
doch Alles umsonst. 

Sie zweifeln ohne Grund an meiner Ankunft ; ich hatte und habe 
wirklich die Absicht, im Winter nach Petersburg zu reisen; aber mein 
Leiden nimmt mir jede Möglichkeit, irgend welche Pläne zu entwerfen. 
Also . . . was kommt, das kommt. Jedenfalls bleibe ich bis Ende des 
Jahres hier. 

Es heisst, Perow stellt in Petersburg Porträts von Dostojewski, 
Maikow, Pogodin und mir aus. Sehen Sie sich die Bilder an — sie 
sind alle sehr schön — namentlich Dostojewskis. 

Was gibt es für authentische Nachrichten von Katkow? Hier 
wird versichert, er habe den Verstand verloren. Ich werde ihm keine 
Thräne nachweinen. 

Schreiben Sie mir, wann Sie Lust haben; ich antworte immer 

präcise. Grüssen Sie Ihre Eltern von mir; Ihnen drücke ich kräftig die 

Hand und wünsche Ihnen allen Erfolg. ri. r /f» 

Ihr Iw. Turgenjew, 

VI. 

Pari« 48, rue de Donai. Donnerstag, 2. Jan. 1873 (21. Dec. 1872). 

Liebenswürdigste Sophia Konstantinowna, Ihren Brief habe ich 
empfangen und mit grossem Vergnügen gelesen; ich beantworte ihn 
Punkt für Punkt: 

a) Vor allen Dingen gratulire ich Ihren Eltern und Ihnen zum 
neuen Jahr und wünsche Ihnen alles Gute, von der Gesundheit an. 

h) Ihr Urtheil über Tschortopchanow ist vollständig richtig, und 
das Hinweisen auf die schwachen Stellen verräth Ihren feinen kritischen 

^) Kawelin hatte Targenjew gebeten, womöglich eine dentsche Ausgabe 
seiner »Aufgaben der Psychologie« in Berlin su veranlassen. Siehe Torgenjew's 
Brief an K. D. Kawelin Tom 7. September (26. August) 1872. 

*) Ersählnng Tnrgenjew's, deren Anfang im »Wjestn. Jewrop.c 1872, No- 
vember, erschien. 



768 KORSAKOW. 

Verstand; ich selbst fühle und weiss, dass ich etwas Compacteres und 
Zeitgemässeres schaffen muss, und theile Ihnen sogar mit, dass ich 
Sujet und Plan eines Romanes fertig habe — denn ich glaube nicht 
daran, dass die Typen in unserem Zeitalter ausgestorben sind, und 
man sie nicht mehr beschreiben soll — aber von den zwanzig Wesen, 
die mein Personal bilden, sind zwei nicht an Ort und Stelle studirt, 
nicht aus dem Leben genommen; imd »erfinden« im bekannten Sinne 
will ich nicht Es ist auch gar kein Nutzen dabei, denn schliesslich 
betrügt man doch Niemanden« Also muss man Material sammeln. Und dazu 
muss man in Russland' leben. »Aber warum leben Sie nicht in Russ- 
land ?« so ungefähr fragen Sie auch in Ihrem Briefe. Darauf erwidere 
ich: Das ist gerade das Fatale in meinem Leben, dass ich so wenig 
im Stande bin, mich zu ändern — wie die Form meiner Nase. »Un- 
sinn I« rufen Sie aus, »so jung und muthig, wie Sie sind I« aber da Sie 
selbst von Beruf Historiker sind, so appellire ich an Ihr historisches 
Gefühl (Sie beschäftigen sich wohl gerade mit den polnischen Wirren) 
und bitte Sie, ein wenig nachzudenken, bevor Sie dieses Wort »Unsinn« 
wiederholen. Vielleicht wiederholen Sie es dann nicht. 

Aus alledem folgt, dass ich mich bemühen muss, meinem Kummer 
durch wenigstens zeitweiligen Aufenthalt in Russland zu helfen, was ich 
in der That beabsichtige. Aber werden diese flüchtigen Besuche ge- 
nügen? Darüber muss mein Schriftstellergewissen entscheiden. Wenn 
ja, schreibe ich meinen Roman; wenn nein, dann Amen! Ein Anderer 
wird kommen und das erfüllen, was mir im Bewusstsein schlummert, 
wahrscheinlich weit besser als ich. Denn schon Goethe hat gesagt: 

»Selbst dem grossen Talent drängt sich ein grösseres nach.« 

Und mich zu den grossen Talenten rechnen, kann nur freund- 
schaftliche Ueberschwänglichkeit. 

Dixi et animam meam salvavi. 

c) Es thut mir leid, dass Sie Perow's Porträts noch nicht gesehen 
haben, einige (namentlich Dostojewski's , der mich im »Russischen 
Boten« so aristophanesisch unter die Teufel versetzt) sind ausgezeichnet. 
Antokolski's »Peter«, den ich in einer grossen Photographie gesehen 
habe, ist vollständig misslungen und gleicht einem Brandmajor. Die 
Lawrowski ist hier und hat schon 20 Stunden bei Mme. Viardot 
genommen. Ich sehe sie selten; sie ist ein sehr liebes, einfaches und 
bescheidenes Kind. Ihren Enthusiasmus über sie theile ich nicht. Ihre 
Stimme ist sympathisch, aber schon ein wenig abgenutzt und nicht 
ganz rein; unbewusstes poetisches Empfinden ist vorhanden, aber das 
künstlerische, scenisch-theatralische, dramatische — oder wie Sie es 
nennen wollen — Element ist schwach und hat keine Physiognomie. 
Nennen Sie mich meinetwegen einen Cyniker, ich sage, sie ist ein zu 
gutes Weib, um eine grosse Künstlerin sein zu können; erst Trübung 
gibt dem Lichte Farbe, und sie ist überaus hell. 

In Paris geht Alles seinen Gang. Die Republik wurzelt im Volke, 
aber die ganze Regierung (Thiers nicht ausgenommen) ist gegen sie. 



SIEBEN BRIEFE IWAN S. TURGENJEWS. 769 

und da die Regierung augenblicklich in Frankreich grosse Macht be- 
sitzt, kann sie jene leicht wie einen Handschuh wechseln, allerdings 
nur auf Zeit; doch davon wird nichts besser. Vergessen Sie nicht, 
dass nirgends in der Welt der Clerus so mächtig ist, wie hier, und 
dann combiniren Sie. 

Mein Knie ist vom Podagra endgiltig gekrümmt, ich habe mich 
damit ausgesöhnt, natürlich ist mir das schwer geworden. Nicht nur 
von der Jagd und den Spaziergängen war Abschied zu nehmen. Mein 
Trost besteht darin, dass ich mir sage, ich hätte ebensogut erblinden 
können, und dann? Leben Sie wohL Ich drücke Ihnen die Hand 

Ihr Iw, Turgenjew, 

P. S. Wissen Sie vielleicht in deutscher oder englischer Sprache 
eine Monographie über die Regierung Kaiser Pauls ? Wenn ja, so theilen 
Sie mir bitte schnell den Titel mit; Michelet bittet mich darum. 

Eine Adresse haben Sie wieder nicht angegeben 1 Ich habe über 
eine halbe Stunde in alten Briefen suchen müssen und sie dann, Gott 
sei Dank, gefunden. 

VII. 

50, rue de Douai, Paris. Dienstag, 16. (4.) Jänner 1877. 

Liebe Sophia Konstantinowna, ich habe es immer verschoben, auf 
Ihren liebenswürdigen, verständigen Brief zu antworten, weil ich mich 
nicht auf ein paar Worte des Dankes u. s. w. beschränken wollte ; aber 
ich fand keine Zeit. Noch länger zu zögern, wäre indessen unverzeihlich, 
und doBwegen ist hier — tout chaud, tout bouillant — was ich zu 
sagen habe. 

Vor allen Dingen hat mir Ihr Brief grosse Freude gemacht ; nach 
dem Schreiben Ihres Vaters war er mir ein Unterpfand dafür, dass 
ich mich nicht ganz geirrt habe, und dass das von mir Geschriebene 
Existenzberechtigung hat. ^) Nach allen Bedenken, welche Andere ge- 
äussert haben, besonders aber nach den eigenen Zweifeln und Be- 
denken — bedeutet das wirklich fiir mich grosse Freude. Es handelt 
sich hier nicht um literarische Eigenliebe, die in mir niemals sehr 
stark entwickelt war, sondern um ein anderes, ernsteres Gefühl; folg- 
lich werden Sie begreifen, wie angenehm mir Ihr, gerade Ihr Urtheil 
war. Jetzt wird das Publicum sprechen ; ich verhalte mich nicht gleich- 
giltig dagegen, aber meine Meinung steht bereits fest. 

In dem Briefe an Konstantin Dmitriewitsch habe ich den Grund 
angegeben, der mich veranlasst hat, geradeso, wie ich es gethan, das 
Volkselement in »Neuland« darzustellen; übrigens habe ich unter dem 
Einfluss Ihrer Worte zwei, drei ergänzende Züge hinzugefügt. 



^) Von Tnrgenjew's Roman »Neuland« ist die Rede. Turgenjew's Antwort anf 
K. D. Kawelin*s Brief über den Roman enthält die Stelle: »Grussen Sie Ihre 
Tochter von mir, und sagen Sie ihr, dass ihr Beifall die schönste Perle in der 
Krone bedeutet, welche Sie mir aufsetzen.« Etwas allegorisch gesagt, aber voll- 
kommen aufrichtig. 



59 



^^0 KORSAKOW. 

Aber jetzt muss ich emiger Unzufriedenheit mit Ihnen Ausdruck 
verleihen. (Ich ho£fe, Sie schreiben das nicht jener Autorenmanie zu, 
welche sich mit Vorliebe bei den schlechtesten und schwächsten 
Kinderchen aufhält) Sie sprechen über verschiedene unbedeutende 
Sächelchen von mir, und erwähnen unter anderen auch »Stuk Stuk«. 
Denken Sie sich, dass ich dieses Ding nicht als besonders geglückte, 
sondern vielleicht ungenügende und schwache, aber eine von den 
ernstesten Arbeiten ansehe, die ich jemals geschrieben. Diese Studie 
über den Selbstmord, und gerade den an der Tagesordnung befind- 
lichen, aus Eigenliebe, Stumpfsinn und Aberglauben entspringenden, 
höchst läppischen und phrasenreichen russischen, beschäftigt sich mit 
einem Thema, das interessant und wichtig ist, wie nur irgend ein 
sociales. Ich wiederhole, dass ich wahrscheinlich nicht verstanden habe, 
alles das zu analysiren und in die richtige Beleuchtung zu rücken; 
aber ich gebe Ihnen nochmals die Versicherung, dass Sujets dieser 
Art anderen durchaus nicht nachstehen! Vergessen Sie nicht, dass 
russische Selbstmörder durchaus von Europäern wie Asiaten ver* 
schieden sind, und dass diesen Unterschied künstlerisch und treu dar- 
stellen, sehr wichtig sein kann, weil es einen Beitrag zur Menschen- 
kenntniss liefert, worin doch schliesslich die Aufgabe aller Poesie, von 
der Epopöe an bis zum Vaudeville herab, besteht. 

UffI werden Sie sagen, welche oratio pro domo sual und des- 
wegen — je n'insiste plus. 

Aller Wahrscheinlichkeit nach komme ich in vier oder fünf 
Wochen nach Petersburg, und dann werden wir uns natürlich oft sehen. 
EinstweUen bitte ich um einen freundlichen Gruss an Ihren Gatten und 
Ihre Eltern; von mir aber nehmen Sie den Ausdruck herzlichster An- 
hänglichkeit entgegen, mit welcher ich bleibe 

Ihr ergebener Iw, Turgenjew. 



DIE .CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 

Von Carl Bleibtreu (Wilmersdorf bei Berlin). 

(Schluss.) 

Wenn er in trotziger Jugend sich als freier armer Corse fühlte, so geschah 
dies im Gegensatz zu den adeligen Lümmeln der Brienner Kriegsschule, 
in jener Zeit, wo er an Selbstmord dachte. Später aber verbannte er 
jede Erinnerung an seine gedrückte, einstige Lage in der Heimat und 
sprach es unverhohlen aus: »Ich mag nichts zu schaffen haben mit 
Corsica.« Daher auch sein bekannter Kniff, seinen Geburtstag (7. Jänner 
1768| er hatte das Jänner-Temperament wie Byron, Schopenhauer, 
Bums, Petöfi) in den 15. August 1769 umzudiditen, damit er als 
Franzose geboren sei. Der Kaiser der Franzosen liebte sein leicht- 
füssiges Volk der Gloire und der Revolution, dieser beiden grossen 
Elementarmächte des Völkerlebens, als einzig passendes Object seiner 
Weltpläne. Wohl betonen die Napoleon-Hasser ganz treffend, dass er 
kein Vaterland gekannt habe und Frankreich zuletzt nur eine Mutter- 
zelle und eine Nummer Eins in der allgemeinen Völkergruppe des 
grossen Reiches gebildet habe. Denn nicht zum Roi de France, sondern 
zum Weltimperator war er geboren. Dennoch geht man fehl, ihm ein 
lebhaftes französisches NationalgefUhl absprechen zu wollen, . Wenn er 
den Italiener hervorkehrte und in der FamiHe oft Italienisch sprach, 
wie die auf ihre Sprache so eifersüchtigen Franzosen ihm vorwarfen, 
wie kommt es dann, dass er weder Italienern, noch anderen Nationali- 
täten seines Reiches je höhere Aemter einräumte? Und wenn er auch 
klarstes, geniales Verständniss für die Bedürfnisse Italiens, Hollands, 
der Schweiz bethätigte und ihnen politische Wohlthaten angedeihen 
Hess, so nahm er doch keinen Anstand, durch besondere Schutzzölle 
deren Seiden- und Speditionshandel zu Gunsten Lyons und der französi- 
schen Seehäfen zu unterbinden. 

Indem wir aber Napoleons Zomeswort: »Ich habe das Recht, 
mit einem beständigen Ich zu antworten, ich bin anders wie die 
Andern, und ihre Gesetze sind fUr mich nicht da«, als vollberechtigt 
bejahen, würden wir andrerseits an seiner Heldengrösse irre werden, 
wenn nicht seiner incommensurablen Geisteshoheit sich auch hohe 
ethische Kraft gepaart hätte. Denn wir kamen zu der Ueberzeugung, 
dass Carlyle's Heroencultus, der übrigens Napoleon »unseren besten 
grossen Mann« nannte, in dieser Beziehung das Rechte trifft, dass 
wirklich jedes echte Heldenthum ein erhabenes Menschenthum aus- 
löse und dass die Schuld, wenn kein Held vor seinem Kammerdiener 
besteht, nicht am Helden liegt! Weil wir aber kein Kammerdiener 
sind, so wollen wir auch nicht verschweigen, dass unser Abgott eine 

59* 



772 BLEIBTREU. 

schwache Zeit hatte, wo er die Nase zu hoch in die Sterne steckte 
und deshalb über allerlei Schlingen strauchelte, die Zeit seines Cäsaren- 
wahns 1810—1812. 

Wenn wir den Ausdruck »Cäsarenwahnsinn« anwenden, so lässt 
uns eben der Sprachgebrauch keine andere Wahl. Ein solcher »Wahn« 
eines wirklich zum Weltimperator Geborenen muss aber streng unter- 
schieden werden von der Gehimverwirrung purpurgeborener Gross - 
mannssucht, gerade so wie Napoleons Monarchenthum von dem der 
»Könige Faulenzer« (roi fain^ant), um seinen bezeichnenden Hohn zu 
citiren. Dieser grosse Idealitätsmensch hatte einen »unausrottbaren Sinn 
für Realitäten« (Carlyle). Nichts typischer als seine trockene Antwort 
auf die Frage, ob er 1798 in Palästina nicht die heilige Stadt Jeru- 
salem besuchen wolle: »Durchaus nicht, dieser Ort liegt nicht auf 
meiner Operationslinie.« Man hat nun zwar behauptet, dass dieser Sinn 
für Wirklichkeit in ihm zuletzt geschwunden und von Haschen nach Schein 
ersetzt worden sei, verkennt jedoch, dass hiebei nur die latente Ideologie 
seiner Prophetennatur sich Bahn brach. Man denkt unwillkürlich an 
den Wunderglauben, wenn man ihn mit »Schicksal« und »Vorsehung« 
feierlich wirthschaften hört. Nicht eine Art Geistesstörung ist es, wie 
gütige Weise es auslegen, wenn er im Jänner 1814 auf Marmont's 
Frage, der »zu träumen meint, als er solche Dinge hört«, womit man 
denn kämpfen wolle, gelassen erwiderte: »Mit dem Wenigen, was wir 
bei uns haben.« Denn seine gänzliche Verachtung der Materie (»unmög- 
lich? dies Wort ist nicht französisch«) hat ihm eine übertriebene 
Meinung von der Allmacht geistiger Werthe eingeflösst. Und wenn 
1812 Jemand von einer Unterredung den Eindruck mitnahm, als habe 
er zwischen dem Pantheon und dem Irrenhaus gestanden, indem wieder 
die alte fixe Ale3cander-Idee »Indien« auftauchte, so werden wir dieses 
praktischen Riesenverstandes scheinbare Trübung doch tiefer, sozusagen 
symbolisch, fassen müssen. Einem Schöpferdrang, dem Europa ein 
Maulwurfshügel schien, bot die Welt kaum noch genügende Stoffe und 
ausreichende Objecte, um sich daran auszutoben: er hätte logisch 
damit enden müssen, den Mond erobern zu wollen. Normale Mittel- 
mässigkeit mag solch faustischen, nie gestillten Thatendurst, solch ver- 
zehrendes Schaffensfieber verrückt schelten. Aber rast nicht auch die 
Natur mit Kometen und geologischen Erschütterungen, verfolgt sie 
immer gemessen ihre einfache Bahn? Dass eine solche Ueberspannung 
des genialen Menschen, die sich selbst als Gott fühlt und sich dem 
All als souveränes Ich entgegenspreizt, im Dasein begründet liegt, 
dafür fand schon die Bibel das »Eritis sicut deus« und die Fabel vom 
Thurmbau zu Babel. 

Die Hellenen erfanden die Prometheus- Mythe, und wahrlich nicht 
zufällig drängte sich dem Napoleon-Mythos der Vergleich mit Prometheus 
auf. So hat auch schon ein grosser unbekannter Dichter mit imperialen 
Instincten, Shakespeare's Vorläufer Marlowe, in seinem »Faust« und 
»Tamerlan« Napoleon vorgeahnt; dieser Tamerlan lässt sich sterbend 
die Landkarte kommen und vertheilt die Erde, dann aber ruft der nie 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 773 

Besiegte dem Tode trotzend: »Auf, lasst uns marschiren gegen die 
ewigen Götter I« Was wollen wir damit sagen? Dass Napoleon eine 
völlig für sich alleinstehende, einzigartige Culmination menschlichen 
Wollens und Könnens bedeutet, gleichsam die Erfüllung der Sehnsucht 
nach dem Uebermenschen, soweit diese Phrase eine reale Bedeutung 
haben kann, dass also jede kleinere Auffassung, jedes Vergleichen mit 
anderen Menschengrössen nothwendig hinter der Wahrheit zurückbleibt. 
Aber nicht den M)rthos vom Halbgott muss man dabei bewahren wollen; 
hiedurch entstanden alle jene Nörgeleien und Missverständnisse, die 
einer fälschenden Anti-Legende Thür und Thor öffneten. Wer einen 
vollkommenen Uebermenschen sucht, muss sich nothwendig enttäuscht 
fühlen, wenn er auf Menschliches, allzu Menschliches stösst. Wir 
sind alle nur Menschen mit menschlicher Nothdurft, aber es wäre 
ein dreistes Unterfangen, die Belauerung solcher Nothdurfte triumphirend 
dahin auszubeuten, dass der Riese eben auch nur einem Menschenzwerg 
gleiche. Das sind die Schlacken des Individuums, aus denen sich auch 
der Beste herausarbeiten muss, um Goethe über Byron zu citiren. Eine 
kosmische AUseele wie Napoleon muss nothwendig alle Instincte der 
Natur enthalten, also auch gewisse niedrige. Aber letztere bildeten nur 
eine gleichgiltige Unterschicht, der wahre Napoleon, der Eigene, erhob 
sich mächtig aus dem Dunstkreis des Gemeinen, das uns Alle bändigt. 
Wir beharren dabei, dass ihm eine ganz exceptionelle Stellung in der 
Menschengeschichte angewiesen werden müsse, dass Niemand ihm näher- 
trete, der nicht ein unerforschliches Lietztes, ein räthselhaftes Geheimniss 
in ihm entdeckt. Davon hat sogar Taine einen Hauch verspürt, als er 
daran ging, Napoleons Gehirnphänomen zu zergliedern. Er betont, dass 
dies Ungeheuer Alles wusste, ohne es je gelernt zu haben. Von 
wannen kam ihm diese Wissenschaft? Wir wissen's nicht. 

Man möge es auf Treu und Glauben hinnehmen, wenn wir bitten, 
sich nicht durch allerlei Redensarten täuschen zu lassen, und als leidlich 
sachverständig versichern, dass in der Kriegsgeschichte (leider identisch 
mit Weltgeschichte) nichts, gar nichts seit ältesten Zeiten bis zu dieser 
Stunde nicht nur an dramatisch-technischer Meisterschaft, sondern vor 
Allem an Ideenschwung und Anschauungsfülle den entferntesten Ver« 
gleich mit Napoleon gestattet. Genau das Nämliche dürfte aber für 
alle Gebiete des Herrschens in Staatswesen und Gesellschaftsordnung 
zutreffen. Die spielende Leichtigkeit, mit der seine unerhörte Arbeitslust 
1800 — 1804 den ausgesogenen Boden Frankreichs düngte und aus 
wirthschafdichem Siechthum zu üppigster Fruchtbarkeit umackerte, hat 
nirgendwo in der Weltgeschichte ein Gleichniss. Was er heranzog zum 
Wiederaufbau, Juristen, Financiers, Postdirectoren, Industrielle, Archi- 
tekten, römische Hierarchen, Alles stand »einfach starr vor Bewunderung« : 
er wusste Alles besser als sie. Diplomaten und Politiker hatten das 
schon früher erfahren. Jeder Ausländer begriff bald, dass der kleine 
Insulaner aus weltentrückter Scholle den Mechanismus jedes beliebigen 
Landes viel genauer durchschaue, als die ererbteste traditionelle Staats- 
weisheit und die gelehrtesten Studien es je vermochten. Die Schweizer 



774 BLEIBTREa 

Deputation hörte mit offenem Munde zu, als ihr »Vermittler« aus dem 
Stegreif eine Vorlesung über Cantönlibünde hielt, die heut' noch Curti 
in seiner Geschichte der Schweizer Demokratie als classisch abdruckt* 
Woher kam dies Alles ? Aus der »Fähigkeit, die ich an Ihnen bemerkte, 
klarer als Alle, obschon viel schneller zu sehen«, wie der Civilcommissär 
dem jungen General 1797 schrieb, aus der blitzartigen deductiven 
Divination. Auch seine gewaltige autodidaktische Geschichtskenntniss war 
mehr philosophischer Extract als pragmatisches Wissen. Bei ihm ver* 
schmolzen mit fabelhafter Schnelle Analyse und Conclusion, Induction 
und Deduction: sah er ein Ding an, so hatte er sofort dessen innersten 
Nerv, gleichsam die ewige Idee dieses Dings gepackt Freilich bleibt 
noch ein Ungelöstes zurück, ein Etwas, das den düstem Jungen auf 
der Schule mit dem starren Imperatorblick ruhig decretiren Hess: »I ch 
weiss das schon«, wenn sein verwirrter Abbe ihn belehren oder 
katechisiren wollte. (Colonel Jung: »Jeunesse de Bonaparte«.) Auf dem 
dunkelrothen schlichten Porphyrsarg im Invalidendom, wo man mit ehr- 
furchtsvollem Schauem des grössten Sterblichen Asche sich nahe fUhlt, 
steht kein Name, nur ein Kranz von Schlachten; warum nicht auch 
seine zahllosen Friedenswerke? Wohin er seine Hand legte, auf den 
Code wie auf den Mont Cenis, war's für die Ewigkeit, monumental. 
Alpen, Meer, Wüste — nur sie sind seinesgleichen, die Menschheit 
verschwindet in den Hintergrund. 

Wir können von unserer Aufgabe nicht scheiden, ohne nochmals 
die scheinbaren Widersprüche zusammenzufassen, die sich aus unserer 
Auffassung und den Vorwürfen der Gegner ergeben würden. Der 
preussische General Wille hat ein Pamphlet »Napoleonische Bulletins« 
gestiftet, worin Napoleons Verlogenheit und Brutalität gebrandmarkt 
werden soll Gelogen wie ein Bulletin? Kann man denn immer die 
Wahrheit sagen? Hatte der Feldherr z. B. nicht Recht, wenn er fort- 
während seine eigene Truppenzahl übertrieb? Die ganze Befangenheit 
seiner Verleumder aber zeigt sich darin, dass sie gerade in diesem 
einen Punkte hartnäckig Napoleon Glauben schenken, um hiedurch die 
Mythe von seiner Uebermacht aufrecht zu erhalten. Und^ doch wies 
Lettow-Vorbeck nach, dass Napoleon 1806 thatsädilich nur 170.000 
Mann gegen 210.000 Preussen ins Feld führte. Wille zetert darüber, 
dass der Kaiser in einem Tagesbefehl dem Dragoner-Divisionär Klein 
»extröme simplicitö (Einfalt)« vorwarf, weil er an Blücher's Vorspiege- 
lung eines Waffenstillstandes glaubte ; wie aber nennt Oberst v. Lettow- 
Vorbeck diese »Brutalität« Napoleons? »Entschieden gerechtfertigt«, und 
jeder Unbefangene wird beipflichten. Wir geben zu, dass sich in einem 
der Bulletins von 1806 ein Zug findet, der nach schamloser 
Heuchelei schmeckt. Der Kaiser plaudert nämlich romanhaft von seiner 
Grossmuth gegen eine Französin, die er bei Gewitterregen zufällig in 
einem Jägerhause findet, und verbrämt diese unpassende Anekdote, die 
man leicht genug als ein gemeines Liebesabenteuer ausdeuten könnte, 
mit der grossartigen Tirade: »Als der Kaiser vom Pferde stieg, hatte 
er die Vorahnung einer guten Handlung 1!« Allein, wenn wir wirklich 



DIE »CENTENARFEIERc DES GRÖSSTEN. 775 

SO manche edle Handlung der Generosität von ihm kennen, so werden 
wir über solche Scherze wie über die fingirte Grossmuthskomödie mit 
der Fürstin Hatzfeld in Berlin geduldiger weggehen. Klappern gehört 
zum Handwerk^ welcher Staatsmann und Herrscher wüsste sich frei 
davon 1 Viel bedeutsamer scheint es uns, dass wir ihn von jenem häss- 
lichenZug gallischer Eitelkeit frei finden, immer nur für Franzosen die Gloire 
zu pachten. So nennt sein Bulletin über die Beresina- Schlacht ausdrücklich 
die deutsche Brigade Foumier, während in französischen Historien ab- 
sichtlich nur das 7. französische Kürassier-Regiment genannt wird. 

Dass die laxe Disciplin der Napoleonischen Legionen sehr über- 
trieben angeschwärzt ward, gibt auch Lettow- Vorbeck, I., 75, und IL, 386, 
zu. Auch setzte er selbst den geringeren Generalen so enorme Dota- 
tionen aus, dass sie es nicht nöthig hatten, zu stehlen. So erhielt (nach 
französischen Quellen) Lasalle 50.000, Grouchy 64.000, Reille 60.000, 
Sebastiani 120.000 Francs Rente, Duroc gar 280.000. Allerdings wurden 
z. B. in Berlin alle öfifentlichen Gassen belegt, um den Truppen eine 
ausserordentliche Gratification zukommen zu lassen. Dafür wurde aber 
sonst auf Ehre und Anstand gesehen, und durchaus unaffectirt klang 
Napoleons Schmerzensschrei nach der Capitulation von Baylen: »Die 
Generale capituliren^ weil sie geraubte Kirchengefässe nicht im Stich 
lassen wollen 1 All mein Blut möcht' ich verströmen, um diese Schande 
abzuwaschen.« £s ist femer wohl wahr, dass er oft jeder Selbstzucht 
spottete, vor der spröden Walewska seine Uhr zerschmiss, wie vor 
dem österreichischen Unterhändler Kobenzl 1797 die bekannte Por- 
zellanvase, beides um emzuschüchtem. Aber derselbe Choleriker ertrug 
es im Zenith unwirschen Cäsarenwahns geduldig, dass ein Oberst, dem 
man widerrechtlich sein Regiment genommen, aufs Keckste opponirte 
und gab ihm sofort ein anderes Regiment. (Memoiren von St. Chamand 
1895.) Seine gewaltige Zomrede an das 4. Regiment, das bei Austerlitz 
seinen Adler verlor, trieb den Zuhörern »den kalten Schweiss aus«. 
Aber als Lieutenant Parquin ihn im Tuilerienhof förmlich anfällt, weil 
er für so viel Verdienste noch das £hrenkreuz nicht habe, sagt der 
Kaiser gelassen: »So bringe ich's dir selbst Ich will nicht, dass solch 
ein Braver mir länger creditirt.« 

Fassen wir endlich Alles zusammen, was wir über den Gewaltigen 
denken, so summirt es sich in seinen Worten : »Ja, ich wollte die Welt- 
herrschaft, und wer an meiner Stelle hätte sie nicht gewolltl« und 
zum andemmale : »Die Welt bedarf meiner, nicht ich derWeltl« 

Seihst ein denkender Gelehrter wie Gregorovius sieht sich be- 
müssigt, in einer Studie über Elba zu betonen, wie sehr es das moderne 
Gefühl verletze, dass immer nur von der »Armee« in Napoleons da- 
maligen Proclamationen die Rede sei. Da berührt es dann wohlthuend, 
dass in der belletristischen Beilage des socialistischen Centralorganes 
»Vorwärts« zu einem Napoleon^Gemälde von Bleibtreu ein Text geliefert 
wurde, der durchaus treffend und geistreich den völligen Unterschied 
des corsischen Weltumwälzers von anderen Tyrannen und Handlangem 
in Blut und Eisen betonte. Ob Napoleon jenen Fortschritt verkannte, 



776 BLEIBTREU. 

der an Stelle kriegerischer Gewaltthaten den friedlichen Ruhm der 
Künste und Wissenschaften setzt? NeinI Denn bei Einführung der 
Ehrenlegion würdigte er sehr wohl die Tendenzen des Jahrhunderts: 
»Unsere bisherige Erziehung und unsere Sitten machten uns zu eiteln, 
nicht zu starken Menschen. So fühlen sich viele Officiere verletzt, dass 
ihre Decorirung bis zum Tambour heruntersteige und auch dem Schrift- 
steller und Künstler zutheil werde. Doch bald werden die Militärs nur 
sich selbst geehrt flihlen durch solche Brüderschaft mit den ersten 
Geistesgrössen und den Ersten jedes Standes.« Diese goldenen Worte 
bedürfen keines Commentars in ihrer niederschmetternden Beweiskraft 
gegen unsere Napoleon-Ignoranten. Wenn aber ein Allumfasser, der u. A. 
in Gesprächen mit Laplace lange vor Ehrenberg's und Anderen Mikroskop- 
forschung in der Infusorienwelt auf die Welt des unendlich Kleinen, der 
Atome, hinwies, von denen wir abhängen, wenn ein solcher dennoch in der 
Kriegskunst seine klarste Bethätigung fand^ so muss das stutzig machen. 
Aber was hätte er nicht gekonnt, wenn die Umstände ihm diese 
Bethätigung versagten! Hat er nicht selbst behauptet, dass er seinen 
Beruf verfehlt habe, zum Schriftsteller geboren sei? Sein erster Gedanke 
in Fontaineblau war der, dass er »sich selbst überleben wolle, um 
unsere Grossthaten zu beschreiben« (Anrede an die alte Garde), und 
schon vorher vei sicherte er: Gerne lasse er sich pensioniren mit 
10 Francs pro Tag bei seinen einfachen Bedürfnissen, damit er endlich 
Müsse für andere Arbeiten habe; nur solle man nicht von ihm 
demüthigende Unterwerfung verlangen, so lange er seine Imperatorpflicht 
erfüllen müsse. Auf St. Helena richtete er sich alsbald eine literarische 
Villeggiature ein. Seine Schriften über Militärisches und Staatliches sind 
weitaus das Bedeutendste auf diesem Gebiete. Mochte er auch manchmal 
als bombastischer Falstaff prahlen: »So führt' ich meine Klinge«, so 
zuckten doch fortwährend Blitze in seinen Worten auf, die aus un- 
ergründlichen Tiefen des Allbewusstseins stammen. Wo er sich vom 
Persönlichen losmachte, haben seine Aussprüche etwas Transscendentales, 
athmen eine compacte Grösse, die wir nur ahnen können, die aber 
Carlyle sagen Hess : »Dieser Mann habe Sätze gefunden wie Austerlitz- 
Schlachten.« Zwar trifft sich darunter auch sein berühmtes »Vom Er- 
habenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt« (December 1812 in 
Warschau vor du Pradt), doch wir bekennen ehrlich, dass wir an ihm 
wohl viel Erhabenes, doch das Lächerliche nur an seinen kleingeistigen 
Bespöttlern entdecken konnten. Deshalb sparen wir uns zum Schlüsse 
die Begründung für das Wichtigste auf, ob er ein falscher oder wahrer 
Prophet oder überhaupt ein Prophet gewesen sei. Ja, das war er. Wenn 
er mit Blutströmen das Modergertimpel der Burgen, Zöpfe und Allonge- 
perücken wegschwemmte, wenn er das morsche Gehäuse der alten 
Welt zerbrach und ein neues Reich der Vernunft stiften wollte, wenn 
er den Code Napoleon mit Feuerschlünden predigte und die Devise 
»Jede Laufbahn offen dem Talent I« im weiten Kaiserthume des Genius, 
so wähnen nur oberflächliche Thoren oder gehässige Fälscher, dass er, 
seiner Mission nicht voUbewusst, nicht als Columbus einer neuen Welt 



DIE »CENTENARFEIER« DES GRÖSSTEN. 777 

sich gefühlt habe. Im Gegentheile sprach er es unverhohlen ans, er 
müsse seine Mission erfüllen, tmd sei dies vollbracht, dann könne ein 
Atom ihn fällen, »bis dahin aber vermag man nichts wider mich«. 
Diese directe Verknüpfung mit dem Unendlichen, dies naive Bewusstsein 
eines Abgesandten höherer Ewigkeitsmächte eignet allen wahrhaft 
Grossen. Es erinnert an Cromwell's tiefsinnige Frage auf dem Todten* 
bette, ob man aus der »Gnade« fallen könne? Denn das wisse er 
gewiss, dass er einst »in der Gnade« war. Doch wir haben ein Docu- 
ment, das fettgedruckt vor allen Napoleon-Büchern stehen sollte, das 
aber natürlich Niemand gewürdigt: Napoleons Ansprache an die Cor* 
porationen von Madrid. Darin heisst es : »Ich vernichte das Inquisitions» 
tribunal. Ich unterdrücke die Feudalrechte, welche der Adel usurpirte. 
Jedermann darf nun Mühlen, Oefen, Fischereien, Gasthäuser errichten, 
die Industrie hat freies Spiel. Die Selbstliebe und der Wohlstand einer 
kleinen bevorzugten Classe waren eurer Agricultur schädlicher als die Hitze 
der Hundstage. Wie nur ein Gott ist, so sollte nur ein Gesetz sein ; deshalb 
zerstöre ich alle particularistische Jurisdiction als widersprechend dem 
Nationalrechte. Es gibt kein Hemnmiss, das auf die Dauer meines 
Willens Ausführung verzögern könnte. Doch was über meine Macht 
geht, das ist, euch Spanier zu einer Nation zu machen, so lange ihr 
in Uneinigkeit verharrt. Kern Staat, der England folgt, kann auf dem 
Festlande existiren. Die jetzige Generation mag verschiedener Meinung 
sein, zu viele Leidenschaften sind erregt worden, euere Nachkommen 
aber werden mich segnen als den Regenerator. Der Tag, wo ich unter 
euch erschien, wird ein nationaler Gedenktag werden, von ihm wird 
Spaniens Wohlfahrt herdatiren. Dies sind meine wahren Gesinnungen. 
Geht und berathet euch mit euren Mitbürgern, wählt eure Partei, aber 
thut es offen und ohne Hinterhalt.« Wir enthalten uns des Commentars 
zu diesem Redestücke, in dem jeder Satz ebe That oder eine ewige 
Wahrheit birgt. Der englische Geschichtsschreiber des Halbinselkrieges^ 
Oberst Rapier, ein zeitgenössischer Bewunderer des »grössten Mannes, 
von dem die Geschichte meldet«, bemerkt hiezu: »Dies eröffnet ein 
schönes Feld der Betrachtung über die Heftigkeit jener Leidenschaften, 
die uns Menschen verlocken, dem wirklich Guten (positive good) zu 
widerstehen und eifrig nach Elend und Verderben zu haschen, eher 
als dass wir unseren Vorurtheilen entsagen.« Sehr richtig 1 Darum wird 
uns nicht Wunder nehmen, dass der einzige Herrscher, der es je mit 
dem Allgemeinwohle der europäischen Menschheit ehrlich meinte, heute 
noch von der dummen Menge als Erztyrann und grausamer Moloch 
verpönt wird. Denn die Völker plärren nur nach, was die herrschenden 
Kasten ihnen aufschwatzen. Dass letztere aber Napoleon's Erscheinung 
noch heute mit unauslöschlichem Hasse verfolgen und durch eine 
jämmerlich charakterlose Geschichtsschreibung sein Andenken besudeln 
lassen, bietet gleichsam die Probe aufs Rechenexempel. So gewaltig 
hatte der Imperator theils durch sich selbst, theils durch gereizten 
Widerstand gegen sein Joch die Welt demokratisirt, bezeichnenderweise 
Preussen am stärksten, dass sich lange nach seinem Sturze dem ge- 



778 BLEIBTREU. 

pressten Herzen Friedrich Wilhelms III. der Angstruf entrang: »Um 
das Unglück voll zu machen, muss ich auch noch den Jacobiner spielen!« 
Wilhelm der »Grosse« aber, der übrigens viel bedeutender war, als die 
begreifliche Reaction gegen seine Ueberschätzung Wort haben will, 
schrieb als Prinz von Preussen an Natzmer klagend, die Welt werde 
immer demokratischer, nichts habe es gefruchtet, dass man 1813 — 1815 
die Revolution zu Boden warft! Brauchen wir weiter Zeugniss? 
Von deinen Feinden erfahre du, wer du bist: den Fürstenfeinden Na- 
poleons galten die sogenannten »Befreiungskriege« der Kosaken, für 
die ja freüich schon Platen das richtige Wort fand, als Kriege gegen die 
Revolution, die ihnen vollkommen identisch mit Napoleon! Lernet 
nachdenken, ihr kleinlichen Modernen mit eurer öden Anti-Napoleon- 
Legende, lernet nachdenken! Geht in euch und begreift, was euch der 
Riese gewesen ist! 

Unsere Napoleon-Apotheose hat gar nichts gemein mit dem naiven 
Rausche der Legende, sie beruht auf unausgesetzter Prüfung und Be- 
trachtung, die sich keineswegs voreingenommen den Einwürfen der 
Gegner entzog, sondern sich ihnen anzupassen suchte und durch einige 
schwankende Abirrungen der geraden Linie hindurchging, ohne freilich je 
die Richtung zu verlieren. Alle Krümmungen dieses geradlinigen Ur- 
theUes haben sich aber wieder zurechtgeschoben und sind von uns als 
unlautere Fälschungen fremder Oberflächlichkeit erkannt worden. Und 
nun sind wh: unerschütterlich klar und fest geworden in unserer ruhigen 
und trockenen Erkenntniss: Napoleon ist der Grösste gewesen aller 
Menschen und aller Zeiten, eine Offenbarung der Vollmenschlichkeit, 
wie sie noch nie auf Erden erschien. Das vielmissbrauchte Prädicat 
»Genie« vermeiden wir; es scheint uns seiner nicht würdig. Es gab 
Genies als Dichter, Denker, Künstler, Naturwissenschaftler, Feldherren, 
heute redet man sogar von Erflndergenies. Ihnen Allen gemein ist die 
öde Einseitigkeit. Das wahre Genie ist das Herrscherthum, das Alles 
umfasst, begreift und lenkt Deshalb kommt Friedrich der Grosse wohl 
Napoleon am nächsten. Doch wird unparteiliche Prüfung lehren, dass 
auch diese hohe und tiefe Natur aus schwächerem Metall und in 
kleinere Form gegossen als der Riesen- und Urmensch aus Corsica. 
Ihm allein eignete unter allen Sterblichen die Eigenschaft des wahren 
Genius, die Universalität, das Vollmenschliche und Kosmische. Ihn den 
Grossen zu nennen, wäre eine Majestätsbeleidigung wider sein Andenken, 
wo so viele Geringere mit dem Titel geschmückt wurden. Ihn den 
Grössten zu betiteln, wäre ja nur ein Scherz ;' er bleibt einfach d er E i n e. 

Nachschrift. 

Jnst nachdem wir unsere gegentheilige Meinung über den Gewaltigen 
formulirt, erschienen soeben jene »Lettres in6dites de Napoleonc (Paris, Plön), 
welche der sogenannten Napoleon-Legende einen vernichtenden Schlag beibringen 
sollen. Ein meisterhaft geschriebener Artikel der »Neuen Freien Press ec 
fasst den Eindruck dahin zusammen: »Es ist der Geruch einer Senkgrube. Pfui 
Teufel!« Dabei aber entschlüpft das Eingeständniss: »Schrecklicher und furchtbarer 
wird der Mann, kleiner nicht.« Das erstaunliche Genie des Gehimungeheuers ent- 



DIE »CENTENARFEIERc DES GRÖSSTEN. 779 

ladet sich selbst in diesen Tertraalichen Waschzetteln brutaler Sultanswirthschaft. 
Wir haben schon betont, dass man die Epoche des »Cäsarenwahnsinns«, 1809 
bis 1812, niemals zum Maasstab der ganzen Napoleon-^atur nehmen dürfe, und die 
schlimmsten Ausbrüche des Jehoyah-GroUens kommen nur in den Briefen vor, die 
aus dieser Zeit datirt sind. Sehr richtig erkennt man im Rasen, das jeden Wider* 
stand zerbrechen will, geheime Furcht. Es ist aber noch etwas Anderes, wir gehen 
weiter: Hier steckt eine ahnungsvolle Verzweiflung der Erkenntniss, dass dieses 
Jahrhundert »seinem Ideal nicht reife, dass sein Traum universalen Genie-Kaiser- 
thums an der menschlichen »Dummheit« und »Canaille« scheitern müsse, dass er 
selber im besten Grunde ein Ideologe sei, der nicht mit der Realität rechne. In 
diesem wilden Zorn ohnmächtigen Ringens mit der Materie erscheint ihm jede 
'Widersetzlichkeit der Menschheit gegen seine terroristische Hinpeitschung zu 
grossen Zielen ein Verbrechen, eine Sünde wider den heiligen Geist, die man 
nicht vergeben kann. »Canaille«, das Wort fliegt nur so nach allen Windrichtungen, 
aber man vergesse nicht, dass er sein Leben lang mit wirklichen »Canaillen« der 
höheren Stände zu schaffen hatte, dass nach seinem Standpunkt sowohl die Idealisten 
als die ungeschickten Realisten »Dammköpfe« waren. Er tobt, er flucht, er ist 
eben Corse. Das ist Alles schlimmer gesagt als gemeint, wo es sich um thatsäch- 
liche Gewaltacte handelt. Dass er aber Ordnung haben wollte, kann ihm Niemand 
verübeln. O, wenn man die Briefe vergötterter »christlicher« Cäsaren oder Bis- 
märckischer Gewaltmenschen veröffentlichen wollte, worin sie ihre politischen und 
persönlichen Feiade beschimpfen, bedrohen, vernichten wollen! Es geschieht nur 
mit mehr affectirter Würde, während das ungenirte Genie sich in Hemdärmeln 
zei^t. Es gehört eine seltene Heuchelei dazu, wenn man in Ländern, in denen 
Polizeiwillkür täglich wunderliche Blasen treibt, sich über die Napoleonische 
Polizei entrüstet. Was glaubt man wohl, was passiren würde, wenn anderswo ein 
Präfect (in Emden) von meuternden Matrosen geprügelt wird? Würde man sie 
etwa nicht auf die Galeerea schicken? In Wien werden 1809 Leute erschossen, 
bei denen man vergrabene Kanonenrohre findet oder die französischen Officieren 
den Säbel zerbrochen vor die Füsse warfen. 

Was soll der Lärm? Das ist Kriegsgesetz, ebenso wie die Erschiessung Palm's, 
und würde wohl heute noch, jedenfalls aber in jener rauheren Zeit, von jeder 
Staatsgewalt verübt werden. Haben wir nicht in zwei hochdvilisirten Ländern 
erlebt, dass OfHciere mitten im Frieden mit blutigem Säbel auf harmlose Civilisten 
losschlugen und dafür minimale Strafe erhielten? Ist das nicht tausendmal bar- 
barischer? O ihr Heuchler! Dass Napoleon seinem Polizeiminister den Kopf 
wäscht, weil er die todfeindliche Stael in Paris duldet, soll despotisch sein ? Wie 
stimmt diese Auffassung zu den zahllosen Ausweisungen armer Arbeiter, von 
Weib und Kind weg, »auf Grund des Socialistengesetzes«, zu den schandbaren 
Einkerkerungen Unschuldiger ä la Essener Meineidsprocess ? Nun, wir selbst haben 
in einer Novelle: »Das Geheimniss von Wagram«, das Gerücht als Thatsache 
genommen, dass Napoleon den Oberst Oudet, das Haupt der Philadelphen, nach 
der Schlacht von Wagram durch Hinterhalt französischer Grenadiere habe »aus 
Versehen« erschiessen lassen. Warum nicht? Trachtete ihm Oudet nicht nach- 
weislich nach dem Leben, frass sein Geheimbund nicht die Disciplin der Armee 
an? Es war Vollstreckung eines kriegsgerichtlich begründeten Urtheils ohne 
Formalien, voilä tout. Nur mit dem höchst bezeichnenden Nebenvorgang, dass 
Napoleon, seine Pflicht als Belohner jedes Verdienstes auch hier erfüllend, seinen 
Todfeind noch rasch vorher auf dem Schlachtfeld wegen militärischen Verdienstes 
in der Schlacht zum General ernannte! Just so, wie er seinem Todfeind 
St Cyr, dem grössenwahnsinnigen Neidling, nach dessen erstem wirklichen Erfolg 
bei Polotzk den Marschallsstab sandte. Aus den soeben erschienenen Memoiren 
von Norvins ersehen wir, wie wenig Napoleon sich so wie andere Herrscher von 
Schmeichelei und persönlicher Anbetung bestechen liess. Norvins, für den trotzdem 
sein Idol immer das gleiche blieb — denn es sind immer die Anständigsten 
gewesen, die ihre Begeisterung für den Geniekaiser treu bewahrten — vermochte 
trotz seiner byzantinischen Schwärmerei nie einen grösseren Wirkungskreis zu 
gewinnen, unbeschadet seiner glänzenden Connexionen, weil Napoleon ihn eben 
dafür nicht passend hielt. 



78o BLEIBTREU. 

Wir bleiben dabei, dass man den Herrscber vom Menschen trennen, bei 
Beiden das corsische Temperament und anch das nie sonst dagewesene abnorme Milien 
berücksichtigen müsse. Wenn Napoleon eine brutale, gransame Natnr gewesen 
wäre, so würden nicht zahllose persönliche Züge des Gegentheils überliefert sein.* 
Wie hatte er nicht über das Lntzow'sche Freicorps gewettert, nnd doch begrüsst 
er Lützow selber, den er verwandet auf dem Kirchhof von Ligny traf: »Ah, voici 
le chef des brigands, le fameuse partisan! Qu'on le traite bienic Eine harte 
Natur in so pessimistischer Stimmung, wie sie Napoleon nachweislich (Houssaye 
1815) damals umdüsterte, würde wohl schwerlich so grossmüthig den gehassten 
sBri ganten«, in dem er den verderblichsten Typus der Volkserhebung verkörpert 
sah, behandelt haben. Wer auf St. Helena tief ergriffen vor der Jesusgestalt sein 
Haupt neigte und in classischen Worten von dem »grossten Eroberer« sprach, 
neben dem alle anderen Grossen nur armselige Aeusserlichkeiten vorstellen, der 
hat selbst in der dunkelsten Verirrung seines Jehova-Traums nicht den Weg zum 
Licht verloren. 

Wen »der Vater im All« mit so unerhörten Geisteskräften ausgerüstet, 
der steht über dem Urtheil der Menschen, die im letzten Grunde doch nur 
pharisäisch ein Wesen verdammen, von dem sie nichts als gerade die Aussen- 
schale seines Egoismus begreifen. Denn nur dies ist ihnen wahlverwandt ver- 
ständlich. Griffen sie in den eigenen Busen, wie sie den Lockungen der Allmacht 
unterlägen, wie jeder kleinste Gewalthaber von blindem Selbstwahn strotzt, so 
würden sie ahnen, wie Jesus einen Napoleon richten müsste: »Richtet nicht, 
auf dass ihr nicht gerichtet werdet!« »Wer sich rein fühlt, werfe den ersten 
Stein !« 



WIE EIN SIEGER. 

Ich wollte durch sonnenduftende Weiten 
Das Haar bekränzt wie ein Sieger schreiten, 
Die Finger an den träumenden Saiten 
In einem zärtlichen Andachtsgleiten. 

Und auf den Hohen wollte ich rasten, 
Prüfend nach den Sandalen tasten 
Und lächelnd über der Menschen Hasten 
Von der Seele schütteln die Wanderlasten. 

Wien. Richard Schaükal. 



JACOB BURCKHARDT f- 

Von Emil ScHÄFFER (Wien). 

» . . . Die Erzieher fehlen, die Ausnahmen der Ausnahmen abge- 
rechnet . . . Eine jener allerseltensten Ausnahmen ist mein verehrungs- 
würdiger Freund Jacob Burckhardt in Basel.« Das sind Worte, die den 
Namen Jacob Burckhardt mit leuchtender Helle umstrahlen, ihm einen 
Glanz leihen, der nimmer verblassen wird, denn Friedrich N i e t z s c h e 
war der Mann, der dankbaren Herzens diesen Satz geschrieben. Burck- 
hardt erzog durch Wissenschaft; aber wenn er dies vermochte, wenn 
wir seinen Werken mehr danken als eine Bereicherung an positiven 
Kenntnissen, wenn seine Bücher uns neue Pfade weisen, unsere An- 
schauungen verrücken, unser ganzes Wesen umformen, kurz erziehen, 
so rührt dies daher, dass der Professor Burckhardt ein grosser 
Künstler war. Er gehörte niemals zu jenen Universitätshandlangem, 
deren Arbeiten man fleissig und verdienstlich zu heissen pflegt; der 
vorzüglichste Kenner verborgener Quellen, der kundigste Forscher 
staubiger Archive, er wusste doch, dass nicht um der Anmerkungen 
willen das Buch da ist. Wo die Gelehrten aufhören, setzte seine Thätig- 
keit erst ein ; wo Andere als Kärrner Steine regellos zusammenschichten, 
da schuf er als Baumeister herrliche Paläste, beseelt vom Geiste seiner 
starken Individualität. Burckhardt schrieb als Künstler niemals, um 
die Wissenschaft zu bereichem, auch nicht, um als Fertiger, wie 
vom Katheder herab, erhabene Weisheit zu künden, sondern nur irgend 
etwas, das ihn bedrückte, wollte er sich vom Nacken tvälzen, und sich 
selbst über eine Kunst, eine Cultur die ersehnte Klarheit bringen, 
alles Verhuschende und Zerflatternde durchs Wort in feste Formen 
bannen. Auch Burckhardt bedeutete (wie jedem Künstler) das Nieder- 
schreiben eines Satzes zugleich auch eme Ueberwindung der Stimmung, 
die ihn gebar; das vollendete Werk hatte ihn zu einem Anderen 
gemacht. Was Gegenwart dereinstens war, schien jetzt ihm fremde Ver- 
gangenheit, zu der er kein Verhältniss mehr finden konnte. Dies 
Künstlerthum Burckhardt's erklärt die einem Gelehrten gewiss unbe- 
greifliche Thatsache, dass er niemals selbst eine zweite Auflage 
seiner Bücher veranstaltete, dass nothwendige Correcturen und Er- 
gänzungen immer von fremder Hand besorgt werden mussten — das 
gedmckte, fertige Buch war ihm wohl kaum mehr als Hekuba dem 
Schauspieler. 

Burckhardt schrieb, wie gesagt, nie, um zu schreiben, sprach nur 
dann, wo er nicht schweigen durfte, und darum scheint bei ihm keine 
Zeile überflüssig; jeder Satz ist bedeutend, keiner könnte weggelassen 
werden. Was Burckhardt besonders reizte, war das Aufeinanderprallen 



782 SCHÄFFER. 

verschiedener Weltanschauungen, der Kampf der beiden grössten 
Culturen, der heidnischen und der christlichen. Seine ehrlichsten 
S3anpathien gehören wohl dem Heidenthum. In seiner »Zeit Con- 
stantin des Grossen« beugt er sich bewundernd vor der Riesen- 
gestalt Diocletians, sucht seine Verfolgung der Christen zu rechtfertigen, 
und für den Heroismus hingeschlachteter Märtyrer hat er nur frostiges 
Staunen übrig; denn »der feste Glaube an einen sofortigen Eintritt in 
den Himmel begeisterte gewiss auch manchen innerlich unklaren und 
selbst gesunkenen Menschen zur freiwilligen Hmgabe des Lebens, dessen 
Werthschätzung ohnedies in jener Zeit der Leiden und des Despotismus 
eine geringere war als in den Jahrhunderten der germanisch-romanischen 
Welt«. 

Voll trauernder Liebe und mit zürnendem Schmerz blickt er auf 
die bereits in den Farben der Verwesung schillernde Antike, beschreibt 
die schauerlichen Mysterien des Mithras und der grossen Mutter von 
Pessinunt, den vollständigen Verfall der Künste, das Ende des physisch 
schönen Menschen, um schliesslich doch im Christenthum eine »hohe 
geschichtliche Nothwendigkeit« zu erkennen. 

Greift er hier in seiner Liebe zum Starken und Gesunden für 
das Christenthum Partei, weil es ihm lebenskräftige Keime zu bergen 
und Neues zu verheissen scheint, so begrüsst er wiederum in seiner 
»Cultur der Renaissance« freudig das Abstreifen der mittelalterlichen 
Glaubensfesseln, das grossartige Erwachen des PersönlichkeitsgefUhls, 
die naive und stolze Freude an der Schönheit der Welt und an der 
eigenen Individualität. Jene wundervolle Zeit, für die der »cortegiano« 
des Grafen Castiglione ebenso typisch deucht wie Aretino's »ragiona- 
menti«, jene Tyrannen, die in einer Stunde einen Mord begehen und 
in der nächsten mit Humanisten ruhig über Plato und Aristoteles 
disputiren konnten — jene ganze Cultur, die ebenso reich war an 
süssen Harmonien wie an schrillen Dissonanzen: Burckhardt hat sie 
in einer Sprache geschildert, deren spröde, bisweilen auch harte Schön- 
heit an Florentiner Sculpturen des Quattrocento erinnert. Und auch in 
diesem Buche imponirt und blendet die Art, wie er alles Seiende als 
nothwendig zu begreifen sucht, sein an Thucydides gemahnender, un- 
bedingter Wille zum Thatsächlichen. Niemals misst er in Folge dessen 
diese complicirte Zeit an dem Massstabe einer allgemein giltigen Moral, 
sondern aus der Cultur selbst holt er die Gesetze für ihre Beurtheilung« 
So konnte er nicht wie Gregorovius in Cesare Borgia bloss einen 
»Räuberhauptmann« schauen, aber es scheint mir doch sehr fraglich, 
ob er gleich Nietzsche in dem Papst Cesare Borgia die Vollendung 
der Renaissance erblickt hätte. 

Von der Kunst spricht Burckhardt in seiner »Cultur der Re- 
naissance« wenig, nur soweit er ihrer als eines socialen Factors Er- 
wähnung thun muss. Dafür hat er uns ausser seiner »Geschichte der 
Renaissance- Architektur« ein Buch geschenkt, das, wie der 
Bädecker sagt, jeden Kunstfreund nach Italien begleitet — ich meine 
den »Cicerone«. In knappen, unübertrefflich kurzen Sätzen charakteri- 



JACOB BURCKHARDT. jS^ 

sirt Bur^khardt hier die Kunst und die Künstler Italiens, gibt (wie 
Nietzsche von sich rühmt) in einem Satze mehr als Andere in einem 
Bande und findet für ganze Gruppen von Gemälden, für ganze Schulen 
Worte, die als termini technici längst in alle Kunstgeschichten über- 
gegangen sind. 

Hier aber, beim »Cicerone«, muss auch unsere, d. h. der »Jungen« 
Kritik einsetzen. In der Baukunst des Barock sehen wir heute nicht 
nur eine »verwilderte Renaissance«, wir begeistern uns mehr für 
Sansovino als für Palladio, und in sein allzu herbes Urtheil über 
manche Bilder Tintoretto's werden wir kaum mehr einstimmen. Es 
sind eben fast dreissig Jahre verstrichen, seit Burckhardt den »Cicerone« 
schrieb, und in dreissig Jahren wandelt sich das Kunstempfinden. Aber 
gerade dort, wo wir anders fühlen, können wir am besten von Burck- 
hardt lernen, wenn wir unsere Kritik bescheiden vergleichend neben 
seine setzen. Das ist kein Verbrechen und gewiss eher im Sinne des 
Meisters gehandelt, als wenn wir in blindem Respect vor seiner Autorität 
oder aus Denkfaulheit nachsprechen und nachschreiben, was ein Anderer, 
und sei es der Grösste, dreissig Jahre vor uns empfunden. 



MAURICE MAETERLINCK. 
Von Dr. Paul Bornstein (Berlin). 

(Fortsetzung.) 

Das grosse Geheixnniss, das Transcendente ruht in der Tiefe 
Maeterlinck*scher Dramen. Unsichtbar ist es vorhanden, ungreifbar ist 
es da. Es liegt in der Luft, es sättigt sie mit dumpfer Schwüle, es 
durchdringt alles Leben. Es ist der dunkle Unterton, der überall mit 
anklingt, der dunkle Untergrund, von dem Personen und Ereignisse 
sich abheben. Als jenes imponderable Fiuidum, jenes »je ne sais quoi«, 
das wir Stimmung nennen, schlägt es uns mit kühlen Schauem ent- 
gegen, fasst es uns an mit Geisterhand, dass wir Skeptische unsere 
Schulweisheit vergessen. Es lässt verborgene Nerven in uns schwingen, 
die sonst nicht erzittern, es versetzt uns in jene Spannung, die auf 
Ungewöhnliches und AusserordeDtliches vorbereitet Der Zauber der 
Stimmung — von ihm geht jener heimliche, dämonische Reiz aus, der 
uns Blasirte immer wieder zu diesem Poeten treibt. Wir können uns 
seiner bezwingenden Eigenart nicht entziehen. Mit souveräner Hand 
spielt Maeterlinck auf der Claviatur unserer Seele; nur ein Meister 
findet solche Weisen. Nicht immer sind sie traurig ; oft tritt das Dunkel 
zurück — dann entsteigen seiner traumhaften Phantasie Bilder von 
einer süssinnigen, schlichten, stillen Schönheit, von der unendlich milden 
Schönheit des jungen Frühlingstages. So hingehaucht und selbstver- 
gessen. Das Glück aufkeimender Liebe, die traurige Süsse der ver- 
botenen, der ewige Schmerz der verzichtenden — ihm sind sie ver- 
traute Klänge; Mutterliebe und Geschwisterliebe — ihm entschleiern 
sie ihre geheimen Reize. Zauberhafte Bilder auch menschlichen 
Glückes und Friedens weiss er zu geben — kurze Intermezzi, einem 
unerbittlichen Fatum abgerungen, vor dessen rauhem Hauch ihr goldener 
Glanz nur zu bald verblassen muss. Und die doch so ergreifend wirken, 
gerade weil wir wissen, dass es der Glanz der untergehenden Sonne 
ist, der ihnen ihr stilles Licht gibt, weil wir wissen, dass bald, zu bald 
die Nacht kommt. 

Die Stimmung des Aussergewöhnlichen zu erzeugen, dient vor 
Allem ein aussergewöhnliches Milieu. In diesen Dramen ist Alles 
»Strange« — gesteigert, unheimlich, seltsam. Schon die Zeitl Wann 
mögen sie alle gelebt haben, diese Könige, Prinzen tmd Prinzessinnen ? 
Sie sehen aus, als stammten sie aus grauer Vorzeit; sie haben so etwas 
Mittelalterliches und Ritterliches an sich, als wären sie just aus alten 
Epen emporgestiegen. Aber dies Balladeske ist rein äusserlich und 
decorativ — Rang so wenig wie Gewand sind ihnen integrirend. Sie 



MAURICE MAETERLINCK. 7*5 

könnten in grauer Zukunft so gut leben wie in grauer Vergangenheift- 
In Wahrheit stehen wir auf dem Boden des Erngmenschlicfaen^ losgelöst 
von aller Zeit. Die Dinge geschehen sozusagen sub spede aetemi. Ver- 
lassen ist auch der Boden der realen Welt, wir befinden uns durchaus 
in einer künstlichen, phantastischen. Reminiscenzen an holländische 
Landschaften klingen a», aber sie sind wie Alles stylimrt Rem mensch- 
liches Auge hat sie je gesehen, diese Königshöfe mit dm seltsam 
archaistiBcben Anstrich,- diese emsamen Herrensitze, Sitm an BOcklia 
gemahnenden Schlösser am Meeresstrand, die der Hauch der Verlassen«- 
heit unfireundlich umwittert Uralt sind sie und halbverfallen, finster 
und öde — mit düsteren Gemächern und hallenden Gängen, die ia 
lang sind, dass sie in einer Art inneren Horizontes sich selbst zu var- 
iieren scheinen, und auf die zahllose Thüren mtlnden. GdieimniM^ 
volle Grotten bergen sie in ihrem Grunde, voll von Seen mit ^0- 
zehrenden Wassern, oder umspült vom blau hindan:hschimmenidatt 
Meere — schreckliche Kerker. Inmitten schaurig dmkler Wäldar 
stehen sie, die nie ein Strahl der Sonne durchbricht; gewaltige Thürme 
ragen in tief gestirnte Himmel empor. Wer ungewohnt diese Welt b»' 
tritt, dem legt sie sich auf die Brust mir dem Alp des Schaudems^ 
mit der Beklemmung banger Ahnungen. 

Zwischen dem Menschen und dem geheimnissvollen Fatum schiebt 
diese Natur sich ein : so bedient sich das Fatum ihrer als VenaitClesm. 
Aus der Natur reckt es dem Menschen seine unirdischen Fangarme 
entgegen, aus Naturvorgängen raunt, leitend und warnend, seine dunkle 
Stimme. So werden die Aeusserungen dieser an sich schon seltsamen 
Natur zu noch geheimnissvolleren Symbolen für das Walten der 
ewigen Mächte. Jedem Eingriff des Geschickes gehen diese S3rmbok 
voraus 7 sie geleiten die Handlung bis zur Katastrophe, den Menschen 
bis an den Rand des Abgrundes. Kosmisch-uranische Vorgänge be- 
deuten dem Lande schwere Zeiten; Tauben flattern auf beim Stell- 
dichein liebender Unschuld; Eulen, mit glühenden Augen im Dtmkel 
auf Bäumen sitzend, ein wühlender Maulwurf, das angstvolle Auf- 
schluchzen und schliessliche Versiegen der- Springquelle kündet todt- 
geweihter Liebe den Untergang. Bei der grausen Ermordung eines un- 
schuldigen Mädchens stürzt klirrend eine Vase mit einer Lilie; ein 
furchtbarer Mahner mit tausend Fingern, schlägt jählings der Hagel 
an die Scheiben. Man sieht, diese Symbolik ist verhältnissmässig ein- 
fach, sie lehnt sich an volksthümliche Motive an; aber sie ist höchst 
durchsichtig und von schlagender Kraft. Sie erhöht die ohnedies schwtüe 
Stimmung zu fieberhafter, geängstigter Spannung, sie nur ermöglicht 
es, das schrittweise Vorrücken des Veriiängnisses in stetiger Steigerung 
und fhrchtbarer Eindringlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Ein wirk- 
sames Mittel, in dessen Anwendung Maeterlinck sich erst mit der Zeit 
vervollkommnet hat. Die bis zum Missbrauch getriebene Anhäufcmg 
grausiger Elemente in »Princesse Maleine« scheint mir hart auf jener 
schmalen Scheide zu balanciren, die das Erhabene vom Lächeilichen 
trennt Hier ist Takt und Mass Alles. Es ist ein himmdweiter Uottt*- 

6o 



786 BORNSTEIX. 

schied zwischen der rein äosserlichen Symbolik in »Princesse Maleine« 
und der wundervollen Symbolik des Todes in »L'Intmse«, dieser viel- 
leicht bedeutsamsten Schöpfung unseres Poeten. 



Ich kenne einen Carton Sascha Schneider's: ein Mann, nackt, ge- 
senkten Hauptes, mit ehernen Ketten an die Scholle geschmiedet, 
während vom Horizont herüber die düsterglühenden Augen eines fabel- 
haften Ungethümes ihn anstarren — das Schicksal wachend über seinem 
Opfer. Da haben wir eine Illustration des Menschen bei Maeterlinck. »Fey« 
nennen, so erzählt unser Poet, die schottischen Bauern den Zustand 
eines Menschen, der trotz inneren Widerstrebens, trotz Rathes und 
Ahnung willenlos einer unabwendbaren Katastrophe entgegengeht. »Fey« 
sind ausnahmslos seine eigehen Gestalten, Marionetten, deren Drähte in 
einer transcendenten Faust zusammenlaufen. Vom Finger des Todes 
gezeichnet, haben sie alle etwas Morbides, etwas Uebersinnliches ; das 
Fleisch hat keine Rechte an sie. Ihr Empfindungsleben ist, wie das 
ihres Schöpfers, so verfeinert, dass es auf leiseste Reize schon schmerz- 
haft reagirt. Schattenhaft und merkwürdig unplastisch — es fehlt eben 
die ganze körperlich-sinnliche Sphäre — erscheinen sie wie Wesen aus 
einer anderen Dimension, die ihre eigenen Gesetze haben. Sie sind 
hochgradig undramatisch; im Lichte unserer Bühne würden sie Duft 
und Schmelz sofort verlieren. Aber was ihre dramatische Schwäche 
ausmacht, verleiht ihnen den wundersam lyrischen, magischen Reiz. 
Und es liegt ein unsagbar melancholischer Reiz über diesen wandelnden 
Seelen, die schleierlos und nackt im Wahne der Unendlichkeit schreiten, 
die schön sind bis in ihre mystischen Tiefen. Schuldlos in ihrer Schuld, 
sind sie nicht frei von Schuldbewusstsein ; es ist als läge der Bann der 
Erbsünde auf ihnen, denn das bewusst Böse hat keine Stätte, wo sie 
wandeln. Ein unendlich müdes Lächeln der Resignation um die bleichen 
Lippen, und in den Tiefen ihrer Augen ein leidendes Wissen um ihr 
Los, so geben sie sich dem Fatum hin; kaum dass Zuckungen des 
Widerstandes ihren Leib schütteln. Weiss in weissem Lichte, heben sie 
sich ab von dem dunklen Hintergrunde. Weiss und schwarz, wer sie 
malen wollte, für den wären das die einzigen Farben, dazu die innigen, 
schlichten Linien des Botticelli. 

Hat man beachtet, dass besonders Maeterlinck's Frauengestalten 
so wirksam sind? Maleine, Aglavaine, Silysette, Melisande, wie viel 
sympathischer muthen sie uns an als ihre männlichen Partner. Mit gutem 
Grunde! An schattenhaften Männern haben wir keine rechte Freude. 
Maeterlinck's männliche Gestalten schreien förmlich nach Fleisch und 
Blut, nach Leidenschaft und Kraft. Was müde Entsagung, demüthige 
Ergebung I Si fractus ülabatur orbis . . . Kämpfend soll der Mann unter- 
liegen, kämpfend auch gegen das Unvermeidliche. Die weissen, vornehmen 
Frauenhände unseres Poeten zittern in fiebriger Ohnmacht, wenn es gut, 
Männer zu gestalten. Daher seine Vorliebe für das Weib, das fein- 
nerviger ist, mehr nach innen lebt, der Natur und dem Unbewussten 



MAURICE MAETERLINCK. 787 

näher steht. »Die Frauen«, sagt er, »stehen dem Walten dunkler Mächte 
näher als der Mann, sie sind ihm mehr unterworfen . . . ., sie sind die 
verschleierten Schwestern aller grossen Dinge, die man nicht sieht, sie 
haben uns den m3rstischen Sinn auf Erden erhalten, c Je weniger ein 
Wesen nach aussen lebt, desto schärfer ist sein ahnendes Empfinden für 
die mystischen Gesetze ausgeprägt, desto früher vernimmt es den nahenden 
Schritt des Verhängnisses. Thiere, ein Hund, ein Lamm, ein Pferd, 
hören ihn früher als Menschen, ein Kind früher als Erwachsene, Blinde 
in verfeinertem Spürsinn früher als Sehende. — Das Kind und der 
Blinde sind typische Gestalten Maeterlinck'scher Dramatik. 

Dem Leben der Seele zum Ausdruck zu verhelfen, ist das Wort 
das an sich zwar unzulängliche, aber einzige und darum nothwendige 
Mittel. Bis zu welchen sprachlichen Neubildungen und raffinirten Ver- 
feinerungen ist man nicht geschritten, um gemäss der gesteigerten 
Empfindlichkeit auch die Ausdrucksfähigkeit des Wortes zu erhöhen. 
Maeterlinck geht mit mehr Glück den umgekehrten Weg. Bei ihm ist 
der Dialog von höchster Einfachheit, von archaistischer Primitivität. 
Diese Einfachheit aber steht in bewusstem Gegensatz zu der Unsag- 
barkeit der auszusprechenden Empfindungen. Das fällt dem Leser auf; 
die müde, eintönige Sprechweise mit ihren Wiederholungen und ge- 
heimnissvollen Andeutungen bestärkt ihn in der Empfindung, dass hier die 
Worte mehr bedeuten, als ihr Sinn besagt, dass sie als leichte Decken 
über verborgene Tiefen gebreitet sind. So strebt er unwillkürlich über 
das Wort hinaus zur Seele, aus der es stammt. Und wenn er sensibel 
genug ist, fühlt er jenseits der Worte die vibrirende Seele, hört er über 
der Zwiesprach von Mund zu Mund den feierlichen Dialog von Seele 
zu Seele. Und das ist, was der Poet erreichen wollte. Maeterlinck's 
Diction ist durchaus impressionistisch: das ist ihr Geheimniss. 



Den Inhalt Maeterlinck'scher Dramen in Worte fassen, heisst den 
bunten Schmelz von den Flügeln eines Falters streifen. Ihr Bestes, der 
berückende Zauber der Stimmung, ihr süssschwüler Duft, entzieht sich 
der Wiedergabe durch das armselige Wort Kann Einer sagen, was er 
bei Chopin gehört, bei Böcklin geschaut hat? — Von Seele zu Seele 
will das empfunden sein. So ist der gleichwohl hier gewagte Versuch 
einer Inhaltsangabe seiner Unzulänglichkeit sich voll bewusst. 

Maeterlinck's erstes Drama ist »Princesse Maleine«. ^) Das dumpfe 
Stück hat starke Vorzüge und unleugbare Schwächen, es ist die Leistung 
eines Werdenden, nicht eines Gewordenen. Die später krystallkare und 
tiefe Mystik brodelt hier noch in grauen Nebeln. Der später so ganz 
verinnerlichte Poet hängt noch am Aeusserlichen : durch eine über er- 
laubtes Mass gehende Häufung starker und massiger, oft ganz unmoti- 
virter Effecte will er hier Stimmungen erzielen, die er später mit weit 
geringeren und feineren Mitteln weit schärfer gegeben hat; er ersinnt 



^) S. Fischer, Berlin. Druck von H. Hendricb. 

6o* 



7S8 BQRNSTEIN. 

aidh obe BbNipt- und Staatsaction, dae Intrigiie, ein Kabalenspiel, -wie 
er es später :bewu8St und gmodsätdich verschmäht. Wir haben hier eben nodi 
keinen Selbsfeeigeaen'; der Geist Shakespeare's schwebt über den Wassern. 
Handhmg nnd Chaznkter erinnern gleichennassen an «Hamlet«. Geia^ 
lekhebde Sjdlik cplaidtt sich die Constructian eines dnrchgefiihrten Ver- 
gkidis sivisdken Shaheqaeaie and Maeleciinck nicht erlassen an dürfen; 
sie ist künatlidi nad unain&ig. Vier Jahrhondecte geistiger £nt- 
«idUsng tflenoi die Ptodnction des Einen von der des änderen, ihrer 
indindnaUtit nach sind sie ^eradeau ansgespcodieBe Gegenstttae. 

Das Stück — hier atdken «wir n^ch wk featerem Boden — spiek 
in HoUand« ide» Lande der Grachten nnd CanlUe. Pxincess Haleine, 
die Tootaer dos Königs MarceUus, ist not dem Prinaen Hjalmaiv dem 
Sahne des Königs üjalmax, -aerlabt worden. Der Königin Anna von 
lötiandt .die, mit ihmr Tocixter aJs Gast am Ho£b König Hjalmars kfaend, 
Ai n a w gxjit ihfen (BnhlerkilBflfeen um s tii ökt hälL ist das Vedäfeniai ein 
jdoa im Auge; nie wnU den Priaacn ftr ihre Tochter Uglyane« AnT 
die Marihfnsohaftnn <dieaes Weibes ibcicfat Kiöaig B^akaar gelegantüdi 
«iaes iesriichen iBeaankes am Hofe des Mazcellus Streit vom Zann mud 
sofawöct «diesem, was dem er nidi teleidigt wihnt, Asche. Wegen ihrer 
Weigenmg, jmf ftsm üQahnar nnnmefar an veraichlBn, wisd Maleine mit 
ihrer Aanar mn ihnem Vafter in den Thnrm gespecit. Inswisdien aiete 
König Hjalmar mit Stoeitmacht heran, MaaceQns nnfeerliegt, aem £eidh 
npird verwüstet, er selbst und die Königin kaann um. 3hir die «n 
Thnna vergessenen, allseits filr tedt gehaltenen Frauen blieben rerschent 
Die Scenei io der die Beiden, nachdem die Amme einen Stein aus der 
jfianer gestosaen, imm eratemnal wieder die Sonne sehen, nm nlsbald 
teim Anblick der Inrchtharen Verwüstung in einen Abgrund des Ent- 
setzens za «inken, ist von einaigem Reiz der Stknmmig und van höchster 
Schönheit. Der nächste Act findet Maleine frei; sie ist auf der Wan- 
derung an den Hof König Hjalmars; sie will hin, obwohl sie unter- 
^vegs Ton Bettlern erfährt, der Prinz ^erde Uglyaiien heiraten. Ange- 
Innnaim und von Niemandem erkannt, verdingt sie sich als Zofe bei 
U^ywmL Sie he m crta t , dass diese Hjahnar verhasat ist — »sie hat die 
grünen .^sigea einer Ködiin« — nnd da sie von einem Stelküchesn 
faiot, das Aac Brine Ugljoausi gegeben, um xu eifahren, ob die Nacht 
fedortiefai in ihr ersdhliesse, die der Tag versahlossen hate, tauscht 
sie Uglyanen nnd geht selbst. Die R^ndezvons-ficene, in der Msleine aidi 
dem JJrinacn zu ericennen gibt, ist veta düster gespenstisdiem Reiz, ab» 
«m» ttbedadener Sjmbolik. Und nun — der £^aoks im Anf ban der 
Handihmg. I>er Prinz und Maieine, die doch Beide die »Grefiihr «rkeanen 
nsaastea, geben das Geheismniss preis; bei einem Hoffeste erscheint 
Makaae <-*- lein rein deoorati ve r, ebeoso nnangebraditer, wie tmmotirirtcr 
Effaet --* in wdisaem firautkleide. Königin Anna sucht Ra^e. Da der 
jibast, Tvn dem aie Glf^ fordert, ihre Absicht ahnend, ihr nnwiifksames 
Adver gibt, plant sie Mord. Den zermocBditen Buhlen macht sie ihren 
Absichten dienstbar. Von dämonischer, grauenhafter Tragik ist diese 
Mordscene. Drin im Zimmer heulend und winselnd der Hund; die arme, 



MAURICE JtfAETERLINCK. 789 

kkine, blaaae Prinzessin auf ihrem Bett von farchtbaien Ahnungen ge- 
schüttelt. Dxanssen auf dem Gange das Mörderpaai. Der Alte wimmert 
und will los; halb not «Gewalt sieht ihn Anna nach sich. Liebkosungen 
heuchelnd, legt sie der PrinnBrnhi die.Schlinge um den Hals. — »Willst 
du mir um die Wdt iieram auf den Knien nachmitschen U schreit das 
Mccdweib und Abt die SnhKngf! so. Maleine stfiract todt nieder. Ein 
fuBThrifMunes Tobem der Elemente erhebt sich; vor heEsutobenden Wassern 
erbeben die Mauern des Schlosses. Roth -steht am schwarzen Himmel 
der Mond. Die Schwftiie unter dem Fenster der Prinzeasin fliegen auf 
-^ alle, bis auf einen, der ist lodt Die Fichtenwälder stdiien in flammen, 
die Sturmglockie heult und jammert. jDes Königs Haar ist weiss geworden 
in idieser Nacht, aesne Rede ist wirr und seltsam — Entsetzen packt 
die Höflinge. Im Gange vor Medeines Zinuner treffen sich die Amme 
und der Prinz; vor der i^vracUbssenen Thfir kauert winselnd der Hund 
nnd ist jucht von der Stelle m bringen. Plötzlich ist die verriopelte 
Thür «flfen; efaae geheimniasvoUe Hand hat den Siegel mrttokgestossen. 
Am Boden £nden sie die Todte. Auf ihr Sciureien stttnst der KJ^g 
herbei'; aaak .sich adileift er die e ntaeUte Mördesin. An der Leiche 
berichtigt er sie des Mordes.; ihr Tdfaer, über die Leidhe gebreileter 
Mantel legt Zengnias ad» wider sie. Ausser sich eraticht Hjahnax <lie 
Mörderin, dann, da er ohne Maleine nicht leben mag, durchbohrt er wk 
selbst Blöden Auges steht der l^hiig und aftammehiden Mundes; sem 
Sinn ist für immer umnadhftet 

Mit den nun folgenden zwei Dramen »ITlntnise« (»Der Eindring- 
ling«) und »Les Aveugles« (»Die Bünden^) ') steht Maeterlinck auf der 
Höhe seiner Kunst Der furchtbare Held dieser Dramen ist der Tod, 
des Verhängnisses elementarer YoUstrecker. Ein Poet des Todes, des 
Todesgrauens ist Maeterlinck, wie es kaum einen zweiten in der mo- 
dernen Literatur geben dürfte. laicht in der Analjrse des Sterbenden 
zeigt er den Tod, er ^bt den Tod an sich als Räthsel aller Räthsel. 
Eine geheunnissvoUe Macht ist ihm der Tod, und sie wird ihm zu 
einer geheiumissirollen, mystischen Persönlichkeit, die eAiarmungslos 
zerstörend von aussen lan das Leben herantritt Man hört seinen Schritt, 
man empfindet sein Nahen an den Spurei^ die von Ihm ausgehen. 
Dass Blinde, deren mystischer Sinn durch eine verwirrende Aussenwdt 
nicht abgelenkt wird, ihn früher empfinden als Andere, das ist die These 
der »Aveugles«. 

«UIntruse«: Ein alter Herrensitz. Beim Schein der Lampe ver- 
sammelt die Familie: der Vater, dessen Bruder, die Töchter und der 
blinde Grossvater. Im Nebenzimmer links mit der frommen Schwester 
die schwer entbundene Wöchnerin; rechts das Kind mit der Amme. 
Lange haben sie nicht so beieinandergesessen; jetzt aber dürfen sie 
es — der Arzt hat erklärt, die Kranke sei ausser Gefahr. So die 

*) Unter dem Titel »Les ATengles« zusammen erschienen bei Lacombles, 
Brüssel. 



igo BORNSTEIN. 

Schwägerin und den Arzt erwartend, plaudern sie gelassen ; mit finsteren 
Ahnungen fährt der Blinde in ihr Gespräch. Die Erwarteten kommen 
nicht, eine der Töchter tritt ans Fenster, um auszuschauen. Ueber dem 
Garten steht der Mond, Nachtigallen schlagen, ernst und dunkel stehen 
fem die ragenden Cypressen. »Siehst du nichts?« fragt man das Mädchen. 
»Nichts, nur ein leichter Wind erhebt sich auf der Strasse ; die Bäume erzittern. « 
»Es ist Einer im Garten,« meint der Blinde. Und plötzlich verstummen 
alle Nachtigallen, die Schwäne zeigen zitternde Furcht, die Fische des 
Teiches tauchen unter. Todesschweigen in der Runde. Die Rosen 
sinken entblättert. Ein eisiger Hauch streift den Blinden. Man will die 
Thür schliessen; aber sie schliesst nicht, sie ist verquollen — oder 
steht ein Unsichtbarer zwischen Thür und Angel ? Da — scharf klingt 
von unten das Dengeln einer Sense. Entsetzt fahrt der Blinde auf; ihm 
ist, er habe im Hause den Klang des Stahls gehört. Es ist der Gärtner, 
beruhigt man ihn; aber die Lampe brennt so trübe. Der Blinde schläft 
ein ; sie sind doch zu sonderbar — diese Blinden, meinen die Brüder. 
Und jäh schreckt der Blinde empor: ihm ist, als stehe Einer an der 
Glasthür. Es ist nichts; aber einen Augenblick später klappt wirklich 
unten die Thür des Hauses. Das muss die Schwägerin sein. Nur hört 
man keinen Schritt auf der Treppe. Das Dienstmädchen wird gerufen. 
Wer ist gekommen? Niemand; sie fand die Thür ofifen und schloss 
sie wieder, daher das Geräusch. Die Hausthür offen, wieso? Keiner 
weiss es. »Drängen Sie doch nicht so gegen die Zimmerthür, als ob 
Sie hinein wollten !« ruft der Hausherr dem Mädchen zu. Sie entgegnet, 
sie stehe ja drei Schritte von der Schwelle entfernt. Die Stutzuhr 
schlägt Elf. Dem Blinden ist, als sitze Emer neben ihm; er lässt sich 
davon nicht abbringen, er ruft alle Anwesenden mit Namen, alle ant- 
worten. »Aber wer sitzt da mitten unter uns? Es ist doch noch Einer 
da.« Und plötzliche Beängstigung packt ihn, seine Tochter sei todt, 
man wolle es ihm nur verheimlichen. Die Lampe erlischt. Schauer 
fluthen durch das Zimmer und packen Alle an ; man hört die Minuten 
rinnen in dem bangen Schweigen, das jeden weiteren Versuch einer 
Unterhaltung unheimlich durchschneidet. Alle fühlen, ein Fremder ist unter 
ihnen. Zwölf Uhr. Am Tisch ein Geräusch, wie wenn Jemand aufstände. 
Plötzlich im Nebenzimmer rechts das Quarren des Neugeborenen, der 
bis dahin noch nie einen Laut von sich gegeben — dumpfe Schritte 
im Krankenzimmer. Man schreit nach Licht. Die Thür des Kranken- 
zimmers öfbiet sich, Licht fällt ins Gemach — im Thürrahmen steht 
die fromme Schwester und meldet, sich bekreuzigend, den Tod der 
Frau. Entsetzt treten Alle näher. »Wohin ? Wohin ?« schreit der Blinde, 
»sie haben mich ganz allein gelassen.« Schluss. Das Stück ist von furcht- 
barer Kraft und raffinirter Steigerung der Stimmung. Wer es gelesen, 
vergisst es so bald nicht wieder. 

(Schluss folgt.) 



NOTIZEN. 



Die Reden Kaiser Wil- 
helms II. Leipzig, Ph. Reclam. 

Gustav Fre3rtag hat in seinen 
Erinnenmgsblättem an den früh 
entrissenen Kaiser Friedrich ein 
allgemein giltiges Wort über Reden 
fürstlicher Personen. »Da der Fürst 
weiss, dass jede Aeusserung, die 
er in der Unterhaltung fallen lässt, 
belauscht, erwogen, weiter erzählt 
wird, so muss er doch seine Rede 
darnach bemessen. Ist vollends ein 
Herr in der Lage, öfifentlich zu 
sprechen, so wird jeder Satz seiner 
Rede nach dem imvermeidlichen 
Druck derselben von Millionen als 
bedeutungsvoll begutachtet Es ist 
daher ganz in der Ordnung, wenn 
der vielbeschäftigte und zerstreute 
Herr sich die Rede von einem 
vertrauten Manne niederschreiben 
lässt und sich dieselbe einprägt. 
Sie wird dadurch, dass er sie 
spricht, die seine, denn er über- 
nimmt die Verantwortung; aber er 
gewöhnt sich dabei auch, fremden 
Geist als den seinen auszugeben, 
und muss sich gefallen lassen, dass 
seine eigene Auffassung, seine Bil- 
dung und sein Verständniss nach 
den wohlerwogenen und gescheiten 
Worten des Andern geschätzt wird.« 

Wenn das die Regel sein sollte, 
so stellt der gegenwärtige Beherr- 
scher des Deutsdien Reiches jeden- 
falls die Ausnahme vor. Er ist 
sein eigener Redner, wie er bei- 
nahe sein eigener Maler, sein ei- 
gener Componist ist Diese ursprüng- 



liche Vielseitigkeit, die im Nach- 
barreiche vielleicht nicht überall 
freudig angesehen wird, mag gleich- 
wohl ein lehrreicher Fingerzeig für 
die deutsche Entwicklung der Zu- 
kunft sein. Es sind schon Stimmen 
laut geworden, die vor dem Er- 
starren des Deutschen im Fach- 
menschenthum warnten. Und nach 
der Regierung eines rein militäri- 
schen Herrschers, eines Herrschers, 
der nicht anders sein konnte, als 
rein militärisch, sieht das Reich 
einen Regenten, der kein Fachkaiser 
ist, sondern mit jugendlichem Ehr- 
geiz eine staunenswerthe Vielseitig- 
keit entfaltet, die erfrischend be- 
zeugt, das bureaukratischer und 
militärischer Drill nicht die höchsten 
Güter der Nation sind. 

Die Reden Kaiser Wilhelms IL 
in den Jahren 1888 bis 1895 
liegen nämlich bereits gesammelt 
vor. Die bekannte Reclam'sche 
Universal - Bibliothelc hat diese 
interessante Sammlung auf den 
Büchermarkt gelegt. Man sieht, dass 
der junge Herrscher fleissig und mit 
Vergnügen gesprochen hat; er be- 
nützt jeden Anlass, um Gedanken, die 
nach Aeusserung drängen, zu knapp 
gehaltenen Reden zu verdichten. 
Des Fürsten Bismarcks Reden sind 
auf der Rückseite des Buches an- 
gekündigt, aber ehe man noch diese 
Anzeige gelesen, hat man im Geiste 
ein Band zwischen dem alten Kanzler 
und dem jungen Kaiser zu knüpfen 
gesucht, die sich gleicherweise als 



792 



NOTIZEN. 



Freunde der Oeffentlichkeit und 
Mündlichkeit darstellen. 

Als ftllgemeines Merkmal der 
Reden des Regenten, die sich nun 
zum erstenmale gesammelt Über- 
sehen lassen, ist der Durchbruch 
einer starken Persönlichkeit, einer 
Individualität zu nennen. Autos epha 
— Alles hat er selbst gesprochen. 
Und wir werden die Kraft dieser 
Persönlichkeit um so höher an- 
schlagen müssen, als die Anlässe, 
bei denen sie sich äussert, die 
denkbar ungünstigsten sind für 
solche Entfaltung. 

Dr. Emil Reckgrt. 

Die Fürstin Russalka. 

Von Frank Wedekind. Verlag 
von AlbertLangen, Paris, Leipzig, 
München. 1897. 

Eines jener Bücher, die zu trau- 
rigem Empfinden stimmen, weil sie 
ä tout prix lustig sein möchten. 
Diese Absicht, die unwahre, ge* 
machte, als Maske angenommene 
Ironie verräth sich als solche dem 
Auge dessen, der zu lesen versteht. 
Dass Wedekind eines tieferen, rei- 
neren Empfindens fähig ist, das 
beweisen so manche seiner Skizzen 
und Gedichte im Buche »Die Fürstin 
Russalka«. Aber als ob ihn selbst 
eine irre Scham überkäme und er 
die edlere Regung wettmachen 
möchte, versteigt er sich zu den 
unglaublichsten Geschmacklosig- 



keiten und Rohheiten. Dazu ge- 
hören namentlich die im Knittel- 
versmass »gedichteten« Balladen, 
welche jedem jener verdächtigen 
Bücher, die unter Kreuzband »dis- 
cret« zugesendet werden — Un- 
ehre machen würden. Es ist psy- 
chologisch erklärlich, wenn der 
Dichter, der in seinem Uxempfinden 
losusch and mimoBenhaft ist, nur 
mit Zagen und Zittern der kalten 
Menge preisgibt, was ihm die hefare 
Stande der Kunst gesdienkt In 
der rauhen Luft der gleichgiitigen 
Wdt verlieren ja die Poesien den 
reinen Zauber des Scheuen, Unbe* 
fleckten. Aber die Furcht vor dem 
»Sichwegwerfen« darf nicht daza 
führen, als betrunkener Landsknecht 
verkleidet, eine Schindmähre statt 
des Musenrosses au besteigen and 
einer entzückten Gesellschaft von 
Zuhältern »Lieder« vorzutragen, die 
selbst die Druckerschwärze zum £r- 
röthen bringen könnten. Man dürfte 
sonst leicht zum Glaaben verleitet 
werden, dass nicht ein Dichter 
sich unter der Maske des Gaukien 
verbirgt, sondern dass Rohheit cor 
hässlichen Alltagsgewohnheit ge** 
worden sei, und dass jene wenigen, 
echten Poesien bloss die Erinne» 
rung an eine Zeit bedeuten^ die 
längst vergangen und die nicht 
mehr wiederkehrt. . . 



Wien. 



Alfred Neumann. 



Herausgeber uod verantwortlicher Kedacteur: Rudolf Strauts. 
Ch. Reisser St. M. Wertfaner, Wien. 



^iener {Rundschau. 



15. 8EPTEMBEB 1897. 



DER ALTE OBERST. 

Novelle von WiLLY PASTOR (Berlin). 

»Und ich lasse mir das nicht länger gefallen I Du brutalisirst mich, 
du bist roh, du bist geraein, du — oh, du — Scheusal!« 

Die Thüre fiel so kräftig zu, dass die Kaiserbüste auf dem Wand- 
brett schwankte. Eine zweite und dritte Thüre machten nicht weniger 
Lärm. Dann endlich wurde es ruhig. Frau Oberst war in ihrem Zimmer. 

Jetzt erst wagte der alte Mann sich zu rühren. Mit müden 
Schritten ging er an den kleinen Ecktisch und zog die Spieluhr auf. 
Das war ihm nun fast zu einer Art instinctiver Handlung geworden, 
die das Gekeife seiner Fraa in ihm auslöste. Die leisen Accorde, die 
sich so angenehm folgten, ohne dass einer sich vordrängte, hatten etwas 
so Beruhigendes. Mochte es ^ ihm von der letzten Gardinenpredigt noch 
so sehr in den Ohren stechen und summen, diese Melodien mit ihrem 
sanften Geriesel spülten Alles weg. 

Und dann die Erinnerungen, die wunderbaren Erinnerungen, denen 
man bei solcher Musik nachhängen konnte! Besonders wenn ein Marsch 
an der Reihe war. Wie die starken Klänge in der schwachen Spieluhr 
sich ausnahmen, das war ganz unbegreiflich schön. Dann konnte der 
alte Oberst träumen wie ein Jüngling. Es war ihm, als stünde er auf 
einer endlosen Ebene, und in weiter, weiter Feme zog Militär vorüber. 
Aber die Elntfemungen schwanden, je länger er hinhörte. Und plötzlich 
sah er sich mitten unter den Pickelhauben, hoch zu Pferd. Er hörte 
ihren schweren Tritt, und das Herz ging ihm auf, wenn die rauhen 
Stimmen um ihn her die lieben, alten Soldatenlieder sangen. 

Ach, die Zeiten hatten doch recht viel geändert! Der Mann, 
der damals vor der Front straff seinen Dienst versah, sass jetzt mit ein- 
gefallenem Gesicht vor einem kleinen Leierkasten. Und gar das Ohr, 
dem das Dröhnen der Soldatenkehlen Musik gewesen war, das hielt 
nicht mal mehr Stand vor einer Weiberstimme. 

Heute war diese Stimme besonders scharf gewesen. Der Alte 
wollte noch genauer als sonst hinhorchen. So legte er zum erstenmal 

6i 



794 PASTOR. 

die neue Platte ein, die er sich neulich von zusammengesparten Pfennigen 
angeschafft hatte. 

Ein Walzer. Merkwürdig, die Melodie kam ihm bekannt vor. Wo 
hatte er sie doch gehört } »Liebesklänge« stand auf der Platte. Aber um 
die Titel hatte er sich nie bekümmert. Er wiederholte das Stück zum 
zweitenmal, zum drittenmal. 

Nun erst stieg langsam, verschwommen das Bild der Erinnerung 
auf. Er sah die verregnete Strasse wieder, sah das unsichere Licht in 
den Pfützen, und das schwarzweisse Schilderhaus, an dem er, damals 
noch Avantageur, auf- und niedertappte, auf und nieder. 

Es war erst elf Uhr Abends gewesen, und doch hatte er sich 
müde gefühlt. Hinter ihm lag eine Ballnacht, und er hatte ausgehalten 
bis zum Morgen. Sie war ja dagewesen, sie. . . . 

In die Züge des Alten schlich es sich wie Bitterkeit Er konnte 
sich die Gegensätze nicht erklären. Was war sie damals gewesen, und 
was war sie heute ! Und er selbst, wie hatte er sich verändert ! Sie so 
schmächtig, fast leidend, dass er sich ernstlich fragte, ob nicht seine 
Natur für sie zu derb sein könnte. Und dann die langsame Wandlung 
in den 36 Jahren ihrer Ehe. Er war es, den diese Ehe zerrieben hatte, 
und sie war gesundet mehr und mehr die Jahre hindurch. War ihm 
nicht seine Lebenskraft gestohlen worden? Gestohlen von ihr? War das 
bleiche, ätherische Mädchen jener fernen Ballnacht nicht eine Betrügerin? 
Er dachte an ihre Stimme. Diese scheue, fragende Mädchenstimme damals, 
und das schrille Organ jetzt. Welche Kraft hatte es geschwellt? 

Die Arabesken der Melodie rankten sich weiter und weiter in 
die Stille des Zimmers hinein. Da vergass er allmälig die bitteren Ge- 
danken und glitt wieder in die Vergangenheit. 

Es war doch ein seltsamer Abend gewesen, die Wache an der 
Caserne damals. Fast als ob der Abend seiner unbekümmerten Jugend 
zum erstenmale eine ernste Frage vorgelegt hätte, eine Frage des 
Lebens, die er überhörte, überhören wollte. War das vielleicht sein 
Fluch ? 

Die Ballnacht hatte ihm noch in den Gliedern gelegen. Er fand 
die alte Frische nicht wieder, als er aufzog. Und dabei stürmte und 
regnete es so stark, dass der letzte Rest seiner guten Laune gleich 
anfangs zum Teufel war. 

Da tauchte ein schwarzer Schatten vor ihm auf. Er wollte sein 
»Wer da!« brüllen, aber der Schatten redete ihn schon an: 

»Sie werden verzeihen, ich wollte bloss fragen, haben Sie heute 
Brot bekommen?« 

»Was?!. 

»Ich meine, ob Sie Brottag gehabt haben?« 

Er wollte schnauzig werden, aber die Stimme der Alten vor ihm 
hatte etwas so Rührendes, dass er nur griesgrämig wurde. 

»Die zweite Compagnie hat Brottag. Aber bei dem Hundewetter 
wird schwerlich Jemand kommen.« 

»O, ich kann warten, vielleicht kommt doch Jemand.« 



DER ALTE OBERST. 795 

Dann ging sie auf die andere Strassenseite unter eine Traufe, 
rollte die Hände in ihre Schürze und — wartete. 

Wie deutlich er Alles wiedersah! Wenn er hinaufging, zum 
Exercirplatz hin, konnte er nichts unterscheiden, weil der Regen ihm 
gerade ins Gesicht trieb. Aber beim Niedergehen hatte er freies Ge- 
sichtsfeld. An der Strassenecke brannte eine einsame Laterne. Bei 
jedem Windstoss flackerte sie, als ob sie ausgehen wollte. Das sah 
sich dann an, als ob die Häuser, die sie beleuchtete, sich duckten 
und wieder streckten, immer wieder, wie die Windstösse kamen und 
gingen. 

Und im Licht dieser einsamen Laterne sah er das Gesicht der 
Alten hinüberstarren zur Caserne und lauern auf einen Mann der 
zweiten Compagnie. 

Er ärgerte sich. Da Hess das Weib sich nassregnen und riskirte 
alle möglichen Krankheiten, um einen Groschen zu sparen. Denn billiger 
verkauften ihr die Leute der zweiten Compagnie das Brot auch nicht. 
Zu blödsinnig 1 Und wäre sie mindestens sicher gewesen, dass über- 
haupt Jemand kaml Aber er hatte sie ja gewarnt. 

Er pfiff* eine Melodie vor sich hin. Von der letzten Nacht her 
war sie ihm im Kopf geblieben. Es war dieser Walzer, diese weiche 
Melodie »Liebesklänge«. Einzelne Bilder der Nacht stiegen vor ihm 
auf. Er sah die Augen seiner künftigen Braut; sie schienen ihn zu 
bitten. Dann sah er wieder das Weib an der Mauer. Sie rührte ihn 
mit ihrem stieren Blick und ihren vermummten Händen. Er wollte zu 
ihr hin und ihr einige Groschen geben, »für die Kinder«. 

Schon stand er nur wenige Schritte vor ihr. Jetzt erst sah er sie 
genauer. Sie musste einmal schön gewesen sein. 

Und nun kam dieser seltsame Augenblick. Er wusste nicht weshalb, 
aber er musste plötzlich an die denken, in der sein Leben ihm ver- 
klärt schien. 

Der Gedanke erschreckte ihn. Wie eine Warnung stand die Alte 
vor ihm. Wovor sie ihn warnen wollte, wusste er nicht. Er wusste nur, 
dass sie ihm mit einem Schlage sehr widerlich erschien und dass er 
an seinen Posten zurückging, ohne ihr etwas gegeben zu haben. 

Die graue Elendstimmung hielt an. Er dachte an das Leben, das 
die Alte drüben hinter sich haben mochte, und es schien ihm auf eine 
räthselhafte Weise verwandt dem seinen, das doch erst beginnen sollte. 

Dann löste sich aus dem Wirrwarr semer Stimmung der erste 
klare Gedanke. Wie er selbst mechanisch auf und nieder ging, auf und 
nieder, sah er hinter der niedrigen Stirn der Alten einen und denselben 
Gedanken unermüdlich auf und nieder gehen, auf und nieder, den einen 
Gedanken, einige Pfennige zu sparen. 

Und bei alledem die fixe Idee, die ihn verfolgte, die »Liebes- 
klänge«. Ja, die Alte musste auch mal jung gewesen sein, und getanzt 
hatte sie auch einmal. Und als sie das that, hatte sie ein Leben vor 
sich, so reich an allen Möglichkeiten, wie Jugend und Schönheit sie 
nur haben können. Aber dann kam das Leben über sie und nahm die 

6x* 



796 PASTOR. 

Möglichkeiten weg, ebe um die andere, machte ihren Gedankenumfang 
enger, immer enger, bis schliesslich von all dem Reichtham nur der 
eine Gedanke blieb, der dort jetzt auf und nieder ging. 

War das vielleicht der Sinn des Lebens, wenn das Leben sich 
aufbaute auf Walzern und bunten Träumen? 

Er war schliesslich wie behext von dem Anblicke der Alten. 
Nach Mittemacht erst machte sie sich auf den Weg, stumm und langsam. 
Sie hatte ihr Ziel nicht erreicht. Er sah ihr nach, mit fiebernden Augen, 
bis ihre schweren Schritte verhallt waren in der schwarzen Regennacht. 
Ihm war, als sei sein Glück mit ihr gegangen. In seinen Ohren Hessen 
die »Liebesklänge« noch immer ihre Arabesken spielen und gleiten^ 
aber — 

»Bist du denn ganz verrückt geworden ? Oder willst du dich über 
mich lustig machen mit deinem Getingel?!« 

»Sie« war wieder eingetreten, empört über die ewige Wiederholung 
desselben Walzers. Wie ein eiskalter Wasserfall strömten ihre Worte 
über ihn her. Er stellte die Spieluhr ab und nahm ein Buch zur Hand. 
Aber ihre Stimme wollte nicht mehr stille werden. 

Ja, ja, die Stimme, ihre Stimme, sie war doch sehr, sehr stark 
geworden in den 36 Jahren ihrer Ehe. 

Er räusperte sich. 



ABSCHIED. 
Von Paul Linsemann (Berlin). 

Mit dem Berliner Morgenzuge war er auf dem Nordwestbahnhof 
in Wien angekommen. Am Mittag wollte er dann nach Ischl weiter- 
fahren. 

Es war ein prachtvoller Junimorgen. Er nahm also einen Ein- 
spänner und gebot: Nach dem Prater. Aber langsam fahren. 

Er kannte jeden Baum in der Hauptallee. In jedem der Kaffee- 
häuser hatte er mit ihr gesessen, diesen Weg war er so oft mit ihr 
gegangen, gefahren. Das würde nun nicht mehr sein. 

Und Rolf überfiel eine tiefe Traurigkeit, eine Müdigkeit der 
Seele. Und er musste an die drei letzten Jahre seines Lebens denken. 
Sie hiessen Dora. Und heute wurde es ihm zur Gewissheit, dass er sie 
nie vergessen^ dass ihr Schatten ihn immer begleiten würde. Ihr Bild 
war wie mit sympathetischer Tinte in seine Seele geschrieben: der 
Hauch einer jeden Erinnerung erweckte es zu neuem Leben. Er würde 
sie nicht vergessen, trotz der Anderen. 

Am Blatt und Grashalm blinkte noch der silbrige Thau, über 
den die Sonnenlichter huschten. Aber Rolf sah es nicht. In seiner 
Seele war ein fröstelnder, langweiliger, grauer Novembertag. Oede 
und trübe. 

Drei Jahre lagen hinter ihm mit ihren Tagen des Glücks und 
ihren Tagen der Hölle. Drei lange Jahre, die dieser Frau gehörten. 

Und nun ? Nun war es aus. Nun sollte es sein, als ob nie etwas 
gewesen wäre. 

Und er ärgerte sich über das launische Herz. Im Sande also 
verlief seine grosse Tragödie wie eine gleichgiltige, abgeschmackte 
Philisterkomödie. Wie konnte sie nur aufhören, diese Liebe? 



Das fragte er sich auf der langen Fahrt nach Ischl noch oft 
genug. Einst ... ja einst, da lachte er darüber. Er konnte die Mög- 
lichkeit nicht ausdenken. Und doch war es so gekommen und musste 
wohl auch so kommen. Rolf aber grollte über die Armseligkeit des 
Herzens. Er begriff es wohl, wie diese Liebe enden konnte wie die 
Kerzenfiamme, die ein starker Windhauch ausbläst. Aber er wollte 
und konnte es nicht verstehen, wie sie endet, weil ihr Material ver- 
zehrt ist. 

Er liebte sie nicht mehr, das war ihm ganz klar. Auch war ja 
die Andere schon da. Er verglich: sie gaben einander nichts nach. 




^ #»• 



ABSCHIED. 799 

»Und wie geht es denn Fräulein Trude ?« fragte sie plötzlich un- 
vermittelt. 

»Trude? Wieso Trude? Was meinst du?« 

»Nun, ich meine eben Trude. Trude Meixner. Ist sie nett, ja 
Ist sie gut zu dir?« 

»Ach, dummes Geschwätz, Tratsch.« 

Er hatte also den Muth, Trude zu dementiren. 

»Man ist in Wien gut unterrichtet,« sagte sie. »Sie soll leidlich 
hübsch sein, meine Nachfolgerin . . . Nun, du hast ja immer einen 
guten Geschmack gehabt. Das also ist der Grund, geliebter Freund: 
Trude . . . nicht die Zeit.« 

Sie blickte ernst nickend aus ihrer Sophaecke auf ihn. Sie sahen 
einander an, Aug in Auge. Lange, sehr lange. Sie fiihlten es, sie lasen 
es in ihren Augen, sie dachten an das Gleiche, an vergangener Stunden 
verwelkte Pracht. 

Glück und Unglück, das gemeinsam durchlebt, verbindet unauf- 
löslich. 

Sie schob ihm ihre Hand zu. Er nahm sie und küsste sie innig. 

Heisse, sehnsüchtige Wünsche stiegen auf. 

»Dora.« murmelte er, »arme Dora«. 

Eine tiefe Wehmuth überschlich ihn. Es kam ihm vor, als hätte 
er ihr bitteres Unrecht abzubitten. Ein paar Thränen feuchteten ihre 
Wimpern — dann barg sie den Kopf in die Sophakissen. Ein heftiges 
Schluchzen erschütterte ihren Körper. Es war das Schluchzen lange 
verhaltenen Grames, der wie ein Feuerbrand in des Andern Seele fällt. 

Er beugte sich über sie und streichelte ihr Haar. 

»Arme Dora . . nicht mehr weinen.« 

Und er fühlte, wie ihm selbst die Thränen in die Augen kamen. 
»Es thut mir weh.« 

Er beugte sich zu ihr herab. Da umschlang sie ihn mit beiden 
Armen und küsste seinen Mund. So glühend heiss, so in verzehrender 
Liebe, wie einst . . wie einst . . Und er küsste sie wieder . . nur zum 
Abschied, natürlich nur zum Abschied. 

»Weisst du noch, wie ich dir gesagt habe, wir würden uns nie 
vergessen? Dass ich dich rufen würde, wenn ich dich sehen müsste? 
Dass ich dich küssen würde, wenn ich wollte? Dass du mir keinen 
Wunsch verweigern würdest?« 

Ja, er fühlte, dass sie Macht über ihn hatte. 

Er wollte sich sanft loswinden, aber sie hielt ihn fest mit ihren 
Armen umschlossen. Er dachte an Trude, aber . . . 

Es war ganz still im Zimmer. In den tiefen Frieden des linden 
Sommerabends rauschte nur von fem die Traun. Vom Gärtchen vor 
den Fenstern stiegen die süssen, schweren Düfte von Goldlack und 
Jasmin auf. 

In den Küssen begehrender Lust und seliger Trunkenheit tauchte 
die Gegenwart unter, es war wieder Vergangenheit, die berauschende 
Wonne der Vergangenheit. 



8oo LINSEMANN. 

Ein süsses Träumen überkam ihn. 

»Liebst du mich noch, Dora, liebst du mich noch?€ 

Sie schloss seinen Mund mit ihren Lippen. Dann: 

»Na und Trude?« 

Da schloss er wieder ihren Mund. Er schämte sich. 

Die Stunden verrannen ihnen wie Minuten . . . 

Dann aber schickte sie ihn fort. Es sei jetzt Zeit. Was sollten 
auch die Hausleute denken? 

»Dora, Dora, wie ist es nur möglich, dass unsere Liebe . . ?c 

. . . »Du musst jetzt gehen.« 

»Auf Morgen . . auf Morgen früh.« 

»Morgen? Morgen darfst du nicht mehr hier sein.« 

»Was? Warum nicht?« 

»Weil Er morgen Früh kommt.« 

Er fuhr auf: 

»Dora — ist das deine Liebe?« 

»Wenn du eine Trude hast, darf ich doch wohl einen Rudolf 
haben? Denkst du, ich werde in ein Kloster geh'n? Ihr Männer seid 
doch zu egoistisch. 

»Dora . . und jetzt . . wie konntest du nur ?« 

»Wie konntest du nur?€ 

»Und warum thatest du es?« 

»Weil ich sehen wollte, ob ich noch Macht über dich habe, 
mein Lieber. Gott sei dank, ich hab sie noch. O, wie schwach seid 
ihr Männer I . . da, gieb mir die Hand, wir wollen als gute Kameraden 
von einander gehn . . . Ah, es ist schön, das Gefühl des Herrschers 
zu haben . . das ist das Schönste auf der Welt.« 

Er nahm seinen Hut. 

»Na — doch nicht böse ? Wir mussten doch Abschied nehmen . . 
weisst du, damals . . die paar dummen Briefe — sollte das der Ab- 
schied zwischen zwei netten Menschen sein, wie wir es sind ? das war 
unser nicht würdig! So behalten wir uns doch in guter Erinnerung 
— im süssen Geheimniss — ! . . Nur nichts Alltägliches . . Und schliess- 
lich: wenn man nicht das bischen Sünde auf der Welt hätte . . . Na, 
gute Nacht.« 



1 



EMERSON. 
Von Maurice Maeterlinck. 

Autorisirte Uebersetzung von Clara Theümann. 

»Nur eines thut Noth,« sagt Novalis, »nämlich unser transcenden- 
tales Ich aufzusuchen.« Dieses Ich erblicken wir zu Zeiten in den 
Worten Gottes, in jenen der Dichter und Weisen, am Grunde mancher 
Freuden und mancher Schmerzen, im Schlaf, in der Liebe, den Krank- 
heiten und in unerwarteten Verbindungen der Dinge, wo es uns von 
Weitem zuwinkt und mit dem Finger auf unsere Beziehungen zum 
Weltall deutet. Einige weise Männer verlegten sich einzig und allein 
auf dieses Suchen und schrieben jene Bücher, wo das Aussergewöhn- 
liche vorherrscht. »Was hat einen Werth in den Büchern,« sagt unser 
Autor, »wenn nicht das Transcendentale und das Aussergewöhnliche ?« 
Sie waren wie Maler, die sich bemühen, in der Dunkelheit eine Aehn- 
lichkeit zu erfassen. Die Einen warfen abstracte, sehr grosse, aber fast 
unkenntliche Bilder hin. Den Anderen gelang es, eine Stellung oder 
eine gewohnheitsmässige Geberde des höheren Lebens festzuhalten. 
Mehrere von ihnen dachten merkwürdige Wesen aus. Es existiren nicht 
viele dieser Bilder. Sie sehen sich nicht ähnlich. Manche sind sehr 
schön; jene Menschen, die sie nicht gesehen haben, sind ihr ganzes 
Leben, als ob sie nicht um Mittag ausgegangen wären. Andere Bilder 
haben Linien, reiner, als die Linien des Himmels, und dann erscheinen 
uns diese^ Bildnisse so entfernt, dass wir nicht wissen, ob sie leben 
oder nur nach uns selbst gezeichnet worden sind. Sie sind das Werk 
der reinen Mystiker, und der Mensch erkennt sich noch nicht in ihnen. 
#Andere, die man die Dichter nennt, haben uns indirect von diesen 
Dingen gesprochen. Eine dritte Classe von Denkern hat uns, den alten 
Mythus der Centauren um einen Grad erhebend, von dieser verborgenen 
Identität ein zugänglicheres Bild gegeben, indem sie die Linien unseres 
sichtbaren Ichs mit jenen unseres höheren Ichs verschmolz. Das Antlitz 
unserer göttlichen Seele lächelt zuweilen über die Schulter ihrer 
Schwester, der menschlichen Seele, hinweg, die gebeugt steht im Dienste 
der bescheidenen Verrichtungen des Gedankens, und dieses Lächeln, 
das uns im Vorübergehen alles jenseits des Gedanken Liegende er- 
blicken lässt, dieses Lächeln einzig und allein ist von Wichtigkeit in 
den Werken der Menschen. — — — 

Sie sind nicht zahlreich jene Männer, die uns zeigten, dass der 
Mensch grösser und tiefer ist als er selbst, und denen es gelang, so 
einige jener ewigen Hinweise festzuhalten, die wir im Leben jeden 
Augenblick in einer Geberde, einem Zeichen, einem Blick, einem Worte, 



802 MAETERLINCK. 

einem Schweigen und den uns umgebenden Ereignissen finden. Die 
Wissenschaft von der menschlichen Grösse ist die seltsamste der 
Wissenschaften. Keinem Menschen ist sie unbekannt, aber fast Alle 
wissen nicht, dass sie sie besitzen. Das Kind, das mir begegnet, wird 
nicht imstande sein, seiner Mutter zu sagen, was es gesehen hat, und 
dennoch weiss es, sobald sein Auge mich erblickt hat. Alles, was ich 
bin, was ich war, was ich sein werde, ebenso gut wie mein Bruder 
und dreimal so gut als ich selbst. Es kennt mich sofort in der Ver- 
gangenheit und in der Zukunft, in dieser Welt und allen anderen, und 
seine Augen offenbaren mir wieder die Rolle, die ich im Weltall und 
in der Ewigkeit spiele. Die unfehlbaren Seelen haben sich gegenseitig 
beurtheilt, und sobald sein Blick meinen Blick, mein Antlitz, meine 
Haltung und all das Unendliche, das diese umgibt und dessen Dolmetsch 
sie sind, erfasst hat, weiss es, woran es ist, und obgleich es eine 
Kaiserkrone von einem Bettelsack noch nicht unterscheiden kann, hat 
es mich einen Augenblick ebenso genau wie Gott gekannt. 

Allerdings handeln wir schon wie Götter, und unser ganzes Leben 
vergeht inmitten unendlicher Gewissheiten und Unfehlbarkeiten. Aber 
wir sind Blinde, die den Wegen entlang mit Edelsteinen spielen, und 
jener Mann, der an meine Thiire klopft, gibt in dem Moment, wo er 
mich grüsst, ebenso wunderbare geistige Schätze her wie der Prinz, 
den ich dem Tode entrissen hätte. Ich öffne ihm, und einen Augen- 
blick sieht er zu seinen Füssen wie von einem Thurm herab Alles, was 
zwischen zwei Seelen stattgefunden hat. Die Bäuerin, die ich nach dem 
Wege frage, beurtheile ich ebenso tief, als ob ich sie nach dem Leben 
meiner Mutter gefragt hätte, und ihre Seele hat ebenso vertraut mit 
mir gesprochen wie die meiner Braut. Bevor sie mir antwortete, stieg 
sie eiligst bis zu den grössten Mysterien, dann, als sie plötzlich wusste, 
wer ich war, sagte sie mir ruhig, dass ich links den Dorfpfad ein- 
schlagen müsse. Wenn ich eine Stunde in einer Menschenmenge ver- 
bringe, habe ich tausendmal, ohne etwas zu sagen und ohne einen 
Augenblick daran zu denken, die Lebenden und dieTodten beurtheilt, 
und welches dieser Urtheile wird beim jüngsten Gerichte zurückgewiesen 
werden? In diesem Zimmer sind fünf oder sechs Wesen, die vom 
Regen oder vom schönen Wetter sprechen ; aber über diesem nichtigen 
Gespräch haben sechs Seelen eine Unterredung, der sich keine mensch- 
liche Weisheit gefahrlos nähern kann, und obgleich sie durch ihre 
Blicke, ihre Hände, ihr Antlitz, ihre ganze Persönlichkeit sprechen, wird 
es stets unbekannt bleiben, was die gesagt haben. Dennoch müssen sie 
das Ende des unfassbaren Dialoges abwarten, und deshalb empfinden 
sie in ihrer Langweile eine unbestimmte geheimnissvolle Freude, ohne 
das zu kennen, was in ihrem Innern allen Gesetzen des Lebens, des 
Todes und der Liebe lauscht, die wie unversiegbare Ströme um das 
Haus fiiessen. 

So ist es überall und immer. Wir leben nur unserem transcenden- 
talen Wesen gemäss, dessen Handlungen und Gedanken fort und fort 
die uns umgebende Hülle durchbrechen. Ich suche heute einen Freund 



EMERSON. 803 

auf, den ich nie gesehen habe, aber ich kenne sein Werk und weiss, 
dass seine Seele aussergewöhnlich ist und er sein Leben damit ver- 
bracht hat, sie so gewissenhaft als möglich kund zu thun, der Pflicht 
der höheren Intelligenzen gehorchend. Ich bin voller Unruhe; es ist 
eine feierliche Stunde. Er tritt eifi, und alle Erklärungen, die er uns 
während einer langen Reihe von Jahren gegeben hat, zerfallen in Staub, 
wie sich die Thüre über seiner Persönlichkeit öffnet. Er ist nicht, was 
er zu sein glaubt. Er ist anderer Art als seine Gedanken. Wieder 
einmal constatiren wir, dass die Sendboten des Geistes immer unzu- 
verlässig sind. Er hat über seine Seele sehr tiefempfundene Dinge ge- 
sagt, aber in dem kleinen Zeiträume, der den weilenden Blick vom 
scheidenden trennt, habe ich alles das erfahren, was er nie wird sagen, 
nie in seinem Geiste zu Leben erfachen können. Von nun an gehört 
er mir unwiderruflich. Einst waren wir durch den Gedanken vereint 
Heute fesselt uns eine tausend- und abertausendmal geheimnissvollere 
Sache als der Gedanken aneinander. Jahre und Jahre hindurch erwarteten 
wir diesen Augenblick, und da fühlen wir nun, dass Alles unnütz ist, 
und um uns nicht vor dem Schweigen zu fürchten, sprechen wir, die 
wir bereit waren, uns geheime imd wunderbare Schätze zu zeigen, von 
der Stunde, die der Kirchthurm mit seinen Schlägen anzeigt, oder der 
untergehenden Sonne, um unseren Seelen Zeit zu geben, sich zu be- 
wundem und in jenem anderen Schweigen zu umfangen, welches das 
Flüstern der Lippen und des Gedankens nicht stören kann. 

Im Grunde genommen leben wir nur von Seele zu Seele und 
sind Götter, die sich nicht kennen. Wenn es mir heute Abends un- 
möglich ist, meine Einsamkeit zu ertragen und ich unter die Menschen 
gehe, werden sie mir sagen, dass das Gewitter eben ihre Birnen vom 
Baume geschlagen hat oder die letzten Fröste den Hafen abgesperrt 
haben. Bin ich deshalb gekommen? Und dennoch werde ich bald mit 
ebenso befriedigter, kraftvoller und an neuen Schätzen reicher Seele 
von dannen gehen, als ob ich diese Stunden mit Plato, Sokrates oder 
Marc Aurel verbracht hätte. Was ihre Lippen sagten, war unhörbar 
neben dem, was ihre Gegenwart verkündigte, und es ist dem Menschen 
unmöglich, nicht gross und bewunderungswürdig zu sein. Was der 
Gedanke denkt, ist von gar keinem Belange neben der Wahrheit, die 
wir verkörpern und die sich stillschweigend behauptet ; und wenn nach 
fünfzig Jahren der Einsamkeit Goethe, Epiktet und St. Paul an meiner 
Insel landeten, könnten sie mir nur das sagen, was mir zugleich und 
schneller vielleicht der kleine Schiffsjunge auf ihrem Gefährte sagen 
würde. 

Was in der That das Seltsamste am Menschen ist, das ist sein 
verborgener Ernst, seine geheime Weisheit. Der Leichteste lacht nie 
wirklich unter uns, und trotz seiner Bemühungen gelingt es ihm nicht, 
eine Minute zu verlieren; denn die menschliche Seele ist aufmerksam 
und thut nichts Unnützes. »Ernst ist das Leben«, und im Grunde 
unseres Wesens hat unsere Seele noch nicht gelächelt. Jenseits unserer 
unfreiwilligen Aufregungen fuhren wir ein wunderbares, unbewegliches, sehr 



804 MAETERLINCK. 

reines und sehr sicheres Leben, auf das die sich darbietenden Hände, 
die sich öffnenden Augen, die sich begegnenden Blicke stündlich hin- 
weisen. 

Alle unsere Organe sind die mystischen Mitschuldigen eines 
höheren Wesens, und nie haben wir einen Menschen, nein, immer nur 
eine Seele kennen gelernt. Ich habe diesen Armen, der auf den Stufen 
meiner Schwelle um ein Almosen flehte, nicht gesehen ; aber ich schaute 
Anderes; in unsem Augen grüssten und liebten sich zwei gleiche 
Schicksale, und in dem Augenblicke, in dem er die Hand ausstreckte, 
öffnete sich die kleine Thüre des Hauses für einen Moment über dem 
Meere. »In meinen Beziehungen zu meinem Kinde,« sagte Emerson, 
»nützen mir Griechisch und Latein, Alles, was ich weiss, alles Gold, 
was ich besitze, gar nichts; was ich an Seele habe, ist allein von Be- 
lang. Wenn ich einen Willen habe, stellt er mir den seinen gegenüber, 
gleich zu gleich, und lässt mir, wenn ich will, die Schmach, meine 
Kraft zu missbrauchen, indem ich ihn schlage; aber wenn ich auf 
meinen Willen verzichte und im Namen der Seele handle, indem ich 
sie als Schiedsrichter zwischen uns Beide stelle, dann blickt durch 
seine jugendlichen Augen dieselbe Seele, und mit mir verehrt und 
liebt er.« 

Aber wenn es wahr ist, dass der Geringste unter uns keine Ge- 
berde machen kann, ohne der Seele und den geistigen Gefilden, wo 
sie herrscht, gerecht zu werden, so ist es ebenso richtig, dass die 
Weisesten fast nie an das Unendliche denken, das in einem sich 
Öffnenden Auge, in einem gebeugten Haupt, in einer sich schliessenden 
Hand liegt. 

Wir leben so weit entfernt von uns selbst, dass wir fast nichts 
von all dem wissen, was am Horizonte unseres Wesens vorgeht. Wir 
irren, dem Zufall preisgegeben, im Thale umher, ohne zu ahnen, dass 
alle unsere Geberden auf dem Berggipfel wiederholt werden und erst 
dort ihre Bedeutung erlangen, so dass von Zeit zu Zeit immer Jemand 
kommen und uns sagen muss: Schlaget die Augen auf, sehet, was ihr 
seid, sehet, was ihr thut; nicht hier leben wir, oben, auf den Höhen 
sind wir; seht, was diese Worte, die keinen Sinn hatten am Fusse 
des Berges, jenseits des Schnees der Gipfel werden, was sie bedeuten, 
und wie unsere Hände, die wir für so schwach und klein halten, stets 
zu Gott hinanreichen, ohne es zu wissen. 

Einige Menschen haben uns so auf die Schulter geklopft und 
uns mit dem Finger das gezeigt, was auf den Gletschern des Myste- 
riums vor sich geht. Sie sind nicht zahlreich. Es gibt deren drei oder 
vier in diesem Jahrhundert, fünf oder sechs in den anderen, und Alles, 
was sie uns sagen konnten, ist nichts im Vergleich zu dem, das statt- 
gefunden hat und unserer Seele kund ist. Aber was liegt daran? 
Gleichen wir nicht einem Menschen, der in den ersten Jahren seiner 
Kindheit das Augenlicht verloren hat? Er hat das unerschöpfliche 
Schauspiel der Wesen gesehen. Er hat die Sonne, das Meer, den Wald 
gesehen. Jetzt sind diese Wunder für immer in seinem Körper, und 



EMERSON. 805 

wenn ihr ihm von ihnen erzählt, was könnt ihr ihm sagen, was werden 
eure kläglichen Worte sein im Vergleich zu der Waldeslichtung, dem 
Sturm und der Morgenröthe, die noch am Grunde seines Geistes und 
seines Fleisches leben ? Dennoch wird er euch mit glühender, erstaunter 
Freude lauschen, und obwohl er Alles weiss und eure Worte all das 
weit unvollkommener wiedergeben, als ein Glas Wasser einen grossen 
Strom, werden die kleinen, ohnmächtigen Sätze, die von den Lippen 
der Menschen fallen, einen Augenblick den Ocean, das Licht und das 
düstere Laubwerk in ihm erleuchten, die in der Dunkelheit unter seinen 
todten Lidern schliefen. 

Das Antlitz dieses »transcendentalen Ichs« ist wahrscheinlich ein 
unendlich mannigfaltiges, und keinem der Mystikermoralisten ist es ge- 
lungen, dasselbe zu studiren. Swedenborg, Pascal, Novalis, Hello und 
einige Andere untersuchen unsere Beziehungen zu emer abstracten, 
subtilen und sehr weiten Unendlichkeit. Sie fiihren uns auf Berge, 
deren Gipfel uns unnatürlich, unbewohnbar erscheinen, auf denen wir 
oft mit Mühe athmen. Goethe begleitet unsere Seele an den Ufern 
des Meeres der »Heitern«. Marc Aurel lässt sie an den menschlichen 
Hügeln der vollkommenen, müden Güte, unter dem zu schweren Laub- 
werk der hoffnungslosen Resignation ruhen. Carlyle, der geistige Bruder 
Emerson's, der uns in diesem Jahrhundert am anderen Ende des Thaies 
zuwinkt, lässt die einzigen heroischen Momente unseres Wesens wie 
Blitze auf dem schatten- und gewitterreichen Grunde des stets un- 
geheuerlichen Unbekannten vorüberzucken. Er fuhrt uns wie eine tolle 
Heerde durch Sturm und Wetter ungekannten und schwefeligen Weiden 
zu. Er treibt uns in das tiefste Dunkel, das er freudig entdeckt hat, 
und das einzig und allein der ungleichmässige, gewaltige Stern der 
Helden erleuchtet ; er überlässt uns dort mit bösem Lachen der mannig- 
faltigen Wiedervergeltung der Mysterien. 

Aber da haben wir zu gleicher Zeit Emerson, den guten morgen- 
frischen Hirten der fahlen, grünen Wiesen eines neuen, natürlichen, 
verständlichen Optimismus. Er fuhrt uns nicht längs der Abgründe. Er 
ruft uns nicht heraus aus der bescheidenen, alltäglichen Einfriedung, 
weil der Gletscher, das Meer, der ewige Schnee, der Palast, der Stall, 
der erloschene Ofen des Armen und das Lager des Kranken, weil all 
dies unter demselben Himmel liegt, durch dieselben Sterne geläutert 
und denselben unendlichen Mächten unterworfen ist. 

Er ist für Viele in dem Augenblick gekommen, wo er kommen 
musste, und wo sie nach neuen Erklärungen lechzten. Die heroischen 
Stunden sind weniger hervorstechend, die Stunden der Selbstverleug- 
nung sind noch nicht wiedergekommen; es bleibt uns nur noch das 
tägliche Leben, und dennoch können wir nicht ohne Grösse leben! 
Er hat diesem Leben, das nicht mehr seine traditionellen Horizonte 
hatte, einen fast annehmbaren Sinn verliehen, und vielleicht war er 
imstande, uns zu zeigen, dass es seltsam, tief und gross genug ist, um 
keines anderen Zweckes als seiner selbst zu bedürfen. Er weiss nicht 
mehr vom Leben als die Anderen; aber er spricht mit mehr Muth 



8o6 MAETERLINCK. 

und hat Vertrauen in das Mysterium. Man muss leben ; ihr Alle müsst 
es, die ihr Tage und Jahre verbringet ohne Thaten, ohne Gedanken, 
ohne Licht, weil euer Leben trotz Allem unbegreiflich und göttlich 
ist. Man muss leben, weil Niemand das Recht hat, sich den geistigen 
Ereignissen der regelmässig dahinfliessenden Wochen zu entziehen. Man 
muss leben, weil es keine Stunde ohne innere Wunder und unaus- 
sprechliche Bedeutungen gibt. Man muss leben, weil es keine That, 
kein Wort, keine Geberde gibt, die in einer Welt, wo »viel zu thun 
und wenig zu wissen ist«, den unerklärlichen Rückforderungen ent- 
ginge. 

Es gibt kein grosses und kein kleines Leben, und die That des 
Regulus und des Leonidas ist ohne Belang, wenn ich sie mit einem 
Augenblick der geheimen Existenz meiner Seele vergleiche. Sie kann 
thun oder nicht thun, was sie gethan haben, diese Dinge reichen 
nicht an sie heran, und die Seele des nach Carthago heimkehrenden 
Regulus war wahrscheinlich ebenso zerstreut und gleichgiltig als die 
des Arbeiters, der in die Fabrik geht. Sie steht allen unseren Hand- 
lungen, allen unseren Gedanken zu weit. Sie lebt einsam am Grunde 
unseres Wesens ein Leben, von dem sie nicht spricht, und die Mannig- 
faltigkeit der Existenzen ist nicht zu erkennen von den Höhen aus, 
wo sie herrscht. 

Wir gehen gebeugt unter der Last unserer Seele, und es gibt 
kein Verhältniss zwischen ihr und uns. Sie denkt vielleicht nie daran, 
was wir machen; das ist auf unserm Antlitz zu lesen. Wenn man 
einen Geist aus einer anderen Welt fragen könnte, welchen Ausdruck 
das Gesicht der Menschen im Ganzen genommen hat, würde er wohl, 
nachdem er sie in ihren Freuden, ihren Schmerzen und ihren Auf- 
regungen gesehen hat, antworten: »Sie sehen aus, als ob fie an etwas 
Anderes dächten.« Seid gross, seid weise und beredt; die Seele des 
Armen, der an der Brückenecke die Hand ausstreckt, wird nicht eifer- 
süchtig sein, aber eure Seele wird vielleicht die seine um ihr Schweigen 
beneiden. Der Held braucht den Beifall des gewöhnlichen Menschen, 
aber der gewöhnliche Mensch verlangt nicht den Beifall des Helden; 
er verfolgt sorglos seinen Lebensweg wie Jemand, der alle seine Schätze 
an sicherem Orte hat. »Wenn Sokrates spricht,« sagt Emerson, »schämen 
sich Lysis und Menexenes nicht ihres Schweigens. Auch sie sind gross. 
Und Sokrates beruft sich auf sie und liebt sie, während er spricht, 
weil jeder Mensch in sich selbst die Wahrheit trägt, ja die Wahrheit 
ist, der ein beredter Mann Ausdruck verleiht. Aber es scheint, dass 
die Wahrheit in diesem beredten Manne, eben weil er sie ausspricht, 
schon nicht mehr ihren so sicheren Sitz hat, und deshalb wendet er 
sich mit grösserer Achtung und Verehrung diesen wunderbaren Schwei- 
genden zu.« 

Der Mensch lechzt nach Erklärungen. Man muss ihm sein Leben 
zeigen. Er freut sich, wenn er irgendwo die genaue Auslegung einer 
geringfügigen Geberde findet, die er vor 25 Jahren gemacht hat. Hier 
gibt es keine zu geringen Geberden; wir finden fast alle Stellungen 



EMERSON. 807 

unserer täglichen Seele. Den ewigen Charakter von Marc Aurel's Ge- 
danken werdet ihr hier nicht ünden. Aber Marc Aurel ist der reine 
Gedanke. Wer von uns übrigens führt das Leben Marc Aurel's? Hier 
haben wir den Menschen und nicht mehr. Er ist nicht willkürlich ver- 
grössert; nur ist er näher von uns als gewöhnlich. Da ist Johann, 
der seine Bäume beschneidet^ Peter, der sein Haus baut, ihr, die ihr 
nur von der Ernte sprecht, da bin ich und gebe euch die Hand; 
aber wir sind auf den Punkt gestellt, wo wir an die Götter hinan- 
reichen, und wir staunen über das, was wir thun. Wir wussten nicht, 
dass alle Mächte der Seele gegenwärtig waren, wir wussten nicht, dass 
alle Gesetze des Weltalls um uns herum warteten, wir wenden uns 
um und blicken uns wortlos an wie Leute, die ein Wunder ge- 
sehen haben. 

Emerson kam und bestätigte schlicht diese gleiche und ge- 
heime Grösse unseres Lebens. Er hat uns mit Schweigen und Bewun- 
derung umgeben. Er hat einen Lichtstrahl gesandt auf den Weg des 
Handwerkers, der aus der Werkstatt tritt. Er hat uns gezeigt, wie alle 
Kräfte des Himmels und der Erde beschäftigt sind, die Schwelle zu 
erhalten, auf der zwei Nachbarn vom herabfallenden Regen oder dem 
steigenden Winde sprechen, und lässt uns über zwei Menschen, die sich 
auf der Gasse ansprechen, das Antlitz eines Gottes sehen, der einem 
Gotte zulächelt. Näher als irgend Einer steht er unserem gewöhnlichen 
Leben. Er ist der aufmerksamste, eifrigste, ehrlichste, gewissenhafteste, 
vielleicht menschlichste Warner. Er ist der Weise des Alltags, und das 
Alltägliche ist im Grunde genommen das Mark unseres Wesens. Mehr 
als ein Jahr verstreicht ohne Leidenschaften, ohne Helden thaten, ohne 
Wunder. Lehrt uns, die kleinen Stunden des Lebens zu ehren. Wenn 
ich heute Morgens nach dem Geiste Marc Aurel's zu handeln imstande 
war, betont nicht meine Thaten, denn auch ich weiss, dass etwas ge- 
schehen ist. Aber wenn ich meinen Tag in nichtswürdigen Unter- 
nehmungen verloren zu haben glaube und ihr mir beweisen könnt, 
dass ich dennoch so tief gelebt habe wie ein Held und meine Seele 
ihre Rechte nicht verloren hat, dann werdet ihr melir gethan haben, 
als wenn ihr mich dazu gebracht hättet, heute meinen Feind zu retten ; 
denn ihr habt in mir die Stärke, die Grösse und die Bejahung des 
Lebens erhöht ; und morgen vielleicht werde ich mit Ehrfurcht zu leben 
wissen. 



MAURICE MAETERLINCK. 
Von Dr. Paul Bornstein (Berlin). 

(Schloss.) 

Auf gleicher Höhe steht »Les Aveugles«. Blinde, Männer und 
Weiber, leben in einem Hospital auf einsamer Insel; ein liebender 
Priester hat sich ihrer angenommen als Stütze und Führer. Nun hat 
er sie hinausgeführt auf die Lichtung des dunklen Waldes mit seinen 
uralten Bäumen, hat sich von ihnen verabschiedet, er wolle nur kurz 
an den Strand des Meeres, und hat sie geheissen, auf ihn zu warten. Er 
ist nicht fortgegangen; dass er, ein Todter, mitten unter ihnen sitzt, 
wissen die Blinden nicht. In bangem Harren, in müssigem Schwatzen, 
in kleinlichem Hadern wider den Todten, dass er sie allein gelassen, 
vergeht ihnen die Zeit. Wo sie sind, wissen sie nicht, nicht, welche 
Zeit es ist. Vom Hospital schlägt es Zwölf. Ist's Mittag oder Mitter- 
nacht? Die Sterne zu ihren Häuptern können sie nicht sehen; nur das 
ferne und leise Rauschen des Meeres hören sie. Von der Stelle wagen 
sie sich nicht, harrend sitzen sie, geängstigt durch den Flug der Wander- 
vögel, der durch die Lüfte braust, durch den Windstoss, der dürre 
Blätter auf sie hemiederwirft. Lauter gegen die Klippen donnert das 
Meer. Ein Tappen naht sich von fem — der Hund des Hospitals 
ist's; er könnte sie retten, aber sie wagen nicht, ihren Platz zu ver- 
lassen. Der Hund zieht einen der Blinden bis zu der Leiche des todten 
Priesters; unter unbeschreiblichem Grausen erkennen sie tastend den 
Todten. Angst, Jammer und Wehklagen : die Hoffnung ist geschwunden. 
Niemand wird sie holen, denn Niemand vermisst sie; trostloser Unter- 
gang steht ihnen bevor. Es wird kalt, eisig kalt, näher und näher 
kommt das dumpfe Brausen der Wogen, hoch rauschen die Blätter 
wild im Sturm. Schritte ertönen und kommen näher. Es beginnt zu 
schneien. Und wieder die Schritte. Das sehende Kind der einen Blinden 
fangt an zu weinen. Es muss also etwas sehen. Und die Schritte sind 
ganz nahe, ein Cewand raschelt in den dürren Blättern. »Halte das 
Kind empor!« schreien sie in Todesangst der Mutter zu, »damit es 
sehen kann!« »Die Schritte haben Halt gemacht unter uns! Sie sind 
hier. Sie sind mitten unter uns.« »Wo bist du?« Schweigen. »Erbarmen!« 
Mit diesem gellenden Schrei der Todgeweihten, mit dem verzweifelten 
Weinen des Kindes schliesst das Stück. 

In der Studie »Interieur« ^) steht gleichfalls der Tod im Mittel- 
punkte des Interesses. Durch die erleuchteten Fenster des Erdgeschosses 

^) Aus »Trois petites drames poar Marionettes«. 



MAURICE MAETERLINCK. 809 

blicken wir in ein friedliches Heim. Vater^ Mutter und Schwestern 
sitzen, lesend und mit Handarbeiten beschäftigt, beieinander — ein 
Bild vollster Ahnungslosigkeit Aber im Garten steht bereits der Fremde, 
der die Leiche der einen von den Schwestern — man wähnt sie auf 
Besuch — aus dem Wasser gezogen, in das sie sich selbst gestürzt 
hat; er verhandelt mit dem Greise, der die schwere Aufgabe auf sich 
genommen, die Todesnachricht zu überbringen. Der Greis tritt ein; 
ein Augenblick noch — und wo Friede und Glück wohnten, sehen wir 
jetzt, innen durch die erleuchteten Fenster lähmende Schrecken, 
grausiges Entsetzen, unendlichen Jammer. Die Wirkung einer plötzUchen 
Todesbotschaft auf ahnungslose Menschen bUdlich darzustellen, war hier 
die voll erreichte Absicht des Dichters. 

Grelle Todesschauer umwittern auch das Marionettendrama »La 
MortdeTintagiles«. Im hohen Thurm des unheimlichen Schlosses 
sitzt die gespenstige Königin — ein Symbol des Schicksals, sichtbar nur 
den düstem Weibern, die als Todesengel ihre Blutbefehle voUfUhren. 
Mord brütet sie jetzt gegen den Knaben Tintagües, den sie vom Auslande 
zu sich berufen; sie fürchtet in ihm den Prätendenten. Des Knaben 
Schwestern, Ygraine und Bellang^re, sowie Aglovale, der Greis, drei 
Ohnmächtige vereinen sich zum Schutz des Bedrohten. Seit seiner An- 
kunft ahnt der Knabe dumpf seinen Tod. Es ist da eine geheimnissvolle 
Thür, die sich nie öffnet; der Schlüssel ist verloren, keiner weiss, wohin 
sie fiihrt. — Nachts. — Im Gemache schlummern die beiden Schwestern, 
zwischen ihnen und von ihrem Lockenhaar umwunden liegt Tintagiles. 
Langsam, langsam und geräuschlos öffnet sich die seltsame Thüi ; drei 
finstere Weiber treten heraus und schreiten ins Schlafgemach. Einen 
Augenblick später kommen sie zurück ; auf ihren Armen den noch vom 
abgeschnittenen Lockenhaar der Schwestern umwundenen Knaben. Vom 
Sdireien des Entführten erwachen die Schwestern; Bellangdre stürzt 
ohnmächtig auf der Schwelle nieder, während Ygraine dem Schall der 
Stimme nachstürzt. Sie kommt, als gerade mit dumpfem Krach die 
geheimnissvolle Thür vor ihr zuschlägt. Ygraine sucht nach dem Bruder. 
So kommt sie an eine andere Eisenthür unter düsteren Mauergewölben. 
Da sie in der Verzweiflung gegen die Thüre schlägt« hört sie ein 
Pochen von der anderen Seite. Tintagiles ist's. »Oeffne,« schreit der 
Knabe, »öffae! Es ist hinter mir.« (Elle — la reine; oder — la mort.) Das 
Mädchen rüttelt und reisst an der Thür; vergebens — sie ist uner- 
schütterlich. Tintagiles schluchzt verzweifelt : Ygraine schlägt wie wa^hn- 
sinnig mit der Lampe gegen die Thür, sie zerbricht und erlischt. 
Dunkel, schweres Dunkel. Nur das Stöhnen der Schwester auf der einen, 
das immer schwächer werdende Wimmern des Knaben auf der anderen 
Seite. Es ist keine Hilfe. Von jenseits der Thür ein dumpfer Schlag, 
der Schall eines schwer aufschlagenden Körpers. Rasende Angstschreie, 
flehentliche Bitten, an die unsichtbaren Mörder gerichtet, entquillen dem 
Munde des Mädchens. Dann — ein langes, furchtbares Schweigen. 
»Ungeheuer I< schreit die arme Schwester noch einmal auf, ehe sie kraftlos 
in sich zusammenbricht. Die Scene packt mit unwiderstehlichen Erschütte- 

6t 



glO BORNSTEIN. 

rungeD ; in Stimmung und Zweitheilung der Scene erinnert sie an die Mord- 
scene in »Princesse Maleine«. Jene wie diese — nur ein Maeterlinck 
konnte sie schaffen. « « 

Ein Räthsel, wie Tod und Leben, ist für Maeterlinck auch die 
Liebe. Auch sie ist eine der elementaren Formen des Verhängnisses^ 
gegen das kein Sträuben gilt. Liebe bedeutet das mystische Zueinander- 
streben zweier zur Vereinigung vom Schicksal prädestinirten Wesen« So 
finster und furchtbar Maeterlinck's Todesdrama, so still und ersonnen, 
so traurig süss, so träumerisch mild sind seine Dramen der Liebe. 

In »Pelleas und Melisande«^) gibt er uns die Mär von der 
verbotenen Liebe. Golaud hat Melisanden im Walde gefunden, sie zu 
der Seinen gemacht und an den Hof seines Grossvaters, des Königs 
Artel, gebracht. Hier begegnet sie Gk>lauds jüngerem Bruder Pelleas, 
und sogleich fühlen sich Beide unwiderstehlich zu einander gezogen — 
anfilnglich wie Kinder, in vollster Unschuld, sich selbst nicht Rechen- 
schaft über ihr Empfinden gebend. Aber unheilvolle Zeichen warnen 
und wecken dumpfes Bewusstsein der Schuld. Golauds Verdacht wird 
rege, er beobachtet die Beiden. Herrlich ist diese Scene: Melisande 
oben am Burgfenster, unten auf der Brustwehr Pelleas; tief beugt sich 
Melisande im Liebesgespräch nieder; da fluthet ihr wundervolles Haar 
vornüber und hüllt den Entzückten in einen seidenen Mantel ; er umarmt, 
er streichelt, er küsst das Haar, und da er es eben im Scherz an einen 
Weidenbaum geknüpft, erscheint Golaud. Sein kurzes Wamwort kann das 
Verhängniss so wenig aufhalten, wie ein zusammen mit Pelleas unter 
sehr bezeichnenden Begleitworten unternommener Gang durch die ver- 
pesteten Grotten des Schlosses. Einmal weiss Golaud seinen Bruder im 
Zimmer Melisandens; nicht gross genug, um von der Brustwehr aus 
hineinsehen zu können, hebt er sein Söhnchen hoch und lässt sich von 
diesem berichten : Das Kind sieht nur zwei trostlos ins Licht starrende 
Menschen. Sie wollen sich trennen: Pelleas will fort, um kein Unheil 
heraufzubeschwören. Nur einmal noch wollen sie sich sehen. Bei diesem 
letzten Stelldichein überrascht sie abermals Golaud, er stösst Pelleas 
mit dem Schwerte nieder und verwundet Melisanden — leicht, ganz 
leicht. Aber auch diese leichte Wunde des Schicksals wird tödtlich bei 
Melisande. Der letzte Act zeigt sie uns auf dem Todtenbette, sie hat 
noch einem kleinen Mädchen das Leben gegeben — dann stirbt sie — 
leise, geräuschlos, demüthig, wie ein Blümchen, das den Kopf neigt, 
wie ein Licht, das erlischt Still, wie ihr Let>en, ist ihr Tod — es ist 
ein Sterben in Schönheit, in einer rührenden Schönheit und eine so 
ganz andere als die bacchisch jubelnde einer Hedda Gabler. 

Verwandte Empfindungen weckt »Alladine undPalomides«.^ 
Die Leser dieser Zeitschrift kennen das Stück; ich darf mich kurz 

^) Verlag yon F. Schneider & Co., Berlin 1897, Deutsch von G. Stock- 
hausen, eingeleitet Ton Maximilian Harden. 

^ »Trois petits drames pour Marionettes.« Deutsch in der »Wiener 
Kundschau«. 



MAURICE MAETERLINCK. 8 1 1 

fassen und mich begnügen, auf den wundersamen Zauber der Grotten- 
scene nachdrücklich zu verweisen. Im Kerker der meerumflutheten 
Grotte finden sich die Liebenden wieder, sie reissen die Binden von 
den Augen und finden sich inmitten magischen Glanzes: mit blauem, 
zauberhaftem Licht übergiesst das schimmernde Meerwasser Alles 
ringsher, höchste Liebesseligkeit romantisch-symbolisch verklärend. Jähe 
Schritte von oben, die Retter sind's — grell und fahl bricht das Licht 
des Tages herein, der magische Glanz erbleicht» das Paradies versmkt 
in kalte und starrende Oede. So tödtet erbarmungslos das grelle Licht 
der Wirklichkeit zwei Herzen, indem es ihnen die Träume tödtet, in 
denen sie glücklich waren. Vergiftet sterben sie hin, von Zimmer zu 
Zimmer mit letzten Rufen einander suchend. Es ist das stille Sterben 
Melisandens, ein leises Hinübergleiten in ein besseres Jenseits: »es war 
das Licht, das kein Erbarmen gehabt«. 

Tiefer noch angelegt ist das herrliche Drama »Aglavaine und 
Sdlysette«, dessen Dialog nur hie und da an einer gewissen philo- 
sophischen Hypertrophie krankt. Zwei Frauen stehen einander gegen- 
über rivalisirend um die Liebe des Mannes, der, haltlos schwankend 
zwischen ihnen steht S^lysette ist ein frohes, liebenswürdiges, aber un- 
bedeutendes Geschöpf, bis Aglavaine in ihren Kreis tritt und, ohne es 
zu wollen, ihren Gatten an sich fesselt. Im Schmerz reift S^lysette 
heran, im Schmerz erschliessen sich die Tiefen ihrer Seele. Die Seelen- 
schönheit Aglavaines weckt die ihre. Aus den Rivalinnen werden 
Freundinnen, die — jede der anderen — das Opfer ihrer Liebe 
bringen wollen. Wundervoll sind diese zwei Frauenseelen gezeichnet. 
Im Ringen um den Preis innerer Schönheit siegt die arme, kleine 
S6l3rsette über die ernste und hochgemuthe Aglavaine. Diese will ab- 
reisen; S^lysette aber fasst den Plan, sich selbst dem Glück der an- 
deren aufzuopfern. Sie will sterben. Bei Tag steigt sie mit der kleinen 
Schwester auf den Thurm, zu dem sie den goldenen Schlüssel wieder- 
gefunden — aber sie kann es nicht ; die Sonne scheint so golden, und 
die Blumen duften so hell — die Stimme des Lebens ist noch zu 
mächtig in ihr. So geht sie unbeugsamen Willens des Nachts. Da die 
langen Schatten sinken und der letzte Strahl der Sonne verblichen, 
findet sie den Muth des Todes. Und noch dem Tod lügt sie ins 
bleiche Gesicht: gestürzt sei sie, nicht habe sie sich hinabgeworfen, 
Sie will die Geliebte vor der Qual des Gewissens bewahren. Es ist 
das Lied von der entsagenden Liebe in seiner Reinheit und unend- 
lichen Trauer. ^ « 

Ein Träumer ist Maeterlinck und ein Phantast. Eine dunkel- 
glühende und suchende Seele. Ein Sohn des Fin de si^cle mit leise 
schwingenden, saugenden Nerven. Ein Primitiver nicht aus Naivetät, 
sondern aus Raffinement. Worte fand er, die keiner sprach, über 
Dinge, die keiner je vor ihm geschaut, Wirkungen, die keiner erzielt, 
mit Mitteln, die so keiner gebraucht. Keinem hat er zu danken, dieser 
Seelenkünder, er ist selbsteigen und original durchaus. Er steht allein: 

62* 



Sl2 BORNSTEIN. 

unerreicht trotz allen Nachahmern. Ist seine Poesie krank? Man kann 
es nicht sagen. Ist sie gesund? Nimmermehr! Die Mitte zwisdien 
Krankheit und Gesundheit hält sie: sie ist nicht mehr krank wie die 
Decadenz, die Maeterlinck überwunden; sie ist noch nicht gesund — 
sie ist zu künstlich, zu mönchisch-christlich, zu mystisch, um gesund 
zu sein, aber sie tendirt zu einer neuen Gesundheit. Reconvalescenten- 
poesie hat sie Harden genannt; Maeterlinck steht «auf halber Höhe -des 
Berges, dessen Scheitel eine neue Sonne krönt«. Einer neuen Schönheit, 
einer neuen Natur ringt er entgegen mit neuen Mitteln; ein echter 
Schöpfer, baut er vor uns eine neue Welt auf. Vielleicht ist diese 
Schönheit künstlich: was thut's? Jede Schönheit ist Erlösung in dieser 
Zeit, die so rauh, diesem Leben, das so unkünstlerisch ist. Maeterlinck 
ist ein Poet nicht für die Vielzuvielen, aber für die Aristokraten des 
Geistes und der Seele, die selber feine Nerven haben und Tiefen und 
Höhen wie er; für die Empfindenden und Suchenden, denen es noch 
Räthsel gibt. Die Protzen des Verstandes, die an den Fingern ab- 
zählen und es so herrlich weit gebracht haben, können ihn nicht 
fassen. Wir Jüngeren aber, da wir ihn haben und verstehen, lassen 
ihn uns nicht mehr nehmen; wir fühlen: unsere tiefsten Empfindungen 
sind es, denen er die Lippe löst; unsere feinsten und besten Geheim- 
nisse sind es, deren Mitwisser er ist. Und da er wie kein Zweiter 
mit uns und in uns zu leben weiss, wie sollten nicht auch wir mit ihm 
und in ihm leben? 



DAS ERGEBNISS DER MÜNCHENER KUNST- 
AUSSTELLUNG VON 1897. 

Von Georg Fuchs. 

Lenbach sagte in einer Bankettrede, als die VII. Internationale 
Kunstausstellung in München eröf&et wurde: »Wir sind ausstellungs- 
miide, die Zeit der grossen Ausstellungen ist vorbei.« O, dass es doch 
so wärel möchte man zuerst ausrufen. Da denkt man daran, dass 
unsere Maler nur deshalb ihren Beruf verfehlten — ausgenommen 
Wenige — weil sie fiir die Ausstellungen schufen, in der besonderen 
Absicht, in den Salons Aufsehen zu erregen. Da denkt man daran, 
welchen Hass wir gegen Museen hegen, gegen die Magazine, in denen 
die Zunft der Schulmeister ihre Lehrmittel aufbewahrt: die erhabenen 
Werke der Meister, ersonnen und erschaffen uns zur Freude und Zier. 
Da denkt man daran, welchen Ekel wir vor den gläsernen Labyrinthen 
empfinden, in denen die leuchtenden Werke unserer grossen Freunde 
eingereiht werden zwischen die Aermlichkeit des biederen Mittelstandes, 
die Gemeinheit des Pöbels und die aufdringliche, freche Rohheit des 
ruhmsüchtigen Ressentiments, des eigentlichen — »Modernen« Verlassen 
wir die gläsernen Scheunen! Die lärmenden Haufen mögen sich darin 
tummeln — trotz ihrer werden sie veröden und zerfallen 

Wir sind aber nicht nur Sehende und Empfindende — wir sind 
auch Kämpfer. Wir wollen Die Kunst. Wir bedürfen der grosse» Aus- 
stellungen. Hievon überzeugt uns gerade die Münchener Ausstellung 
dieses Jahres. Sie brachte uns einen Sieg im Kampfe um die Befreiung 
der Kunst Dieser Erfolg wäre unmöglich gewesen ohne die bedingungs- 
lose Oeffentlichkeit. Allein dem Bestreben, die Anziehungskraft der 
Ausstellung zu erhöhen, verdanken wir die erste Sammlung unserer 
neuen, ganz jugendlichen, angewandten Kunst. Die Machthaber 
der Münchener Kunstbureaukratie beabsichtigten nichts weniger, als 
einer eigenartigen deutschen Kunstübung zum Durchbruche zu ver- 
helfen, welche die Schönheit der Gebrauchsgegenstände, der Häuser 
und Innenräume erstrebt und erwirkt Sie nannten diese Art von 
Kunst »Kleinkunst« — früher schalt man sie »Kunstgewerbe« — und 
verwiesen sie in zwei enge Kämmerchen. Sie erschraken nicht wenig, 
als plötzlich ein Murmeln umging, dass gerade diese kleinen, hübschen 
Dinge in den kleinen, engen Kämmerchen den Werth der ganzen Aus- 
stellung ausmachen, die ganze Ausstellung vor dem ästhetischen Areo- 
page rechtfertigen, ja zu historischer Bedeutung erheben. Auch wir 
wollen davon reden; nicht nur befriedigt murmeln, vielmehr laut und 
vernehmlich davon zeugen. Denn es handelt sich nicht nur um die 



8 14 FUCHS. 

ersten Anfänge einer selbstständigen »angewandten Knnst« in Deutsch- 
land, sondern um das Aufleben und Erstarken einer anderen, werth- 
volleren, ästhetischeren Art des Kunstempfindens. 

Revolution! Das ist das richtige Wort für die Bewegung, als 
deren Symptome die angewandte Kunst in Deutschland aufersteht, 
eine Kunst, die sich freimüthig zu ihrem Zwecke bekennt, zu dem 
Zwecke, das Leben schöner, freudiger, lebenswerther zu machen. Das 
schlägt Allem ins Gesicht, was in Deutschland bisher öffentlich über 
Kunst gepredigt und geglaubt wurde. Oeffentlich — wir dachten und 
thaten immer anders. Aber die bildende Kunst, die nun einmal in 
Deutschland die Errungenschaften im Kampfe um die reine Kunst stets 
zuerst an die Oeffentlichkeit und in dieser zu einer gewissen Geltung 
brachte — sie hat auch hier gewissermassen die Priorität der Ver- 
öffentlichung. Dank der grossen Ausstellungen, die kein Werk der 
bildenden Künste, das auch nur einigermassen für talentvoll gelten 
kann, zurückweisen dürfen, können auch die wahrliaft künstlerischen 
Bestrebungen in der bildenden Kunst, neben so und so viel anderen, 
alljährlich vor ein grösseres Publicum gebracht werden. Das ist in den 
anderen Künsten unmöglich — hier gebieten die Cliquen über die ge- 
schäftlichen Factoren, die Cliquen, welche stets, bald bewusst, bald 
unbewusst, eine Versicherung der Unfähigen gegen die Schaffenden als 
wichtigstes Ziel mit Leidenschaft verfolgen. 

Wenn wir die ästhetischen Evangelien, welche im XDC Jahrhundert 
geglaubt wurden, und die in der That Schöpfungen echter Künstler, 
wenn auch selten diese ganz, für sich als Beweismittel in Anspruch 
nehmen konnten, übersehen, so finden wir folgende: die classi- 
cistische, welche sich mehr an das wissenschaftliche als an das 
künstlerische Wirken Goethe's anschloss, die romantische, aus 
ihr durch Richard Wagner entwickelt, die romantisch-mystische 
nnd — durch Heine — die individualistische. Von diesen ist 
nur die dassicistische wieder ganz verschwunden. Die romantische lebt 
noch ein Scheinleben in der Historienmalerei — in der Kunst der 
Provinz. Die romantisch-mystische steht in höchster Gunst bei den 
»Höheren«: die zahlreichen Nachtreter Richard Wagner's, Maler und 
Zeichner wie Max Klinger, Stuck, Sattler, gelten ihnen deshalb nur 
Alles, dazu am Ende gewisse Verfasser schlechter Verse und billig 
mystificirender Theaterstücke. Die »Individualisten« sind die 
Ueberlebenden aus jenem kindlichen Sclavenaufstande gegen die Kuns t 
überhaupt, von dem man unnützerweise eine Zeit lang unter dem 
Namen »Naturalismus« Notiz nahm. Ihnen gilt das Ausprägen ihrer 
»grossen», »bedeutenden« und »tiefen« Natur durch Mittel der Kunst, 
in denen man jedoch nicht eben wählerisch zu sein braucht, als die 
einzige des modernen Menschen würdige Weise. Allerdings, dies ist 
eine Art, mit Hexen umzugehen; wir meinen mit jenen »höheren« 
Frauen, die gerne an die »Tiefe« eines solchen Knaben glauben, wenn 
er sie hinreichend oft betont, und ihm und Anderen seine Genialität 



MÜNCHENER KUNSTAUSSTELLUNG 1897. 813 

bescheinigen. Das ist so das Berliner Genie. In der Malerei er* 
scheint der Individualismus allerdings in einer Form, die ernst 
genommen werden muss, indem sich hier oft malerische Begabung 
mit ihm verbündet. Er wird hervorgerufen einerseits durch eine Ueber* 
tragung des gelehrten Interesses am Künstler und seiner Art in die 
Production. Man sah, wie emsig sich die Gelehrten abmühten, über 
das Leben und die Person eines Künstlers der Vorzeit Einzelheiten zu 
sammeln, wie sehr sie sich, um durch exactes, wissenschaftliches Material 
Erklärung seiner künstlerischen Eigenart zu finden, für seine Person 
interessirten. Eine falsche Association führte sehr schnell dazu, das 
Interesse an der Person als das Interesse überhaupt zu nehmen. 
Andererseits mussten viele tüchtige Maler zum Individualismus getrieben 
werden, weil ihnen keine Aufgaben gestellt wurden, weU sie ihren 
Beruf verfehlten. Da war denn, wie gewöhnlich, die graue Theorie 
gerne bereit, aus der Noth eine Tugend zu interpretiren, den »Indi» 
vidualismus« als »einzig wahre moderne Kunst« zu feiern, wie sie denn 
überhaupt allem Schwächenden, Unästhetischen mit besonderer Wollust 
zur Macht zu verhelfen sucht. Der »Individualismus» ist eines der 
Evangelien derjenigen, die sich schwach fühlen. Denn eine starke Per- 
sönlichkeit hat stets ihre liebe Noth, dafür zu sorgen, dass ihre Werke 
nicht unwillkürlich zu persönlich werden, dass ihnen die hohe 
Allgemeingiltigkeit gewahrt bleibe. 

Indem Künstler auftraten, welche bekannten: Wir schaffen, um 
das Leben, die Wohnungen, die Gebrauchsgegenstände zu verzieren, 
war dem »Individualismus« die schroffste Kriegserklärung hingeworfen. 
Der Ruf: »Ich will in meinem Werke meine Individualität rücksichtslos 
ausdrücken!« kündet das Gegentheil der neuen Verheissung, die da 
lautet: »Ich will dir dein Leben schmücken!« Nicht geringer ist die 
Feindseligkeit gegen die Romantik und romantische Mystik. Die Ro- 
mantik liebte es, die Gräber zu plündern, alte Dinge um sich aufzu* 
richten, nachzuahmen mit knechtischer Ehrfurcht. Der Geist der Ro- 
mantik beherrschte das ganze deutsche »Kunstgewerbe« des Jahrhunderts 
bis jetzt. Gleich einem Häresiarchen wurde derjenige geachtet, welcher die 
Zierate nach un s e r enBedürfnissen, aus unserem Geiste, aus unserem 
Leben finden wollte. Gottlob! Die Ketzer haben ihren Einzug im 
Münchener Glaspalaste gehalten ! Wie nöthig sind doch die Ausstellungen! 

Die romantische Mystik endlich können wir am reinsten 
in dem kennen lernen, was man unter den »Höheren« so gemeinhin 
für »moderne Musik« ausgibt: die Kunst, nicht mehr um ihrer selber 
willen geachtet, sondern um dessentwillen^ das sie »ausdrückt«, »S3rm- 
bolisirt«, um ihrer »Tiefe« willen. Es ist ein Evangelium für die »geistig 
Schwachen«, für die^ welche wenig gesehen und gelernt haben, für 
alte Knaben und alte Mädchen. Man muss noch zu glauben vermögen, 
dass einer etwas Kluges, etwas Dummes denken könne, was keiner 
noch vor ihm gedacht Man muss tiefe Sprüche und Weisheiten noch 
für neu halten, noch für an sich und durch sich werthvoll, sie muss 
man feierlich celebriren, das ist dann Kunst. Man kann sie mit sehr 



8 1 6 FUCHS. 

edlen Tönen künden, aber das ist schon beinah ein Sacrileg. Das 
»Programme soll möglichst deutlich bleiben. £ine Ueberraschmig durch 
künstlerische Einigle könnte leicht ablenken, drum ein »Leitmotiv« 
und das immer fort und immer fort und dann immer noch einmall 
Das Wesentliche soll nicht die musikalische, die poetische, die malerische 
Gestaltung sein, sondern das, was dahinter liegt in der »Tiefe«. 
Dass diese Theorie für Glorificirung der Schwäche erfunden sei, bedarf 
keines Beweises. Der Starke gestaltet, ihm ist nichts gleichgiltiger 
als das »Dahinter« und das »Tiefe«, er hat den starken Arm, die starke 
Faust, den kühnen Muth. £r stellt hin, und wie es steht, so ist es schön. 

Wenn wir uns entschliessen, alle Dinge, die uns Tungeben, schön 
zu gestalten, wenn wir darin den Zweck der Kunst erblicken, so handeln 
wir gegen jede giltige Theorie. Wir emancipiren uns von der Adoration 
des Alten, wir verachten den grössenwahnigen Individualismus, wir 
wollen keine mystischen, philosophischen und Ideen -Werthe mehr, sondern 
rein künstlerische, wir wollen Formen. Aber dieser Gegensatz der 
angewandten Kunst gegen die Poesie, Musik und die Theorien 
unserer Tage ist nur ein scheinbarer. Er ist nur dann vorhanden, wenn 
wir uns nur an das halten, was öffentlich ausgeboten, gedruckt, gespielt, 
besprochen und beklatscht wird. In Wahrheit ist das rein künstlerische 
Leben in Deutschland nie abgestorben. Auf Goethe folgte Gottfried 
Keller, auf Novalis Stefan George, auf Schubert Richard Wagner und 
auf Richard Wagner Anton Beer und Andere. Es ist ganz gleichgiltig, 
wie sich diese Künstler zur Aussen weit verhalten. Die Zustimmung des 
Pöbels wie die Vergötterung der »Höheren« macht nicht die Kunst, 
ebensowenig wie der Geldbeutel des Verlegers: der Meister schafft. 
Amen. Wann das Volk Stellung zu ihm nimmt, das ist gänzlich 
einerlei. Auch die Gebildeten sind gewöhnlich um ein Menschenalter 
zurück. Als Wagner lebte, hielten sie sich an Mendelssohn und dann an 
seine Nachahmer, so geht es fort. Wer möchte seine Nerven damit belästigen ! 

Nein I Gerade in der Dichtkunst, von Goethe bis zu uns, gerade in 
der Musik, von Schubert bis Anton Beer ist die Tradition niemals unter- 
brochen worden. Auf diesen Kunstgebieten hatten wir immer grosse Künstler 
gehabt und haben sie auch heute. Wir kennen sie, die Kommenden wer- 
den sie preisen und ebenso verächtlich von der öfifentlichen Meinung, den 
Theaterdirectoren, Kritikern und Capellmeistern von heute denken, wie 
diese über ihresgleichen von gestern. Zu allen Zeiten jedoch waren es die 
Höfe der Vornehmsten, die den Meister auch schon zu sein er Zeit erkannten, 
liebten und mit Ehrfurcht wandeln sahen. Diese Höfe gibt es auch 
heute. Die Menge der Gebildeten erfahrt von dem Geiste, der diese 
Kreise bewegt, erst später, viel später. Ausgenommen die bildende 
Kunst. Sie tritt vor A 1 1 e in den grossen Ausstellungen. Auch diejenigen 
Künstler erscheinen hier bereits in der Oeffentlichkeit, die ihrer ästheti- 
schen Reife nach mit Poeten und Musikern auf einer Stufe stehen, 
die erst nach Jahren dem Publicum bekannt werden können. So wirkt 
die büdende Kunst gegenwärtig als Erzieherin für die anderen Künste. 

(Schluss folgt.) 



ANARCHISTISCHE EXPERIMENTE, i) 
Von Stefan Grossmann (Wien). 

Allmälig dämmert es in emigen Gehirnen auf, dass Ravachol und 
Most nicht den ganzen Anarchismus ausmachen und dass die polizei- 
liche und journalistische Wissenschaft vom Anarchismus doch wohl nicht 
ganz erschöpfend sei. Hat sich doch auch Tolstoi selbst einen Anarchisten 
genannt, und diese Neo-Urchristen sind es auch factisch; sie verweigern 
Staats- und Waffendienst — als der Lehre Christi widerstreitend — 
haben keinerlei Eigenthumsinstinct und verabscheuen Alles, was ma- 
terielle Vergewaltigung bedeutet. In Deutschland gibt es ein paar 
Dutzend Anarchisten, welche — es ist scheinbar komisch — von 
Consum- und Productivgenossenschaften ein starkes Stück Annäherung, 
wenn nicht gar Verwirklichung des »kommenden Reiches« erwarten. 
In Italien — das bezeugt uns ein eben erschienenes Buch von Dr. Gio- 
vanni Rossi, »Utopie und Experiment«*) — hat man von anarchisti- 
schen Colonisationsexperimenten viel erwartet. Auf den ersten Anschein 
möchte man meinen, dass in diesen divergenten Versuchen und Rich- 
tungen kein gemeinsames Element zu finden sei Bedenkt man femer 
noch, was fiir difTerente Individuen sich in diesen Gemeinschaften finden, 
Proletarier und ärmste Proletarier (die Socialdemokratie nennt sie 
Lumpenproletarier), Studenten und idealisirte Bourgeois, religiös-ethische 
und rein ästhetische Naturen, so wird man nur schwer irgend eine 
Synthese für so viel Ausläufer finden können. Diese Gemeinsamkeit 
aller Anarchisten, von Ravachol bis Tolstoi, von Peter Kropotkine bis 
zu Richard Dehmel ist ein bestimmter Zustand des inneren Menschen 
von heute. Die Anarchie — hat einmal Camille Mauclair geschrieben — 
ist keine dogmatische Theorie, sie ist ein Seelenzustand. Sie ist ein 
bestimmter Temperaturgrad der Seele, eine bis zur Religiosität ge- 
triebene Erhitzung der Seele, welche, wenn man die erbärmlichen Kälte- 
zustände des inneren Menschen von heute bedenkt, ein erfreuliches 
und hofihunggebendes Symptom ist. Wie gering sind alle Sentiments 
des modernen Menschen! Er vermag sich nicht mehr zu erhitzen und 
nicht mehr zu erkälten, der gründliche Ekel ist ihm fremd und ebenso 
die Freude von Grund aus. Der Anarchist ist der einzige elementare 
Mensch von heute; alle anderen sind vollgepfropft, beschmutzt, trübe 

') Wir geben diesen Ansführnngen Raum, ohne sie zu billigen, weil wir 
der Ansicht sind, dass es für unsere Leser interessant sein dürfte, in das Wesen 
nßd die Ziele des Anarchismus Einblick zu gewinnen. Die Red, 

*) Aus dem Italienischen, gesammelt und übersetzt von Alfred Sanftleben 
Selbstverlag. Zürich 1897. 



8l8 GROSSMANN. 

und betrübt, dem inneren Ersticken nahe vor lauter Opportunitäten. 
Welcher Gedanke immer da in die klare Seele des Anarchisten fiült, 
er wird in ihr zur Erlösungsidee. Einer von ihnen wird z. B. ms Ge- 
föngniss nach Moabit gesteckt Damit die langen Tage der Haft ruhiger 
vergehen, liest er in seiner Zelle nationalökonomische Schriften. Er 
stösst auf die Genossenschaftsidee. Eine Gedankenverbindung erwacht 
in ihm. Wie, wenn die consumirenden Proletarier sich vereinigten und 
ebenso die producirenden Genossen, und wenn es gelänge, die Ströme 
der geeinten Consumenten zu den Quellen der geeinten Producenten 
hinzuleiten? Bedeutete das nicht die Befreiung von allen Zwischen- 
gliedern, Händlern und Herren? Werden sich nicht die Producenten 
autonom verwalten? Ist nicht der Consument von Schuhwaaren der 
Producent von Kleidern? Bedeutet nicht vielleicht die wechselseitige 
Ergänzung von Consumenten und Producenten die Verwirklichung des 
»freien Uebereinkommens« ohne staatlichen »Schutz«, ohne parlamen- 
tarisches Pactiren? So kann die Genossenschaftsidee, welche im Munde 
eines liberalen Scheuklappenbesitzers ein blosses Mittel zur »Sparsamkeit« 
darstellt, in der anarchistischen Seele zur hoffnungsvollsten Utopie werden. 
Es kommt nur auf das Experiment an. 

Das Experiment! Es ist die Lebensäusserung des anarchistischen 
Temperamentes. Diverse Experimente sind schon missglückt, aber das 
hindert nicht, dass man noch hundert andere — wenn's nöthig ist — 
beginnen wird. Das Experiment wird so lange geübt, als die Ursache 

hiefür, das versuchsfreudige Individuum vorhanden ist, so lange 

nun, bis eben einmal das erste Experiment geglückt ist. Eine Reihe von 
Experimenten erzählt das obcitirte Buch des italienischen Anarchisten 
Dr. Giovanni Rossi, von welchem hier die Rede sein soll Zwei grosse 
Experimente hat Rossi gemacht — sie haben ihn zwanzig Jahre seines 
Lebens gekostet 1 — Jedesmal hat er die schlimmen Erfahrungen des 
vorhergehenden Versuches für den kommenden ausgenützt, die Experi- 
mente an sich sind missglückt, das kann den Autor aber nicht hindern, 
sein Buch mit einer neuen Utopie zu schliessen. Man wird vielleicht 
gar noch bald von einem neuen Versuche hören, denn ein anarchistischer 
Mensch, ein glühender Mensch, ein »moralisches Genie«, wie ihn Gustav 
Landauer nannte, ist Rossi geblieben. 

Im Jahre 1878, als der »Socialismus in Italien noch wenig mehr 
als ein kindliches Lallen war«, hat Dr. Giovanni Rossi, damals 23 Jahre 
alt, eine kleine socialistische Utopie erscheinen lassen. Diese »commune 
socialista« vermengte den Traum emer socialistischen Gemeinschaft sehr 
anmuthig mit einer Liebesgeschichte. Einmal sagt der Held der Erzählung : 
»Wenn wir von unserer Liebe sprechen wollten, sprachen wir vom So- 
cialismus.« Es war das Buch eines jungen Menschen, mit einigen argen 
Dummheiten, aber auch die Dummheiten im prächtigen' Brustton der 
Ekstase vorgetragen. 1891, zur fünften Auflage des Büchleins, schrieb 
Rossi als Vorrede: »All die Sentimentalität und die Rhetorik, welche 
der Autor, damals blutjung, in diesen Seiten niedergelegt, als sie, 18^6 
verfasst, zum erstenmal im Jahre 1878 gedruckt wurden, gefiel mehr. 



ANARCHISTISCHE EXPERIMENTE. Big 

als die in den folgenden Auflagen angewandte trockene Form* Der Autor 
folgt diesmal dem Geschmack der Leser, indem er mit dieser Auflage 
zur alten, ersten Form zurückkehrt. Wenn Jemand finden sollte, sie sei 
überschwänglich oder überzuckert, so bin ich heute vollständig mit ihm 
einverstanden.« Die Utopie des Buches ist übrigens eine viel wahrschein-^ 
Uchere, als etwa jene des später erschienenen Bellamy. Alle Bürger 
einer Colonie sind in Associationen organisirt. Wer an diesen Associa- 
tionen mitarbeitet, bekommt seine Arbeitsmarke, die ihm sein freies 
Genussrecht sichert. Sonst meinte Dr. Rossi wie Herr August Bebel: 
»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Die Broschüre Rossi's hatte 
einen überraschenden Erfolg. Eines schönen Tages kam ein Grundbesitzer 
aus der Provinz Cremona zu dem jungen Autor, stellte sich ihm als 
alter Anhänger Mazzin's mit Namen Giuseppe Mori vor und enthüllte 
ihm sein Project, sein Gut Citadella aus seinem Privatbesitz in eine 
socialistische Colonie umzuwandeln. Versuchsweise gab man den Bauern, 
welche dort bisher als Lohnarbeiter fungirt hatten, das Gut für ein 
Jahr, später für drei Jahre zur Pacht, natürlich ohne Pachtzins. Als die 
Bauern nach der ersten VerblüfiEung sahen, dass es wirklich Ernst war, 
nahmen sie das Project selbst in die Hand. Einen Entwurf eines »gleich- 
heitlichen« Lebens, den ihnen Rossi vorbrachte, wiesen sie ab. Sie 
wollten, so viel als möglich, ihre alten Lebensbedingungen und -Werthe 
aufrecht halten und theilten die Theilnehmer der Colonie, je nach ihrer 
Arbeitsleistung, in drei Classen ein: der Director, der Secretär, die 
Stallmeister sollten je 360 Lire Gehalt beziehen, die Ackerbauer je 
340 Lire und die Handlanger und Taglöhner je 300 Lire. Ueberdies 
hatte jede Familie ihr Haus, participirte an der Ernte, der Schweinezucht, 
dem Geflügel und der Seidencultur. Man b^ute Getreide, ^ais, Wein, 
züchtete Grossvieh und Seidenraupen. Die Cultur des Bodens besserte 
sich; bei der Pariser Weltausstellung 1889 wurde die Colonie mit einer 
silbernen Medaüle ausgezeichnet. Dr. Rossi, der — übrigens ebenso 
wie Peter Kropotkin — ein tüchtiger Agronom ist, wollte der Colonie 
noch schneUer vorwärtshelfen. Die Bauern hätten die Vortheile der 
modernen Technik kennen lernen sollen. Mittelst Kunstdünger, Futter- 
rüben, Anwendung des festen Pfluges bei Maiscultur, Sulfatbehandlung 
der Weinstöcke gegen die Peronospora, Anwendung des Sackpfluges u. dgl. 
wissenschaftlich erprobten Mitteln soUte die Blüthe der Colonie beschleunigt 
werden. Aber da zeigte sich ein beachtenswerthes Sjrmptom. Die Bauern 
waren wüthende Gegner jeder Neuerung. Es bedurifte endloser Vor- 
stellungen Rossi's, damit sie wenigstens den Versuch machten, und 
wenn sie dann endlich experimentirten, so thaten sie's mit dem Wunsche 
zum Misslingen. Auch das intellectuelle Leben der Bauern wollte sich 
durchaus nicht ändern, eine Thatsache, die von Marxisten denn doch 
ein wenig beachtet werden sollte. Sie blieben genau so katholisch, 
fanatisch und bigott wie vorher. Die neuen ökonomischen Verhältnisse 
zeitigten auch nach einigen Jahren gar keine intellectuelle Veränderung! 
Rossi und Mori beschlossen daher, als zwei Familien die Association 
verlassen mussten, an ihrer Stelle eine Gruppe von Socialisten aufzu- 



620 GROSSMANN. 

nehmen. Aber diese Aufpfroplung sollte nicht prosperiren, es bildeten 
sich zwei Parteien, die kein gemeinsamer Organismus werden wollten. 
Die Bauern fUrchteten mit bäuerlichem Misstrauen, man wolle sie mit 
der Zeit alle vertreiben. Alle conservativen Eigenthumsinstincte der 
italienischen Bauern erwachten, und da die Leute nichts Anderes als 
ihre Frauen besassen, artete dieser Eigenthumswahn in die tollste Eifer- 
sucht aus ; man glaubte die verrücktesten Theorien der »Freien Liebe«^ 
welche ein ehemaliger Verwalter, dem die Colonie sehr ungelegen ge- 
kommen war, ausstreute. Die Streitigkeiten wurden chronisch, Rossi 
musste die Colonie verlassen, und Herr Giuseppe Mori, der ein ganz 
wohlwollender Mensch, aber ein alter Mann und Freund der Ruhe war^ 
machte dem Gezänk ein Ende, indem er den Pachtvertrag löste imd die 
alten Znstände wieder aufnahm. 

Ein Anderer wäre nach diesem Misserfolg vielleicht kleinlaut ge- 
worden, Rossi bekam durch dieses missglückte Experiment Lust zu 
einem neuen. Er wollte nunmehr sein Experiment nicht mit conserva- 
tiven Bauern, sondern mit Gesinnungsgenossen durchfuhren. Nicht auf 
leihweise und zeitweise überlassenem Gute, sondern auf eigenem freien 
Boden sollte eine neue Colonie entstehen. Am 20. Februar 1890 
schifften sich fünf italienische Anarchisten ein, um in Brasilien das 
geeignete Territorium zu suchen. »Wie ein brummiger, klügelnder Gross- 
vater wollte die italienische Regierung es — anfangs — nicht erlauben, 
dass wir, seine Knäblein, in die Welt hinausgingen.« In Brasilien wurden 
die fünf Ankömmlinge sehr gut aufgenommen. Sie fanden ein Land 
vor, über dessen urwüchsige Schönheit Rossi nicht genug Worte finden 
kann. In Palmeiro finden sie unversehens einen italienischen Arzt, 
Dr. Grillo, der sie mit offenen Armen empfängt, und in der Nähe von 
Palmeiro, im Paranä, beschliessen sie die Colonie zu begründen. Rossi 
entschliesst sich — schweren Herzens — nach Italien zurückzugehen, 
um weitere Genossen mit herüber zu schaffen. Auf der Reise, in einer 
einsamen Herberge, trilQft er den Gouverneur von Paranä, Oberst Ser- 
zedello, der sich als ein gebildeter Mann erweist, der Colonie ein Sub- 
sidium von 2500 Lire gewährt und — solche Generale kann man nur 
im Urwald finden! — der Entwicklung dieser socialistischen Colonie 
seine besten Wünsche widmet. Nach einiger Zeit langen drei grössere 
Gruppen in Paranä ein, versehen mit Aexten, Spaten, Pflügen, Pfannen, 
einer Kiste Wäsche, einer CoUection Sämereien und zwei grossen 
Kisten Büchern. Inzwischen ist bereits in der Colonie Cecilia tapfer 
gearbeitet worden. Man erwartet eine Ernte von 400 Hektolitern Mais 
und 100 Hektolitern Bohnen. Auch Weizen und Wein ist bereits ge- 
pflanzt worden. Dr. Grillo schreibt an Rossi nach Italien: »Deine Ge- 
nossen haben mit einem Muthe und einer Selbstverleugnung gearbeitet, 
die das höchste Lob verdienen.« 

Nach Rossi's Rückkunft geht es der Colonie noch besser. Die 
Ernten sind günstig, Weizen, Kartoffeb, Mandioka, Wem, Tabak ge- 
deihen gut. Das Klima ist gemässigt. Es muss freilich tüchtig gearbeitet 
werden, aber es geschieht! Die ganze Gesellschaft ist durchaus 



ANARCHISTISCHE EXPERIMENTE. 821 

anarchistisch in ihrer Organisation. Auch als der Cassier Paig-Mayol 
mit der Cassa durchgeht, bleibt dieselbe zu Jedermanns Verfügung, 
ohne dass man irgend eine »Autorität« ernennt. Auch sonst ist das 
Experiment kein äusserliches, sondern ein gründliches, bis in die 
letzten Instincte revoltirendes. 

Es mangelt an Frauen, aber es ist einer Frau auch unbenommen, 
wenn sie zwei Männer liebt, auch beiden anzugehören. Eines Tages 
sagt Rossi zu einer Frau: »Hören Sie mich an, El^da — Sie sind 
ein ernsthaftes Weib, zu Ihnen kann man ohne Künsdichkeiten 
reden.« Sie blickte ihm in die Augen und verstand. »Warum könnten 
Sie mir nicht auch etwas gut sein?« »Weil ich fiirchte, meinem Anni- 
bale zu grossen Schmerz zu bereiten.« »Sprechen Sie mit ihm darüber.« 
(Deutsche Leser wird man ersuchen müssen, über diese Episode 
durchaus nicht zu lächeln. Es geht diese Sache freilich wider den 
eingefressensten Instinct des Mannes, aber sie ist als Experiment zu- 
mindest ein durchaus bedenkenswerther Versuch.) Und Annibale, ob- 
zwar er furchtbar leidet und seinem Freunde und Nebenbuhler nicht 
ins Gesicht sehen kann, gibt seine El^da so frei, als sie es will. Da 
sie nicht nur hysterisch eigensinnig wie die »Frau vom Meer« ist, 
macht sie von dieser Freiheit den geeigneten Gebrauch. Weil es 
Rossi insbesondere auf das Experiment angekommen ist, hat er 
seinem Freunde einen Fragebogen vorgelegt. Es ist psychologisch ein 
bischen primitiv, auf einem Fragebogen sich die Seele eines Menschen 
serviren zu lassen. Aber einigen Werth hat dieses Fragespiel vielleicht 
doch : 

Gabst du beim Weibe die Möglichkeit zu, 
dass es auf edle Weise mehrere Männer 

lieben könne ? Ja, aber nicht bei allen 

Frauen. 

Glaubst du, dass die Praxis der freien Liebe 
einen der Theilnehmer schmerzlich be- 
rühren würde? Ja. 

Welchen besonders? Ich denke, wahrscheinlich 

beide. 

Verspürtest du Schmerz, als El^da dir mein 

Anliegen vorbrachte ? Nein. 

Erstaunen ? Nein. 

Verachtung ? Nein, niemals. 

Erniedrigung ? Nein. 

Zorn gegen mich ? Nicht Zorn, aber Mitleid 

für dich. 

Hegtest du Furcht vor Lächerlichkeit? Ein wenig. 

Den Gedanken gebrochener ehelicher Keusch- 
heit? War ich keusch? 

Ist die Achtung für dein Weib die gleiche wie 
früher? Ja. 



822 GROSSMANN. / 

Dieser Fragebogen ist freilich nicht ganz verlfisslich. Das Be- 
streben, »principiell« zu bleiben, hat ihn sichtlich beeinflusst Aber es 
ist Thatsache, dass die Leute der Colonle sich daran gewöhnten, über 
den ganzen Vorgang keine Miene zu verziehen, und dass das lüsterne 
Behagen, mit dem man sonst derartige Affairen beschnuppert, nicht 
existirt hat. Ein zweifelloses Experiment ist es aber nicht. Annibale ist 
bald — ohne zu kämpfen — dem stillen Trünke verfallen. Die 
Polyandrie als freies Uebereinkommen mehrerer Aufgeklärter ist also 
noch nicht zweifellos bewiesen .... 

Im Sommer des Jahres 1891 kamen in kurzen Zeiträumen zahl- 
reiche Gruppen in die Colonie, Industriearbeiter, ohne Werkzeuge und 
ohne Rohstoffe, Bauern, welche mit den Proletariern nicht im besten 
Einvernehmen bleiben konnten. In Folge dieser allzu starken Zuwächse 
kam es zu Misshelligkeiten, man musste die Colonisten zusammengedrängt 
in einer Baracke wohnen lassen, und es begann für so viel Leute an 
Nahrungsmitteln theilweise zu fehlen. Aber trotz dieser fatalen Calami- 
täten kam es nie zu gewaltthätigen Streitereien. Mancher junge Mensch 
sagte : »Man kann ja ganz hübsch leben mit ein wenig Polenta, gewürzt 
durch etwas Idealismus.« Die Unzufriedenheit musste wachsen. Im Juni 
1891 traten die zuerst angesiedelten sieben Familien aus, sie sagten, 
sie wollten eine neue Colonie errichten, und nahmen deshalb die ge- 
meinsame Gasse mit Von diesem Moment an ging's der Golonie wieder 
eine Zeit lang besser. Es blieben einige junge Leute zurück, welche 
sich — weil weniger hungrige Magen da waren — satt essen konnten 
und deshalb gerne arbeiteten. Sie hatten gar keine Organisation, keinen 
vorgeschriebenen Stundenplan und keinen Häuptling. Und trotzdem 
wurden von diesen Leuten — früheren Industriearbeitern 1 — Gemüse- 
gärten errichtet, Roggen gepflanzt, ein Stück Wald abgeholzt, Bauholz 
gerichtet und ein Staket in der Länge eines Kilometers auf der Weide 
eirichtet. Später pflügte man drei grosse Wiesen, construirte einen 
Backofen und einen Brunnen, errichtete eine Fahrstrasse, erntete Roggen, 
Mais, Bohnen. Ende 1892 hatte die Colonie Netto-Activa von 7,020.080 
Reis, die ungefähr 10.000 Francs werth sind. Trotzdem hat sich die 
Colonie kurze Zeit später aufgelöst, der Boden wurde an einzelne 
Colonisten verkauft, und ein grosser Theil der Genossen ging nach 
Curityba, von wo aus man tiefer nach Brasilien vordrang oder zurück 
nach Europa kehrte. Ueber den Anlass zur Auflösung ist man nach 
den Mittheilungen Rossi's nicht ganz im Klaren, er selbst ist der 
Colonie — was gewiss nicht unwichtig ist! — durch die Bürgerkriege 
in Brasilien entrissen worden, indem er als Arzt sich verpflichtet fühlte, 
seine Praxis auszuüben Dann gab's Zwistigkeiten zwischen den kräftigeren 
Arbeitern, den früheren Bauern und den schwächeren Kräften, den 
ungeübten früheren Industriearbeitern. Die freie Liebe verschärfte diese 
Streitereien, es bildeten sich erbitterte Rivalitäten heraus, und Rossi 
gesteht selbst zu, dass er keine Lust hatte, den Boulanger der Colonie 
zu spielen. 



ANARCHISTISCHE EXPERIMENTE. 823 

Aber im Grande genommen ist es ganz gleichgiltigi woran Cecilia 
starb — meint Giovanni Rossi I — Wenn ihr Leben ein gutes gewesen 
ist, was künmiert mich dann ihr Tod? Die Colonie Cecilia musste 
zugrunde gehen — meint Giovanni Rossi I — weil sie zu arm war. 
Das Bedeutsame sind die paar Jahre ihres Bestandes. Der Aufenthalt 
in der Colonie war ein Mittel gegen moralische Verkümmerung, er hat 
die antisocialen Anlagen des Menschen der bürgerlichen Gesellschaft 
2u mildem gewusst, niemals hat es einen rohen Brotkampf gegeben. 
Man fühlte sich in einer moralisch hygienischen Atmosphäre. 
Ohne Gesetze und Befehle hat die Colonie bewiesen, dass die Anarchie 
durchaus nicht die Freilassung der Bestie im Menschen bedeutet. Man 
bedenke: Ohne moderne Productionsmittel wurden schwere, ermüdende 
Arbeiten wie Abholzen von Wäldern, Erdarbeiten, schwere Lasten- 
transporte, Brunnenschachtung, gefährliche Arbeiten auf den Feldern — 
wo man nicht selten auf schaudererregende und ungemein giftige 
Schlangen stiess — und — nicht zu vergessen — Arbeiten, deren 
Nutzen erst einer späteren Zeitperiode gewahrt bliebe, 
z. B. Baumschulen, verrichtet. Friedliche anarchische Zustände sind 
also auch ohne Engel möglich. 

Diese Erfahrungen sind für Rossi der grosse Ertrag seines Ex- 
perimentes gewesen. Aber der Tod der »Cecilia« scheint ihm doch 
nicht gar so nebensächlich gewesen zu sein, wie er anfangs behauptete, 
denn er hat in einer Utopie, die sein Buch beschliesst, Dinge gesagt, 
die in die Tiefe dieser Experimente klar blicken lassen. Diese schein- 
bare Utopie ist nichts Anderes als die deutliche Absage an den Com- 
munismusl Es ist nämlich nicht ganz richtig, dass der anarchistische 
Communismus gesetzlos ist. Oh gewiss, er kennt kein Parlament und 
keine decretirten Gesetze, aber in der Atmosphäre des com- 
munistischen Zusammenlebens — das hat Rossi auch in 
seiner Colonie Cecilia fühlen müssen — liegt ein drohendes, 
furchtbares Gesetz latent in den Lüften: die öffent- 
liche Meinung. Der Zwang der Gesetzlichkeit hat sich also nur 
tiefer versteckt, ist weniger äusserlich, aber gefährlicher, innerlicher 
geworden. 

In seiner ersten Utopie »commune socialista« steht die folgende 
Episode: Die Stoffe für seine Bekleidung konnte Jedermann frei er- 
wählen. Nun nahmen sich Einzelne Sammt und Kaschn^ir, während die 
Anderen Barchent, Leinwand oder Tuch nahmen. Man missbilligte 
schweigend die Ersteren (I). Schliesslich machte sich aber die Miss- 
billigung Luft. Man scherzte, man sang Spottliedchen, man machte 
Witze, bis den Einzelnen der Sammt und Kaschmir verleidet war. Der 
Dr. Rossi, welcher um 20 Jahre älter geworden ist, sagt dazu ganz 
richtig: »Meine arme Freiheit, in was fUr einen Schraubstock bist du 
gerathen I Es ist zwar ein anarchistischer, das ist wahr, aber doch ein 
Schraubstock l< Was im Staatssocialismus als autoritäres Gesetz sich 
krystallisirt, schwebt im Communismus als öffentliche Meinung latent 
in den Lüften. 



824 GROSSMANN. 

Den besten Theil seines Lebens hat Giovanni Rossi seinen Ex- 
perimenten gewidmet. Er ist Anarchist geblieben und hat nur den 
Communismus über Bord geworfen. Aber das hat der grösste Theil 
der europäischen Anarchisten gethan, vielleicht Einzelne sogar etwas zu 
vorschnell und ohne praktische Erfahrung. Aber nunmehr, nach den 
Aufzeichnungen Giovanni Rossi's, dürfen wir mit noch mehr Wahr- 
scheinlichkeit glaubeui dass die heissesten Kämpfe der Zukunft die 
Duelle des Einzelnen wider jederlei Gesammtheit sein werden. Wer 
irgend etwas Eigenes hat — Millionen sind durchaus nichts Eigenes — 
der wird mit allen bewussten und unbewussten Kräften seiner Seele, 
mit seinen Instincten und seiner Vernunft auf der Seite des Einzelnen 
stehen und — ob er's will oder nicht — als Anarchist angesehen und 
mit allen Paragraphen des Gesetzes und der öfifentlichen Meinung ge- 
kitzelt und verwundet werden. 



LA BRISE EN LÄRMES. 

Vom grauen Himmel sinkt mit linder Kühle 
Die süsse Wehmut einer Regenstunde 
Und sinkt so sacht, dass ich auf meinem Munde 
Ihr Wehen wie verweinte Küsse fühle; 

Dann kommt der Wind und ist so weich und seiden 
Wie eine Welle tief im Schilfgeflüster, 
Und unter seines Himmels ernstem Düster 
Irrt er wie eine Seele voller Leiden. 

Du arme Seele, die im Uferlosen 

Erbebt und friert in ewigem Gequäle, 

Du hohe, große, brüderliche Seele 

Der Himmel und der Schatten und der Rosen, 

Du, Himmel, blaue Wälder und das linde 
Hindämmern, — Freunde meiner Traurigkeiten, 
Euch gelten meine Küsse, ihr Geweihten, 
Wenn ich des Windes kühle Lippen finde. 

Paris. Fernand Gregh. 

Deutsch von RATNER MARIA RmKE. 



NOTIZEN. 



Raimund-Theater. Debüt 

des Fräulein Lili Petri in Ibsen's 
»Nora«, 

Nora ist ein Gemisch von 
scharfen Instincten der Klugheit 
und raschen Wallungen emes starken 
Temperamentes. Sie ist scharfer 
Verstand, wenn sie in Roberts 
Heim die Lerche spielt, ihm zu 
gefallen. Sie ist scharfer Verstand, 
wenn sie für Günther bittet, da 
er ihr zornig Rache droht. Sie 
ist scharfer Verstand^ wenn sie bei 
Doctor Rank, der sie mit stiller 
Neigung ehrt, in ihrer Noth Geld- 
hilfe sucht. Aber sie ist Tempera- 
ment, starkes Temperament, wenn 
sie sofort damit verstummt, als er 
ihr hier von semer Liebe spricht, 
Temperament, wenn sie aus Furcht 
vor ihrem Mann zum Tode sich 
entschliesst, und Temperament, 
starkes, glühendes, stürmisches 
Temperament, wenn sie am Schluss, 
als ihres Gatten Niedrigkeit sich 
brüsk enthüllt, ihn und die Kinder 
jäh verlässt. Nur ist es nie ein 
reiner Verstand, ein reines Tem- 
perament, was hier sich unsem 
Blicken bietet, nicht ungemengt 
reiht sich das Eine an das Andere. 
Sondern im Ersteren schwingt leise 
auch das Letztre mit, im Letztern 
stets das Erste. Diesen feinen, zarten 
Rest nun von Temperament in der 
Klugheit, von Klugheit im Tem- 
peramente ist Fräulein Lili Petri 
uns leider schuldig geblieben, und 



wenn bei ihrem sonst gewandten 
Spiel der Nora thun nicht vollen 
Glauben fand, so hat das seinen 
tiefem Grund in diesem psychischen 
Defecte. ä. St, 

Deutsches Volkstheater. 

»Zwei Welten«, Schauspiel in 
vier Acten von Marco Brociner. 

Die beiden Welten, die Marco 
Brociner in seinem Stücke aufein- 
anderprallen lässt, verkörpern sich 
am deutlichsten in di